Category Archives: Reitschule

Die nicht zurückhaltende Spezies Frau

Jua* drängt sich im Backstagebereich des Frauenraums auf ein Sofa. Die vier Frauen sind nicht nur eine Band, sondern auch gute Freundinnen, das spürt man. Bassistin Anuschka schätzt den persönlichen Austausch, die Freundschaft untereinander: “Die erste halbe Stunde im Bandraum verbringen wir mit persönlichen Gesprächen, wie es uns geht, in unseren Beziehungen, im Beruf…” Konflikte sprechen sie immer an, das sei wichtig. Mit einem Lächeln zu Songwriterin Chrige meint Anja: “Vielleicht wartet man manchmal einen Moment zu lange, aber ansprechen tun wir’s immer.”

Diese Harmonie zieht sich bis auf die Bühne. Jua* singt oft mehrstimmig. Mit Cajón, Bassgitarre, akustischer Gitarre und starken Stimmen entsteht ein feinfühliger Mix aus Country, Folk und Blues. Dies passt wunderbar in den Frauenraum, der immer wieder als der gemütlichste aller Räume der Reitschule bezeichnet wird.

Der Frauenraum will aber nicht nur gemütlich sein. Die Frauen-Jamsession “play yourself”, initiiert von der Cajón-Spielerin Anja, soll Frauen in ihrem musikalischen Schaffen bestärken. Leider hielten sich talentierte Frauen oft zurück im Musikbusiness, wagen sich kaum auf die Bühne. Oder wie es Chrige ehrlich ausdrückt: “Wenn ein toller Musiker mit Gitarre (macht Luftgitarren-Bewegungen) kommt und eine riesen Show macht, trauen sich danach viele nicht mehr auf die Bühne”. Im geschützten Rahmen fänden Frauen eher den Mut, ihr Können zu zeigen. Zweifel und Zurückhaltung, so Anja, seien wohl Gründe für die wenigen Frauen in der Bandszene. Warum es Jua* trotzdem gibt? “Wir sind eben nicht so! Wir nicht! Wir sind eben die Spezies, die nicht zurückhaltend ist, die gibt’s auch!“, sind sich unter Gelächter alle einig.

Im Frauenraum sind die vier auch privat regelmässig zu Gast. “Wenn ich in den Ausgang gehe, dann komme ich fast nur hierher.”, so Anuschka. Auch Anja hat eine jahrelange Verbindung zum Frauenraum. Neben den Jamsessions hat sie auch sonst im Kollektiv mitgewirkt. Mit 20 war sie zum ersten Mal hier, da habe sich eine Welt aufgetan für sie: “Ich kam aus dem Wallis, einer anderen Welt. Dort kannte man keine linke Szene.”

Zurück auf die Bühne: Jua* verzichtet auf viel Bewegung. Lieber konzentrieren sie sich auf ihr Zusammenspiel. Die vier Frauen bilden eine Einheit, schauen einander an, schliessen die Augen. Sie scheinen ihre Musik zu geniessen.

“Wenn ich die Leute aber dann so stehen sehe, (verschränkt die Arme) dann habe ich das Gefühl: „oh shit“ irgendwas ist wohl nicht in Ordnung”, so Chrige. Sie lasse sich leicht verunsichern, auch heute noch, nach einigen Jahren Bühnenerfahrung.

“Heute war gut” sagt Chrige und meint damit aber ihr schlimmes Lampenfieber. Auch Sängerin Nadja wird davon geplagt, lacht aber und sagt augenzwinkernd: “Wir haben Tabletten…Baldrian etwa” Dass die beiden manchmal auch während den Konzerten noch aufgeregt sind, konnten sie vor dem Publikum aber gut verstecken. Ob bei folkigen Tanzstücken oder feinen Balladen, die Musikerinnen wirkten souverän und selbstbewusst.

Das Publikum, egal welchen Geschlechts, lauschte mit Freude den melodischen Klängen, wippte oder tanzte mit den Beats des Cajón, und bedankte sich mit einem langen Applaus, wofür Jua* gleich noch eine Zugabe schenkte.

“Ich bin die Summe aller Teile”

Tink.ch: Wer bist du, Pablo?

Pablo Nouvelle: Oh, das kann ich dir nicht in zwei Sätzen erklären.

Tue es in drei.

(lacht, überlegt.)

Ich bin die Summe aller Teile.

Wie äussert sich das?

Beispielsweise bin ich zwar mit Hip-Hop aufgewachsen und habe in meiner Musik auch deutlich Soul-Komponenten enthalten, doch mach ich keinen Hip-Hop. Das, was das Publikum heute gehört hat, war kein Hip-Hop, oder?

Nein. Was ich heute gehört habe war das Wort: real. Zwei Jungs sind während des Konzerts stehen geblieben und einer meinte verblüfft: “Der ist einfach REAL!” Was sagst du dazu?

Real? Nein, wenn schon bin ich “ächt”. Real ist zu gangsterhaft. (Als er das ausspricht, hält er sich die geballte Hand vor den Mund, als wollte er beatboxen.)

Warum hat es ausgerechnet die Summe deiner Teile soweit geschafft?

Meine Vision der Arbeit entspricht eben dem Zeitgeist. Das hat viel mit Glück, Timing und einer Menge Arbeit zu tun. Ich würde jetzt aber nicht sagen, dass ich ein Star bin.

Wie erlebst du die Auftritte in England im Gegensatz zu denen in der Schweiz?

In der Schweiz bist du als Künstler auf weichen Kissen gebettet. Dagegen ist England ganz anders.

Inwiefern?

England ist roh. Da kriegst du als Künstler nie die Gage der Schweiz, von einer Hotelübernachtung ganz zu schweigen. Sich in England als Künstler durchzuschlagen, ist nicht leicht.

Zwischen den Liedern hast du gesagt: “Reithalle, schön gibt es euch! Ich glaube, dass ihr nie abgeschafft werdet. Mit keiner SVP-Kampagne.” Siehst du dich als Künstler verpflichtet, auch politische Statements unter die Leute zu bringen?

Meine Musik war lange Zeit unpolitisch. Doch meine Filme sind die Kehrseite meiner Musik. (Pablo hat an der Universität Luzern Animation studiert. Sein Abschlussfilm “Bon voyage” (2012) spricht die Flüchtlingsthematik an und gewann nationale sowie internationale Preise.) Darin spreche ich soziale Themen an, die nicht unbedingt politisch sein müssen. Auch gehöre ich keiner Partei an. Was mich beschäftigt, spreche ich aber an.

Findest du, dass die Politik einen Platz in der Kunst hat?

Sie soll einen Platz haben dürfen, aber es soll kein Muss für Künstler sein, über Politik zu sprechen.

In meinem privaten Umfeld spüre ich durchaus das politische Engagement, doch in der Kunst noch nicht so.

Du hast Animation, also Film, studiert und machst gleichzeitig Musik. Was kann das eine, was das andere nicht kann?

Ich sag es mal so: Musik gleich Herz, Film gleich Kopf.

Diese Frage wird von Künstlern im Allgemeinen sehr ungern beantwortet. Aber: Was machst du eigentlich für Musik?

(lacht) Warmen und emotionalen Soul. Drops, aber kein EDM (Electronic Dance Music). EDM wäre eine Beleidigung. Auf jeden Fall Elektro, aber auch mit Folk und Rockeinflüssen. Die Summe aller Teile eben.

Weitere Informationen

www.pablonouvelle.com

Das nächste Konzert findet diesen Freitag, den 30. Oktober, im Werkk Kulturlokal in Baden statt.

“Ich bin die Summe aller Teile”

Tink.ch: Wer bist du, Pablo?

Pablo Nouvelle: Oh, das kann ich dir nicht in zwei Sätzen erklären.

 

Tue es in drei.

(lacht, überlegt.)

Ich bin die Summe aller Teile.

 

Wie äussert sich das?

Beispielsweise bin ich zwar mit Hip-Hop aufgewachsen und habe in meiner Musik auch deutlich Soul-Komponenten enthalten, doch mach ich keinen Hip-Hop. Das, was das Publikum heute gehört hat, war kein Hip-Hop, oder?

 

Nein. Was ich heute gehört habe war das Wort: real. Zwei Jungs sind während des Konzerts stehen geblieben und einer meinte verblüfft: “Der ist einfach REAL!” Was sagst du dazu?

Real? Nein, wenn schon bin ich “ächt”. Real ist zu gangsterhaft. (Als er das ausspricht, hält er sich die geballte Hand vor den Mund, als wollte er beatboxen.)

 

Warum hat es ausgerechnet die Summe deiner Teile soweit geschafft?

Meine Vision der Arbeit entspricht eben dem Zeitgeist. Das hat viel mit Glück, Timing und einer Menge Arbeit zu tun. Ich würde jetzt aber nicht sagen, dass ich ein Star bin.

 

Wie erlebst du die Auftritte in England im Gegensatz zu denen in der Schweiz?

In der Schweiz bist du als Künstler auf weichen Kissen gebettet. Dagegen ist England ganz anders.

 

Inwiefern?

England ist roh. Da kriegst du als Künstler nie die Gage der Schweiz, von einer Hotelübernachtung ganz zu schweigen. Sich in England als Künstler durchzuschlagen, ist nicht leicht.

 

Zwischen den Liedern hast du gesagt: “Reithalle, schön gibt es euch! Ich glaube, dass ihr nie abgeschafft werdet. Mit keiner SVP-Kampagne.” Siehst du dich als Künstler verpflichtet, auch politische Statements unter die Leute zu bringen?

Meine Musik war lange Zeit unpolitisch. Doch meine Filme sind die Kehrseite meiner Musik. (Pablo hat an der Universität Luzern Animation studiert. Sein Abschlussfilm “Bon voyage” (2012) spricht die Flüchtlingsthematik an und gewann nationale sowie internationale Preise.) Darin spreche ich soziale Themen an, die nicht unbedingt politisch sein müssen. Auch gehöre ich keiner Partei an. Was mich beschäftigt, spreche ich aber an.

 

Findest du, dass die Politik einen Platz in der Kunst hat?

Sie soll einen Platz haben dürfen, aber es soll kein Muss für Künstler sein, über Politik zu sprechen.

In meinem privaten Umfeld spüre ich durchaus das politische Engagement, doch in der Kunst noch nicht so.

