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Gesellschaft

Tinkjunior stellt sich vor

Tinkjunior wird lanciert: die Mitglieder stellen sich vor.

Bilder: Linda Tellenbach

Wir lernten Linda während ihres Zukunftstages kennen: Sie begleitete uns über mehrere Tage an der Jugendsession und blieb seit dann bei uns, denn sie möchte Journalistin werden. Mit nur 13 Jahren war sie unsere jüngste Reporterin, denn Tink.ch ist (oder war?) eine Plattform für 15-30-jährige. Schreiben, mitdiskutieren, recherchieren, interviewen…das schien unserer Linda nicht genug zu sein, denn eines Tages kontaktierte sie mich: «Ich und eine Freundin möchten Tinkjunior gründen, wäre das für euch OK?». Als Chefredaktorin von Tink.ch habe ich ein einziges unantastbares Prinzip: Enthusiasmus soll unterstützt werden und unsere Hauptaufgabe ist es, Gelegenheiten zu schaffen, Potentiale und Engagement auszuleben. Denn so lernt man, so wächst man und so bleibt Tink.ch ein einzigartiges Onlinemagazin.

Linda startete im Februar dieses Jahres eine beeindruckende Reise: sie hat es geschafft, ein 10-köpfiges Team zusammenzustellen, das von Ideen nur so brodelt. Selbstversuche, Porträts, Interviews: Tinkjunior wird uns mit vielfältigen Artikeln bescheren. Aber viel wichtiger: Tinkjunior hat etwas zu sagen.

Denn jungen Menschen eine Plattform wie Tink.ch zu bieten, ist nicht nur eine wunderbare Gelegenheit, von- und miteinander zu lernen, um einen Einstieg in unseren Traumberuf zu finden; es ist auch eine demokratische Übung. Es geht darum, den Menschen, die Teil unserer Gesellschaft sind, eine Stimme zu geben und ihnen die Möglichkeit zu geben, kritisch über Themen nachzudenken, Sachverhalte zu verstehen und an die Öffentlichkeit zu bringen. Junge Menschen sind Teil unserer Gesellschaft, Kinder auch. Dass das Team von Tinkjunior über einfachere aber auch über schwierigere Themen sprechen möchte, freut mich und ich sage: weiter so!

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Gesellschaft

Von Fremdenhass, technisch überforderten Senioren und adoleszenter Sexualität

Der Animationsfilm "Sunnämilch" verwirrte und faszinierte das Tink.ch-Team.

Bilder: Jugendfilmtage

Kategorie B – Jugendliche bis 19 Jahre

Noch schnell ein Bild für Instagram knipsen, die Snapchat Story updaten und im Whatsapp-Gruppenchat mitschreiben: Die Jugend von heute ist mit der täglichen Informationsflut gross geworden. Dass diese Schnelllebigkeit auch Kehrseiten hat, beweisen uns die jungen Filmemacher und Filmemacherinnen an den Jugendfilmtagen. Die Werke der Kategorie B (U19) drehen sich um das Thema Spielraum und überzeugen durch Vielfalt und Echtheit.

Mit einer grossen Prise Selbstironie – «Schulraum»

Eine junge Journalistin dokumentiert den neuen, ungewöhnlichen Alltag an ihrer Schule.

Eine junge Journalistin dokumentiert den neuen, ungewöhnlichen Alltag an ihrer Schule. (Bild: Jugendfilmtage)

Keine Altersgruppe verbarrikadiert sich so extrem wie pubertäre Jugendliche. Eltern, Geschwistern oder Lehrern fällt es oftmals schwer, mit den Gewohnheiten ihrer Schützlinge Schritt zu halten. Der erfrischende Film «Schulraum» bietet Abhilfe: Jugendliche übernehmen für vier Wochen den Unterricht an ihrer Schule und geben den «uncoolen» Erwachsenen wertvolle Tipps zu Themen wie Selfies, Kleidung, Beschimpfungen und Feiern. Beide Altersstufen werden dabei liebevoll aufs Korn genommen.

Das harte Leben eines Smartphones – «Frontcam»

Auch Handys haben Gefühle: Ein iPhone beobachtet seine Besitzerin beim Frühstück.

Auch Handys haben Gefühle: Ein iPhone beobachtet seine Besitzerin beim Frühstück. (Bild: Jugendfilmtage)

Im Werk «Frontcam» nervt eine unkultivierte Benutzerin ihr Smartphone, indem sie es ständig dazu missbraucht, Schminktutorials anzuschauen und unzählige Fotos auf Instagram hochzuladen. Als das iPhone schliesslich von einer Gruppe Jungs gestohlen wird, entpuppen sich diese als noch idiotischer als die ursprüngliche Besitzerin und das Smartphone beginnt, die alten Zeiten zu vermissen.

