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Politik

«Mit Neugier begegnen, statt in Schablonen denken»

In der Schweiz gibt es zwischen 21 und 37 Nikab-Trägerinnen.

Bild: Larisssa Puma, Tink.ch

Das Verbot betrifft nicht nur die Gesichtsbedeckung durch Burka und Nikab, sondern auch Vermummungen, wie sie Hooligans tragen. Der indirekte Gegenvorschlag verlangt, dass jemand sein Gesicht nur zeigen muss, wenn beispielsweise bei der Billett- oder Polizeikontrolle eine Identifizierung nötig ist. In den Kantonen Tessin und St. Gallen gibt es seit ein paar Jahren schon ein solches Verbot schon. Hingegen lehnte das Berner Kantonsparlament bereits 2010 eine entsprechende Motion ab. Und auch in Kantonen wie Zürich und Solothurn kam es zu keiner Abstimmung.

Eine Debatte um die Religion?

«Hierzulande hat der Islam das schlechteste Image von allen Religionen. Das hängt mit den Anschlägen in aller Welt zusammen, für die Terroristen sich auf den Islam berufen», erklärt Andreas Tunger-Zanetti. Er ist promovierter Islamwissenschaftler und arbeitet am Zentrum Religionsforschung der Universität Luzern. Zur Burka-Debatte in der Schweiz erschien sein Buch «Verhüllung» im «Hier und Jetzt» Verlag.

Forderungen nach Einschränkungen islamischer Kultur in der Schweiz sind nicht neu: 2009 nahm die Schweizer Bevölkerung an der Urne ein vom Egerkinger Komitee lanciertes Minarett-Verbot an. Auch die Frage, ob muslimische Schülerinnen im Unterricht ein Kopftuch tragen dürfen, sorgte für Diskussionen.

«In den Medien und auf Plakaten wird ein Zusammenhang konstruiert zwischen Schweizer Frauen, die einen Gesichtsschleier tragen, Ländern oder Regimen mit unterdrückerischen Verhältnissen und mit Terrorismus», betont Tunger-Zanetti. Für ihn steht fest, dass das Verhüllungsverbot die gleichen Motive habe, wie die Minarett-Initiative. Es entstehe dadurch eine Abgrenzung und Zurückweisung von Personen und Religionen. Man könne leichter über ein Phänomen fantasieren, dass man nicht kennt oder wenig sieht. Tunger-Zanetti empfiehlt deshalb: «Weniger Zeitung lesen und mehr mit den Menschen Tee trinken». Das heisst, man solle offener gegenüber anderen Kulturen sein und nicht mit Vorurteilen auf Menschen zugehen. «Mit Neugier begegnen, statt in Schablonen denken».

Der Religionswissenschaftler hat durch die Recherche für das Buch und durch ein Gespräch mit einer Nikab-Trägerin festgestellt: «Die Motive, weshalb eine Muslimin ein Gesichtsschleier trägt, sind sehr persönlich und individuell».

Stephanie Gartenmann, SVP Frauen Kanton Bern, findet bei der Abstimmung geht es um den Aspekt der Sicherheit. «In einem so freiheitlichen und gleichberechtigten Land muss sich niemand verhüllen», meint Gartenmann.

Laut der zweiten Abstimmungsumfrage von 20 Minuten/Tamedia würden 65 Prozent der Volksinitiative zustimmen und 34 Prozent würden dagegen stimmen. Tunger-Zanetti sieht den «Hoffnungsschimmer» bei der jungen Generation. Die Jugendlichen seien offener und vertraut mit Diversität und damit gelassener. «Für mich ist es daher entscheidend, wie viele junge Menschen am 7. März abstimmen gehen».

Wo ist der Nikab?

Die Universität Luzern hat sich mit Andreas Tunger-Zanetti auf Spurensuche gemacht. Es resultiert daraus, dass es in der Schweiz zwischen 21 und 37 Nikab-Trägerinnen gibt, die von diesem Gesetz betroffen wären. Dies bedeutet einen Anteil von 0.00085 % der in der Schweiz wohnhaften Frauen. Eigentliche Burkas, also die Vollverhüllung des afghanischen Typs, sind in der Schweiz nicht anzutreffen.