 

Du hast Animation, also Film, studiert und machst gleichzeitig Musik. Was kann das eine, was das andere nicht kann?

Ich sag es mal so: Musik gleich Herz, Film gleich Kopf.

 

Diese Frage wird von Künstlern im Allgemeinen sehr ungern beantwortet. Aber: Was machst du eigentlich für Musik?

(lacht) Warmen und emotionalen Soul. Drops, aber kein EDM (Electronic Dance Music). EDM wäre eine Beleidigung. Auf jeden Fall Elektro, aber auch mit Folk und Rockeinflüssen. Die Summe aller Teile eben.

 

 

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Das nächste Konzert findet diesen Freitag, den 30. Oktober, im Werkk Kulturlokal in Baden statt.

“Chillen mit Marx”

Um sieben Uhr abends ist noch nicht viel los auf dem Vorplatz der Reitschule. Das wird sich bald ändern. Der Freitagabend ist noch jung und das Reitschulfest lockt. Zu den treuen Reitschulgängern werden heute viele weitere Besuchende erwartet.

Seit 25 Jahren wird die Reitschule immer wieder in Frage gestellt. Die neuste Unterschriftensammlung hat gerade erst begonnen. Falls die kantonale Volksinitiative zu Stande kommt, wird es die sechste Prüfung an der Urne seit 1990. Noch älter als die Geschichte der Urnenabstimmungen ist gemäss den Veranstaltern das Reitschulefest. Zum 28. Mal lockt das Fest am Wochenende mit Musik, Theater und Kino.

Arbeitsgruppen

Als Auftakt des Reitschulefests führen zwei Reitschüler neugierige Besuchende durch die in den frühen Abendstunden noch leeren Räume des Kulturzentrums. Mit einem Bier in der Hand erklärt der eine – mit Namen wollen beide nicht genannt werden – die für Aussenstehende manchmal komplizierten Strukturen der Reitschule. Ein Reitschüler, eine Reitschülerin zu sein, bedeutet in der Szene, in einer der vielen AGs mitzuwirken. In der antikapitalistischen Reitschulwelt steht diese Abkürzung für Arbeitsgruppe. Diese organisieren den Betrieb ihres jeweiligen Raumes.

In der kleinen und engen Druckerei etwa werden Flyer, das Hausmagazin megafon, aber auch externe Aufträge auf Papier gebracht. Vis à vis befindet sich das Kino, wo Stallboden und Heuraufe an die Ursprünge der Reitschule erinnern und für ein besonderes Flair sorgen. Heute werden hier die beiden Reitschul-Streifen von Andreas Berger gezeigt.

Im normalen Betrieb wird im Kino lediglich um eine Kollekte gebeten. Manchmal seien die Beträge ziemlich frustrierend, sagt ein Kino-Mitglied. Weshalb der geliebte, aber teure 35mm-Film leider oft den DVDs weichen müsse.

Heterogene Reitschule

Die AGs sind, abgesehen von den Verpflichtungen durch Statuten und Manifest, autonom. Das heisst, sie können beispielsweise selbst bestimmen, ob und wie sie ihre Mitgliederentlöhnen. Mehrere Reitschüler bestätigen, dass dies innerhalb der Reitschule immer wieder zu Spannungen führe. Auch in der Reitschule finde man eben ein weites, diverses Meinungsbild, so ein Mitglied des Tojo-Theater.

Im zweiten Stock, über dem Kino, befindet sich der Frauenraum. An der Wand sind in grossen Lettern die Schlagworte des Manifests aufgemalt. Kein Sexismus. Keine Homophobie. Der wohl gemütlichste aller Reitschulräume ist aber trotz seiner Bezeichnung meist für alle Geschlechter offen. Einzig die ehrenamtlich arbeitenden “Kollektivas” sind alles Frauen, und die auftretenden Musikbands müssen mindestens zur Hälfte weibliche Mitglieder haben.

Konsenszwang

Im Raum daneben, im Körperdojo, werden verschiedene Kurse angeboten. So unterschiedlich die Sichtweisen in der Reitschule sind, so ist hier auch das Bewegungsangebot: Es reicht von Yoga über Poledance bis “Grr”, dem Kampfsporttraining. Ausserhalb des Dojos versucht man laut Manifest aber, Konflikte gewaltfrei zu lösen.

Konsens statt Konflikte gilt auch an den Versammlungen der Reitschüler. Alle Entscheide werden basisdemokratisch entschieden. Ein einziger Skeptiker kann also einen Beschluss verhindern. Dies sei anstrengend, sagt eine Mitarbeiterin des Dachstocks. Es habe sich wohl schon jeder einmal aufgeregt über stundenlange Sitzungen ohne handfestes Resultat. Die Basisdemokratie zwinge die Reitschüler aber, einander zuzuhören und vielfältige Sichtweisen anzuerkennen.

Rotes Theater

Das Tojo Theater ist eine der wenigen Gruppen, die sich Löhne ausbezahlen. Am Reitschulefest läuft hier “Chillen mit Marx”. An die Wände wird in rotem Licht ein Foto von Marx projeziert. Dazu passend gibt’s rote Getränke an der Bar und die AG-Mitglieder lesen hinter langen Bärten Zitate aus Marx’ Werken. Eine eigene Theatergruppe hat das Tojo Theater allerdings nicht mehr. Theatergruppen, auch internationale, können das Tojo mieten, als Gage dienen die Einnahmen aus den Billet- und Barverkäufen. Ohne Subventionen der Stadt würde das Theater allerdings nicht überleben.

Im Gegensatz zum Tojo hat der Dachstock durch regelmässig grössere Anlässe höhere Einnahmen. Diese indes kommen durch die interne Quersubventionierung allen AGs und somit der gesamten Reitschule zu Gute. Genau hier lauern Fragen, die schon zu so manchen kontroversen Diskussionen in der Reitschule geführt haben: Wie viel ökonomisches Handeln erträgt die Reitschule? Vertragen sich die Preise mit der Reitschulkultur? Oder werden finanziell Schwächere mit hohen Eintrittspreisen ausgeschlossen – wo die Reitschule offen für alle sein will.

Unter dem Dachstock liegen das Restaurant Sous le Pont und die Rössli-Bar. Die Endstation unserer Tour bot in den Anfängen der Reitschule häufig Zuflucht für die Drogenszene auf dem Vorplatz. Als Gegenmassnahme liessen die Behörden den Raum des heutigen Rössli mit Beton, Sand und Kies füllen. Die Vorplatzbewohner verschwanden, das Drogenproblem blieb und bleibt bis heute. Diesen Frühling lancierte die Interessengemeinschaft Kulturraum Reitschule (Ikur) deshalb die Kampagne “No Deal Area”. Ist sie erfolgreich, so wäre ein erster Schritt für die nächste Urnenprüfung getan.

“Ich fühle mich so gut wie überall wohl”

Es ist ein kalter, nebliger Morgen. Wir folgen Berivan ins Gebäude. Ihr schwarzes Haar wippt leicht hin und her. Zügig läuft sie durch die Gänge, vorbei an Wäscheleinen, spielenden Kindern, leise diskutierenden Erwachsenen. Dabei erzählt uns die Syrierin ihre Geschichte. Wie es dazu kam, dass sie und ihr Ehemann in dieser alten, überfüllten bulgarischen Schule ihre Flitterwochen verbringen.

 

Diese Szene filmte die Dokumentarfilmerin Eileen Hofer schon im Frühjahr 2013. Sie lernte Berivan in einem Flüchtlingsheim kennen, als sie aus eigener Initiative nach Bulgarien reiste, um den Flüchtlingen lebensnotwendige Spenden zu bringen. In nur einer Stunde entstand so ihr Kurzfilm “My Honeymoon” – meine Flitterwochen.

 

Wie in vielen ihrer Filme gibt die Protagonistin viel von sich preis. Auch wenn das Gesicht von Berivan nur am Schluss ganz kurz gezeigt wird, taucht man für knappe vier Minuten in ihr Leben, ihre Ängste und Hoffnungen ein.

Eileen Hofer hatte die Syrierin nur eine Stunde zuvor getroffen, und trotzdem entstand ein sehr persönliches Porträt. Dass dies möglich war, erklärt Hofer mit ihren eigenen Wurzeln im Mittleren Osten: “Das verbindet, auch wenn ich nicht Arabisch spreche.”

 

Gefilmt hat die Genferin schon an vielen unterschiedlichen Orten: Neben Bulgarien etwa auch in Afghanistan, Aserbaidschan und auf Kuba. Dank ihrem familiären Hintergrund, aber auch durch zahlreiche, teils längere Reisen hat Hofer die Welt und ihre verschiedenen Kulturen und Bürger kennengelernt. Dies erleichtere ihre Arbeit. Sie fühle sich fast überall schnell wohl, und auch ihre Protagonisten fassten rasch Vertrauen zu ihr. In Aserbaidschan wurde sie gar noch während den Dreharbeiten zu einer Hochzeit eingeladen.

 

Berivans Traum, nach Deutschland zu können, ist inzwischen wahr geworden. Wie es ihr heute geht, weiss Hofer allerdings nicht. Sie macht sich aber keine Sorgen: “Berivan ist eine starke Frau, spricht Englisch und hatte Zugang zu universitärer Bildung.”

 

Die Themen Immigration, Heimat und Identitätsfindung sind ein ständiger Begleiter in Hofers Filmen. So ist “My Honeymoon” auch ein wichtiger Beitrag in der aktuellen Asyldebatte. In einem Interview von Arte meint Hofer, dass die Menschen trotz unterschiedlicher Kulturen, Hintergründe und Wurzeln alle irgendwie gleich seien. “Das ist der Kern meiner Filme, diese Türen zu öffnen. Wir essen, wir mögen es zu lachen, wir mögen es, zu lieben.”

 

Mehr zum Thema


Bereits zum 13. Mal findet in Bern und der ganzen Welt das Kurzfilmfestival shnit statt. Ursprünglich ein Kurzfilmabend in der Reitschule, ist das shnit heute ein bedeutendes internationales Kurzfilmfestival, welches unter anderem auch in Kyoto und Buenos Aires stattfindet. Vom 7. bis 11. Oktober werden in Bern an 13 Spielstätten Kurzfilme gezeigt. Sowohl jede erdenkliche Kulisse – Kirche, Bahnhof bis Cincebad- wie auch jeder mögliche Filmvorliebe– Zeichentrick, Doku bis Komödie – wird dabei bedient.