Der Film führt uns aus einer interessanten Perspektive vor, wie abhängig wir von unserem Telefon sind und wie viel Aufmerksamkeit wir ihm schenken. Gleichzeitig sehen wir es als selbstverständliche und austauschbare Ware an.

«To a Place Far Beyond»

Ein depressiver Junge flieht in eine paradiesische Parallelwelt.

Ein depressiver Junge flieht in eine paradiesische Parallelwelt. (Bild Jugendfilmtage)

Im wunderschönen Animationsfilm «To a Place Far Beyond» träumt sich ein depressiver Junge in eine neue, surreale Welt hinein, die den Druck des Alltags zu lindern vermag. Ohne Dialoge, dafür mit verträumter Musik, regt das Geschehen zum Nachdenken an. Mit ihrem Werk schaffen es die talentierte Zeichnerin Joëlle Rieder und die Regisseurin Yuchen Chang, uns auf eine emotionale Reise durch die Abgründe einer depressiven Seele mitzunehmen. Für Tink.ch ist klar: Der erste Platz für «To a Place Far Beyond in der Kategorie B ist wohlverdient.

Kategorie E: Erwachsene unter 30 Jahren

Von Fussballspielen und Integration – «Abseits»

Im Film «Abseits» spielen kulturelle Unterschiede eine entscheidende Rolle.

Im Film «Abseits» spielen kulturelle Unterschiede eine entscheidende Rolle. (Bild: Jugendfilmtage)

«Warum machst du das immer?!», schreit Dastan seine kopftuchtragende Mutter an. «Warum mischst du dich immer in Dinge ein, die dich nichts angehen?!» Dieser Wutausbruch folgt einer Szene im beschaulichen und ländlichen Rümlang ZH: Die Mutter von Dastan fällt in dieser Umgebung mit ihrem lilafarbenen Kopftuch auf. Im Laden entdeckt ein grimmiger, blonder Junge die beiden und schreit «Allahu Akbar!». Dastan verliert die Beherrschung, rennt dem Jungen hinterher. Die beiden prügeln sich vor dem Dorfladen. Die Mutter geht dazwischen. «Schon mal was von Ehre gehört?!», fragt Dastan seine Mutter rhetorisch.

Ken Zumstein, der Drehbuchautor des Films «Abseits», habe vor allem etwas zum aktuellen Thema Migration und Flüchtlingskrise machen wollen. «Ich selber bin halb Japaner und wollte den Unterschied zwischen zwei verschiedenen Kulturen aufzeigen», erzählt der 35-Jährige.

Die Veranschaulichung der kulturellen Unterschiede ist dem Team um den Kurzfilm gelungen. Die beiden Hauptprotagonisten überzeugen, auch wenn die Dialoge teilweise ein bisschen holprig wirken und die Thematik mittlerweile schon etwas abgegriffen ist.

«Digital Immigrants»

«Digital Immigrants» überzeugt mit Humor und einem einfachen Konzept.

«Digital Immigrants» überzeugt mit Humor und einem einfachen Konzept. (Bild: Jugendfilmtage)

«Ich weiss gar nicht, wie mein Telefon tönt, wenn es läutet.» – «Ob man sich denn selber anrufen kann?», fragt die betagte Dame den etwas jüngeren, aber ebenfalls in die Jahre gekommenen Herrn neben ihr. Beide starren angestrengt und konzentriert auf den Bildschirm eines Smartphones. Ein Objekt, mit dem viele sogenannte «Digital Immigrants», wie auch der Kurzfilm heisst, tagtäglich zu kämpfen haben. Die Dokumentation zeigt Szenen, die innerhalb von zwei Jahren in den «Computerias» der Schweiz entstanden sind. Computerias sind Clubs, in welchen ältere Menschen sich von anderen älteren Menschen mit den technischen Errungenschaften unserer Zeit helfen lassen können. Auf eine amüsante und doch auch faszinierende Art und Weise zeigt der zwanzigminütige Film die Schwierigkeiten, die die älteren Generationen mit der heutigen Technik haben. Gleichzeitig werden immer wieder Medienbeiträge aus den Anfängen der Digitalen Revolution gezeigt: Arbeitnehmer klagten über Kopfschmerzen und Verspannungen infolge der Arbeit am Computer und die Arbeitgeber versicherten, dass nie mehr als 4 Stunden am Bildschirm gearbeitet werden dürfe.

