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Gesellschaft

Geflüchtet in die Schweiz

Frau Aziz* flüchtete aus Syrien und lebt nun mit ihrer Familie in der Schweiz.

Bild: pixabay.com | Wokandapix

Frau Aziz* lebt mittlerweile seit 3,5 Jahren in der Schweiz. Eigentlich ist sie Palästinenserin, aber sie hat in Syrien gelebt. Daher ist auch sie vor dem Krieg in Syrien geflüchtet. Sie hat den F-Ausweis, was bedeutet, dass sie nach dem Krieg wieder zurück nach Syrien gehen muss. Manchmal vermisst sie ihr Herkunftsland, aber Tinkjunior gegenüber sagt sie, dass es ihr hier in der Schweiz gefalle.

Ihr Leben in der Schweiz

Am Anfang war es für Frau Aziz schwierig, sich in der Schweiz zurechtzufinden: «Hier herrschen andere Gesetze, man spricht eine andere Sprache und das ganze Leben ist anders.» Heute fühlt sie sich dankbar, in der Schweiz zu sein und nutzt die Angebote, die ihr zur Verfügung stehen. «Es gibt hier ein Frauentreffen und wir machen regelmässig bei den Aktivitäten mit, welche die Gemeinde organisiert.» Frau Aziz lernt aktuell in einer Sprachschule in Bern Deutsch. «Danach möchte ich aber gerne arbeiten gehen.» Es sei nicht einfach, Deutsch zu lernen. Wenn man es aber unbedingt möchte, gehe es schon. Die Kinder von Frau Aziz gehen in einen Sportverein. Zudem gehen sie mindestens einmal in die Tagesschule, damit die Eltern entlastet werden.

Zufrieden, trotz den Schwierigkeiten

«Wir haben alles, was man zum Leben braucht.». Der einzige Nachteil sei, dass es bei ihnen zuhause sehr eng sei. Frau Aziz hat 4 Kinder und einen Mann, zusammen sind sie also 6 Personen, die in einer recht kleinen Wohnung leben. Die Kinder streiten oft, aber das sei ja normal. Auch Rassismus erlebe sie kaum. Manchmal schauen Menschen schon ein wenig komisch, aber das seien sehr wenige und vor allem ältere Menschen.

Das Interview wurde von unserer Tinkjunior-Reporterin auf Deutsch und Englisch geführt, es war keine Übersetzerin anwesend.

*Name von der Redaktion geändert

Porträt

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Gesellschaft

Jugendliche treffen auf Passanten in Bern

Was denken Menschen in Bern zur Flüchtlingsfrage? Livia, Sergio und Alisha befragten sie.

Bilder: Malika Véron

Im Rahmen des Cooltour-Ferienlagers wollten sich sechs junge Menschen einen Einblick in den Journalismus verschaffen und die Erfahrung machen, ein Interview zu führen. Zwei davon könnt ihr hier nachlesen.

Interview von Noëlle (17), Juliette (14) und Eliah (15) über Mobilität

Wie empfinden Sie die Veränderung der Mobilität in den letzten Jahrzehnten durch zum Beispiel Autos oder öffentliche Verkehrsmittel?

Ziemlich ambivalent. Auf der einen Seite ist es extrem bequem, von einem Ort zum anderen zu gelangen, doch es gibt das Problem der Unfallhäufigkeit, des Umweltschutzes und der Nervosität. Nehmen wir als Beispiel den Gotthard: Nach fünfundvierzig Minuten Wartezeit im Stau, zählen Sie doch einmal die Schweizer, die dabei die Nerven verlieren.

Fahren Sie lieber Auto, oder benutzen Sie lieber den ÖV?

Im Moment lieber ÖV. Früher bin ich begeisterter Autofahrer gewesen.

Und warum haben Sie das jetzt geändert?

Weil meine Reaktionsfähigkeit nachgelassen hat. Ich fahre zwar immer noch Auto, doch in »Grosspapagemütlichkeit«.

Und wenn Sie mit dem Auto fahren, fahren Sie dann kleinere Strecken oder doch eher längere?

