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Gesellschaft

“Mir einen Regenbogen vorzustellen ist sehr schwierig”

Daniela Moser auf dem Balkon ihres Zuhauses in Walkringen.

Bilder: Adrian Moser, Adrian Moser

Der Mensch verlässt sich meistens darauf, was er sieht. Aber nicht Daniela Moser – sie verlässt sich auf ihr Gehör und ihren Tastsinn, denn sie ist von Geburt an blind. Sie sitzt in der Küche ihres Elternhauses in Walkringen und schenkt sich ein Glas Wasser ein. Dabei hält sie ihren Finger ins Glas, um die Menge abzumessen. Einer der vielen kleinen Tricks, den sie für den Alltag ohne Augenlicht braucht. 

Die 26-jährige Bernerin wirkt sehr lebensfroh. Doch als Kind hatte sie eine schwere Zeit. Sie wurde dutzende Male an den Augen operiert und musste viel Zeit im Spital verbringen. Statt auf dem Hof herumzutollen musste sie dann oft im Haus bleiben. Seit sie fünf Jahre alt ist, ist sie auf dem linken Auge komplett blind. Mit dem rechten Auge kann sie Farben erkennen und zwischen hell und dunkel unterscheiden. Moser erkennt zum Beispiel einen Fussgängerstreifen als gelben verschwommenen Fleck am Boden. Die Ampel hingegen ist zu weit weg, um die Lichtsignale zu sehen. Personen, die ganz nahe neben ihr sitzen, erkennt sie als dunkle Kontur. In der Blindenschule Zollikofen und in der Lehre als Kauffrau nagte die Frage “Warum gerade ich”, manchmal an ihr. Andererseits kenne sie nichts anderes. “Für jemanden, der erst im Laufe seines Lebens erblindet, muss es viel schlimmer sein.” 

Obwohl Moser nichts sehen kann, zeichnet sie für ihr Leben gern. “Wenn Sie wollen, zeichne ich Ihnen ein Pferd”, sagt sie. Ein Tier könne sie anfassen und gewinne dadurch eine gewisse Vorstellung davon. Auf dem Papier sehe das Pferd zwar etwas abstrakt aus, aber das sei für sie nicht wichtig. “Ich habe meinen eigenen Weg gefunden, wie ich zeichne.” Schwierig wird es bei Motiven, die Moser nicht berühren kann. “Mir einen Regenbogen vorzustellen ist sehr schwierig.” Ihn zu zeichnen sei eine Herausforderung, die sie jedoch mit Freude angehe. Nebst dem Zeichnen hört sie sehr gerne Hörbücher, liest und singt in zwei Jodlervereinen. Im Winter stehe sie gerne auf die Ski. Dabei wird sie von einer eigens dafür ausgebildeten Person begleitet, die  hinter ihr fährt und ihr Anweisungen gibt. Dafür brauche es viel Vertrauen in die Begleitperson. Auch zum Joggen habe sie endlich jemanden gefunden, der sie begleitet. Die Suche dauerte lange, weil nur wenige es sich zutrauen, mit einer blinden Person joggen zu gehen. 

Heute arbeitet Moser beim Blinden- und Sehbehindertenverband. Für blinde Menschen sei es nicht einfach, eine Arbeitsstelle zu finden, so Moser. Arbeitgeber könnten sich oft nicht vorstellen, dass eine blinde Person eine Tätigkeit genauso zufriedenstellend ausüben könnte wie eine sehende Person. “Bei den Arbeitgebern herrscht noch eine grosse Berührungsangst”, so Moser. Der Arbeitgeber habe auch keinen zusätzlichen Aufwand, eine blinde Person anzustellen, denn die Beschaffung der Hilfsmittel, wie die Sprachausgabe auf dem Computer oder die Braillezeile, die liege beim blinden Arbeitnehmer und werde von der Invalidenversicherung übernommen.