Kann man den Summer Beach doch mögen?

Alle Jahre im Mai öffnet das Marzili seine Tore, bringen die Beizen ihre Tische nach draussen, stellen die Gelaterias ihre neuen Kreationen für den Sommer vor. Seit ein paar Jahren schon gesellt sich eine neue Attraktion dazu: der eingezäunte Sandkasten auf der Grossen Schanze, der “Summer Beach”.

 

Und immer am Anfang des Sommers nerve ich mich wieder aufs Neue. Pünktlich wenn ich, die Füsse im kühlen Lebensbrunnen (ja, er heisst wirklich so!), die wärmeren Temperaturen nun endlich so richtig geniessen könnte, kommen sie angefahren. Mit ihren Gittern. Dem Quarzsand. Den Rattan Lounches. Den tosenden Generatoren. Vergangenen Samstag nahm die Dauerveranstaltung ein Ende, wurde der öffentliche Platz wieder der Öffentlichkeit übergeben. Bevor sich der Quarzsand verabschiedete, musste ich mich jedoch einem Selbstversuch unterziehen.

 

Erste Runde

Nun gut, der Sandkasten ist da, und ein paar aufgebrachte Bernerinnen und Berner werden dieses Unding nicht vertreiben können. Meine späte Beichte: Vor diesem Selbstversuch war ich noch nie drin. Ich komme mir ein wenig vor wie all die Reitschul-Gegner, die einmal mit dem Zug die Reitschule passieren, die Graffitis sehen und dann zu Hause Erich Hess applaudieren.

 

Deshalb habe ich einen Selbstversuch unternommen, den Summer Beach doch zu mögen. Oder ihn mir wenigstens schön zu trinken. Denn mit den Übeln des Lebens lebt es sich leichter, wenn man sie zumindest akzeptieren kann.

 

Die erste Runde (eher teures) Bier ist bestellt. Die weissen Kunstledermatratzen erinnern mich an etwas zwischen Arztliegen und meiner Vorstellung von Matratzen in einem Stundenhotel. So entscheide ich mich nach einem kurzen Probeliegen doch für den kleinen Liegestuhl.

 

Die Inhaber geben an, mit dem Summer Beach die Grosse Schanze zu beleben. Was wollen sie denn beleben? Bis Ende April war die ganze Schanze belebt, und ab Ende August wird sie es auch wieder sein: Familien am Spielen, Arbeitnehmer am Mittagessen, Punks am Tanzen. Ein strahlendes Kunterbunt aus allen Ecken Berns.

 

Zweite Runde

Warum ich mit dem Summer Beach nicht so wirklich warm werde? Den ganzen Sommer über blockiert er den Platz um den Brunnen, obwohl er dann doch nur ab vier Uhr und nur bei schönem Wetter geöffnet ist. Er verdrängt das strahlende Kunterbunt. Und ausserdem ist er, ganz klar, einfach hässlich, zumindest von aussen gesehen.

 

Herrje, es könnte so schön sein, so gemütlich. Aber nein, jedes Fleckchen der Stadt Bern wird in der Sommerzeit bis zum letzten Millimeter von kommerziellen Veranstaltern genutzt.

 

Nun – mittlerweile nippe ich am zweiten Bier – wechsle ich auf ein “fatboy” Sitzkissen. Dies fühlt sich leider weniger gemütlich an, als es aussieht. Dafür habe ich einen optimalen Ausblick auf den schönen Abendhimmel beim Eindunkeln. Den kann ich allerdings auch sonst wo haben. Überhaupt frage ich mich, warum gerade dieser Platz für den Summer Beach herhalten muss. Einmal drin, hat man sowieso nur noch Aussicht auf die Bastzäune.

 

Dritte Runde

Die ewige Kommerzialisierung macht weder vor der Stadt, noch vor der Grossen Schanze halt. Der Summer Beach ist zwar von innen durchaus gemütlicher, als man von aussen erahnen könnte. Als sommerüberdauernde Attraktion auf einem so prominenten Platz würde ich mir allerdings ein etwas anderes, offeneres, weniger auf Kommerz ausgerichtetes Angebot wünschen.

 

Beim dritten Bier angelangt, werde ich aufgefordert, den Sandkasten wegen aufziehenden Regens zu verlassen. Wirklich traurig bin ich nicht über das frühzeitige Ende meines Selbstversuchs. Auch bei den anderen Besuchern kommt nicht so richtig Stimmung auf. Ich beobachte fünf Leute zusammen auf einem Bett – pardon, Baldachin – alle sind aber nur mit ihren Smartphones beschäftigt. Ob vielleicht die weissen Kunstledermatrazen die Stimmung bremsen?

 

Fazit

Gut finde ich, dass ich mal im Sandkasten drin war. Besser finde ich, dass ich wieder draussen bin. Auf dem Rasen der Grossen Schanze fühle ich mich wesentlich wohler. Doch da selbst dort während einem Monat die Leinwand des Salzkinos dafür sorgt, dass beinahe kein Platz mehr fürs Verweilen auf der grossen Wiese bleibt, wird dieser Genuss auch nur kurz währen. Aber man soll ja sowieso den Moment geniessen. Eben nur nicht dann, wenn einem grosse Veranstalter diesen streitig machen.

“Der Vorplatz ist der beste Kompromiss”

“Vorplatz”: Das Wort nimmt Bezug auf etwas, das nach ihm steht. Sie sind zwar oft rege frequentiert, aber nur selten belebt. Aus diesem Grund verdient der Reitschulvorplatz eigentlich einen anderen Namen.

 

Die Berner Reitschule lebt von der Vielfältigkeit ihrer Glieder. Tojo, Dachstock, Sous le pont oder Rössli sind nicht wegzudenken, ebensowenig der Vorplatz. Er hat sein eigenes Publikum und ist in diesem Sinne auch kein Anhängsel sondern ein gleichwertiger Teil der Reitschule.

 

Freiluftdisco ohne Ohrenschmerzen

In der Nacht verwandelt er sich regelmässig zur der meistbesuchten Freiluftdisco in Bern. Eine Musikanlage beschallt den Betonplatz dann mit 90dB unverwechselbarem Revoluzzer-Punkrock. Der Schalldruck verflüchtigt sich aufgrund der fehlenden Überdachung rasch in der Nacht, sodass die Atmosphäre zwar durch die Musik geprägt, anders als in einer Disco aber nicht von ihr dominiert ist.

 

Man muss sich deshalb keineswegs die Ohren mit daumengrossen Schaumstoffdübeln verschliessen, um einen Gehörschaden vorzubeugen, im Gegenteil: Gerede und Musik bilden eine unverwechselbare Geräuschkulisse, die sowohl fürs Tanzen, als auch für Gespräche einen angenehmen Hintergrund bietet.

 

Kein bestimmtes Prädikat

Folglich gibt es Tanzende, die reden, und Redende, die tanzen – inklusive sämtlicher Zwischenstufen. Der Vorplatz ist ein Kompromiss, aber gleichwohl das Beste, was aus dem kargen Betonplatz zu machen ist. Ihm ein bestimmtes Prädikat anheften zu wollen, wäre falsch.

 

Die Popularität des Vorplatzes rührt gerade daher, dass er eben nicht komplett in ein Schema einzuordnen ist. Weder macht ihn die Piratenbar kommerziell – man kann ja sein Bier auch selber mitbringen – noch räumt ihm der Pingpong-Tisch den Status als Sportplatz ein. Der Vorplatz ist ein alternativloses Unikat.

 

Dieser Artikel erschien zuerst auf www.journal-b.ch. Journal B ist ein unabhängiges Online-Medium für die Stadt Bern, das mehrmals wöchentlich Artikel in den Bereichen Politik, Alltag und Kultur publiziert.

Zwischen Solidarität und Selbstsucht

“Das Verhältnis zum Geld blieb in der Reithalle-Gegenkultur widersprüchlich und uneinheitlich. Wurden die Waren und Dienstleistungen zuerst überhaupt gratis oder zum Selbstkostenpreis angeboten, behalf man sich danach beim Eintritt zu Veranstaltungen jahrelang schamhaft mit Kollekten”, heisst es im Buch “Reithalle Bern – Autonomie und Kultur im Zentrum”, das zum 10-jährigen Jubiläum 1998 des Kulturzentrums erschienenen ist.

 

Verkommerzialisiert(e) die Reitschule?

Besucht man heute, über 25 Jahre nach der erneuten Besetzung des Gebäudekomplexes die  Reitschule, ist von Selbstkostenpreis, Kollekte und Schamgefühl nicht mehr viel zu erkennen. Mit Ausnahme des Kinos und der ab und zu stattfindenden Soli- oder Gratis-Konzerte hat heute praktisch alles seinen fast marktüblichen Preis. Die Flasche Maisgold à  33cl kostet 5 Franken, der Dachstock-Eintritt je nach Auftritt um die 25 Franken, gelegentlich auch mal mehr.

 

Die antikommerzialistische Preispolitik der Reitschule liegt schon ein Weilchen zurück. So endet bereits der eingangs zitierte Abschnitt mit dem Satz: “Die meisten AG (Arbeitsgruppen, Anm. d. Red.) verkaufen ihre Dienstleistungen allerdings heute zu festgesetzten Preisen.”

Zugegeben, vergleicht man die Preise mit den Umliegenden Kulturlokalen, dürfen sich die Besucherinnen und Besucher der Reitschule nicht beklagen. Und doch drängt sich bei einer Auseinandersetzung mit der ökonomischen Geschichte der Reitschule die Frage auf: Verkommerzialisiert(e) die Reitschule?

 

Von der Soli-Kollekte zum Eintrittspreis

Zur Beantwortung dieser Frage sind zwei Entwicklungen in der Geschichte der Reitschule von zentraler Bedeutung. Einerseits fand eine Art “Normalisierungsprozess” statt. Die nach und nach und unter heftigen Diskussionen eingeführten Löhne wurden legalisiert, Gastgewerbebewilligung und Billetsteuer eingeführt und aus Gebrauchsleihverträgen mit der Satdt wurde der heutige Leistungsvertrag. Diese Veränderungen brachten finanzielle Auswirkungen mit sich: Abgaben an den Staat wie Steuern und AHV-Beiträge sowie die Vermehrung bezahlter Arbeit erhöhten die anfallenden Fixkosten für das Kulturzentrum.