«Ist ein Verfassungsartikel dafür verhältnismässig?», fragt sich Tugba Kara. Sie schreibt derzeit ihre Semesterarbeit an der Universität Freiburg über die Stellung der Frau im Koran. Darin steht nichts über das Tragen einer Verschleierung. Der Islam empfiehlt einzig, dass Frauen und Männer ihre Reize verstecken, und das kann unterschiedlich ausgelegt werden. «Eher finde ich Walter (vom Spiel «Wo ist Walter?»), bevor ich einen Nikab in der Schweiz finde».

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Politik

«Die Corona-Krise zeigt, wie systemrelevant die Pflege ist»

Die Schweiz bildet nicht genug qualifiziertes Pflegepersonal aus.

Bild: Larissa Puma, Tink.ch

Zum 130. Mal feiert die Schweiz heute den 1. Mai, den «Tag der Arbeit». Wegen der Covid-19-Pandemie fällt der traditionelle Erste-Mai-Umzug in diesem Jahr aus und findet stattdessen im Netz statt. Doch die Forderungen sind dieselben: Faire Arbeitsbedingungen. Gerade in der Krise wurde klar welche Branchen und Dienstleistungen vital und systemrelevant sind für unsere Gesellschaft. Augenscheinlich wird aktuell vor allem die Bedeutung von qualifiziertem Pflegepersonal.

Die rund 120’000 in der Schweiz beschäftigten Pflegefachfrauen, Pflegehelfer oder Fachangestellten Gesundheit werden als Heldinnen und Helden gefeiert und beklatscht. Trotz relativ tiefen Löhnen und schwierigen Arbeitsbedingungen mit der aktuellen Krise, geben sie alles, um Menschenleben zu retten – und setzen dabei ihr eigenes aufs Spiel. Jetzt stellt sich aber die Frage: reicht es Pflegepersonal einfach nur zu danken oder sollten attraktivere Anstellungsbedingungen etc. auch debattiert werden?

«Die jetzige Situation zeigt, dass das Pflegepersonal besser abzugelten ist als vorher», sagt die Berner Grossrätin Meret Schindler (SP) im Interview mit «Tink.ch». Die diplomierte Pflegefachfrau ist Gewerkschaftssekretärin der Berner Sektion des Schweizerischen Verbands des Personals öffentlicher Dienste (VPOD). «Wenn die Bevölkerung nicht bereit ist zu bezahlen, dann wird das Gesundheitswesen immer unter Druck bleiben», betont Schindler.

Die Grossrätin sieht Chancen, «dass ein grösseres Bewusstsein für die Pflege durch Corona entstanden ist, und warnt gleichzeitig davor, «dass der Spardruck und das politische Klima die Ausgangslage verschärfen könnte». Die Corona-Krise bleibe nicht ohne finanzielle Folgen. «Nun da man die Sparpakete auf allen Ebenen schnüren muss, ist das Risiko gross, dass im Service Public gespart wird». Die Pflege koste viel Geld und daher könnten harte Zeiten kommen.

Aufrechterhaltung unseres Gesundheitssystems

Die Covid-19-Pandemie hat Schwächen des schweizerischen Gesundheitssystems offengelegt. «Der Mangel an Schutzmaterial ist dabei nur ein Punkt unter vielen», so Yvonne Ribi, Geschäftsführerin des Schweizerischen Berufsverbandes für Pflegefachpersonen SBK. Die Aufweichung der Arbeits- und Ruhezeiten sei inakzeptabel und die Abhängigkeit von ausländischem Gesundheitspersonal gefährlich.

