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Kultur

Hallo, Mister Gott

Die kleine Prinzessin Anna ist nicht wie bei Saint-Exupéry in der Wüste gelandet, sondern beim schlaksigen Lebenskünstler Fynn in den Londoner Docks. Wie bei Saint-Exupéry erzählt der Autor in Ich-Form von der Begegnung mit dem engelhaften Wesen.

Annas wache Kinderaugen öffnen Fynn und dem Leser einen philosophischen Blick in die Welt. Vornämlich nachts ziehen die beiden um die Häuser um ihre Um- und Mitwelt zu entdecken und alltägliche Geheimnisse zu entschlüsseln. Sie debattieren stundenlang über die Mathematik, Farben, Menschen, Liebe, Sex und eben immer wieder über Mister Gott und Religion. Die Maus gestern hab ich auch aus der Mausefalle rausgelassen, weil ich sie lieb hab. Und auch Mister Gott müssten wir rauslassen, auch aus der Kirche. Und das wäre dann wirklich Liebe. Anna ist um keine Antwort verlegen, nach Wochen nimmt sie plötzlich eine Frage wieder auf und wenn ihr für ein Phänomen die Worte fehlen erfindet sie kurzerhand Eigene. Das Wort Million reichte für die meisten normalen Dinge. Eine Billion war schon seltener. Wünschte man aber an eine Zahl zu denken, die noch viel grösser als Billionen und Trillionen war, so musste man ein Wort erfinden. Anna erfand die Squillion. Es war ein sonderbar elastisches Wort.

Drei Jahre lang hängen die beiden miteinander rum, seit Fynn die fünfjährige Anna aufgelesen hat, bis zu ihrem jähen Tod. Wie beim kleinen Prinzen ist auch Annas Aufenthalt auf der Erde begrenzt, sie stirbt am Ende des Buches einen unglücklichen Unfalltod. Doch Anna bleibt in Fynns Herzen und mit einem wehmütigen lächeln denkt er noch oft an sie. Und ich war sicher, irgendwo sassen Mister Gott und Anna nebeneinander und lachten.

Eine wundersame poetische Annäherung an einen unverkrampften Umgang mit Religion, für eine besinnliche Weihnachtszeit.


„Hallo, Mister Gott, hier spricht Anna“, Fynn, erschienen im Scherzverlag, München 1974 

 

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