Dennis Stauffer, Co-Regisseur des Films, sei die Idee gekommen, weil die älteren Generationen seiner Familie ihn ständig um Rat gefragt hätten, wenn es um technische Belange gegangen sei. «Ich wollte die Schwierigkeiten mit der Technik aufzeigen, welche die Generation erlebt, die noch vor den ersten prägenden digitalen Errungenschaften geboren wurde.»

Der Solothurner und sein Team haben einen erstklassigen Job gemacht. Der Film fasziniert mit dem Mix aus Nachrichtenbeiträgen aus den 50ern bis 80ern, in denen der Digitale Fortschritt stets ungläubig in Frage gestellt wurde und den urkomischen Szenen aus den Computerias. Ist es heutzutage für «Digital Natives» unvorstellbar, ohne technische Gadgets zu leben, zeigt uns dieser Film doch eindrücklich die Schattenseite der Digitalisierung auf.

«Sei keine Pussy!» – «Millimeterle»

In «Millimeterle» geht es um die sexuelle Selbstfindung von Jungen.

In «Millimeterle» geht es um die sexuelle Selbstfindung von Jungen. (Bild: Jugendfilmtage)

Ein Hallenbad bei Nacht: Vier Jungen zwischen 12 und 14 Jahren haben sich kurz vor Schliessung in der Garderobe versteckt. Sie wollen die Nacht im geschlossenen Hallenbad verbringen. Im Kurzfilm »Millimeterle» spielen die Jungen das gleichnamige Spiel, das darin besteht, dass man vom 5-Meter-Turm möglichst nahe zu einem Jungen ins Wasser springt. Remmie, ein kleiner dicklicher Junge, zögert. «Mach schon!», ruft ein dunkelhaariger hochgewachsener Junge, «Sei keine Pussy!»

Pascal Reinmann erzählt an den Jugendfilmtagen über die Schwierigkeiten des Drehs: «Wir haben 4 Nächte in dem Hallenbad gedreht, die Luft war so feucht, das forderte das Team und insbesondere die frierenden Schauspieler ungemein.» Um die Dialoge der Jugendlichen so wirklichkeitsnah wie möglich darzustellen, habe der Solothurner Jugendliche an Schulen intensiv beobachtet und deren Sprechweise und Wortschatz analysiert. Maurice Schnieper, Hauptdarsteller des Films, erlebte unterschiedliche Reaktionen von seinen Kollegen: «Den meisten hat der Film nicht so gut gefallen.»

Angesichts von sexueller Gewalt, Folter und Machtspielen ist das auch nicht weiter verwunderlich. Der Kurzfilm erstaunt mit einer ungemeinen Spannung, der realitätsnahen Abbildung von Gruppendynamiken und dem faszinierenden Set des nächtlichen Hallenbades. Der Film beschreibt unter anderem die sexuelle Selbstfindung und die Gruppendynamiken der pubertären Jungen.

Den Trailer von «Millimeterle» findet ihr hier.

Hochkomplexe Industrieverfahren einfach erklärt – «Sunnämilch»

"Sunnämilch" lüftet das Geheimnis der Gewinnung von Sonnenmilch.

„Sunnämilch“ lüftet das Geheimnis der Gewinnung von Sonnenmilch. (Bild: Jugendfilmtage)

Wir befinden uns auf einer einsamen, beschaulichen Insel mitten im Meer, darauf sind Tannen, die sich mit ihren Schnäbeln gegenseitig zu essen versuchen und eine Nasenhandschnecke, die italienische Opern-Klassiker zum Besten gibt. Nicht weit davon entfernt tuckert ein Fischerboot langsam über das Wasser. Der Kapitän, drei Viertel Mensch und ein Viertel rechteckiger Vogel, sitzt an einer Maschine und macht das, was man als Mitarbeiter eines Sonnenmilchherstellers im Aussendienst halt so macht: Die Sonne melken. Was nach deiner ersten Magic-Mushroom-Erfahrung in den Amsterdam-Ferien letzten Sommer tönt, ist in Wahrheit Teil eines gut gehüteten Geheimnisses zur Herstellung von Sonnencreme.

Nachdem man einen Film wie «Sunnämilch» gesehen hat, ist man sich nicht mehr sicher, ob die Welt wirklich eine Kugel ist oder nicht doch eine Sammlermurmel des etwas introvertierten Aliens Herbert aus einer der Galaxien des Naktronh-Pasch. Was? Genau. Der experimentelle Film von Silvan Zweifel überzeugt in bester avantgardistischer Manier mit viel Kreativität und Liebe zum Detail. Nach seinen Intentionen gefragt meint Silvan: «Ich hegte keine Beabsichtigungen mit diesem Film. Was auch immer die Leute in den Film reininterpretieren, passt für mich». Dem ist nichts mehr hinzuzufügen.

