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Geflüchtet in die Schweiz

Frau Aziz* lebt mittlerweile seit 3,5 Jahren in der Schweiz. Eigentlich ist sie Palästinenserin, aber sie hat in Syrien gelebt. Daher ist auch sie vor dem Krieg in Syrien geflüchtet. Sie hat den F-Ausweis, was bedeutet, dass sie nach dem Krieg wieder zurück nach Syrien gehen muss. Manchmal vermisst sie ihr Herkunftsland, aber Tinkjunior gegenüber sagt sie, dass es ihr hier in der Schweiz gefalle.

Ihr Leben in der Schweiz

Am Anfang war es für Frau Aziz schwierig, sich in der Schweiz zurechtzufinden: «Hier herrschen andere Gesetze, man spricht eine andere Sprache und das ganze Leben ist anders.» Heute fühlt sie sich dankbar, in der Schweiz zu sein und nutzt die Angebote, die ihr zur Verfügung stehen. «Es gibt hier ein Frauentreffen und wir machen regelmässig bei den Aktivitäten mit, welche die Gemeinde organisiert.» Frau Aziz lernt aktuell in einer Sprachschule in Bern Deutsch. «Danach möchte ich aber gerne arbeiten gehen.» Es sei nicht einfach, Deutsch zu lernen. Wenn man es aber unbedingt möchte, gehe es schon. Die Kinder von Frau Aziz gehen in einen Sportverein. Zudem gehen sie mindestens einmal in die Tagesschule, damit die Eltern entlastet werden.

Zufrieden, trotz den Schwierigkeiten

«Wir haben alles, was man zum Leben braucht.». Der einzige Nachteil sei, dass es bei ihnen zuhause sehr eng sei. Frau Aziz hat 4 Kinder und einen Mann, zusammen sind sie also 6 Personen, die in einer recht kleinen Wohnung leben. Die Kinder streiten oft, aber das sei ja normal. Auch Rassismus erlebe sie kaum. Manchmal schauen Menschen schon ein wenig komisch, aber das seien sehr wenige und vor allem ältere Menschen.

Das Interview wurde von unserer Tinkjunior-Reporterin auf Deutsch und Englisch geführt, es war keine Übersetzerin anwesend.

*Name von der Redaktion geändert

Ein Busfahrer als «Bernmobil-Sohn»

Auch ich steige häufig in den Bus ein. Insbesondere im Winter, wenn es kalt ist und ich keine Lust habe, in der Schule halb erforen anzukommen. Mit den Busfahrern und Busfahrerinnen habe ich bis anhin noch nie gesprochen, zumindest in Bern nicht.

Als ich letzten Sommer in einer Kleinstadt an der Ostküste Irlands für einen Sprachaufenthalt war, benutzte ich täglich den Bus. Zur Schule gings mit dem Schulbus, in dem ich den Fahrern lediglich ein freundliches «How are you?» zurief. Am Abend benutzte ich jeweils den öffentlichen Bus. Ich bemerkte, dass die Einheimischen mit den Busfahrern immer intensive Gespräche begannen, anders als ich es von Bern kannte. Schliesslich wurden jeweils auch wir Sprachstudentinnen und Sprachstudenten in die Konversation eingebunden und diskutierten über das Wetter, über unsere Heimatländer oder über den Brexit, der damals noch ein frischer Schock für die Iren war.

Mein Gespräch mit einem Busfahrer in Bern fand nicht im Bus, sondern in der Bernmobil-Garage am Eigerplatz statt. Es war später Nachmittag und somit waren die meisten Busse auf den Strassen und Kurven Berns unterwegs. In der Garage standen einige Busse zur Reperatur bereit. Ich hatte die Gelegenheit, mit Mariano Altomonte zu sprechen. Mariano Altomonte arbeitet seit September 2012 bei Bernmobil, wo er auch seine Ausbildung gemacht hat. Er bezeichnet sich deshalb als «Bernmobil-Sohn». Die Ausbildungen für Tram, Bus und Trolley-Bus hat er bestanden und er ist jeden Tag für verschiedene Linien und an verschiedenen Uhrzeiten im Einsatz.

