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Gesellschaft

«Eine Provokation könnte die Versöhnungsprozesse erschüttern»

Bild: Wikimedia

Die Vergangenheit jagt uns immer. Einigen mehr als anderen, wie das albanische (historische und persönliche) Gedächtnis. Im Zuge der Kontroverse während der Weltmeisterschaft hat der Sekretär des Schweizerischen Fussballverbandes, Alex Miescher, erklärt, dass man die doppelte Staatsbürgerschaft für die Spitzensportler verboten sollte. Nationalität. Nationalismus. Nation. Der Wortschatz steht gerade auf dem Spiel. Die Versöhnung (vor allem aus Europa auf den juristische Ebene gefahren, wie zum Beispiel der Internationalen Strafgerichtshof für das ehemalige Jugoslawien, geschlossen in 2017, oder das Eulex-Programm) ist schon seit Jahren auf den Weg; aber welche Erinnerung an den Krieg im Kosovo bleibt? Wir haben versucht, eine Bilanz der Situation mit Cecile Blaser, Doktorandin an den Europastudien Departement der Universität Freiburg, zu ziehen, die derzeit den Begriff der Versöhnung in dieser Region in Vergleich zu dem Bespiel der deutsch-französischen Jugendwerks studiert.

Warum war Shaqiris Geste eine Beleidigung für das serbische Team?

Es handelt sich dabei um eine nationalistische Geste. Shaqiri, Xhaka und Lichtsteiner haben den Doppeladler gezeigt, welcher das Wappentier der Albaner und somit auch der Kosovoalbaner ist. Aufgrund des Konfliktes zwischen Serbien und Kosovo – wobei auch ein Teil von Kosovo von Serben und ein Teil von Serbien von einer albanischen Minderheit bevölkert ist – führt jede provokative Geste zu einer möglichen Eskalation/Erwärmung der noch nicht gelösten politischen, ethnischen und nationalistischen Auseinandersetzung. Insofern und aus Sicht der Serben, war die Geste der schweizerischen Nationalspieler eine nicht hinnehmbare Provokation, die auf einem Fussballplatz nichts zu suchen hat. Dass die schweizerisch-kosovarischen Nationalspieler, die traditionell sehr stark mit dem Kosovo verbunden sind, in einem Moment der Entspannung und des Triumphes diese Geste zeigen, ist zwar nachvollziehen, gerade wenn man sich der starken albanischen Kultur und des Stolzes bewusst ist. Die Geste ist dennoch zu verurteilen, unter anderem auch, da in der Schweizer Nationalmannschaft sowie in der Schweizer Bevölkerung und somit unter den Fans der Schweizer Nationalmannschaft einige Menschen mit serbischem Hintergrund sind. Die Schweiz steht nicht für den Kosovo, sondern für viel mehr. Zudem ist daran zu erinnern, dass bereits 2014, bei einem Qualifikationsspiel zwischen Serbien und Albanien für die Europameisterschaft 2016, in der 42. Minute mit einer Drohne die albanische Flagge ins Fussballstadion in Belgrad geflogen wurde. Dies führte zu heftigen Protesten. Die Schweizer Nationalmannschaft sollte nicht als Plattform für diesen Konflikt missbraucht werden.

Sollte die internationale Gemeinschaft Identitätsgesten in Bezug auf eine Vergangenheit von Konflikten, Kriegen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit verbieten?

Die Frage mag mit Ja beantwortet werden. Jedoch gilt es sich zu fragen, wer genau die „internationale Gemeinschaft “ ist. Wer soll das verbieten? Durch welche Instanz? Mit welchen Druckmitteln? Auf diese Fragen gibt es keine eindeutigen Antworten.

Welche Erinnerung an den Krieg im Kosovo steht heute in Europa?

