logoType

Wo Journalismus beginnt

Où là commence
le journalisme

Dove il giornalismo inizia

Politik & Sport

«Die Corona-Krise zeigt, wie systemrelevant die Pflege ist»

Die Schweiz bildet nicht genug qualifiziertes Pflegepersonal aus.

Bild: Larissa Puma, Tink.ch

Zum 130. Mal feiert die Schweiz heute den 1. Mai, den «Tag der Arbeit». Wegen der Covid-19-Pandemie fällt der traditionelle Erste-Mai-Umzug in diesem Jahr aus und findet stattdessen im Netz statt. Doch die Forderungen sind dieselben: Faire Arbeitsbedingungen. Gerade in der Krise wurde klar welche Branchen und Dienstleistungen vital und systemrelevant sind für unsere Gesellschaft. Augenscheinlich wird aktuell vor allem die Bedeutung von qualifiziertem Pflegepersonal.

Die rund 120’000 in der Schweiz beschäftigten Pflegefachfrauen, Pflegehelfer oder Fachangestellten Gesundheit werden als Heldinnen und Helden gefeiert und beklatscht. Trotz relativ tiefen Löhnen und schwierigen Arbeitsbedingungen mit der aktuellen Krise, geben sie alles, um Menschenleben zu retten – und setzen dabei ihr eigenes aufs Spiel. Jetzt stellt sich aber die Frage: reicht es Pflegepersonal einfach nur zu danken oder sollten attraktivere Anstellungsbedingungen etc. auch debattiert werden?

«Die jetzige Situation zeigt, dass das Pflegepersonal besser abzugelten ist als vorher», sagt die Berner Grossrätin Meret Schindler (SP) im Interview mit «Tink.ch». Die diplomierte Pflegefachfrau ist Gewerkschaftssekretärin der Berner Sektion des Schweizerischen Verbands des Personals öffentlicher Dienste (VPOD). «Wenn die Bevölkerung nicht bereit ist zu bezahlen, dann wird das Gesundheitswesen immer unter Druck bleiben», betont Schindler.

Die Grossrätin sieht Chancen, «dass ein grösseres Bewusstsein für die Pflege durch Corona entstanden ist, und warnt gleichzeitig davor, «dass der Spardruck und das politische Klima die Ausgangslage verschärfen könnte». Die Corona-Krise bleibe nicht ohne finanzielle Folgen. «Nun da man die Sparpakete auf allen Ebenen schnüren muss, ist das Risiko gross, dass im Service Public gespart wird». Die Pflege koste viel Geld und daher könnten harte Zeiten kommen.

Aufrechterhaltung unseres Gesundheitssystems

Die Covid-19-Pandemie hat Schwächen des schweizerischen Gesundheitssystems offengelegt. «Der Mangel an Schutzmaterial ist dabei nur ein Punkt unter vielen», so Yvonne Ribi, Geschäftsführerin des Schweizerischen Berufsverbandes für Pflegefachpersonen SBK. Die Aufweichung der Arbeits- und Ruhezeiten sei inakzeptabel und die Abhängigkeit von ausländischem Gesundheitspersonal gefährlich.

In den Kantonen, die an unsere Nachbarländer stossen, arbeiten viele Grenzgänger*innen. «Nun stellen sie sich vor, was passiert wenn unsere Nachbarstaaten die dort wohnhaften Kollegen und Kolleginnen für die eigene Gesundheitsversorgung beansprucht hätten – die Schweiz wäre in ein Desaster gelaufen», mahnt Ribi. Zudem betont sie: «Die Schweiz bildet viel zu weniger Pflegepersonal aus». Zurzeit werden jährlich nur etwa 43 Prozent des eigentlichen Bedarfs ausgebildet. Laut Schätzungen müssen in den nächsten zehn Jahren 65’000 Pflegende zusätzlich ausgebildet werden.

Meret Schindler betont zur Frage der Ausbildung im Gesundheitswesen: «Die Attraktivität des Pflegeberufes und die Anstellungsbedingungen müssen verbessert werden, damit mehr Personen diese Berufe wählen». Das Pflegepersonal arbeite schon in normalen Zeiten über der Belastungsgrenze, der Schichtbetrieb sei sehr belastend. Gemäss einer Lohnzufriedenheitsstudie der Forschungsstelle Sotomo aus dem Jahr 2019 finden 60 Prozent der befragten Pflegefachkräfte, dass sie nicht genug verdienen. «Viele Pflegefachpersonen steigen aus dem Beruf aus, weil die Belastung zu hoch ist und der Lohn und die Anerkennung zu tief», erzählt Yvonne Ribi. Und schliesst weiter ein: «Die Krise zeigt, wie systemrelevant die Pflege ist, doch die Schweiz bildet nicht genug Pflegepersonal aus». Hier will die vom Verband 2017 lancierte Volksinitiative «Für eine starke Pflege» (Pflegeinitiative) Abhilfe schaffen. Die mit über 120’000 Unterschriften eingereichte Initiative will Bund und Kantone dazu verpflichten, die Pflege als wichtigen Bestandteil der Gesundheitsversorgung anzuerkennen und zu fördern. Die zentralen Forderungen sind eine Ausbildungsoffensive, gut ausgebildetes Pflegepersonal, Stärkung der Pflege von hoher Qualität für alle und bessere Rahmenbedingungen des Berufs.