Weshalb es in den Berner Bussen kaum Gespräche zwischen den Busfahrern und Fahrgästen gibt, wollte ich als erstes von Mariano Altomonte wissen. Er beobachte, dass es bei diesem Thema einen Stadt-Land-Unterschied gebe: «In der Stadt steigt der Fahrgast ein, steigt aus und das war’s.» Im Aussennetz, in dem Altomonte zu Beginn arbeitete, sei es viel familiärer zu- und hergegangen. Von manchen Passagieren wisse man mit der Zeit, wer sie sind und man komme mit ihnen immer wieder ins Gespräch. In der Stadt komme das viel weniger vor. Zu Neujahr oder zum Valentinstag komme es häufig vor, dass Leute extra vorne aussteigen, kurz mit den Fahrern reden und manchmal sogar einen Schoggi als Zeichen der Dankbarkeit schenken. Das freut Altomonte jeweils ganz besonders.

Der lustigste Busfahrer-Moment für Mariano Altomonte passierte in Konolfingen, als jemand seinen vollen Migros-Wagen im Bus vergessen hatte. Ein Mitarbeiter der BLS am Bahnhof Konolfingen teilte ihm mit, dass dieser Fahrgast an einer Haltestelle auf ihn warten würde. Und tatsächlich stand der Mann an abgemachter Haltestelle zu abgemachter Uhrzeit und konnte seinen Wagen entgegennehmen. Als Dank schenkte dieser dem Busfahrer Altomonte eine Flasche Rotwein. «Das ist wirklich cool gewesen», fügte Altomonte beim Erzählen der Geschichte lachend hinzu.

Unangenehme Situationen seien vor allem auf den Verkehr zurückzuführen – zum Beispiel wenn er eine Vollbremsung machen müsse. Wenn es zu heiklen Situationen komme, etwa mit Betrunkenen, sei dies vor allem für die anderen Fahrgäste unangenehm. Für allfällige Schlichtungen seien aber nicht die Busfahrer, sondern anderes Personal zuständig.

Ich sprach den Busfahrer auf folgende Situation an, die ich schon öfter beobachtet habe oder ich gar selbst davon betroffen war: Wenn man zu spät dran ist und auf den Bus zurennt, gibt es manche Fahrer, die warten, andere fahren vorher ab. Altomonte betonte, dass dies nicht aus bösem Wille geschehe. Teilweise sei das Warten nicht möglich, insbesondere zu Stosszeiten, da zu dieser Zeit ein Bus nach dem anderen fährt und man den Fahrplan einhalten muss. Ansonsten versuche er, so oft wie möglich zu warten. Enttäuscht musste ich feststellen, dass die Busfahrer keine Wetten untereinander abschliessen, wie oft ein Busfahrer den Passagieren vor der Nase wegfährt.

Es scheint, dass für die Busfahrer trotz der Hektik immer genügend Zeit vorhanden ist, um deren Kollegen zu grüssen. Das Zeichen sei schlicht ein verbindendes Ritual, das sie vom ersten Tag an vermittelt bekämen. Von den ungefähr 600 Fahrern kennt Mariano Altomonte längst nicht alle, gegrüsst werde von ihm jedoch jeder.

Zum Schluss wollte ich noch von ihm wissen, warum er zusätzlich auch noch die Tramausbildung gemacht hat (welche er erst kurz vor unserem Interview erfolgreich absolviert hatte). Dies habe nichts damit zu tun gehabt, dass momentan immer wieder diskutiert werde, ob Bus- durch Tramlinien ersetzt werden sollen. «Ich finde es einfach gut, wenn ich die Auswahl zwischen Bus, Trolleybus und Tram habe. Tram und Bus sind zwei Paar Schuhe; man kann diese nicht vergleichen».

«Dr SCB isch dr geilscht Club»

Er wartet schon, an diesem Mittwochmittag, in einem Café in Bern, notabene zwei Tage nachdem sich der SCB in Zug zum zweiten Mal in Folge zum Eishockey Schweizer Meister küren lassen konnte. Von seinem Gipfeli ist schon fast nichts mehr übrig. «Tinu», stellt er sich vor. Martin Megert, wie er mit bürgerlichem Namen heisst, ist Informatiker. Neben seinem Beruf gibt es eine grosse Konstante in seinem Leben. Sie heisst SCB. Ich setzte mich ihm gegenüber hin. Wie sich herausstellt, ist Tinu genau wie ich in Burgdorf aufgewachsen. Während mich mein Vater an meinen ersten Match nach Langnau mitnahm, ging es für Tinu in die andere Richtung, nach Bern.

