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Integration funktioniert nicht über Regeln

Das Stück war ein hübscher Erfolg. Das Publikum liess nicht auf sich warten und füllte den Theatersaal über drei Vorstellungen hinweg. Das war «Zeitwerk» am Theater Käfigturm.

Mehr noch aber als die Zahl der Zuschauer*innen oder die Darbietung der Schauspieler*innen war es die Idee von Graziella Cisternino, die das Projekt zum Erfolg geführt hatte. Cisterninos Ziel: Minoritäten, Migrant*innen, Personen mit einer Behinderung, aus unterschiedlichen Kulturen oder mit verschiedenen sexuellen Orientierungen mittels Theater zu unterstützen.

So hatten mehr als die Hälfte der Schauspieler*innen einen Migrationshintergrund oder sind Doppelbürger*innen. Auch ihr Alter und soziale Herkunft schien sehr unterschiedlich.

«Am Anfang war das eine grosse Herausforderung für mich, vor allem wegen der Sprache», erklärt Priscila, die vor einigen Jahren aus Spanien in die Schweiz gekommen ist und schon seit drei Jahren bei «Zeitwerk» mitwirkt. «Aber gerade das Theater hat mir geholfen, viel schneller Deutsch zu lernen.» Das Projekt sei super, weil alle in die Entscheidungen miteinbezogen würden, weil alles sehr offen und flexibel sei, so Priscila.

«Alles hat extrem gut funktioniert», freut sich Graziella. «Die Integration ist hier von selbst passiert.» Die Teilnehmer*innen hätten viele Aktivitäten gar ausserhalb der Proben organisiert und sich gelegentlich zu Anlässen wie einer Geburtstagsfeier getroffen. Eine junge syrische Migrantin habe vor zwei Wochen dank ihrer neuen Freunde das Raclette entdeckt.

Ein Jahr harte Arbeit, die letztes Wochenende schliesslich ihre Früchte trug. Am Anfang stand jedoch die Rekrutierung der Schauspieler*innen. Das war alles andere als einfach. Die Schwierigkeit: Unterschiedliche Profile von Personen zu finden. Denn einige Migrant*innen getrauten sich aus Schüchternheit nicht mitzumachen oder weil sie nicht genügend in ihre eigenen Deutschkenntnisse vertrauten. Doch die Offenheit der Schauspieler*innen hat sich schliesslich ausbezahlt.

«Es ist nicht notwendig, die Sprache zu beherrschen», merkt Cisternino an. «Einige Rollen beinhalten fast keinen Dialog, leben hingegen von der Mimik. Wir hatten einen solchen Fall mit einer jungen Flüchtlingsfrau.» Schliesslich habe sie das ganze Jahr aber solche Fortschritte gemacht, dass man ihre Figur sprechen machen konnte.

Dank ihrer Ausbildung im sozialen Bereich hat Cisterno gemerkt, dass die Integration von Minderheiten und das Zusammenfinden von Leuten verschiedener Herkunft weit besser über Kreativität passiert als über Regeln. Diese Einsicht wollte sie deshalb mit dem Projekt «Interperfekt» in die Tat umsetzen. Das Theater erlaubt ihr nun, das Publikum zu berühren und mit der Gesellschaft zu kommunizieren.

Und die Schauspieler*innen, welche den Kontakt aufrecht erhalten wollen, beweisen, dass die Integrations-Wagnis von Cisternino tatsächlich aufgegangen ist.

Übersetzt aus dem Französischen von Michael Scheurer. Hier findest du den Originaltext.

YB lässt seine Fans träumen

Foto: Thomas Hodel

Viele Zweikämpfe

Die erste Halbzeit war geprägt von vielen hart geführten Zweikämpfen und zwei stark aufspielenden Abwehrketten. Nur selten konnten die Offensivspieler beider Mannschaften in eine gefährliche Position gebracht werden.

Weder Steffen beim FCB, noch Sulejmani konnten ihre Freiheiten ausnützen und so war das logische Halbzeitresultat 0-0.

Einzelleistungen entscheiden das Spiel

Das Heimteam kam stärker aus der Kabine und spielte mit viel Druck nach vorne. In der 58. Minute passte der stark aufspielende YB-Verteidiger Benito auf Yoric Ravet. Dieser lässt mit seinem Dribbling Luca Zuffi alt aussehen und schlenzt den Ball herrlich an Vaclik vorbei ins Tor. Das ausverkaufte Stade de Suisse stand kopf. Keine Minute später hatte Sulejmani das nächste Tor auf dem Fuss, doch er verzog kläglich.

