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Gesellschaft

Soll man die Medien dem Freien Markt überlassen?

Camille Lothe studiert Politikwissenschaften und Betriebswirtschaftslehre an der Universität Zürich.

Bilder: zvg

Camille, du hast dich für ein Ja zur Abschaffung geäussert. Worum geht es denn bei der No-Billag Initiative genau?

Die Initiative möchte die Billag-Gebühren abschaffen. Wir bezahlen jährlich 451 Franken, damit werden hauptsächlich die SRG und ihre Radio- und Fernsehsender finanziert.

Bei den Diskussionen um diese Gebühr wird schnell auch die SRG ins Spiel gebracht. Warum?

Das ist so, weil sie die meisten Billag-Gelder bekommen, also über 90%. Ein anderer, kleiner Teil geht an Andere, wie die regionalen Fernseh- und Radiosender. Daher steht die SRG im Fokus.

Lokale Fernsehsender und Radios bangen um ihre Existenz und wollen die Billag nicht abschaffen. Ist ihre Angst berechtigt?

Ja. Es gibt Radio- und Fernsehsender, die sehr stark von diesen Gebühren profitieren, das macht teilweise über 50% von ihrem Budget aus. Diese müssten sich ganz klar neu orientieren, falls die Initiative angenommen würde.

Gibt es für die betroffenen Medien auch etwas Gutes an ihrer Situation?

Auf jeden Fall! Ich bin davon überzeugt, dass es falsch ist, dass für die Medien durch den Staat Geld gesammelt wird. Das ist aus meiner Sicht sehr problematisch, eben genau, wenn man an die Unabhängigkeit der Medien denkt. Ich fände es besser, würde man nach anderen, selbstständigen Finanzierungsmöglichkeiten Ausschau halten.

Soll man die Medien dem freien Markt überlassen?

Ich finde, man sollte sie komplett dem freien Markt überlassen! 
Es herrscht ein Abhängigkeitsverhältnis, wenn der Staat das Geld für die Medienhäuser einsammelt und das ist für die Berichterstattung nicht gesund.

Laura Zimmermann, Co-Präsidentin der Operation Libero warnte in einer Arena-Sendung vor einer Medienlandschaft, in der nur die Stärksten oder die Meistbietenden das Informationsangebot bestimmen würden…

Ich glaube, das ist ein Horror-Szenario. Die, die sich auf dem Markt halten werden, sind auch die, die gute Berichte machen und nachgefragt werden. Der Konsument ist mündig und sensibel. Er kann sehr gut entscheiden, was er möchte. Deshalb glaube ich nicht, dass es darauf hinauslaufen wird, dass nur die Grössten und Stärksten berichten, sondern die, die das beste Angebot haben.

Wie unabhängig können die lokalen Medien berichten, wenn sie zum Beispiel kritisch über ihre eigenen Werbekunden berichten müssten?

Ich sehe den Punkt, aber ich appelliere an die Journalisten und glaube an sie und daran, dass sie grundsätzlich unabhängig berichten. Sie haben ein Berufsethos. Und hat man starke Werbekunden, ist es gefährlich, ja. Aber Finanzierung geht nicht nur über Werbung. Man kann das über den Konsumenten machen und daher sehe ich keine Gefahr vor dem grossen Einfluss der Werbung. Ich möchte anfügen, dass das der Glaubwürdigkeit extrem schaden würde. Konsumenten merken schnell, wenn hinter einem Medium ein Konzern steckt und darüber nicht kritisch berichtet wird. Der Konsument bestraft dann ganz klar das Medium dafür und wechselt zu denen, die darüber berichten.

In Bezug auf Randgruppen sprechen die Initiativgegner von Solidarität. Sie gehöre zur Schweiz, weil zum Beispiel hohe Kosten für Randgruppen aufgeteilt werden. Diese kämen bei einer Privatisierung zu kurz.