Das war der Beginn einer grossen Liebe. Heute ist der 56-Jährige der wahrscheinlich grösste SCB-Fan und ziemlich sicher auch der Bekannteste. Er ist Betreiber der Facebook-Seite «Hardboiled SCB», welche mittlerweile über 8000 Fans zählt. Auf dieser veröffentlicht er an jedem Spieltag spätestens eine Stunde nach dem Schlusspfiff einen Matchbericht, in dem er sich unzensiert seine Emotionen vom Leib schreibt. Diese Emotionen hat er nun auch in Buchform niedergeschrieben: «111 Gründe, den SCB zu lieben», heisst das gute Stück. Auch wenn sich Tinu für das Buch etwas zurückhalten musste, was die Sprache anging, ist sein Schreibstil deutlich erkennbar. «Ich bin wahnsinnig stolz auf das Buch, und auch auf mich», erzählt Tinu.

Seitenhiebe für Fribourg-Gottéron

«Der wichtigste Grund, den SCB zu lieben, ist ganz einfach: Der SCB ist ein geiler Club», sagt Tinu. Diesen einen, alles überspannenden Grund habe er dann, «wie ein Forensiker», aufgespalten in 111 Gründe. Drei Monate habe er jede Nacht daran geschrieben, immer mit der Deadline im Nacken. Er sei froh, dass er das Buch nicht während der Eishockeysaison schreiben musste, schmunzelt er. «Zusammen mit einem 100%-Job bin ich schon an meine Grenzen gekommen».

Das Buch ist eine Liebeserklärung an den SCB. Nicht immer sehr objektiv geschrieben, doch ausnahmslos ehrlich, interessant und auch lehrreich. Was auffällt: Gefühlt auf jeder zweiten Seite ist ein Seitenhieb gegen Fribourg-Gottéron versteckt. Diesen Club kann Tinu nicht ausstehen. «Weil es den HC Fribourg-Gottéron gibt», ist sogar der 39. Grund, den SCB zu lieben. Tinu erklärt, dass die Fribourger Fans «ekligi Cheibe» seien. Seine Erinnerungen an Fribourg seien nicht die besten, gibt er zu. Doch man könne sie auch nicht wirklich ernstnehmen, die chronisch erfolglosen Zähringer, die als einen der grössten Erfolge der Vereinsgeschichte den Vize Schweizer-Meister-Titel angeben, führt er weiter aus. Da seien ja sogar die Langnauer erfolgreicher – einen Titel gab es für die Langnauer 1976 zu feiern.

Der SCB als Kontaktbörse

Selbst der eingefleischteste SCB-Fan wird bei der Lektüre einige neue Dinge über seinen Lieblingsclub lernen. Etwa, dass die Band Europe extra für den SC Bern eine Ausnahme machte und ihren Hit «The Final Countdown», welcher nach jedem Berner Tor erklingt, zur Einweihung des neuen Stadions 2009 live spielte. Denn seit ihrem Comeback im Jahre 2004 weigerten sie sich standhaft, ihren grössten Hit live zu spielen. Auch Privates findet im Buch Platz: Martin Megert hat seine Frau an einem SCB-Spiel kennengelernt. Auch Randgeschichten von Spielern, Trainern und Schiedsrichtern finden in Tinus Werk Platz. In über 40 Jahren als SCB-Fan hat er vieles erlebt und kann so aus dem Nähkästchen plaudern. Die Liebe und Leidenschaft für den SCB ist in jeder Zeile spürbar.

Der Meisterfeier im Berner Stadion am Ostermontag blieb Tinu übrigens fern. «Bisher haben sie noch immer verloren, wenn ich an ein Public Viewing gegangen bin», so Tinu. Auch als der Titel im Trockenen war, blieb er zuhause: «Das war für mich ein schöner Abschluss der Saison». Er sei halt nicht mehr der Jüngste. Doch den Umzug durch die Berner Altstadt und die Feier auf dem Bundesplatz liess er sich nicht entgehen. «Das ist Ehrensache», meint der wohl grösste SCB-Fan, bevor er sich verabschieden muss. Er werde jetzt den Sommer geniessen.

Mann, Frau und darüber hinaus

Der Mensch will einordnen, kategorisieren, schubladisieren. Deshalb ist unsere Gesellschaft in vielen Aspekten des täglichen Lebens geschlechtergeteilt. Dass dies den Alltag von Personen erschweren kann, ist den meisten von uns nicht bewusst. Grundlegende Bedürfnisse wie der Gang auf eine öffentliche Toilette werden zum Beispiel für Lukas N. zu einer wiederkehrenden Stresssituation. Denn Lukas wurde nicht seit seiner Geburt mit diesem Namen gerufen.

