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Ich will die Grenzen des Teilens hinterfragen

Was genau ist mit der Bezeichnung «co-» gemeint?

Grundsätzlich ist «co-» einfach ein Präfix mit der Bedeutung «zusammen mit, gegenseitig oder gemeinsam». Mir gefällt der Name für eine Gemeinschaft, weil er so einfach ist. Er verinnerlicht das Wesentliche der Idee des Teilens und lässt Platz für alles, was daraus organisch wächst: co-arbeiten, co-leben, co-spielen, usw.

Was ist die Philosophie hinter dem Projekt co-?

Das Projekt ist ein Experiment. Es ist gemeinschaftliches Zusammenleben gepaart mit einer nicht monetären Wirtschaft, die auf bedingungslosem Geben aufbaut. Alle Beteiligten sind frei, gemäss ihrer Motivation und ihren Fähigkeiten mitzuwirken. Dadurch können wir hoffentlich unsere Bedürfnisse gegenseitig stillen und glücklicher und erfüllter leben. Die Idee ist, dass wir die Gemeinschaft durch wechselseitige Verbindungen und Achtsamkeit stärken. So können wir vielleicht die Saat säen, aus der wir später die Antworten auf die grossen Fragen unserer Gesellschaft ernten können. Mir gefällt es, als Teil einer Graswurzelbewegung zu wirken – in direktem Austausch mit anderen Menschen. Skalierbarkeit, Wachstum und impact sind nicht so wichtige Faktoren, es sei denn sie entwickeln sich natürlich.

Welche Dinge werden beim Projekt geteilt?

Ganz unterschiedliche Sachen. Zum einen alle möglichen materiellen Gegenstände, wie zum Beispiel Haushaltsgeräte, Outdoor Material, Kleider. Zusätzlich aber auch Dienstleistungen wie Veloreparatur, Haare schneiden, Kochen oder Nähen. Und schliesslich diverse Aktivitäten, die wir gemeinsam tun möchten: Kochen und Lesegruppen, Musik und Unterhaltung, Meditationsgruppen. Einfach alles, was wir sinnvoll teilen können. Idealerweise hinterfragen wir die herkömmlichen Grenzen dessen, was das bedeuten könnte und eröffnen dadurch neue Perspektiven.

Wie ist die Gemeinschaft organisiert?

Der primäre Fokus ist auf der Gemeinschaft rund um das Individuum: Freund*innen, Familie, Nachbar*innen, Arbeitskolleg*innen. Aber im Prinzip ist jede*r willkommen, beim Projekt mitzumachen. Natürlich wäre es auch schön, wenn es Zusammenarbeit mit anderen Gemeinschaften mit ähnlichen Ideen geben würde. Wie erwähnt, interessiert mich die Skalierbarkeit aber nicht primär. Aber wenn ich mal darüber nachdenke, dann stelle ich mir eher ein Netzwerk von kleinen co-Knotenpunkten vor als eine einzige riesige co-Gruppe.

Woher kommt die Faszination für diese radikale Art des Teilens?

Nachdem ich meinen bequemen IT Job aufgegeben habe, nahm ich vor einigen Jahren einen abenteuerlicheren und ungewisseren Weg im Bereich der veganen Gastronomie in Angriff. Dabei stiess ich auf Fragen wie: Wie bewerten und belohnen wir in unserer Gesellschaft eigentlich unsere Arbeit? Wie viel und auf welche Ziele hin arbeiten wir? Arbeiten wir mit Leidenschaft oder bloss um durchzukommen? Mir fiel auf, dass vieles für mich keinen Sinn ergab. Es gibt riesige Lohngefälle und das ganze Lohnsystem ist auf den Kopf gestellt. Sollten die Menschen mit den schlechtesten Jobs nicht eigentlich am besten bezahlt werden? Und schliesslich hatte ich auch das unangenehme Gefühl, dass wir immer mehr und immer härter arbeiten, aber immer weniger glücklich und erfüllt sind.

Wie hängt deine Arbeit in der veganen Gastronomie mit diesen Einsichten zusammen?