Man spricht immer von diesem Solidaritätsvorwurf und von der Angst, dass die Schweiz auseinanderfallen würde. Wir sind eine Willensnation, weil wir diese Nation bilden wollten. Das ist nicht von einem einzigen Sender abhängig! Klar, es gibt Randgruppen, für die die SRG ein Angebot bietet, das nicht so stark auf dem Markt angeboten wird. Aber mit den Technologien haben wir ja immer neue Entwicklungen, zum Beispiel die Untertitelfunktion. Die ist ausgereift und funktioniert mittlerweile gut. Auch Netflix bietet das zu allen Filmen an. Die technische Entwicklung kommt uns da also sehr entgegen.

Aber Netflix bietet Unterhaltung und keine Nachrichten für die Schweizer Bevölkerung.

Ja. Aber es geht mehr darum zu zeigen, dass es Angebote gibt, mit denen man gut mit Untertiteln arbeiten kann. Netflix bringt so ein Angebot, obwohl kein kommerzielles Interesse dahintersteckt.

Wie können sich Hör- oder Sehbehinderte denn in der Schweiz informieren?

Zum Beispiel mit automatischen Untertiteln. Die Zeiten, in denen man Nachrichten geschaut hat, haben sich verändert. Viele lesen sie online. «20 Minuten» bietet eine Diktierfunktion an, die den Inhalt vorliest. Es gibt also ganz klar auch auf dem privaten Markt Angebote für solche Randgruppen.

Wie informierst du dich?

Primär schaue ich während des Tages immer wieder in Onlinezeitungen rein. Ich schaue manchmal Nachrichten. «Tele Züri» berichtet über den Wahlkampf. Das ist für mich interessant, weil ich hier in Zürich kandidiere. Ansonsten informiere ich mich auch über die sozialen Medien, wie zum Beispiel Twitter.

Hier findet ihr das Interview mit der Gegnerin Wilma Rall, die als Moderatorin beim Radiosender Rabe arbeitet.

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Gesellschaft

«Radio Rabe wäre bei Annahme der Initiative tot»

Wilma Rall arbeitet seit zehn Jahren für Radio Rabe.

Bilder: Carlo Senn

Wilma Rall, warum soll jemand, der bürgerlich wählt, für ein links eingestelltes Medium wie Radio RaBe bezahlen?

Es geht nicht darum, dass die Bürger für ein links-alternatives Radio Geld bezahlen. Sondern darum, dass die Bevölkerung für eine gewisse Meinungsvielfalt bezahlt. In einem Land sollte es eine gewisse Breite an Information geben. Wir stehen wohl auch nicht im Fokus der Bürgerlichen. Der Anteil an Geldern für Rabe ist verschwindend gering im Vergleich mit dem Budget der SRG.

Ein Argument der Befürworter ist, dass die mit der Billag finanzierten Medien sehr links eingestellt seien. Bei Radio Rabe ist das ja auch der Fall.

Rabe ist grundsätzlich links, aber bei uns gibt es keine Ideologiepolizei. Unsere Sendungsmachenden stimmen, wie sie wollen. Zudem machen sie Sendungen, wo politische Haltungen kaum eine Rolle spielen. Und abgesehen davon haben wir auch eine in Fankreisen sehr beliebte Schlagersendung.

Was würde sich bei Rabe bei Annahme der Initiative ändern?

60 Prozent unserer finanziellen Grundlage fällt weg. Das heisst… Rabe in dieser Form wie es heute besteht wäre tot.

Gibt es schon einen Plan, falls die Initiative angenommen wird?

Nein. Es gibt keinen Plan B. Uns jetzt damit auseinandersetzen, was passiert, wenn die Initiative angenommen wird, macht keinen Sinn. Bei Rabe waren wir immer mit den aktuellen Geschehnissen beschäftigt. Jetzt müssen wir dafür kämpfen, dass die Initiative abgelehnt wird. Es wäre eine dermassen grosse Katastrophe, wir müssten fast dem ganzen Personal künden. Die Infrastruktur muss finanziert werden, unserer Mitglieder muss man administrieren. Wenn die Abstimmung angenommen wird, ist es bei uns fertig.

