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Überleben in der Hölle

Ismail Alabdullah ist Weisshelm in Aleppo. In einer Live-Schaltung erzählte er über seine Arbeit.

Die direkte Verbindung nach Aleppo brachte das Geschehen im Bürgerkriegsland Syrien in eine greifbare Nähe und man brauchteeinen Moment, um die Eindrücke zu verarbeiten und über das Gehörte nachzudenken. Ein interessanter, wenn auch zugleich sehr aufwühlender Abend.

Die Helden in Weiss

Die Weisshelme sind eine private Zivilschutzorganisation, die 2013 von 3000 Freiwilligen ins Leben gerufen wurde. Freiwillige Männer, welche in Syrien helfen wo sie können und somit an ihre Grenzen gehen.

Ihr Ziel ist es kurzfristig so viele Leben wie möglich zu retten und langfristig Syrien als ehemals friedliches, stabiles und wohlhabendes Land wieder aufzubauen. Sie gehören weder dem Assad – Regime noch der Opposition an, sind also nach eigener Aussage politisch neutral und es ist ihnen auch egal, auf welcher Seite die von ihnen geretteten Menschen stehen.

Die Zivilschutzorganisation dokumentiert alle Verbrechen des Regimes und hat somit Assad schnell gegen sich aufgebracht.

Hinzu kommt, dass sie von westlichen Ländern wie den USA, Grossbritannien, Japan und den Niedrlanden finanziert werden. Somit dürfen sie nur in den von den Rebellen kontrollierten Gebieten aktiv sein und es werden oft gezielt Anschläge auf sie verübt. Anschläge von Seiten des Regimes oder der Terrororganisation Islamischer Staat (IS).

Beinahe 100’000 gerettete Leben…

Seit 2013 haben sie, nach eigenen Angaben, bereits über 99’000 Leben gerettet, darunter sehr viele Kinder. Doch nach wie vor gibt es unzählige Opfer, die meisten davon getötet durch die von Flugzeugen abgeworfenen Fassbomben des Regimes. Diese sind billig herzustellen und bestehen zum einen aus Sprengstoff, zum anderen aus Metallteilen. Sie zerfetzen alles, was sich in ihrer Nähe befindet.

Auch andere international geächtete Waffen kommen zum Einsatz, wie der Chemiewaffenangriff am 4. April 2017 in der Stadt Chan Schaichun zeigt. Wer den Angriff verübt hat, ist nach wie vor umstritten.

..und noch mehr Tote

Schätzungsweise über 400’000 Menschen wurden in dem sechsjährigen Krieg bereits getötet.

Dabei ging es Anfangs darum, friedlich zu protestieren, um die Forderung, Syrien zu einer Demokratie zu machen und ein menschenwürdiges Leben für alle zu erreichen. Ohne Unterdrückung, Angst und Diktatur.

Sehr umstritten

Es ist jedoch nicht alles Gold was glänzt – die hehre Absicht der Weisshelme wird von Kritikern auch stark bezweifelt. Es wird ihnen vorgeworfen, der Terrororganisation Al-Kaida nahe zu stehen und Propaganda der westlichen Länder gegen Russland und das syrische Regime zu betreiben. Tatsächlich wurde im Film ausschliesslich von russischen Fluzeugen gesprochen, wenn irgendwo eine Bombe fiel und wie oben bereits erwähnt, wird die Organisation durch den Westen mit Millionenbeträgen «gesponsert». Es gibt also doch so einige kritische Stimmen über die Helden von Syrien.

Wir hatten die Möglichkeit, Ismail ein paar Fragen zu stellen, welche er uns beantwortete. Während des Gesprächs wurde mir bewusst, dass wir wirklich keine Vorstellungen vom Leid dieser Menschen haben. Manche der Fragen erschienen sehr naiv. Wir wissen nicht, wie es in diesem Land wirklich aussieht und was dort tagtäglich geschieht. Das Einizige, dass wir wissen ist, was uns die Medien präsentieren.

Ismail, was ist deine Motivation und wie behältst du die Hoffnung?
Meine Motivation erhalte ich durch das Helfen, ich werde gebraucht. Die Bevölkerung Syriens benötigt meine Hilfe, ich kann das Leiden meiner Mitmenschen lindern. Durch jedes einzelne Leben das ich retten kann, behalte ich auch die Hoffnung. Jeder Mensch, den wir lebend bergen können gibt mir neue Zuversicht und stärkt den Glauben an einen zukünftigen Frieden.