In den Kantonen, die an unsere Nachbarländer stossen, arbeiten viele Grenzgänger*innen. «Nun stellen sie sich vor, was passiert wenn unsere Nachbarstaaten die dort wohnhaften Kollegen und Kolleginnen für die eigene Gesundheitsversorgung beansprucht hätten – die Schweiz wäre in ein Desaster gelaufen», mahnt Ribi. Zudem betont sie: «Die Schweiz bildet viel zu weniger Pflegepersonal aus». Zurzeit werden jährlich nur etwa 43 Prozent des eigentlichen Bedarfs ausgebildet. Laut Schätzungen müssen in den nächsten zehn Jahren 65’000 Pflegende zusätzlich ausgebildet werden.

Meret Schindler betont zur Frage der Ausbildung im Gesundheitswesen: «Die Attraktivität des Pflegeberufes und die Anstellungsbedingungen müssen verbessert werden, damit mehr Personen diese Berufe wählen». Das Pflegepersonal arbeite schon in normalen Zeiten über der Belastungsgrenze, der Schichtbetrieb sei sehr belastend. Gemäss einer Lohnzufriedenheitsstudie der Forschungsstelle Sotomo aus dem Jahr 2019 finden 60 Prozent der befragten Pflegefachkräfte, dass sie nicht genug verdienen. «Viele Pflegefachpersonen steigen aus dem Beruf aus, weil die Belastung zu hoch ist und der Lohn und die Anerkennung zu tief», erzählt Yvonne Ribi. Und schliesst weiter ein: «Die Krise zeigt, wie systemrelevant die Pflege ist, doch die Schweiz bildet nicht genug Pflegepersonal aus». Hier will die vom Verband 2017 lancierte Volksinitiative «Für eine starke Pflege» (Pflegeinitiative) Abhilfe schaffen. Die mit über 120’000 Unterschriften eingereichte Initiative will Bund und Kantone dazu verpflichten, die Pflege als wichtigen Bestandteil der Gesundheitsversorgung anzuerkennen und zu fördern. Die zentralen Forderungen sind eine Ausbildungsoffensive, gut ausgebildetes Pflegepersonal, Stärkung der Pflege von hoher Qualität für alle und bessere Rahmenbedingungen des Berufs.

Der Nationalrat hat zu der vorgelegten Initiative einen alternativen Vorschlag indirekten Gegenvorschlag ausgearbeitet. Dieser enthält eine Ausbildungsoffensive und mehr Verantwortung für die Pflegefachpersonen. Pflegerinnen und Pfleger. Doch der Nationalrat ist der Forderung nach besseren Arbeitsbedingungen und mehr Qualität durch bessere Personalschlüssel nicht entgegengekommen. Das obliege den Kantonen, befand die Grosse Kammer. Der Gegenvorschlag befindet sich momentan in der Gesundheitskommission des Ständerats. Ebendiese sprach sich im vergangenen Februar – noch vor der Corona-Krise – gegen höhere Subventionen für die Ausbildung von Pflegefachkräften aus. Die Kommission hat die Vorlage noch nicht zu Ende beraten.

Der Applaus wird mit konkreten Forderungen verbunden

Bei der Aktion «die Schweiz sagt Danke» am 20. März um 12.30 applaudierte die ganze Schweiz. Der Dank galt all jenen, die im Gesundheitswesen tätig sind. Die Aktion kam an und freut jene, die wussten, dass noch schwierigere Wochen auf sie zukommen werden.

Der Applaus gibt Mut und Kraft», freut sich Yvonne Ribi. Sie bedankt sich herzlich für die Wertschätzung gegenüber dem Gesundheitspersonal. «Doch der Applaus reicht nicht aus, für dies braucht es politische Entscheide», betont Ribi. In einem offenen Brief an das Parlament verlangt der Verband für Pflegefachpersonen, dass den gestellten Forderungen welche bereits seit Jahren auf dem Tisch liegen jetzt endlich Taten folgen müssen.

