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«Man weiss nie, wohin das Ganze führt»

Gerade an politischen Anlässen wie der Jugendsession ist das gegenseitige Verstehen aber sehr wichtig. Für eine einwandfreie Verständigung von Romand_e_s, Tessiner_innen und Deutschschweizer_innen sorgen im Bundeshaus die Simultandolmetscher_innen. Wir konnten einen von ihnen, Thomas Bernath, treffen und nach den Herausforderungen und Besonderheiten des Simultandolmetschens im Bundeshaus fragen.


Thomas Bernath arbeitet als Dolmetscher für die Parlamentsdienste. Er übersetzt vom Deutschen und Italienischen ins Französische. Als erste Sprache hat er Schweizerdeutsch gelernt, während der Schulzeit dann aber immer Französisch gesprochen. Er arbeitet auch für Privatkunden wie Banken oder Vereine, für das Europäische Patentamt in München und den zweisprachigen Fernsehsender ARTE.

„Die perfekte Adoptivfamilie gibt es nicht“

Frau Meierhofer, welche Rolle spielt der Verein PACH Pflege- und Adoptivkinder Schweiz im Adoptionsprozess?

Wir übernehmen verschiedene Aufgaben: Wir beraten leibliche Mütter und Väter bei einer allfälligen Adoptionsfreigabe, unterstützen und begleiten sie. Dabei ist es nicht unser Ziel, ein Kind an Adoptiveltern zu vermitteln, sondern, das Kind zu schützen und das Beste für sein Wohl zu unternehmen. So kann die Lösung auch sein, dass das Kind am Schluss mit gezielter Unterstützung bei den leiblichen Eltern bleibt oder (vorübergehend) in eine Pflegefamilie kommt. Als weitere Aufgabe klären wir die Eignung werdender Adoptiveltern ab und empfehlen den Behörden geeignete Personen. Zudem unterstützen wir adoptierte Kinder bei ihrer Herkunftssuche. Wir bringen vieles unter einen Hut. Und einige der Dienstleistungen erbringen ausschliesslich wir, und keine andere Behörde oder Verein.

Wie viel Einfluss haben Sie auf die eigentliche Adoption?

Alle Mütter, die eine Adoption in Erwägung ziehen, kommen zu uns, und nicht wir zu ihnen. Wir fragen dann natürlich nach ihren Wünschen. Das zur Adoption freigegeben Kind erhält von der KESB (Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde) einen Vormund, bis die Adoption rechtlich abgeschlossen ist. Die kantonale Zentralbehörde für Adoption entscheidet, zu welchen Eltern das Kind kommt. Unsere Aufgabe im ganzen Prozess der Familiensuche ist es, die Personen zu unterstützen und zu beraten. Wir sind um einen möglichst optimalen Ablauf für alle Beteiligten bemüht. Zentral ist, dass die Rollen und Zuständigkeiten klar geregelt sind und PACH keine Entscheidungen trifft.

Sie können aber Paare oder Einzelpersonen als geeignete Adoptiveltern vorschlagen. Auf welche Kriterien schauen sie bei der Auswahl der potentiellen Eltern?

Sie müssen grundsätzlich sicherstellen können, dass sie für das Kind sorgen und es ernähren können. Aus diesem finanziellen Aspekt sind die interessierten Personen zwangsläufig eher der Mittel- oder Oberschicht zugehörig. Des Weiteren werden ganz generelle Kriterien ihrer sozialen Kompetenzen geprüft: Sind sie empathisch, können sie ihr Verhalten reflektieren und Kritik annehmen? Die obligatorische Ausbildung der Adoptiveltern im Vorfeld der Adoption stellt einen wichtigen Entwicklungsprozess dar.
In verschiedenen Kursen geht es darum, die eigene Motivation zur Adoption zu hinterfragen: Wieso möchte ich das Kind adoptieren? Einfach, weil ich ein Kind möchte, oder weil ich jemandem etwas zu liebe tun möchte? Das ist ein Prozess: Die Art, wie künftige Adoptiveltern über Adoption denken, ist oftmals nicht mehr die gleiche, sobald sie den ganzen Prozess durchlaufen haben. Die Personen werden dann in unserem Vermittlungspool aufgenommen, so dass wir dann die passenden Paare vorschlagen können – diese Leistung zum Beispiel erbringt in der Deutschschweiz ausschliesslich PACH.