Ist Rabe der Meinung, dass man die Abstimmung sowieso gewinnt?

Vielleicht früher. Aber mittlerweile denken wir das sicher nicht mehr.

Wie ist die Stimmung in der Redaktion?

Sehr angespannt. Im ganzen Rabe. Man weiss nicht, ob wir in zwei Monaten keine Existenzgrundlage mehr haben. Ich möchte betonen, Rabe ist mein Herz und Rabe ist mir extrem wichtig. Aber was mir vor allem Sorgen macht, ist, dass die Initiative dem staatlich finanzierten und unabhängigen Radio und Fernsehen die Grundlage entziehen will. Das ist in der Schweiz, viersprachig und demokratisch, unglaublich heikel. Im Vergleich zur SRG und den restlichen 33 von der Billag finanzierten Radiostationen fällt Rabe nicht mehr so ins Gewicht.

Was bietet Rabe den Gebührenzahlern?

Es ist eine wichtige Plattform für das lokale Kultur-und Musikschaffen. Musik, die in kommerziellen, aber auch bei SRF, immer weniger Platz hat. Auch Minderheiten, wie Menschen mit Migrationshintergrund, Menschen mit einer Behinderung oder Menschen mit psychischen Problemenn, die über verschiedene Herausforderungen sprechen. Ausserdem bietet Rabe einen Einstieg in die Medienwelt für junge Journalisten.

Könnte sich das Radio nicht auch anders finanzieren?

Das ist natürlich schwierig zu sagen. Bereits jetzt betreibt Rabe viel Öffentlichkeitsarbeit und die ist aufwendig. Zudem bin ich nicht sicher, ob insbesondere die Jungen bereit sind, für Rabe zu zahlen. Sie sind sich gewohnt, die Infos gratis aus dem Internet zu beziehen. Mit weniger Ressourcen leidet die Qualität. Dann sind die Hörer erst recht nicht dazu bereit, dafür zu zahlen.

Ist das Billag-System vielleicht zu starr? Jemand, der nicht mal einen Fernseher hat und das SRF nutzt, muss die Gebühren ja trotzdem berappen.

Es zahlt ja auch jeder Krankenkasse, auch wer nie zum Arzt geht, man zahlt auch für die SBB, wenn man gar nicht Zug fährt. Die Billag geht in dieselbe Richtung. Meiner Meinung nach muss der Staat ein gewisses Mass an Information bereitstellen, damit die Bevölkerung am politischen Geschehen teilhaben kann. Der Qualitätsjournalismus ist in der Krise, insbesondere auch die Printmedien, wo sich noch einige wenige Firmen das Monopol teilen. Diese denken mehr an die Gewinne der Aktiönare, als an den Qualitätsjournalismus. Deshalb muss gerade jetzt der Staat schauen, dass guter Journalismus weiterbestehen kann. Denn die Privatwirtschaft ist wohl nicht bereit, diesen zu finanzieren.

Rabe kritisiert den Staat selbst immer scharf. Aber gleichzeitig lässt es sich über den Staat finanzieren. Geht das auf?

(Lacht…) Genau so muss es sein! Es darf jedoch nicht so sein wie zum Beispiel in einigen osteuropäischen Ländern, wo der Staat die Medien kontrolliert. Mir ist eine unabhängige Medienlandschaft wichtig. Und das ist mit der Billag gegeben. Das Parlament darf der SRG nicht sagen, worüber sie berichten soll. Es sagt auch Radio Rabe nicht, worüber es berichten soll. Sollte das jemals kippen, wollen wir keine staatliche Unterstützung mehr.

Also funktioniert das Billag-System gut?