Ein Neuanfang

«Vor drei Jahren, kurz vor meinem Studienbeginn an der Pädagogischen Hochschule (PH) in Bern, habe ich mich für diesen Namen entschieden. Es würde ein Neuanfang werden und ich musste mich natürlich für den Studiengang einschreiben. Das habe ich dann mit Lukas N. getan», erzählt Lukas in einem Büro an der PH, das er für seine Mitarbeit an der Institution benutzen darf. Warum aber wollte er seinen Geburtsnamen ablegen und einen neuen Namen annehmen?

Zum ersten Mal im Gespräch mit Lukas fällt der Begriff «Transidentität». In einem weiblichen Körper geboren und als Mädchen in der Gesellschaft sozialisiert, hatte sich Lukas stets darum bemüht, sich nicht mit sich selbst auseinandersetzen zu müssen. «In meiner Jugend war ich unzufrieden mit meinem Leben und musste mir schliesslich eingestehen, dass ich mich von mir selbst distanzierte. Erst nach dem Gymnasium, als ich ein Zwischenjahr in der Westschweiz absolvierte, stellte ich mich der Frage, ob ich zufrieden bin mit der Geschlechterrolle, die ich in der Gesellschaft einnehme. Und das war ich nicht.»

In der Vergangenheit wühlen

Lukas fragte sich, ob es in seiner Kindheit bereits Indizien für seine Transidentität gegeben haben könnte. Als Kind und Jugendlicher habe er oft an Bauchschmerzen gelitten, da es ihm psychisch häufig nicht gut ging. Sogar sein Essverhalten litt darunter: «Wenn ich die Möglichkeit hatte, habe ich manchmal auch Mahlzeiten ausgelassen. So wie viele Jugendliche hatte auch ich Probleme, mich mit meinem eigenen Körper auseinanderzusetzen.»

In der Vergangenheit zu wühlen, half Lukas aber vor allem, einen Zusammenhang mit der heutigen Situation zu finden. Er habe zwar eine Transidentität, dennoch verabscheue er nicht alles an seinem Körper. Er würde sich nicht als im «falschen Körper geboren» bezeichnen. Nicht alles an seinem Äussern lehne er ab aufgrund des Geschlechts, das ihm durch seine Anatomie zugewiesen wird und mit dem er sich nicht identifizieren kann.

Ein Geschlechterspektrum

Transidentität definiert also, dass ein Mensch sich nicht – oder nicht ausschliesslich – mit dem Geschlecht identifizieren kann, welches ihm aufgrund seiner biologischen Merkmale bei der Geburt zugeschrieben wurde. Transidentität und Transgender (engl. «soziales Geschlecht») beschreiben den Sachverhalt treffend, während der Begriff Transsexualität meist pathologisierend wirkt und den irreführenden Schluss zulässt, die Bezeichnung habe mit Sexualität statt mit Identität zu tun. Unter Transidentität fallen aber nicht nur Menschen, die sich mit dem entgegengesetzten Geschlecht identifizieren, das ihnen zugewiesen wurde, sondern auch alle Personen, die sich dazwischen oder gar keinem Geschlecht zugehörig fühlen. «Unter dem Strich geht es darum, dass es ein Geschlechterspektrum ist und es gibt zwischen den zwei Polen «Mann» und «Frau» unzählige Identitäten. Die Vielfalt ist riesengross», fasst Lukas zusammen.

Sich einordnen

Auch Lukas sah das Problem darin, dass er sich nicht in der Geschlechterrolle wohlfühlte, die er in der Gesellschaft innehatte. Daher war für ihn die Schlussfolgerung: Ich fühle mich nicht wohl als Frau in der Gesellschaft, also bin ich ein Mann. Er versuchte dementsprechend, in dieser männlichen Rolle aufzugehen, merkte aber bald, dass er auch dort an seine Grenzen stiess. «Ich wurde als Frau sozialisiert und lehne nicht alles davon ab. Als Mädchen wurde mir von meinem Umfeld vorgelebt, dass ich Emotionen zeigen darf, was bei Jungen oft nicht der Fall ist. Ich will nicht rollenkonforme Verhaltensweisen annehmen müssen, nur damit ich in der Gesellschaft als Mann akzeptiert werde. Aber damit ich mich in unserem binären System von Mann und Frau bewegen kann, ordne ich mich formell der männlichen Seite zu», führt Lukas weiter aus. «Zu Beginn, als ich es nicht besser wusste, habe ich mich in dieser zweipoligen Gesellschaft einzugliedern versucht. Doch mit den gemachten Erfahrungen habe ich erkennen dürfen, wie vielfältig Geschlecht sein kann. Auch ich muss mich noch immer informieren über Identitäten, die ich noch nicht kenne und verstehen möchte.»