Ribi hofft, dass mit der aktuellen Krise die Chancen für die Initiative steigen und sich das Blatt im Bundesbern wendet: «Wir sind überzeugt, dass die Politiker und Politikerinnen, die bis jetzt skeptisch waren, nun besser die zentralen Forderungen der Pflegenden nachvollziehen und einordnen können». Der Verband werde nun alles daran setzten, dass der Ständerat den Gegenvorschlag ausbessert. Doch falls die beiden Räte nicht einen griffigen Gegenvorschlag formulieren, werde der Verband seine Initiative nicht zurückziehen. Das Stimmvolk würde voraussichtlich nächstes Jahr darüber abstimmen und Yvonne Ribi ist überzeugt, dass die Pflegeinitiative an der Urne grosse Chancen hätte: «Wir sind zuversichtlich, dass wir diese Abstimmung gewinnen werden.»

«Die Pflege ist jetzt im Scheinwerferlicht der Öffentlichkeit und bekommt Wertschätzung und Anerkennung. Der Corona-Effekt werde hoffentlich dazu führen, dass sich mehr Personen für eine Pflegeausbildung interessieren» sagt Ribi. Sie wendet sich im Besonderen an die Jugendlichen: «Pflegeberufe sind total spannend und sinngebend. Pflege findet überall statt, in Heimen, Spitälern, zu Hause, in der Psychiatrie. Man braucht eine hohe Empathie, viel Wissen und praktische Fähigkeiten. Pflegende sind nahe bei den Menschen und erleben sehr schöne und berührende Moment, begleiten ihre Patienten*innen aber auch in Krisen oder beim Sterben.»

Ribi sagt im Interview auch einige Worte zum Ersten Mai: ««Der Erste Mai ist ein Tag, wo man sich der arbeitenden Bevölkerung bewusst sein muss, besonders den Grundversorgern. Das Pflegepersonal arbeitet an diesem Tag, ihnen gehört der Dank und die Anerkennung.»

Yvonne Ribi und Meret Schindler befürchten beide, dass eine zweite Welle mit dem Corona-Virus auf uns zukommen kann. «Das Virus wird uns noch weiter beschäftigen», so Ribi, «wir müssen auf eine zweite Welle vorbereitet sein», Daher sei es wichtig, weiter die Massnahmen des Bundesamts für Gesundheit (BAG) zu befolgen.

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Gesellschaft

Treib gut, bald bin ich kein Wikinger mehr

Ein Wikinger schreibt sich durch.

Bild: Larissa Puma, Tink.ch

Scheinbar stamme ich aus Norwegen, eine Tatsache, aus der ich seither meine geballte Überwindungskraft ziehe. Ich stamme von norwegischen Wikingern ab. Ich bin die Tochter, die Enkelin, die Urenkelin, die Urururenkelin hartgesottener Eroberer.

„Lassen sie sich besser alle Weisheitszähne auf einmal ziehen, dann ist es vorbei“, sagte meine Zahnärztin. Und ich sagte ja und dachte an die Wikinger.

Daran dachte ich, als ich in der Schule eine Akrobatik- Choreo vorturnen musste, ich, bei der nach dem Purzelbaum Schluss ist. Der Gedanke begleitete mich in meiner ersten Nacht in der Wohngemeinschaft, weg von zuhause, beim Versuch, erwachsen zu werden, von einer Nacht auf die andere. Der Kühlschrank war leer, irgendein Geschäft, ohne Kühlregale hatte mir spätnachts, als mir beim Loch in meinem Bauch das Loch im Kühlschrank aufgefallen ist, noch einen Liter Mandelmilch und ein Zimtmüesli im Angebot. Ich dachte an die norwegischen Wikinger, die es sich auf hoher See nicht leisten konnten, zu verzweifeln oder sich zu fürchten. Dann ass ich um ein Uhr morgens mein Zimtmüesli mit Mandelmilch, liess die Worte „ich bin ein Wikinger “, in einer Dauerschlaufe durch meinen Kopf laufen und fühlte mich tapfer. Seither bin ich auf hoher See. 