In der 80. Minute besiegte Sulejmani schliesslich endgültig das FCB. Einen Freistoss aus rund 25 Metern versenkte er nahezu perfekt ins Tor.

YB-Debütant Christian Fassnacht war nach dem Spiel zufrieden: «Es ist natürlich toll, gegen den Meister zu gewinnen, aber das war bloss das erste Spiel und jetzt kommt Dynamo Kiew, dies ist noch ein härterer Brocken. Nach der zweiten Halbzeit von heute dürfen wir jedoch zuversichtlich sein.»

Antizipation, Autorität und Authentizität: Chantal Donders und Benedikt Weibel übers ChefIn-sein

Moderation: Elias Rüegsegger (23), Technik: Samuel Müller (22)

Sie leitet seit anderthalb Jahren einen Familienbetrieb in der Region Bern – er war SBB-Boss: Chantal Donders (34) und Benedikt Weibel (70). Sie beide diskutierten im Generationentalk vom 10. Juli über die Aufgabe als ChefIn, die Unterschiede von Grossunternehmen zu einem Familienbetrieb und die fehlenden Frauen in Chefetagen.

Die beiden Talkgäste treffen schon eine knappe Stunde vor dem Talk im Berner Generationenhaus ein. Chantal Donders wird von ihrer Familie begleitet – Benedikt Weibel kennt die Familie Donders, auch deren Familienbetrieb. Der Umgang ist herzlich. Die Themen würden für den ganzen Abend nicht ausgehen.

Eine Frage im Generationentalk: Leiten die verschiedenen Generationen unterschiedlich? Es sei mehr eine Frage der jeweiligen Zeit, sind sich die beiden einig. Chantal Donders übernahm die Firma von ihrem Vater. Immer noch sitzen die beiden im selben Büro. Der Familienbetrieb ist klar auch ein Generationenbetrieb.

Warum so wenige Frauen?

In Geschäftsleitungen der grössten Schweizer Firmen sind laut dem aktuellen Schillingreport 8 Prozent Frauen vertreten. Nicht viel. Warum ist das immer noch so? Benedikt Weibel ist überzeugt: «Das ist eine Frage der Zeit. Es braucht einfach viel Zeit.» Chantal Donders glaubt, dass es auch an der Gesellschaft liegt. Es sei schwierig, Beruf und Familie zu verbinden.

Benedikt Weibel zeigt sich Quoten für Frauen in Führungsfunktionen nicht abgeneigt. Kritischer ist Chantal Donders: Zuerst müssten auch genügend Frauen dazu ausgebildet werden und die gesellschaftlichen Bedingungen geschaffen werden.

Benedikt Weibel

Benedikt Weibel (70) war bis 2006 SBB-Chef – er setzte zum Beispiel das Projekt Bahn 2000 um. Der studierte Betriebswissenschaftler ist heute als Publizist und Dozent tätig.

Chantal Donders

Chantal Donders (34) ist studierte Chemikerin und Wirtschaftsingenieurin. Sie übernahm 2016 die Geschäftsführung der Böhme AG von ihrem Vater. In der Farben- und Lackfabrik hat sie 25 MitarbeiterInnen unter sich.

Dieser Artikel wurde am 12. Juli 2017 auf unserem Partnermedium «und» das Generationentandem publiziert.

Gurtenfestival: Lo & Leduc besiegen Züri West

Für die Veranstalter hat sich das Festival auf jeden Fall gelohnt: Alle vier Tage des 34. Gurtenfestival waren ausverkauft. 61 Live-Acts und 63 DJs bespielten bei gutem Wetter den Berner Hausberg. Darunter auch Züri West.

Jüngeres Publikum

Diese gehören zum Gurtenfestival wie die Gurtenbahn. Auch bei ihrem diesjährigen Auftritt vor Heimpublikum war die Hauptbühne voll mit musikbegeisterten Besuchern. Wer sich in der Menge umsah, konnte sehen, dass die Masse sich auf die Berner Stammgäste freuten. Als die bekannten, älteren Lieder angespielt wurden, stimmten alle mit ein. Trotzdem konnte man eine gewisse Verhaltenheit ausmachen, welche die Gurtengänger zu bremsen schien. Um für mehr als eine Stunde zu überzeugen, dafür war der Auftritt zu wenig inspiriert. Er wirkte gewohnt, ja, routiniert.