Der Nationalrat hat zu der vorgelegten Initiative einen alternativen Vorschlag indirekten Gegenvorschlag ausgearbeitet. Dieser enthält eine Ausbildungsoffensive und mehr Verantwortung für die Pflegefachpersonen. Pflegerinnen und Pfleger. Doch der Nationalrat ist der Forderung nach besseren Arbeitsbedingungen und mehr Qualität durch bessere Personalschlüssel nicht entgegengekommen. Das obliege den Kantonen, befand die Grosse Kammer. Der Gegenvorschlag befindet sich momentan in der Gesundheitskommission des Ständerats. Ebendiese sprach sich im vergangenen Februar – noch vor der Corona-Krise – gegen höhere Subventionen für die Ausbildung von Pflegefachkräften aus. Die Kommission hat die Vorlage noch nicht zu Ende beraten.

Der Applaus wird mit konkreten Forderungen verbunden

Bei der Aktion «die Schweiz sagt Danke» am 20. März um 12.30 applaudierte die ganze Schweiz. Der Dank galt all jenen, die im Gesundheitswesen tätig sind. Die Aktion kam an und freut jene, die wussten, dass noch schwierigere Wochen auf sie zukommen werden.

Der Applaus gibt Mut und Kraft», freut sich Yvonne Ribi. Sie bedankt sich herzlich für die Wertschätzung gegenüber dem Gesundheitspersonal. «Doch der Applaus reicht nicht aus, für dies braucht es politische Entscheide», betont Ribi. In einem offenen Brief an das Parlament verlangt der Verband für Pflegefachpersonen, dass den gestellten Forderungen welche bereits seit Jahren auf dem Tisch liegen jetzt endlich Taten folgen müssen.

Ribi hofft, dass mit der aktuellen Krise die Chancen für die Initiative steigen und sich das Blatt im Bundesbern wendet: «Wir sind überzeugt, dass die Politiker und Politikerinnen, die bis jetzt skeptisch waren, nun besser die zentralen Forderungen der Pflegenden nachvollziehen und einordnen können». Der Verband werde nun alles daran setzten, dass der Ständerat den Gegenvorschlag ausbessert. Doch falls die beiden Räte nicht einen griffigen Gegenvorschlag formulieren, werde der Verband seine Initiative nicht zurückziehen. Das Stimmvolk würde voraussichtlich nächstes Jahr darüber abstimmen und Yvonne Ribi ist überzeugt, dass die Pflegeinitiative an der Urne grosse Chancen hätte: «Wir sind zuversichtlich, dass wir diese Abstimmung gewinnen werden.»

«Die Pflege ist jetzt im Scheinwerferlicht der Öffentlichkeit und bekommt Wertschätzung und Anerkennung. Der Corona-Effekt werde hoffentlich dazu führen, dass sich mehr Personen für eine Pflegeausbildung interessieren» sagt Ribi. Sie wendet sich im Besonderen an die Jugendlichen: «Pflegeberufe sind total spannend und sinngebend. Pflege findet überall statt, in Heimen, Spitälern, zu Hause, in der Psychiatrie. Man braucht eine hohe Empathie, viel Wissen und praktische Fähigkeiten. Pflegende sind nahe bei den Menschen und erleben sehr schöne und berührende Moment, begleiten ihre Patienten*innen aber auch in Krisen oder beim Sterben.»

Ribi sagt im Interview auch einige Worte zum Ersten Mai: ««Der Erste Mai ist ein Tag, wo man sich der arbeitenden Bevölkerung bewusst sein muss, besonders den Grundversorgern. Das Pflegepersonal arbeitet an diesem Tag, ihnen gehört der Dank und die Anerkennung.»

Yvonne Ribi und Meret Schindler befürchten beide, dass eine zweite Welle mit dem Corona-Virus auf uns zukommen kann. «Das Virus wird uns noch weiter beschäftigen», so Ribi, «wir müssen auf eine zweite Welle vorbereitet sein», Daher sei es wichtig, weiter die Massnahmen des Bundesamts für Gesundheit (BAG) zu befolgen.

politik

schweiz

Teilen

Link wurde kopiert!

Kommentare anzeigen