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Zirkuläres Wissen und die Besonderheiten des Feuilletons

Zeitungsschaffende sowie Journalistinnen und Journalisten aus anderen Nachrichtenmedien müssen sich ständig mit der Frage auseinander setzen, welche Neuigkeiten sie in der nächsten Ausgabe ihres Mediums präsentieren möchten. Mehr noch, sie müssen sich auch überlegen, in welcher Form die Neuigkeiten zu überbringen sind. Die Art und Weise, wie die Materie aufgegriffen und verarbeitet wird, hat entscheidenden Einfluss auf die Rezeption der Lesenden. Nicht umsonst heisst es, dass Medien meinungsbildend sind.

Doch um die Neuigkeiten aufbereiten zu können steht zunächst ein anderes Problem im Raum: Welches sind denn eigentlich die Neuigkeiten? Wie es sich eben feststellen liess, können und müssen die Medien die Form ihrer Nachricht selbst bestimmen. Daraus kann man ableiten, dass die Medien auch bestimmen, welches die Neuigkeiten oder Nachrichten sind. Die Schlussfolgerung daraus wäre, dass sich Neuigkeiten ‚machen‘ liessen und ihnen somit nicht etwas wie eine inhärente ‚Neuartigkeit‘ anhafte. Die Dinge an sich liessen sich damit alle auf eine gleichförmige, stromlinienartige Bewegungslosigkeit zurückführen. Handlungskonstrukte wie ‚Prioritäten‘ oder das ‚Unerwartete‘ fielen in sich zusammen und der Mensch wäre mit einem Mal vor ein Fliessen von Ähnlichkeit, Gleichheit und ‚Unhaftigkeit‘ gestellt; vor die Unhaftigkeit, das gänzliche Fehlen einer Eigenschaft im Sinne eines erkennbar anhaftenden und damit unterscheidenden Merkmals überhaupt. Weder spektakulär noch unspektakulär wären die Dinge, eben die Frage danach liesse sich gar nicht stellen, geschähe doch das eine genau so wie das andere und haben sie einander nichts an. Welches davon nun das Berichtenswerte für den/die Zeitungsjournalisten/ -in sei, gelte es letztlich zu entscheiden. Ebenjene Prioritäten müsste er/sie setzen, die den Dingen soeben in Abrede gestellt wurden.

