Tag Archives: kultur

Menschliche und skulpturale Migrationsströme

Nicht als «white cube» sondern als «grey cube» präsentiert sich der Raum der Ausstellung «Migration – Bewegte Welt» im obersten Stockwerk des Museums der Kulturen Basel, für deren Konzeption sich die Direktorin Anna Schmid und die Co- Kuratorin von Kathrin Schwarz verantwortlich zeichnen. Eine graue Stellwand, deren Form und gewagte Inklination womöglich nicht ganz zufällig Assoziationen an Lärmschutzwände und Grenzwälle weckt, zieht beim Betreten des Ausstellungsraumes sogleich die Aufmerksamkeit der Besucher auf sich. Den Auftakt bildet eine indonesische Skulpturengruppe aus zwölf Ahnenfiguren, von denen sich unter anderem Reisende Schutz erhofften. Dahinter eine aktuelle Installation «Migration» des Glaskünstlers Matteo Gonet: Eine mäandrierende Reihe durchsichtiger Glaszylinder mit blauem Kern in unterschiedlichen Grössen, deren prozessionsartige Anordnung Ahnungen von Flüchtlingsströmen evoziert. Die gläserne Arbeit korrespondiert auf reizvolle Weise mit der bunt durchmischten Anordnung ethnographischer Skulpturen aus unterschiedlichen Erdteilen auf der anderen Seite der Stellwand. Sie verdeutlichen, dass nicht nur Menschen sondern in gewissem Sinne auch Objekte den Status von Migranten tragen können.

Migration als Bereicherung

In thematisch locker miteinander verbundenen Stationen sucht die Ausstellung anhand von 120 ausgewählten Objekten unterschiedliche Facetten eines Themas von hoher Aktualität und Brisanz herauszustreichen, welches in medialen Repräsentationen vermehrt eine Reduktion auf seine rein negativen Aspekte erfährt. So handelt es sich bei dem Phänomen der Migration nicht um einen Ausnahmezustand, sondern um eine historische und soziale Konstante, die sich mitunter in wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Hinsicht auch als Bereicherung herausstellen kann. Die kleine aber feine Ausstellung erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit, sondern präsentiert einzelne Schlaglichter, die in der Zeitspanne vom 15. Jahrhundert bis in die Gegenwart angesiedelt sind und in mehreren Fällen einen lokalen Bezug aufweisen. Protestantische Religionsflüchtlinge aus Frankreich zeichneten sich beispielsweise im 17. Jahrhundert für die Einführung des Gewerbes der Seidenbandfabrikation in Basel verantwortlich. Dieses verhalf zeitgleich dem Färberhandwerk zu einem Aufschwung, aus dem sich schliesslich die chemische und die pharmazeutische Industrie entwickelten.

Vom Krieg gezeichnet

Die tragischen Seiten der Migration werden jedoch keineswegs ausgeblendet oder schöngefärbt. Wahrhaft verstörend mutet der afghanische Kriegsteppich aus dem 20. Jahrhundert an – einerseits Überlieferungsträger einer traditionsreichen Handwerkskunst, andererseits bildhaftes Zeugnis von nahezu vierzig Jahre andauernden kriegerischen Auseinandersetzungen, welche die Bewohner immer wieder zur Flucht in die benachbarten Länder und nach Europa zwangen. Entsprechend schöpft sein ikonographisches Programm nicht aus dem Fundus bewährter Motive, sondern aus dem zeitgenössischen Waffenarsenal: Handgranaten, Helikopter, Panzer und eine Kalaschnikow beanspruchen nun den Platz für sich.

Ethnologie wird fassbar gemacht

Komplementär zu den einzelnen Ausstellungen bietet das Museum der Kulturen thematisch verwandte Programmpunkte an, darunter das jeden ersten Mittwoch im Monat stattfindende Vermittlungsformat «Ethnologie fassbar», welches einem interessierten Publikum ethnologische und kulturwissenschaftliche Fragestellungen auf leicht verständliche Weise nahezubringen sucht. Im Rahmen dieser Reihe fand auch die Veranstaltung «Typically Swiss?» statt, bestehend aus einer kurzen dialogischen Führung, einem ebenfalls dialogisch gestalteten Vortrag und einer Gesprächsrunde. Tabea Buri, Kuratorin der Abteilung Europa im Museum der Kulturen, Eleonore Wettstein von der Fachstelle GGG Migration und Sabine Rotach, Leiterin Bildung und Vermittlung im Museum der Kulturen verhandelten mit dem Publikum die Fragen nach «typisch schweizerischen» Eigenschaften, nach der Eigen- und Fremdwahrnehmung von Schweizern, nach dem Einfluss stereotypischer Zuschreibungen und dem Bild, welches Auslandschweizer von ihrer ursprünglichen Heimat mit sich tragen.