Ein Grund für die fehlende Euphorie dürfte das Alter der Festivalbesucher sein. Die Zuhörer der neuen Alben von Züri West sind wohl eher älter als der Altersdurchschnitt der insgesamt 80’000 Festivalbesucher auf dem Berner Hausberg. Ganz anders bei Lo & Leduc: Die beiden Rapper sind ebenfalls in Bern aufgewachsen und ihr Auftritt war ein Genuss. Die grossartige Stimmung trug klar dazu bei. Sie erzeugten eine starke Dynamik und trieben die Zuschauer an. Das Publikum erklärte sie klar zum Sieger der beiden Berner Gruppen.

Antikaptialisten und einhändige Saxophonisten

Auch die bekannten zweisprachigen Antikapitalisten Irie Revolté wussten, wie man Stimmung erzeugt. Als am Freitagnachmittag die Hauptbühne noch halb leer war, halfen sie den schwächenden Festivalgängern, sich den Kater aus den Knochen zu schütteln. Immer wieder forderten sie die Leute erfolgreich zum Mitmachen auf. Auch wenn der Antifa-Auftritt mit linken Parolen etwas komisch auf einem sehr kommerziell ausgerichteten Festival wirkt, so überzeugten sie doch mit einem kurzen, aber kraftvollen Auftritt. Bei ihrem letzten Lied trat die ganze Band nach vorne und sang ohne Instrumente mehrstimmig «Merci». Das dürfte bei vielen Besuchern für einen Gänsehaut-Moment gesorgt haben.

Die vielseitige Bläserband der Lucky Chops konnte mit erfrischender Musik die Leute bei Laune halten. Mit vielen Soli- und einfallsreichen Showeinlagen gewannen sie die Herzen der Zeltbühnenbesucher. Als der Saxophonist mit einer Hand spielte und mit der anderen das Publikum zum Mitmachen einlud, wurde der Applaus hörbar lauter. Ein rundum gelungener Auftritt der New Yorker.

Die Gurtengänger zeigten sich sowieso von ihrer besten Seite: Die Security-Firma verzeichnete keinen grossen Zwischenfälle. Man darf sich schon auf nächsten Sommer freuen, wenn der Güsche erneut erbebt.

Ein Busfahrer als «Bernmobil-Sohn»

Auch ich steige häufig in den Bus ein. Insbesondere im Winter, wenn es kalt ist und ich keine Lust habe, in der Schule halb erforen anzukommen. Mit den Busfahrern und Busfahrerinnen habe ich bis anhin noch nie gesprochen, zumindest in Bern nicht.

Als ich letzten Sommer in einer Kleinstadt an der Ostküste Irlands für einen Sprachaufenthalt war, benutzte ich täglich den Bus. Zur Schule gings mit dem Schulbus, in dem ich den Fahrern lediglich ein freundliches «How are you?» zurief. Am Abend benutzte ich jeweils den öffentlichen Bus. Ich bemerkte, dass die Einheimischen mit den Busfahrern immer intensive Gespräche begannen, anders als ich es von Bern kannte. Schliesslich wurden jeweils auch wir Sprachstudentinnen und Sprachstudenten in die Konversation eingebunden und diskutierten über das Wetter, über unsere Heimatländer oder über den Brexit, der damals noch ein frischer Schock für die Iren war.

Mein Gespräch mit einem Busfahrer in Bern fand nicht im Bus, sondern in der Bernmobil-Garage am Eigerplatz statt. Es war später Nachmittag und somit waren die meisten Busse auf den Strassen und Kurven Berns unterwegs. In der Garage standen einige Busse zur Reperatur bereit. Ich hatte die Gelegenheit, mit Mariano Altomonte zu sprechen. Mariano Altomonte arbeitet seit September 2012 bei Bernmobil, wo er auch seine Ausbildung gemacht hat. Er bezeichnet sich deshalb als «Bernmobil-Sohn». Die Ausbildungen für Tram, Bus und Trolley-Bus hat er bestanden und er ist jeden Tag für verschiedene Linien und an verschiedenen Uhrzeiten im Einsatz.

Weshalb es in den Berner Bussen kaum Gespräche zwischen den Busfahrern und Fahrgästen gibt, wollte ich als erstes von Mariano Altomonte wissen. Er beobachte, dass es bei diesem Thema einen Stadt-Land-Unterschied gebe: «In der Stadt steigt der Fahrgast ein, steigt aus und das war’s.» Im Aussennetz, in dem Altomonte zu Beginn arbeitete, sei es viel familiärer zu- und hergegangen. Von manchen Passagieren wisse man mit der Zeit, wer sie sind und man komme mit ihnen immer wieder ins Gespräch. In der Stadt komme das viel weniger vor. Zu Neujahr oder zum Valentinstag komme es häufig vor, dass Leute extra vorne aussteigen, kurz mit den Fahrern reden und manchmal sogar einen Schoggi als Zeichen der Dankbarkeit schenken. Das freut Altomonte jeweils ganz besonders.

