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Gesellschaft

Geisterdorf in der Wildnis

Bilder: Marlen Hämmerli

Die Augen der Siedler glänzten, als sie 1900 beim Kennicott-Gletscher das Minen-Dorf Kennecott gründeten. Geblendet vom verheissungsvollen Kupfer begingen sie einen Schreibfehler bei der Namensgebung, doch Alkohol war wichtiger als Rechtschreibung. Der Ausschank war in Kennecott verboten und so gründeten die durstigen Bergwerkleute flugs ein Nachbardorf, um ihrer Leidenschaft zu frönen. Nachdem die Kupfermine 30 Jahre später erschöpft war, sank die Einwohnerzahl rapide. McCarthy wurde zur Geisterstadt.

End of the Road

Vor der Vergessenheit gerettet wurde das Dörfchen in den 70er-Jahren durch den Bau der Trans-Alaska-Ölpipeline. Amerikas grösster Nationalpark „Wrangell-St. Elias“, der auch den Gletscher umschliesst, trägt ebenfalls zur Erhaltung McCarthys bei. Immer mehr Touristen riskieren die Fahrt über die durchlöcherte und abschüssige McCarthy-Road.

„End of the Road“: Der Name des Zeltplatzes am Fusse des Nationalparks und des Kennicott-Gletschers ist Programm. Einsamkeit ist hier fühlbar. Das Fahrzeug stehen zu lassen, Pflicht. In der Wildnis zu campieren, ein Erlebnis.

Es steht kein frisches Wasser zu Verfügung, kein bärensicherer Vorrats- oder Abfallcontainer. Eine richtige Toilette und Duschen fehlen ebenfalls. Nur ein Parkplatz, einige Anschlussstellen für Wohnwagen, die die 100 Kilomter lange Schotterstrasse bewältigt haben, und ein Plumpsklo sind vorhanden. Das Besondere an dem WC ist für einmal nicht der Gestank: wer an der herunterhängenden Schnur zieht, dem öffnet sich eine kleine Klappe in der Türe. Dank der cleverer Ausrichtung bietet das WC-Häuschens einen der spektakulärsten Ausblicke direkt auf den Kennicott-Gletscher.

Meister der Vorratsplanung

Nach McCarthy führt der Weg über eine Fussgängerbrücke und einen kleinen Waldweg, der von Bären heimgesucht wird. Die Einwohner leben abgeschieden. Der Grossteil verbringt die dunkle Hälfte des Jahres weiter südlich, wie es in Alaska Sitte ist. Wer Lebensmittel oder ähnliches benötigt, muss vier Stunden bis zur nächsten Stadt fahren.

„Ich gehe höchstens einmal pro Monat einkaufen“, erzählt ein bärtiger Gletscher-Führer. Kein Wunder, sind die Einwohner McCarthys Experten der Vorratsplanung. Sie schaffen es, in einer rauen Umgebung zu leben und sind wahre Improvisationskünstler, wenn etwas repariert werden muss. Dies beweist das Interieur des einzigen Pubs. Kaum ein Stuhl passt zum nächsten und mancher sieht aus, wie selbst zusammengeschraubt. Aber genau dies macht die Kneipe sympathisch und sehenswert.

Zweimal im Jahr, jeweils zur Sonnenwende, kommt eine Band nach McCarthy. Dann wird die ganze Nacht gefeiert. Wortwörtlich die gesamte Gemeinde passt in die kleine Kneipe, geniesst das Leben und die Gemeinschaft. Die wenigen Geschäfte existieren nur dank dem Tourismus. Ob eine Minenbesichtigung, Rundflüge über den Gletscher oder eine Klettertour auf dem ewigen Eis.

McCarthy ist mehr als ein Dorf oder eine kleine Gemeinde. Es ist eine Grossfamilie. Ohne dieses Gemeinschaftsgefühl könnte der Ort nicht existieren.

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