Nun ist es doch so, dass die Medien zwar meinungsbildend sind, jedoch zu einem nicht unerheblichen Masse eine Empfindsamkeit für die Gemüter des Publikums besitzen müssen und entsprechende Themenfelder aufgreifen sollten. Die Leserschaft möchte dort abgeholt werden, wo sie bewegt wird. Damit wären also die Dinge keineswegs gleichförmig und ein Teil der Entscheidungsarbeit für Medienschaffende den Lesenden in die Hände gelegt. So lassen sich bestehende Lesende binden und unter Umständen auch neue Lesende anwerben, deren Interessen in Medienbeiträgen geweckt oder bestärkt wurden. Wofür interessiert sich denn die Leserschaft und was sind die Neuigkeiten, welche sie sich wünscht? Für die folgenden Betrachtungen soll das Zeitungsmedium als Beispiel dienen. Die Zeitung ist laut Herrn Kaube ein Organisationsapparat und so ist das Zeitungsmedium selbst auch durchorganisiert: Die Nachrichten und Neuigkeiten sind in Rubriken untergebracht, um die einzelnen Vorkommnisse sinnhaft einem entsprechenden übergeordneten Bezugsfeld zuzuweisen. Dies erleichtert unter anderem das systematische Durchlesen der Zeitung. Als Rubriken finden sich zum Beispiel «International», «Politik», «Schweiz», «Feuilleton», «Wirtschaft» oder «Sport». Der Feuilletonteil ist ein besonderes Feld. Welche Neuigkeiten dort hineingehören, darauf möchte ich später in diesem Essay zurückkommen. Im Folgenden sind vor allem die anderen oben genannten Rubriken interessant. Diese müssen nun mit Nachrichten vervollständigt und das unbeschriebene Blatt der Zeitungsseite gefüllt werden. Die wichtigsten Vorkommnisse aus den Bereichen Politik oder Gesellschaft finden Eingang in die aktuelle Zeitungsausgabe. Dabei sind diese jeden Tag neu und doch in gewisser Form gleich: Staatsoberhäupter verabschieden neue Gesetze, wirtschaftliche Krisen werden diskutiert, aber auch Kriege, terroristische Anschläge, Mord- und Raubüberfälle gehören zu den regelmässigen Berichterstattungen. Der eigentliche Fall ist jeden Tag ein neuer, doch seine Form verändert sich im Wesentlichen nicht. Er bleibt eben ein Fall von Wirtschaftskrise oder politischen Ausnahmezustandes. Die Lesenden erfahren die ‚Neuigkeiten‘ des Tages, die einer Rubrik zugeordnet sind, und bewerten sie damit automatisch als wissenswert. Doch was ist mit dem Rest? Da der Platz in einer Zeitung begrenzt ist, können nie alle Vorkommnisse der Welt darin Erwähnung finden und es muss zwangsläufig eine Auswahl getroffen werden. In der Auswahl befinden sich dann die ‚wissenswerten‘ Neuigkeiten, denen die nicht abgedruckten Geschehnisse in Aktualität aber wohl in keiner Weise nachstehen. Den Zugang zur tagesaktuellen Zeitungsausgabe finden sie trotzdem nicht. Über das eine hat ein anderes, gleiches an Priorität gewonnen. Doch wie kommt es dazu? Wie es eingangs in diesem Essay erwähnt wurde, ist die Neuartigkeit eines zur Nachricht gemachten Vorkommnisses keine diesem genuin anhaftende Eigenschaft, sondern sie wird von den Zeitungsschaffenden erst gemacht. Natürlich muss für die Lesenden aber auch eine Regelhaftigkeit erkennbar werden, mit welcher Geschehnisse an Wichtigkeit gewinnen. So ist es beispielsweise nachvollziehbar, wenn eine Zeitung in der Wirtschaftsrubrik einen Artikel über einen vergleichsweise wenig gewichtigen Handlungsablauf veröffentlicht, der im Zusammenhang mit einem grösseren Themenkomplex steht und bereits während der letzten Tage immer wieder aufgegriffen wurde. Ebenso ist es nachvollziehbar, ja auch erwartenswert, die Entscheide eines international wirkungsmächtigen politischen Organs in die Zeitungsseite miteinzubeziehen, da in der Vergangenheit schon über vergleichbare Vorkommnisse berichtet wurde. Die Lesenden wünschen sich Nachrichten, die unmittelbar oder mittelbar wichtig für ihre eigenen Lebensumstände sind und nehmen diese Zuordnung unter anderem aufgrund der vorhergehenden Prioritätensetzung in der Zeitung vor. Damit lässt sich eine Gesetzmässigkeit festhalten: Das, was schon einmal an Priorität gewonnen hat und in der Zeitung erschienen ist, wird mit höherer Wahrscheinlichkeit als andere Ereignisse wieder zur Zeitungsnachricht werden. Doch was ist dann daran das Neue? Wenn die Neuigkeiten von heute nur wiederaufgegriffene Formen von gestern sind, dann unterscheiden sie sich voneinander nur in den Einzelheiten des jeweiligen Falles. Hier hat man es mit einer seltsamen Dichotomie von Gleichförmigkeit und Neuheit zu tun. Von Gleichförmigkeit lässt sich deshalb sprechen, da die Nachricht von heute in einem Bezug zur Nachricht von vorangehenden Ausgaben steht und die gleiche oder eine ähnliche Form im Sinne von Rubrikzugehörigkeit besitzt. Die Neuheit der Nachricht liegt in den Einzelheiten ihres Inhalts. So gesehen tauchen die gleichen oder ähnlichen Nachrichten immer wieder in den Zeitungen auf. Dies führt zu einer nächsten Frage neben jener nach dem Wesen der Neuigkeit: Ist Wissen zirkulär? Die Zeitungen berichten gemeinhin nichts, was nicht eigentlich bekannt wäre. Jürgen Kaube spricht davon, dass ‚Kennen‘ wie ein Zirkel angelegt sei und dass es schwierig werde, da noch etwas Überraschendes reinzubringen. Diese Schwierigkeit und die ständigen Überlegungen, welche sie mit sich zieht, machen eine Nervosität innerhalb des Zeitungsorgans aus. Um unsere Wissensgesellschaft noch fesseln zu können, sehen sich die Zeitungsschaffenden vor die Aufgabe gestellt, Unbekanntes aufzugreifen und die bekannten Dinge wieder interessant zu machen, indem Thesen und Phrasen kritisiert werden. Inmitten der Gewohnheiten der Medienlandschaft versuche sich die Zeitung, so Kaube, als Überraschungsei zu platzieren.

