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Integration funktioniert nicht über Regeln

Das Stück war ein hübscher Erfolg. Das Publikum liess nicht auf sich warten und füllte den Theatersaal über drei Vorstellungen hinweg. Das war «Zeitwerk» am Theater Käfigturm.

Mehr noch aber als die Zahl der Zuschauer*innen oder die Darbietung der Schauspieler*innen war es die Idee von Graziella Cisternino, die das Projekt zum Erfolg geführt hatte. Cisterninos Ziel: Minoritäten, Migrant*innen, Personen mit einer Behinderung, aus unterschiedlichen Kulturen oder mit verschiedenen sexuellen Orientierungen mittels Theater zu unterstützen.

So hatten mehr als die Hälfte der Schauspieler*innen einen Migrationshintergrund oder sind Doppelbürger*innen. Auch ihr Alter und soziale Herkunft schien sehr unterschiedlich.

«Am Anfang war das eine grosse Herausforderung für mich, vor allem wegen der Sprache», erklärt Priscila, die vor einigen Jahren aus Spanien in die Schweiz gekommen ist und schon seit drei Jahren bei «Zeitwerk» mitwirkt. «Aber gerade das Theater hat mir geholfen, viel schneller Deutsch zu lernen.» Das Projekt sei super, weil alle in die Entscheidungen miteinbezogen würden, weil alles sehr offen und flexibel sei, so Priscila.

«Alles hat extrem gut funktioniert», freut sich Graziella. «Die Integration ist hier von selbst passiert.» Die Teilnehmer*innen hätten viele Aktivitäten gar ausserhalb der Proben organisiert und sich gelegentlich zu Anlässen wie einer Geburtstagsfeier getroffen. Eine junge syrische Migrantin habe vor zwei Wochen dank ihrer neuen Freunde das Raclette entdeckt.

Ein Jahr harte Arbeit, die letztes Wochenende schliesslich ihre Früchte trug. Am Anfang stand jedoch die Rekrutierung der Schauspieler*innen. Das war alles andere als einfach. Die Schwierigkeit: Unterschiedliche Profile von Personen zu finden. Denn einige Migrant*innen getrauten sich aus Schüchternheit nicht mitzumachen oder weil sie nicht genügend in ihre eigenen Deutschkenntnisse vertrauten. Doch die Offenheit der Schauspieler*innen hat sich schliesslich ausbezahlt.

«Es ist nicht notwendig, die Sprache zu beherrschen», merkt Cisternino an. «Einige Rollen beinhalten fast keinen Dialog, leben hingegen von der Mimik. Wir hatten einen solchen Fall mit einer jungen Flüchtlingsfrau.» Schliesslich habe sie das ganze Jahr aber solche Fortschritte gemacht, dass man ihre Figur sprechen machen konnte.

Dank ihrer Ausbildung im sozialen Bereich hat Cisterno gemerkt, dass die Integration von Minderheiten und das Zusammenfinden von Leuten verschiedener Herkunft weit besser über Kreativität passiert als über Regeln. Diese Einsicht wollte sie deshalb mit dem Projekt «Interperfekt» in die Tat umsetzen. Das Theater erlaubt ihr nun, das Publikum zu berühren und mit der Gesellschaft zu kommunizieren.

Und die Schauspieler*innen, welche den Kontakt aufrecht erhalten wollen, beweisen, dass die Integrations-Wagnis von Cisternino tatsächlich aufgegangen ist.

Übersetzt aus dem Französischen von Michael Scheurer. Hier findest du den Originaltext.

Gesund und krank spazieren Hand in Hand

In gut sichtbaren Lettern prangt auf den violett getönten Plakaten des wildwuchs Theaterfestivals das Leitmotiv der achten Ausgabe: «Wir sind viele.» Doch welche Personengruppe versteckt sich hinter dem Personalpronomen «wir»? Impliziert der Begriff des «wir» nicht immer auch die Existenz eines «anderen», welches ausserhalb des «wir» angesiedelt ist und systematisch ausgegrenzt wird? Und nach welchen Regeln wird die Zughörigkeit zu einer der beiden Gruppierungen überhaupt determiniert? Tatsächlich bildete die Frage nach der Definition von Innen und Aussen den thematischen Schwerpunkt des diesjährigen Festivals, als dessen Gastspielort neben der Kaserne und dem ROXY Birsfelden die Universitären Psychiatrischen Kliniken (UPK) dienten. Fragen der Inklusion von Menschen mit körperlicher und psychischer Beeinträchtigung sowie der gesellschaftlichen und kulturellen Heterogenität wurden während den beiden ersten Juni-Wochen in unterschiedlichen theatralen Formaten aufgegriffen.