Elastische Geschlechteridentität

Obwohl bestimmte Interessen einem Geschlecht zugeordnet werden, zum Beispiel klischeehaft das Fussballspielen den Buben und das Ballett den Mädchen, wollen sich auch Menschen nicht «geschlechterkonform» verhalten, die sich mit ihrem zugewiesenen Geschlecht identifizieren können. Nur sind die Hemmungen dabei oft sehr gross. Um den Erwartungen der Gesellschaft zu entsprechen, unterlassen wir dann Dinge, die wir eigentlich gern tun würden. Der Gedanke, mit der eigenen Geschlechteridentität zu experimentieren und wie elastisch das gelebte Geschlecht eigentlich sein sollte, ist sehr inspirierend. «Leider ist dieser Gedanke eine Illusion», weist Lukas darauf hin, «denn der Mensch ist sich zu sehr an das bipolare System von weiblich und männlich gewöhnt, als dass einfach jeder daraus ausbrechen könnte oder wollte.» Wenn Personen, die Lukas kennt, ihn manchmal mit dem falschen Pronomen ansprechen, ist das für ihn kein Problem. «Im Gegenteil, viele haben dann das Gefühl, dass sie sich rechtfertigen müssen.» Das zeige ihm aber nur noch mehr, dass diese Personen gewisse Verhaltensweisen entweder mit Mann- oder Frau-Sein in Verbindung bringen und in diesem System festsitzen.

Seltene Happy Ends

Lukas‘ Umfeld habe sich seit seiner Entscheidung, mit einer männlichen Identität zu leben, ziemlich verändert. Einerseits habe er Freunde verloren, die ihn nicht unterstützen konnten in seinem Prozess, sei es aus Unverständnis oder aus Überforderung. Andererseits gewann er durch seine neue Ausbildung an der PH Bern einen neuen Freundeskreis hinzu. «Es war kein Verlust, sondern eher eine Ablösung von Freunden.» Bei seinen Eltern stiess Lukas zuerst auf Enttäuschung, weil er die Erwartungen, die sie an ihn hatten, nicht mehr erfüllte. «Ich war nicht das Mädchen, als das ich geboren wurde und würde den Vorstellungen auch nie gerecht werden. Obwohl es schwer für sie war, erhalte ich aber heute ihre volle Unterstützung.» Lukas stellt aber sofort klar, dass dies eines der nicht häufigen Happy Ends ist.

Personen mit einer Transidentität werden oft von ihren Familien verstossen. Oder Eltern versuchen, ihr Kind von der Identität, die es ausleben möchte, abzubringen. «Kinder können schon früh selbst erkennen, dass ihnen die Geschlechterrolle, die ihnen zugeteilt wurde, nicht gefällt. Wenn ein Kind dieses Problem in irgendeiner Weise äussert, sei es direkt oder durch ungewöhnliches Verhalten, ist es wichtig, zuzuhören und nicht zu versuchen, dem Kind den eigenen Willen aufzuzwingen», so Lukas. Leider gibt es in der Schweiz keine Anlaufstelle für Transkinder und deren Eltern, wo sie sich beraten lassen könnten, ohne dass es auf eine pathologische Erklärung für das Verhalten des Kindes hinausläuft. Es fehlt an der Repräsentation des Themas. Wie sollen Kinder mit Vielfältigkeit aufwachsen, wenn sie nichts davon mitbekommen?

Durch Sprache zur Identität

Ein an Geschlechterrollen angepasster Geschlechtsausdruck kann Transmenschen dazu verhelfen, von ihren Mitmenschen gemäss ihrer Geschlechtsidentität anerkannt zu werden, was von aussen nicht selten als klischeehafte Darstellung empfunden wird.

Transmenschen haben sich nie mit dem Geschlecht identifiziert, das ihnen bei ihrer Geburt zugewiesen wurde. Deshalb sollte nicht von einer Geschlechtsumwandlung gesprochen werden. Als korrekter Begriff gilt derjenige der Geschlechtsangleichung. Sprache ist beim Thema Transgender wichtig, weil diese Menschen ihre Identität oft nur durch sie ausdrücken können. «Damit andere mich so sehen, wie ich mich sehe, müsste ich vieles an meinem Äusseren ändern. Das heisst, mein ich auf mein Äusseres reduzieren.» Wer sich nicht seinem Geschlecht entsprechend kleidet, ist der Diskriminierung durch seine Mitmenschen ausgesetzt. Männer erstaunlicherweise mehr als Frauen. Warum wird ein Mann, der in einem Kleid durch die Stadt geht, als schräger Vogel angesehen, während Frauen in «Männerklamotten» viel eher akzeptiert werden? «Im Rahmen eines Praktikums der PH wurde mir einmal von einer Lehrperson gesagt, ich solle meine Rolle als Mann vor den Kindern gut spielen. Ich wurde in meiner Identität nicht ernst genommen, sondern als jemand, der etwas vorspielt. Ich sollte mich dem binären System fügen und nicht provozieren. Ich sollte den klischeehaften Mann verkörpern.»

