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Geflüchtet in die Schweiz

Frau Aziz* lebt mittlerweile seit 3,5 Jahren in der Schweiz. Eigentlich ist sie Palästinenserin, aber sie hat in Syrien gelebt. Daher ist auch sie vor dem Krieg in Syrien geflüchtet. Sie hat den F-Ausweis, was bedeutet, dass sie nach dem Krieg wieder zurück nach Syrien gehen muss. Manchmal vermisst sie ihr Herkunftsland, aber Tinkjunior gegenüber sagt sie, dass es ihr hier in der Schweiz gefalle.

Ihr Leben in der Schweiz

Am Anfang war es für Frau Aziz schwierig, sich in der Schweiz zurechtzufinden: «Hier herrschen andere Gesetze, man spricht eine andere Sprache und das ganze Leben ist anders.» Heute fühlt sie sich dankbar, in der Schweiz zu sein und nutzt die Angebote, die ihr zur Verfügung stehen. «Es gibt hier ein Frauentreffen und wir machen regelmässig bei den Aktivitäten mit, welche die Gemeinde organisiert.» Frau Aziz lernt aktuell in einer Sprachschule in Bern Deutsch. «Danach möchte ich aber gerne arbeiten gehen.» Es sei nicht einfach, Deutsch zu lernen. Wenn man es aber unbedingt möchte, gehe es schon. Die Kinder von Frau Aziz gehen in einen Sportverein. Zudem gehen sie mindestens einmal in die Tagesschule, damit die Eltern entlastet werden.

Zufrieden, trotz den Schwierigkeiten

«Wir haben alles, was man zum Leben braucht.». Der einzige Nachteil sei, dass es bei ihnen zuhause sehr eng sei. Frau Aziz hat 4 Kinder und einen Mann, zusammen sind sie also 6 Personen, die in einer recht kleinen Wohnung leben. Die Kinder streiten oft, aber das sei ja normal. Auch Rassismus erlebe sie kaum. Manchmal schauen Menschen schon ein wenig komisch, aber das seien sehr wenige und vor allem ältere Menschen.

Das Interview wurde von unserer Tinkjunior-Reporterin auf Deutsch und Englisch geführt, es war keine Übersetzerin anwesend.

*Name von der Redaktion geändert

Ein erfolgreiches Heitere Open Air geht zu Ende

Familiär und dennoch ein grosses Fest

Das Heitere ist bestimmt keines der ganz grossen Open Airs in der Schweiz. Neben Festivals wie das Frauenfeld, Gampel, oder Gurten scheint das Heitere ein kleines Dorffest zu sein.
Das Heitere trotzt diesen Vorurteilen jedoch alle Jahre: Bereits Monate vor dem Festival sind die Tickets ausverkauft. Das Open Air erhielt 2016 den SRF-Festivalaward und dies kam nicht aus heiterem Himmel. Das Festival zeichnet sich durch seine grosse Vielfältigkeit aus. So sieht man Besucher jeglichen Alters auf dem Gelände, hört Musik jeglicher Richtungen auf den Bühnen und tritt auf dem Zeltplatz mit Menschen verschiedenster Charakterzüge in Kontakt.

Grenzwärtiger Auftritt von KIZ

Die deutsche Rap-Band, die am Samstagabend auftrat, vermochte mit ihrer klassischen Auftrittsart nicht bei allen zu überzeugen. So gehen die Meinungen über die Vorstellung bei den Festivalbesuchern weit auseinander. In den vordersten Reihen gaben die sogenannten Takatuka-Ultras alles und feierten den Auftritt ihrer Band. In den hinteren Reihen liefen die Leute jedoch reihenweise davon. Ganz anders war das bei Mark Forster, der mit Hits wie Chöre und Sowieso das gesamte Publikum zu begeistern vermochte. Auch Silbermond, die bereits 2010 am Heitere auftraten, liessen ihre Kritiker verstummen und lieferten ein grandioses Konzert ab.

Viele nationale Acts am Sonntag

Am Sonntag standen viele Schweizer auf der Bühne. Den Anfang machte die Band Traktorkestar, welche vor allem aus Bläsern besteht. Unterstützt wurden diese von Perkussionsinstrumenten. Sie coverten unter anderem Lieder von Rammstein und begeisterten das Publikum. Auch Nemo zeigte eine tolle Show und es ertönten Songs wie Ke Bock, Himalaya und Blockbuster aus den Boxen der Lindenbühne.

Lo&Leduc bildeten den Abschluss der Schweizer Acts. Die Berner Musiker zogen das Publikum bei heissem Sommerwetter gekonnt mit und spielten einige Lieder des neuen Albums Ingwer und Ewig sowie altbekannte Lieder wie «Räuber und Poli» und «Blaui Peperoni».