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Gesellschaft

Mann, Frau und darüber hinaus

Nach dem Motto der Ramones „Hey ho let’s go“ sollten wir uns auf den Gedanken einlassen, dass eine Spannbreite an Identitäten existiert.

Bilder: Céline Rüttimann

Der Mensch will einordnen, kategorisieren, schubladisieren. Deshalb ist unsere Gesellschaft in vielen Aspekten des täglichen Lebens geschlechtergeteilt. Dass dies den Alltag von Personen erschweren kann, ist den meisten von uns nicht bewusst. Grundlegende Bedürfnisse wie der Gang auf eine öffentliche Toilette werden zum Beispiel für Lukas N. zu einer wiederkehrenden Stresssituation. Denn Lukas wurde nicht seit seiner Geburt mit diesem Namen gerufen.

Ein Neuanfang

«Vor drei Jahren, kurz vor meinem Studienbeginn an der Pädagogischen Hochschule (PH) in Bern, habe ich mich für diesen Namen entschieden. Es würde ein Neuanfang werden und ich musste mich natürlich für den Studiengang einschreiben. Das habe ich dann mit Lukas N. getan», erzählt Lukas in einem Büro an der PH, das er für seine Mitarbeit an der Institution benutzen darf. Warum aber wollte er seinen Geburtsnamen ablegen und einen neuen Namen annehmen?

Zum ersten Mal im Gespräch mit Lukas fällt der Begriff «Transidentität». In einem weiblichen Körper geboren und als Mädchen in der Gesellschaft sozialisiert, hatte sich Lukas stets darum bemüht, sich nicht mit sich selbst auseinandersetzen zu müssen. «In meiner Jugend war ich unzufrieden mit meinem Leben und musste mir schliesslich eingestehen, dass ich mich von mir selbst distanzierte. Erst nach dem Gymnasium, als ich ein Zwischenjahr in der Westschweiz absolvierte, stellte ich mich der Frage, ob ich zufrieden bin mit der Geschlechterrolle, die ich in der Gesellschaft einnehme. Und das war ich nicht.»

In der Vergangenheit wühlen

Lukas fragte sich, ob es in seiner Kindheit bereits Indizien für seine Transidentität gegeben haben könnte. Als Kind und Jugendlicher habe er oft an Bauchschmerzen gelitten, da es ihm psychisch häufig nicht gut ging. Sogar sein Essverhalten litt darunter: «Wenn ich die Möglichkeit hatte, habe ich manchmal auch Mahlzeiten ausgelassen. So wie viele Jugendliche hatte auch ich Probleme, mich mit meinem eigenen Körper auseinanderzusetzen.»

In der Vergangenheit zu wühlen, half Lukas aber vor allem, einen Zusammenhang mit der heutigen Situation zu finden. Er habe zwar eine Transidentität, dennoch verabscheue er nicht alles an seinem Körper. Er würde sich nicht als im «falschen Körper geboren» bezeichnen. Nicht alles an seinem Äussern lehne er ab aufgrund des Geschlechts, das ihm durch seine Anatomie zugewiesen wird und mit dem er sich nicht identifizieren kann.

Ein Geschlechterspektrum

Transidentität definiert also, dass ein Mensch sich nicht – oder nicht ausschliesslich – mit dem Geschlecht identifizieren kann, welches ihm aufgrund seiner biologischen Merkmale bei der Geburt zugeschrieben wurde. Transidentität und Transgender (engl. «soziales Geschlecht») beschreiben den Sachverhalt treffend, während der Begriff Transsexualität meist pathologisierend wirkt und den irreführenden Schluss zulässt, die Bezeichnung habe mit Sexualität statt mit Identität zu tun. Unter Transidentität fallen aber nicht nur Menschen, die sich mit dem entgegengesetzten Geschlecht identifizieren, das ihnen zugewiesen wurde, sondern auch alle Personen, die sich dazwischen oder gar keinem Geschlecht zugehörig fühlen. «Unter dem Strich geht es darum, dass es ein Geschlechterspektrum ist und es gibt zwischen den zwei Polen «Mann» und «Frau» unzählige Identitäten. Die Vielfalt ist riesengross», fasst Lukas zusammen.