Gerade im Feuilletonteil wird das Überraschungsmoment entscheidend. Die Frage danach, was hier hinein gehört, stellt sich in dieser Rubrik stärker als in den anderen. Denn anders als Politik oder Wirtschaft weckt das Feuilleton bei den Lesenden eine weniger spezifische Erwartungshaltung und die Auswahl aus möglichen Neuigkeiten wird umso schwieriger. Was kann warten und was ist zur Zeit dringlicher und interessanter? Die Entscheidung fällt zugunsten von A oder B und dafür muss es auf jeden Fall auf der Seite der Zeitungsschaffenden ein Argument geben. Wenn das Ereignis, das im Feuilleton als Neuigkeit auftaucht, zeitlich bereits vergangen ist, bedarf es eines ‚Jetzt‘-Hinweises für die Lesenden, um sich gegenüber der Konkurrenz abzusetzen. Dieser Hinweis lässt sich laut Herrn Kaube durch Konkretisierung anführen in Form von Aufdeckung von Konflikten oder durch Angabe von Zahlen, die eine Tatsächlichkeits- und Wichtigkeitswirkung haben. Die Lesenden kann man so «darauf hinweisen, woran sich die Aktualität der Welt festmacht und was die Welt ist.»

Die Besonderheit des Feuilletons macht sich nicht zuletzt an den Mitwirkenden bemerkbar. Auf der Suche nach Beiträgen, die dem Lesenden das Gefühl von Aktualität vermitteln und sich gleichzeitig von anderen Zeitungsmedien unterscheiden, können sich die Zeitungsschaffenden mit ihrem persönlichen Spezialwissen unterbringen. So wird es möglich, auftretende Ereignisse, zu denen niemand wirklich etwas weiss, dennoch im Feuilleton aufnehmen zu können indem sie mit dem vorhandenen Wissen eines der Feuilletonredakteurinnen und -redakteure angereichert werden. Fragmentarisches und Halbwissen wird mit besonderem Überraschungswissen zu einem vollständigen Artikel synthetisiert, der wichtig und wissenswert ist. Das Feuilleton ist die Kunst, das, wie es Herr Kaube ausdrückt «immer schon Dagewesene» aufzugreifen und ihm eine besondere Priorität gegenüber der Gleichförmigkeit der eigenschaftslosen Vorkommnisse der Zeit zu verleihen. Die Auswahl eines Geschehnisses für einen Artikel macht es aktuell und der anschliessende Bericht über das Aktuelle ist eine Neuigkeit. Die Neuigkeit erscheint den Lesenden in der Form einer Nachricht, wodurch der Inhalt der Neuigkeit wissenswert wird.

Zusammenfassend betrachtet kann man vorhandenes Wissen neu aufbereiten, um es als Neuigkeit an die Leserschaft zu transportieren. Wissen ist dann in gewisser Weise tatsächlich zirkulär. Oder man hat die Möglichkeit, das gänzlich Unbekannte aufzugreifen und zur Neuigkeit zu machen, sofern ergänzendes Wissen eines/-r Einzelnen vorhanden ist. Jürgen Kaube drückt es so aus, dass das alt Bekannte zu ‚guten‘ Nachrichten gemacht werde. Auf die Frage, was denn die gute Nachricht ausmache, meint er, dass man im Artikel zunächst auf einer Sachebene starten könne. Die Krisenstellung im Artikel könne man dann überführen – von einem vorhandenen Problem, das bereits verhandelten Problemen gleicht, in ein neues, überraschend aktuelles: «Wusste ich gar nicht.»

Dieser Essay möchte eigene Gedanken aus dem Vortrag Jürgen Kaubes «Zeitung als Organisation», der am 26.10.2015 an der Universität Basel stattfand, aufgreifen.

Die ewige Rechtfertigung der Geisteswissenschaften

Jedes Jahr ist es dasselbe. Einige frisch gebackene Maturandinnen und Maturanden müssen sich zu ihrem nächsten Schritt entschliessen: Gehe ich an die Uni? An eine Fachhochschule? Oder mache ich doch lieber eine Lehre? Die wenigsten entscheiden sich für Letzteres, die meisten für ein Studium an einer universitären Hochschule. So waren im Herbstsemester 2014/15 gemäss Bundesamt für Statistik (BfS) fast 144‘000 Personen an den Schweizer Universitäten immatrikuliert, eine leichte Steigerung gegenüber dem Vorjahr (+1,3%). Zur selben Zeit waren an den Fachhochschulen und den Pädagogischen Hochschulen fast 90‘000 Personen eingeschrieben – 10‘000 mehr als drei Jahre zuvor.

