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Taktlos in Zürich

«Wann haben Sie das letzte Mal etwas zum ersten Mal gehört?», dieses Motto hat Taktlos des Ensembles Collegium Novum ausgeliehen und zu seinem gemacht. Beim Festival geht es um Musik, die fast niemand kennt und viele entdecken wollen. Die nächsten vier Tage kommen MusikerInnen aus 17 Ländern in der Roten Fabrik in Zürich zusammen, um ihre Stücke zu präsentieren. Einiges wird schräg, neu und alles bestimmt anders sein, denn genau um das geht es bei Taktlos: um Musik, die Neues wagt.

Heute Abend spielt die slowenische Komponistin Kaja Draksler mit ihrem Oktett die ersten Töne. Die multinationale Gruppe übt in Amsterdam, wo erfolgreich für Kulturförderung gekämpft wird und experimentelle Projekte unterstützt werden. In ihrem Stück «Canto XII» erklingen zu zeitgenössischer Musik Texte des chilenischen Dichters Pablo Neruda. Die acht MusikerInnen teilen sich einen klassischen-jazzigen Hintergrund und spielen mutig mit unkonventionellen Formen. Der Donnerstag wird von Amok Amor in die Dunkelheit begleitet, virtuosen Jazz, lebendige Sechziger und Furchtlosigkeit treiben die vier Männer voran.

Dieses Jahr wird es auch neben der Musik Neuheiten geben. Fredi Bosshard, der Taktlos im Jahre 1984 mit dem Verein Jazzfabrik mitgegründet hat und seit daher jedes Jahr organisiert, gibt das Projekt in neue Hände. Er ist nun 68 Jahre alt und denkt, dass dem Festival ein frischer Wind bestimmt guttun wird. Ab 2018 wird der neue, junge Verein Taktlos das Festival leiten. Fredi Bosshard hat keine Angst vor Veränderungen, im Gegenteil: «Ich hoffe schwer, dass sie neue Ideen, neue Musik und ihren Groove mitbringen.» Das Festival müsse ja ihrem Zeitgeist entsprechen. Als Bosshard das Festival in den 80er Jahren gegründet hat, war Zürich in Aufbruchstimmung, die Jugend hat für ihren Platz gekämpft. Die Musikszene war klein: «Wir haben die ersten Konzerte in der Roten Fabrik organisiert, daneben gab es noch den Plattenladen recrec und das Radio Lora. Das war’s.» Heute sei Zürich eine ganz andere Stadt mit vielen gut Ausgebildeten MusikerInnen und wahnsinnig vielen Angeboten. Und so meint Bosshard, «ist das Festival schon noch von unserer Zeit etwas geprägt». Das dürfe sich heute gerne ändern. Die Gegenwart hat wieder andere Geschichten zu erzählen.

Fredi Bosshard hat einige Kontakte in Deutschland und reist regelmässig an verschiedenste Festivals. Dort entdeckt er spannende Bands und fragt sie für Taktlos an. Wichtig ist den OrganisatorInnen so einiges, und sie halten sich streng an ihre Prinzipien: «Fünf von zehn Bands wurden von Frauen initiiert», das war Bosshard schon von Beginn ein Anliegen. Zudem möchten sie den MusikerInnen faire Löhne bezahlen, ihnen einen anständigen Rahmen bieten und das könnten sie, dank den Subventionen der Stadt Zürich. Damit würden auch überrissene Eintrittspreise vermieden. «Das mussten wir uns alles erarbeiten, mussten der Stadt beweisen, dass wir wirklich etwas Richtiges machen wollen.» In den Anfängen haben sie noch Sandwiches verkauft und wenn wenig Publikum kam, «mussten wir eine Woche nach dem Festival noch Sandwiches essen.» Nur so hätten sie gelernt, wie es funktioniert. Zudem haben sie starke Beziehungen mit der Roten Fabrik gepflegt, sich auch gegenseitig unterstützt. Genau deshalb will Bosshard dem neuen Verein Taktlos auch alle Freiheiten lassen.

