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Ein Crowdfunding, das alle Rekorde bricht

Ein regnerischer Mittwochmorgen – viele Personen stehen langsam auf und machen sich auf den Weg zur Arbeit. Im Kreis 4 in Zürich jedoch bildet sich frühmorgens vor dem Hotel Rothaus eine lange Personenschlange. Mit bunten Regenschirmen stehen da 200 Leute mit einem Kaffee in der Hand und warten darauf, reingelassen zu werden. Man könnte glatt das Gefühl haben, im Hotel wäre der Verkaufsstart fürs neue iPhone 9. Doch es handelt sich für einmal nicht um ein neues Apple-Produkt, ein neues Onlinemedium soll entstehen. Es ist der Start des Crowdfundings von Republik: ein digitales Medium, welches 2018 beginnt und nicht das Ziel hat, möglichst schnell zu publizieren, sondern gut recherchierte Artikel zu bringen, welche in die Tiefe gehen und das Thema aus mehreren Blickwinkeln zeigen sollen. Kurz nach 7 Uhr wird die wartende Menge erlöst. Sie dürfen hinein ins Hotel an die Wärme und an einem Desk oder auf ihrem Handy ein Abo abschliessen.

Das Ziel des Crowdfundings – 3000 Abonnements und 750’000 Franken – wird bereits knapp acht Stunden später erreicht. Noch am gleichen Tag wird der Schweizer Rekord eines Crowdfundings gebrochen. Am Donnerstag wird gar der Weltrekord für ein journalistisches Crowdfunding aufgestellt und das Projekt verspricht, vier Ausbildungsplätze für junge Journalistinnen und Journalisten zu schaffen.

Am Montag wird bereits mit 10’000 Abonnentinnen und Abonnenten die 2,5 Millionengrenze geknackt. Der absolute Weltrekord für Crowdfunding ist mit 150 Millionen zwar noch in weiter Ferne – glaubt man jedoch der Crowdfunding-Liste auf Wikipedia hat es das Projekt bereits in die Top 60 geschafft und die Top 50 liegt in Reichweite.

Doch warum kann ein 10-köpfiges Team so viele Menschen für ein Projekt begeistern, das noch in der Zukunft liegt? Die beiden Initianten – die erfolgreichen Journalisten Christof Moser und Constantin Seibt – haben wohl den besten Moment erwischt. Durch die Wahl von Donald Trump zum US-Präsidenten ist das Thema «Fake News» in den Fokus gerückt. Dadurch ist den Menschen wieder klar geworden, wie wichtig gut recherchierter Journalismus ist. Vielen Menschen ist bewusst geworden, dass die Inhalte auf Facebook nicht immer so vertrauenswürdig sind, wie sie dachten.

Wie viele davon wissen, was unabhängiger Journalismus bedeutet oder ob nicht ein grosser Teil des Erfolges auf extrem gutes Marketing zurückzuführen ist, ist schwer zu beantworten. Das Magazin soll komplett werbefrei sein. In wenigen Jahren soll der Betrieb alleine durch den Aboverkauf aufrecht gehalten werden. So ist die Gefahr gebannt, dass von einem Unternehmen plötzlich keine Werbeeinnahmen mehr kommen – weil schlecht über sie berichtet wurde. Dafür braucht Republik innert fünf Jahren 22’000 Abonnentinnen und Abonnenten. Bei wichtigen Entscheidungen haben die Investoren bloss ein Drittel der Stimmen, ein weiteres Drittel der Stimmen gehört den Mitarbeitenden und das letzte den Abonnentinnen und Abonnenten, welche Teil einer Genossenschaft sind.

Ebenfalls kann keine Investorin oder kein Investor ohne die Zustimmung der Mitarbeitenden oder Abonnentinnen und Abonennten einfach das Medium aufkaufen. Dass es Investoren aus der rechten Ecke gibt, welche gerne die ganze Presselandschaft in ihrem Besitz sehen würden, ist ein offenes Geheimnis. Die BaZ wurde bereits von Christoph Blocher aufgekauft – als Chefredaktor fungiert Markus Somm, bei dem man die Nähe zu Blocher schwer abstreiten kann. Auch sind Gerüchte im Raum, dass er mit Hintermänner die Blickgruppe kaufen möchte.