Ich fahre von hier nach Hamburg, oder nach Amsterdam, allerdings brauche ich dafür zwei bis drei Tage, also ich nehme es gemütlich.

Und bei den öffentlichen Verkehrsmitteln, bereitet Ihnen dort etwas Probleme?

Also ich habe ein Generalabonnement. Aber wenn ich jetzt die Tickets lösen müsste, wäre ich total verloren…

Und wie ist es mit diesen Touchscreens?

Dort wird es dann erst recht ungemütlich, versuchen Sie mal eine Tageskarte zu lösen, ich habe fünf Zürcher gefragt, niemand konnte es mir erklären.

Ist kompliziert, oder?

Ja, man findet nicht das, was man sucht.

Finden Sie denn die Preise zu teuer? Haben Sie sonst noch etwas am ÖV auszusetzen?

Wenn ich jetzt ehrlich bin, spielt der Preis für mich keine Rolle, weil ich sehr viel geerbt habe. Wenn ich dieses Geld nicht besitzen würde, hätte ich ein Problem.

Wie sieht die Mobilität für Sie in der Zukunft aus?

Es wird viel automatisiert, aber nicht alles kann von Maschinen übernommen werden, es braucht immer noch Menschen, die diese Arbeiten ausüben. Ich persönlich glaube nicht an selbstfahrende Busse, für mich braucht es einen Chauffeur.

Wir bedanken uns sehr für Ihre Zeit und wünschen Ihnen noch einen schönen Tag.

Danke gleichfalls.

Interview von Livia (14), Alisha (14) und Sergio (16) über Flüchtlinge

Zurzeit sind ja Sommerferien, viele reisen nach Italien oder Griechenland. In diesen Ländern ist die Flüchtlingskrise ein grosses Thema. Würden sie trotz den vielen Flüchtlingen ihre Ferien dort verbringen?

Die Flüchtlinge würden mich nicht davon abhalten.

Was denken Sie, wie viele Flüchtlinge leben aktuell in der Schweiz?

Schwierig… 20’000.

Also im Moment sind es etwas mehr als 100’000.
Haben Sie Angst vor Flüchtlingen?

Wenn sie sich anständig benehmen überhaupt nicht, nein

Sind Sie der Meinung, man sollte mehr von ihnen aufnehmen?

Das finde ich eine sehr schwierige Geschichte, da man auf alle Bevölkerungsgruppen Rücksicht nehmen muss. Ich persönlich habe keine Probleme mit Flüchtlingen, aber irgendwann gibt es Probleme mit der Bevölkerung als Ganzes und das finde ich sollte man vor Augen halten.

Was denken Sie, wie wird es in Zukunft mit der Flüchtlingskrise aussehen?

Das wird schlimmer werden. Die Situation in Afrika ändert sich nicht, vielleicht wird es mit Syrien besser aber mit Afrika, da sind so viele junge Leute unterwegs, die nach Europa wollen. Aus verständlichen Gründen wollen sie eine bessere Zukunft haben, also das wird sich nicht ändern, das wird noch intensiver werden, da bin ich überzeugt.

Denken Sie, dass die Schweiz mehr aufnehmen möchte oder nicht?

So wie es jetzt läuft wird es sehr restriktiv gehandhabt. Bis zu einem gewissen Punkt finde ich das auch richtig, weil es den Zusammenhalt der Bevölkerung gefährdet und da finde ich muss man aufpassen, dass das nicht auseinandergeht. Sonst haben wir plötzlich eine Situation wie in Amerika, wo Populisten wieder mehr Einfluss bekommen und dann haben wir die SVP, die wieder mehr Einfluss bekommt.

interview

cooltour

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Gesellschaft

Was passiert im Osten Europas?

Ein Land, nahe dem Zerfall. Die Ukraine, gespalten in Ost und West.