Vertrauensgestus

Mit einem vertrauten Menschen Hand in Hand müssig durch das Stadtzentrum zu flanieren bedarf kaum grosser Überwindung. Sich jedoch einem völlig fremden Menschen anzuvertrauen, von diesem an der Hand genommen und durch die Stadt geführt zu werden schon. Händchenhalten ist eine intime Geste, die von gegenseitigem Vertrauen zeugt und zwischen zwei Menschen eine körperliche und emotionale Brücke herzustellen vermag. Das Projekt «Walking:Holding» der britischen Performance-Künstlerin Rosana Cade greift diesen Aspekt auf und erweitert ihn um ein zusätzliches Irritationsmoment: Die Begleitung ist eine völlig unbekannte Person, eine der «anderen». Es versteht sich als ein experimenteller Spaziergang, bei dem die Teilnehmer an der Hand von eigens für den jeweiligen Durchführungsort gecasteten «Handhaltern» aller Altersstufen, sozialen Gruppen und geschlechtlicher Ausprägungen durch die belebteren Basler Stadtteile schlendern.

Handhalter erzählen

Den Teilnehmern bieten sich verschiedene Möglichkeiten, um auf die befremdlich wirkende Situation zu reagieren. Die Verfasserin des Artikels entscheidet sich für den kommunikativen Austausch mit den insgesamt sieben Darstellern, welche sie im Verlauf von einer Stunde etappenweise über die Mittlere Brücke, in die Freie Strasse und zur Münsterplattform gelotst haben. Und erfährt dabei zum Teil auch sehr persönliche Anekdoten: Dass das Theaterspiel ihre Leidenschaft sei, erzählt die Schülerin mit den verheilten Ritznarben an den Armen. Dass er die kulturelle Vielfalt von Basel schätze, meint der Theater- und Filmschaffende aus Mali. Dass die Kommunikation mit englischsprachigen Teilnehmern für ihn schwierig sei, gesteht der ältere Herr mit dem Armstumpf. Dass die Paarbildung dunkelhäutiger Mann mit hellhäutiger Frau meist mehr Blicke auf sich ziehe, stellt die Frau mittleren Alters fest.

Gemischte Gefühle

Im Gespräch vergehen die 60 Minuten wie im Flug, die irritierten oder missbilligenden Blicke des Umfelds lassen sich ebenfalls leichter ausblenden. Eine grundlegende Veränderung der eigenen Wahrnehmung brachte dieses Erlebnis für die Verfasserin jedoch nicht mit sich. Das Stück hinterlässt als Plädoyer für mehr Akzeptanz gemischte Gefühle, konfrontiert es die Teilnehmer zwar mit den eigenen Vorurteilen, dies jedoch nur während kurzer Zeit und im Rahmen einer durch und durch künstlichen Situation. Es bleibt jedenfalls zweifelhaft, ob die Teilnehmer des Spaziergangs sich die Aufforderung des Programmtextes, öfter mal Hand in Hand mit jemandem spazieren zu gehen auch zu Herzen nehmen werden.

Spaziergang mit Stimmen im Ohr

Als eher konventioneller Hör-Spaziergang mit Kopfhörer präsentiert sich hingegen das Stück «Dazwischenland» des Kollektivs Firma für Zwischenbereiche. Eine souverän klingende glatte Männerstimme lotst die zeitlich versetzt startenden Teilnehmer unter häufiger Betonung, sich respektvoll zu verhalten über das weitläufige Gelände der im Basler Niemandsland kurz vor der französischen Grenze angesiedelten UPK und liefert dabei einen kurzen Abriss der Geschichte der Institution. Regelmässige dumpfe Schläge geben im Sinne eines akustischen Herzschrittmachers das ideale Schritttempo vor. Eingestreute Interviewfragmente, in denen Patientinnen und Patienten Details aus ihrer Lebensrealität und ihrem Umgang mit der Krankheit preisgeben, runden den Audiowalk ab. So weit, so unspektakulär, wäre da nicht die neckische Frauenstimme, welche den um korrektes Verhalten bemühten Sprecher immer wieder unterbricht, frech zur Missachtung seiner Anweisungen auffordert, in bewusst reisserischer Manier saftige Informationen zu der Einrichtung preisgibt und sich schliesslich gar als imaginäres Konstrukt der Männerstimme ausgibt – ein Verweis auf die bei Schizophrenie-Patienten auftretenden Halluzinationen.

Kuchen als verbindendes Element

Der Reiz dieser auditiven Führung durch die idyllische Parkanlage der Psychiatrie liegt in ihrer wiederholten spielerisch-provokanten Transgression der Realitätsebenen. Die Grenzen zwischen Krankheit und Normalität, dem «wir» und den «anderen» werden im Verlauf des Rundgangs als durchlässig entlarvt. «Psychische Erkrankungen können jeden Menschen treffen», lautet die simplizistisch anmutende, jedoch durchaus berechtigte Botschaft des Hör-Spaziergangs. Die Jurte der Mach-Bar des Kollektivs OPUS 89 bildet die Schlussstation des Audiowalks, wo schlussendlich sämtliche Fäden zusammengeführt werden. Patienten der UPK; Pflegepersonal, Theaterschaffende und Festivalbesucher statten dem kulinarischen Treffpunk auf dem Gelände der Kliniken einen Besuch ab. Allesamt vereint in der Wertschätzung des hausgemachten Kuchenbüffets.

Mehr Informationen findet ihr auf der Seite des wildwuchs Festivals.