Das Bild der perfekten Familie mit Mutter, Vater und ein bis zwei Kinder ist in unserer Gesellschaft strak verankert – Was ist aus Ihrer Sicht die perfekte Adoptivfamilie?

Die gibt es nicht. Für mich gibt es zwei zentrale Fragen zu beantworten: Was für ein Kind ist es? Und was für Wünsche haben die leiblichen Eltern für ihr Kind? Wenn wir die Eltern kennen (nicht wie bei Babyklappenkinder), können wir deren Wünsche berücksichtigen. Zum Beispiel in welcher Familienkonstellation und mit welchen Werten ihr Kind aufwachsen soll.

Was halten Sie davon, dass die abgebenden Eltern so viel über die Adoptivfamilie ihres Kindes mitbestimmen dürfen?

Mitbestimmen dürfen sie ja nicht, aber sie können ihre Wünsche an eine künftige Adoptivfamilie anbringen. Wenn man ein Kind freigibt, geschieht das immer aus einer Not heraus. Man darf nicht vergessen, dass hinter der ganzen Situation auch immer viel Leid und die intensive Zeit von neun Monaten Schwangerschaft steckt. Dazu kommt, dass die Adoptionsfreigabe frühestens sechs Wochen nach der Geburt gegeben werden kann. Dazu müssen beide Elternteile ihre Zustimmung geben. Danach bleibt ihnen nochmals sechs Wochen Zeit, in der sie den Entscheid widerrufen können.
Das ist eine lange Zeit. Umso mehr ist es sehr wichtig, dass wir die Mütter und Eltern anhören und auf ihre Wünsche eingehen. Wir merken auch oft später bei der Herkunftssuche, dass adoptierte Erwachsene sich fragen: »Weshalb hat meine Mutter mich weggegeben?«, »Was war das Problem?«. Deswegen ist es wichtig, die Gründe der Eltern für eine Adoptionsfreigabe zu kennen.

Wir suchen Eltern für ein Kind, nicht ein Kind für Adoptiveltern.

Treten viele Eltern in den ersten noch möglichen Wochen von ihrem Entscheid zurück, ihr Kind zur Adoption freizugeben?

Das gibt es selten, kommt aber vor. Wahrscheinlicher ist es, dass die Mütter während der Schwangerschaft oder bei der Geburt merken: Ich kann mein Kind nicht weggeben.

Das ist bei einem emotionalen Prozess wie der Geburt gut nachvollziehbar. Wann bleiben sie dennoch bei ihrem Entscheid?

Ein eindrückliches Beispiel finde ich die Geschichte einer stark psychisch kranken Frau, die sich entschieden hat, ihr Kind zu Adoption freizugeben, weil sie merkte, dass sie nicht einmal für sich selbst gut sorgen kann. Die Entscheidung, das Kind zur Adoption freizugeben, war sehr schwierig und traurig, weil sie im Grunde das Kind gerne behalten hätte.

Wieso gibt es immer weniger zur Adoption freigegeben Kinder in der Schweiz?

Zum einen haben alleinerziehende Frauen einen besseren Status als früher. Zum anderen wurde die externe Kinderbetreuung in Form von Kitas, Tagesfamilien oder Pflegeeltern ausgebaut. So können werdende Mütter oder auch Paare in der Erziehung sinnvoll unterstützt werden. Ein Kind gibt man ja nicht einfach leichtfertig zur Adoption frei.

Es ist gesetzlich geregelt, dass es bei der Adoption darum geht, einem Kind eine gute Umgebung zu ermöglichen, und nicht den eigenen Kinderwunsch zu stillen. Die aktuelle Einstellung der Gesellschaft sieht jedoch etwas anders aus. Wie erleben sie das?

Wir erleben den Prozess der Adoption oft als Wellenweg: Am Anfang kommen die Eltern mit dem Kinderwunsch zu uns. In unseren Kursen versuchen wir, die Motivation vom Ich-zentrierten Kinderwunsch mehr auf das Wohl des Kindes zu lenken. Wir suchen Eltern für ein Kind, nicht ein Kind für Adoptiveltern.

Auf welche Herausforderungen bereiten Sie Adoptiveltern vor?