Wir waren einmal Wikinger. Meine Vorfahren haben Amerika entdeckt. Ich sollte stark sein, stur, eigensinnig. Aber was ist von dem Wikinger tatsächlich noch übrig, ausser einem kleinen Stück Wickie und die starken Männer? 

Das wikingerähnlichste, was bei meinen Ururgrosseltern noch zurückzuverfolgen ist, sind ein paar wortkarge Eigenbrötler, die in Norddeutschland gelebt haben, ganz oben, an der Grenze. Künstler waren viele von ihnen, Wikinger waren sie keine mehr. Aber die sind jetzt auch weg.  

Ich bin, was von den Wikingern noch übrig bleibt. 

Macht mich das Schreiben vielleicht zum Wikinger? Erobere ich neue Ozeane, entdecke ich neue Länder? Ich suche schreibend nach kleinen unentdeckten Inseln. Womöglich gibt es da draussen Felsen, die noch keiner kennt und die ich finden werde, wenn ich mich Welle für Welle durchschwimme.

Wenn ich noch ein Wikinger bin, dann ein schiffbrüchiger. Ich lasse mich treiben. Meistens ist es schon zu spät, wenn ich die dreieckige Rückenflosse eines Haifischs aus dem Wasser ragen sehe. Dann gibt es kein Entkommen mehr. Der Räuber beisst ein paar Sätze weg, die gerne noch etwas weitergelebt hätten, aber der Mut hat gefehlt. Der starke, sture Seefahrer war plötzlich nirgendwo mehr. Wenn ich mich aufrappeln kann um weiter zu schwimmen, denke ich an den Wikinger, um mich aufzubauen. Aber immer wieder beissen die Haifische ein Stück ab. Die Eroberer kannten ihre Ozeane wie ihre Westentaschen. Ich kenne meinen Ozean überhaupt nicht. Ich weiss nicht, wie viele Haie noch da unten schlafen und wie viele noch beissen werden. Ein Wikinger kann nicht alleine neue Inseln entdecken. Es wird Zeit, dass ein neuer Wikingerclan die Meere unsicher macht. Zeit, ein neues Boot zu bauen und sich zu neuen Ufern aufzumachen. 

Denn Wikinger bleibt Wikinger. Zumindest das, was davon übrigbleibt. 

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literatur

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Gesellschaft

Mille Feuilles- Top oder Flop?

Französisch sprechen stellt für viele SchülerInnen ein Problem dar.

Bilder: Larissa Puma, Tink.ch

Das französische Lehrmittel Mille Feuilles ist seit 2011 in sechs Kantonen, unter anderem in der Hauptstadt Bern, im Einsatz. Das neue Ziel ist, dass die SchülerInnen ein „Sprachbad“ nehmen und nicht nur noch Grammatik und Vokabeln im Schulzimmer pauken. Die Lehrmittel sind nicht oft beliebt, jedoch wird das Mille Feuilles schon von Anfang an kritisiert. Den SchülerInnen fehlt wichtiges Basiswissen der Grammatik. Sie kommen mit ihrem Wissensstand schnell an ihre Grenzen, wodurch ihre Motivation stark sinkt. Die Eltern machen sich grosse Sorgen deswegen. Aber wie sehen es LehrereInnen und SchülerInnen, die direkt mit dem Mille Feuilles zu tun haben?

Andrea Eichelberger gibt seit 8 Jahren Französisch an der Schule Moos in Gümligen bei Bern. Ansprechend, anspruchsvoll und vielfältig. So beschreibt die Sprachlehrerin das Mille Feuilles. Tink hat sich mit ihr getroffen und über das Lehrmittel und die Kritik daran gesprochen.  

Frau Eichelberger, haben Sie das Mille Feuilles mit offenen Armen empfangen?  

Ich hatte gerade erst angefangen mit dem Lehrmittel Bonne Chance zu unterrichten und hätte das gerne noch ein paar Jahre gemacht. Aber ich unterrichte gerne Französisch, so dass es keine Rolle gespielt hat, mit welchem Schulmittel ich unterrichte. Ich habe mich auf die Herausforderung und das neuartige, moderne Lehrmittel gefreut. 