Was hält deine Familie davon, dass du tagtäglich dein Leben riskierst?
Meine Familie ist stolz auf mich und auf das, was ich mache. Klar machen sie sich alle Sorgen, da es sehr gefährlich ist – aber im Moment ist es in Syrien überall gefährlich.

Warum flüchtest du nicht und wie überlebt ihr ohne Einkommen?
Es war und ist meine Entscheidung, hier zu bleiben und zu helfen, wo ich kann. Es ist das, was meine Menschlichkeit ausmacht. Ich kann die Menschen nicht leiden sehen und hätte wohl das Gefühl, sie im Stich zu lassen. Wir schauen alle aufeinander. Es ist nicht immer leicht, aber wir leben noch.

Erhaltet ihr psychologische Hilfe?
Nein! Wie auch?Unsere Hilfe ist die Hoffnung, die Menschen leben und lächeln zu sehen. So etwas wie psychologische Hilfe braucht und gibt es nicht, denn wir werden mehr gebraucht den je.

Wo erhaltet ihr medizinische Hilfe her?
Meist aus der Türkei, dort wurden wir auch ausgebildet und in unseren Fähigkeiten als Rettungskräfte geschult.

Ist ein normales Leben überhaupt noch möglich?
(lacht) Nein, das ist es nicht. Mütter lassen ihre Kinder nicht mehr zur Schule und viele gehen auch nicht in die Spitäler, sie haben Angst vor Bombenangriffen. Viele Krankenhäuser waren Ziel von Anschlägen.

Was war dein eindrücklichstes Erlebnis?
Einmal gab es eine Explosion in einem Haus. Eine alte Frau war noch in dem Gebäude. Wir arbeiteten Stunden um Stunden um den Schutt weg zu tragen und sie auszugraben. Nach mehr als fünfzehn Stunden hatten wir es endlich geschafft. Die Frau war noch am Leben! Das war echt ein Wunder!

Wieso sind bei den Weisshelmen nur Männer und keine Frauen?
Die Frauen sind eher bei der Ambulanz oder leisten Erste Hilfe. Viele kümmern sich um das seelische Wohl der Menschen.

Der Dokumentarfilm «Die Weisshelme» erzählte 2015 von euren Einsätzen. Was haltet ihr von dem Film und wie ist die Lage jetzt im Gegensatz zu damals?
Wir waren ehrlich gesagt etwas enttäuscht. Der Film zeigte nur einen Teil der Realität, denn in Wirklichkeit war es sehr viel schlimmer. Es war die Hölle. Nun ist es ganz anders als noch im 2015. Es ist ruhiger und die Bombenanschläge haben etwas abgenommen. Aber es gibt Gerüchte über Kämpfe auf dem Land, also warten wir. Wir sind uns fast sicher, dass es noch weitere Anschläge geben wird.

Es heisst, ihr dokumentiert alles, was die Regierung an Verbrechen ausübt. Wie macht ihr das?
Wir versuchen, einfach alles zu dokumentieren. Alle Namen, die Anzahl Opfer, die Zahl der Luftangriffe und aller Angriffe überhaupt.

Ismail verabschiedete sich von uns und wir blieben mit unseren Gedanken in Bern zurück. Einig darüber, dass es unglaublich ist, was die Menschen in Syrien und anderswo täglich leisten. Es ist tragisch, dulden wir solche Kriege weiterhin. Mittlerweile geht es nicht mehr darum, eine Demokratie zu errichten, mittlerweile ist der Krieg zu einem internationalen Politikum geworden, zu einem Machtspiel zahlreicher Nationen. Tragisch, dulden wir solchen Hass und solche Habgier auf der Welt. Tragisch, verlieren wir unsere Menschlichkeit Tag für Tag ein Stück mehr. Werden wir Tag für Tag ein Stück gleichgültiger.

Mexiko: Die komplette Diktatur

Die Serie zu vergessenen Konflikten führt Mokant.at zu dem blutigen Drogenkrieg nach Mexiko. Kartelle kämpfen dort mit der Regierung und anderen kriminellen Vereinigungen um Geld und Territorium, die USA und Europa haben dabei ebenfalls ihre Finger im Spiel.