Auf die Adoptiveltern kommt so einiges zu; so müssen sie etwa damit rechnen, dass das Kind später nach seiner Herkunft sucht. Es ist ein Fakt, dass das Kind andere biologische Wurzeln hat, und auch ganz natürlich, dass es sich irgendwann für diese zu interessieren beginnt. Deshalb ist es wichtig, dass ein adoptiertes Kind dem Alter entsprechend möglichst früh über seine Adoption Bescheid weiss – dies stellt natürlich eine Herausforderung für Adoptiveltern.
Es ist uns wichtig, den werdenden Eltern klar zu machen, dass die leiblichen Eltern für das Kind eine Bedeutung haben können – auch wenn rechtlich gesehen das Kind nach der Adoption zu den Adoptiveltern »gehört«.

Wie gehen sie mit Eltern um, deren Adoptionswunsch unerfüllt bleibt?

Wir sind von Anfang an transparent. Die Paare wissen, dass sie nur jeweils für drei Jahre eine Eignungsbescheinung erhalten, und wir klären sie auch darüber auf, wie die aktuelle Situation bezüglich der zur Adoption freigegebenen Kinder aussieht. Im Moment haben wir 89 Paare im Vermittlungspool und ungefähr 15 zur Adoption freigegebene Kinder pro Jahr. Da kann man sich die Wahrscheinlichkeit eines erfüllten Adoptionswunsches selbst ausrechnen. Einige Personen wenden sich dann auch an Vermittlungsstellen, die Adoptionen aus dem Ausland organisieren.

Spüren Sie einen Druck auf Adoptiveltern »perfekte Eltern« sein zu müssen?

Zum Teil schon, aber ich glaube, dass während des Aufnahmeverfahrens viele Möglichkeiten bestehen, sich mit Erziehung auseinanderzusetzen. Wichtig ist es, sich selbst reflektieren zu können. Interessant sind auch die Paarprozesse, die während dieser Zeit ablaufen. So tauchen häufig Fragen auf wie »Vielleicht möchte ich nicht dasselbe wie mein Partner?«, oder »Wie gehen wir nun als Paar damit um?«. Es ist wichtig, dass die Eltern vom Gedanken wegkommen, »perfekt« sein zu müssen. Das ist niemand. Aber es geht darum, in verschieden Situationen möglichst adäquat reagieren zu können.

Am ersten Januar 2018 tritt das revidierte Adoptionsrecht* in Kraft, was halten Sie von der Revision?

Wir sind der Meinung, dass das Gesetz eine gute Anpassung an die heutige Gesellschaft ist. Das Gesetz ist unseres Erachtens gelungen. Die offene Adoption bedarf allerdings noch einiger Detailklärungen – wir plädieren hier für eine langfristige Begleitung des Familiensystems durch Fachpersonen.

Sollte die Adoption auch für homosexuelle Paare geöffnet werden?

Wir von PACH sind gegenüber der Öffnung für gleichgeschlechtliche Paare sehr offen. Wir setzen uns für Vielfalt von Familien ein und für gleiche Rechte für alle. Unserer Ansicht nach ist es das Wichtigste, dass das Kind gut betreut ist, sich wohl und geborgen fühlt. Das ist keine Frage des Geschlechts der Eltern.


Revision des Adoptionsrecht – Worum geht es?

Ab dem 1. Januar 2018 wird die Stiefkindadoption nicht mehr nur Ehepaaren, sondern auch Paaren in einer eingetragenen Partnerschaft oder einer faktischen Lebensgemeinschaft offenstehen. Zudem wird das Mindestalter adoptionswilliger Personen von 35 auf 28 Jahren gesenkt. Als dritte Änderung wird das Adoptionsgeheimnis für leibliche Eltern, die Informationen über ihr zur Adoption freigegebenes Kind erhalten möchten, gelockert.

Wir wissen es besser

Jedes Jahr treffen sich im Herbst junge Menschen aus allen Sprachregionen im Alter von 14 bis 21 Jahren im Bundehaus in Bern zu einem der wertvollsten politischen Anlässe für Jugendliche in der Schweiz: zur Jugendsession. Seit elf Jahren begleitet Tink als Medienpartner die Plattform. Sie ermöglicht Jugendlichen den niederschwelligen Zugang zu Politik und Engagement, und bietet einen Rahmen, um den Anliegen ihrer Generation auf einer politischen Ebene Gehör verschaffen zu können.