Natürlich kann und muss man über Detailfragen wie Inhalte diskutieren. Grundsätzlich aber ja.

Zur Person

Wilma Rall ist seit 10 Jahren Redaktorin beim Nachrichtenmagazin RaBe-Info des Berner Lokalradios RaBe. Ausserdem führt sie regelmässig Kurse für Radiointeressierte durch. Die 38-jährige begann sich während ihres Geschichtsstudiums immer stärker für politische Themen zu interessieren. So kam sie über zwei Praktika und einer Anstellung beim Bieler Radiosender Canal 3 schliesslich zu Radio Rabe, wo sie heute zu 50 Prozent angestellt ist.

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Gesellschaft

Die Macht des weissen Goldes

Salz: nicht immer und überall im Überfluss

Bilder: Florian Wüstholz

In jedem Menschen stecken etwa 250 Gramm Salz. Da ist es wenig erstaunlich, dass sich das Mineral auch in der Menschheitsgeschichte an allen Ecken und Enden wieder findet. Lange vor der Erfindung des Kühlschrankes bot Salz eine der wenigen Möglichkeiten, Speisen über längere Zeit hinweg haltbar zu machen. Dies ermöglichte eine verlässlichere Nahrungszufuhr, lange Schiffsreisen und brachte darüber hinaus ein immer komplexeres und dichteres Handelsnetzwerk mit sich. Salz war damit auch eine Quelle von Macht und Reichtum: Wer den Abbau und Handel von Salz kontrollierte, hatte das Diktat in der Hand. Wagen wir uns also auf eine Reise in die Vergangenheit und Zukunft, um die Macht des weissen Goldes zu verstehen.

Salz und das ewige Leben

Schon im alten Ägypten wurden Tote mithilfe von Salz dehydriert und dadurch zusammen mit weiteren chemischen Prozessen über Jahrtausende konserviert. Dieses Prozedere blieb gewöhnlich den Mächtigen und Reichen vorbehalten. Doch manchmal kamen auch gewöhnliche Arbeiter*innen in den exquisiten Genuss der Mumifizierung. So wurde 1734 in Hallstatt in der Nähe von Salzburg ein grausiger Fund gemacht. In einem verschütteten Stollen des dortigen Salzbergwerks stiess man auf einen bestens konservierten Mann aus der Eisenzeit. Es handelte sich um einen keltischen Bergarbeiter, der bei einem Unglück 2000 Jahre vorher eingeschlossen und durch das Salz im Berg mumifiziert wurde.

Dieser sogenannte «Mann im Salz» beschreibt eines der vielen Kapitel in der langen und ruhmreichen Salzgeschichte Hallstatts. Denn dort befindet sich auch das älteste Bergwerk der Welt. Schon vor über 3000 Jahren wurde von keltischen Siedler*innen das reichlich vorkommende Salz in bis zu 100 Meter tiefen Stollen abgebaut – eine gefährliche technische Meisterleistung. Das Resultat war ein Zentrum enormer Macht und unübertroffenen Reichtums. Schon bald reichte der Einfluss der dortigen eisenzeitlichen Kultur über ganz Mitteleuropa, Südengland und die iberische Halbinsel. Das hatte nicht zuletzt mit der Wichtigkeit des Rohstoffes Salz zu tun. Während es an den Meeresküsten genügend Salz gab, wurde es in Mitteleuropa nur in wenigen Zentren abgebaut.

Kriege um Salz

Natürlich ist Salz alleine kein Garant für ewiges Leben – weder für Menschen noch für Imperien. Und trotzdem sorgte das Salz aus dem Salzkammergut auch lange Zeit nach dem Untergang der Hallstätter Zivilisation nochmals für Macht und Konflikte – und zwar in Salzburg. In der Frühmoderne brachte der Salzabbau der Stadt immensen Reichtum sowie politischen und gesellschaftlichen Einfluss. Es ging um viel. So viel, dass über die Jahre mehrere Salzkriege ausgetragen wurden, um die Kontrolle über die verschiedenen Abbaugebiete und andere nötige Rohstoffe – insbesondere Holz für das Kochen der salzhaltigen Sole – zu gewinnen. Obwohl Salzburg einige davon verlor, konnten sie ihre Vormachtstellung über die Jahrhunderte bewahren.