Der Bauernhof der Familie Moser, der seit zwanzig Jahren nicht mehr betrieben wird, liegt etwas abgelegen auf einem Hügel oberhalb von Walkringen. Wäre es für Moser nicht praktischer, in der Stadt zu wohnen, wo sie auch arbeitet? “Ich bin in Walkringen aufgewachsen und kenne das Haus sehr gut”, sagt Moser. Sich hier zu orientieren ist für sie kein Problem. In einer neuen Wohnung müsste sie zuerst lernen, sich zurechtzufinden. Dafür gibt es eigens Dienstleistungen, die Blinde in Anspruch nehmen können. Während solchen Trainings lernt die blinde Person zudem, wo sie in der Nähe einkaufen kann und wo die Verkehrsanschlüsse sind. “Es ist alles lernbar”, sagt Moser.   

Moser ist beruflich oft mit dem Zug unterwegs. Ihre wichtigsten Hilfsmittel sind dabei der Blindenstock und ihr IPhone. Durch die Sprachausgabe auf dem Handy lässt sie sich alle wichtigen Informationen vorlesen, zum Beispiel die Gleisnummer ihres Zuges auf der SBB-App. Früher musste sie fremde Leute am Bahnhof ansprechen, damit sie ihr auf der Anzeigetafel die Gleisnummer ablesen konnten. Der Bahnhof Bern sei mit dem Leitliniensystem am Boden sehr gut ausgerüstet, findet Moser. Aber sie bedauert, dass Passanten oft nicht wüssten, dass blinde Personen diese Linien zur Orientierung benötigen. “Oft stehen Leute auf den Linien oder stellen ihre Tasche darauf ab”, sagt sie. 

Um Nachrichten auf dem Handy zu schreiben, braucht Moser die Brailleschrift. Dabei erscheinen die sechs Punkte der Blindenschrift auf dem Bildschirm anstatt der herkömmlichen Buchstaben. Am Küchentisch lässt sie sich ein SMS vorlesen und stellt ihr geübtes Gehör unter Beweis. Die Sprachausgabe ist so schnell eingestellt, dass nur Moser etwas versteht. Über das verblüffte Gesicht der Autorin muss sie lachen. Sie glaube nicht, dass sehbehinderte Menschen besser hörten. “Wer gut sehen kann, braucht das Gehör einfach zu wenig.”

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Gesellschaft

Über Form und Inhalt des „Ausreissens“

Wie lässt man das Licht hinein?

Bilder: www.pixelio.de / Helmut J. Salzer

Wenn man davon ausgeht, dass jedes Wort, sein Aufbau, seine Form, seine Betonung, nicht bloss ein zufälliges Ergebnis einer willkürlich aufgebauten Sprache ist, wenn man also annimmt, dass durch die äussere Hülle des Wortes auch etwas über seine faktische Bedeutung zum Ausdruck kommen soll, dann lohnt es sich einen Blick auf die Struktur des Wortes „Ausreissen“ zu werfen.

„Ausreissen“ ist ein trügerisches Wort, irreführend in seiner Klarheit und Einfachheit. Diese Klarheit ist dem schönen, schlichten Aufbau zuzuschreiben, dem Zusammenspiel der Präposition „aus“ und des Verbs „reissen“. Aber die Schlichtheit widerspiegelt sich nicht bloss in der Grammatik, sondern vor allem in der Art und Weise, wie die Grammatik die Realität einfängt. Es ist ein Wort wie eine Skizze für Erstklässler, das übermächtige „aus“, der Rahmen, der Ort aus dem es auszubrechen gilt, und das „reissen“, der energische Kern, der Motor des Wortes und derjenige der tatsächlichen Handlung.

Spiegel der Welt

So ist das Wort „ausreissen“, genauso wie „ausbrechen“, ein kleiner grammatikalischer Spiegel der Wirklichkeit, eine Rückprojektion des Grossen und Ganzen auf die kleinere Ebene der Sprache. Wie immer aber bei Rückprojektionen und Verkleinerungen geht etwas verloren und obwohl wir es eigentlich besser wissen müssten, vergessen wir vor lauter Glaube an Form und Regeln, dass die Wirklichkeit doch ein Stückchen komplizierter ist. Dieses Etwas, dasjenige Element des „Ausreissens“, das die Komprimierung auf die Ebene der Sprache vergessen hat zu erfassen, ist seine ungeheurere Kurzlebigkeit.