Sich einordnen

Auch Lukas sah das Problem darin, dass er sich nicht in der Geschlechterrolle wohlfühlte, die er in der Gesellschaft innehatte. Daher war für ihn die Schlussfolgerung: Ich fühle mich nicht wohl als Frau in der Gesellschaft, also bin ich ein Mann. Er versuchte dementsprechend, in dieser männlichen Rolle aufzugehen, merkte aber bald, dass er auch dort an seine Grenzen stiess. «Ich wurde als Frau sozialisiert und lehne nicht alles davon ab. Als Mädchen wurde mir von meinem Umfeld vorgelebt, dass ich Emotionen zeigen darf, was bei Jungen oft nicht der Fall ist. Ich will nicht rollenkonforme Verhaltensweisen annehmen müssen, nur damit ich in der Gesellschaft als Mann akzeptiert werde. Aber damit ich mich in unserem binären System von Mann und Frau bewegen kann, ordne ich mich formell der männlichen Seite zu», führt Lukas weiter aus. «Zu Beginn, als ich es nicht besser wusste, habe ich mich in dieser zweipoligen Gesellschaft einzugliedern versucht. Doch mit den gemachten Erfahrungen habe ich erkennen dürfen, wie vielfältig Geschlecht sein kann. Auch ich muss mich noch immer informieren über Identitäten, die ich noch nicht kenne und verstehen möchte.»

Elastische Geschlechteridentität

Obwohl bestimmte Interessen einem Geschlecht zugeordnet werden, zum Beispiel klischeehaft das Fussballspielen den Buben und das Ballett den Mädchen, wollen sich auch Menschen nicht «geschlechterkonform» verhalten, die sich mit ihrem zugewiesenen Geschlecht identifizieren können. Nur sind die Hemmungen dabei oft sehr gross. Um den Erwartungen der Gesellschaft zu entsprechen, unterlassen wir dann Dinge, die wir eigentlich gern tun würden. Der Gedanke, mit der eigenen Geschlechteridentität zu experimentieren und wie elastisch das gelebte Geschlecht eigentlich sein sollte, ist sehr inspirierend. «Leider ist dieser Gedanke eine Illusion», weist Lukas darauf hin, «denn der Mensch ist sich zu sehr an das bipolare System von weiblich und männlich gewöhnt, als dass einfach jeder daraus ausbrechen könnte oder wollte.» Wenn Personen, die Lukas kennt, ihn manchmal mit dem falschen Pronomen ansprechen, ist das für ihn kein Problem. «Im Gegenteil, viele haben dann das Gefühl, dass sie sich rechtfertigen müssen.» Das zeige ihm aber nur noch mehr, dass diese Personen gewisse Verhaltensweisen entweder mit Mann- oder Frau-Sein in Verbindung bringen und in diesem System festsitzen.

Seltene Happy Ends

Lukas‘ Umfeld habe sich seit seiner Entscheidung, mit einer männlichen Identität zu leben, ziemlich verändert. Einerseits habe er Freunde verloren, die ihn nicht unterstützen konnten in seinem Prozess, sei es aus Unverständnis oder aus Überforderung. Andererseits gewann er durch seine neue Ausbildung an der PH Bern einen neuen Freundeskreis hinzu. «Es war kein Verlust, sondern eher eine Ablösung von Freunden.» Bei seinen Eltern stiess Lukas zuerst auf Enttäuschung, weil er die Erwartungen, die sie an ihn hatten, nicht mehr erfüllte. «Ich war nicht das Mädchen, als das ich geboren wurde und würde den Vorstellungen auch nie gerecht werden. Obwohl es schwer für sie war, erhalte ich aber heute ihre volle Unterstützung.» Lukas stellt aber sofort klar, dass dies eines der nicht häufigen Happy Ends ist.

Personen mit einer Transidentität werden oft von ihren Familien verstossen. Oder Eltern versuchen, ihr Kind von der Identität, die es ausleben möchte, abzubringen. «Kinder können schon früh selbst erkennen, dass ihnen die Geschlechterrolle, die ihnen zugeteilt wurde, nicht gefällt. Wenn ein Kind dieses Problem in irgendeiner Weise äussert, sei es direkt oder durch ungewöhnliches Verhalten, ist es wichtig, zuzuhören und nicht zu versuchen, dem Kind den eigenen Willen aufzuzwingen», so Lukas. Leider gibt es in der Schweiz keine Anlaufstelle für Transkinder und deren Eltern, wo sie sich beraten lassen könnten, ohne dass es auf eine pathologische Erklärung für das Verhalten des Kindes hinausläuft. Es fehlt an der Repräsentation des Themas. Wie sollen Kinder mit Vielfältigkeit aufwachsen, wenn sie nichts davon mitbekommen?