Die konfliktträchtige Rolle von Salz war in der europäischen und amerikanischen Geschichte keine Seltenheit. Im Amerikanischen Bürgerkrieg verschafften sich die Unionsstaaten gegenüber den Konföderationsstaaten einen entscheidenden Vorteil durch die gezielte Zerstörung deren Anlagen zur Salzgewinnung. Das Resultat war eine Unterversorgung und damit eine kritische Schwächung der Streitkräfte aus dem Süden. Welche Seite diesen Konflikt schlussendlich für sich entschieden hat, ist Geschichte. Es ist nicht unwahrscheinlich, dass der Zugang zu Salz seinen Beitrag geleistet hat.

Salz prägte auch den Dauerkonflikt des 13. und 14. Jahrhunderts zwischen den Stadtstaaten Venedig und Genua. Die Kaufleute aus Venedig verstanden es gut, mit dem weissen Gold ein prächtiges Geschäft zu machen. Statt wie in Salzburg das Salz selbst abzubauen, wollte man den Handel kontrollieren. Das war weitaus profitabler, denn so konnten die Preise und die gewinnbringenden Steuern frei definiert werden. Kreta musste besonders unter dieser Strategie leiden. Nachdem Venedig die Insel ins Reich eingegliedert hatte, wurden kurzerhand alle Salzwerke geschlossen, um die Produktion tief- und den Preis hochzuhalten. Von nun an mussten Kreter*innen ihr Salz zu den von Venedig diktierten und besteuerten Preisen aus dem Ausland beziehen.

Wenn Salz die Politik lenkt

Venedig hatte beinahe die komplette Kontrolle über Salz im Mittelmeerraum. Diese Art von staatlicher Kontrolle des Salzpreises und das damit verbundene Monopol zieht sich wie ein Band durch die Geschichte. Noch heute gibt es in der Schweiz mit dem sogenannten «Salzregal» faktisch ein staatliches Monopol auf Salz. Dies widerspiegelt die Wichtigkeit der Salzversorgung. Doch weil Salz zur Grundversorgung jedes Menschen gehört, sorgte die staatliche Kontrolle immer wieder für Widerstand und zivilen Ungehorsam. Der Zugang zu Salz galt in den Köpfen vieler Menschen schon immer als Grundrecht. Der Staat agierte damit mit seiner Einmischung in einer konfliktträchtigen Zone.

Es erstaunt wenig, dass Staaten und Imperien, die den Handel mit Salz stark besteuerten, früher oder später von Kontroversen und Auseinandersetzungen heimgesucht wurden. Die Qin Dynastie von 221 bis 207 v. Chr. gilt als erstes Kaiserreich in China. Sie war geprägt von einer enorm hohen Besteuerung von Alltagsgütern wie Salz. Da alle Salz brauchten, war ein stetiges Staatseinkommen gesichert. Von diesen Steuern wurde nebst einer enormen Bürokratie und Armee auch ein Vorgänger der Chinesischen Mauer und die legendäre Terrakotta-Armee finanziert.

Die Salzpolitik der Qin Dynastie führte nicht nur zu einem riesigen Mausoleum. Sie legte auch den Grundstein für eine wegweisende staatsrechtliche Debatte, die im «Diskurs über Salz und Eisen» aus dem Jahr 81 v. Chr. gipfelte. Die Frage, die damals im Auftrag des Kaisers Han Zhaodi an alle Gelehrten des Kaiserreichs gestellt wurde: Wie sehr darf sich der Staat in den Markt einmischen? Wie üblich gab es keine klare Antwort. Erfolg und Misserfolg wechselten sich in China mit den jeweiligen Dynastien und ihren Strategien ab.