Was ist Ihre Meinung über das Lehrmittel Mille Feuilles?

Mille Feuilles ist inhaltlich ansprechend, lehrreich und beinhaltet Sachthemen, wie Tiere und Experimente, was viele Kinder interessiert. Es geht um mehr, als nur um das isolierte Sprachenlernen. So werden in den Magazines beispielsweise oft Kulturen und Sprachen verglichen. Auch das Layout ist sehr zeitgemäss. Kürzlich sagte mir ein Schüler: „Ich habe im Schrank das neue Magazine gesehen und dass es um die Entdeckung Amerikas geht! Darauf freue ich mich schon jetzt!“ So etwas wäre mit Bonne Chance nie passiert. Ich finde es zudem sehr praktisch, dass die SchülerInnen direkt in die Hefte hineinschreiben können. Die Kinder können aktiv werden indem sie Berichte schreiben, Poster präsentieren oder Witze vorspielen. Diese Schlussaufgabenkönnen sehr individuell gestaltet werden, so dass jedes Kind auf seinem Niveau angesprochen und gefördert wird. Leider hat Mille Feuilles oft den Anspruch, authentische Texte zu verwenden. Diese Texte stammen von einem französischen Buch oder Heft. Das macht es für die Kinder sehr schwierig, längere Texte zu verstehen oder Informationen herauszufiltern. Da geht für mich zu viel Energie und Zeit verloren. Meiner Meinung nach dürfte es auch einfachere, extra für den Sprachlernprozess geschriebene Texte und Dialoge und Übungen in den Magazines haben. Dies ist in der überarbeiteten Version nun etwas berücksichtigt worden.

Teilt das Kollegium Ihre Meinung?

In der Unterstufe benutzen sie es sehr gerne. Auch die Mittelstufe ist eher noch überzeugt als die Oberstufe. Die Oberstufenlehrer finden, die Kinder kommen und beherrschen weder die Grammatik noch können sie ein Verb konjugieren oder sich vorstellen. Früher, also mit Bonne Chance, war eine solidere Grundlagevorhanden. Die Oberstufenlehrer spüren auch den Druck vom Gymnasium. Ich weiss von einigen LehrerInnen, dass sie nebst dem Unterrichten mit Mille Feuilles noch viel eigenes Material zu Hilfe nehmen. Man ist sich aber im Kollegium grundsätzlich einig, dass Mille Feuilles interessante Themen bearbeitet und wichtige Kompetenzen zum Lernen einer Fremdsprache vermittelt.

Ich habe viel gelesen, dass sich die Eltern der Schülerinnen und Schüler sorgen über das Lehrmittel machen. Ist das in Ihrer Klasse auch so?

Es hat sich selten jemand gemeldet, der gemeint hat, das Kind lerne zu wenig. Die Eltern wissen vielleicht gar nicht mehr, was vorher anders war mit Bonne Chance. Ich glaube auch, dass es mehr bei den Oberstufen so ist, dass die Eltern den Anspruch haben, dass ihr Kind auf Französisch nach dem Weg fragen oder ein Hotel reservieren kann. Denn man lernt mit Mille Feuilles und Clin d‘oeil nicht wirklich Wörter, die man im Alltag braucht, sondern Wörter, die in den Sachthemen vorkommen. Das heisst zum Beispiel: kitzeln, sammeln und der Schmutzgeier, aber man kann kaum etwas im Restaurant bestellen. Die Eltern sind dankbar, wenn man die Wörter schriftlich verlangt und eigenes Unterrichts-Material einbaut. Wichtiger als das Lehrmittel ist für die Eltern aber die Lehrperson und deren Unterricht.

Das Ziel von Mille Feuilles ist, Französisch spielerisch zu entdecken, anstatt Grammatik zu lernen. Was halten Sie von dieser Idee?