Durch geschicktes Marketing haben es die Macher von der Republik geschafft, die Idee wie eine Religion zu verkaufen. Oder wie es Kritiker sagen: wie eine Sekte. Die Schweiz wird dank ihnen vor dem Untergang bewahrt, die Demokratie gerettet. Der Name ist Programm: Republik – die Macht dem Volk und nicht wenigen Investoren. Es sind grosse Versprechen, welche in den Raum gestellt wurden. Ob sie alle erfüllt werden können, wird sich erst noch zeigen. Eines ist aber klar: Die Leserinnen und Leser dürfen sich auf gut recherchierte und brillant geschriebene Artikel freuen – das haben die beiden Initianten von Project R in der Vergangenheit schon mehrfach gezeigt.

Project R – die Zukunft des Journalismus?

Vor zwei Jahren hat alles begonnen: Die Idee von Project R wurde im stillen Kämmerlein geboren. Im Oktober des vergangenen Jahres informierten die beiden renommierten Journalisten Christof Moser und Constantin Seibt die Öffentlichkeit das erste Mal darüber, dass sie auf Ende Jahr künden und das Project R ins Leben rufen würden. «Ein digitales Magazin für aktuellen Hintergrund, Kontext und Diskurs», schrieb Moser auf Facebook. Mehr wurde nicht verraten. Interessierte konnten sich auf der neuen Webseite des Projekts in einen Newsletter eintragen. Und dann folgte erst mal nichts. Kein Newsletter, keine grossen Neuigkeiten, einfach nichts. Die beiden und alle noch damals unbekannten Beteiligten hüllten sich in Schweigen.

Am Dienstag war es nun so weit. Ich und die anderen 5000 Abonnenten erhielten den ersten Newsletter. Darin wurde das Team vorgestellt. Aus den beiden namhaften Journalisten wurde ein Team von acht Leuten – einschliesslich Entwicklerinnen und Projektleiter. Im Newsletter entdeckt man bekannte und weniger bekannte Gesichter, wie der preisgekrönte ehemalige NZZ Entwickler Thomas Preusse, welcher für den sichtbaren Teil des Webseite zuständig sein wird.

Das Team hat sich vor gut einer Woche im Hotel Rothaus im Kreis 4 in Zürich einquartiert. Im Newsletter wird zur Eröffnungsfeier eingeladen – noch am gleichen Abend ab 18:30 Uhr, mit norwegischem Bier und Rhabarber Schorle. Das lasse ich mir natürlich nicht entgehen und mache mich nach der Arbeit auf zum Kreis 4.

Beim Eingang werde ich und die vielen anderen Gäste mit einem Pin empfangen und drinnen gleich gefragt, was wir gerne trinken würden – dem Rhabarber Schorle kann ich nicht wiederstehen, es wird auch nicht das letzte sein. Kurze Zeit später bekommen wir von Christof Moser eine Führung durch die Räumlichkeiten. Die Grundidee wird uns vorgestellt: Neben kostenlosen Artikeln wird es einen Bereich für Abonnenten geben. Für 150-200 Franken pro Jahr haben die Abonnenten Zugang zu ausgefeilteren Geschichten, die multimedial verarbeitet wurden.

Die junge IT-Chefin Clara Vuillemin verrät, dass sie – im Gegensatz zu den etablierten Medien – den freien Journalisten gleich viel bezahlen wollen wie den fest Angestellten. Es sei zwar einfach, den Freien weniger zu bezahlen – doch fair fänden sie es nicht und deshalb wollten sie es besser machen. Auch im Team würden alle gleich viel verdienen. Dadurch würden Machtkämpfe vermieden. Für freie Mitarbeiter sind etwa 300 Stellenprozente vorgesehen. Ebenfalls vorgesehen sind zwei Ausbildungsplätze pro Jahr.

Geplant ist, im 2018 loszulegen. Bis dann wird das Team das Projekt fertig entwickeln und mit ersten Ideen experimentieren. Durch Crowdfunding erhoffen sie sich, eine finanzielle Basis zu erschaffen.

Nach unzähligen Gesprächen mit Teammitgliedern und Gästen kehre ich am späten Abend nach Hause mit dem Gedanken, dass das Projekt klappen muss. Wenn nicht sie es hinkriegen, wer dann?