Das OpenAir verlief sehr erfolgreich und friedlich, so wie man es sich gewohnt ist vom Heitere. Hoffen wir auf viele weitere tolle Festivals am Zofinger Hausberg.

Schnuppern in der Diplomatie

Noemi, gerade eben hast du vor den Teilnehmenden der Juse gesprochen. Mit deiner kräftigen Stimme hast du souverän gewirkt wie eine Nationalrätin. Bist du daran gewöhnt, vor so vielen Leuten zu sprechen?

(Lacht) Danke! Vor zweihundert Leuten nicht unbedingt, aber in meinem Jahr als Youth Rep boten sich viele Gelegenheiten, vor Leuten zu sprechen. Ich sprach an UNO Anlässen und an Podiumsdiskussionen, arbeite in der Schweiz mit Jugendlichen zusammen. Dadurch konnte ich mein Auftreten trainieren. Ich mache es sehr gerne.

Das merkt man. Du bist seit knapp einem Jahr als Youth Rep tätig. Als eine von drei jungen Erwachsenen versuchst du, die Stimme der Schweizer Jugend auf das internationale Politparkett zu bringen. Ist die Youth Rep so etwas wie die Juse der UNO?

Jein. Wir haben kein Forum wie die Juse, wo sich alle UNO Jugenddelegierten gemeinsam treffen und Forderungen ausarbeiten. Jeder Mitgliedstaat organisiert sein Programm für die Youth Reps individuell. Viele nehmen die Jugenddelegierten einfach mit ihren Delegationen an die UNO-Generalversammlung. Wir sind drei Schweizer Youth Reps und begleiten die Schweizer Delegation an drei verschiedene Konferenzen und sensibilisieren mit Projekten die Jugendlichen in der Schweiz auf das Thema der UNO.

Was ist das für eine Delegation?

Die Schweiz schickt eine Gruppe aus Vertretern von akademischen Experten, Vertretern von NGOs, und natürlich vielen Diplomaten an die Versammlungen der UNO. Diese handeln mit den anderen Ländern die Resolutionen, Konventionen oder Forderungen aus.

Und in dieser Delegation könnt ihr eure Anliegen einbringen?

Genau, wir sind an den Vorbereitungssitzungen dabei und haben das Recht, unsere Forderungen einzubringen. Das ist aber eine der wenigen Möglichkeiten, an die UNO Forderungen zu stellen. Wir dürfen zum Beispiel auch als Vertreter der SAJV in der UNO in Genf Statements abgeben. Das Programm ist noch nicht genug etabliert, dass wir, Jugendliche aus der ganzen Welt, zusammen Ideen ausarbeiten und vertreten könnten. Das wäre sehr sinnvoll, weil wir so viel grösseres Gewicht hätten.

Auf nationaler Ebene ist dies die Juse. Gibt es dieses System schon in ähnlicher Weise auf internationaler Ebene?

Ja, das European Youth Forum, sie arbeiten sehr eng mit der EU zusammen. Auf globaler Ebene fehlt ein solches Jugendparlament noch.

Welchen Auswirkungen haben die Youth Rep in der UNO?

Ich kann von der Frauenrechtskonferenz berichten. An diesem Anlass gibt es nämlich ein Forum für Jugendliche, was eine willkommene Ausnahme ist. Wir jungen Frauen und Männer, die sich im Thema der Gleichstellung engagieren, konnten uns vorher treffen, um Forderungen auszuarbeiten. Diese haben wir dann dem Chair, dem Vorsitzenden der Konferenz übergeben. Ich weiss nicht, ob das wirklich wegen uns war; aber später, im Beschluss der Konferenz, war dann auch die Rede von «Young Girls», und nicht nur von «Women», so wie wir das gefordert hatten.

Wie reagieren gestandene Diplomaten auf euch Youth Reps?

Ich habe sehr positive Erfahrungen gemacht, sie haben Freude am Nachwuchs. Sicher ist Sympathie vorhanden, aber ich glaube nicht, dass sie uns hundertprozentig ernst nehmen. In meiner Delegation schon. Die Schweiz hat ein sehr fortschrittliches Programm und die anderen Mitglieder der Delegation haben mich sehr ernst genommen, das war schön.

Du hast schon bei verschiedenen Projekte in Südamerika mitgearbeitet, gar selber initiiert, bist viel am Reisen? Wie hat dein Leben als Jetsetterin angefangen?