Ich finde es gut, aber ich stelle auch fest, dass es nicht funktioniert ohne Grammatik. Eine Sprache zu lernen ohne die nötigen Grundlagen und Strukturen, ist schwierig. Man sollte schon von Anfang an mehr Grammatikthemen hineinnehmen und auch üben, so wie im englischen Lehrmittel New World. Die Autoren von Mille Feuilles sprechen von einem Sprachbad, was sich mit zwei bis drei Stunden pro Woche aber sehr schwierig gestaltet. Es bräuchte mehr Lektionen in der Woche, dann könnte man die Sprache spielerisch entdecken und wichtige Grundlagen erarbeiten.  

Wie fänden Sie es, wieder zum Bonne Chance zu wechseln?

Ich glaube, wenn ich jetzt wieder zurück zum Bonne Chance wechseln müsste, würde ich viele Themen und Ideen von Mille Feuilles mitnehmen. Ich finde Bonne Chance mit seinen konstruierten Dialogen einseitig und veraltet, vom Layout ganz zu schweigen. Das Englischlehrmittel New World kommt meiner Idealvorstellung eines Sprachlehrmittels sehr nahe: ein ansprechendes, unkompliziertes Buch und Übungsheft, das die SchülerInnen im Alltagswortschatz fördert und wichtige Sprachgrundlagen vermittelt und wo mit ebenfalls nur zwei Lektionen pro Woche auch immer wieder ein Spiel oder Lied Platz hat. Ich unterrichte sehr gerne Französisch und habe als Lehrperson zum Glück trotz des obligatorischen Lehrmittels Mille Feuilles viele Freiheiten, wie ich meinen Unterricht gestalte, was ich vertiefe, erweitere, weglasse oder ergänze.

Tink bedankt sich bei Andrea Eichelberger für das Gespräch!

Ich als Gymnastin hatte selbst mit diesem Lehrmittel zu tun. Ich bin auch der Meinung, dass eine Sprache nicht ohne Grammatik funktioniert. Nach vier Jahren Französisch habe ich nicht einmal in einem Text gesehen, dass ein konjugiertes Verb zum gleichen Verb gehört, das ich ja schon kenne, weil es in einer anderen Konjugations-Form war. In der 7. Klasse war es zum Glück anders. Wir mussten unendlich viele Verben auswendig lernen und konjugieren. Wie mühsam es auch sein mag, für eine Sprache ist dies einfach nötig. In diesen zwei Jahren habe ich mehr gelernt als in den gesamten Jahren, die ich nun schon mit Französisch zu tun habe. Und nur weil unser Lehrer alles selber zusammengesucht hat ohne Hilfe des Lehrmittels. Nun bin ich im Gymnasium und merke, dass mir deutlich mehr bekannt vorkommt als anderen. Erst kürzlich hatten wir einen Austausch mit einer französischen Schule. Wir hatten so unglaublich Mühe nur einen einfachen Satz zu bilden und das, obwohl wir nun schon seit 7 Jahren Französisch haben. Und so ein Ergebnis demotiviert einem so fest, dass ich dieses Fach jedes Jahr ein Stück weniger mag. Obwohl ich Sprachen liebe. Leider fehlt mir jedoch das Basiswissen. Ich muss schon sehr lange überlegen, nur um mich vorstellen zu können. Ich finde, dass man wie in anderen Lehrmitteln, erst mit „sich vorstellen“ anfangen soll und danach Farben, Kleidung und Essen. Ausserdem zeigen andere Lehrmittel wie auch im Spanisch auf, dass dies möglich ist. Also warum auch nicht für Französisch? Mir fehlt einfach der Wortschatz. Wörter, die man oft braucht und nicht Wörter wie „Schmutzgeier“. Sprachen sind wichtig und je besser man etwas beherrscht, desto grösser ist die Freude daran. Deshalb hoffe ich, dass man immer wie mehr wieder Grammatik und Vokabeln (die wichtig sind) im Schulzimmer Willkommen heisst. Denn so geht es nicht weiter und man braucht nur eines – eine Verbesserung! 

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