Der lustigste Busfahrer-Moment für Mariano Altomonte passierte in Konolfingen, als jemand seinen vollen Migros-Wagen im Bus vergessen hatte. Ein Mitarbeiter der BLS am Bahnhof Konolfingen teilte ihm mit, dass dieser Fahrgast an einer Haltestelle auf ihn warten würde. Und tatsächlich stand der Mann an abgemachter Haltestelle zu abgemachter Uhrzeit und konnte seinen Wagen entgegennehmen. Als Dank schenkte dieser dem Busfahrer Altomonte eine Flasche Rotwein. «Das ist wirklich cool gewesen», fügte Altomonte beim Erzählen der Geschichte lachend hinzu.

Unangenehme Situationen seien vor allem auf den Verkehr zurückzuführen – zum Beispiel wenn er eine Vollbremsung machen müsse. Wenn es zu heiklen Situationen komme, etwa mit Betrunkenen, sei dies vor allem für die anderen Fahrgäste unangenehm. Für allfällige Schlichtungen seien aber nicht die Busfahrer, sondern anderes Personal zuständig.

Ich sprach den Busfahrer auf folgende Situation an, die ich schon öfter beobachtet habe oder ich gar selbst davon betroffen war: Wenn man zu spät dran ist und auf den Bus zurennt, gibt es manche Fahrer, die warten, andere fahren vorher ab. Altomonte betonte, dass dies nicht aus bösem Wille geschehe. Teilweise sei das Warten nicht möglich, insbesondere zu Stosszeiten, da zu dieser Zeit ein Bus nach dem anderen fährt und man den Fahrplan einhalten muss. Ansonsten versuche er, so oft wie möglich zu warten. Enttäuscht musste ich feststellen, dass die Busfahrer keine Wetten untereinander abschliessen, wie oft ein Busfahrer den Passagieren vor der Nase wegfährt.

Es scheint, dass für die Busfahrer trotz der Hektik immer genügend Zeit vorhanden ist, um deren Kollegen zu grüssen. Das Zeichen sei schlicht ein verbindendes Ritual, das sie vom ersten Tag an vermittelt bekämen. Von den ungefähr 600 Fahrern kennt Mariano Altomonte längst nicht alle, gegrüsst werde von ihm jedoch jeder.

Zum Schluss wollte ich noch von ihm wissen, warum er zusätzlich auch noch die Tramausbildung gemacht hat (welche er erst kurz vor unserem Interview erfolgreich absolviert hatte). Dies habe nichts damit zu tun gehabt, dass momentan immer wieder diskutiert werde, ob Bus- durch Tramlinien ersetzt werden sollen. «Ich finde es einfach gut, wenn ich die Auswahl zwischen Bus, Trolleybus und Tram habe. Tram und Bus sind zwei Paar Schuhe; man kann diese nicht vergleichen».

«Dr SCB isch dr geilscht Club»

Er wartet schon, an diesem Mittwochmittag, in einem Café in Bern, notabene zwei Tage nachdem sich der SCB in Zug zum zweiten Mal in Folge zum Eishockey Schweizer Meister küren lassen konnte. Von seinem Gipfeli ist schon fast nichts mehr übrig. «Tinu», stellt er sich vor. Martin Megert, wie er mit bürgerlichem Namen heisst, ist Informatiker. Neben seinem Beruf gibt es eine grosse Konstante in seinem Leben. Sie heisst SCB. Ich setzte mich ihm gegenüber hin. Wie sich herausstellt, ist Tinu genau wie ich in Burgdorf aufgewachsen. Während mich mein Vater an meinen ersten Match nach Langnau mitnahm, ging es für Tinu in die andere Richtung, nach Bern.

Das war der Beginn einer grossen Liebe. Heute ist der 56-Jährige der wahrscheinlich grösste SCB-Fan und ziemlich sicher auch der Bekannteste. Er ist Betreiber der Facebook-Seite «Hardboiled SCB», welche mittlerweile über 8000 Fans zählt. Auf dieser veröffentlicht er an jedem Spieltag spätestens eine Stunde nach dem Schlusspfiff einen Matchbericht, in dem er sich unzensiert seine Emotionen vom Leib schreibt. Diese Emotionen hat er nun auch in Buchform niedergeschrieben: «111 Gründe, den SCB zu lieben», heisst das gute Stück. Auch wenn sich Tinu für das Buch etwas zurückhalten musste, was die Sprache anging, ist sein Schreibstil deutlich erkennbar. «Ich bin wahnsinnig stolz auf das Buch, und auch auf mich», erzählt Tinu.