Es hängt sehr von den jeweiligen Ländern ab. In der Schweiz ist der Kosovo-Konflikt mit der Einwanderung vieler Kosovoalbaner verbunden, deswegen ist die Schweiz der Geschichte der Unabhängigkeit Kosovos sehr nahe. Es sei dabei an die Vorreiterrolle von der ehemaligen EDA-Chefin Micheline Calmy-Rey zu erinnern. In Deutschland geht der Kosovo-Konflikt auf eine prägende Entscheidung der damaligen rot-grünen Regierung zurück, als die grüne, traditionell pazifistische Partei mit ihrem amtierenden Aussenminister Joschka Fischer den historischen Beschluss fasste, die Bombardierung serbischer Militärziele mit deutscher Beteiligung zu billigen. In anderen europäischen Ländern ist die Erinnerung an den Kosovo-Krieg weniger präsent im Vergleich zu den Jugoslavienkriegen der Jahre 1992-1995.

Welche Erinnerung an den Krieg im Kosovo steht heute in Kosovo, Serbien und Albanien?

Die Wunden sind weitgehend noch nicht geheilt. Serbien steht vor der Türe zur EU und Albanien wurde gleichzeitig mit Mazedonien vor einigen Wochen – anlässlich des EU-Gipfels unter bulgarischer Ratspräsidentschaft – als Beitrittskandidat von der EU aufgenommen. Das Hauptproblem liegt in der ungelösten und heiklen Frage eines Grossalbaniens, das nicht nur aus serbischer Sicht als nicht wünschenswert angesehen wird – ein Grossalbanien könnte die ohnehin sehr fragile Lage in dieser Region aus der Balance bringen.

In welchem Stadium ist die Versöhnung heute?

“Der politische Willen zu Versöhnungsprozessen mag zwar vorhanden sein, bleibt aber von vielen Komponenten und Ereignissen abhängig, wie beispielsweise nationalistische Provokationen, die das ohnehin sehr wacklige Gerüst dieser eben genannten Versöhnungsprozesse ins Wanken bringen können. Deswegen ist bei dieser Frage Vorsicht geboten, um nicht zu optimistische Rückschlüsse zu ziehen. » Das Eulex-Programm der EU beispielsweise war ein europäisches Programm, das dem neu ausgerufenen unabhängigen Staat Kosovo helfen sollte, eine Rechtsstaatlichkeit zu schaffen. “Ich möchte nicht zu viel zu Eulex sagen, da die EU-Kosovo-Mission gerade erst zu einem Ende kam und noch offen ist, was sie der Region tatsächlich gebracht hat”, sagt Cecile. “Eulex sollte als Garantie für einen rechtlichen Rahmen im Kosovo dienen, damit die Sicherheit der Bevölkerung und des Territoriums gewährleistet ist. Eulex war als Instrument, nicht als Endziel gedacht und sollte dem vorhandenen Frieden dienen und nicht als Modell für eine Friedenslösung.”

Was denkst du persönlich über das Gewissen des Konflikts?

Im Allgemeinen wird in Serbien und besonders im Kosovo die Geschichte des Konflikts in den Schulen nicht gelernt. Die Erinnerung daran wird von Generation zu Generation durch Familienbanden weitergegeben. Auch wenn in Europa immer wieder vergessen geht, dass nach 1945 nochmals sehr blutige Kriege auf unseren Kontinenten getobt haben, hat sich die die Forschung in den letzten fünf Jahren mehr und mehr den Jugoslawienkriegen angenommen. Mich überrascht aber immer wieder, wie wenig Wissen über die serbokroatische oder albanische Kultur und Vergangenheit in der Schweiz vorhanden ist, obwohl wir in unserem Alltag doch so stark mit Menschen aus dieser Region verbunden sind.

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Gesellschaft

Ökumenischer Orden vereint Jugendliche

15'000 Jugendliche nahmen an dem christlichen Treffen teil.