Ursprünglich war das mit dem veganen Catering ein Hobby. Doch schon bald realisierte ich, dass es sich in eine echte Leidenschaft verwandelt hatte. Und die musste ich einfach richtig verfolgen. Die Erfahrungen, die ich in meiner Zeit in Berlin machte, haben mich unsere Gesellschaft und Wirtschaft mit neuen Augen sehen lassen. Ich wollte so leben, wie es für mich Sinn ergibt. Ich wollte nicht mehr einfach möglichst viel abstrakten Wohlstand akkumulieren. Stattdessen wollte ich mit der Herkunft und dem Wert unserer Waren und Dienstleistungen in Kontakt kommen. Ich wollte ein Leben, das sich direkt mit den echten Bedürfnissen von Menschen befasst.

Was würdest dem Vorwurf entgegnen, dass co- bloss ein verrücktes Nischenprojekt ist?

Mein Ansatz ist: Wenn du eine scheinbar verrückte oder unmögliche Veränderung in der Welt sehen möchtest, starte mit einer Transformation im täglichen Leben. Dadurch schlägt die Idee Wurzeln und wird von ganz allein ein eigenständiges Leben in unserer Gesellschaft entwickeln. Menschen sind in erster Linie komplizierte, emotionale Wesen und weniger rationale, analytische Maschinen. Willst du also einen Wandel erreichen, musst du aufs Herz zielen. Oder wie Antoine de Saint-Exupery schon meinte: «Wenn Du ein Schiff bauen willst, dann rufe nicht die Menschen zusammen, um Holz zu sammeln, Aufgaben zu verteilen und die Arbeit einzuteilen, sondern lehre sie die Sehnsucht nach dem großen, weiten Meer.»

Das Interview wurde schriftlich und auf Englisch geführt.

Die Velopumpe von nebenan

Am Briefkasten gesellen sich neben dem Namensschild noch mehrere hellblaue Quadrate mit Zeichnungen darauf: eine Pastamaschine, ein Schlitten, ein Velo, Bücher, ein Zelt, eine Velopumpe und das allen bekannte WLAN Symbol. Sie zeigen der Besucher*in: das alles kannst du hier ausleihen. Einfach klingeln, und schon hat dein Velo wieder Luft.

Die Sticker werden vom Verein Pumpipumpe seit einigen Jahren vertrieben. Die Idee dahinter ist einfach: In jedem Haushalt gibt es viele Dinge, die wir nur selten brauchen. Ein Rasenmäher oder ein Akkubohrer hat bei den meisten fast immer Pause. Statt sie im Keller vermotten oder im Gestell Staub ansammeln zu lassen, könnten sie von anderen gebraucht werden. Wenn ich selber mal etwas brauche, kann ich entweder beim Rundgang durch die Stadt nach den bunten Klebern Ausschau halten oder mich auf der Onlinekarte schlau machen, wo es das nächste Schlauchboot gibt.

Ausleihen für eine schönere Nachbarschaft

Pumpipumpe möchte sich für einen bewussteren Umgang mit unseren Konsumgütern einsetzen. Statt dass sich jede*r eine eigene Nähmaschine kauft, könnte sich die nähere Nachbarschaft auch eine teilen. Das spart nicht nur Geld und reduziert den unweigerlich anfallenden Abfall. Es belebt auch die soziale Interaktion. Die Sticker sollen nämlich auch dazu animieren, mal wieder bei der Nachbar*in zu klingeln und dadurch gemeinsam ins Gespräch zu kommen.

Funktioniert das auch? Gemäss Onlinekarte gibt es in Bern etwa 300 Orte, wo Menschen ihr Werkzeug oder ihre Küchengeräte zur Ausleihe anbieten. Ramon ist einer davon und seit drei Jahren dabei. In seiner WG kann man fast alles ausleihen: von Brettspielen über einen Racletteofen bis hin zum Hammer. Leider kommen nur selten spontan Menschen vorbei, die etwas brauchen. «Ich fände es schön, wenn mehr Menschen bei mir klingeln würden», meint er darum. Er selbst leiht sich meistens Sachen bei Bekannten oder im Haus aus.