Offenheit für die Vielfalt

Als Transmann ist Lukas stets mit dem Urteil der Gesellschaft konfrontiert, dass sein Äusseres nicht mit seiner Identität übereinstimme. Garderoben und Toiletten sind für Lukas Räume, die er entweder gar nicht oder nicht ohne Unwohlsein benutzen kann. Warum gibt es keine geschlechterneutralen Toiletten in öffentlichen Gebäuden? Oder einfach abgeschlossene Einzelkabinen für alle statt der getrennten Garderoben? Die Vielfalt der Gesellschaft ist so gross, warum müssen wir sie also auf ein zweipoliges System reduzieren?

«Transmenschen wollen die Bedeutung mindern, die dem sozialen und biologischen Geschlecht zugeschrieben wird. Wir wollen leben wie wir uns fühlen, egal mit welchen anatomischen Voraussetzungen», spricht sich Lukas über die Wünsche der Trans-Bewegung aus. Ausserdem sind Transmenschen überhaupt nicht rechtlich abgestützt. Als Lukas das Gesuch für seine Namensänderung einreichte, musste er Beweisdokumente einsenden, dass er diesen Namen schon verwendet hatte. Bei anderen Personen wurde das Gesuch ohne Schwierigkeiten bewilligt. Es gibt also kein einheitliches rechtliches Verfahren bei der Namensänderung oder dem Personenstand bezüglich Transidentität. Transidentität wird im Klassifizierungssystem der Krankheiten von der WHO nach wie vor unter «Störung der Geschlechtsidentität» aufgeführt. Die Transgender Community ist jedoch aktiv und konnte in kurzer Zeit enorm viel bewirken: Eine Revision der Klassifizierung steht bevor.

Lukas und andere Transmenschen wünschen sich mehr soziale Offenheit für die Vielfalt des Geschlechts. Das Gespräch mit Lukas soll die Elastizität der Geschlechteridentität vor Augen führen. Dass es nicht nur Mann und Frau gibt und nichts dazwischen. Sondern dass es einen Reichtum an Identitäten gibt, die unabhängig von ihren anatomischen Äusserlichkeiten anerkannt werden wollen. Menschen, die beweisen, dass Identität und anatomisches Geschlecht voneinander losgelöst sind. So dass es eines Tages für keinen mehr einen Kompromiss zwischen Authentizität, Wohlfühlen und sich einfügen sein muss.

Weiterführende Informationen findest du hier:

Interview mit einem Militäroffizier

In einem früheren Artikel von mir («Militärdienst – ein Perspektivenwechsel») habe ich aus der Sicht eines Soldaten Geschichten und Eindrücke aus dem Militär veröffentlicht.

Nun ist es nur fair, die andere Partei zu Wort kommen zu lassen. Dazu habe ich meinen ehemaligen Vorgesetzten, nämlich Oberleutnant Schär, einige Fragen gestellt. Er war unser Zugführer während meines Militärdienstes.

Was ist genau ein Zugführer?

Der Zugführer ist der zweithöchste Vorgesetzte, mit dem die Soldaten direkt konfrontiert werden. Lediglich der Kommandant ist noch ein wenig höher gestellt . Der Zugführer übernimmt einen grossen Teil der Verantwortung über die Soldaten, was in anderen Worten bedeutet, dass er 40 bis 60 Soldaten leitet und auch in die Ausbildung der Soldaten eingreift. Militaristen, die sich für eine Laufbahn als Zugführer entscheiden, müssen 600 Tage am Stück Militärdienst leisten. Dabei durchläuft ein Zugführer folgende Phasen: die obligate Rekrutenschule, die Unteroffiziers- sowie die normale Offiziersschule, dann die längste und eigentliche Hauptphase, die Phase als Zugführer, und schlussendlich verdient er noch die restlichen zwei bis drei Monate in einer anderen Kompanie ab. 