Zwischen Tram und Arbeitstür

Ausreissen, ausbrechen, fliehen, man nenne es wie man möchte, die Richtung ist immer die gleiche. Sie fängt bei der eigenen Person an und geht geradewegs…woandershin, eigentlich egal wohin, Hauptsache weg. Den Ausbruch hat jeder schon einmal geplant. Am Morgen wachte man voller Elan auf und steckte ihn, den Ausbruch, in die Tasche wie eine Art Talisman, mit der festen Überzeugung, dass heute der Tag ist, an dem aus Plänen ernst wird, das „Aus“ des Bestehenden, der „Bruch“ mit dem Jetzt. Am Abend, kam man dann wieder nach Hause und merkte, irgendwo zwischen Tram und Arbeitstür, irgendwo im Gestrüpp des Alltags, hat er sich aufgelöst. Der Ausbruch. Genau das ist das Problem solcher Handlungen, ob Ausbruch oder Ausreissen. So klar und selbstbewusst sie auch erscheinen mögen, sie sind und bleiben so schrecklich volatil. Wie Quecksilber entweicht der Wunsch und die Entschlossenheit, sie reissen uns sozusagen aus, jeden Tag aufs Neue, so dass man letzten Endes mit leeren Händen dasteht, wo kurz davor noch Mut gewesen war. Oder anders gesagt, wenn ein Fenster geöffnet wird, strömt Licht herein. Dieses Phänomen hört auf, sobald man das Fenster wieder zuschnappen lässt.

Lichtblick

So und nicht anders ist auch der Charakter des Ausbruchs. Mag einem das Leben noch so düster vorkommen, hin und wieder öffnet sich ein Fenster, das einem die Sicht auf eine andere Welt zeigt und das Licht rein lässt. Doch ist dieser sprichwörtliche Lichtblick oft blitzartig und kurz. Als sei die Energie eines solchen Augenblicks zu kraftvoll, um es lange aufrechtzuerhalten, und wir zu schwach, um uns dauerhaft gegen die Fenster zu stemmen, bleibt dieser Moment im hellen Schein des „Ausreissens“ flüchtig und schwach. Der Ausbruch ist also zutiefst gespalten, zwischen dem Anspruch der Kompromisslosigkeit einerseits, und der tatsächlichen Flüchtigkeit andererseits. Wie kann uns dieser Ausbruch helfen, wenn er sich in einem Augenblick, durch die pure Wucht seines Wesens, selbst konsumiert? Wie können wir ihn einfangen und für uns nützlich machen? Denn eins steht fest, brauchen tun wir ihn auf jeden Fall.

Das Ausreissen ist unser Hoffnungsspender in all den Augenblicken und Situationen, in denen unsere Gedanken sich ineinander verrenken und uns die Sicht versperren. Wenn alle Stimmen um uns herum zu laut werden und unsere eigene übertönen, dann kommt der Wunsch nach Ausbruch und dieser wird zu dem, was uns dann durchhalten lässt. Ironischerweise hilft uns also der Gedanke einmal ausbrechen zu können, dabei auszuharren.

Öffnen oder herausreissen

Wenn der Ausbruch aber ferner Horizont bleibt und die jetzigen Umstände schwer zu ertragen sind, verliert er seinen hoffnungsvollen Charakter und das nie erreichte Ziel fängt an, einen bitteren Beigeschmack zu entwickeln. Damit uns der Ausbruch also beim Durchhalten helfen kann, muss er nicht immer, aber doch immer wieder auch vollbracht und nicht bloss erträumt werden. Für die Umsetzung eines solchen recht waghalsigen Vorhabens muss das Licht des Ausbruchs lange genug auf uns einwirken.

Und die Fenster? Nun ja, die Fenster gehören auch zu uns und stehen unter unserem Einfluss. Beobachtet man die Leidenschaft, mit der sich manche Leute gegen unaufschiebbare Veränderungen wehren, möchte man sogar die Behauptung aufstellen, dass wir sie uns selbst erbaut haben, vor lauter Angst, vom Licht des „Ausreissens“ geblendet zu werden. Das Ausreissen als Selbstsabotage also. Vielleicht ist das Ausreissen, der Ausbruch, die Flucht gar nicht das Öffnen dieser Fenster, um das Licht der neuen Möglichkeiten rauszulassen, sondern ganz einfach das Herausreissen der Fenster, die wir uns aus Selbstschutz erbaut haben, um das Licht hereinzulassen, das ohnehin schon die ganze Zeit um uns herum war.