Am Freitag geht es mit dem Lisa Ullén Quartett zärtlich weiter. Die Norwegerin Lisa Ullén improvisierte schon während ihres Pianostudiums mit den Innereien des Klaviers. Um 22.30 Uhr wird es dann mit dem Hedvi Mollestad Trio richtig laut. Die Band vermischt Jazz, Rock und Metal mit allem, was ihnen sonst noch in den Sinn kommt. Auch am Samstag wird ein spannendes Programm erwartet. Die Altsaxofonistin Julie Kjaer lebt seit einigen Jahren in London und hat dort mit zwei 80er-Jahre-Musikern ein Trio gegründet. Die drei sind in der «Powerhouse-Rhytmusszene» in London erfolgreich und spielen am Samstag um 20 Uhr in der Roten Fabrik. Kjaer reist danach alleine nach Japan weiter.

Fredi Bosshards «Perle» können wir am Sonntag um 17 Uhr bestaunen. Flury und die Nachgeborenen sind neun MusikerInnen, die alle aus einem anderen Bereich kommen. Da vermischen sich etwa zwei Sängerinnen, ein DJ, ein Pianist und zwei Perkussionisten und stellen den Jazz auf den Kopf. Aber das ist gut so, mein Fredi Bosshard: «wir wollen gerne aus dem Rahmen fallen.»

Project R – die Zukunft des Journalismus?

Vor zwei Jahren hat alles begonnen: Die Idee von Project R wurde im stillen Kämmerlein geboren. Im Oktober des vergangenen Jahres informierten die beiden renommierten Journalisten Christof Moser und Constantin Seibt die Öffentlichkeit das erste Mal darüber, dass sie auf Ende Jahr künden und das Project R ins Leben rufen würden. «Ein digitales Magazin für aktuellen Hintergrund, Kontext und Diskurs», schrieb Moser auf Facebook. Mehr wurde nicht verraten. Interessierte konnten sich auf der neuen Webseite des Projekts in einen Newsletter eintragen. Und dann folgte erst mal nichts. Kein Newsletter, keine grossen Neuigkeiten, einfach nichts. Die beiden und alle noch damals unbekannten Beteiligten hüllten sich in Schweigen.

Am Dienstag war es nun so weit. Ich und die anderen 5000 Abonnenten erhielten den ersten Newsletter. Darin wurde das Team vorgestellt. Aus den beiden namhaften Journalisten wurde ein Team von acht Leuten – einschliesslich Entwicklerinnen und Projektleiter. Im Newsletter entdeckt man bekannte und weniger bekannte Gesichter, wie der preisgekrönte ehemalige NZZ Entwickler Thomas Preusse, welcher für den sichtbaren Teil des Webseite zuständig sein wird.

Das Team hat sich vor gut einer Woche im Hotel Rothaus im Kreis 4 in Zürich einquartiert. Im Newsletter wird zur Eröffnungsfeier eingeladen – noch am gleichen Abend ab 18:30 Uhr, mit norwegischem Bier und Rhabarber Schorle. Das lasse ich mir natürlich nicht entgehen und mache mich nach der Arbeit auf zum Kreis 4.

Beim Eingang werde ich und die vielen anderen Gäste mit einem Pin empfangen und drinnen gleich gefragt, was wir gerne trinken würden – dem Rhabarber Schorle kann ich nicht wiederstehen, es wird auch nicht das letzte sein. Kurze Zeit später bekommen wir von Christof Moser eine Führung durch die Räumlichkeiten. Die Grundidee wird uns vorgestellt: Neben kostenlosen Artikeln wird es einen Bereich für Abonnenten geben. Für 150-200 Franken pro Jahr haben die Abonnenten Zugang zu ausgefeilteren Geschichten, die multimedial verarbeitet wurden.

Die junge IT-Chefin Clara Vuillemin verrät, dass sie – im Gegensatz zu den etablierten Medien – den freien Journalisten gleich viel bezahlen wollen wie den fest Angestellten. Es sei zwar einfach, den Freien weniger zu bezahlen – doch fair fänden sie es nicht und deshalb wollten sie es besser machen. Auch im Team würden alle gleich viel verdienen. Dadurch würden Machtkämpfe vermieden. Für freie Mitarbeiter sind etwa 300 Stellenprozente vorgesehen. Ebenfalls vorgesehen sind zwei Ausbildungsplätze pro Jahr.

Geplant ist, im 2018 loszulegen. Bis dann wird das Team das Projekt fertig entwickeln und mit ersten Ideen experimentieren. Durch Crowdfunding erhoffen sie sich, eine finanzielle Basis zu erschaffen.