Verbrechen in Mexiko ist konstant. Täglich. Zu einem Brauch geworden. Die Situation in unserem Land entspricht einer kompletten Diktatur -Daniel

Kartelle, Drogen und Organhandel

Offiziell herrscht in Mexiko seit 2006 ein Drogenkrieg, der vom damaligen Präsidenten Felipe Calderón gestartet wurde. Er findet auf zwei Ebenen statt: Einerseits hat es sich die Regierung zur Aufgabe gemacht mehrere Kartelle zu bekämpfen, andererseits kämpfen diese auch gegeneinander. Offiziell gibt es sieben große Kartelle. Laut Recherchen des Spiegels ist der mächtigste Zusammenschluss  das Sinaloa-Kartell, welches schon seit den 1990ern besteht und 45 Prozent des Drogenhandels beherrscht. Ihre Erzfeinde sind Mitglieder des 2010 entstandenen Kartells Los Zetas, welche eher im Osten des Landes angesiedelt sind und für ihre brutale Vorgehensweise und Massenexekutionen bekannt sind. Die interne Organisation ist sehr verschieden. Während Los Zetas militärisch straff organisiert sind, gleichen die Strukturen des Sinaloa-Kartells einem modernen multinationalen Konzern. Andere Beispiele, wie das Tijuana-Kartell fallen durch ihre guten Beziehungen zu Vertretern der Justiz und Exekutive auf. Auch wird dieses Kartell als einziges von einer Frau geleitet.

Die Drogenkartelle sind über das gesamte Land verstreut. Dabei haben Vertreter der Sinaloa-Gruppe mit zwei weiteren kriminellen Verbänden eine Allianz namens «La Federación», gegründet, die einzelnen Kartelle bleiben dabei jedoch eigenständige Organisationen. Auch wenn sich alle Gruppierungen hauptsächlich auf Drogenhandel spezialisiert haben, geht es bei den Kämpfen zwischen den Gruppierungen oft auch um regionale Vorherrschaften im Land. Weitere Einkommensquellen sind Schutzgelderpressungen und Organhandel, die beide auf der gewaltvollen Verschleppung von Menschen basieren. Etwa 85.000 Menschen sind bereits als Opfer des Drogenkrieges gestorben. Laut Statistiken verschwindet alle zwei Stunden eine Person in Mexiko, was mittlerweile schon 26.000 Vermisste ausmacht.

Das Collectivo Acción Solidaria con México-Austria (CASMA), eine politisch unabhängige Organisation, hat es sich zur Aufgabe gemacht, Informationen, die jenseits der üblichen Berichterstattung über Gewalttaten liegen, zu sammeln. «Den Mitgliedern der Drogenkartelle, kurz narcos, geht es nicht nur um den Drogenhandel. Das Problem hat sich ausgeweitet und umfasst beispielsweise auch Menschenhandel, der noch profitabler als das Geschäft mit den Drogen ist», erklärt ein Mitglied der Organisation, der lieber anonym bleiben möchte. Der Preis für eine Niere liege ungefähr bei 100.000 Euro, diese Zahl verdeutlicht den finanziellen Reiz des illegalen Organhandels.  Außerdem haben die Kartelle bereits zwischen 13.6 und 49.4 Milliarden US-Dollar durch den Drogenhandel verdient, damit könnte man sich mindestens zwanzig Reisen zum Mond leisten. Um zu verstehen, wie es so weit kommen konnte, muss vor allem eine Sache geklärt werden: Es handelt sich bei der Gewalt nicht nur um kriminelle Organisationen, die aus Eigeninteresse handeln. Das Problem ist geschichtlich und psychologisch viel tiefer verankert.

Als Mexikaner will ich weder darauf warten, noch interessiert es mich, dass fremde Länder unsere internen Probleme lösen -Artemio

Koloniales Erbe: Drogenkrieg als Spitze des Eisbergs

Die Experten des CASMA erklären, dass die Probleme schon vor dem offiziellen Beginn des Krieges da waren. Der Krieg habe es nur komplizierter gemacht, die Drogenkartelle sich multipliziert. Aber auch die koloniale Geschichte Europas und der USA habe maßgeblichen Einfluss auf die heutige Situation. «Mexiko kann als eines der grausamsten Beispiele gesehen werden, bei dem an der Schnittstelle von Korruption, Kolonialismus und Neoliberalismus einiges auf so viele Weisen schief gegangen ist.» Dabei zieht sich ein roter Faden der Unterdrückung und Abhängigkeit durch die Geschichte Mexikos. Beginnend bei der Versklavung und Ermordung der Urbevölkerung im 16. Jahrhundert durch die Spanier, wodurch die Zahl der Indigenen von 25 auf 2,5 Millionen sank, bis zum Mexikanisch-Amerikanischen Krieg im 19. Jahrhundert, bleibt die Gewalt ein Teil des Landes.