Dieses Konzept ist auch Tink nicht allzu fremd. Auch wir bieten jungen Menschen die Möglichkeit, Erfahrungen zu sammeln in einem Bereich, in den sie normalerweise nicht ohne weiteres Zutritt erhalten.

Solche Plattformen sind enorm wichtig, wenn es darum geht, interessierten und engagierten Jugendlichen die nötigen Werkzeuge und Kompetenzen zu vermitteln, um in einer demokratischen Gesellschaft zu bestehen und ihrer eigenen Generation eine Stimme geben. Denn in einer Demokratie, die heute Entscheidungen für morgen trifft, muss die Stimme derer, die morgen mit diesen Entscheidungen zu leben haben, unbedingt gehört werden.

Wir mögen vielleicht noch nicht so viel Erfahrung haben wie gestandene Politikerinnen oder Journalisten,in einem Punkt kann uns aber niemand das Wasser reichen: Wenn es darum geht, die Anliegen und Meinungen unserer Generation herauszufiltern, in Worte zu fassen und lautstark zu vertreten, ist niemand besser als wir, die junge Generation.

Jugendliche stürmen das Bundeshaus

Während vier Tagen setzten sich rund 200 Jugendliche zwischen 14-21 Jahren mit verschiedensten Themen auseinander, über welche sich normalerweise gestandene Politiker den Kopf zerbrechen. In den ersten zwei Tagen werden sie in Arbeitsgruppen ihre eigenen Lösungsansätze mit der Unterstützung von Parlamentarier und Experten ausarbeiten. Dass die jugendliche Sicht auf die Dinge fruchtbar ist, zeigt ein Blick in die Vergangenheit: Immer wieder wurden ihre Vorschläge von National- oder Ständeräten aufgegriffen und weiterverfolgt.

Nachdem im letzten Jahr die Abwesenheit des Bundesrats, ausgerechnet im Jubiläumsjahr, für Enttäuschung und Kritik sorgte (Tink berichtete), wird dieses Jahr gar die Bundespräsidentin zu den Jungpolitiker*innen sprechen. Diese Gelegenheit will sich Tink natürlich nicht entgehen lassen und wird mit Doris Leuthard ein italienisch- und deutschsprachiges Interview führen.

Den Abschluss und das Highlight der Jugendsession bildet der Sonntag: Ganz wie bei den »Grossen« übertragen wir die Session im Parlament, live und unzensiert. Ausserdem wollen wir Teilnehmer*innen aus allen Sprachregionen in kurzen Interviews zu den Vorlagen befragen. Den Link zum Livestream findest du ab Sonntag, 08:50, hier: tink.ch/livestream.

Schnuppern in der Diplomatie

Noemi, gerade eben hast du vor den Teilnehmenden der Juse gesprochen. Mit deiner kräftigen Stimme hast du souverän gewirkt wie eine Nationalrätin. Bist du daran gewöhnt, vor so vielen Leuten zu sprechen?

(Lacht) Danke! Vor zweihundert Leuten nicht unbedingt, aber in meinem Jahr als Youth Rep boten sich viele Gelegenheiten, vor Leuten zu sprechen. Ich sprach an UNO Anlässen und an Podiumsdiskussionen, arbeite in der Schweiz mit Jugendlichen zusammen. Dadurch konnte ich mein Auftreten trainieren. Ich mache es sehr gerne.

Das merkt man. Du bist seit knapp einem Jahr als Youth Rep tätig. Als eine von drei jungen Erwachsenen versuchst du, die Stimme der Schweizer Jugend auf das internationale Politparkett zu bringen. Ist die Youth Rep so etwas wie die Juse der UNO?

Jein. Wir haben kein Forum wie die Juse, wo sich alle UNO Jugenddelegierten gemeinsam treffen und Forderungen ausarbeiten. Jeder Mitgliedstaat organisiert sein Programm für die Youth Reps individuell. Viele nehmen die Jugenddelegierten einfach mit ihren Delegationen an die UNO-Generalversammlung. Wir sind drei Schweizer Youth Reps und begleiten die Schweizer Delegation an drei verschiedene Konferenzen und sensibilisieren mit Projekten die Jugendlichen in der Schweiz auf das Thema der UNO.

Was ist das für eine Delegation?