Seitenhiebe für Fribourg-Gottéron

«Der wichtigste Grund, den SCB zu lieben, ist ganz einfach: Der SCB ist ein geiler Club», sagt Tinu. Diesen einen, alles überspannenden Grund habe er dann, «wie ein Forensiker», aufgespalten in 111 Gründe. Drei Monate habe er jede Nacht daran geschrieben, immer mit der Deadline im Nacken. Er sei froh, dass er das Buch nicht während der Eishockeysaison schreiben musste, schmunzelt er. «Zusammen mit einem 100%-Job bin ich schon an meine Grenzen gekommen».

Das Buch ist eine Liebeserklärung an den SCB. Nicht immer sehr objektiv geschrieben, doch ausnahmslos ehrlich, interessant und auch lehrreich. Was auffällt: Gefühlt auf jeder zweiten Seite ist ein Seitenhieb gegen Fribourg-Gottéron versteckt. Diesen Club kann Tinu nicht ausstehen. «Weil es den HC Fribourg-Gottéron gibt», ist sogar der 39. Grund, den SCB zu lieben. Tinu erklärt, dass die Fribourger Fans «ekligi Cheibe» seien. Seine Erinnerungen an Fribourg seien nicht die besten, gibt er zu. Doch man könne sie auch nicht wirklich ernstnehmen, die chronisch erfolglosen Zähringer, die als einen der grössten Erfolge der Vereinsgeschichte den Vize Schweizer-Meister-Titel angeben, führt er weiter aus. Da seien ja sogar die Langnauer erfolgreicher – einen Titel gab es für die Langnauer 1976 zu feiern.

Der SCB als Kontaktbörse

Selbst der eingefleischteste SCB-Fan wird bei der Lektüre einige neue Dinge über seinen Lieblingsclub lernen. Etwa, dass die Band Europe extra für den SC Bern eine Ausnahme machte und ihren Hit «The Final Countdown», welcher nach jedem Berner Tor erklingt, zur Einweihung des neuen Stadions 2009 live spielte. Denn seit ihrem Comeback im Jahre 2004 weigerten sie sich standhaft, ihren grössten Hit live zu spielen. Auch Privates findet im Buch Platz: Martin Megert hat seine Frau an einem SCB-Spiel kennengelernt. Auch Randgeschichten von Spielern, Trainern und Schiedsrichtern finden in Tinus Werk Platz. In über 40 Jahren als SCB-Fan hat er vieles erlebt und kann so aus dem Nähkästchen plaudern. Die Liebe und Leidenschaft für den SCB ist in jeder Zeile spürbar.

Der Meisterfeier im Berner Stadion am Ostermontag blieb Tinu übrigens fern. «Bisher haben sie noch immer verloren, wenn ich an ein Public Viewing gegangen bin», so Tinu. Auch als der Titel im Trockenen war, blieb er zuhause: «Das war für mich ein schöner Abschluss der Saison». Er sei halt nicht mehr der Jüngste. Doch den Umzug durch die Berner Altstadt und die Feier auf dem Bundesplatz liess er sich nicht entgehen. «Das ist Ehrensache», meint der wohl grösste SCB-Fan, bevor er sich verabschieden muss. Er werde jetzt den Sommer geniessen.

Zwischen freier Meinungsäusserung und Rassismus

Einen Artikel über einen Diskussionsabend zu Political Correctness aus (mehrheitlich) linker Perspektive ganz in der männlichen Form zu schreiben, geht eigentlich gar nicht. Politische, und damit sprachliche Korrektheit (beziehungsweise eine nicht diskriminierende Ausdrucksweise) wird unter anderem in der Debatte um gendergerechte Sprache gefordert. Doch am Diskussionsabend am Dienstag war das Podium ganz in Männerhand. Kurz hatte es gar nach einem «White Male-only»-Podium ausgesehen. Also alles Personen, die aus einer privilegierten Sichtweise über das Thema sprechen können. In letzter Minute fand sich aber noch Stadtrat Pinto de Magalhães auf dem Podium ein, der als Person-of-Color die Diskussion jeweils aufs Kernthema der Aktionswoche führte: Dass auch das links-grüne Bern nicht gefeit sei vor Rassismus.