Bilder: Cyrill Pürro

Was passiert gerade in der Ukraine? Wie geht es der Bevölkerung und dem Staat selbst? Was denkt die Bevölkerung über die Besatzung der russischen Separatisten und der Propaganda beider Seiten? Diese Fragen stellte sich Tink.ch und befragte Sofiya Miroshnyk zur aktuellen Lage im fernen Land. Sofiya Miroshnyk reiste vergangenes Jahr zusammen mit Matthias Käser, der Fotograf beim Bielertagblatt ist, in die vom Krieg erschütterte Ukraine und wurde selbst auch dort geboren, genauer in Swetlovotsk.

Aus welchen Gründen seid ihr in die Ukraine gereist, um über das Land zu berichten?

Die Idee selbst kam von Matthias Käser, da er auch schon einmal in der Ukraine war und auch gewusst hat, dass ich von dort komme. Unseren Artikel veröffentlichten wir im Bieler Tagblatt.

Ein Jahr lang haben wir das Vorhaben aufgeschoben, in die Ukraine zu reisen da wir unter anderem dachten, der Krieg wäre bald vorbei. Letztes Jahr merkten wir dann, dass von den Medien nichts mehr über den Krieg berichtet wird, obwohl sich dieser gerade enorm wieder entfachte. Deshalb haben wir dann auch beschlossen, uns selber ein Bild davon zu machen.

Ihr habt dort viel mit den Menschen geredet und viel gesehen. Wie geht es aktuell den Menschen und dem Land selber?

Sehr viele Leute sind enorm enttäuscht, besonders diejenigen, die sich von der Maidanbewegung viel erhofft haben, da nur wenige von den Visionen, das Land umzukrempeln, Wirklichkeit wurden. Hingegen ist zu beobachten, dass sehr viele Leute beginnen, sich für das Land einzusetzen. Seien es ältere Damen, die Militäruniformen reparieren oder Popmusiker, die sich für gute Zwecke einsetzen. Auf dem Land selbst ist die Szenerie sehr trostlos, während in der Hauptstadt Kiev alles recht europäisch, modern und friedlich wirkt.

Weshalb kam es überhaupt zur Maidanbewegung?

Viktor Janukowytsch, ehemaliger Präsident der Ukraine, schoss das Assoziierungsabkommen mit der Europäischen Union in den Wind. Dieses Abkommen hätte zu einer Annäherung zwischen der Ukraine und der EU geführt. Nachdem Janukowytsch das Abkommen ablehnte, ging die Bevölkerung auf die Strasse.

Wie kam es dann zur Eskalation?

Darauf reagierte die Regierung mit dem Einsatz von Militär, wobei es zu Strassenschlachten kam. Dies führte zu einer Kettenreaktion mit der Besetzung der Krim und den Kämpfen im Osten.

Was haben die Menschen gesagt, die eher Russland unterstützen und auf der anderen Seite die, die ihr eigenes Land unterstützen?

Menschen, die sich als Befürworter Russlands betitelten, haben wir nicht getroffen. Es gab niemanden der sagte, Russland hätte das volle Recht, die Krim zu besetzen. Für viele gelten Russland, aber auch die Ukraine, als Schuldige an der Situation. Indirekt erkennt man aber auch den Aufschwung des nationalistischen Denkens.

Beispielsweise bei einer Politikwissenschaftlerin, die wir interviewt haben. Sie kam uns vorerst wie jemand mit einer neutralen Position vor, redete aber plötzlich während des Gespräches davon, wie viele Russen bereits getötet wurden, in einer schon fast prahlerischen Stimme. Auch beim Interview mit der Schwester eines Soldaten von der ukrainischen Armee, bemerkten wir dies. Sie sprach während der Aufnahme Ukrainisch, wechselte aber auf Russisch, als die Aufnahme nicht lief.
Auch habe ich gehört, dass Menschen in manchen Orten, die nicht Ukrainisch sprechen, von faschistischen Gruppierungen zusammengeschlagen werden. Ich kann dies aber nicht zu 100% bestätigen.

Was tut die neue Regierung, um die Situation in der Ukraine zu verbessern?