In den Diensten des Vaterlandes

Oberleutnant Schär wusste seit Beginn seiner Rekrutenschule, dass das Militär für ihn ein einmaliges Arbeitsumfeld darstellt. Um ganz sicher zu gehen, ob er nun in die Ausbildung als Offizier eintreten sollte, erkundete er sich nach ein paar weiteren Meinungen von ehemaligen Offizieren. Er erhielt beinahe ausschliesslich positive Rückmeldungen. Und Oberleutnant Schär bereut die Ausbildung zum Offizieren auch nach 500 Tagen geleisteten Dienst nicht. Ihm gefällt es, den Alltag für 40-50 Soldaten und Gruppenführer zu planen, sie zu führen und auszubilden und mit ihnen gemeinsam die erhaltenen Ziele zu meistern.

Herr Schär ist sehr stolz, ein Offizier in der Einheit Infanterie Durchdiener sein zu können. Was für ihn die Infanterie grundsätzlich ausmacht, ist die weitübergreifende Ausbildung der Infanteristen und ihre weitreichende Einsetzbarkeit. Infanteristen werden unter anderem in den Bereichen Selbstverteidigung, Schusswaffen, Sanitätsdienst und Funkkommunikation ausgebildet. Zudem ist die Infanterie der Hauptträger der Armee. Dies sind Gründe, warum es im Militär mehr Durchdiener der Einheit Infanterie bräuche, da Infanteristen kompetente und gut ausgebildete Leute seien, meint Schär. Man könne während 300 Tagen auf gut ausgebildete Leute zurückgreifen.

«Das Militär an der Front»

Für Oberleutnant Schär ist klar: als Durchdiener in der Einheit Infanterie kann die absolvierte  Ausbildung nicht wirklich in die Praxis umgesetzt werden. Der Umgang mit all den verschiedenen Waffen sowie die taktische, militärische Vorgehensweise in einem Krieg, wie etwa das «Verschieben und Vorrücken mithilfe Feuer und Bewegung», bleiben lediglich in der Ausbildungsphase von Gebrauch. Die Einsätze der Infanteristen beziehen sich hauptsächlich auf die Unterstützung der zivilen Behörde. Beispiele dafür sind der Einsatz am World Economic Forum in Davos oder der Botschaftsschutz in Genf. Erwähnenswert ist mehrere tausend Militaristen im Einsatz waren und Arbeiten wie Gebäudeschutz, Logistik und Versorgung erledigten. Schär ist sich sicher: So viele freiwillige zivilistische Kräfte aufzutreiben hätte wahrscheinlich ein äusserst schwieriges Unterfangen dargestellt.

Bewahrheitetes Klischee?

Natürlich musste auch Oberleutnant Schär eine Ausbildung zum Offizier durchlaufen. Ich fragte ihn, ob das Klischee stimme, dass Zug- und Gruppenführer oft zu jung und zu unerfahren seien, um eine solche Menge an ebenfals jungen, unerfahrenen und verschiedenen Männern leiten zu können. Seiner Meinung nach ist dies kein Klischee, sondern eine Tatsache. Nach der Offiziersschule werden einem frisch gebackenen Zugführer direkt 40 bis 60 Leute unterstellt. Viele Anweisungen und Aufträge, die aus den höheren Etagen kommen, hört man dann zum ersten Mal. Während der Eingewöhnungsphase der neuen Rekruten ergibt sich auch für die Zugführer nur kurz Zeit, sich etwas an das Führen von Gruppen zu gewöhnen. Was dem entgegenwirken könne, sei eine länger andauernde Offiziersschule, wo unter anderem das Führen von Gruppen öfters behandelt und angesprochen werde.