Bild: Wiesia Klemens

Besonders ruhig ist es nicht an diesem Mittwochabend in der vollen St. Jakobshalle während des christlichen Taizé-Jugendtreffens. Mitten im Winter, wenn alle erkältet sind, kann eine stille Zeit wohl nicht so andächtig sein, wie man sie gerne hätte. Immer wieder husten vereinzelt Leute in der Menge, bemüht unterdrückt, aber so konstant, dass man sich bald auf nichts Anderes mehr konzentrieren kann. Auf einmal ertönt ein besonders lauter Huster aus einer Ecke. Das Geschmunzel und der darauffolgende Schwall an absichtlich kreativen Geräuschen will kaum mehr aufhören.

Ich bin mit meiner Kollegin Karina in Basel am europäischen Taizé-Jugendtreffen, das vom 28. Dezember 2017 bis Neujahr 2018 stattfindet (siehe Infobox). Wieso nicht hingehen, fand sie, die sich gerne mit religiösen Themen auseinandersetzt, wenn das jährliche Treffen schon mal in der Schweiz stattfindet?

Ja, wenn Menschen aus der ganzen Welt, aus den verschiedensten Kulturen, für fünf Tage zusammen kommen, ihre Gedanken austauschen und gemeinsam ihre Lieder singen, dann, glaube ich, sollte man sich das wirklich nicht entgehen lassen.

Zwischen Theorie und Besinnlichkeit

Das Programm an dem Treffen ist vielfältig. An den Vormittagen finden in den verschiedenen Basler Kirchgemeinden Gruppendiskussionen zu theologischen Themen statt. An den Nachmittagen gibt es Thementreffen mit gesellschaftlichen und kulturellen Inhalten, organisiert von den Brüdern des Ordens, Theologen, Vertretern anderer Religionen, Wissenschaftlern, Politikern oder sozial engagierten Leuten. Projekte im Umgang mit der Flüchtlingskrise werden vorgestellt oder Führungen im Basler Kunstmuseum oder in der Altstadt gegeben. Doch das Herzstück des internationalen Treffens bilden die Abendgebete in der St. Jakobshalle, an denen die unter Kirchengängern bekannten Taizé-Lieder gesungen werden. Übernachten können die etwa 15’000 Leute aus aller Welt bei freiwilligen Gastgebern aus Basel. Die meisten Besucher sind zwischen 20 und 30 Jahre alt.

Das Thementreffen in der Johanneskirche, das Karina und ich an diesem Freitagnachmittag als erstes besuchen, behandelt den Dialog zwischen den drei Religionen Christentum, Judentum und Islam. Im Anschluss diskutiert man in Kleingruppen. Sollte man den interreligiösen Austausch bereits bei Kindern und Jugendlichen fördern, oder hindert es diese daran, ihre Haltung zuerst gegenüber der eigenen Glaubensrichtung zu finden? Kann dieser Austausch überhaupt zu hundert Prozent funktionieren, wenn doch jede Religion schlussendlich auf der eigenen Wahrheit beharrt? Dabei lernen wir Piet, einen jungen Deutschen kennen. Da Karina und ich nicht genau wissen, wo wir jetzt hin müssen, bietet er uns an, gleich mitzukommen. Auf der Fahrt zur St. Jakobshalle erzählt er uns, dass ihm bei Taizé vor allem die Einstellung zur Einfachheit gefalle. Im Vergleich zu anderen christlichen Jugendanlässen, wie zum Beispiel der Explo in Luzern, habe man hier zwar viel weniger Luxus, dafür würden durch die niedrigen Lagerkosten aber viel mehr Menschen einen Zugang dazu erhalten.

Inmitten einer gewaltigen, in allen möglichen Sprachen plappernden Menschenmasse, nähern wir drei uns Stück für Stück einem grossen Zelt, das hinter der Halle aufgebaut ist. Drinnen angelangt erhalten wir eine Tüte mit warmer Dosensuppe, Brot und – wie könnte es in der Schweiz anders sein – Schokolade. Wenig später sitzen wir auch schon mit den anderen Leuten auf dem Boden des extra für den Anlass leerstehen Parkhauses bei unserem Abendessen.