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Irina Radu reichte diesen Beitrag beim Wettbewerb "Secondomedia" ein. Tink.ch veröffentlicht nach und nach alle eingereichten Beiträge in den Kategorien Zeitung und Film.

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Kultur

«Ich begrüsse die Initiative gegen die Reitschule»

Filmemacher Andreas Berger im Interview.

Bilder: Tobias Häberli

Muss man sich da langweilen? Nach dem grossen Film über die Reitschule „welcome to hell“ 2014, folgte vor Kurzem „Come to hell … and see the paradise“, ebenfalls ein Streifen über die Reitschule. Zwei Filme über das Selbe vom gleichen Macher. Erwartet die Zuschauer gähnende Langeweile, Andreas Berger?

Es sind zwei unterschiedliche Werke. Der erste Film beleuchtet die Basics der Reitschule und erklärt durch die Betreiberinnen und Betreiber selber, wie das bunte Haus neben dem Berner Hauptbahnhof funktioniert.

Und der zweite Film?

Der ist als Nachspiel zum ersten gedacht. Die Reitschule wurde erklärt, es geht ausschliesslich um neue Motive und Geschichten aus den letzten zwei Jahren.

Beide Filme erlauben einen einzigartigen Einblick in die Reitschule. Und dennoch wirken sie oberflächlich. Zu viele Geschichten werden erzählt, die nicht in die Tiefe gehen. Zu viele Personen werden portraitiert, die man doch nicht richtig kennen lernt.

Die Reitschule ist ein Universum mit Tausenden Menschen und Geschichten, so dass von vornherein klar war, dass auch ein noch so langer Film nur einen kleinen Ausschnitt aus diesem Universum zeigen kann. Aber die elementaren Ereignisse werden im Film ausführlich und aus persönlicher Sicht dargestellt. Etwa die Gewalt- und Drogenprohibition, seit den 80er-Jahren ein Dauerbrenner. Und das ist nicht oberflächlich!

Die DNA-Entnahmen von Demonstrierenden, die zuletzt für Wirbel in Bern gesorgt haben, werden in deinem neuen Film aber beispielsweise nur am Rande beschrieben. Die Recherche fehlt. Der Film bleibt oberflächlich.

Ich finde es schockierend genug, wenn harmlose Jugendliche, die gegen die Miss-Schweiz-Wahl auf dem Bundesplatz demonstrieren, festgenommen, ausgezogen und zur DNA-Abgabe vorgeladen werden. Aufzuzeigen, dass es offensichtlich zwei Klassen von Demonstranten gibt, genügt.

Endo Anaconda sagt in deinem Film, die Reitschule sei ein Märchen für ihn. Was ist die Reitschule eigentlich für dich?

Mittlerweile sind drei Generationen in der Reitschule aktiv und das Kulturzentrum besteht seit 28 Jahren. Das ist ein Märchen. Und manchmal Alptraum zugleich. Etwa wenn Diskussionen zu den immer gleichen Themen wieder mal kein Ende nehmen wollen.

Kein Ende nehmen wollen auch die Initiativen gegen die Reitschule. Bereitet dir das aktuelle Exemplar der SVP Sorgen?

Eigentlich begrüsse ich die neue Initiative von Erich Hess gegen die Reitschule. Das baut einen gewissen Druck auf und die internen Auseinandersetzungen werden für einen Moment zur Seite gelegt. Initiativen verleihen der Reitschule immer einen Kreativitätsschub. Viel Neues entsteht.

Zurück zur Filmkritik. Mit Verlaub: Die Machart des Filmes lässt Zweifel am professionellen Handwerk des Filmemachers aufkommen. Deine Schnitte sind wild, das Zoom-Element setzt du exzessiv ein und die Bilder sind verwackelt.

Das wilde und ungestüme gehört zur autonomen Reitschulbewegung und muss sich in meinen Augen auch in der Form des Films niederschlagen. Das ist ein bewusster Entscheid. Und meine Handkamera wackelt weniger stark als in etlichen Dogma-95-Spielfilmen.