Förmlichkeiten gegen persönliche Beziehungen

Als ich Oberleutnant Schär auf die Beziehung zu seinen Soldaten angesprochen hatte, meinte er, dass er vor allem in der zweiten Hälfte des Militärdienstes seiner Soldaten ein sehr enges Verhältnis zu ihnen aufgebaut habe. Er erwähnte, dass das Verhalten eines Zugführers je nach Phase im Militär angepasst werden müsse. Während der Rekrutenschule müsse ein Zugführer die Soldaten eher «etwas härter rannehmen», sodass eine gewisse Basis und Disziplin der Soldaten geschaffen werden könne. Dann habe man im Militär eine bessere Voraussetzung für spätere Einsätze, so Oberleutnant Schär. In einer späteren Phase im Militär sollte man als Zugführer jedoch etwas persönlicher werden und als Mensch bei den Soldaten überzeugen, da mit der Zeit der Rang bei den Soldaten nicht mehr die gleiche Wichtigkeit besitzt wie zu Beginn des Militärdienstes. Im Gegenzug fragte ich meinen Interviewpartner, was für ein Verhältnis er zu seinen Vorgesetzten pflege. Dazu meinte Oberleutnant Schär, dass sich das Verhältnis zu den Berufsmilitaristen nicht wirklich verändert habe. Ab und zu tauschte man etwas Persönliches untereinander aus, was allerdings eher eine Ausnahme darstellte. Die Beziehung zum Kommandanten sei vielleicht etwas persönlicher geworden. Dies gehe jedoch auch in Ordnung, da die Zugführer die wichtigsten Ansprechpartner für einen Kommandanten darstellen im Bezug zu den Soldaten. Sobald der Kommandant nicht mit seinen Zugführern harmoniere, könne die Kompanie nicht wirklich funktionieren.

Hochs und Tiefs eines Zugführers

Zur Frage, was der schlimmste Moment in der bisherigen Laufbahn von Oberleutnant Schär gewesen sei, hat er vor allem die ersten 12 Wochen als Zugführer angesprochen. Diese Wochen seien äusserst arbeitsintensiv und schlafraubend. Viele Arbeiten wie etwa die Planung und das Administrative müsse am Abend oder in der Nacht erledigt werden, da man den Tag durch mit den Rekruten beschäftigt sei. Somit habe er während der Rekrutenschule meistens nur 2-3 Stunden Schlaf gekriegt – an seltenen Tagen auch gar keinen. Dies konnte Oberleutnant Schär launisch werden lassen. Die hohe psychische Belastung aus den ersten Wochen beanspruchte automatisch auch seine Physis. Somit war der Offizier sehr auf die Wochenenden angewiesen. Er betonte, dass die Wochenenden äusserst wichtig seien, um ein bisschen Abstand vom Militär zu gewinnen und sich zu regenerieren. Denn 600 Tage Militärdienst sind eine lange Zeit. Deswegen ist es wichtig, dass man vor allem die positiven Momente im Hinterkopf behält. Hierzu erzählte Oberleutnant Schär vom bestandenen 100 Kilometer langen Marsch während der Offiziersschule und den Umgang mit seinen «Schöflis», wie er oft zu sagen pflegte. Er fand es eine schöne Arbeit, 300 Tage seinen Zug führen zu können und mit ihnen Lob und Anerkennung von den Vorgesetzten zu erhalten. Dies motiviere ungemein, wenn man als Team sich gemeinsam Vorgenommenes erreiche.

Wer ist Annina Häusli?

Ihr erster Einsatz für Tink.ch ging unter die Haut. In der Blindenhundeschule Allschwil (BL) wurde Annina Häusli (23) brutal von jungen Welpen angegriffen und an der Wade gebissen. Das war vor zwei Jahren. Doch alleine die Tatsache, dass sie bis heute nicht ausgestiegen ist beweist, dass bei Tink gute Arbeit geleistet wird. Tink hat ihr dabei geholfen, sich definitiv für den Journalismus zu entscheiden. Für die Zukunft hat Annina bereits einen Plan: sich von Praktikum zu Praktikum zu hangeln, bis sie eine Festanstellung gefunden hat.

Mit ihrem Lieblingssatz wird sie bei ihrem Praktikum regelmässig konfrontiert: «Wir können das momentan weder dementieren noch bestätigen.» So gehört bei der Berner Kantonspolizei. Und diese Rhetorik übernimmt sie auch gleich selbst, wenn eine Prognose über Tink in fünf Jahren geben soll: «Ich kann zu diesem Zeitpunkt noch keine Aussage machen.»

Statt Sätze übers Papier jagt sie manchmal Bälle über den Tisch. Aber auch im Tischtennisclub kann sie die Finger nicht vom Schreiben lassen und verfasst für Tischtennisclub Burgdorf die Medienmitteilungen. Der Club profitiert von ihrer Erfahrung.

Nach ihrem Lieblingsautoren gefragt, erwähnt sie Terry Goodkind, den Verfasser einer zwölfteiligen Fantasy-Serie (Tendenz steigend), welcher ein Universum im Stile Tolkiens erschaffen hat — «nur ohne Orks». Vor fünf Jahren habe sie die Bücher verschlungen, inzwischen sei sie sich aber der Qualität nicht mehr so sicher: «Der Held ist zu perfekt, das stört mich heute.»