Salz als Symbol für Grundrechte

Nicht immer jedoch finden die Konflikte bloss im Kopf von gelehrten Menschen statt. Manchmal braucht es engagierte Menschen, die auf der Strasse ihre Rechte erkämpfen. Der sogenannte Salzmarsch Gandhis ist ein bekanntes Beispiel für die grosse Strahlkraft und Bedeutung von Salz. Die Unabhängigkeit Indiens wurde durch den zivilen Ungehorsam Gandhis wesentlich beschleunigt und schliesslich erzwungen. Seit jeher hatte die britische Kolonialmacht ein Monopol auf die Gewinnung, den Transport und den Handel mit Salz in Indien. Die lokale Produktion wurde verboten, weil man lieber das eigene Salz aus Liverpool überteuert an Inder*innen verkaufen wollte. Als Gandhi symbolträchtig und verbotenerweise Salz aufsammelte, war dies ein entscheidender Moment in der Kampagne.

Doch warum wählte Gandhi ausgerechnet Salz als Stein des Anstosses? Sicherlich gab es genügend andere Aufhänger für den Widerstand, denn die koloniale Unterdrückung zeigte sich an vielen anderen Ungerechtigkeiten. Der Grund war einfach: Salz ging jede und jeden etwas an. «Nebst Luft und Wasser ist Salz vermutlich die grösste Notwendigkeit des Lebens», meinte Gandhi. Salz hatte das Potential, alle Gesellschaftsschichten zu erreichen, seien es Hindus oder Muslime, egal welcher Kaste oder welchem Geschlecht sie angehören. Damit war der Zugang zu Salz auch ein Symbol für alle möglichen Grundrechte, die im Kampf um Unabhängigkeit eingefordert wurden.

Die Kehrseite des Salzes

Salz hat Gesellschaften nachhaltig verändert. Sei dies durch Städte, deren Reichtum fast ausschliesslich darauf zurückzuführen ist, durch die Inspiration staatspolitischer Theorien oder als Auslöser von gesellschaftlichem Widerstand und der Einforderung von Grundrechten. Doch der menschliche Umgang mit Salz hat auch unseren Planeten vielerorts für immer verändert. Die allgegenwärtigen gewaltigen Monokulturen wären ohne Salz nicht möglich. Denn es dient als wesentliche Grundlage für die synthetischen Agrardünger, ohne die eine hochindustrialisierte Landwirtschaft nicht möglich wäre.

Das Schürfen nach Salz hat auch ganz direkte Folgen. Wo Menschen der Erde mit Baggern und Stollen auf den Leib rücken, entstehen oftmals auch an der Oberfläche sichtbare Narben. In Cheshire im Nordwesten Englands wurde Jahrhunderte lang Salz abgebaut. Die salzhaltige Sole wurde aus den unterirdischen Salzseen abgepumpt, was riesige Hohlräume zurückliess. Das Resultat: Überall öffneten sich an der Oberfläche Sinklöcher. Felder, Strassen und Häuser wurden verschluckt und forderten einen unberechenbaren Tribut für die menschliche Nutzung der immensen Salzdepots.

Vor diesem Hintergrund ist es erstaunlich, dass ehemalige Salzminen immer wieder als Kandidatinnen für eines der grössten Langzeitprobleme der Menschheit gehandelt werden: der Endlagerung von Atommüll. Die dafür benötigten Anlagen müssen mehrere hunderttausend Jahre hermetisch dicht sein. Salz bietet sich hier theoretisch an, da es Hohlräume durch die Bildung von Salzkristallen selbst verschliesst und damit Risse selbstständig «heilen» könnte. Doch verschiedene Versuchslager lassen Zweifel an diesem Vorhaben aufkommen: Im Deutschen Asse II dringt zum Beispiel laufend Wasser ein, welches Radioaktivität nach aussen transportieren könnte. Erwünscht ist das Gegenteil.