Meine Eltern haben meinen Geschwistern und mir ein offenes Weltbild, Interesse an anderen Kulturen und sozialen Problemen mitgegeben. Meine Grosseltern sind in Ägypten aufgewachsen. Nach der Matura war für mich klar, dass ich ins Ausland möchte. Ich war ein halbes Jahr alleine in Projekten in Südamerika. Seit dem steht für mich fest: Ich will so oft wie möglich andere Kulturen kennenlernen. Ich glaube, das ist sehr wichtig für Jugendliche.

Als Youth Rep hattest du diese Chance. Was muss man tun, um Youth Rep zu werden?

Es ist ein ganz normales Bewerbungsverfahren. Man muss jedoch einige Qualitäten mitbringen. Vorallem ist es wichtig, dass man sich schon vorher freiwillig engagiert hat. Man muss motiviert sein, sich für Jugendpolitik zu engagieren, die Welt zu verbessern. Ausserdem muss man drei Sprachen, Deutsch und Französisch plus Englisch, beherrschen. Aber man braucht kein Studium. Im Gegenteil, wir sind froh über berufstätige Leute. Das zeigt ein besseres Bild der Schweizer Jugend, weil Studenten nicht die Mehrheit vertreten. Auch Leute mit Migrationshintergrund sind sehr willkommen. Wir wollen eine Jugenddelegation, die die Schweizer Jugend vertritt – auf einer Art, die Sinn macht. Man muss also drei Sprachen kennen und sich für Jugendliche engagieren.

Wie ist es dieses Jahr? Du studierst internationale Beziehungen in Genf, was machen die anderen zwei?

(Lacht). Ja, in diesem Jahr sind wir leider alles Studenten. Aber letztes Jahr zum Beispiel war eine KV-Absolventin dabei. Momentan laufen die Bewerbungsverfahren. Wir sind gespannt, vielleicht wird nächstes Jahr wieder jemand berufstätiges Youth Rep.

Und wie geht es mit dir weiter?

Ich bin mir noch nicht sicher, wo mein Weg hinführt. Dieses Jahr hat mir die Möglichkeit geboten, die Welt der Diplomatie kennenlernen. Es hat mir nicht bestätigt, dass ich in die Diplomatie will, eher dass sie wahrscheinlich nichts für mich ist.

Warum?

Ich glaube nicht, dass es mir liegt, einen Staat und eine Staatsmeinung bedingungslos zu vertreten. Ich glaube, ich habe eine zu starke eigene Meinung. Auch möchte ich die Resultate meiner Arbeit sehen. Die Diplomatie ist häufig sehr abstrakt, sie spielt auf einer Meta-Ebene. Das finde ich sehr wichtig und auch spannend. Aber meine Fähigkeit ist eher, mit Menschen in Projekten praktisch zu arbeiten. Ich sehe meine Zukunft eher in diesem Bereich. Das kann aber gut auch in einer UN-Agentur sein, zum Beispiel im UNHCR (UNO Flüchtlingshilfe) oder beim Internationalen Roten Kreuz. Aber ich bin noch jung, vielleicht ändert sich das noch und ich wende mich dem «Neutralen» zu (Lacht).

Ist diese Abstraktion der Problemfindung manchmal frustrierend?

Ja natürlich, das ist es wahrscheinlich für alle, die bei der UNO arbeiten. Man muss sich dessen im Voraus klar sein.Aber die Hauptaufgabe der UNO ist nicht, direkt Einfluss zu nehmen. Sie muss eine Diskussionsplattform für ihre Mitgliedstaaten schaffen. Damit sie verhandeln, Friedensverträge erarbeiten und auf einer neutralen Ebene reden und Wissen ausgetauscht werden kann. Die Wichtigkeit dieser Errungenschaft wird oftmals vergessen.

Kommen wir zurück zur Juse: Wie kann man die politische Partizipation von Jugendlichen in der Schweiz fördern?

Es ist sehr wichtig, die Jugendlichen ernst zu nehmen. Dass man ihnen zeigt, dass ihr Engagement einen Impact hat. «Wir hören euch zu, wenn ihr was sagt», das fördert Jugendliche, sich auch weiterhin zu engagieren. Sie müssen sehen, dass es eine Wirkung hat, wenn sie sich einbringen. Das fehlt momentan in der Schweiz. Gerade hier an der Juse: So viele Jugendliche politisieren zusammen, und es kommt kein Bundesrat. Das geht gar nicht!
Ich zum Bespiel gehe in Jugendgefängnisse, um über internationale Politik und die UNO zu sprechen. Das ist ein ganz bewusster Entscheid, weil ich keinen Jugendlichen aus dem politischen Prozess ausschliessen will. Wir gehören alle dazu. Im Gefängnis ist die Aufgabe die Resozialisierung, und da gehört auch die internationale Politik dazu.
Politiker können schon davon sprechen, wie wichtig Jugendpartizipation sei. Das kommt gut an bei der Stimmbevölkerung, aber man muss dies auch umsetzen: sich als Parlamentarier zum Beispiel mit Jugendlichen treffen und nach ihrer Meinung zu spezifischen Themen fragen. Dies zu organisieren wäre kein Problem. Aber ich denke, man sieht leider immer noch nicht genug gut, wie viel Potenzial und Kreativität in Jugendlichen steckt.