 

Die zweite, für die Preispolitik der Reitschule wegweisende Entwicklung war der zunehmende Mangel an Solidarität. Konnte sich die Reitschule zunächst auf Kollektenbasis “freiwillig” finanzieren, wurden gegen Ende der 80er-Jahre aufgrund mangelnder Bereitschaft Kollekte zu bezahlen, schliesslich Eintrittspreise eingeführt, welche sich im Laufe der Zeit und ebenjener Normalisierung erhöhten.

 

Nebst den enstandenen Abgaben und weiteren Fixkosten wie zunehmende Band-Gagen, Instandhaltung der Infrastruktur, war und ist vor allem die interne Umverteilung wichtiger Verwendungszweck der Reitschul-Finanzen. Während die Gastrobetriebe Sous Le Pont und Rössli Geld an den Reitschule-Fonds abgeben können und das Konzertlokal Dachstock etwa selbsttragend ist, sind Arbeitsgruppen wie die Zeitung “Megafon” und der Infoladen auf Unterstützung angewiesen.

 

Von der Freiwilligkeit zum “Kommerz-Zwang”

Mit vermehrten Ausgaben und mangelnder Solidarität kam eine Art “Zwang zum Kommerz”, der sich mit der steigenden Popularität der Reitschule noch verschärfte. Zu sehr auf Konsum, zu sehr nach dem Schema “ich zahle, also bekomm’ ich” ausgerichtet, dürfte die Mentalität der unzähligen Reitschul-Besucherinnen und -Besucher sein, als dass ein klar antikommerzielles, auf Freiwilligkeit basierendes System noch funktionieren könnte. Oder in den Worten des langjährigen Reitschülers Tom Locher: “Ich, ich, ich und der Rest ist scheissegal. Ausgrenzung, keine Solidarität. Ein egozentrisches Gewinnerzielungsinteresse. Halt nicht unbedingt im finanziellen Sinne, sondern geistig, das eigene Selbstverständnis betreffend. Das ist wohl das grösste Problem in der Reitschule und für ihre Zukunft.»

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Die nicht zurückhaltende Spezies Frau

Jua* drängt sich im Backstagebereich des Frauenraums auf ein Sofa. Die vier Frauen sind nicht nur eine Band, sondern auch gute Freundinnen, das spürt man. Bassistin Anuschka schätzt den persönlichen Austausch, die Freundschaft untereinander: “Die erste halbe Stunde im Bandraum verbringen wir mit persönlichen Gesprächen, wie es uns geht, in unseren Beziehungen, im Beruf…” Konflikte sprechen sie immer an, das sei wichtig. Mit einem Lächeln zu Songwriterin Chrige meint Anja: “Vielleicht wartet man manchmal einen Moment zu lange, aber ansprechen tun wir’s immer.”

Diese Harmonie zieht sich bis auf die Bühne. Jua* singt oft mehrstimmig. Mit Cajón, Bassgitarre, akustischer Gitarre und starken Stimmen entsteht ein feinfühliger Mix aus Country, Folk und Blues. Dies passt wunderbar in den Frauenraum, der immer wieder als der gemütlichste aller Räume der Reitschule bezeichnet wird.

Der Frauenraum will aber nicht nur gemütlich sein. Die Frauen-Jamsession “play yourself”, initiiert von der Cajón-Spielerin Anja, soll Frauen in ihrem musikalischen Schaffen bestärken. Leider hielten sich talentierte Frauen oft zurück im Musikbusiness, wagen sich kaum auf die Bühne. Oder wie es Chrige ehrlich ausdrückt: “Wenn ein toller Musiker mit Gitarre (macht Luftgitarren-Bewegungen) kommt und eine riesen Show macht, trauen sich danach viele nicht mehr auf die Bühne”. Im geschützten Rahmen fänden Frauen eher den Mut, ihr Können zu zeigen. Zweifel und Zurückhaltung, so Anja, seien wohl Gründe für die wenigen Frauen in der Bandszene. Warum es Jua* trotzdem gibt? “Wir sind eben nicht so! Wir nicht! Wir sind eben die Spezies, die nicht zurückhaltend ist, die gibt’s auch!“, sind sich unter Gelächter alle einig.

Im Frauenraum sind die vier auch privat regelmässig zu Gast. “Wenn ich in den Ausgang gehe, dann komme ich fast nur hierher.”, so Anuschka. Auch Anja hat eine jahrelange Verbindung zum Frauenraum. Neben den Jamsessions hat sie auch sonst im Kollektiv mitgewirkt. Mit 20 war sie zum ersten Mal hier, da habe sich eine Welt aufgetan für sie: “Ich kam aus dem Wallis, einer anderen Welt. Dort kannte man keine linke Szene.”

Zurück auf die Bühne: Jua* verzichtet auf viel Bewegung. Lieber konzentrieren sie sich auf ihr Zusammenspiel. Die vier Frauen bilden eine Einheit, schauen einander an, schliessen die Augen. Sie scheinen ihre Musik zu geniessen.

“Wenn ich die Leute aber dann so stehen sehe, (verschränkt die Arme) dann habe ich das Gefühl: „oh shit“ irgendwas ist wohl nicht in Ordnung”, so Chrige. Sie lasse sich leicht verunsichern, auch heute noch, nach einigen Jahren Bühnenerfahrung.

“Heute war gut” sagt Chrige und meint damit aber ihr schlimmes Lampenfieber. Auch Sängerin Nadja wird davon geplagt, lacht aber und sagt augenzwinkernd: “Wir haben Tabletten…Baldrian etwa” Dass die beiden manchmal auch während den Konzerten noch aufgeregt sind, konnten sie vor dem Publikum aber gut verstecken. Ob bei folkigen Tanzstücken oder feinen Balladen, die Musikerinnen wirkten souverän und selbstbewusst.

Das Publikum, egal welchen Geschlechts, lauschte mit Freude den melodischen Klängen, wippte oder tanzte mit den Beats des Cajón, und bedankte sich mit einem langen Applaus, wofür Jua* gleich noch eine Zugabe schenkte.

“Ich bin die Summe aller Teile”

Tink.ch: Wer bist du, Pablo?

Pablo Nouvelle: Oh, das kann ich dir nicht in zwei Sätzen erklären.

Tue es in drei.

(lacht, überlegt.)

Ich bin die Summe aller Teile.

Wie äussert sich das?

Beispielsweise bin ich zwar mit Hip-Hop aufgewachsen und habe in meiner Musik auch deutlich Soul-Komponenten enthalten, doch mach ich keinen Hip-Hop. Das, was das Publikum heute gehört hat, war kein Hip-Hop, oder?

Nein. Was ich heute gehört habe war das Wort: real. Zwei Jungs sind während des Konzerts stehen geblieben und einer meinte verblüfft: “Der ist einfach REAL!” Was sagst du dazu?

Real? Nein, wenn schon bin ich “ächt”. Real ist zu gangsterhaft. (Als er das ausspricht, hält er sich die geballte Hand vor den Mund, als wollte er beatboxen.)

Warum hat es ausgerechnet die Summe deiner Teile soweit geschafft?

Meine Vision der Arbeit entspricht eben dem Zeitgeist. Das hat viel mit Glück, Timing und einer Menge Arbeit zu tun. Ich würde jetzt aber nicht sagen, dass ich ein Star bin.

Wie erlebst du die Auftritte in England im Gegensatz zu denen in der Schweiz?

In der Schweiz bist du als Künstler auf weichen Kissen gebettet. Dagegen ist England ganz anders.

Inwiefern?

England ist roh. Da kriegst du als Künstler nie die Gage der Schweiz, von einer Hotelübernachtung ganz zu schweigen. Sich in England als Künstler durchzuschlagen, ist nicht leicht.

Zwischen den Liedern hast du gesagt: “Reithalle, schön gibt es euch! Ich glaube, dass ihr nie abgeschafft werdet. Mit keiner SVP-Kampagne.” Siehst du dich als Künstler verpflichtet, auch politische Statements unter die Leute zu bringen?

Meine Musik war lange Zeit unpolitisch. Doch meine Filme sind die Kehrseite meiner Musik. (Pablo hat an der Universität Luzern Animation studiert. Sein Abschlussfilm “Bon voyage” (2012) spricht die Flüchtlingsthematik an und gewann nationale sowie internationale Preise.) Darin spreche ich soziale Themen an, die nicht unbedingt politisch sein müssen. Auch gehöre ich keiner Partei an. Was mich beschäftigt, spreche ich aber an.

Findest du, dass die Politik einen Platz in der Kunst hat?

Sie soll einen Platz haben dürfen, aber es soll kein Muss für Künstler sein, über Politik zu sprechen.

In meinem privaten Umfeld spüre ich durchaus das politische Engagement, doch in der Kunst noch nicht so.

Du hast Animation, also Film, studiert und machst gleichzeitig Musik. Was kann das eine, was das andere nicht kann?

Ich sag es mal so: Musik gleich Herz, Film gleich Kopf.

Diese Frage wird von Künstlern im Allgemeinen sehr ungern beantwortet. Aber: Was machst du eigentlich für Musik?

(lacht) Warmen und emotionalen Soul. Drops, aber kein EDM (Electronic Dance Music). EDM wäre eine Beleidigung. Auf jeden Fall Elektro, aber auch mit Folk und Rockeinflüssen. Die Summe aller Teile eben.

Weitere Informationen

www.pablonouvelle.com

Das nächste Konzert findet diesen Freitag, den 30. Oktober, im Werkk Kulturlokal in Baden statt.

“Ich bin die Summe aller Teile”

Tink.ch: Wer bist du, Pablo?

Pablo Nouvelle: Oh, das kann ich dir nicht in zwei Sätzen erklären.

 

Tue es in drei.

(lacht, überlegt.)

Ich bin die Summe aller Teile.

 

Wie äussert sich das?

Beispielsweise bin ich zwar mit Hip-Hop aufgewachsen und habe in meiner Musik auch deutlich Soul-Komponenten enthalten, doch mach ich keinen Hip-Hop. Das, was das Publikum heute gehört hat, war kein Hip-Hop, oder?

 

Nein. Was ich heute gehört habe war das Wort: real. Zwei Jungs sind während des Konzerts stehen geblieben und einer meinte verblüfft: “Der ist einfach REAL!” Was sagst du dazu?

