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Die Vierte Gewalt gerät ins Abseits

Was haben Maulwürfe und Journalisten* gemeinsam? Beide Spezies sind vom Aussterben bedroht, beide Spezies wühlen gerne: Die eine in der blanken Erde, die andere in den Untiefen der menschlich produzierten Informationsfülle. Allerdings sind Journalisten* am Ende des Monats froh, wenn der Kontostand höher ist als noch vier Wochen zuvor.

Das Problem ist schnell umrissen: In der Menge an Gratisnews, die im Internet verbreitet und in druckfertiger Form in der »Blick am Abend«-Box liegen, geht schnell vergessen, dass gut recherchierter Journalismus etwas kostet. Es geht vergessen, dass da Menschen sitzen, die Politikern* auf den Zahn fühlen und das Amtsdeutsch der Behörden für uns Laien übersetzen und aufbereiten. Produktionskosten bezahlen sich nicht von selbst: Druckerpressen, Marketing und Gebäudemieten kosten. Und ob man es glaubt oder nicht: Journalisten* arbeiten nicht umsonst. Weder für die Leser*, noch für den Verlag.

Leser* wollen keine Fake-New. Für eine fundierte Berichterstattung bezahlen wollen sie aber auch nicht. Verlage wollen nicht investieren, aber möglichst viel Gewinn einstreichen. Diese Rechnung geht allerdings nicht auf. Die Folge: überall wird gespart. So greift beispielsweise der Medienkonzern Tamedia tief in die Berner Medienlandschaft ein, indem die Titel «Berner Zeitung» und «Der Bund» zukünftig mit demselben Inhalt gefüllt werden sollen. Unterscheiden würden die Blätter sich nur noch durch den Titel und den Lokalteil. Statt in einen qualitativen Journalismus zu investieren, werden die Journalisten* entlassen. Die Quantität muss aber dieselbe bleiben. Weil dafür aber die Angestellten fehlen, macht man aus den beiden Zeitungen «Einheitsbrei». Statt sich selbst überdimensionale Boni einzuzahlen, könnten die CEO* in eine breit gefächerte Medienlandschaft mit verschiedenen Gewichtungen investieren.

Analog ist nicht mehr gefragt

Das digitale Zeitalter ist für die Branche eher ein Fluch als ein Segen. Für eine Berichterstattung auf Papier zu bezahlen, sind nur noch die Wenigsten bereit. Das zeigt die Schliessung der Papierfabrik in Utzenstorf im Kanton Bern. Die Produktion wird Ende Jahr aufgegeben. Dadurch werden 200 Angestellte ihren Job verlieren. Die CPH Chemie Papier Holding AG im luzernischen Perlen übernimmt auf 2018 die Kunden- und Altpapierlieferantenverträge. Somit wird die Fabrik in Perlen ab 2018 zur letzten und einzigen Papierfabrik für Zeitungsdruck- und Magazinpapiere in der ganzen Schweiz.

Die gedruckte Zeitung werden wir früher als gedacht unseren Kindern in Glasvitrinen im Museum zeigen müssen. Die meisten Leser* weichen heute auf das Internet aus, wo die gleichen Informationen ohne Gegenleistung zur Verfügung stehen. Da die Zeitungen und Verlage merken, dass sie sich das eigene Grab geschaufelt haben, muss für einige digitale Artikel nun auch ein kleiner Batzen gezahlt werden.

Eine differenzierte Berichterstattung gehört zu einer funktionierenden Demokratie. Dafür braucht es Leser* und Medienmanager*, die bereit sind, etwas zu investieren. Denn der Staat als Sugar-Daddy wäre auch nicht geheuer. Dann will er nämlich mitreden. Und das bringt die vierte Staatsgewalt erst recht in Gefahr.