Wo ist der Bundesrat?

Schon seit 25 Jahren engagieren sich jährlich rund 200 Jugendliche an der Jugendsession. Während vier Tagen diskutieren sie, planen und formulieren Petitionen und sprechen über wichtige Themen wie Waffenexporte, Landwirtschaft oder Fortpflanzungsmedizin.

Wie wichtig es ist, dass junge Menschen sich für die Politik und die Gesellschaft interessieren, hören wir von allen Seiten. Auch Bundesräte wie Didier Burkhalter und Johann Schneider-Ammann haben dies in den letzten fünf Jahren in ihren Eröffnungsreden der Juse immer wieder betont. Die Jungen sollen sich engagieren und mitreden. Und genau das machen die jungen Teilnehmenden wieder. Zum 25. Mal. Der Bundesrat jedoch fehlt.

Wichtigkeit der Jugend

Darüber sind viele Teilnehmende der Juse enttäuscht und fühlen sich in ihrem Engagement nicht mehr ernst genommen. Für einige von ihnen, die schon in den letzten Jahren dabei waren, sei das Treffen mit dem Bundesrat einer der Höhepunkte der Jugendsession gewesen. Ein 15-jähriger Teilnehmer aus der Gruppe «Landwirtschaft und Ernährung» sagt, der Besuch sei «zwar kein Muss, aber eine schöne symbolische Geste, die uns Jungen eine gewisse Wichtigkeit gibt.»

Aber was steckt eigentlich hinter der diesjährigen Abwesenheit des Bundesrates? Auf Anfrage beim Parlamentsdienst erhält Tink.ch dieselbe Mail wie das SRF, das gestern in der Tagesschau darüber berichtet hat.

Nun sitzen aber jedes Jahr auch viele Jugendliche im Nationalratssaal, die zum ersten Mal an der Juse teilnehmen. Auch sie hätten einen Empfang vom Bundesrat geschätzt. Eine Nacherzählung ersetzt eine solche Erfahrung nicht. Es sind jedes Jahr zahlreiche neue Jugendliche, die sich ein neues Bild vom Bundesrat und deren Prioritätenliste machen können. Eine 18-jährige Teilnehmerin meint: «Es wäre ein Zeichen der Jugendförderung gewesen, uns Jungen zuzuhören und sich erkenntlich dafür zu zeigen, was wir hier erreichen wollen.»

Keine Begründung

Auch die Projektleiterin Mathilde Hofer der Schweizerischen Arbeitsgemeinschaft der Jugendverbände (SAJV) ist enttäuscht. Ihr Team und sie haben wie jedes Jahr eine Einladung an den Bundesrat gerichtet. Zu ihrem Erstaunen hat er dieses Jahr ohne Begründung abgesagt. Für Hofer sei das ein klares Zeichen dafür, dass die Stimme der Jugend von der «offiziellen Politik» nicht mehr so stark gehört und auch nicht mehr so ernstgenommen werde: «Ich möchte nicht im Namen der ganzen Jugend sprechen, doch immerhin ist die Jugendsession die wichtigste und grösste Partizipationsmöglichkeit für JungpolitikerInnen», sagt Hofer. Wo sonst kann der Bundesrat so eindeutig zeigen, dass ihm die Anliegen der Generation Y und Z wichtig sind?

Trotz der Absage werde die SAJV den Bundesrat im nächsten Jahr wieder einladen, sagt Hofer. «Uns ist wichtig, dass er den Jungen vermittelt, dass ihre Stimme sehr wohl gewichtet wird.»

Offene Ohren, bitte!

Die Generationenfrage ist eine wichtige und stets aktuelle. Die Politik ist jedoch offensichtlich keine Generationenfrage. Die Jungen politisieren sehr wohl, aber um gehört zu werden, braucht es immer auch ein offenes Ohr. So eines hat Lisa Mazzone (Grüne), die mit 28 Jahren jüngste Nationalrätin der Schweiz. Die SAJV hat sie nach der Absage des Bundesrats eingeladen, um das Parlament im Nationalratssaal zu vertreten. Eine gute Wahl, denn Mazzone weiss genau, wie es ist, ihrer Stimme als junge Politikerin Gehör zu verschaffen.