Real? Nein, wenn schon bin ich “ächt”. Real ist zu gangsterhaft. (Als er das ausspricht, hält er sich die geballte Hand vor den Mund, als wollte er beatboxen.)

 

Warum hat es ausgerechnet die Summe deiner Teile soweit geschafft?

Meine Vision der Arbeit entspricht eben dem Zeitgeist. Das hat viel mit Glück, Timing und einer Menge Arbeit zu tun. Ich würde jetzt aber nicht sagen, dass ich ein Star bin.

 

Wie erlebst du die Auftritte in England im Gegensatz zu denen in der Schweiz?

In der Schweiz bist du als Künstler auf weichen Kissen gebettet. Dagegen ist England ganz anders.

 

Inwiefern?

England ist roh. Da kriegst du als Künstler nie die Gage der Schweiz, von einer Hotelübernachtung ganz zu schweigen. Sich in England als Künstler durchzuschlagen, ist nicht leicht.

 

Zwischen den Liedern hast du gesagt: “Reithalle, schön gibt es euch! Ich glaube, dass ihr nie abgeschafft werdet. Mit keiner SVP-Kampagne.” Siehst du dich als Künstler verpflichtet, auch politische Statements unter die Leute zu bringen?

Meine Musik war lange Zeit unpolitisch. Doch meine Filme sind die Kehrseite meiner Musik. (Pablo hat an der Universität Luzern Animation studiert. Sein Abschlussfilm “Bon voyage” (2012) spricht die Flüchtlingsthematik an und gewann nationale sowie internationale Preise.) Darin spreche ich soziale Themen an, die nicht unbedingt politisch sein müssen. Auch gehöre ich keiner Partei an. Was mich beschäftigt, spreche ich aber an.

 

Findest du, dass die Politik einen Platz in der Kunst hat?

Sie soll einen Platz haben dürfen, aber es soll kein Muss für Künstler sein, über Politik zu sprechen.

In meinem privaten Umfeld spüre ich durchaus das politische Engagement, doch in der Kunst noch nicht so.

 

Du hast Animation, also Film, studiert und machst gleichzeitig Musik. Was kann das eine, was das andere nicht kann?

Ich sag es mal so: Musik gleich Herz, Film gleich Kopf.

 

Diese Frage wird von Künstlern im Allgemeinen sehr ungern beantwortet. Aber: Was machst du eigentlich für Musik?

(lacht) Warmen und emotionalen Soul. Drops, aber kein EDM (Electronic Dance Music). EDM wäre eine Beleidigung. Auf jeden Fall Elektro, aber auch mit Folk und Rockeinflüssen. Die Summe aller Teile eben.

 

 

Weitere Informationen


 

www.pablonouvelle.com

Das nächste Konzert findet diesen Freitag, den 30. Oktober, im Werkk Kulturlokal in Baden statt.

“Chillen mit Marx”

Um sieben Uhr abends ist noch nicht viel los auf dem Vorplatz der Reitschule. Das wird sich bald ändern. Der Freitagabend ist noch jung und das Reitschulfest lockt. Zu den treuen Reitschulgängern werden heute viele weitere Besuchende erwartet.

Seit 25 Jahren wird die Reitschule immer wieder in Frage gestellt. Die neuste Unterschriftensammlung hat gerade erst begonnen. Falls die kantonale Volksinitiative zu Stande kommt, wird es die sechste Prüfung an der Urne seit 1990. Noch älter als die Geschichte der Urnenabstimmungen ist gemäss den Veranstaltern das Reitschulefest. Zum 28. Mal lockt das Fest am Wochenende mit Musik, Theater und Kino.

Arbeitsgruppen

Als Auftakt des Reitschulefests führen zwei Reitschüler neugierige Besuchende durch die in den frühen Abendstunden noch leeren Räume des Kulturzentrums. Mit einem Bier in der Hand erklärt der eine – mit Namen wollen beide nicht genannt werden – die für Aussenstehende manchmal komplizierten Strukturen der Reitschule. Ein Reitschüler, eine Reitschülerin zu sein, bedeutet in der Szene, in einer der vielen AGs mitzuwirken. In der antikapitalistischen Reitschulwelt steht diese Abkürzung für Arbeitsgruppe. Diese organisieren den Betrieb ihres jeweiligen Raumes.

In der kleinen und engen Druckerei etwa werden Flyer, das Hausmagazin megafon, aber auch externe Aufträge auf Papier gebracht. Vis à vis befindet sich das Kino, wo Stallboden und Heuraufe an die Ursprünge der Reitschule erinnern und für ein besonderes Flair sorgen. Heute werden hier die beiden Reitschul-Streifen von Andreas Berger gezeigt.

Im normalen Betrieb wird im Kino lediglich um eine Kollekte gebeten. Manchmal seien die Beträge ziemlich frustrierend, sagt ein Kino-Mitglied. Weshalb der geliebte, aber teure 35mm-Film leider oft den DVDs weichen müsse.

Heterogene Reitschule

Die AGs sind, abgesehen von den Verpflichtungen durch Statuten und Manifest, autonom. Das heisst, sie können beispielsweise selbst bestimmen, ob und wie sie ihre Mitgliederentlöhnen. Mehrere Reitschüler bestätigen, dass dies innerhalb der Reitschule immer wieder zu Spannungen führe. Auch in der Reitschule finde man eben ein weites, diverses Meinungsbild, so ein Mitglied des Tojo-Theater.

Im zweiten Stock, über dem Kino, befindet sich der Frauenraum. An der Wand sind in grossen Lettern die Schlagworte des Manifests aufgemalt. Kein Sexismus. Keine Homophobie. Der wohl gemütlichste aller Reitschulräume ist aber trotz seiner Bezeichnung meist für alle Geschlechter offen. Einzig die ehrenamtlich arbeitenden “Kollektivas” sind alles Frauen, und die auftretenden Musikbands müssen mindestens zur Hälfte weibliche Mitglieder haben.

Konsenszwang

Im Raum daneben, im Körperdojo, werden verschiedene Kurse angeboten. So unterschiedlich die Sichtweisen in der Reitschule sind, so ist hier auch das Bewegungsangebot: Es reicht von Yoga über Poledance bis “Grr”, dem Kampfsporttraining. Ausserhalb des Dojos versucht man laut Manifest aber, Konflikte gewaltfrei zu lösen.

Konsens statt Konflikte gilt auch an den Versammlungen der Reitschüler. Alle Entscheide werden basisdemokratisch entschieden. Ein einziger Skeptiker kann also einen Beschluss verhindern. Dies sei anstrengend, sagt eine Mitarbeiterin des Dachstocks. Es habe sich wohl schon jeder einmal aufgeregt über stundenlange Sitzungen ohne handfestes Resultat. Die Basisdemokratie zwinge die Reitschüler aber, einander zuzuhören und vielfältige Sichtweisen anzuerkennen.

Rotes Theater

Das Tojo Theater ist eine der wenigen Gruppen, die sich Löhne ausbezahlen. Am Reitschulefest läuft hier “Chillen mit Marx”. An die Wände wird in rotem Licht ein Foto von Marx projeziert. Dazu passend gibt’s rote Getränke an der Bar und die AG-Mitglieder lesen hinter langen Bärten Zitate aus Marx’ Werken. Eine eigene Theatergruppe hat das Tojo Theater allerdings nicht mehr. Theatergruppen, auch internationale, können das Tojo mieten, als Gage dienen die Einnahmen aus den Billet- und Barverkäufen. Ohne Subventionen der Stadt würde das Theater allerdings nicht überleben.

Im Gegensatz zum Tojo hat der Dachstock durch regelmässig grössere Anlässe höhere Einnahmen. Diese indes kommen durch die interne Quersubventionierung allen AGs und somit der gesamten Reitschule zu Gute. Genau hier lauern Fragen, die schon zu so manchen kontroversen Diskussionen in der Reitschule geführt haben: Wie viel ökonomisches Handeln erträgt die Reitschule? Vertragen sich die Preise mit der Reitschulkultur? Oder werden finanziell Schwächere mit hohen Eintrittspreisen ausgeschlossen – wo die Reitschule offen für alle sein will.

Unter dem Dachstock liegen das Restaurant Sous le Pont und die Rössli-Bar. Die Endstation unserer Tour bot in den Anfängen der Reitschule häufig Zuflucht für die Drogenszene auf dem Vorplatz. Als Gegenmassnahme liessen die Behörden den Raum des heutigen Rössli mit Beton, Sand und Kies füllen. Die Vorplatzbewohner verschwanden, das Drogenproblem blieb und bleibt bis heute. Diesen Frühling lancierte die Interessengemeinschaft Kulturraum Reitschule (Ikur) deshalb die Kampagne “No Deal Area”. Ist sie erfolgreich, so wäre ein erster Schritt für die nächste Urnenprüfung getan.

“Ich fühle mich so gut wie überall wohl”

Es ist ein kalter, nebliger Morgen. Wir folgen Berivan ins Gebäude. Ihr schwarzes Haar wippt leicht hin und her. Zügig läuft sie durch die Gänge, vorbei an Wäscheleinen, spielenden Kindern, leise diskutierenden Erwachsenen. Dabei erzählt uns die Syrierin ihre Geschichte. Wie es dazu kam, dass sie und ihr Ehemann in dieser alten, überfüllten bulgarischen Schule ihre Flitterwochen verbringen.

 

Diese Szene filmte die Dokumentarfilmerin Eileen Hofer schon im Frühjahr 2013. Sie lernte Berivan in einem Flüchtlingsheim kennen, als sie aus eigener Initiative nach Bulgarien reiste, um den Flüchtlingen lebensnotwendige Spenden zu bringen. In nur einer Stunde entstand so ihr Kurzfilm “My Honeymoon” – meine Flitterwochen.

 

Wie in vielen ihrer Filme gibt die Protagonistin viel von sich preis. Auch wenn das Gesicht von Berivan nur am Schluss ganz kurz gezeigt wird, taucht man für knappe vier Minuten in ihr Leben, ihre Ängste und Hoffnungen ein.

Eileen Hofer hatte die Syrierin nur eine Stunde zuvor getroffen, und trotzdem entstand ein sehr persönliches Porträt. Dass dies möglich war, erklärt Hofer mit ihren eigenen Wurzeln im Mittleren Osten: “Das verbindet, auch wenn ich nicht Arabisch spreche.”