Ein Crowdfunding, das alle Rekorde bricht

Ein regnerischer Mittwochmorgen – viele Personen stehen langsam auf und machen sich auf den Weg zur Arbeit. Im Kreis 4 in Zürich jedoch bildet sich frühmorgens vor dem Hotel Rothaus eine lange Personenschlange. Mit bunten Regenschirmen stehen da 200 Leute mit einem Kaffee in der Hand und warten darauf, reingelassen zu werden. Man könnte glatt das Gefühl haben, im Hotel wäre der Verkaufsstart fürs neue iPhone 9. Doch es handelt sich für einmal nicht um ein neues Apple-Produkt, ein neues Onlinemedium soll entstehen. Es ist der Start des Crowdfundings von Republik: ein digitales Medium, welches 2018 beginnt und nicht das Ziel hat, möglichst schnell zu publizieren, sondern gut recherchierte Artikel zu bringen, welche in die Tiefe gehen und das Thema aus mehreren Blickwinkeln zeigen sollen. Kurz nach 7 Uhr wird die wartende Menge erlöst. Sie dürfen hinein ins Hotel an die Wärme und an einem Desk oder auf ihrem Handy ein Abo abschliessen.

Das Ziel des Crowdfundings – 3000 Abonnements und 750’000 Franken – wird bereits knapp acht Stunden später erreicht. Noch am gleichen Tag wird der Schweizer Rekord eines Crowdfundings gebrochen. Am Donnerstag wird gar der Weltrekord für ein journalistisches Crowdfunding aufgestellt und das Projekt verspricht, vier Ausbildungsplätze für junge Journalistinnen und Journalisten zu schaffen.

Am Montag wird bereits mit 10’000 Abonnentinnen und Abonnenten die 2,5 Millionengrenze geknackt. Der absolute Weltrekord für Crowdfunding ist mit 150 Millionen zwar noch in weiter Ferne – glaubt man jedoch der Crowdfunding-Liste auf Wikipedia hat es das Projekt bereits in die Top 60 geschafft und die Top 50 liegt in Reichweite.

Doch warum kann ein 10-köpfiges Team so viele Menschen für ein Projekt begeistern, das noch in der Zukunft liegt? Die beiden Initianten – die erfolgreichen Journalisten Christof Moser und Constantin Seibt – haben wohl den besten Moment erwischt. Durch die Wahl von Donald Trump zum US-Präsidenten ist das Thema «Fake News» in den Fokus gerückt. Dadurch ist den Menschen wieder klar geworden, wie wichtig gut recherchierter Journalismus ist. Vielen Menschen ist bewusst geworden, dass die Inhalte auf Facebook nicht immer so vertrauenswürdig sind, wie sie dachten.

Wie viele davon wissen, was unabhängiger Journalismus bedeutet oder ob nicht ein grosser Teil des Erfolges auf extrem gutes Marketing zurückzuführen ist, ist schwer zu beantworten. Das Magazin soll komplett werbefrei sein. In wenigen Jahren soll der Betrieb alleine durch den Aboverkauf aufrecht gehalten werden. So ist die Gefahr gebannt, dass von einem Unternehmen plötzlich keine Werbeeinnahmen mehr kommen – weil schlecht über sie berichtet wurde. Dafür braucht Republik innert fünf Jahren 22’000 Abonnentinnen und Abonnenten. Bei wichtigen Entscheidungen haben die Investoren bloss ein Drittel der Stimmen, ein weiteres Drittel der Stimmen gehört den Mitarbeitenden und das letzte den Abonnentinnen und Abonnenten, welche Teil einer Genossenschaft sind.

Ebenfalls kann keine Investorin oder kein Investor ohne die Zustimmung der Mitarbeitenden oder Abonnentinnen und Abonennten einfach das Medium aufkaufen. Dass es Investoren aus der rechten Ecke gibt, welche gerne die ganze Presselandschaft in ihrem Besitz sehen würden, ist ein offenes Geheimnis. Die BaZ wurde bereits von Christoph Blocher aufgekauft – als Chefredaktor fungiert Markus Somm, bei dem man die Nähe zu Blocher schwer abstreiten kann. Auch sind Gerüchte im Raum, dass er mit Hintermänner die Blickgruppe kaufen möchte.

Durch geschicktes Marketing haben es die Macher von der Republik geschafft, die Idee wie eine Religion zu verkaufen. Oder wie es Kritiker sagen: wie eine Sekte. Die Schweiz wird dank ihnen vor dem Untergang bewahrt, die Demokratie gerettet. Der Name ist Programm: Republik – die Macht dem Volk und nicht wenigen Investoren. Es sind grosse Versprechen, welche in den Raum gestellt wurden. Ob sie alle erfüllt werden können, wird sich erst noch zeigen. Eines ist aber klar: Die Leserinnen und Leser dürfen sich auf gut recherchierte und brillant geschriebene Artikel freuen – das haben die beiden Initianten von Project R in der Vergangenheit schon mehrfach gezeigt.