So wird uns Salz auch in Zukunft begleiten. Denn ohne Salz gäbe es nichts. Es steckt in unseren Feldern, in unseren Verfassungen, in unseren Prunksälen, auf unseren Strassen und natürlich in unserem Essen. Das ist die Macht des weissen Goldes.

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Gesellschaft

Durch den Berg rutschen

Ein bisschen Show muss auch unter dem Berg sein

Bilder: Pascale Lötscher

Vor uns tut sich ein schmales dunkles Loch auf. Langsam nimmt die sogenannte Grubenbahn Fahrt auf und transportiert uns ins Innere des Berges. Während es draussen schwül und heiss ist, wird es immer kühler, je tiefer wir in den Berg fahren. An hölzernen Stützen hängen in regelmässigen Abständen Lampen, die ein wenig Licht spenden und gleichzeitig gespenstische Schatten in den Stollen werfen. Die Gänsehaut kommt daher wenig überraschend. Wir befinden uns im alten Salzbergwerk Hallein etwa 120 Meter unter der Erdoberfläche.

Hallein liegt zwischen dem Fluss Salzach und dem Dürrnberg etwa 20 Kilometer südlich von Salzburg. Hier wird seit über 2500 Jahren Salz abgebaut. Anfangs waren es keltische Siedelnde, die nach dem weissen Gold schürften und dazu gefährliche Stollen 300 Meter tief in den Berg gruben. Das mit Salz angereicherte Gestein wurde mit Werkzeugen herausgemeisselt und dann weiter verarbeitet. Eine gefährliche Arbeit, bezeugt durch mehrere auf natürliche Weise mumifizierte keltische Bergleute, die im 16. Jahrhundert in verschütteten Stollen entdeckt wurden. Aber auch eine notwendige Arbeit. Denn Salz bedeutete die Konservierung von Lebensmitteln und Reichtum.

Tourismus seit 400 Jahren

Die Grubenbahn rattert noch ein letztes Mal, bevor wir anhalten und zu Fuss weiter gehen. Der Stollen ist hier gut ausgebaut und etwas mehr als einen Meter breit. Am Boden verlaufen schmale rostige Schienen, auf denen früher die Bahn noch fuhr. Wände und Decke werden durch dicke Baumstämme gestützt. Ein gewaltiger Druck wirkt hier unter der Erdoberfläche – unvorstellbare zwei Tonnen pro Quadratzentimeter sollen es an manchen Stellen sein. Jedes Jahr wird der Stollen deswegen um einige Millimeter zusammengequetscht. Das lässt sich an den gebrochenen Stützen in einem kleinen Seitengang eindrücklich beobachten. Dies ist einer der Gründe, weshalb nach wie vor vierzehn Bergleute hier arbeiten. Sie kontrollieren die Bewegungen des Berges, ersetzen Stützen und nehmen Ausbesserungen vor.

Seit 400 Jahren kommen Besucher*innen nach Hallein, um die Welt der Bergleute zu erkunden und zu erleben. Damit ist das Salzbergwerk Hallein das älteste Schaubergwerk Europas. Anfangs wurden die Führungen noch parallel zum regulären Bergbau durchgeführt. «Früher waren diese höher gestellten Persönlichkeiten vorbehalten. Irgendwann ist man darauf gekommen, dass das eine lukrative Sache ist», erklärt Standortleiter Rudolf Meisl. Als die Salzförderung 1989 aufgegeben werden musste, stieg man darum voll auf Erlebnistourismus um. Seither erhalten Schulklassen, Reisegruppen und andere einen eindrücklichen Einblick in das Leben unter dem Berg.