Um 19 Uhr ist Zeit fürs Abendgebet und die Leute versammeln sich in der riesigen St. Jakobshalle, deren Dunkelheit uns verschluckt, sobald wir sie betreten. Der gesamte Hallenboden ist mit kauernden und sitzenden Menschen bedeckt, die flüstern, lachen und in ihren Gesangsheftern blättern. In der Mitte der Halle knien die in weiss gekleideten Brüder aus Taizé und schauen still nach vorne, wo unzählige Kerzen um ein grosses Marienbild mit Jesuskind flackern. Die ersten Klänge ertönen, ein Chor beginnt zu singen und die Menschen um mich herum stimmen mit ein. Viele Anwesende kennen die Musik aus Taizé bereits: Es sind mehrstimmige, harmonische Lieder, die in vielen Sprachen gesungen werden können. Gebete werden von Frauen und Männern in mehrerern Sprachen laut gelesen und von den Zuhörerinnen und Zuhörern mitgemurmelt. Wer selbst nicht betet, wird still und horcht in sich hinein. Nach der Andacht und den Abschlussworten von Ordensbruder Alois, löst sich die Gemeinschaft zwei Stunden später langsam auf. Danach treten Karina und ich die Heimreise an – erschöpft, aber voll neuer Eindrücke.

Die Ökumene – ideologisch oder ganz praktisch?

Karina ist leider verhindert, aber ich kann nicht widerstehen und fahre am nächsten Tag erneut nach Basel. In meinem heutigen Thementreffen geht es um moderne Sklaverei. Zwei betroffene Leute erzählen ihre Lebensgeschichte. Viele aus dem Publikum sind bestürzt. Ich sehe, wie das Mädchen neben mir den Kopf senkt und weint. Die Organisatoren rufen dazu auf, mit offenen Augen durch das Leben zu gehen, um Ungerechtigkeiten zu erkennen.

Abends bin ich mit Seraina, meiner Bekannten aus Basel, verabredet und irgendwie findet sie mich in dem Getümmel vor der Halle. Sie lacht, als ich ihr von den mit Taizé-Besuchern überfüllten Trams berichte, und meint, die Basler würden das schon ein Weilchen aushalten. Dass sich die Stadt in diesen Tagen für so viele Leute öffnet, findet sie toll, und darum sei sie auch im Organisationsteam mit dabei.

Fürs Abendgebet finden wir Platz auf der Tribüne in der Halle. Der Abend verläuft so feierlich wie der vergangene. Bruder Alois spricht heute einprägsame Worte: Orthodoxe, Katholiken und Protestanten sollen sich zusammenfinden und den Prozess der wiedervereinten Kirche vorantreiben. Das ist ein zentrales Anliegen der ökumenischen Kommunität. Er sagt nicht, wie er sich das genau vorstellt und ich frage mich, ob das so endgültig möglich sein kann. Das diskutieren Seraina und ich auch mit Piet, der uns nach dem Gebet in der Menge entdeckt hat. Er und auch Seraina sind skeptisch der Umsetzung gegenüber, aber wir sind uns einig, dass ja schon ein Anlass wie dieses Jugendtreffen zeigt, dass ein Miteinander zumindest in diesem Rahmen funktionieren kann.

Nachdem sich Seraina verabschiedet hat, um einen ihrer Gäste zu suchen, stellt mir Piet seine Mitbewohner vor, Maxime aus Lille und James aus Seattle. Da keiner von uns Lust hat, schon nach Hause zu gehen, lassen wir den Abend noch bei einem Schlummertrunk ausklingen. Ich merke, wie gut einem ein wenig Internationalität tun kann, mal Leuten aus anderen Gegenden zuzuhören und ihnen von sich zu erzählen und mal wieder ein wenig Englisch oder Französisch zu sprechen… Um genau diesen zwischenmenschlichen Austausch geht es neben den religiösen Inhalten wohl auch. Denn egal ob gläubig oder nicht, in diesen Tagen haben wohl die meisten irgendeinen gemeinsamen Nenner gefunden.