Obwohl die Unis bei den Studierenden nach wie vor beliebt sind und ein hohes Prestige geniessen, gewinnen Fachhochschulen steigend an Sympathie. Das BfS beobachtet eine tendierende Hinwendung zur Fachhochschule: So prognostiziert es eine generelle Zunahme an Studierenden, allerdings fast doppelt so viele für die Fachhochschulen und Pädagogischen Hochschulen als für die Universitäten. Gründe dafür sind vorstellbar: Fachhochschulen vermitteln nicht nur theoretisches Wissen, sondern praktische Kompetenzen, die greifbar und klar auf das Berufsleben ausgerichtet sind. Die Figur des Akademikers und Intellektuellen hat an Ansehen eingebüsst, gilt als elitär und realitätsfern.

Weltfremd und unpraktisch?

Hannes Klöpper, Redaktor des «Tagesspiegels», stellt eine intellektuelle Krise fest und fragt nach den Aufgaben der Hochschullehre: Wozu braucht es Universitäten, wenn Fachhochschulen und Berufsschulen bereits die ideale Mitte zwischen Theorie und Praxis gefunden haben? Die meisten Studiengänge bereiten nicht auf ein bestimmtes Berufsfeld vor, und praktische Erfahrungen (abgesehen von der Forschung) werden kaum gesammelt. So sind die meisten Studierenden später in Berufen tätig, die mit den Inhalten ihres Studiums nur wenig bis gar nichts zu tun haben. Dies trifft vor allem auf Studierende der Geisteswissenschaften zu – die «Denk- und Grübelfächer», wie sie Der Spiegel zynisch humorvoll umschreibt. Auch wenn die Geistes- und Sozialwissenschaften bei den Studierenden nach wie vor am beliebtesten sind, hat ihr Anteil seit 2000 leicht abgenommen, vor allem zugunsten der praxisnäheren Wirtschaftswissenschaften und Technischen Wissenschaften.

Zunehmend haben Geistes- und Sozialwissenschaften mit dem Vorurteil zu kämpfen, weltfremd und unpraktisch zu sein – «unpraktisch» im Sinne von übertheoretisiert und im Berufsalltag unbrauchbar. Ist es wirklich nötig, hundert Seiten über das Thema des Staunens in der modernen Französischen Literatur zu schreiben? Worin liegt der Sinn, alte Schriftstücke zu erforschen? Und spielt es wirklich eine Rolle, ob das «u» in Bern anders ausgesprochen wird als in Zürich? Es heisst, Geistes- und Sozialwissenschaften beschäftigten sich nur mit esoterischen und philosophischen Nebensächlichkeiten, die keinen direkten Nutzen bringen. Wozu die ganzen Theorien, das abstrakte Geschwätz, in einer Zeit, in der man handfeste Fakten und tatkräftige Problemlöser braucht?

Der deutsche Wissenschaftler Marcus Beiner bezeichnet in seinem Buch «Humanities» die Geisteswissenschaften als «Navigatorinnen durch die Welt der Kultur». Da sie sich mit allem beschäftigen, was der menschliche Geist hervorgebracht hat und noch hervorbringt, sieht er in ihnen das Potenzial einer Leitwissenschaft des 21. Jahrhunderts. Für die amerikanische Philosophin Martha Nussbaum sind die Geisteswissenschaften eminent für die Formierung der Zivilgesellschaft. Sie warnt davor, dass in unserem System nur noch Nutzen und Profit im Vordergrund stehen, weshalb keine «ganzen Bürger» mehr ausgebildet würden, die über die «Fähigkeit des Fragens und Immer-wieder-Weiterfrangens» verfügten.

Genau darin liegt der Punkt: Geisteswissenschaften sind per Definition selbstkritisch und (meta)reflexiv – eine der wichtigsten Eigenschaften unserer Kulturgeschichte. Erst aus dem Denken über sich selbst heraus hat sich der moderne Mensch entwickelt. Ein Geisteswissenschaftler stellt Theorien auf, nur um sie im nächsten Nebensatz wieder zu relativieren. In keiner anderen Disziplin wird so viel hinterfragt, kritisiert und theoretisiert. Das hat auch seine Gründe: Keine andere Disziplin muss sich so oft und immer wieder aufs Neue für ihre Existenz rechtfertigen. Theorien sind die Basis jeder geisteswissenschaftlichen Forschung.