Die Schweiz schickt eine Gruppe aus Vertretern von akademischen Experten, Vertretern von NGOs, und natürlich vielen Diplomaten an die Versammlungen der UNO. Diese handeln mit den anderen Ländern die Resolutionen, Konventionen oder Forderungen aus.

Und in dieser Delegation könnt ihr eure Anliegen einbringen?

Genau, wir sind an den Vorbereitungssitzungen dabei und haben das Recht, unsere Forderungen einzubringen. Das ist aber eine der wenigen Möglichkeiten, an die UNO Forderungen zu stellen. Wir dürfen zum Beispiel auch als Vertreter der SAJV in der UNO in Genf Statements abgeben. Das Programm ist noch nicht genug etabliert, dass wir, Jugendliche aus der ganzen Welt, zusammen Ideen ausarbeiten und vertreten könnten. Das wäre sehr sinnvoll, weil wir so viel grösseres Gewicht hätten.

Auf nationaler Ebene ist dies die Juse. Gibt es dieses System schon in ähnlicher Weise auf internationaler Ebene?

Ja, das European Youth Forum, sie arbeiten sehr eng mit der EU zusammen. Auf globaler Ebene fehlt ein solches Jugendparlament noch.

Welchen Auswirkungen haben die Youth Rep in der UNO?

Ich kann von der Frauenrechtskonferenz berichten. An diesem Anlass gibt es nämlich ein Forum für Jugendliche, was eine willkommene Ausnahme ist. Wir jungen Frauen und Männer, die sich im Thema der Gleichstellung engagieren, konnten uns vorher treffen, um Forderungen auszuarbeiten. Diese haben wir dann dem Chair, dem Vorsitzenden der Konferenz übergeben. Ich weiss nicht, ob das wirklich wegen uns war; aber später, im Beschluss der Konferenz, war dann auch die Rede von «Young Girls», und nicht nur von «Women», so wie wir das gefordert hatten.

Wie reagieren gestandene Diplomaten auf euch Youth Reps?

Ich habe sehr positive Erfahrungen gemacht, sie haben Freude am Nachwuchs. Sicher ist Sympathie vorhanden, aber ich glaube nicht, dass sie uns hundertprozentig ernst nehmen. In meiner Delegation schon. Die Schweiz hat ein sehr fortschrittliches Programm und die anderen Mitglieder der Delegation haben mich sehr ernst genommen, das war schön.

Du hast schon bei verschiedenen Projekte in Südamerika mitgearbeitet, gar selber initiiert, bist viel am Reisen? Wie hat dein Leben als Jetsetterin angefangen?

Meine Eltern haben meinen Geschwistern und mir ein offenes Weltbild, Interesse an anderen Kulturen und sozialen Problemen mitgegeben. Meine Grosseltern sind in Ägypten aufgewachsen. Nach der Matura war für mich klar, dass ich ins Ausland möchte. Ich war ein halbes Jahr alleine in Projekten in Südamerika. Seit dem steht für mich fest: Ich will so oft wie möglich andere Kulturen kennenlernen. Ich glaube, das ist sehr wichtig für Jugendliche.

Als Youth Rep hattest du diese Chance. Was muss man tun, um Youth Rep zu werden?

Es ist ein ganz normales Bewerbungsverfahren. Man muss jedoch einige Qualitäten mitbringen. Vorallem ist es wichtig, dass man sich schon vorher freiwillig engagiert hat. Man muss motiviert sein, sich für Jugendpolitik zu engagieren, die Welt zu verbessern. Ausserdem muss man drei Sprachen, Deutsch und Französisch plus Englisch, beherrschen. Aber man braucht kein Studium. Im Gegenteil, wir sind froh über berufstätige Leute. Das zeigt ein besseres Bild der Schweizer Jugend, weil Studenten nicht die Mehrheit vertreten. Auch Leute mit Migrationshintergrund sind sehr willkommen. Wir wollen eine Jugenddelegation, die die Schweizer Jugend vertritt – auf einer Art, die Sinn macht. Man muss also drei Sprachen kennen und sich für Jugendliche engagieren.

Wie ist es dieses Jahr? Du studierst internationale Beziehungen in Genf, was machen die anderen zwei?

(Lacht). Ja, in diesem Jahr sind wir leider alles Studenten. Aber letztes Jahr zum Beispiel war eine KV-Absolventin dabei. Momentan laufen die Bewerbungsverfahren. Wir sind gespannt, vielleicht wird nächstes Jahr wieder jemand berufstätiges Youth Rep.