Als Beispiel wurde etwa die Diskussion um die Zunft zum Mohren genannt. Pinto de Magalhães hatte 2014 einen Vorstoss zu rassistischen Darstellungen im öffentlichen Raum eingereicht, eben auch jener «Mohr» auf dem Wappen der Berner Schneider- und Tuchschererzunft. Er und andere Befürworter des Vorstosses seien nach ihrem Vorstoss auch von linken Kreisen kritisiert worden. Durch solche Symbolpolitik würde von «echtem» Rassismus abgelenkt, so die Kritiker. Der SP-Stadtrat findet aber, solche Kritik werte die wichtige Diskussion um rassistische Darstellungen im öffentlichen Raum ab, zieht sie ins Lächerliche und negiert damit jahrhundertealte Machtstrukturen von Privilegierten gegenüber Minderheiten.

Diskutieren statt denunzieren

Laut Rolf Zbinden, Dozent für Sprache und Literatur, haben diskriminierende Äusserungen in den letzten Jahren zugenommen. Er lehnt aber die Faschismus-Keule klar ab. Wenn Jugendliche vom «Ghetto», sprich «Puff», der «Unordnung» sprechen, kläre er über dessen Etymologie auf. Wenn im politischen Diskurs rechtliche Rückschritte, sogenannte Rollbacks, diskutiert werden, könne auf politischem Weg geantwortet werden. Ein solcher Versuch für Rollback-Politik sei etwa die Heiratsinitiative der CVP gewesen, welche die Ehe explizit für Frau und Mann statuieren wollte. Gefährlich werde es aber dann, wenn Ausdrücke aus der klar kolonialistischen, faschistischen oder nationalsozialistischen Vergangenheit aufgewärmt, enttabuisiert und von politischen Akteuren instrumentalisiert werden: «Wir dürfen solchen Ausdrücken keinen Fussbreit Raum lassen». Als Sprachpolizist sieht er sich hingegen auf keinen Fall: Er wolle auf Problematik hinweisen, das Gespräch suchen, dagegen argumentieren undsich klar positionieren.

Die Podiumsteilnehmer definieren den Begriff der Political Correctness unterschiedlich: Für Stadtschreiber Wichtermann handelt es sich im Kern um banale Höflichkeit. Für Stadtrat Pinto de Magalhães lenkt die Diskussion um den Begriff vom eigentlichen Thema ab, nämlich Rassismus, Diskriminierung, Hierarchisierung. Diese Debatte hat ihm denn auch am Podium gefehlt, zumal es doch Teil der Aktionswoche gegen Rassismus sei.

Wer setzt Grenzen?

In Projer’scher Manier stellte Moderator Uherkovich den Podiumsteilnehmern zum Schluss die Frage nach deren eigenen politisch inkorrekten Statements. Alle gaben zu, dass ihnen schon fragwürdige Ausrutscher passiert sind. Zbinden etwa musste sich einmal von einem Kollegen, der im Rollstuhl sitzt, darauf hinweisen lassen, was «invalid» bedeutet. «Das kann jedem passieren, wichtig finde ich, sich darüber bewusst zu sein», so Pinto de Magalhães.

Wer die Grenze zu einer nicht tolerierbaren Äusserung definiert , kann oder will an diesem Abend niemand beantworten. Es bleibt wohl an der Aufgabe jedes und jeder Einzelnen, sich immer wieder von Neuem dafür einzusetzen, dass Personen, die sich bewusst diskriminierend äussern, dies nicht mit ihrem Recht auf freie Meinungsäusserung legitimieren können.

Ich bin dafür und dagegen

Ich setze mich dafür ein, dass Freiräume und leerstehende Gebäude für Kultur, Bildung und Projekte aller Art genutzt werden. So entstehen Orte der Begegnung und Inspiration. Lebensfreude wird geteilt und Ideen können voller Enthusiasmus umgesetzt werden. Analog der Konzepte institutioneller Gemeinschafts- und Begegnungszentren.

Gleichzeitig bin ich klar gegen jegliche Sachbeschädigung und Anwendung von Gewalt. Mit verbalen und handgreiflichen Aktionen gegen Menschen und Dinge zerstören wir Hoffnungen, Ressourcen und Sympathien. Enttäuschungen und Verletzungen führen bloss dazu, dass die Bereitschaft für friedliche und konstruktive Kommunikation sinkt. Die Folge sind oft Wut, Unverständnis und aggressive Reaktionen.

