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Gesellschaft

“Mir einen Regenbogen vorzustellen ist sehr schwierig”

Daniela Moser auf dem Balkon ihres Zuhauses in Walkringen.

Daniela Moser auf dem Balkon ihres Zuhauses in Walkringen.

Bilder: Adrian Moser, Adrian Moser

Der Mensch verlässt sich meistens darauf, was er sieht. Aber nicht Daniela Moser – sie verlässt sich auf ihr Gehör und ihren Tastsinn, denn sie ist von Geburt an blind. Sie sitzt in der Küche ihres Elternhauses in Walkringen und schenkt sich ein Glas Wasser ein. Dabei hält sie ihren Finger ins Glas, um die Menge abzumessen. Einer der vielen kleinen Tricks, den sie für den Alltag ohne Augenlicht braucht. 

Die 26-jährige Bernerin wirkt sehr lebensfroh. Doch als Kind hatte sie eine schwere Zeit. Sie wurde dutzende Male an den Augen operiert und musste viel Zeit im Spital verbringen. Statt auf dem Hof herumzutollen musste sie dann oft im Haus bleiben. Seit sie fünf Jahre alt ist, ist sie auf dem linken Auge komplett blind. Mit dem rechten Auge kann sie Farben erkennen und zwischen hell und dunkel unterscheiden. Moser erkennt zum Beispiel einen Fussgängerstreifen als gelben verschwommenen Fleck am Boden. Die Ampel hingegen ist zu weit weg, um die Lichtsignale zu sehen. Personen, die ganz nahe neben ihr sitzen, erkennt sie als dunkle Kontur. In der Blindenschule Zollikofen und in der Lehre als Kauffrau nagte die Frage “Warum gerade ich”, manchmal an ihr. Andererseits kenne sie nichts anderes. “Für jemanden, der erst im Laufe seines Lebens erblindet, muss es viel schlimmer sein.” 

Obwohl Moser nichts sehen kann, zeichnet sie für ihr Leben gern. “Wenn Sie wollen, zeichne ich Ihnen ein Pferd”, sagt sie. Ein Tier könne sie anfassen und gewinne dadurch eine gewisse Vorstellung davon. Auf dem Papier sehe das Pferd zwar etwas abstrakt aus, aber das sei für sie nicht wichtig. “Ich habe meinen eigenen Weg gefunden, wie ich zeichne.” Schwierig wird es bei Motiven, die Moser nicht berühren kann. “Mir einen Regenbogen vorzustellen ist sehr schwierig.” Ihn zu zeichnen sei eine Herausforderung, die sie jedoch mit Freude angehe. Nebst dem Zeichnen hört sie sehr gerne Hörbücher, liest und singt in zwei Jodlervereinen. Im Winter stehe sie gerne auf die Ski. Dabei wird sie von einer eigens dafür ausgebildeten Person begleitet, die  hinter ihr fährt und ihr Anweisungen gibt. Dafür brauche es viel Vertrauen in die Begleitperson. Auch zum Joggen habe sie endlich jemanden gefunden, der sie begleitet. Die Suche dauerte lange, weil nur wenige es sich zutrauen, mit einer blinden Person joggen zu gehen. 

Heute arbeitet Moser beim Blinden- und Sehbehindertenverband. Für blinde Menschen sei es nicht einfach, eine Arbeitsstelle zu finden, so Moser. Arbeitgeber könnten sich oft nicht vorstellen, dass eine blinde Person eine Tätigkeit genauso zufriedenstellend ausüben könnte wie eine sehende Person. “Bei den Arbeitgebern herrscht noch eine grosse Berührungsangst”, so Moser. Der Arbeitgeber habe auch keinen zusätzlichen Aufwand, eine blinde Person anzustellen, denn die Beschaffung der Hilfsmittel, wie die Sprachausgabe auf dem Computer oder die Braillezeile, die liege beim blinden Arbeitnehmer und werde von der Invalidenversicherung übernommen.

Der Bauernhof der Familie Moser, der seit zwanzig Jahren nicht mehr betrieben wird, liegt etwas abgelegen auf einem Hügel oberhalb von Walkringen. Wäre es für Moser nicht praktischer, in der Stadt zu wohnen, wo sie auch arbeitet? “Ich bin in Walkringen aufgewachsen und kenne das Haus sehr gut”, sagt Moser. Sich hier zu orientieren ist für sie kein Problem. In einer neuen Wohnung müsste sie zuerst lernen, sich zurechtzufinden. Dafür gibt es eigens Dienstleistungen, die Blinde in Anspruch nehmen können. Während solchen Trainings lernt die blinde Person zudem, wo sie in der Nähe einkaufen kann und wo die Verkehrsanschlüsse sind. “Es ist alles lernbar”, sagt Moser.   

Moser ist beruflich oft mit dem Zug unterwegs. Ihre wichtigsten Hilfsmittel sind dabei der Blindenstock und ihr IPhone. Durch die Sprachausgabe auf dem Handy lässt sie sich alle wichtigen Informationen vorlesen, zum Beispiel die Gleisnummer ihres Zuges auf der SBB-App. Früher musste sie fremde Leute am Bahnhof ansprechen, damit sie ihr auf der Anzeigetafel die Gleisnummer ablesen konnten. Der Bahnhof Bern sei mit dem Leitliniensystem am Boden sehr gut ausgerüstet, findet Moser. Aber sie bedauert, dass Passanten oft nicht wüssten, dass blinde Personen diese Linien zur Orientierung benötigen. “Oft stehen Leute auf den Linien oder stellen ihre Tasche darauf ab”, sagt sie. 

Um Nachrichten auf dem Handy zu schreiben, braucht Moser die Brailleschrift. Dabei erscheinen die sechs Punkte der Blindenschrift auf dem Bildschirm anstatt der herkömmlichen Buchstaben. Am Küchentisch lässt sie sich ein SMS vorlesen und stellt ihr geübtes Gehör unter Beweis. Die Sprachausgabe ist so schnell eingestellt, dass nur Moser etwas versteht. Über das verblüffte Gesicht der Autorin muss sie lachen. Sie glaube nicht, dass sehbehinderte Menschen besser hörten. “Wer gut sehen kann, braucht das Gehör einfach zu wenig.”

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