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Nicolas, der stille Verkäufer der Uraniabrücke

Sie laufen aneinander vorbei, ihre Blicke kreuzen sich, sie wenden sie augenblicklich ab. Beide leben in ihrer Blase, sie wissen was sie wollen, was sie zu erledigen haben. Das Risiko, einander anzuschauen, wäre zu gross: ihre Pläne könnten durcheinander geraten, sie könnten davon abgehalten werden, ihr selbstverfasstes Drehbuch auszuführen. Sie sind zwei von vielen.

Passanten überholen einander auf der zürcher Uraniabrücke, Autos fahren in beide Richtungen, zwischendurch erscheint eine Person auf einem Fahrrad. Wortfetzen mischen sich mit dem Geräusch der Limmat und der Motoren. Am Trottoirrand steht ein grosser, schlanker Mann mit Brille und einer roten Kappe. In aufrechter Haltung streckt er beide Arme zum Himmel, langsam schwenkt er sie hin und her. In beiden Händen hält er ein Exemplar eines Magazins: das Surprise.

Anfangs ist er misstrauisch: die beste Verkaufszeit sei jetzt, wir würden die Kunden vertreiben, wenn wir so rumstehen. Doch bald vergisst er den Stapel, der neben ihm auf dem Boden liegt. Italienische Zitate, Buchtipps und Diskussionen über Studienrichtungen: Nicolas ist breit interessiert und hat zu Vielem etwas zu sagen.

Seit langem arbeitet er für das Strassenmagazin Surprise: «So lange wie die Unglückszahl!». Während seiner Arbeitszeit kümmert er sich um die Passant*innen, er möchte vermeiden, dass jemand auf der Brücke verunfallt. Aber auch sonst liegen ihm die Menschen am Herzen. So besucht er seine Mutter regelmässig im Pflegeheim. «Alte Menschen werden oft vergessen, obwohl wir viel von ihnen lernen können.»

Der Verkäufer weiss das Surprise zu schätzen, er mag die Porträts, die er darin lesen kann. Und er ist nicht der einzige: Das Magazin wurde in den letzten Jahren professionalisiert, viele kaufen es für seine hohe Qualität. Die Verkaufszahlen steigen von Jahr zu Jahr – eine gute Nachricht für Nicolas und seine Arbeitskolleg*innen.

Von Weitem beobachte ich Nicolas. Er ist zurück auf Position. Seine ausgestreckten Arme bewegen langsam zwei Surprise-Exemplare hin und her. An ihm laufen Menschen vorbei, die Autos fahren in regelmässigem Takt durch. Von hier erscheint seine Bewegung wie ein Ritual – als ob er versuchte, die Passanten aus ihrer Blase zu locken und sie einen Moment lang vergessen zu lassen, dass sie bereits den nächsten Schritt geplant haben.


Surprise im Überblick

Das Strassenmagazin Surprise wurde 1997 gegründet mit dem Ziel, sozial randständigen Menschen eine Zukunft zu ermöglichen. Das Magazin erscheint vierzehntägig und erhält keine staatlichen Mittel. Surprise finanziert sich komplett aus Spendegeldern und dem Verkauf des Magazins.

Obwohl der Verein vor einigen Jahren durch Spenden vom drohenden Bankrott gerettet werden musste, geht es dem Magazin heute blendend. Im Gegensatz zu anderen Magazinen spürt es die Medienkrise nicht: Von Jahr zu Jahr werden mehr Surprise verkauft.

2015 haben 383 Verkäufer*innen, davon 115 Frauen, zusammen 407’750 Exemplare verkauft. Sie verkaufen das Magazin für sechs Franken wovon sie 2.70 Franken behalten können, 30 Rappen gehen an die AHV. Die restlichen 3 Franken werden für die Produktionskosten des Magazins verwendet. Obwohl die Mehrheit der Verkäufer*innen Männer sind, sind fast zwei Drittel des Leser*innen weiblich.

Kleine Zwiebeln am grossen Märit

Um sechs Uhr morgens herrschte in der Berner Altstadt dichtes Gedränge, die Besucher bewegten sich im Schneckentempo durch die Strassen, an den Zwiebelständen vorbei. Während die Märitbesucher die Zwiebelzöpfe und -kränze begutachteten und dazu Glühwein schlürften, kämpften einige Zwiebelverkäufer mit dem Wind, der durch die Gassen pfiff.

Die Zwiebelverkäufer waren sich indes nicht ganz einig, was die diesjährige Zwiebelsaison betrifft: «Es war keine schlechte Saison, aber im Juni hat es zu wenig geregnet», erzählte Udo Pötzschke. Der Deutsche war bereits zum zehnten Mal am Berner Zibelemärit anzutreffen. «Wegen der Trockenheit sind unsere Zwiebeln eher klein ausgefallen.» Wieviele Kilo Zwiebeln er an den Märit mitgebracht hatte, wollte er aber nicht verraten.

Anders sah es bei Zwiebelverkäufer Rolf Hediger aus Kerzers aus. «Bei uns war es sehr nass» – Aber auch Hedigers Zwiebeln fielen dieses Jahr kleiner aus als normal. «Es war mühsam, die Zwiebeln zu trocknen, damit wir sie dann flechten konnten», ergänzt er. Trotzdem konnte der Bauer aus Kerzers mit rund einer Tonne Zwiebeln an den Zibelemärit reisen – Er trug also rund einen 57stel des gesamten Angebots bei. Rund 57 Tonnen Zwiebeln konnten die Besucher nämlich heuer auf dem Markt erwerben, teilte die Stadt Bern am Nachmittag mit. Die Rekordmenge von 2014 mit fast 60 Tonnen wurde allerdings verfehlt. Von den insgesamt 662 Marktständen verkauften 178 Zwiebeln in allen Variationen. Die Standplätze am Zibelemärit war dieses Jahr so beliebt, dass 88 Bewerber abgelehnt werden mussten, schrieb die Stadt weiter.