Ich bin dafür, dass wir uns alle Mühe geben, die Interessen, Bedürfnisse und Ängste unserer Mitmenschen ernst zu nehmen. Unter Berücksichtigung der Hintergründe, Erfahrungen und auch Enttäuschungen unseres Gegenübers, wird es manchmal plötzlich möglich, Einstellungen und Meinungen nachzuvollziehen. So kann ein konstruktiver und lösungsorientierter Dialog entstehen. Ich finde es elementar, dabei zu realisieren, dass auch wir nur Empathie erfahren, wenn wir uns die Zeit nehmen, mit klaren Worten und Respekt unsere eigenen Interessen, Bedürfnisse und Ängste zu formulieren. Das bedingt Selbstreflexion und braucht Mut.

«Fuck the police« und zerbrochene Schaufenster entsprechen meiner Meinung nach also überhaupt nicht einem «No borders« Gedanken, sondern sinnlosem, aggressivem Verhalten, dass Fronten verhärtet, Dialog verhindert und Ängste schürt. Auf der anderen Seite kann ich durchaus verstehen, dass ein unverhältnismässiger Polizeieinsatz genau solche Aktionen provozieren kann. Wasserwerfer und Polizist*innen in Vollmontur sind ja auch nicht dafür bekannt, dass sie offen über Ihre persönlichen Interessen, Bedürfnisse und Ängste sprechen.

Ich bin gegen Fronten, gegen das «wir und ihr«-Denken und dagegen, Gruppen als homogene Massen von identisch denkenden und fühlenden Menschen wahrzunehmen.

Ich bin dafür, dass wir alle lernen, uns zu exponieren und unsere eigenen Interessen mit reflektierten, konstruktiven Worten und Taten zu vertreten. Ich setze mich ein für ein respektvolles Zusammenleben in einer wunderbar diversen Welt in allen Regenbogenfarben.

Ich setze mich dafür ein, dass Freiräume und leerstehende Gebäude (zwischen-)genutzt werden.

Für ein lebendiges, lebenswertes Bern.

Mila

Kleine Zwiebeln am grossen Märit

Um sechs Uhr morgens herrschte in der Berner Altstadt dichtes Gedränge, die Besucher bewegten sich im Schneckentempo durch die Strassen, an den Zwiebelständen vorbei. Während die Märitbesucher die Zwiebelzöpfe und -kränze begutachteten und dazu Glühwein schlürften, kämpften einige Zwiebelverkäufer mit dem Wind, der durch die Gassen pfiff.

Die Zwiebelverkäufer waren sich indes nicht ganz einig, was die diesjährige Zwiebelsaison betrifft: «Es war keine schlechte Saison, aber im Juni hat es zu wenig geregnet», erzählte Udo Pötzschke. Der Deutsche war bereits zum zehnten Mal am Berner Zibelemärit anzutreffen. «Wegen der Trockenheit sind unsere Zwiebeln eher klein ausgefallen.» Wieviele Kilo Zwiebeln er an den Märit mitgebracht hatte, wollte er aber nicht verraten.

Anders sah es bei Zwiebelverkäufer Rolf Hediger aus Kerzers aus. «Bei uns war es sehr nass» – Aber auch Hedigers Zwiebeln fielen dieses Jahr kleiner aus als normal. «Es war mühsam, die Zwiebeln zu trocknen, damit wir sie dann flechten konnten», ergänzt er. Trotzdem konnte der Bauer aus Kerzers mit rund einer Tonne Zwiebeln an den Zibelemärit reisen – Er trug also rund einen 57stel des gesamten Angebots bei. Rund 57 Tonnen Zwiebeln konnten die Besucher nämlich heuer auf dem Markt erwerben, teilte die Stadt Bern am Nachmittag mit. Die Rekordmenge von 2014 mit fast 60 Tonnen wurde allerdings verfehlt. Von den insgesamt 662 Marktständen verkauften 178 Zwiebeln in allen Variationen. Die Standplätze am Zibelemärit war dieses Jahr so beliebt, dass 88 Bewerber abgelehnt werden mussten, schrieb die Stadt weiter.

Heinz Bamer aus Aarberg berichtet unterdessen von einer durchzogenen Saison. Während es anscheinend in Deutschland zu trocken war, fiel in der Schweiz zu viel Regen, so musste auch er mit einer kleineren Ernte zurechtkommen. Weil er aber seine Zwiebeln von mehreren Bauern bezog, konnte er die Ausfälle kompensieren. So schlimm wie letztes Jahr, als sogar einige Zwiebelverkäufer wegen der schlechten Ernte ihre Teilnahme am Märit kurzfristig absagen mussten, war es also nicht. Bamer und die anderen Zwiebelverkäufer hoffen trotzdem, dass die nächste Saison wieder «zwiebelfreundlicher» wird.