Zirkuläres Wissen und die Besonderheiten des Feuilletons

Zeitungsschaffende sowie Journalistinnen und Journalisten aus anderen Nachrichtenmedien müssen sich ständig mit der Frage auseinander setzen, welche Neuigkeiten sie in der nächsten Ausgabe ihres Mediums präsentieren möchten. Mehr noch, sie müssen sich auch überlegen, in welcher Form die Neuigkeiten zu überbringen sind. Die Art und Weise, wie die Materie aufgegriffen und verarbeitet wird, hat entscheidenden Einfluss auf die Rezeption der Lesenden. Nicht umsonst heisst es, dass Medien meinungsbildend sind.

Doch um die Neuigkeiten aufbereiten zu können steht zunächst ein anderes Problem im Raum: Welches sind denn eigentlich die Neuigkeiten? Wie es sich eben feststellen liess, können und müssen die Medien die Form ihrer Nachricht selbst bestimmen. Daraus kann man ableiten, dass die Medien auch bestimmen, welches die Neuigkeiten oder Nachrichten sind. Die Schlussfolgerung daraus wäre, dass sich Neuigkeiten ‚machen‘ liessen und ihnen somit nicht etwas wie eine inhärente ‚Neuartigkeit‘ anhafte. Die Dinge an sich liessen sich damit alle auf eine gleichförmige, stromlinienartige Bewegungslosigkeit zurückführen. Handlungskonstrukte wie ‚Prioritäten‘ oder das ‚Unerwartete‘ fielen in sich zusammen und der Mensch wäre mit einem Mal vor ein Fliessen von Ähnlichkeit, Gleichheit und ‚Unhaftigkeit‘ gestellt; vor die Unhaftigkeit, das gänzliche Fehlen einer Eigenschaft im Sinne eines erkennbar anhaftenden und damit unterscheidenden Merkmals überhaupt. Weder spektakulär noch unspektakulär wären die Dinge, eben die Frage danach liesse sich gar nicht stellen, geschähe doch das eine genau so wie das andere und haben sie einander nichts an. Welches davon nun das Berichtenswerte für den/die Zeitungsjournalisten/ -in sei, gelte es letztlich zu entscheiden. Ebenjene Prioritäten müsste er/sie setzen, die den Dingen soeben in Abrede gestellt wurden.