Die Kommunität Taizé


Die Communité de Taizé ist ein internationaler, ökumenischer Orden in Frankreich. Sein Markenzeichen sind vor allem die mehrstimmigen und -sprachigen Kirchenlieder und die seit den Siebzigerjahren regelmässig organisierten Jugendtreffen in verschiedenen Metropolen de Welt. Als Teil der ökumenischen Bewegung setzt sich die Kommunität für den Dialog und die Einigung der verschiedenen christlichen Konfessionen ein.

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Gesellschaft

«Radio Rabe wäre bei Annahme der Initiative tot»

Wilma Rall arbeitet seit zehn Jahren für Radio Rabe.

Bilder: Carlo Senn

Wilma Rall, warum soll jemand, der bürgerlich wählt, für ein links eingestelltes Medium wie Radio RaBe bezahlen?

Es geht nicht darum, dass die Bürger für ein links-alternatives Radio Geld bezahlen. Sondern darum, dass die Bevölkerung für eine gewisse Meinungsvielfalt bezahlt. In einem Land sollte es eine gewisse Breite an Information geben. Wir stehen wohl auch nicht im Fokus der Bürgerlichen. Der Anteil an Geldern für Rabe ist verschwindend gering im Vergleich mit dem Budget der SRG.

Ein Argument der Befürworter ist, dass die mit der Billag finanzierten Medien sehr links eingestellt seien. Bei Radio Rabe ist das ja auch der Fall.

Rabe ist grundsätzlich links, aber bei uns gibt es keine Ideologiepolizei. Unsere Sendungsmachenden stimmen, wie sie wollen. Zudem machen sie Sendungen, wo politische Haltungen kaum eine Rolle spielen. Und abgesehen davon haben wir auch eine in Fankreisen sehr beliebte Schlagersendung.

Was würde sich bei Rabe bei Annahme der Initiative ändern?

60 Prozent unserer finanziellen Grundlage fällt weg. Das heisst… Rabe in dieser Form wie es heute besteht wäre tot.

Gibt es schon einen Plan, falls die Initiative angenommen wird?

Nein. Es gibt keinen Plan B. Uns jetzt damit auseinandersetzen, was passiert, wenn die Initiative angenommen wird, macht keinen Sinn. Bei Rabe waren wir immer mit den aktuellen Geschehnissen beschäftigt. Jetzt müssen wir dafür kämpfen, dass die Initiative abgelehnt wird. Es wäre eine dermassen grosse Katastrophe, wir müssten fast dem ganzen Personal künden. Die Infrastruktur muss finanziert werden, unserer Mitglieder muss man administrieren. Wenn die Abstimmung angenommen wird, ist es bei uns fertig.

Ist Rabe der Meinung, dass man die Abstimmung sowieso gewinnt?

Vielleicht früher. Aber mittlerweile denken wir das sicher nicht mehr.

Wie ist die Stimmung in der Redaktion?

Sehr angespannt. Im ganzen Rabe. Man weiss nicht, ob wir in zwei Monaten keine Existenzgrundlage mehr haben. Ich möchte betonen, Rabe ist mein Herz und Rabe ist mir extrem wichtig. Aber was mir vor allem Sorgen macht, ist, dass die Initiative dem staatlich finanzierten und unabhängigen Radio und Fernsehen die Grundlage entziehen will. Das ist in der Schweiz, viersprachig und demokratisch, unglaublich heikel. Im Vergleich zur SRG und den restlichen 33 von der Billag finanzierten Radiostationen fällt Rabe nicht mehr so ins Gewicht.

Was bietet Rabe den Gebührenzahlern?