Teilen ist nicht gleich teilen

Sharing-Communities wie Pumpipumpe gibt es viele. Zu den bekanntesten gehören sicherlich Airbnb und Couchsurfing. Airbnb und ähnliche Sharing-Plattformen wie das Schweizer Projekt Sharely möchten aus dem Prinzip des Teilens eine alternative Form der Ökonomie erschaffen. Was ich nicht brauche, kann ich gegen Bezahlung mit anderen teilen. So lässt sich mit der leeren Wohnung im Sommer, der jährlich gebrauchten Digitalkamera und den Tourenskis im Keller nebenbei etwas Geld machen. Dadurch werden unsere Gebrauchsgegenstände auch wirklich gebraucht. Fraglich ist, ob solche Plattformen überhaupt zum Teilen da sind. «Wenn das «Teilen» marktgesteuert ist, dann können wir nicht mehr von Teilen sprechen» schreiben zum Beispiel Giana Eckhardt und Fleura Bardhi, zwei Professorinnen aus London im Harvard Business Review.

Bei Couchsurfing soll deswegen alles ohne Geld funktionieren. So steht auch nicht die optimale ökonomische Nutzung im Vordergrund, sondern das Teilen als Ideal: Es soll eine Gemeinschaft entstehen, in der Insiderwissen, Zeit und natürlich Sofas ohne notwendige Gegenleistung einander zur Verfügung gestellt werden. Im Vordergrund steht das gemeinsame Erlebnis, die verbrachte Zeit oder einfach nur die Idee des bedingungslosen Teilens. Für viele Couchsurfer*innen ist der Austausch menschlicher und gemeinschaftlicher, wenn Geld aus dem Spiel gelassen wird.

Eine Gemeinschaft aufbauen

Es gibt aber auch Sharing-Communities, die noch weiter gehen: Ohne Geld soll auf dem Prinzip des Teilens eine ganze Gemeinschaft aufgebaut werden. Nebst materiellen Dingen – Sofas, Parkplätze, Saugglocke – lassen sich nämlich auch Dienstleistungen, Wissen oder Aktivitäten teilen. Gemeinsames Yoga und Radfahren stehen genau so auf dem Programm wie der Wissensaustausch beim Erstellen einer eigenen Webseite. Auf der Grundlage dieser Idee hat Kremena Diatchka mit einigen anderen Berner*innen kürzlich das Projekt co- ins Leben gerufen. Dort vereinen sich Menschen, die das unentgeltliche Teilen zur Lebensphilosophie machen wollen.

Der Wunsch zum Teilen entsteht oft aus einer Unzufriedenheit mit gegenwärtigen Gesellschaftsstrukturen. An die Stelle eines «race to the top» wird eine Gemeinschaft gesetzt, deren Mitglieder nach ihren Möglichkeiten beitragen und gemäss ihren Bedürfnissen profitieren. Nicht zuletzt basiert diese Vision auf die Überzeugung, dass wir zwar immer mehr besitzen und arbeiten, deshalb aber nicht glücklicher und zufriedener sind. Vielleicht hilft das Teilen dabei, wieder vermehrt mit anderen Menschen in Kontakt zu kommen.

Trotzdem finden solche Initiativen eher im Kleinen statt. Es besteht die Gefahr, dass das Teilen nicht so richtig in die Gänge kommt, weil das Modell «Geld gegen Ware» zu sehr in unseren Köpfen verhaftet ist. Entsprechend können auch Ressentiments entstehen, wenn sich manche nicht gleich stark wie andere engagieren und scheinbar bloss profitieren. Doch auch hier versprechen Sharing-Communities wie co- oder Pumpipumpe eine neue Perspektive. Sie wollen die Herzen und Köpfe von Menschen erreichen; nicht unsere Portemonnaies. Das Teilen soll zum Nachdenken anregen – über unsere Prioritäten, unsere Beziehungen und unser Geld. Darum leihe ich mir jetzt schnell ein Waffeleisen von gegenüber aus.