CASMA sieht das koloniale Erbe als einen der Hauptauslöser für die prekäre Situation heute, mit dem Drogenkrieg als Spitze der Ereignisse. Dieser begann in seiner modernen Form bereits unter dem Präsidenten Vicente Fox (Mitglied der konservativen Partei PAN, Amtszeit 2000-2006, Anm.), als die ersten blutigen Konflikte im Zusammenhang mit dem Drogenhandel entstanden. Erst unter seinem Nachfolger Felipe Calderón (Mitglied PAN, Amtszeit 2006-2012) wurde die Regierung aktiv, und erklärt den Kartellen den Krieg. Seither hat die Kriminalität noch mehr zugenommen.

Die politische Situation in meinem Land ist abstrakt: Sobald du an einen Politiker denkst, denkst du auch an Korruption -Aldrin

USA: Methamphetamin an Amerikanische Soldaten

Eine maßgebliche Rolle spielt die geografische Lage des Staates. Die USA, die weltweit Spitzenreiter im Kokain Konsum sind, beziehen 90 Prozent davon aus Mexiko, durch das die meist in Kolumbien hergestellte Droge geschmuggelt wird. Auch ist das Land für die Vereinigten Staaten die größte ausländische Quelle für Marihuana und stillt zusätzlich auch einen großen Anteil der Methamphetamin-Nachfrage. «Wir sind der Hinterhof der USA und werden permanent nur über den Tisch gezogen und ausgenützt» sagen Vertreter der in Wien basierten Organisation CASMA. «Wir führen einen Krieg, den wir nicht designt haben, der uns von den USA auferlegt wurde und der für sie einen großen Profit bedeutet.» Neben dem illegalen Drogenhandel profitieren die Vereinigten Staaten vor allem von einem: Waffenhandel. Über 2000 Waffen sollen täglich über die Grenze nach Mexiko gebracht werden. Restriktionen gibt es keine, da die Waffen legal in den USA gekauft werden, und erst dann illegal transportiert werden.

Offiziell arbeiten die Regierungen beider Länder zusammen. Eine, von den USA ausgehende Initiative unterstützt die mexikanische Regierung finanziell im Kampf gegen die Kartelle. Was laut CASMA dabei nicht bedacht werde, sei die weit fortgeschrittene Korruption, die in Mexiko herrsche. Laut der Human Rights Watch werden vermehrt Menschenrechtsverletzungen durch Militär und Polizei gemeldet. Die Mexikaner selbst sprechen sogar von einem Versagen des Rechtssystems und einem generellen Misstrauen, bis zu Gefühlen der Angst gegenüber der Polizei, besonders auf munizipaler Ebene.

Aufgrund fehlender Jobs werden viele Menschen kriminell, oder schließen sich sogar Organisationen wie den narcos an, die riesige Gebiete dem Erdboden gleich machen -Aldrin

Social Media: Rohe Gewalt für vergoldete Waffen

Der Krieg und die Kriminalität haben sich bereits so weit im System verankert, dass von einer «Narcokultur» (also einer Kultur des Drogenhandels=Narcotráfico, Anm.) die Rede ist. Schon im jungen Alter werden hauptsächlich Menschen mit trüben Zukunftsaussichten für eines der großen Kartelle rekrutiert. Laut dem Colectivo Acción Solidaria con México seien sie auf Grund von Armut, niedriger Bildung, und Korruption bereit, sich den Kartellen anzuschließen. Die Zugehörigkeit zur Narcokultur wird beinah glorifiziert, und umfasst dabei fast alle Lebensbereiche, von einer eigenen Musik, bis hin zu einem eigenen Slang. «Die Gewalt hat sich als Teil unseres Wesens etabliert. Es geht schon so weit, dass nicht mehr nur ein einzelnes Leben keinen Wert mehr hat, sondern dass es den Menschen Spaß zu machen scheint andere zu ermorden und ihnen Schmerzen zuzufügen», versucht der Vertreter von CASMA zu verstehen, was in den Köpfen der narcos vor sich geht.

