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Neue Idee neues Ziel

Französisch sprechen stellt für viele SchülerInnen ein Problem dar.

Bilder: Larissa Puma, Tink.ch

Das französische Lehrmittel Mille Feuilles ist seit 2011 in sechs Kantonen, unter anderem in der Hauptstadt Bern, im Einsatz. Das neue Ziel ist, dass die SchülerInnen ein „Sprachbad“ nehmen und nicht nur noch Grammatik und Vokabeln im Schulzimmer pauken. Die Lehrmittel sind nicht oft beliebt, jedoch wird das Mille Feuilles schon von Anfang an kritisiert. Den SchülerInnen fehlt wichtiges Basiswissen der Grammatik. Sie kommen mit ihrem Wissensstand schnell an ihre Grenzen, wodurch ihre Motivation stark sinkt. Die Eltern machen sich grosse Sorgen deswegen. Aber wie sehen es LehrereInnen und SchülerInnen, die direkt mit dem Mille Feuilles zu tun haben?

Andrea Eichelberger gibt seit 8 Jahren Französisch an der Schule Moos in Gümligen bei Bern. Ansprechend, anspruchsvoll und vielfältig. So beschreibt die Sprachlehrerin das Mille Feuilles. Tink hat sich mit ihr getroffen und über das Lehrmittel und die Kritik daran gesprochen.  

Frau Eichelberger, haben Sie das Mille Feuilles mit offenen Armen empfangen?  

Ich hatte gerade erst angefangen mit dem Lehrmittel Bonne Chance zu unterrichten und hätte das gerne noch ein paar Jahre gemacht. Aber ich unterrichte gerne Französisch, so dass es keine Rolle gespielt hat, mit welchem Schulmittel ich unterrichte. Ich habe mich auf die Herausforderung und das neuartige, moderne Lehrmittel gefreut. 

Was ist Ihre Meinung über das Lehrmittel Mille Feuilles?

Mille Feuilles ist inhaltlich ansprechend, lehrreich und beinhaltet Sachthemen, wie Tiere und Experimente, was viele Kinder interessiert. Es geht um mehr, als nur um das isolierte Sprachenlernen. So werden in den Magazines beispielsweise oft Kulturen und Sprachen verglichen. Auch das Layout ist sehr zeitgemäss. Kürzlich sagte mir ein Schüler: „Ich habe im Schrank das neue Magazine gesehen und dass es um die Entdeckung Amerikas geht! Darauf freue ich mich schon jetzt!“ So etwas wäre mit Bonne Chance nie passiert. Ich finde es zudem sehr praktisch, dass die SchülerInnen direkt in die Hefte hineinschreiben können. Die Kinder können aktiv werden indem sie Berichte schreiben, Poster präsentieren oder Witze vorspielen. Diese Schlussaufgabenkönnen sehr individuell gestaltet werden, so dass jedes Kind auf seinem Niveau angesprochen und gefördert wird. Leider hat Mille Feuilles oft den Anspruch, authentische Texte zu verwenden. Diese Texte stammen von einem französischen Buch oder Heft. Das macht es für die Kinder sehr schwierig, längere Texte zu verstehen oder Informationen herauszufiltern. Da geht für mich zu viel Energie und Zeit verloren. Meiner Meinung nach dürfte es auch einfachere, extra für den Sprachlernprozess geschriebene Texte und Dialoge und Übungen in den Magazines haben. Dies ist in der überarbeiteten Version nun etwas berücksichtigt worden.

Teilt das Kollegium Ihre Meinung?

In der Unterstufe benutzen sie es sehr gerne. Auch die Mittelstufe ist eher noch überzeugt als die Oberstufe. Die Oberstufenlehrer finden, die Kinder kommen und beherrschen weder die Grammatik noch können sie ein Verb konjugieren oder sich vorstellen. Früher, also mit Bonne Chance, war eine solidere Grundlagevorhanden. Die Oberstufenlehrer spüren auch den Druck vom Gymnasium. Ich weiss von einigen LehrerInnen, dass sie nebst dem Unterrichten mit Mille Feuilles noch viel eigenes Material zu Hilfe nehmen. Man ist sich aber im Kollegium grundsätzlich einig, dass Mille Feuilles interessante Themen bearbeitet und wichtige Kompetenzen zum Lernen einer Fremdsprache vermittelt.

Ich habe viel gelesen, dass sich die Eltern der Schülerinnen und Schüler sorgen über das Lehrmittel machen. Ist das in Ihrer Klasse auch so?