Der inflationäre Gebrauch des Zooms wirkt trotzdem unprofessionell.

Klar, man sagt, das Zoom-Element sei das Travelling der armen Leute. Wer Geld hat, arbeitet mit Kamerakränen auf Schienen und macht ruhige Fahrten. Trotzdem habe ich mit dem bewussten Einsatz des Zooms schöne Bewegungen hingekriegt und einen eigenen Stil geschaffen. Die erfahrene Cutterin Kathrin Plüss nannte es einmal „Freestyle“.

Freestyle ist auch ein Kameraschwenk im Stadtratssaal. Im entscheidenden Moment verpasst du eine Szenerie auf der Zuschauerbühne. Sind das die Leiden des Low-Budget-Films?

Wenn man als Ein-Mann-Unternehmen arbeitet, kann es immer wieder passieren, dass man mit der Kamera in einem entscheidenden Moment am falschen Ort ist. Das gehört einfach dazu und ist zugleich Motivation, mit der Arbeit weiterzufahren – damit man es beim nächsten Mal besser macht.

Im Film bezeichnet sich Sabine, eine Protagonistin, als kreativ militant. Du sagst von dir, du seiest ein kreativer Aktivist. Was soll das sein?

Die einen machen Avantgarde-Theater, andere zeigen schräge Filme im Kino und ich dokumentiere die Reitschule. Die Kamera ist meine Waffe, um den Wahnsinn der Welt in Schach zu halten.

Du bist aber nicht nur Aktivist, sondern auch Journalist. Ein Jahrzehnt hast du für den „Bund“ als Redaktor gearbeitet und schreibst heute noch für das Blatt – wenn auch sehr selten. Welche journalistischen Ansprüche hast du an deine Filme?

Ich versuche gegenüber allen fair zu sein. Ich erlaube mir Verdichtungen und Zuspitzungen. Aber ich würde nie Inhalte manipulieren. Und so halte ich mich an viele weitere journalistische Prinzipien. Grundsätzlich spiele ich mit offenen Karten. Mein Anspruch ist es auch, ein komplett anderes Bild der Reitschule als Telebärn und andere Mainstreammedien zu zeigen.

Die „Mainstreammedien“ berichten aber aus verschiedenen Perspektiven über die Reitschule. Man könnte sogar sagen, die Berichterstattung ist ausgewogen.

Wenn die Zeitungen nachfragen, was sich bei einem bestimmten Ereignis zugetragen hat, dann sind die Berichte fair. Häufig aber wird gerade an Wochenenden das Polizeicommunique unkommentiert in der Montagsausgabe abgedruckt. Das ärgert mich.

Hast du deshalb deinen Redaktor-Job an den Nagel gehängt?

Nein. Ich habe immer gesagt: Entweder macht man Filme oder Kinder. Beides aber gibt ein Chaos. Und als ich mich für Kinder entschied, war ich auf ein geregeltes Einkommen angewiesen. Als die Kinder flügge wurden, begann ich wieder zu filmen.

Filme machen ist aber viel anstrengender.

Wenn ich einen Film schneide, komme ich oft „auf 180“ nach Hause. Beim Computer kann man „leave this application“ drücken. Im Kopf fehlt dieser Knopf leider. Häufig nahm ich die Arbeit sogar in den Schlaf mit. Ich träumte, dass ich die Kamera vergessen hätte, das Filmmaterial zur Neige ging oder wie ich von der Polizei verhaftet wurde.

Gutes Stichwort. Freud würde den Grund der Verhaftung im Traum wohl in der Realität suchen. Wann wurdest du das letzte Mal von der Polizei verhaftet?

In den 80er-Jahren hat mich die Polizei als linken Aktivisten noch gejagt und hat einmal sogar nach einer Verhaftung das Filmmaterial gegen Demonstranten verwendet. Heute ist es so, dass man sich gegenseitig respektiert: Bei Demos macht die Polizei ihren Job und ich den meinen. Und seit dem Wagenplatzfilm „Zaffaraya 3.0“ (2011) gibt es in jedem meiner Filme auch Interviews mit Vertretern der Polizei. Deswegen stehe ich auch regelmässig mit dem Mediendienst der Kantonspolizei in Kontakt.