Und wie geht es mit dir weiter?

Ich bin mir noch nicht sicher, wo mein Weg hinführt. Dieses Jahr hat mir die Möglichkeit geboten, die Welt der Diplomatie kennenlernen. Es hat mir nicht bestätigt, dass ich in die Diplomatie will, eher dass sie wahrscheinlich nichts für mich ist.

Warum?

Ich glaube nicht, dass es mir liegt, einen Staat und eine Staatsmeinung bedingungslos zu vertreten. Ich glaube, ich habe eine zu starke eigene Meinung. Auch möchte ich die Resultate meiner Arbeit sehen. Die Diplomatie ist häufig sehr abstrakt, sie spielt auf einer Meta-Ebene. Das finde ich sehr wichtig und auch spannend. Aber meine Fähigkeit ist eher, mit Menschen in Projekten praktisch zu arbeiten. Ich sehe meine Zukunft eher in diesem Bereich. Das kann aber gut auch in einer UN-Agentur sein, zum Beispiel im UNHCR (UNO Flüchtlingshilfe) oder beim Internationalen Roten Kreuz. Aber ich bin noch jung, vielleicht ändert sich das noch und ich wende mich dem «Neutralen» zu (Lacht).

Ist diese Abstraktion der Problemfindung manchmal frustrierend?

Ja natürlich, das ist es wahrscheinlich für alle, die bei der UNO arbeiten. Man muss sich dessen im Voraus klar sein.Aber die Hauptaufgabe der UNO ist nicht, direkt Einfluss zu nehmen. Sie muss eine Diskussionsplattform für ihre Mitgliedstaaten schaffen. Damit sie verhandeln, Friedensverträge erarbeiten und auf einer neutralen Ebene reden und Wissen ausgetauscht werden kann. Die Wichtigkeit dieser Errungenschaft wird oftmals vergessen.

Kommen wir zurück zur Juse: Wie kann man die politische Partizipation von Jugendlichen in der Schweiz fördern?

Es ist sehr wichtig, die Jugendlichen ernst zu nehmen. Dass man ihnen zeigt, dass ihr Engagement einen Impact hat. «Wir hören euch zu, wenn ihr was sagt», das fördert Jugendliche, sich auch weiterhin zu engagieren. Sie müssen sehen, dass es eine Wirkung hat, wenn sie sich einbringen. Das fehlt momentan in der Schweiz. Gerade hier an der Juse: So viele Jugendliche politisieren zusammen, und es kommt kein Bundesrat. Das geht gar nicht!
Ich zum Bespiel gehe in Jugendgefängnisse, um über internationale Politik und die UNO zu sprechen. Das ist ein ganz bewusster Entscheid, weil ich keinen Jugendlichen aus dem politischen Prozess ausschliessen will. Wir gehören alle dazu. Im Gefängnis ist die Aufgabe die Resozialisierung, und da gehört auch die internationale Politik dazu.
Politiker können schon davon sprechen, wie wichtig Jugendpartizipation sei. Das kommt gut an bei der Stimmbevölkerung, aber man muss dies auch umsetzen: sich als Parlamentarier zum Beispiel mit Jugendlichen treffen und nach ihrer Meinung zu spezifischen Themen fragen. Dies zu organisieren wäre kein Problem. Aber ich denke, man sieht leider immer noch nicht genug gut, wie viel Potenzial und Kreativität in Jugendlichen steckt.

Wo ist der Bundesrat?

Schon seit 25 Jahren engagieren sich jährlich rund 200 Jugendliche an der Jugendsession. Während vier Tagen diskutieren sie, planen und formulieren Petitionen und sprechen über wichtige Themen wie Waffenexporte, Landwirtschaft oder Fortpflanzungsmedizin.

Wie wichtig es ist, dass junge Menschen sich für die Politik und die Gesellschaft interessieren, hören wir von allen Seiten. Auch Bundesräte wie Didier Burkhalter und Johann Schneider-Ammann haben dies in den letzten fünf Jahren in ihren Eröffnungsreden der Juse immer wieder betont. Die Jungen sollen sich engagieren und mitreden. Und genau das machen die jungen Teilnehmenden wieder. Zum 25. Mal. Der Bundesrat jedoch fehlt.