Dazu muss ich sagen, dass ich seither nicht mehr auf dem neuesten Stand bin. Ich kann nur bezeugen, was ich gesehen habe, den Antikorruptionskampf etwa, oder das Erreichen der Visafreiheit für Ukrainer.

Warum denkst du, hört und liest man in letzter Zeit so selten vom Bürgerkrieg in der Ukraine?

Das hat mit der Nachrichten-Wert-Theorie zu tun und bedeutet, dass vor allem über die Ereignisse berichtet wird, die am nächsten sind. Die Ukraine ist zwar, verglichen mit anderen Kriegsgebieten, nah, jedoch eskaliert der Krieg nie richtig, weshalb das Thema für die Medien schnell mal an Wert verliert. Die gefährlichsten Kriege sind jedoch gerade die, die sich jahrelang hinziehen.Hinzu kommen die vielen anderen Aktualitäten, die für die Medien wichtiger sind, wie beispielsweise Donald Trump, über den man jederzeit etwas Neues liest oder hört.

Was denkst du, wie wird sich die Lage in der Ukraine verändern, jetzt mit Donald Trump als Präsident der USA, der ja enger mit Russland zusammenarbeiten will?

Ich denke, dass sich die Lage in der Ukraine in nächster Zeit kaum verändern wird. Vielleicht ist der Kampf der Ukrainer um den Osten ihres Landes aber auch schon längst verloren. Nicht wenige, die wir befragten meinten, man solle den Teil einfach Russland überlassen, um den Krieg zu beenden.

Vielen Dank Sofiya, für das spannende Interview.

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Gesellschaft

Wer kritisiert, ist der grosse Satan

Von den einen verteufelt, von den anderen um Rat angefragt: Sektenexperte Georg Schmid schaut bei religiösen Gemeinschaften genau hin.

Bild: Mélanie Baierlé

Herr Schmid, Sie beraten Betroffene, Angehörige und sonstige Interessierte zu Sekten und radikalen Gruppierungen. In welchen Situationen rufen junge Menschen Sie an?

Jugendliche rufen uns häufig an, wenn sie in ihrem sozialen Umfeld verdächtige Beobachtungen gemacht haben. Sie haben Freunde, Eltern oder Grosseltern, die sich neu einer religiösen oder weltanschaulichen Gemeinschaft angeschlossen haben, und möchten wissen, ob dies harmlos oder problematisch ist.

Was sind solche verdächtigen Beobachtungen?

Die Person verändert sich, sie gibt Hobbies auf. Jemand schmeisst plötzlich die Ausbildung hin, der Kollegenkreis wird unwichtig oder es kommen ganz andere Kollegen aus der neuen Gemeinschaft hinzu. Das erinnert viele an das, was sie von Sekten kennen.

»Sekte«- viele kennen den Begriff, aber was ist das eigentlich genau?

Eine Sekte kann mit jeder beliebigen Lehre gegründet werden. Das einfachste Merkmal, um eine Gruppe auf ihre Sektenhaftigkeit zu überprüfen, ist das absolute Kritikverbot: Niemand darf anderer Meinung sein als der Chef der stark hierarchisch organisierten Gemeinschaft. Zum Teil hängen die Mitglieder gar in Geschmacksfragen an den Lippen der Meisterin oder des Meisters.
Ein weiteres wichtiges Sektenmerkmal ist ein extremes schwarz-weiss Denken, auch in Bezug auf die Aussenwelt: Wir drinnen die Auserwählten, draussen das Schlechte.
Ausserdem werden Mitglieder stark kontrolliert. Regeln für alle möglichen Lebenslagen stellen viele Gruppen auf, aber Sekten kontrollieren und setzen die Regeln eisern durch.

Klingt nicht gerade sympathisch. Warum lässt sich eine Person trotzdem darauf ein?