Den Zibelemärit-Mythen auf der Spur

Mythos 1: Die Konfetti sind die reinste Ressourcenverschwendung.

Bereits am frühen Morgen liegen auf den Gassen von Bern hunderttausende Konfetti. Manche haben sich auch in den Glühwein oder Punsch verirrt. Woher die Konfetti kommen, fragen sich wohl die wenigsten.

Die Konfetti-Verkäufer reagierten zumeist irritiert auf die Frage der Herkunft. Antworten waren rar. Italien war zumindest zwei Mal die Antwort. Ein Verkäufer mit Samichlaus-Mütze antwortete da schon detaillierter: Er behauptete, die Konfetti würden in einer Fabrik eines Freundes in Italien hergestellt. Die Konfetti seien aus Restpapieren produziert, nicht beschichtet und ökologisch abbaubar, so wie dies auch eine Vorschrift der Stadt will. Nach ausgiebigen Internetrecherchen haben sich die Informationen als richtig herausgestellt. Wichtig ist zudem, dass das Konfetti-Papier laut der Herstellerin vor der Produktion zweifach gelüftet und entstaubt wird.

Ob die Konfetti eine gravierende Ressourcenverschwendung darstellen, muss jeder für sich entscheiden. Ökos kann man zumindest beruhigen, dass mit der farbigen Papierschlacht keine Regenwälder abgeholzt werden.

Mythos 2: Die Zuckerzwiebelketten bestehen nur aus künstlichen Aromastoffen.

Auch woher die Zuckerzwiebelketten kommen, ist eine wichtige Frage. Antworten waren zunächst schwer rauszukriegen, dann verdichteten sich die Hinweise auf Basel als Geburtsstätte der Zuckerzwiebel. Und tatsächlich: die Süssigkeit ist keine bernische, sondern wird von einer Firma namens «Sweet Basel» aus Birsfelden hergestellt.

Gesundheitlich sind die Zwiebel-Täfeli neben typischen Zwiebelmarkt-Spezialitäten wie Churros und Belgische Waffeln sicher nicht weiter bedenklich. Man muss ja auch nicht alle 26 Zuckerzwiebeln nach dem ersten Stück Zwiebelkuchen essen.

Mythos 3: Der Zibelemärit wird stark von der Polizei bewacht.

Die Polizei ist wie bei allen Grossanlässen präsent. Am Käfigturm gab es sogar einen Infostand, wo die Bevölkerung die dringensten Fragen an die beiden Polizisten stellen konnten. Auf die Frage, wie viele Polizisten im Einsatz sind, gab es freundlich, aber bestimmt keine Auskunft. Das Aufgebot sei aber für einen solchen Grossanlass nicht zu klein. Polizisten in Uniform waren jedenfalls keine zu entdecken. Einige Personen sahen zumindenst ein bisschen nach Undercover-Gesetzeshüter aus.

Mythos 4: Der Zibelemärit wurde lediglich aus Überschuss an Zwiebeln erfunden.

Auf die Frage an Passanten, wie der Zibelemärit eigentlich entstanden ist, und warum, kamen wenige müde Antworten. Am häufigsten wurde vermutet, dass es vor 100 Jahren einen Überschuss an Zwiebeln gab und diese um jeden Preis an den Berner und an die Bernerin gebracht wurden. Ein Passant Mitte zwanzig war äusserst kreativ: Gemäss ihm wurden die übriggebliebenen Zwiebeln zuerst in den Bärengraben geworfen. Doch dummerweise hatten die Berner Bären keine Lust darauf. Die Bauern und Bäuerinnen suchten nach einem anderen Weg, da es ja zu schade wäre, wenn die Zwiebeln neben hinuntergeworfenen Plastiksäcken und Nuggis vergammeln würden. Die Antwort darauf war der Zibelemärit.

So schön diese Idee auch klingen mag, die Entstehungsgeschichte ist ein bisschen bünzliger. Dazu gibt es mehrere Theorien. Entweder ist das heutige kunterbunte Stadtfest der Nachfolger eines Marktes, der jeweils am Martinstag stattfand. Oder der Zibelemärit ist eine Art Mercischön für die lieben Freiburger, die den Bernern nach dem Stadtbrand im 15. Jahrhundert und den Burgunderkriegen geholfen haben.

So, jetzt sind hoffentlich alle Mythen geklärt und du kannst dich nächstes Jahr auf die wirklich wichtigen Dinge, Glühwein und die nervigen Plastikhämmerli, konzentrieren.