Durch Sprache zur Identität

Ein an Geschlechterrollen angepasster Geschlechtsausdruck kann Transmenschen dazu verhelfen, von ihren Mitmenschen gemäss ihrer Geschlechtsidentität anerkannt zu werden, was von aussen nicht selten als klischeehafte Darstellung empfunden wird.

Transmenschen haben sich nie mit dem Geschlecht identifiziert, das ihnen bei ihrer Geburt zugewiesen wurde. Deshalb sollte nicht von einer Geschlechtsumwandlung gesprochen werden. Als korrekter Begriff gilt derjenige der Geschlechtsangleichung. Sprache ist beim Thema Transgender wichtig, weil diese Menschen ihre Identität oft nur durch sie ausdrücken können. «Damit andere mich so sehen, wie ich mich sehe, müsste ich vieles an meinem Äusseren ändern. Das heisst, mein ich auf mein Äusseres reduzieren.» Wer sich nicht seinem Geschlecht entsprechend kleidet, ist der Diskriminierung durch seine Mitmenschen ausgesetzt. Männer erstaunlicherweise mehr als Frauen. Warum wird ein Mann, der in einem Kleid durch die Stadt geht, als schräger Vogel angesehen, während Frauen in «Männerklamotten» viel eher akzeptiert werden? «Im Rahmen eines Praktikums der PH wurde mir einmal von einer Lehrperson gesagt, ich solle meine Rolle als Mann vor den Kindern gut spielen. Ich wurde in meiner Identität nicht ernst genommen, sondern als jemand, der etwas vorspielt. Ich sollte mich dem binären System fügen und nicht provozieren. Ich sollte den klischeehaften Mann verkörpern.»

Offenheit für die Vielfalt

Als Transmann ist Lukas stets mit dem Urteil der Gesellschaft konfrontiert, dass sein Äusseres nicht mit seiner Identität übereinstimme. Garderoben und Toiletten sind für Lukas Räume, die er entweder gar nicht oder nicht ohne Unwohlsein benutzen kann. Warum gibt es keine geschlechterneutralen Toiletten in öffentlichen Gebäuden? Oder einfach abgeschlossene Einzelkabinen für alle statt der getrennten Garderoben? Die Vielfalt der Gesellschaft ist so gross, warum müssen wir sie also auf ein zweipoliges System reduzieren?

«Transmenschen wollen die Bedeutung mindern, die dem sozialen und biologischen Geschlecht zugeschrieben wird. Wir wollen leben wie wir uns fühlen, egal mit welchen anatomischen Voraussetzungen», spricht sich Lukas über die Wünsche der Trans-Bewegung aus. Ausserdem sind Transmenschen überhaupt nicht rechtlich abgestützt. Als Lukas das Gesuch für seine Namensänderung einreichte, musste er Beweisdokumente einsenden, dass er diesen Namen schon verwendet hatte. Bei anderen Personen wurde das Gesuch ohne Schwierigkeiten bewilligt. Es gibt also kein einheitliches rechtliches Verfahren bei der Namensänderung oder dem Personenstand bezüglich Transidentität. Transidentität wird im Klassifizierungssystem der Krankheiten von der WHO nach wie vor unter «Störung der Geschlechtsidentität» aufgeführt. Die Transgender Community ist jedoch aktiv und konnte in kurzer Zeit enorm viel bewirken: Eine Revision der Klassifizierung steht bevor.

Lukas und andere Transmenschen wünschen sich mehr soziale Offenheit für die Vielfalt des Geschlechts. Das Gespräch mit Lukas soll die Elastizität der Geschlechteridentität vor Augen führen. Dass es nicht nur Mann und Frau gibt und nichts dazwischen. Sondern dass es einen Reichtum an Identitäten gibt, die unabhängig von ihren anatomischen Äusserlichkeiten anerkannt werden wollen. Menschen, die beweisen, dass Identität und anatomisches Geschlecht voneinander losgelöst sind. So dass es eines Tages für keinen mehr einen Kompromiss zwischen Authentizität, Wohlfühlen und sich einfügen sein muss.

Weiterführende Informationen findest du hier:

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Gesellschaft

Schnuppern in der Diplomatie

Noemi Grütter appelliert an die Teilnehmenden der Juse, sich weiterhin für die Jugend einzusetzen.

Bilder: Christof Kleger

Noemi, gerade eben hast du vor den Teilnehmenden der Juse gesprochen. Mit deiner kräftigen Stimme hast du souverän gewirkt wie eine Nationalrätin. Bist du daran gewöhnt, vor so vielen Leuten zu sprechen?