Nun ist es doch so, dass die Medien zwar meinungsbildend sind, jedoch zu einem nicht unerheblichen Masse eine Empfindsamkeit für die Gemüter des Publikums besitzen müssen und entsprechende Themenfelder aufgreifen sollten. Die Leserschaft möchte dort abgeholt werden, wo sie bewegt wird. Damit wären also die Dinge keineswegs gleichförmig und ein Teil der Entscheidungsarbeit für Medienschaffende den Lesenden in die Hände gelegt. So lassen sich bestehende Lesende binden und unter Umständen auch neue Lesende anwerben, deren Interessen in Medienbeiträgen geweckt oder bestärkt wurden. Wofür interessiert sich denn die Leserschaft und was sind die Neuigkeiten, welche sie sich wünscht? Für die folgenden Betrachtungen soll das Zeitungsmedium als Beispiel dienen. Die Zeitung ist laut Herrn Kaube ein Organisationsapparat und so ist das Zeitungsmedium selbst auch durchorganisiert: Die Nachrichten und Neuigkeiten sind in Rubriken untergebracht, um die einzelnen Vorkommnisse sinnhaft einem entsprechenden übergeordneten Bezugsfeld zuzuweisen. Dies erleichtert unter anderem das systematische Durchlesen der Zeitung. Als Rubriken finden sich zum Beispiel «International», «Politik», «Schweiz», «Feuilleton», «Wirtschaft» oder «Sport». Der Feuilletonteil ist ein besonderes Feld. Welche Neuigkeiten dort hineingehören, darauf möchte ich später in diesem Essay zurückkommen. Im Folgenden sind vor allem die anderen oben genannten Rubriken interessant. Diese müssen nun mit Nachrichten vervollständigt und das unbeschriebene Blatt der Zeitungsseite gefüllt werden. Die wichtigsten Vorkommnisse aus den Bereichen Politik oder Gesellschaft finden Eingang in die aktuelle Zeitungsausgabe. Dabei sind diese jeden Tag neu und doch in gewisser Form gleich: Staatsoberhäupter verabschieden neue Gesetze, wirtschaftliche Krisen werden diskutiert, aber auch Kriege, terroristische Anschläge, Mord- und Raubüberfälle gehören zu den regelmässigen Berichterstattungen. Der eigentliche Fall ist jeden Tag ein neuer, doch seine Form verändert sich im Wesentlichen nicht. Er bleibt eben ein Fall von Wirtschaftskrise oder politischen Ausnahmezustandes. Die Lesenden erfahren die ‚Neuigkeiten‘ des Tages, die einer Rubrik zugeordnet sind, und bewerten sie damit automatisch als wissenswert. Doch was ist mit dem Rest? Da der Platz in einer Zeitung begrenzt ist, können nie alle Vorkommnisse der Welt darin Erwähnung finden und es muss zwangsläufig eine Auswahl getroffen werden. In der Auswahl befinden sich dann die ‚wissenswerten‘ Neuigkeiten, denen die nicht abgedruckten Geschehnisse in Aktualität aber wohl in keiner Weise nachstehen. Den Zugang zur tagesaktuellen Zeitungsausgabe finden sie trotzdem nicht. Über das eine hat ein anderes, gleiches an Priorität gewonnen. Doch wie kommt es dazu? Wie es eingangs in diesem Essay erwähnt wurde, ist die Neuartigkeit eines zur Nachricht gemachten Vorkommnisses keine diesem genuin anhaftende Eigenschaft, sondern sie wird von den Zeitungsschaffenden erst gemacht. Natürlich muss für die Lesenden aber auch eine Regelhaftigkeit erkennbar werden, mit welcher Geschehnisse an Wichtigkeit gewinnen. So ist es beispielsweise nachvollziehbar, wenn eine Zeitung in der Wirtschaftsrubrik einen Artikel über einen vergleichsweise wenig gewichtigen Handlungsablauf veröffentlicht, der im Zusammenhang mit einem grösseren Themenkomplex steht und bereits während der letzten Tage immer wieder aufgegriffen wurde. Ebenso ist es nachvollziehbar, ja auch erwartenswert, die Entscheide eines international wirkungsmächtigen politischen Organs in die Zeitungsseite miteinzubeziehen, da in der Vergangenheit schon über vergleichbare Vorkommnisse berichtet wurde. Die Lesenden wünschen sich Nachrichten, die unmittelbar oder mittelbar wichtig für ihre eigenen Lebensumstände sind und nehmen diese Zuordnung unter anderem aufgrund der vorhergehenden Prioritätensetzung in der Zeitung vor. Damit lässt sich eine Gesetzmässigkeit festhalten: Das, was schon einmal an Priorität gewonnen hat und in der Zeitung erschienen ist, wird mit höherer Wahrscheinlichkeit als andere Ereignisse wieder zur Zeitungsnachricht werden. Doch was ist dann daran das Neue? Wenn die Neuigkeiten von heute nur wiederaufgegriffene Formen von gestern sind, dann unterscheiden sie sich voneinander nur in den Einzelheiten des jeweiligen Falles. Hier hat man es mit einer seltsamen Dichotomie von Gleichförmigkeit und Neuheit zu tun. Von Gleichförmigkeit lässt sich deshalb sprechen, da die Nachricht von heute in einem Bezug zur Nachricht von vorangehenden Ausgaben steht und die gleiche oder eine ähnliche Form im Sinne von Rubrikzugehörigkeit besitzt. Die Neuheit der Nachricht liegt in den Einzelheiten ihres Inhalts. So gesehen tauchen die gleichen oder ähnlichen Nachrichten immer wieder in den Zeitungen auf. Dies führt zu einer nächsten Frage neben jener nach dem Wesen der Neuigkeit: Ist Wissen zirkulär? Die Zeitungen berichten gemeinhin nichts, was nicht eigentlich bekannt wäre. Jürgen Kaube spricht davon, dass ‚Kennen‘ wie ein Zirkel angelegt sei und dass es schwierig werde, da noch etwas Überraschendes reinzubringen. Diese Schwierigkeit und die ständigen Überlegungen, welche sie mit sich zieht, machen eine Nervosität innerhalb des Zeitungsorgans aus. Um unsere Wissensgesellschaft noch fesseln zu können, sehen sich die Zeitungsschaffenden vor die Aufgabe gestellt, Unbekanntes aufzugreifen und die bekannten Dinge wieder interessant zu machen, indem Thesen und Phrasen kritisiert werden. Inmitten der Gewohnheiten der Medienlandschaft versuche sich die Zeitung, so Kaube, als Überraschungsei zu platzieren.