Wichtigkeit der Jugend

Darüber sind viele Teilnehmende der Juse enttäuscht und fühlen sich in ihrem Engagement nicht mehr ernst genommen. Für einige von ihnen, die schon in den letzten Jahren dabei waren, sei das Treffen mit dem Bundesrat einer der Höhepunkte der Jugendsession gewesen. Ein 15-jähriger Teilnehmer aus der Gruppe «Landwirtschaft und Ernährung» sagt, der Besuch sei «zwar kein Muss, aber eine schöne symbolische Geste, die uns Jungen eine gewisse Wichtigkeit gibt.»

Aber was steckt eigentlich hinter der diesjährigen Abwesenheit des Bundesrates? Auf Anfrage beim Parlamentsdienst erhält Tink.ch dieselbe Mail wie das SRF, das gestern in der Tagesschau darüber berichtet hat.

Nun sitzen aber jedes Jahr auch viele Jugendliche im Nationalratssaal, die zum ersten Mal an der Juse teilnehmen. Auch sie hätten einen Empfang vom Bundesrat geschätzt. Eine Nacherzählung ersetzt eine solche Erfahrung nicht. Es sind jedes Jahr zahlreiche neue Jugendliche, die sich ein neues Bild vom Bundesrat und deren Prioritätenliste machen können. Eine 18-jährige Teilnehmerin meint: «Es wäre ein Zeichen der Jugendförderung gewesen, uns Jungen zuzuhören und sich erkenntlich dafür zu zeigen, was wir hier erreichen wollen.»

Keine Begründung

Auch die Projektleiterin Mathilde Hofer der Schweizerischen Arbeitsgemeinschaft der Jugendverbände (SAJV) ist enttäuscht. Ihr Team und sie haben wie jedes Jahr eine Einladung an den Bundesrat gerichtet. Zu ihrem Erstaunen hat er dieses Jahr ohne Begründung abgesagt. Für Hofer sei das ein klares Zeichen dafür, dass die Stimme der Jugend von der «offiziellen Politik» nicht mehr so stark gehört und auch nicht mehr so ernstgenommen werde: «Ich möchte nicht im Namen der ganzen Jugend sprechen, doch immerhin ist die Jugendsession die wichtigste und grösste Partizipationsmöglichkeit für JungpolitikerInnen», sagt Hofer. Wo sonst kann der Bundesrat so eindeutig zeigen, dass ihm die Anliegen der Generation Y und Z wichtig sind?

Trotz der Absage werde die SAJV den Bundesrat im nächsten Jahr wieder einladen, sagt Hofer. «Uns ist wichtig, dass er den Jungen vermittelt, dass ihre Stimme sehr wohl gewichtet wird.»

Offene Ohren, bitte!

Die Generationenfrage ist eine wichtige und stets aktuelle. Die Politik ist jedoch offensichtlich keine Generationenfrage. Die Jungen politisieren sehr wohl, aber um gehört zu werden, braucht es immer auch ein offenes Ohr. So eines hat Lisa Mazzone (Grüne), die mit 28 Jahren jüngste Nationalrätin der Schweiz. Die SAJV hat sie nach der Absage des Bundesrats eingeladen, um das Parlament im Nationalratssaal zu vertreten. Eine gute Wahl, denn Mazzone weiss genau, wie es ist, ihrer Stimme als junge Politikerin Gehör zu verschaffen.

Im Gespräch mit Tink.ch betont Mazzone: «Die Abwesenheit des Bundesrats finde ich bedauernswert, denn die Jugendsession ist eine wertvolle Erfahrung, Politik auszuüben. Auch motiviert eine Teilnahme dazu, sich weiterhin politisch zu engagieren.»

Die Abwesenheit des Bundesrates sei ein negatives Zeichen an die Jugend, das im Widerspruch stehe mit dem, was von der Jugend erwartet würde. Nämlich, sich in der Politik anwesend zu zeigen. «Vor den Jugendlichen zu sprechen, ist deshalb das Mindeste, was der Bundesrat tun kann.» Auch die Idee, politische Themen greifbarer zu machen, könne durch eine Zugänglichkeit der Politikerinnen und Politikern vereinfacht werden. So würde die Jugend sehen: «Wir haben auch einen Platz in der Politik».