(Lacht) Danke! Vor zweihundert Leuten nicht unbedingt, aber in meinem Jahr als Youth Rep boten sich viele Gelegenheiten, vor Leuten zu sprechen. Ich sprach an UNO Anlässen und an Podiumsdiskussionen, arbeite in der Schweiz mit Jugendlichen zusammen. Dadurch konnte ich mein Auftreten trainieren. Ich mache es sehr gerne.

Das merkt man. Du bist seit knapp einem Jahr als Youth Rep tätig. Als eine von drei jungen Erwachsenen versuchst du, die Stimme der Schweizer Jugend auf das internationale Politparkett zu bringen. Ist die Youth Rep so etwas wie die Juse der UNO?

Jein. Wir haben kein Forum wie die Juse, wo sich alle UNO Jugenddelegierten gemeinsam treffen und Forderungen ausarbeiten. Jeder Mitgliedstaat organisiert sein Programm für die Youth Reps individuell. Viele nehmen die Jugenddelegierten einfach mit ihren Delegationen an die UNO-Generalversammlung. Wir sind drei Schweizer Youth Reps und begleiten die Schweizer Delegation an drei verschiedene Konferenzen und sensibilisieren mit Projekten die Jugendlichen in der Schweiz auf das Thema der UNO.

Was ist das für eine Delegation?

Die Schweiz schickt eine Gruppe aus Vertretern von akademischen Experten, Vertretern von NGOs, und natürlich vielen Diplomaten an die Versammlungen der UNO. Diese handeln mit den anderen Ländern die Resolutionen, Konventionen oder Forderungen aus.

Und in dieser Delegation könnt ihr eure Anliegen einbringen?

Genau, wir sind an den Vorbereitungssitzungen dabei und haben das Recht, unsere Forderungen einzubringen. Das ist aber eine der wenigen Möglichkeiten, an die UNO Forderungen zu stellen. Wir dürfen zum Beispiel auch als Vertreter der SAJV in der UNO in Genf Statements abgeben. Das Programm ist noch nicht genug etabliert, dass wir, Jugendliche aus der ganzen Welt, zusammen Ideen ausarbeiten und vertreten könnten. Das wäre sehr sinnvoll, weil wir so viel grösseres Gewicht hätten.

Auf nationaler Ebene ist dies die Juse. Gibt es dieses System schon in ähnlicher Weise auf internationaler Ebene?

Ja, das European Youth Forum, sie arbeiten sehr eng mit der EU zusammen. Auf globaler Ebene fehlt ein solches Jugendparlament noch.

Welchen Auswirkungen haben die Youth Rep in der UNO?

Ich kann von der Frauenrechtskonferenz berichten. An diesem Anlass gibt es nämlich ein Forum für Jugendliche, was eine willkommene Ausnahme ist. Wir jungen Frauen und Männer, die sich im Thema der Gleichstellung engagieren, konnten uns vorher treffen, um Forderungen auszuarbeiten. Diese haben wir dann dem Chair, dem Vorsitzenden der Konferenz übergeben. Ich weiss nicht, ob das wirklich wegen uns war; aber später, im Beschluss der Konferenz, war dann auch die Rede von «Young Girls», und nicht nur von «Women», so wie wir das gefordert hatten.

Wie reagieren gestandene Diplomaten auf euch Youth Reps?

Ich habe sehr positive Erfahrungen gemacht, sie haben Freude am Nachwuchs. Sicher ist Sympathie vorhanden, aber ich glaube nicht, dass sie uns hundertprozentig ernst nehmen. In meiner Delegation schon. Die Schweiz hat ein sehr fortschrittliches Programm und die anderen Mitglieder der Delegation haben mich sehr ernst genommen, das war schön.

Du hast schon bei verschiedenen Projekte in Südamerika mitgearbeitet, gar selber initiiert, bist viel am Reisen? Wie hat dein Leben als Jetsetterin angefangen?

Meine Eltern haben meinen Geschwistern und mir ein offenes Weltbild, Interesse an anderen Kulturen und sozialen Problemen mitgegeben. Meine Grosseltern sind in Ägypten aufgewachsen. Nach der Matura war für mich klar, dass ich ins Ausland möchte. Ich war ein halbes Jahr alleine in Projekten in Südamerika. Seit dem steht für mich fest: Ich will so oft wie möglich andere Kulturen kennenlernen. Ich glaube, das ist sehr wichtig für Jugendliche.

Als Youth Rep hattest du diese Chance. Was muss man tun, um Youth Rep zu werden?

