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«Für ältere Menschen sind soziale Kontakte elementar und sehr wichtig»

Einsamkeit ist ein grosses Thema für ältere Menschen, auch schon vor der Coronakrise.

Bild: Pixabay.com

Herr Burri, wie unterscheidet sich die Arbeit von Pro Senectute aktuell im Vergleich zu vor dem Coronavirus?

Die Zeit ist geprägt von sich immer wieder ändernden Rahmenbedingungen. Beispielsweise bei unserem Kursangeboten: Pro Senectute bietet normalerweise zehntausende von Kursen an, die momentan nicht oder nur äusserst eingeschränkt punktuell stattfinden können. Wir müssten Kurse einstellen, mehrmals umorganisieren oder gar neue konzipieren. Die Arbeit erfordert von allen eine riesige Flexibilität und die normale Praxis ist nur noch in Einzelfällen anwendbar. Unsere Beratungen mussten wir online oder per Telefon anbieten, was oft nicht ganz einfach ist, schliesslich geht es bei diesen Gesprächen oft um sehr existenzielle Fragen rund um das Altwerden.  Als weiterer Aspekt kam zum schon starken wachsenden Interesse der Öffentlichkeit an Altersfragen eine pandemiebedingte zusätzliche Belastung durch ein berechtigtes Informationsbedürfnis der breiten Öffentlichkeit dazu. Das Interesse an den Themen von Pro Senectute war und ist riesig. 

Mit welchen Problemen treten ältere Menschen mit Ihnen und Pro Senectute in letzter Zeit in Kontakt? Können Sie ein paar Beispiele ausführen, um ein Bild davon zu zeichnen, was ältere Menschen beschäftigt?

Vergisst man für einmal alle Fragen zu Corona, sind wir vorwiegend mit Fragestellungen rund um Finanzen, sprich Altersarmut, der persönlichen Vorsorge, der eigenen Freizeitgestaltung, Einsamkeit und der Auseinandersetzung mit dem Tod beschäftigt. Weiter beschäftigen wir uns auch sehr stark mit Unterstützung und Hilfen zu Hause für ältere Menschen. Schliesslich möchten praktisch alle Menschen einmal in den eigenen vier Wänden alt werden können. Dies funktioniert für die allermeisten Personen in der Schweiz noch. Heute leben 96 Prozent der über 65-Jährigen zu Hause, und nur deren vier Prozent in einem Alters- oder Pflegeheim. Das bedeutet, dass rund 1,6 Millionen Menschen über 65 potenziell irgendeinmal auf Hilfe und Unterstützungen bei sich zu Hause angewiesen sein könnten. Hier müssen wir jetzt die richtigen Weichen stellen, damit dies gewährleistet werden kann.

In Corona-Zeiten blieben die Sorgen der Seniorinnen und Senioren gleich, respektive akzentuierten sich leider noch etwas. Für ältere Menschen sind soziale Kontakte elementar und sehr wichtig. Wenn diese, wie es aktuell der Fall ist, eingeschränkt werden, stellt das ein sehr grosses Problem dar. 

Sehen Sie einen Widerspruch darin, dass ältere Menschen von der öffentlichen Debatte grösstenteils fernbleiben, aufgrund weniger Medienpräsenz und da Sie ihre Meinung weniger auf digitalen Kanälen kommunizieren, und gleichzeitig aber richten sich die Massnahmen zum Schutz vor dem Coronavirus zu einem grossen Teil an ältere Menschen?

Wir führen momentan eine gefährliche Diskussion über sogenannte wirtschaftliche Folgeschäden versus Gesundheit oder Leben. Diese Fragen dürfen nicht gegeneinander ausgespielt werden. Den Wert eines Lebens kann man nicht einfach aufrechnen. Eine erfolgreiche Wirtschaft funktioniert nur mit gesunden Menschen. Oft wird vergessen, erstaunlicherweise trotz der vielen Todesfälle, dass es darum geht, unser Gesundheitssystem vor einem Kollaps zu retten. Führt man sich vor Augen, wer momentan auf den Intensivstationen behandelt wird, sind dies zur Hälfte jüngere Patienten, sprich Personen im erwerbstätigen Alter. Es geht also darum, alle zu schützen.

Schützen die Massnahmen ältere Personen und tun somit vorwiegend Gutes oder überwiegen negative physische und psychische Folgen? Wie lautet Ihre Einschätzung?

Wir stellen fest, dass momentan um die Schweiz herum die Massnahmen restriktiver sind. Der Eindruck könnte durchaus entstehen, dass wir wahrscheinlich – im Gesamten gesehen – etwas zu lasch unterwegs sind. Ich könnte mir durchaus vorstellen, dass die Massnahmen wieder verstärkt werden müssen.

Am 10. Dezember fand ein nationaler Tag zum Thema psychische Gesundheit zu Zeiten von Corona statt. Wir war die Durchführung des Aktionstages «Darüber reden. Hilfe finden.» für Pro Senectute?

Wir haben die Aktion sehr begrüsst und natürlich auch sehr aktiv mitgemacht. Für uns ist mit dem Aktionstag das Thema aber nicht vorbei. Wir bieten alle Angebote weiter an. Die Thematik, der psychischen Belastung – insbesondere der Umgang mit Einsamkeit in der Weihnachtszeit – erhielt und erhält für einmal etwas mehr Publizität. Von dieser Aufmerksamkeit, sprich den Angeboten, können letztendlich die Menschen profitieren, welchen es im Moment nicht gut geht. Das ist sehr positiv. 

Fazit

Pro Senectute Schweiz engagiert sich mit 24 kantonalen und interkantonalen Pro Senectute Organisation für das Wohl der älteren Schweizer Bevölkerung. Herr Burri steht im Interview dafür ein, dass in erster Linie die Menschenleben zählen sollen und die Wirtschaftlichkeit an zweiter Stelle kommen muss. Älteren Menschen sind genauso wie jungen Menschen die Kontakte wichtig. Es sind die zwischenmenschlichen Beziehungen und die Abwechslung im Alltag, die fehlen.

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