Es hat sich selten jemand gemeldet, der gemeint hat, das Kind lerne zu wenig. Die Eltern wissen vielleicht gar nicht mehr, was vorher anders war mit Bonne Chance. Ich glaube auch, dass es mehr bei den Oberstufen so ist, dass die Eltern den Anspruch haben, dass ihr Kind auf Französisch nach dem Weg fragen oder ein Hotel reservieren kann. Denn man lernt mit Mille Feuilles und Clin d‘oeil nicht wirklich Wörter, die man im Alltag braucht, sondern Wörter, die in den Sachthemen vorkommen. Das heisst zum Beispiel: kitzeln, sammeln und der Schmutzgeier, aber man kann kaum etwas im Restaurant bestellen. Die Eltern sind dankbar, wenn man die Wörter schriftlich verlangt und eigenes Unterrichts-Material einbaut. Wichtiger als das Lehrmittel ist für die Eltern aber die Lehrperson und deren Unterricht.

Das Ziel von Mille Feuilles ist, Französisch spielerisch zu entdecken, anstatt Grammatik zu lernen. Was halten Sie von dieser Idee?

Ich finde es gut, aber ich stelle auch fest, dass es nicht funktioniert ohne Grammatik. Eine Sprache zu lernen ohne die nötigen Grundlagen und Strukturen, ist schwierig. Man sollte schon von Anfang an mehr Grammatikthemen hineinnehmen und auch üben, so wie im englischen Lehrmittel New World. Die Autoren von Mille Feuilles sprechen von einem Sprachbad, was sich mit zwei bis drei Stunden pro Woche aber sehr schwierig gestaltet. Es bräuchte mehr Lektionen in der Woche, dann könnte man die Sprache spielerisch entdecken und wichtige Grundlagen erarbeiten.  

Wie fänden Sie es, wieder zum Bonne Chance zu wechseln?

Ich glaube, wenn ich jetzt wieder zurück zum Bonne Chance wechseln müsste, würde ich viele Themen und Ideen von Mille Feuilles mitnehmen. Ich finde Bonne Chance mit seinen konstruierten Dialogen einseitig und veraltet, vom Layout ganz zu schweigen. Das Englischlehrmittel New World kommt meiner Idealvorstellung eines Sprachlehrmittels sehr nahe: ein ansprechendes, unkompliziertes Buch und Übungsheft, das die SchülerInnen im Alltagswortschatz fördert und wichtige Sprachgrundlagen vermittelt und wo mit ebenfalls nur zwei Lektionen pro Woche auch immer wieder ein Spiel oder Lied Platz hat. Ich unterrichte sehr gerne Französisch und habe als Lehrperson zum Glück trotz des obligatorischen Lehrmittels Mille Feuilles viele Freiheiten, wie ich meinen Unterricht gestalte, was ich vertiefe, erweitere, weglasse oder ergänze.

Tink bedankt sich bei Andrea Eichelberger für das Gespräch!

Ich als Gymnastin hatte selbst mit diesem Lehrmittel zu tun. Ich bin auch der Meinung, dass eine Sprache nicht ohne Grammatik funktioniert. Nach vier Jahren Französisch habe ich nicht einmal in einem Text gesehen, dass ein konjugiertes Verb zum gleichen Verb gehört, das ich ja schon kenne, weil es in einer anderen Konjugations-Form war. In der 7. Klasse war es zum Glück anders. Wir mussten unendlich viele Verben auswendig lernen und konjugieren. Wie mühsam es auch sein mag, für eine Sprache ist dies einfach nötig. In diesen zwei Jahren habe ich mehr gelernt als in den gesamten Jahren, die ich nun schon mit Französisch zu tun habe. Und nur weil unser Lehrer alles selber zusammengesucht hat ohne Hilfe des Lehrmittels. Nun bin ich im Gymnasium und merke, dass mir deutlich mehr bekannt vorkommt als anderen. Erst kürzlich hatten wir einen Austausch mit einer französischen Schule. Wir hatten so unglaublich Mühe nur einen einfachen Satz zu bilden und das, obwohl wir nun schon seit 7 Jahren Französisch haben. Und so ein Ergebnis demotiviert einem so fest, dass ich dieses Fach jedes Jahr ein Stück weniger mag. Obwohl ich Sprachen liebe. Leider fehlt mir jedoch das Basiswissen. Ich muss schon sehr lange überlegen, nur um mich vorstellen zu können. Ich finde, dass man wie in anderen Lehrmitteln, erst mit „sich vorstellen“ anfangen soll und danach Farben, Kleidung und Essen. Ausserdem zeigen andere Lehrmittel wie auch im Spanisch auf, dass dies möglich ist. Also warum auch nicht für Französisch? Mir fehlt einfach der Wortschatz. Wörter, die man oft braucht und nicht Wörter wie „Schmutzgeier“. Sprachen sind wichtig und je besser man etwas beherrscht, desto grösser ist die Freude daran. Deshalb hoffe ich, dass man immer wie mehr wieder Grammatik und Vokabeln (die wichtig sind) im Schulzimmer Willkommen heisst. Denn so geht es nicht weiter und man braucht nur eines – eine Verbesserung! 

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