Im Gespräch mit Tink.ch betont Mazzone: «Die Abwesenheit des Bundesrats finde ich bedauernswert, denn die Jugendsession ist eine wertvolle Erfahrung, Politik auszuüben. Auch motiviert eine Teilnahme dazu, sich weiterhin politisch zu engagieren.»

Die Abwesenheit des Bundesrates sei ein negatives Zeichen an die Jugend, das im Widerspruch stehe mit dem, was von der Jugend erwartet würde. Nämlich, sich in der Politik anwesend zu zeigen. «Vor den Jugendlichen zu sprechen, ist deshalb das Mindeste, was der Bundesrat tun kann.» Auch die Idee, politische Themen greifbarer zu machen, könne durch eine Zugänglichkeit der Politikerinnen und Politikern vereinfacht werden. So würde die Jugend sehen: «Wir haben auch einen Platz in der Politik».

Was bezwecken verlorene Initiativen?

Wer an diesem Sonntag darum bangte, das eine oder andere Resultat der Hochrechnung könnte sich bis zum Endergebnis noch ändern, der wurde einmal mehr herb enttäuscht (Resultate in der Infobox am Schluss). Erwartungsgemäss erlitten die Initiativen und das Referendum Schiffbruch. Soweit so normal. Doch was bei diesen Abstimmungen sehr exemplarisch gezeigt werden kann, ist der Sinn und Zweck von politischen Vorlagen und deren versteckte Strategien und Agenden.

Die Initiative «AHVplus» etwa forderte um 10 Prozent erhöhte Altersrenten – ein politisches Vorhaben, dass schon von Beginn weg zum Scheitern verurteilt war. So war es dennoch nicht das Ziel der Initianten, an der Urne zu bestehen. Lanciert wurde die Initiative des Gewerkschaftsbundes nämlich im Frühjahr 2012 – just dann also, als sich Bundesrat Alain Berset mit seiner Rentenreformen auseinanderzusetzen begann.

In der Debatte um eine Reform der Altersvorsorge waren besonders zwei Szenarien diskutiert worden: Massnahmen, die Rentenkürzungen beziehungsweise eine Erhöhung des Bezugsalters vorsahen oder aber der Verbleib beim Status quo. Über eine Erhöhung war aufgrund der in Schieflage geratenen Finanzen der AHV nicht gesprochen worden.

Einflussnahme dank Initiative

Die Gewerkschaften sträuben sich allerdings, Rentenkürzungen hinzunehmen oder das Rentenalter zu erhöhen; sie lancierten den dritten Vorschlag, damit nicht nur zwischen den beiden oben genannten Varianten entschieden werden muss. Damit konnten sie einerseits Druck auf Berset ausüben, andererseits war in der Debatte erstmals auch die eher utopische Variante einer Rentenerhöhung im Gespräch.

Müsste in einer solchen Situation entschieden werden, so würden sich wohl viele für den Mittelweg und damit für eine Fortführung der bestehenden Ausgangslage entscheiden, was ganz im Sinne der Gewerkschaften wäre. Sie hätten so eine Verschlechterung aus Sicht der Arbeitnehmenden abwenden können.

Auch Verlierer sind Gewinner

Initiativen gelten oft als Druckmittel, um bei anstehenden Diskussionen von aussen einwirken zu können. Ähnlich war dies auch bei den Grünen und ihrer Initiative «Grüne Wirtschaft». Im Vorfeld der Bekanntgabe der bundesrätlichen Energiestrategie 2050 startete die Sammelphase – nur 9 Monate später legte Energieministerin Doris Leuthard ihre Pläne dazu an einer Pressekonferenz vor. Gezielt wurde auch mit dieser Initiative auf eine Einflussnahme hingearbeitet.

Das Scheitern der Vorlagen an sich ist dabei aus strategischer Sicht oftmals zweitrangig – sofern die Initiativen auch ihren gewünschten Einfluss nehmen können. Selbstverständlich ist es dennoch auch das Ziel der Initianten, selbst die weitergehenden Vorschläge der Initiative bei den Stimmenden durchzubringen. Abstimmmungsverlierer haben also oftmals trotzdem etwas zu feiern.

Die Resulate im Überblick

Neues Nachrichtendienstgesetz

JA 65,5 – Nein 34,5

Initiative «AHVplus»

Ja 40,6 – Nein 59,4

Initiative «Grüne Wirtschaft»

Ja 36,4 – Nein 63,6