Die Macht der Symbole

Als Aufhänger diente dabei jene Station der Ausstellung, welche der sogenannten «fünften Schweiz» gewidmet ist, also den Schweizer Staatsbürgern, die sich bewusst und aus vorwiegend positiven Beweggründen zur Auswanderung entschieden haben. Bei den Exponaten handelt es sich um Objekte, welche einzelne Auslandschweizer mit ihrer Heimatnation verbinden. Die Biederkeit der Auswahl überrascht einerseits, andererseits wiederum auch nicht: Neben der unverwüstlichen Kuhglocke finden sich auf dem Sockel auch das altbewährte Schweizer Taschenmesser, ein Fondue- Caquelon sowie eine Reihe hölzerner Spielzeugkühe. Tabea Buri betonte, dass der starke Symbolgehalt dieser archetypischen Repräsentanten von «Swissness» nicht unterschätzt werden darf. Gegenstände können als Träger von Kindheitserinnerungen fungieren und Vorstellungen erzeugen, welche mit der Realität zum Teil nur noch am Rande übereinstimmen.

Stereotype als Problem

Ähnlich machtvoll und problematisch erweisen sich stereotypische Zuschreibungen an eine bestimmte Menschengruppe. Dass Stereotypen eine menschliche Konstante und in allen Kulturen verbreitet sind, wurde in der von Sabine Rotach moderierten Diskussionsrunde herausgehoben. Zwar erleichtern sie die Kommunikation, tragen jedoch das Potential zur Ausgrenzung bestimmter Personen oder Personengruppen mit sich, wie Tabea Buri erklärt. Und Eleonore Wettstein spielt auf die Vermischung von Eigen- und Fremdzuschreibungen an, wenn sie verrät, dass Migranten in gewissen Fällen die mit ihrer Ethnie in Verbindung gebrachten Zuschreibungen auch akzeptieren und ihrerseits in Gesprächen darauf zurückgreifen.

Die Ausstellung «Migration – Bewegte Welt» läuft noch bis zum 21. Januar 2018 im Museum der Kulturen Basel.

Gesund und krank spazieren Hand in Hand

In gut sichtbaren Lettern prangt auf den violett getönten Plakaten des wildwuchs Theaterfestivals das Leitmotiv der achten Ausgabe: «Wir sind viele.» Doch welche Personengruppe versteckt sich hinter dem Personalpronomen «wir»? Impliziert der Begriff des «wir» nicht immer auch die Existenz eines «anderen», welches ausserhalb des «wir» angesiedelt ist und systematisch ausgegrenzt wird? Und nach welchen Regeln wird die Zughörigkeit zu einer der beiden Gruppierungen überhaupt determiniert? Tatsächlich bildete die Frage nach der Definition von Innen und Aussen den thematischen Schwerpunkt des diesjährigen Festivals, als dessen Gastspielort neben der Kaserne und dem ROXY Birsfelden die Universitären Psychiatrischen Kliniken (UPK) dienten. Fragen der Inklusion von Menschen mit körperlicher und psychischer Beeinträchtigung sowie der gesellschaftlichen und kulturellen Heterogenität wurden während den beiden ersten Juni-Wochen in unterschiedlichen theatralen Formaten aufgegriffen.

Vertrauensgestus

Mit einem vertrauten Menschen Hand in Hand müssig durch das Stadtzentrum zu flanieren bedarf kaum grosser Überwindung. Sich jedoch einem völlig fremden Menschen anzuvertrauen, von diesem an der Hand genommen und durch die Stadt geführt zu werden schon. Händchenhalten ist eine intime Geste, die von gegenseitigem Vertrauen zeugt und zwischen zwei Menschen eine körperliche und emotionale Brücke herzustellen vermag. Das Projekt «Walking:Holding» der britischen Performance-Künstlerin Rosana Cade greift diesen Aspekt auf und erweitert ihn um ein zusätzliches Irritationsmoment: Die Begleitung ist eine völlig unbekannte Person, eine der «anderen». Es versteht sich als ein experimenteller Spaziergang, bei dem die Teilnehmer an der Hand von eigens für den jeweiligen Durchführungsort gecasteten «Handhaltern» aller Altersstufen, sozialen Gruppen und geschlechtlicher Ausprägungen durch die belebteren Basler Stadtteile schlendern.