Untergang einer wegweisenden Tradition

Doch warum steht die Produktion heute still? Die Geschichte der Schliessung des Salzbergwerks vor fast 30 Jahren liest sich wie ein Fallbeispiel der Ökonomie. Im Salzkammergut rund um Salzburg gab es immer schon viel vom namengebendem Salz in den Bergen. An mehreren Orten entstanden über die Jahrhunderte kleinere und grössere Bergwerke und dazugehörige Salinen. In den Bergwerken wurde meist in unterirdischen Seen Wasser mit dem im Stein gebundenen Salz zu Sole angereichert und hinausgepumpt. In den Salinen wurde diese Sole dann in riesigen Pfannen verkocht und das uns bekannte Kristallsalz hergestellt.

Das Salzbergwerk in Hallein war dabei hauptverantwortlich für den Reichtum der Stadt Salzburg. «Salzburg würde ohne das Salz vom Dürrnberg in dieser Pracht nicht bestehen», weiss Meisl. In der Tat war das Salz derart wichtig, dass deswegen mehrere Kriege mit dem benachbarten Bayern ausgefochten wurden. Doch die moderne Zentralisierung und Rationalisierung holt auch traditionsreiche Orte irgendwann ein. Im Jahr 1979 wurde etwa 70 km östlich von Salzburg eine neue, grosse Saline in Ebensee gebaut. In deren unmittelbarer Nähe liegen die Salzbergwerke Bad Ischl, Hallstatt und Altaussee – nicht aber Hallein. Die Transportwege waren zu gross und die Erträge zu klein. Hallein wurde wirtschaftlich abgehängt und musste aufgeben. Mit der unvermeidlichen Schliessung ging auch eine jahrtausende alte Tradition verloren.

Magische Welten entdecken

Seither setzt man stark auf den Faktor Spass. Viele Menschen kommen hauptsächlich aufgrund des ungewöhnlichen Erlebnisses hierher. Auf unserer Führung erreichen wir dann auch bald das erste Highlight. Eine traditionelle Bergleuterutsche führt uns in rasantem Tempo eine Ebene tiefer. Dort wartet eine multimedial aufbereitete Flossfahrt über einen der unterirdischen Salzseen. Von Musik und einer Lichtshow untermalt gleiten wir in einem hölzernen Floss über den unterirdischen Salzsee. Die Decke ist so tief, dass wir sie problemlos anfassen können.

Für eine Lehrperson aus Dornbirn im Vorarlberg und die Schüler*innen ist das Rutschen das Beste am Bergwerk. Natürlich sollen die Schüler*innen auch etwas lernen. Denn das Salzbergwerk ist kein reiner Vergnügungspark. «Bei uns gibt es auch Bereiche, wo man den Wissensdurst stillen kann», meint Meisl. Dieses Wissen wird jedoch allenfalls nebenbei vermittelt. Es ist ein Wissen über die geheimen Welten, die sich in den Bergen dieser Welt befinden, wo Menschen in der Dunkelheit nach Schätzen graben. So begleitet uns auch das Gefühl der Einsamkeit und Abschottung im Dunkeln der Stollen auf Schritt und Tritt. Und auch ein Wissen über die geschichtsträchtige Vergangenheit, die man hier «hautnah erleben» könne.

Am Ende unseres etwa eineinhalb Kilometer langen Marsches durch verschiedene Stollen und Kammern haben wir die Orientierung komplett verloren. Wären wir auf uns alleine gestellt, kämen wir wohl nie wieder ans Tageslicht. Jeder Stollen sieht wie der letzte aus. Sie winden sich im Dunkel dieser Erde durch den Berg und verlaufen mal auf österreichischem mal auf deutschem Boden. Doch irgendwann holt uns die Zivilisation wieder ein. Mitten im Berg bringt uns eine gute alte Rolltreppe wieder zurück zur Grubenbahn, die gerade die nächste Besuchsgruppe abgeladen hat. Und so fahren wir wieder mit einigem Gerumpel dem Ausgang und dem Licht entgegen.

salz

dürrnberg

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