 

Gefilmt hat die Genferin schon an vielen unterschiedlichen Orten: Neben Bulgarien etwa auch in Afghanistan, Aserbaidschan und auf Kuba. Dank ihrem familiären Hintergrund, aber auch durch zahlreiche, teils längere Reisen hat Hofer die Welt und ihre verschiedenen Kulturen und Bürger kennengelernt. Dies erleichtere ihre Arbeit. Sie fühle sich fast überall schnell wohl, und auch ihre Protagonisten fassten rasch Vertrauen zu ihr. In Aserbaidschan wurde sie gar noch während den Dreharbeiten zu einer Hochzeit eingeladen.

 

Berivans Traum, nach Deutschland zu können, ist inzwischen wahr geworden. Wie es ihr heute geht, weiss Hofer allerdings nicht. Sie macht sich aber keine Sorgen: “Berivan ist eine starke Frau, spricht Englisch und hatte Zugang zu universitärer Bildung.”

 

Die Themen Immigration, Heimat und Identitätsfindung sind ein ständiger Begleiter in Hofers Filmen. So ist “My Honeymoon” auch ein wichtiger Beitrag in der aktuellen Asyldebatte. In einem Interview von Arte meint Hofer, dass die Menschen trotz unterschiedlicher Kulturen, Hintergründe und Wurzeln alle irgendwie gleich seien. “Das ist der Kern meiner Filme, diese Türen zu öffnen. Wir essen, wir mögen es zu lachen, wir mögen es, zu lieben.”

 

Mehr zum Thema


Bereits zum 13. Mal findet in Bern und der ganzen Welt das Kurzfilmfestival shnit statt. Ursprünglich ein Kurzfilmabend in der Reitschule, ist das shnit heute ein bedeutendes internationales Kurzfilmfestival, welches unter anderem auch in Kyoto und Buenos Aires stattfindet. Vom 7. bis 11. Oktober werden in Bern an 13 Spielstätten Kurzfilme gezeigt. Sowohl jede erdenkliche Kulisse – Kirche, Bahnhof bis Cincebad- wie auch jeder mögliche Filmvorliebe– Zeichentrick, Doku bis Komödie – wird dabei bedient.

Kann man den Summer Beach doch mögen?

Alle Jahre im Mai öffnet das Marzili seine Tore, bringen die Beizen ihre Tische nach draussen, stellen die Gelaterias ihre neuen Kreationen für den Sommer vor. Seit ein paar Jahren schon gesellt sich eine neue Attraktion dazu: der eingezäunte Sandkasten auf der Grossen Schanze, der “Summer Beach”.

 

Und immer am Anfang des Sommers nerve ich mich wieder aufs Neue. Pünktlich wenn ich, die Füsse im kühlen Lebensbrunnen (ja, er heisst wirklich so!), die wärmeren Temperaturen nun endlich so richtig geniessen könnte, kommen sie angefahren. Mit ihren Gittern. Dem Quarzsand. Den Rattan Lounches. Den tosenden Generatoren. Vergangenen Samstag nahm die Dauerveranstaltung ein Ende, wurde der öffentliche Platz wieder der Öffentlichkeit übergeben. Bevor sich der Quarzsand verabschiedete, musste ich mich jedoch einem Selbstversuch unterziehen.

 

Erste Runde

Nun gut, der Sandkasten ist da, und ein paar aufgebrachte Bernerinnen und Berner werden dieses Unding nicht vertreiben können. Meine späte Beichte: Vor diesem Selbstversuch war ich noch nie drin. Ich komme mir ein wenig vor wie all die Reitschul-Gegner, die einmal mit dem Zug die Reitschule passieren, die Graffitis sehen und dann zu Hause Erich Hess applaudieren.

 

Deshalb habe ich einen Selbstversuch unternommen, den Summer Beach doch zu mögen. Oder ihn mir wenigstens schön zu trinken. Denn mit den Übeln des Lebens lebt es sich leichter, wenn man sie zumindest akzeptieren kann.

 

Die erste Runde (eher teures) Bier ist bestellt. Die weissen Kunstledermatratzen erinnern mich an etwas zwischen Arztliegen und meiner Vorstellung von Matratzen in einem Stundenhotel. So entscheide ich mich nach einem kurzen Probeliegen doch für den kleinen Liegestuhl.

 

Die Inhaber geben an, mit dem Summer Beach die Grosse Schanze zu beleben. Was wollen sie denn beleben? Bis Ende April war die ganze Schanze belebt, und ab Ende August wird sie es auch wieder sein: Familien am Spielen, Arbeitnehmer am Mittagessen, Punks am Tanzen. Ein strahlendes Kunterbunt aus allen Ecken Berns.

 

Zweite Runde

Warum ich mit dem Summer Beach nicht so wirklich warm werde? Den ganzen Sommer über blockiert er den Platz um den Brunnen, obwohl er dann doch nur ab vier Uhr und nur bei schönem Wetter geöffnet ist. Er verdrängt das strahlende Kunterbunt. Und ausserdem ist er, ganz klar, einfach hässlich, zumindest von aussen gesehen.

 

Herrje, es könnte so schön sein, so gemütlich. Aber nein, jedes Fleckchen der Stadt Bern wird in der Sommerzeit bis zum letzten Millimeter von kommerziellen Veranstaltern genutzt.

 

Nun – mittlerweile nippe ich am zweiten Bier – wechsle ich auf ein “fatboy” Sitzkissen. Dies fühlt sich leider weniger gemütlich an, als es aussieht. Dafür habe ich einen optimalen Ausblick auf den schönen Abendhimmel beim Eindunkeln. Den kann ich allerdings auch sonst wo haben. Überhaupt frage ich mich, warum gerade dieser Platz für den Summer Beach herhalten muss. Einmal drin, hat man sowieso nur noch Aussicht auf die Bastzäune.

 

Dritte Runde

Die ewige Kommerzialisierung macht weder vor der Stadt, noch vor der Grossen Schanze halt. Der Summer Beach ist zwar von innen durchaus gemütlicher, als man von aussen erahnen könnte. Als sommerüberdauernde Attraktion auf einem so prominenten Platz würde ich mir allerdings ein etwas anderes, offeneres, weniger auf Kommerz ausgerichtetes Angebot wünschen.

 

Beim dritten Bier angelangt, werde ich aufgefordert, den Sandkasten wegen aufziehenden Regens zu verlassen. Wirklich traurig bin ich nicht über das frühzeitige Ende meines Selbstversuchs. Auch bei den anderen Besuchern kommt nicht so richtig Stimmung auf. Ich beobachte fünf Leute zusammen auf einem Bett – pardon, Baldachin – alle sind aber nur mit ihren Smartphones beschäftigt. Ob vielleicht die weissen Kunstledermatrazen die Stimmung bremsen?

 

Fazit

Gut finde ich, dass ich mal im Sandkasten drin war. Besser finde ich, dass ich wieder draussen bin. Auf dem Rasen der Grossen Schanze fühle ich mich wesentlich wohler. Doch da selbst dort während einem Monat die Leinwand des Salzkinos dafür sorgt, dass beinahe kein Platz mehr fürs Verweilen auf der grossen Wiese bleibt, wird dieser Genuss auch nur kurz währen. Aber man soll ja sowieso den Moment geniessen. Eben nur nicht dann, wenn einem grosse Veranstalter diesen streitig machen.

“Der Vorplatz ist der beste Kompromiss”

“Vorplatz”: Das Wort nimmt Bezug auf etwas, das nach ihm steht. Sie sind zwar oft rege frequentiert, aber nur selten belebt. Aus diesem Grund verdient der Reitschulvorplatz eigentlich einen anderen Namen.

 

Die Berner Reitschule lebt von der Vielfältigkeit ihrer Glieder. Tojo, Dachstock, Sous le pont oder Rössli sind nicht wegzudenken, ebensowenig der Vorplatz. Er hat sein eigenes Publikum und ist in diesem Sinne auch kein Anhängsel sondern ein gleichwertiger Teil der Reitschule.

 

Freiluftdisco ohne Ohrenschmerzen

In der Nacht verwandelt er sich regelmässig zur der meistbesuchten Freiluftdisco in Bern. Eine Musikanlage beschallt den Betonplatz dann mit 90dB unverwechselbarem Revoluzzer-Punkrock. Der Schalldruck verflüchtigt sich aufgrund der fehlenden Überdachung rasch in der Nacht, sodass die Atmosphäre zwar durch die Musik geprägt, anders als in einer Disco aber nicht von ihr dominiert ist.

 

Man muss sich deshalb keineswegs die Ohren mit daumengrossen Schaumstoffdübeln verschliessen, um einen Gehörschaden vorzubeugen, im Gegenteil: Gerede und Musik bilden eine unverwechselbare Geräuschkulisse, die sowohl fürs Tanzen, als auch für Gespräche einen angenehmen Hintergrund bietet.

 

Kein bestimmtes Prädikat

Folglich gibt es Tanzende, die reden, und Redende, die tanzen – inklusive sämtlicher Zwischenstufen. Der Vorplatz ist ein Kompromiss, aber gleichwohl das Beste, was aus dem kargen Betonplatz zu machen ist. Ihm ein bestimmtes Prädikat anheften zu wollen, wäre falsch.

 

Die Popularität des Vorplatzes rührt gerade daher, dass er eben nicht komplett in ein Schema einzuordnen ist. Weder macht ihn die Piratenbar kommerziell – man kann ja sein Bier auch selber mitbringen – noch räumt ihm der Pingpong-Tisch den Status als Sportplatz ein. Der Vorplatz ist ein alternativloses Unikat.

 

Dieser Artikel erschien zuerst auf www.journal-b.ch. Journal B ist ein unabhängiges Online-Medium für die Stadt Bern, das mehrmals wöchentlich Artikel in den Bereichen Politik, Alltag und Kultur publiziert.

Zwischen Solidarität und Selbstsucht

“Das Verhältnis zum Geld blieb in der Reithalle-Gegenkultur widersprüchlich und uneinheitlich. Wurden die Waren und Dienstleistungen zuerst überhaupt gratis oder zum Selbstkostenpreis angeboten, behalf man sich danach beim Eintritt zu Veranstaltungen jahrelang schamhaft mit Kollekten”, heisst es im Buch “Reithalle Bern – Autonomie und Kultur im Zentrum”, das zum 10-jährigen Jubiläum 1998 des Kulturzentrums erschienenen ist.