Handhalter erzählen

Den Teilnehmern bieten sich verschiedene Möglichkeiten, um auf die befremdlich wirkende Situation zu reagieren. Die Verfasserin des Artikels entscheidet sich für den kommunikativen Austausch mit den insgesamt sieben Darstellern, welche sie im Verlauf von einer Stunde etappenweise über die Mittlere Brücke, in die Freie Strasse und zur Münsterplattform gelotst haben. Und erfährt dabei zum Teil auch sehr persönliche Anekdoten: Dass das Theaterspiel ihre Leidenschaft sei, erzählt die Schülerin mit den verheilten Ritznarben an den Armen. Dass er die kulturelle Vielfalt von Basel schätze, meint der Theater- und Filmschaffende aus Mali. Dass die Kommunikation mit englischsprachigen Teilnehmern für ihn schwierig sei, gesteht der ältere Herr mit dem Armstumpf. Dass die Paarbildung dunkelhäutiger Mann mit hellhäutiger Frau meist mehr Blicke auf sich ziehe, stellt die Frau mittleren Alters fest.

Gemischte Gefühle

Im Gespräch vergehen die 60 Minuten wie im Flug, die irritierten oder missbilligenden Blicke des Umfelds lassen sich ebenfalls leichter ausblenden. Eine grundlegende Veränderung der eigenen Wahrnehmung brachte dieses Erlebnis für die Verfasserin jedoch nicht mit sich. Das Stück hinterlässt als Plädoyer für mehr Akzeptanz gemischte Gefühle, konfrontiert es die Teilnehmer zwar mit den eigenen Vorurteilen, dies jedoch nur während kurzer Zeit und im Rahmen einer durch und durch künstlichen Situation. Es bleibt jedenfalls zweifelhaft, ob die Teilnehmer des Spaziergangs sich die Aufforderung des Programmtextes, öfter mal Hand in Hand mit jemandem spazieren zu gehen auch zu Herzen nehmen werden.

Spaziergang mit Stimmen im Ohr

Als eher konventioneller Hör-Spaziergang mit Kopfhörer präsentiert sich hingegen das Stück «Dazwischenland» des Kollektivs Firma für Zwischenbereiche. Eine souverän klingende glatte Männerstimme lotst die zeitlich versetzt startenden Teilnehmer unter häufiger Betonung, sich respektvoll zu verhalten über das weitläufige Gelände der im Basler Niemandsland kurz vor der französischen Grenze angesiedelten UPK und liefert dabei einen kurzen Abriss der Geschichte der Institution. Regelmässige dumpfe Schläge geben im Sinne eines akustischen Herzschrittmachers das ideale Schritttempo vor. Eingestreute Interviewfragmente, in denen Patientinnen und Patienten Details aus ihrer Lebensrealität und ihrem Umgang mit der Krankheit preisgeben, runden den Audiowalk ab. So weit, so unspektakulär, wäre da nicht die neckische Frauenstimme, welche den um korrektes Verhalten bemühten Sprecher immer wieder unterbricht, frech zur Missachtung seiner Anweisungen auffordert, in bewusst reisserischer Manier saftige Informationen zu der Einrichtung preisgibt und sich schliesslich gar als imaginäres Konstrukt der Männerstimme ausgibt – ein Verweis auf die bei Schizophrenie-Patienten auftretenden Halluzinationen.

Kuchen als verbindendes Element

Der Reiz dieser auditiven Führung durch die idyllische Parkanlage der Psychiatrie liegt in ihrer wiederholten spielerisch-provokanten Transgression der Realitätsebenen. Die Grenzen zwischen Krankheit und Normalität, dem «wir» und den «anderen» werden im Verlauf des Rundgangs als durchlässig entlarvt. «Psychische Erkrankungen können jeden Menschen treffen», lautet die simplizistisch anmutende, jedoch durchaus berechtigte Botschaft des Hör-Spaziergangs. Die Jurte der Mach-Bar des Kollektivs OPUS 89 bildet die Schlussstation des Audiowalks, wo schlussendlich sämtliche Fäden zusammengeführt werden. Patienten der UPK; Pflegepersonal, Theaterschaffende und Festivalbesucher statten dem kulinarischen Treffpunk auf dem Gelände der Kliniken einen Besuch ab. Allesamt vereint in der Wertschätzung des hausgemachten Kuchenbüffets.

Mehr Informationen findet ihr auf der Seite des wildwuchs Festivals.