Gerade im Feuilletonteil wird das Überraschungsmoment entscheidend. Die Frage danach, was hier hinein gehört, stellt sich in dieser Rubrik stärker als in den anderen. Denn anders als Politik oder Wirtschaft weckt das Feuilleton bei den Lesenden eine weniger spezifische Erwartungshaltung und die Auswahl aus möglichen Neuigkeiten wird umso schwieriger. Was kann warten und was ist zur Zeit dringlicher und interessanter? Die Entscheidung fällt zugunsten von A oder B und dafür muss es auf jeden Fall auf der Seite der Zeitungsschaffenden ein Argument geben. Wenn das Ereignis, das im Feuilleton als Neuigkeit auftaucht, zeitlich bereits vergangen ist, bedarf es eines ‚Jetzt‘-Hinweises für die Lesenden, um sich gegenüber der Konkurrenz abzusetzen. Dieser Hinweis lässt sich laut Herrn Kaube durch Konkretisierung anführen in Form von Aufdeckung von Konflikten oder durch Angabe von Zahlen, die eine Tatsächlichkeits- und Wichtigkeitswirkung haben. Die Lesenden kann man so «darauf hinweisen, woran sich die Aktualität der Welt festmacht und was die Welt ist.»

Die Besonderheit des Feuilletons macht sich nicht zuletzt an den Mitwirkenden bemerkbar. Auf der Suche nach Beiträgen, die dem Lesenden das Gefühl von Aktualität vermitteln und sich gleichzeitig von anderen Zeitungsmedien unterscheiden, können sich die Zeitungsschaffenden mit ihrem persönlichen Spezialwissen unterbringen. So wird es möglich, auftretende Ereignisse, zu denen niemand wirklich etwas weiss, dennoch im Feuilleton aufnehmen zu können indem sie mit dem vorhandenen Wissen eines der Feuilletonredakteurinnen und -redakteure angereichert werden. Fragmentarisches und Halbwissen wird mit besonderem Überraschungswissen zu einem vollständigen Artikel synthetisiert, der wichtig und wissenswert ist. Das Feuilleton ist die Kunst, das, wie es Herr Kaube ausdrückt «immer schon Dagewesene» aufzugreifen und ihm eine besondere Priorität gegenüber der Gleichförmigkeit der eigenschaftslosen Vorkommnisse der Zeit zu verleihen. Die Auswahl eines Geschehnisses für einen Artikel macht es aktuell und der anschliessende Bericht über das Aktuelle ist eine Neuigkeit. Die Neuigkeit erscheint den Lesenden in der Form einer Nachricht, wodurch der Inhalt der Neuigkeit wissenswert wird.

Zusammenfassend betrachtet kann man vorhandenes Wissen neu aufbereiten, um es als Neuigkeit an die Leserschaft zu transportieren. Wissen ist dann in gewisser Weise tatsächlich zirkulär. Oder man hat die Möglichkeit, das gänzlich Unbekannte aufzugreifen und zur Neuigkeit zu machen, sofern ergänzendes Wissen eines/-r Einzelnen vorhanden ist. Jürgen Kaube drückt es so aus, dass das alt Bekannte zu ‚guten‘ Nachrichten gemacht werde. Auf die Frage, was denn die gute Nachricht ausmache, meint er, dass man im Artikel zunächst auf einer Sachebene starten könne. Die Krisenstellung im Artikel könne man dann überführen – von einem vorhandenen Problem, das bereits verhandelten Problemen gleicht, in ein neues, überraschend aktuelles: «Wusste ich gar nicht.»

Dieser Essay möchte eigene Gedanken aus dem Vortrag Jürgen Kaubes «Zeitung als Organisation», der am 26.10.2015 an der Universität Basel stattfand, aufgreifen.