 

Verkommerzialisiert(e) die Reitschule?

Besucht man heute, über 25 Jahre nach der erneuten Besetzung des Gebäudekomplexes die  Reitschule, ist von Selbstkostenpreis, Kollekte und Schamgefühl nicht mehr viel zu erkennen. Mit Ausnahme des Kinos und der ab und zu stattfindenden Soli- oder Gratis-Konzerte hat heute praktisch alles seinen fast marktüblichen Preis. Die Flasche Maisgold à  33cl kostet 5 Franken, der Dachstock-Eintritt je nach Auftritt um die 25 Franken, gelegentlich auch mal mehr.

 

Die antikommerzialistische Preispolitik der Reitschule liegt schon ein Weilchen zurück. So endet bereits der eingangs zitierte Abschnitt mit dem Satz: “Die meisten AG (Arbeitsgruppen, Anm. d. Red.) verkaufen ihre Dienstleistungen allerdings heute zu festgesetzten Preisen.”

Zugegeben, vergleicht man die Preise mit den Umliegenden Kulturlokalen, dürfen sich die Besucherinnen und Besucher der Reitschule nicht beklagen. Und doch drängt sich bei einer Auseinandersetzung mit der ökonomischen Geschichte der Reitschule die Frage auf: Verkommerzialisiert(e) die Reitschule?

 

Von der Soli-Kollekte zum Eintrittspreis

Zur Beantwortung dieser Frage sind zwei Entwicklungen in der Geschichte der Reitschule von zentraler Bedeutung. Einerseits fand eine Art “Normalisierungsprozess” statt. Die nach und nach und unter heftigen Diskussionen eingeführten Löhne wurden legalisiert, Gastgewerbebewilligung und Billetsteuer eingeführt und aus Gebrauchsleihverträgen mit der Satdt wurde der heutige Leistungsvertrag. Diese Veränderungen brachten finanzielle Auswirkungen mit sich: Abgaben an den Staat wie Steuern und AHV-Beiträge sowie die Vermehrung bezahlter Arbeit erhöhten die anfallenden Fixkosten für das Kulturzentrum.

 

Die zweite, für die Preispolitik der Reitschule wegweisende Entwicklung war der zunehmende Mangel an Solidarität. Konnte sich die Reitschule zunächst auf Kollektenbasis “freiwillig” finanzieren, wurden gegen Ende der 80er-Jahre aufgrund mangelnder Bereitschaft Kollekte zu bezahlen, schliesslich Eintrittspreise eingeführt, welche sich im Laufe der Zeit und ebenjener Normalisierung erhöhten.

 

Nebst den enstandenen Abgaben und weiteren Fixkosten wie zunehmende Band-Gagen, Instandhaltung der Infrastruktur, war und ist vor allem die interne Umverteilung wichtiger Verwendungszweck der Reitschul-Finanzen. Während die Gastrobetriebe Sous Le Pont und Rössli Geld an den Reitschule-Fonds abgeben können und das Konzertlokal Dachstock etwa selbsttragend ist, sind Arbeitsgruppen wie die Zeitung “Megafon” und der Infoladen auf Unterstützung angewiesen.

 

Von der Freiwilligkeit zum “Kommerz-Zwang”

Mit vermehrten Ausgaben und mangelnder Solidarität kam eine Art “Zwang zum Kommerz”, der sich mit der steigenden Popularität der Reitschule noch verschärfte. Zu sehr auf Konsum, zu sehr nach dem Schema “ich zahle, also bekomm’ ich” ausgerichtet, dürfte die Mentalität der unzähligen Reitschul-Besucherinnen und -Besucher sein, als dass ein klar antikommerzielles, auf Freiwilligkeit basierendes System noch funktionieren könnte. Oder in den Worten des langjährigen Reitschülers Tom Locher: “Ich, ich, ich und der Rest ist scheissegal. Ausgrenzung, keine Solidarität. Ein egozentrisches Gewinnerzielungsinteresse. Halt nicht unbedingt im finanziellen Sinne, sondern geistig, das eigene Selbstverständnis betreffend. Das ist wohl das grösste Problem in der Reitschule und für ihre Zukunft.»

Category Archives: Reitschule

Die nicht zurückhaltende Spezies Frau

Jua* drängt sich im Backstagebereich des Frauenraums auf ein Sofa. Die vier Frauen sind nicht nur eine Band, sondern auch gute Freundinnen, das spürt man. Bassistin Anuschka schätzt den persönlichen Austausch, die Freundschaft untereinander: “Die erste halbe Stunde im Bandraum verbringen wir mit persönlichen Gesprächen, wie es uns geht, in unseren Beziehungen, im Beruf…” Konflikte sprechen sie immer an, das sei wichtig. Mit einem Lächeln zu Songwriterin Chrige meint Anja: “Vielleicht wartet man manchmal einen Moment zu lange, aber ansprechen tun wir’s immer.”

Diese Harmonie zieht sich bis auf die Bühne. Jua* singt oft mehrstimmig. Mit Cajón, Bassgitarre, akustischer Gitarre und starken Stimmen entsteht ein feinfühliger Mix aus Country, Folk und Blues. Dies passt wunderbar in den Frauenraum, der immer wieder als der gemütlichste aller Räume der Reitschule bezeichnet wird.

Der Frauenraum will aber nicht nur gemütlich sein. Die Frauen-Jamsession “play yourself”, initiiert von der Cajón-Spielerin Anja, soll Frauen in ihrem musikalischen Schaffen bestärken. Leider hielten sich talentierte Frauen oft zurück im Musikbusiness, wagen sich kaum auf die Bühne. Oder wie es Chrige ehrlich ausdrückt: “Wenn ein toller Musiker mit Gitarre (macht Luftgitarren-Bewegungen) kommt und eine riesen Show macht, trauen sich danach viele nicht mehr auf die Bühne”. Im geschützten Rahmen fänden Frauen eher den Mut, ihr Können zu zeigen. Zweifel und Zurückhaltung, so Anja, seien wohl Gründe für die wenigen Frauen in der Bandszene. Warum es Jua* trotzdem gibt? “Wir sind eben nicht so! Wir nicht! Wir sind eben die Spezies, die nicht zurückhaltend ist, die gibt’s auch!“, sind sich unter Gelächter alle einig.

Im Frauenraum sind die vier auch privat regelmässig zu Gast. “Wenn ich in den Ausgang gehe, dann komme ich fast nur hierher.”, so Anuschka. Auch Anja hat eine jahrelange Verbindung zum Frauenraum. Neben den Jamsessions hat sie auch sonst im Kollektiv mitgewirkt. Mit 20 war sie zum ersten Mal hier, da habe sich eine Welt aufgetan für sie: “Ich kam aus dem Wallis, einer anderen Welt. Dort kannte man keine linke Szene.”

Zurück auf die Bühne: Jua* verzichtet auf viel Bewegung. Lieber konzentrieren sie sich auf ihr Zusammenspiel. Die vier Frauen bilden eine Einheit, schauen einander an, schliessen die Augen. Sie scheinen ihre Musik zu geniessen.

“Wenn ich die Leute aber dann so stehen sehe, (verschränkt die Arme) dann habe ich das Gefühl: „oh shit“ irgendwas ist wohl nicht in Ordnung”, so Chrige. Sie lasse sich leicht verunsichern, auch heute noch, nach einigen Jahren Bühnenerfahrung.

“Heute war gut” sagt Chrige und meint damit aber ihr schlimmes Lampenfieber. Auch Sängerin Nadja wird davon geplagt, lacht aber und sagt augenzwinkernd: “Wir haben Tabletten…Baldrian etwa” Dass die beiden manchmal auch während den Konzerten noch aufgeregt sind, konnten sie vor dem Publikum aber gut verstecken. Ob bei folkigen Tanzstücken oder feinen Balladen, die Musikerinnen wirkten souverän und selbstbewusst.

Das Publikum, egal welchen Geschlechts, lauschte mit Freude den melodischen Klängen, wippte oder tanzte mit den Beats des Cajón, und bedankte sich mit einem langen Applaus, wofür Jua* gleich noch eine Zugabe schenkte.

“Ich bin die Summe aller Teile”

Tink.ch: Wer bist du, Pablo?

Pablo Nouvelle: Oh, das kann ich dir nicht in zwei Sätzen erklären.

Tue es in drei.

(lacht, überlegt.)

Ich bin die Summe aller Teile.

Wie äussert sich das?

Beispielsweise bin ich zwar mit Hip-Hop aufgewachsen und habe in meiner Musik auch deutlich Soul-Komponenten enthalten, doch mach ich keinen Hip-Hop. Das, was das Publikum heute gehört hat, war kein Hip-Hop, oder?

Nein. Was ich heute gehört habe war das Wort: real. Zwei Jungs sind während des Konzerts stehen geblieben und einer meinte verblüfft: “Der ist einfach REAL!” Was sagst du dazu?

Real? Nein, wenn schon bin ich “ächt”. Real ist zu gangsterhaft. (Als er das ausspricht, hält er sich die geballte Hand vor den Mund, als wollte er beatboxen.)

Warum hat es ausgerechnet die Summe deiner Teile soweit geschafft?

Meine Vision der Arbeit entspricht eben dem Zeitgeist. Das hat viel mit Glück, Timing und einer Menge Arbeit zu tun. Ich würde jetzt aber nicht sagen, dass ich ein Star bin.

Wie erlebst du die Auftritte in England im Gegensatz zu denen in der Schweiz?

In der Schweiz bist du als Künstler auf weichen Kissen gebettet. Dagegen ist England ganz anders.

Inwiefern?

England ist roh. Da kriegst du als Künstler nie die Gage der Schweiz, von einer Hotelübernachtung ganz zu schweigen. Sich in England als Künstler durchzuschlagen, ist nicht leicht.

Zwischen den Liedern hast du gesagt: “Reithalle, schön gibt es euch! Ich glaube, dass ihr nie abgeschafft werdet. Mit keiner SVP-Kampagne.” Siehst du dich als Künstler verpflichtet, auch politische Statements unter die Leute zu bringen?