Zum Ende ein Blick in die Zukunft: Darf man von Andreas Berger dereinst einen Dokumentarfilm à la SRF erwarten?

Nein. Vorderhand ganz sicher nicht. Ich könnte mich nicht mehr so autonom austoben wie bisher. Beim neuen Film genoss ich es, das pure, anarchistische Lustprinzip auszuleben.

Reitschule

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Gesellschaft

Illusion eines idealen Internets

Nicht nur in elitär geführten Gesellschaften, sondern auch in jenen Teilen der Welt, die sich für aufgeklärt und demokratisch halten, wird der Ruf nach Medienzensur im digitalen Netz laut.

Bilder: Sandro Bucher

Das Internet verändert die menschliche Kommunikation so einschneidend, wie dies nur dem Buchdruck, der Reformation und der damit verbundenen «Enthierarchisierung» der Kommunikation zu Beginn der Neuzeit gelang.

Damals wie heute erhofften wir uns durch die neuen Formen der Kommunikation, alle Menschen miteinander zu verbinden und zu einer globalen Gesellschaft ohne Grenzen zu werden. Damals wie heute stellt sich die Frage, ob das Publikum mündig genug ist, um die verbreiteten Botschaften differenziert genug aufzunehmen, ohne dass es einer Regelung durch Zensur bedarf.

Medienrevolution

Die vernetzte Welt des digitalen Lebensraums lädt aufgrund ihres unerforschten Wesens fortwährend zu Entdeckungsfahrten ein. Jeder Mensch kann sich durch die schier unbegrenzten Kommunikationsmöglichkeiten zu Wort melden und seine Botschaft weltweit Gehör finden lassen. Etablierte Medien scheinen überflüssig zu werden. Doch darf die Autorität des herkömmlichen Journalismus deshalb hinterfragt werden?

Während sich etablierte Medien an Richtlinien und Standards eines nationalen Presserates oder unternehmensinternen Bestimmungen orientieren, zwängt sich ein Grossteil der Menschen in der digitalen Lebenswelt nicht in ein vergleichbares Korsett.

Internet als Ideal

Dieses Ungezwungene entspricht dem „Ideal einer vollkommenen Zeitung“, das der deutsche Schriftsteller Karl Philipp Moritz 1784 formulierte. Für ihn ist der Grundgedanke hinter einer erfolgreichen Aufklärung die Miteinbeziehung aller Bevölkerungsschichten in den Dialog. Die „öffentliche Zeitung“ soll eine mediale Öffentlichkeit schaffen, sie sei ein «unbestechliches Tribunal», «der Mund, wodurch zu dem Volke gepredigt, und die Stimme der Wahrheit, so wohl in die Paläste der Grossen, als in die Hütten der Niedrigen dringen kann.»

Der aktive Austausch über die vermittelten Informationen gehört für Moritz ebenso zur Einbindung aller Menschen in den Dialog: «Eltern, Erzieher, Menschen die in einer Stadt zusammen, oder entfernt leben, könnten sich einander ihre wichtigsten Vorschläge und Entdeckungen mitteilen, und sich durch die Zeitung miteinander über die angelegentlichsten Dinge besprechen.»

Mit der geforderten Partizipation knüpft Moritz an Immanuel Kants „Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung?“ an. Kant nimmt die Menschen selbst in die Verantwortung, sich aufzuklären um damit zur Unabhängigkeit zu gelangen, denn «Faulheit und Feigheit sind die Ursachen, warum ein so grosser Teil der Menschen, nachdem sie die Natur längst von fremder Leitung frei gesprochen, dennoch gerne zeitlebens unmündig bleiben.»

Social Media-Terror

Das digitale Neuland wurde im Namen der Freiheit entdeckt. Die Gründerväter dieser Technologien feiern ihre neue Welt bis heute als Ort mit endlosem Freiheitspotential und würden in ihrer Euphorie auch von Kant und Moritz gestärkt werden. Doch die Vision, eine „digitale Basisdemokratie“ zu schaffen, birgt auch seine Gefahren.