Heinz Bamer aus Aarberg berichtet unterdessen von einer durchzogenen Saison. Während es anscheinend in Deutschland zu trocken war, fiel in der Schweiz zu viel Regen, so musste auch er mit einer kleineren Ernte zurechtkommen. Weil er aber seine Zwiebeln von mehreren Bauern bezog, konnte er die Ausfälle kompensieren. So schlimm wie letztes Jahr, als sogar einige Zwiebelverkäufer wegen der schlechten Ernte ihre Teilnahme am Märit kurzfristig absagen mussten, war es also nicht. Bamer und die anderen Zwiebelverkäufer hoffen trotzdem, dass die nächste Saison wieder «zwiebelfreundlicher» wird.

Den Zibelemärit-Mythen auf der Spur

Mythos 1: Die Konfetti sind die reinste Ressourcenverschwendung.

Bereits am frühen Morgen liegen auf den Gassen von Bern hunderttausende Konfetti. Manche haben sich auch in den Glühwein oder Punsch verirrt. Woher die Konfetti kommen, fragen sich wohl die wenigsten.

Die Konfetti-Verkäufer reagierten zumeist irritiert auf die Frage der Herkunft. Antworten waren rar. Italien war zumindest zwei Mal die Antwort. Ein Verkäufer mit Samichlaus-Mütze antwortete da schon detaillierter: Er behauptete, die Konfetti würden in einer Fabrik eines Freundes in Italien hergestellt. Die Konfetti seien aus Restpapieren produziert, nicht beschichtet und ökologisch abbaubar, so wie dies auch eine Vorschrift der Stadt will. Nach ausgiebigen Internetrecherchen haben sich die Informationen als richtig herausgestellt. Wichtig ist zudem, dass das Konfetti-Papier laut der Herstellerin vor der Produktion zweifach gelüftet und entstaubt wird.

Ob die Konfetti eine gravierende Ressourcenverschwendung darstellen, muss jeder für sich entscheiden. Ökos kann man zumindest beruhigen, dass mit der farbigen Papierschlacht keine Regenwälder abgeholzt werden.

Mythos 2: Die Zuckerzwiebelketten bestehen nur aus künstlichen Aromastoffen.

Auch woher die Zuckerzwiebelketten kommen, ist eine wichtige Frage. Antworten waren zunächst schwer rauszukriegen, dann verdichteten sich die Hinweise auf Basel als Geburtsstätte der Zuckerzwiebel. Und tatsächlich: die Süssigkeit ist keine bernische, sondern wird von einer Firma namens «Sweet Basel» aus Birsfelden hergestellt.

Gesundheitlich sind die Zwiebel-Täfeli neben typischen Zwiebelmarkt-Spezialitäten wie Churros und Belgische Waffeln sicher nicht weiter bedenklich. Man muss ja auch nicht alle 26 Zuckerzwiebeln nach dem ersten Stück Zwiebelkuchen essen.

Mythos 3: Der Zibelemärit wird stark von der Polizei bewacht.

Die Polizei ist wie bei allen Grossanlässen präsent. Am Käfigturm gab es sogar einen Infostand, wo die Bevölkerung die dringensten Fragen an die beiden Polizisten stellen konnten. Auf die Frage, wie viele Polizisten im Einsatz sind, gab es freundlich, aber bestimmt keine Auskunft. Das Aufgebot sei aber für einen solchen Grossanlass nicht zu klein. Polizisten in Uniform waren jedenfalls keine zu entdecken. Einige Personen sahen zumindenst ein bisschen nach Undercover-Gesetzeshüter aus.

Mythos 4: Der Zibelemärit wurde lediglich aus Überschuss an Zwiebeln erfunden.

Auf die Frage an Passanten, wie der Zibelemärit eigentlich entstanden ist, und warum, kamen wenige müde Antworten. Am häufigsten wurde vermutet, dass es vor 100 Jahren einen Überschuss an Zwiebeln gab und diese um jeden Preis an den Berner und an die Bernerin gebracht wurden. Ein Passant Mitte zwanzig war äusserst kreativ: Gemäss ihm wurden die übriggebliebenen Zwiebeln zuerst in den Bärengraben geworfen. Doch dummerweise hatten die Berner Bären keine Lust darauf. Die Bauern und Bäuerinnen suchten nach einem anderen Weg, da es ja zu schade wäre, wenn die Zwiebeln neben hinuntergeworfenen Plastiksäcken und Nuggis vergammeln würden. Die Antwort darauf war der Zibelemärit.

So schön diese Idee auch klingen mag, die Entstehungsgeschichte ist ein bisschen bünzliger. Dazu gibt es mehrere Theorien. Entweder ist das heutige kunterbunte Stadtfest der Nachfolger eines Marktes, der jeweils am Martinstag stattfand. Oder der Zibelemärit ist eine Art Mercischön für die lieben Freiburger, die den Bernern nach dem Stadtbrand im 15. Jahrhundert und den Burgunderkriegen geholfen haben.

So, jetzt sind hoffentlich alle Mythen geklärt und du kannst dich nächstes Jahr auf die wirklich wichtigen Dinge, Glühwein und die nervigen Plastikhämmerli, konzentrieren.