Niemand tritt aus Jux und Tollerei einer Sekte bei, sondern allermeistens wegen einer tiefgreifenden Lebenskrise. Wenn ein junger Mensch den Partner verliert, von der Schule fliegt, die Eltern einen aus dem Haus schmeissen. In so einer Situation ist es gerade für junge Menschen extrem schwierig, sich der verlockenden Argumentation einer Sekte zu entziehen. Sie sagen einem: »Logisch passiert dir das, die Welt ist mies, aber du gehörst zu uns.« Hier spielt auch das »Love Bombing« eine Rolle, also die bewusste Überschüttung von Menschen mit Komplimenten und Zuneigungen.

Ab wann wird eine solche Gruppe gefährlich?

Das kommt stark auf die Umstände an. Nehmen wir zum Beispiel die Zeugen Jehovas: Diese werden von jedem als Sekte bezeichnet, der dieses Wort überhaupt braucht. Aber unter sektenhaften Gruppen sind Zeugen Jehovas eher harmlos. Solange man keine Bluttransfusion braucht. Dann werden die Zeugen Jehovas tödlich gefährlich. Denn für deren Mitglieder sind Bluttransfusionen verboten.
Weiter hängt es davon ab, wie gut jemand mit Druck umgehen kann. Etwa den Druck bei Scientology, ständig neue Weiterbildungen zu kaufen und zu absolvieren.
Eine Ausnahme bilden die Sexsekten, welche ganz grundsätzlich gefährlich sind für junge Menschen. Diese sind in der Hierarchie weit unten und müssen dann einfach hinhalten.

Was raten Sie Menschen, die in ihrem Bekanntenkreis ein Sektenmitglied vermuten?

In einer allerersten Phase hilft noch kritische Information, hier sind Aussteigerberichte besonders hilfreich. Sobald die Person aber ihre Gruppe nur noch durch die rosarote Brille betrachtet, wird es heikel. Dann bringt Information so viel, wie einem Verliebten das Objekt seiner Liebe auszureden. Nämlich gar nichts.
Man kann versuchen, die Gemeinschaft unnötig zu machen. Dies funktioniert gar nicht so selten, besonders wenn die Sekte beginnt, Forderungen zu stellen.
Wenn das auch nichts hilft, ist es das Wichtigste, den Kontakt zur betroffenen Person zu halten. So wird für sie ein möglicher Ausstieg kein Sprung ins Nichts.

Man soll also mit einem Sektenmitglied befreundet bleiben. Soll man mit ihm über die Gruppe sprechen?

Ständige Diskussionen und Kritik sollte man vermeiden. Aber auch keine Zustimmung heucheln: Wichtig ist, dass man sich informiert über die Gemeinschaft. Bei einem Gespräch sollte man klar sagen, was einen stört und dass man deshalb nicht Mitglied werden will. Dann aber die Diskussion sein lassen und über alles andere sprechen. Meistens funktioniert das. In der Regel sind Sektenmitglieder froh, nicht von morgens bis abends über ihre Sekte sprechen zu müssen.

Besteht nicht die Gefahr, durch die Freundschaft selber in die Gruppe hineingezogen zu werden?

Es stimmt, dass Sektenmitglieder einen starken inneren Antrieb haben, andere zu missionieren. Der Mensch, der frisch begeistert ist von einer solchen Gruppe, will natürlich die Menschen, die er gerne hat, an seinem Glück teilhaben lassen. Das ist sehr lästig. Aber wie gesagt, Personen sind nur in bestimmten Lebenssituationen anfällig für Sekten. Aber auch wenn ich in einer schweren Krise bin, werde ich nicht Mitglied von jeder Sekte. Sondern nur von einer, die zu mir passt, die meine soziale Schicht und Altersgruppe vertritt, deren Musikstil mir entspricht.

Wie soll der Staat mit Sekten umgehen? Gewisse radikale Gruppen sind in Deutschland verboten. Gar ein Scientology-Verbot wurde diskutiert. Was nützt das?

(Lacht). Deutschland verbietet viel, die Schweiz fast nichts. Das Resultat ist etwa dasselbe. Ich sehe keine wirklich positive Wirkung solcher Verbote.

Können sie schaden?