Das Internet wird von terroristisch agierenden Milizen wie dem Islamischen Staat (IS) genutzt, um ihre Hassbotschaften und vergifteten Vorstellungen von Religion zu proklamieren. Zusätzlich nutzt der IS die Sozialen Medien, um neue Mitglieder zu rekrutieren. Twitter reagiert, wenn auch mit schwulstiger Sorgfalt. Der Mikroblogging-Dienst beruft sich auf seine selbstauferlegte Neutralität, die Mündigkeit seiner Nutzer und die freie Meinungsäusserung, die er auf seiner Kommunikationsplattformen gewähren will.

Mehr denn je drängt sich nicht nur die Frage auf, ob es für Inhalte im Internet ebenso Regulierungen und Grenzen braucht wie für etablierte Medien, sondern auch, ob solche Normierungen auf globaler Stufe sowohl rechtlich als auch kulturell und gesellschaftlich überhaupt umsetzbar sind.

Differenzierung und Einschränkung

«Auch das Elend und die Armut in den verborgnen Winkeln muss aufgedeckt, und nicht aus einer falschen Empfindsamkeit vor unserm Blick in Dunkel eingehüllt werden», schreibt Moritz in seinem Konzept der vollkommenen Zeitung und spricht sich damit gänzlich gegen eine Zensur von Unmenschlichkeit und Terror aus, fordert aber einen differenzierten und aufklärerischen Ansatz, der in das Gezeigte einfliessen muss: «Das Elend, wenns einmal da ist, muss unter uns zur Sprachen kommen, und auf Mittel gedacht werden, wie man demselben abhelfen kann.»

Dienen Videoaufnahmen von Enthauptungen als unabdingbares Anschauungsmaterial, oder taugen sie lediglich zum Stillen der Sensationsgier des Publikums? Eine mediale Thematisierung des Terrors und ein Abwägen von möglichen Lösungsansätzen gegen extremistische Ideologien müsste in einer aufgeklärten Gesellschaft auch ohne das gezeigte Bildmaterial möglich sein.

Grenzen der Freiheit

Die von Moritz formulierten Ideale einer vollkommenen Zeitung werden zu Recht kritisch hinterfragt. Globale Konsequenzen wurden vom deutschen Schriftsteller nicht berücksichtigt. Das Internet würde unter seinen Wertvorstellungen zu einem Nährboden und Brutplatz für Terrorismus verkommen.

Freiheit besteht darin, alles tun zu können, was einem anderen nicht schadet. Dieser Gedanke kann nicht isoliert von den Grundsätzen der Aufklärung betrachtet werden. In der „Dialektik der Aufklärung“, die Max Horkheimer und Theodor Adorno 1944 formulierten, behaupten die beiden Sozialphilosophen, dass ebendieses Denken schon den Keim zu jenem Rückschritt enthalte: «Nimmt Aufklärung die Reflexion auf dieses rückläufige Moment nicht in sich auf, so besiegelt sie ihr eigenes Schicksal.»

Ob ein Korsett der Regulierungen und Zensur das Endprodukt attraktiver macht, oder ob ihm dieser Schnürleib lediglich die Luft zum Atmen nimmt, ist je nach Sichtweise des Rezipienten unterschiedlich.

Aufklärung durch Eigenverantwortung

Es ist immanent, dass jeder Mensch etablierte und neue Medien sowie deren Autoritätsanspruch fortwährend hinterfragt. In der „Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte“ festgehaltene Artikel wie «Jeder hat das Recht auf Meinungsfreiheit und freie Meinungsäusserung; dieses Recht schliesst die Freiheit ein, Meinungen ungehindert anzuhängen sowie über Medien jeder Art und ohne Rücksicht auf Grenzen Informationen und Gedankengut zu suchen, zu empfangen und zu verbreiten» werden für das Internet beharrlich ihre Geltungsdauer haben, da Normierungen an der Mauer der Anonymität und Globalisierung gnadenlos zerbrechen.

Eine Umsetzung jedwelcher Zensur im Internet ist ein Kampf gegen Windmühlen. Es liegt, frei nach Kant, in der Verantwortung jedes Menschen, sich durch eigene Bearbeitung seines Geistes aus der Unmündigkeit herauszuwickeln und dennoch einen sicheren Gang zu tun.

Dieser Artikel ist zuerst erschienen auf sandrobucher.com

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