Es ist eine wichtige Plattform für das lokale Kultur-und Musikschaffen. Musik, die in kommerziellen, aber auch bei SRF, immer weniger Platz hat. Auch Minderheiten, wie Menschen mit Migrationshintergrund, Menschen mit einer Behinderung oder Menschen mit psychischen Problemenn, die über verschiedene Herausforderungen sprechen. Ausserdem bietet Rabe einen Einstieg in die Medienwelt für junge Journalisten.

Könnte sich das Radio nicht auch anders finanzieren?

Das ist natürlich schwierig zu sagen. Bereits jetzt betreibt Rabe viel Öffentlichkeitsarbeit und die ist aufwendig. Zudem bin ich nicht sicher, ob insbesondere die Jungen bereit sind, für Rabe zu zahlen. Sie sind sich gewohnt, die Infos gratis aus dem Internet zu beziehen. Mit weniger Ressourcen leidet die Qualität. Dann sind die Hörer erst recht nicht dazu bereit, dafür zu zahlen.

Ist das Billag-System vielleicht zu starr? Jemand, der nicht mal einen Fernseher hat und das SRF nutzt, muss die Gebühren ja trotzdem berappen.

Es zahlt ja auch jeder Krankenkasse, auch wer nie zum Arzt geht, man zahlt auch für die SBB, wenn man gar nicht Zug fährt. Die Billag geht in dieselbe Richtung. Meiner Meinung nach muss der Staat ein gewisses Mass an Information bereitstellen, damit die Bevölkerung am politischen Geschehen teilhaben kann. Der Qualitätsjournalismus ist in der Krise, insbesondere auch die Printmedien, wo sich noch einige wenige Firmen das Monopol teilen. Diese denken mehr an die Gewinne der Aktiönare, als an den Qualitätsjournalismus. Deshalb muss gerade jetzt der Staat schauen, dass guter Journalismus weiterbestehen kann. Denn die Privatwirtschaft ist wohl nicht bereit, diesen zu finanzieren.

Rabe kritisiert den Staat selbst immer scharf. Aber gleichzeitig lässt es sich über den Staat finanzieren. Geht das auf?

(Lacht…) Genau so muss es sein! Es darf jedoch nicht so sein wie zum Beispiel in einigen osteuropäischen Ländern, wo der Staat die Medien kontrolliert. Mir ist eine unabhängige Medienlandschaft wichtig. Und das ist mit der Billag gegeben. Das Parlament darf der SRG nicht sagen, worüber sie berichten soll. Es sagt auch Radio Rabe nicht, worüber es berichten soll. Sollte das jemals kippen, wollen wir keine staatliche Unterstützung mehr.

Also funktioniert das Billag-System gut?

Natürlich kann und muss man über Detailfragen wie Inhalte diskutieren. Grundsätzlich aber ja.

Zur Person

Wilma Rall ist seit 10 Jahren Redaktorin beim Nachrichtenmagazin RaBe-Info des Berner Lokalradios RaBe. Ausserdem führt sie regelmässig Kurse für Radiointeressierte durch. Die 38-jährige begann sich während ihres Geschichtsstudiums immer stärker für politische Themen zu interessieren. So kam sie über zwei Praktika und einer Anstellung beim Bieler Radiosender Canal 3 schliesslich zu Radio Rabe, wo sie heute zu 50 Prozent angestellt ist.