Wo Verbote gemacht werden, organisieren sich die Mitglieder einfach immer wieder zu neuen Gruppen, die dann wieder verboten werden müssen. In gewissen Fällen können Verbote aber nachteilig sein. Zu massiver staatlicher Druck auf bestehende Gemeinschaften führte auch schon zu tragischen Entwicklungen. Etwa bei der Sekte »Peoples Temple«, wo es zu Massensuiziden kam.

Druck auf Sekten kann auch durch die Medien entstehen. Welche Rolle spielen sie?

Medien haben die ausgesprochen wichtige Funktion der Aufklärung. Sekten haben am liebsten gar keine Berichterstattung, auch nicht positive. So behalten sie die Definitionsmacht über ihre Gruppe. Selbstdarstellungen darf man aber nicht vertrauen: Sekten haben meist keinen Ethos der Wahrhaftigkeit, sie müssen sich gegen aussen also nicht so darstellen, wie sie tatsächlich sind.

Können Sie das genauer erklären?

Sektenmitglieder werden oft harten körperlichen, psychischen oder finanziellen Massnahmen unterworfen. Das sei nötig zur eigenen Entwicklung. Da die Aussenwelt dies aber nicht verstehen kann, präsentiert sich die Gemeinschaft bewusst inkorrekt.
Medien müssen hier die andere Seite aufzeigen. Indem sie Aussteigern ein Podium geben, oder indem Journalisten eigene Erfahrungen machen und teilen.

Ihre Beratungsstelle Relinfo trägt ebenfalls Informationen zusammen, gibt Einschätzungen ab und teilt Aussteigerberichte. Wie reagieren Gemeinschaften auf Ihre Publikationen?

Wenn eine Gemeinschaft zum ersten Mal mit einem kritischen Bericht konfrontiert wird, reagieren sie zum Teil aggressiv. Der erste Kritiker einer Sekte, der das wunderbare Wohlfühl-Definitions-Häuschen stört, ist für sie der grosse Satan. Später reagieren gewisse Sekten auf Kritik cleverer, indem sie sie einfach ignorieren. Andere haben nie gelernt, damit umzugehen, und verhalten sich übertrieben bereits gegenüber harmloser Kritik.

Kommen wir zurück zur Jugendradikalisierung. Wir haben viel von Sekten gesprochen. Gibt es auch andere Formen der Radikalisierung?

Sicher. Bei uns rufen öfters Jugendliche an, deren Kollegen beispielsweise Neonazi-Musik hören. Die Neonaziszene als Ganzes hat keine einheitliche Struktur, aber die einzelnen Gruppen sind zum Teil sektenhaft organisiert. Okkultismus oder Jugendsatanismus hat eher abgenommen in den letzten zehn Jahren. Deren Rolle als Protestreligion wurde von anderen Gruppen, eben zum Beispiel Neonazis, oder auch Salafisten, übernommen. Sie schockieren mehr, wenn Sie mit der Galabija, dem Gewand der Salafisten, auf den Pausenhof gehen, als mit dem umgedrehten Kreuz der Satanisten. Aber auch Neonazisein ist heute eine Option für junge Schweizer, die protestieren wollen. Wie gesagt ist jedoch meist kein blosser Protestwille, sondern eine tiefgreifende Lebenskrise, der Grund für eine Radikalisierung. Dies trifft nicht nur für Sekten zu.

Gemeinsam sind vielen radikalen Gruppen auch die teilweise extrem simplen Denkarten.

Ja, Sekten und auch andere radikale Gemeinschaften neigen zu Vereinfachungen, geben simple Antworten auf komplexe Probleme. Der Salafismus ist eine unglaubliche Verkürzung des Islams, Neonazis haben extrem simple Weltanschauungen. In einer zunehmend komplexeren Welt besteht wohl sowas wie eine Sehnsucht nach einfachen Antworten.


Beratungsstellen

Georg Schmid leitet die Beratungsstelle relinfo.ch.
Weitere ähnliche Stellen:
infosekta.ch
inforel.ch
fexx.ch (Fachstelle Extremismus- und Gewaltprävention).

interview

radikalisierung

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