Ruf nach mehr Praxis

Diesbezüglich hatten es die Geistes- und Sozialwissenschaften in den 70er und 80er Jahren vermutlich leichter. Der deutsche Professor Philipp Felsch beschreibt in seinem kürzlich erschienenen Buch «Der lange Sommer der Theorie» die Geschichte der Theorie anhand ihres Gebrauchs. Während drei Jahrzehnten erlebten «theoretische Bleiwüsten» einen Aufschwung: Adorno, Foucault, Bettelheim und Barthes «gehörten in jede Manteltasche». Die Ästhetik der Poesie wurde plötzlich zweitrangig, das Genre der Theorie entfaltete sich zwischen der Apokalypse einer alten und der Entstehung einer neuen Buchkultur.

Diese theoretische Gegenbewegung erlebte ihren Höhepunkt in den 1975er Jahren, um dann langsam überzugleiten in eine Art des «material turns». Die Form rückte ins Zentrum des Interesses: Magazine experimentierten mit neuem Layout, Bildern und Collagen. Abstrakte Ideen wurden immer häufiger ins Materielle und Fassbare transferiert: Die Dinge wurden stärker.

Und wie sieht es heute aus? Nach wie vor ist die Theorie Bestandteil geisteswissenschaftlicher Forschung. Doch – um auf das Ursprungsthema zurückzukommen – an Universitäten wird der Ruf nach mehr Praxis immer lauter. Nicht umsonst werden Vorlesungen angeboten wie «Gender in der Gleichstellungspraxis» (Gender Studies), «Guillaume de Machaut: Hermeneutik und Aufführungspraxis» (Musikwissenschaft), « Archiv und Depot in zeitgenössischer Kunst- und Ausstellungspraxis» (Kunstgeschichte) und  «Kulturwissenschaften im Praxistest» (Medienwissenschaften).

So vermischen sich die Grenzen zwischen verschiedenen Hochschultypen immer mehr, und vielleicht ist es auch wirklich das, was es braucht, damit sich Theorie und Praxis annähern, damit Theorie wieder theoretisierte Praxis und Praxis die praktizierte Theorie wird. Im digitalen Zeitalter stellt sich ausserdem eine interessante Frage: Wo ist die Theorie in neuen Medien zu finden? Noch nie wurde so viel gelesen, so viel geschrieben wie im 21. Jahrhundert. Massenweise kursieren Geschichten, Kommentare und auch theoretische Abhandlungen im Internet, schweben in einem virtuellen Raum, unfassbar und doch global lesbar. Theorie ist allen zugänglich. Daraus resultiert, dass das geschriebene Wort kaum mehr Wert als eine mündliche Bemerkung besitzt, zu schnell und zu einfach ist es in die Welt gesetzt. Und an dieser Stelle sind es die Geisteswissenschaften, die mahnend den Zeigefinger heben und daran erinnern, alles Gelesene beziehungsweise Gehörte stets zu hinterfragen. Es ist ihre Aufgabe, das Misstrauen, dass sie über Jahrhunderte kennen und entwickelt haben, weiterzugeben und in den alltäglichen Gebrauch mit den Medien einfliessen zu lassen.


Literaturnachweis

Bundesamt für Statistik, Szenarien für das Bildungssystem – Analysen.

http://www.bfs.admin.ch/bfs/portal/de/index/themen/15/08/dos/blank/15/07.html [17.10.2015].

Felsch, Philipp: Der lange Sommer der Theorie. Geschichte einer Revolte 1960-1990, München 2015.

Hinrichs, Per: «Geisteswissenschaften: Die Dickbrettbohrer», in: Spiegel Online (Unispiegel), 03.07.2007.

http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/geisteswissenschaften-die-dickbrettbohrer-a-483979.html [17.10.2015].

Klöpper, Hannes: «Ein gutes Studium prägt ein Weltbild», in: Der Tagesspiegel, 24.01.2013.

http://www.tagesspiegel.de/wissen/was-die-moderne-uni-ausmacht-ein-gutes-studium-praegt-ein-weltbild/7677670.html [17.10.2015].

Roeck, Bernd: «Fragen und Weiterfragen», in: Neue Zürcher Zeitung, 23.04.2011.

http://www.nzz.ch/fragen-und-weiterfragen-1.10353293 [17.10.2015].