Nach unzähligen Gesprächen mit Teammitgliedern und Gästen kehre ich am späten Abend nach Hause mit dem Gedanken, dass das Projekt klappen muss. Wenn nicht sie es hinkriegen, wer dann?

Architektur ohne Vorwissen, ein No-Go?

Heute probiert man, offen für alles zu sein. Fremdes sollte akzeptiert und mit Vergnügen ausprobiert werden. Doch ist es auch so einfach? Kann man überall teilnehmen, ohne sich verloren zu fühlen? Tink wollte es an der eigenen Haut erfahren und nahm am zürcher Architektur-Event Open House teil, um zu testen, ob man dort auch ohne Vorwissen mithalten kann.

Architektur – nur schöne Fassaden?

Architektur ist eine Branche, in der viele Disziplinen aufeinander treffen und für ein gemeinsames Resultat zusammenarbeiten. Es geht nicht nur um hübsche Gebäude, es geht auch um deren Planung; es geht um Ideen und deren Ausführung. Viele schrecken zurück, wenn sie erfahren, dass hinter der Architektur auch viel Theorie steckt. Wenn man ein beeindruckendes Gebäude anschaut, möchte man sich nicht überlegen müssen, wie es entstanden ist. In der Baukunst geht es aber auch um Symbolik: Nur die Architekt*in kann die Bedeutung ihres oder seines Werkes erklären, jedoch kann jede*r sich überlegen, weshalb zum Beispiel ein Haus grün ist oder weshalb es so schräg ist – und das ist genau das Prickelnde. Doch darf Mann und Frau Vermutungen zur versteckten Bedeutung eines Gebäudes äussern, oder dürfen es nur die Profis? Muss man auf den Architekturgenuss verzichten, wenn man das Gefühl hat, dass die Theorie dazu zu verdichtet ist? Open House Zürich zeigte uns, dass man Architektur auch ohne Vorwissen geniessen kann. Bei dieser Veranstaltung konnte Mann, Frau und Kind über 60 Gebäude in Zürich kostenlos besuchen: Spannend auf höchstem Niveau! Führungen erlaubten dem Publikum, nähere Informationen zu den Häusern zu erhalten. Doch was wenn jemand mitmachen wollte, der absolut keine Ahnung von Architektur hat?

Eine Veranstaltung für alle

Die Führungen wurden so gestaltet, dass auch die Kleinsten daran teilhaben konnten. Niemand kam zu kurz: Die Kenner*innen erhielten ihren Architekturschnaps und die Neulinge bekamen Architekturdurst. Alles lief bestens. Laut einer der 130 Helfer*innen spazierten am Wochenende allein durch das Tamedia Haus über 2000 Besucher*innen. Wenn man sich am Open House umschaut, sieht man unterschiedliche Menschen, welche uns zeigen, dass jedermann dorthin gehen kann, wo er will. Das hat sich jetzt geklärt. Doch muss man trotzdem ein gewisses Flair dafür haben?

Wir stellten genau diese Frage einem Architekten, den wir vor Ort trafen. Er musste schmunzeln: « Ihnen muss einfach ein Haus gefallen oder eben nicht. Das ist die einzige Voraussetzung. Vorwissen existiert nicht. Sie müssen sich nur eine eigene Meinung bilden können und schon gehören Sie dazu.» Da blieb noch eine letzte Frage übrig: Dürfen wir über die Bedeutung eines Gebäudes philosophieren oder ist dies ein Tabu? Der Architekt sah uns perplex an und sagte: «Was wäre denn der Zweck der Symbolik, wenn sie uns nicht anregt, nachzudenken?»

Über blaue Farbe und depressive Architekten

Auf einmal machte alles Sinn. Die Reise ging für uns weiter – eine architektonisch-fantastische Reise. Und so stellten auch wir eine Theorie auf: Architekten sind ein wenig depressiv, wenn sie ein Gebäude dunkelblau anmalen lassen. Das ist nur ein Beispiel, wir können gerne darüber streiten, ob das stimmt oder nicht. Auf jeden Fall ziehen wir jetzt ein Fazit: Bleibt offen für Neues, scheut euch nicht vor Unbekanntem und philosophiert, bitte!