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Massiv höheres Werbebudget bei den No-Billag-Gegnern

Chancenlose No-Billag-Initianten. Vergleich des Bruttowerbedrucks der beiden Lager. Quelle: Media Focus Schweiz

Bild: Media Focus Schweiz

Die No-Billag-Initiative polarisiert: Noch nie wurde ein Abstimmungskampf derart früh gestartet und schon lange nicht mehr generierte eine Initiative ein solches Medienecho. Bereits vier Monate vor der Abstimmung verzeichnete das Kommunikationsforschungsunternehmen Media Focus an einem Tag über 500 Tweets zur Initiative und seither nahm das Niveau nur zwischenzeitlich ab. Wenige Tage vor dem Abstimmungssonntag veröffentlicht Media Focus nun erstmals Zahlen zu den Werbeaktivitäten der beiden Lager. Dabei zeigt sich, dass die Initianten in Sachen Werbung einem übermächtigen Gegner gegenüberstehen. Im Januar gingen 93 Prozent des Bruttowerbedrucks auf das Konto der No-Billag-Gegner. Ein kurzes Zahlenbeispiel veranschaulicht die Brisanz dieser Zahl: Angenommen im Januar wurden insgesamt 1’000 Franken brutto für No-Billag-Werbung ausgegeben (egal, ob für das Ja- oder Nein-Lager), dann wurden 70 Franken von den Initianten ausgegeben und satte 930 Franken von den No-Billag-Gegnern. In die Realität übertragen, müssen lediglich ein paar Nullen angehängt werden: Haben die Initianten im ganzen Monat Januar lediglich rund 70’000 Franken investiert, gaben die Gegner ca. 930’000 Franken brutto für Werbung aus. Da lediglich die Brutto-Daten ausgewiesen werden, sind die absoluten Zahlen mit Vorsicht zu geniessen und entsprechen nicht der in Tat und Wahrheit ausgegebenen Frankenbeträgen. Schaltete ein Lager beispielsweise ein Zeitungsinserat, wird der «Katalogpreis» für ein Inserat in dieser Grösse ausgewiesen. Allfällige Mengenrabatte oder besondere Konditionen werden nicht erfasst, weshalb die Bruttozahlen zu hoch sind. Die Verhältnisse bleiben aber durchaus vergleichbar und das ist entscheidend.

Kulturschaffende unter sich

Die Januarzahlen zeigen weiter, auf welchen Kanälen die beiden Lager ihre Botschaften ausspielten. Während die Initianten einzig auf Printinserate setzten, dominierte beim Nein-Lager eine Plakatkampagne, gefolgt von Printinseraten. Verhältnismässig viel Werbung wurde zudem in Kinos geschaltet, weil dort tendenziell kulturell-interessierte StimmbürgerInnen angesprochen werden können. Zusätzlich unterstützen viele Kulturschaffende den Aufruf «No Billag, No Culture», der sich für ein Nein am 4. März einsetzt. Der Schweizerische Verband für Kino und Filmverleih, ProCinema, dem weitere acht Kinoverbände und -Unternehmen angehören, ist auf der No Billag, No Culture-Webseite ebenfalls als Unterstützer aufgelistet.

«Nicht alles, was zählt, kann gezählt werden, …

… und nicht alles, was gezählt werden kann, zählt.» Das Einstein-Zitat trifft den Nagel bei der Einordnung dieser Befunde so ziemlich auf den Kopf. Obwohl die Werbeverhältnisse klarer nicht sein könnten, kann über den Einfluss und die Wirkung von Plakatkampagnen und Print-Inseraten gestritten werden. Am 4. März zählen keine Abstimmungsplakate, sondern nur Wählerstimmen. Nichtsdestotrotz, die teilweise unbewusste und wiederholte Aufnahme von Werbeslogans, kann vor allem Spontanwähler beeinflussen. Wie zahlreich diese Wählergruppe nach diesem intensiven Abstimmungskampf noch ist, bleibt vorerst offen. Dass mit teuren Kampagnen alleine aber noch keine Abstimmungen gewonnen werden, mussten zuletzt die Wirtschaftsverbände im Frühjahr 2017 schmerzlich erfahren. Gemäss Media Focus sind die Werbeverhältnisse der Unternehmenssteuerreform 3 mit den Zahlen der aktuellen No-Billag Initiative vergleichbar. In Sicherheit wähnen sollten sich die No-Billag-Gegner aufgrund dieser jüngst publizierten Zahlen also noch nicht.

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