Auch hier ziehen manche Experten Parallelen zu den USA. So soll während des zweiten Weltkriegs eine temporäre Legalisierung von Rauschgiften nur deshalb stattgefunden haben, um die Morphin-Nachfrage der amerikanischen Soldaten zu stillen. Diese Periode soll die Entwicklung des Drogenhandels zwischen den zwei Staaten maßgeblich geformt haben, da auch erstmals Morphine, und später andere Drogen in großen Mengen produziert wurden – der mögliche Start einer Narcokultur. Heute sind die Kartelle an die weltweite Nachfrage angepasst und konnten sich laut dem Colectivo sogar schneller an die neoliberale Logik anpassen, als so manche Firmen. Die Modernität ihres Vorgehens zeigt sich auch in ihrem Lebensstil: Die Kommunikation erfolgt großteils über soziale Medien; viele der narcos leben in Luxus und teilen Fotos von ihren Haustier-Tigern, oder vergoldeten Waffen unter den Hashtags «narco» und «narcostyle», was wiederum ein verfälschtes Bild des Lebens als narco produziere.

Die politischen Führer scheinen weder das Potential, noch das Interesse daran zu haben, die dringendsten Thematiken des Landes zu lösen. Aber wenn wir die politischen Führer wechseln – was kommt danach? -Artemio

Studenten und Bürgerwehr: Widerstand im Narcoland

Zu den an die Moderne gut angepassten Drogenhändlern, den Menschenverschleppungen und der Korruption kommt noch dazu, dass in Mexiko bis dato eine Unterdrückung der Pressefreiheit herrscht. Unabhängige Medien und Journalisten werden laut CASMA zum Schweigen gebracht und oft auch ermordet. Es sei sogar von einer demokratischen Diktatur, einem Narcostaat die Rede. Zwischen 2000 und 2014 sollen dabei über hundert Journalisten umgebracht, über zwanzig verschleppt worden sein.

Am 26.September 2014 schafft es eine der grausamen Meldungen bis zu uns. Ein Bus mit 100 Studenten fährt von der Universität Ayotzinapa, die ca. 400km südlich von Mexiko-Stadt liegt, Richtung Hauptstadt, um an einer Demonstration teilzunehmen. 43 der Studenten verschwanden; wie der genaue Ablauf vor sich ging, ist bis heute ungeklärt. Die offizielle Version, es sei zu einem Zusammenstoß mit der Polizei und folgend zu einer Übergabe an das Drogenkartell «Guerreros unidos» gekommen, weißt Lücken auf. Unter dem Hashtag #hastaencontrarlos, was so viel bedeutet wie «bis wir sie finden», engagieren sich zahlreiche Initiativen für die Thematik die dieser Fall aufgeworfen hat. Er ist symbolisch geworden für den anscheinend grenzen- und skrupellosen Konflikt, der zwischen den Drogenkartellen herrscht. Das meinen auch die Mitglieder des Colectivo: «Ayotzinapa hat alles was wir wissen so klar aufgezeigt und auch viele andere Fälle von Verschleppungen und Menschenhandel zum Vorschein gebracht. Spezialisten sind auf die Lücken der offiziellen Version gestoßen und zeigten, wie der Staat Sachen verdreht hat.»

Weitere Demonstrationen zeigen, dass sozialen Bewegungen sich nicht auflösen, sondern nur kurzzeitig von der Bildfläche verschwunden sind. Dabei werden von den Protestierenden nicht nur laute, sondern auch leise Maßnahmen gegen die Probleme im Land getroffen: Viele kleine Städte in Mexiko haben begonnen, die Polizei aus ihrem Gebiet zu verbannen und sich selbst zu verwalten, ihre eigene Regierung zu bilden, da sie der offiziellen Seite nicht mehr vertrauen wollen. Am Ende des Tages bleibt für die Männer und Frauen des CASMA eine Frage offen, die erneut die Komplexität des Problems aufzeigt: «Wie soll man einen Krieg gewinnen, für den das Kapital aus dem mächtigsten Staat der Welt, den USA kommt und nicht aus der Region, in der gekämpft wird? Wie einen Krieg führen in dem es keinen klaren Feind gibt?»

GewaltinMexiko (1)

Mexicohistory

 

Die Autorin verbrachte ein Jahr im Süden von Mexiko und hörte beinah täglich über zahlreiche Zwischenfälle und alltäglich gewordene Gewalt. Alle Zitate stammen von Freunden vor Ort und wurden, so wie die Informationsquellen, von ihr übersetzt.

Dieser Artikel ist am 08. Dezember 2015 auf Mokant.at erschienen.