Eine Stadtführung durch die eigene Stadt

Neugierig begutachte ich die Touristen, die, wie ich auch, auf die Leiterin warten. Ich vergesse immer wieder, dass es in Zürich Touristen gibt, da wir so eine kleine Stadt sind im Vergleich zu anderen Städten Europas. Es wird wahrscheinlich eine klassische, langweilige Tour sein, jedoch soll ich mich in dem Punkt noch täuschen. Ein Herr aus England fragt mich, von wo ich sei und weshalb ich alleine in einem fremden Land wäre. Doch als er erfährt, dass ich Zürcherin bin, schaut er mich verständnislos an. Meine Antwort war gut durchdacht und präzise: «Ich will wissen, was Zürich alles auf Lager hat und wie man als Einheimischer diese Tour erlebt.»

Die Tour beginnt

Und da kommt auch schon die Tourführerin, Barbara. «Hoi zemä! Ich bin d Barbara und wird eu chli umefüehre hüt!». Nach diesen Worten gibt es viele Fragezeichen auf den Gesichtern der Touristen zu sehen. Jedoch nimmt Barbara ihnen die Unsicherheit und erklärt, dass man sich so begrüsse in Zürich.  Als erstes geht es vor den Hauptbahnhof und schon hier werden wir – die Touristen – mit interessanten Details überhäuft. Der Hauptbahnhof ist 140 Jahre alt und wird von  drei allegorischen Figuren gekrönt, die auf dem Dach sitzen. In der Mitte ist Helvetia zu sehen, die die Pendler beschützt. Rechts von ihr verkörpert eine Statue eine Dame, die ein Paddel in den Händen hält. Dies symbolisiert den ehemaligen Transport in Zürich, nämlich den Wasserverkehr. Hinter der linken Figur ist eine Lokomotive zu sehen, die den modernen Verkehr verkörpert. Jetzt komme ich ins Staunen und die Touristen nicken interessiert, aber sind nicht so aus dem Häuschen wie ich selbst. Wie kommt es dazu, dass Hunderte Menschen jeden Tag am Hauptbahnhof vorbeiflitzen und die Figuren gar nicht bemerken?

Die Stadt der Reformation

Ein Mann aus der Gruppe fragt: «Weshalb gibt es in Zürich nicht so viele Andenken und Monumente?» Barbara darauf: «Weil Zürich die Stadt der Reformation ist und in dieser geht nicht darum, berühmte Menschen als Statuen darzustellen.» Beeindruckt spazieren wir weiter. Jetzt befinden wir uns auf dem Lindenhof und ich muss gestehen, dass dieser Platz für mich einer der schönsten in Zürich ist. Wir, die Touristen, bestaunen die Aussicht, die atemberaubend ist.

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Wie immer sind die Schachspieler auch dort, sogar Barbara erwähnt sie. Als waschechte Zürcherin kenne ich dieses Bild. Sie sind etwa das ganze Jahr anwesend und spielen Schach. Von hier aus ist fast ganz Zürich zu sehen.

Das grösste Turmziffernblatt Europas

Doch der spannende Teil befindet sich in der Altstadt. Zum Beispiel: St. Peter. Habt ihr jemals bemerkt, dass die vierte Stunde in römischen Ziffern falsch geschrieben ist? Oder dass der Minutenzeiger sich pro Minute ca. 45 cm bewegt? Diese Kirche, St. Peter, hat nämlich das grösste Turmziffernblatt Europas und deshalb muss der Minutenzeiger diesen weiten Sprung machen.

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Weiter geht es zu der Gemüsebrücke, die eigentlich Rathausbrücke heisst – und das seit mehr als 100 Jahren. Es gab auch damals einen Markt, der begann beim Weinplatz und endete beim Neumarkt. Danach lernen wir etwas über die Reformation. In den Kirchen gibt es keinen Schmuck und auch keine Dekorationen. Fast alle Denkmale wurden vernichtet. Viele Touristen wunderten sich, weshalb  die Kirchen so leer waren.

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Zum Schluss musste ich der Reiseleiterin ein Kompliment machen, denn sie hat es super gemacht. Nämlich mit Humor und Lockerheit. Es war jedoch angemessen und man konnte zugleich eine Menge über Zürich lernen. Sie zeigte uns, dass Zürich einen besonders spannenden Hintergrund hat und dies war ihr wichtig, da sie ja Historikerin ist.

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Ich finde, dass wir Zürcher eigentlich zu wenig über unsere Stadt wissen und dies dringend ändern sollten. Doch wie ändert man dies? In dem ihr bei dieser Tour mitmacht!

 

Weitere Informationen zur Tour gibt es hier.