Es ist ein ganz normales Bewerbungsverfahren. Man muss jedoch einige Qualitäten mitbringen. Vorallem ist es wichtig, dass man sich schon vorher freiwillig engagiert hat. Man muss motiviert sein, sich für Jugendpolitik zu engagieren, die Welt zu verbessern. Ausserdem muss man drei Sprachen, Deutsch und Französisch plus Englisch, beherrschen. Aber man braucht kein Studium. Im Gegenteil, wir sind froh über berufstätige Leute. Das zeigt ein besseres Bild der Schweizer Jugend, weil Studenten nicht die Mehrheit vertreten. Auch Leute mit Migrationshintergrund sind sehr willkommen. Wir wollen eine Jugenddelegation, die die Schweizer Jugend vertritt – auf einer Art, die Sinn macht. Man muss also drei Sprachen kennen und sich für Jugendliche engagieren.

Wie ist es dieses Jahr? Du studierst internationale Beziehungen in Genf, was machen die anderen zwei?

(Lacht). Ja, in diesem Jahr sind wir leider alles Studenten. Aber letztes Jahr zum Beispiel war eine KV-Absolventin dabei. Momentan laufen die Bewerbungsverfahren. Wir sind gespannt, vielleicht wird nächstes Jahr wieder jemand berufstätiges Youth Rep.

Und wie geht es mit dir weiter?

Ich bin mir noch nicht sicher, wo mein Weg hinführt. Dieses Jahr hat mir die Möglichkeit geboten, die Welt der Diplomatie kennenlernen. Es hat mir nicht bestätigt, dass ich in die Diplomatie will, eher dass sie wahrscheinlich nichts für mich ist.

Warum?

Ich glaube nicht, dass es mir liegt, einen Staat und eine Staatsmeinung bedingungslos zu vertreten. Ich glaube, ich habe eine zu starke eigene Meinung. Auch möchte ich die Resultate meiner Arbeit sehen. Die Diplomatie ist häufig sehr abstrakt, sie spielt auf einer Meta-Ebene. Das finde ich sehr wichtig und auch spannend. Aber meine Fähigkeit ist eher, mit Menschen in Projekten praktisch zu arbeiten. Ich sehe meine Zukunft eher in diesem Bereich. Das kann aber gut auch in einer UN-Agentur sein, zum Beispiel im UNHCR (UNO Flüchtlingshilfe) oder beim Internationalen Roten Kreuz. Aber ich bin noch jung, vielleicht ändert sich das noch und ich wende mich dem «Neutralen» zu (Lacht).

Ist diese Abstraktion der Problemfindung manchmal frustrierend?

Ja natürlich, das ist es wahrscheinlich für alle, die bei der UNO arbeiten. Man muss sich dessen im Voraus klar sein.Aber die Hauptaufgabe der UNO ist nicht, direkt Einfluss zu nehmen. Sie muss eine Diskussionsplattform für ihre Mitgliedstaaten schaffen. Damit sie verhandeln, Friedensverträge erarbeiten und auf einer neutralen Ebene reden und Wissen ausgetauscht werden kann. Die Wichtigkeit dieser Errungenschaft wird oftmals vergessen.

Kommen wir zurück zur Juse: Wie kann man die politische Partizipation von Jugendlichen in der Schweiz fördern?

Es ist sehr wichtig, die Jugendlichen ernst zu nehmen. Dass man ihnen zeigt, dass ihr Engagement einen Impact hat. «Wir hören euch zu, wenn ihr was sagt», das fördert Jugendliche, sich auch weiterhin zu engagieren. Sie müssen sehen, dass es eine Wirkung hat, wenn sie sich einbringen. Das fehlt momentan in der Schweiz. Gerade hier an der Juse: So viele Jugendliche politisieren zusammen, und es kommt kein Bundesrat. Das geht gar nicht!
Ich zum Bespiel gehe in Jugendgefängnisse, um über internationale Politik und die UNO zu sprechen. Das ist ein ganz bewusster Entscheid, weil ich keinen Jugendlichen aus dem politischen Prozess ausschliessen will. Wir gehören alle dazu. Im Gefängnis ist die Aufgabe die Resozialisierung, und da gehört auch die internationale Politik dazu.
Politiker können schon davon sprechen, wie wichtig Jugendpartizipation sei. Das kommt gut an bei der Stimmbevölkerung, aber man muss dies auch umsetzen: sich als Parlamentarier zum Beispiel mit Jugendlichen treffen und nach ihrer Meinung zu spezifischen Themen fragen. Dies zu organisieren wäre kein Problem. Aber ich denke, man sieht leider immer noch nicht genug gut, wie viel Potenzial und Kreativität in Jugendlichen steckt.

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