Meine Musik war lange Zeit unpolitisch. Doch meine Filme sind die Kehrseite meiner Musik. (Pablo hat an der Universität Luzern Animation studiert. Sein Abschlussfilm “Bon voyage” (2012) spricht die Flüchtlingsthematik an und gewann nationale sowie internationale Preise.) Darin spreche ich soziale Themen an, die nicht unbedingt politisch sein müssen. Auch gehöre ich keiner Partei an. Was mich beschäftigt, spreche ich aber an.

Findest du, dass die Politik einen Platz in der Kunst hat?

Sie soll einen Platz haben dürfen, aber es soll kein Muss für Künstler sein, über Politik zu sprechen.

In meinem privaten Umfeld spüre ich durchaus das politische Engagement, doch in der Kunst noch nicht so.

Du hast Animation, also Film, studiert und machst gleichzeitig Musik. Was kann das eine, was das andere nicht kann?

Ich sag es mal so: Musik gleich Herz, Film gleich Kopf.

Diese Frage wird von Künstlern im Allgemeinen sehr ungern beantwortet. Aber: Was machst du eigentlich für Musik?

(lacht) Warmen und emotionalen Soul. Drops, aber kein EDM (Electronic Dance Music). EDM wäre eine Beleidigung. Auf jeden Fall Elektro, aber auch mit Folk und Rockeinflüssen. Die Summe aller Teile eben.

Weitere Informationen

www.pablonouvelle.com

Das nächste Konzert findet diesen Freitag, den 30. Oktober, im Werkk Kulturlokal in Baden statt.

“Ich bin die Summe aller Teile”

Tink.ch: Wer bist du, Pablo?

Pablo Nouvelle: Oh, das kann ich dir nicht in zwei Sätzen erklären.

 

Tue es in drei.

(lacht, überlegt.)

Ich bin die Summe aller Teile.

 

Wie äussert sich das?

Beispielsweise bin ich zwar mit Hip-Hop aufgewachsen und habe in meiner Musik auch deutlich Soul-Komponenten enthalten, doch mach ich keinen Hip-Hop. Das, was das Publikum heute gehört hat, war kein Hip-Hop, oder?

 

Nein. Was ich heute gehört habe war das Wort: real. Zwei Jungs sind während des Konzerts stehen geblieben und einer meinte verblüfft: “Der ist einfach REAL!” Was sagst du dazu?

Real? Nein, wenn schon bin ich “ächt”. Real ist zu gangsterhaft. (Als er das ausspricht, hält er sich die geballte Hand vor den Mund, als wollte er beatboxen.)

 

Warum hat es ausgerechnet die Summe deiner Teile soweit geschafft?

Meine Vision der Arbeit entspricht eben dem Zeitgeist. Das hat viel mit Glück, Timing und einer Menge Arbeit zu tun. Ich würde jetzt aber nicht sagen, dass ich ein Star bin.

 

Wie erlebst du die Auftritte in England im Gegensatz zu denen in der Schweiz?

In der Schweiz bist du als Künstler auf weichen Kissen gebettet. Dagegen ist England ganz anders.

 

Inwiefern?

England ist roh. Da kriegst du als Künstler nie die Gage der Schweiz, von einer Hotelübernachtung ganz zu schweigen. Sich in England als Künstler durchzuschlagen, ist nicht leicht.

 

Zwischen den Liedern hast du gesagt: “Reithalle, schön gibt es euch! Ich glaube, dass ihr nie abgeschafft werdet. Mit keiner SVP-Kampagne.” Siehst du dich als Künstler verpflichtet, auch politische Statements unter die Leute zu bringen?

Meine Musik war lange Zeit unpolitisch. Doch meine Filme sind die Kehrseite meiner Musik. (Pablo hat an der Universität Luzern Animation studiert. Sein Abschlussfilm “Bon voyage” (2012) spricht die Flüchtlingsthematik an und gewann nationale sowie internationale Preise.) Darin spreche ich soziale Themen an, die nicht unbedingt politisch sein müssen. Auch gehöre ich keiner Partei an. Was mich beschäftigt, spreche ich aber an.

 

Findest du, dass die Politik einen Platz in der Kunst hat?

Sie soll einen Platz haben dürfen, aber es soll kein Muss für Künstler sein, über Politik zu sprechen.

In meinem privaten Umfeld spüre ich durchaus das politische Engagement, doch in der Kunst noch nicht so.

 

Du hast Animation, also Film, studiert und machst gleichzeitig Musik. Was kann das eine, was das andere nicht kann?

Ich sag es mal so: Musik gleich Herz, Film gleich Kopf.

 

Diese Frage wird von Künstlern im Allgemeinen sehr ungern beantwortet. Aber: Was machst du eigentlich für Musik?

(lacht) Warmen und emotionalen Soul. Drops, aber kein EDM (Electronic Dance Music). EDM wäre eine Beleidigung. Auf jeden Fall Elektro, aber auch mit Folk und Rockeinflüssen. Die Summe aller Teile eben.

 

 

Weitere Informationen


 

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Das nächste Konzert findet diesen Freitag, den 30. Oktober, im Werkk Kulturlokal in Baden statt.

“Chillen mit Marx”

Um sieben Uhr abends ist noch nicht viel los auf dem Vorplatz der Reitschule. Das wird sich bald ändern. Der Freitagabend ist noch jung und das Reitschulfest lockt. Zu den treuen Reitschulgängern werden heute viele weitere Besuchende erwartet.

Seit 25 Jahren wird die Reitschule immer wieder in Frage gestellt. Die neuste Unterschriftensammlung hat gerade erst begonnen. Falls die kantonale Volksinitiative zu Stande kommt, wird es die sechste Prüfung an der Urne seit 1990. Noch älter als die Geschichte der Urnenabstimmungen ist gemäss den Veranstaltern das Reitschulefest. Zum 28. Mal lockt das Fest am Wochenende mit Musik, Theater und Kino.

Arbeitsgruppen

Als Auftakt des Reitschulefests führen zwei Reitschüler neugierige Besuchende durch die in den frühen Abendstunden noch leeren Räume des Kulturzentrums. Mit einem Bier in der Hand erklärt der eine – mit Namen wollen beide nicht genannt werden – die für Aussenstehende manchmal komplizierten Strukturen der Reitschule. Ein Reitschüler, eine Reitschülerin zu sein, bedeutet in der Szene, in einer der vielen AGs mitzuwirken. In der antikapitalistischen Reitschulwelt steht diese Abkürzung für Arbeitsgruppe. Diese organisieren den Betrieb ihres jeweiligen Raumes.

In der kleinen und engen Druckerei etwa werden Flyer, das Hausmagazin megafon, aber auch externe Aufträge auf Papier gebracht. Vis à vis befindet sich das Kino, wo Stallboden und Heuraufe an die Ursprünge der Reitschule erinnern und für ein besonderes Flair sorgen. Heute werden hier die beiden Reitschul-Streifen von Andreas Berger gezeigt.

Im normalen Betrieb wird im Kino lediglich um eine Kollekte gebeten. Manchmal seien die Beträge ziemlich frustrierend, sagt ein Kino-Mitglied. Weshalb der geliebte, aber teure 35mm-Film leider oft den DVDs weichen müsse.

Heterogene Reitschule

Die AGs sind, abgesehen von den Verpflichtungen durch Statuten und Manifest, autonom. Das heisst, sie können beispielsweise selbst bestimmen, ob und wie sie ihre Mitgliederentlöhnen. Mehrere Reitschüler bestätigen, dass dies innerhalb der Reitschule immer wieder zu Spannungen führe. Auch in der Reitschule finde man eben ein weites, diverses Meinungsbild, so ein Mitglied des Tojo-Theater.

Im zweiten Stock, über dem Kino, befindet sich der Frauenraum. An der Wand sind in grossen Lettern die Schlagworte des Manifests aufgemalt. Kein Sexismus. Keine Homophobie. Der wohl gemütlichste aller Reitschulräume ist aber trotz seiner Bezeichnung meist für alle Geschlechter offen. Einzig die ehrenamtlich arbeitenden “Kollektivas” sind alles Frauen, und die auftretenden Musikbands müssen mindestens zur Hälfte weibliche Mitglieder haben.

Konsenszwang

Im Raum daneben, im Körperdojo, werden verschiedene Kurse angeboten. So unterschiedlich die Sichtweisen in der Reitschule sind, so ist hier auch das Bewegungsangebot: Es reicht von Yoga über Poledance bis “Grr”, dem Kampfsporttraining. Ausserhalb des Dojos versucht man laut Manifest aber, Konflikte gewaltfrei zu lösen.

Konsens statt Konflikte gilt auch an den Versammlungen der Reitschüler. Alle Entscheide werden basisdemokratisch entschieden. Ein einziger Skeptiker kann also einen Beschluss verhindern. Dies sei anstrengend, sagt eine Mitarbeiterin des Dachstocks. Es habe sich wohl schon jeder einmal aufgeregt über stundenlange Sitzungen ohne handfestes Resultat. Die Basisdemokratie zwinge die Reitschüler aber, einander zuzuhören und vielfältige Sichtweisen anzuerkennen.

Rotes Theater

Das Tojo Theater ist eine der wenigen Gruppen, die sich Löhne ausbezahlen. Am Reitschulefest läuft hier “Chillen mit Marx”. An die Wände wird in rotem Licht ein Foto von Marx projeziert. Dazu passend gibt’s rote Getränke an der Bar und die AG-Mitglieder lesen hinter langen Bärten Zitate aus Marx’ Werken. Eine eigene Theatergruppe hat das Tojo Theater allerdings nicht mehr. Theatergruppen, auch internationale, können das Tojo mieten, als Gage dienen die Einnahmen aus den Billet- und Barverkäufen. Ohne Subventionen der Stadt würde das Theater allerdings nicht überleben.

Im Gegensatz zum Tojo hat der Dachstock durch regelmässig grössere Anlässe höhere Einnahmen. Diese indes kommen durch die interne Quersubventionierung allen AGs und somit der gesamten Reitschule zu Gute. Genau hier lauern Fragen, die schon zu so manchen kontroversen Diskussionen in der Reitschule geführt haben: Wie viel ökonomisches Handeln erträgt die Reitschule? Vertragen sich die Preise mit der Reitschulkultur? Oder werden finanziell Schwächere mit hohen Eintrittspreisen ausgeschlossen – wo die Reitschule offen für alle sein will.

Unter dem Dachstock liegen das Restaurant Sous le Pont und die Rössli-Bar. Die Endstation unserer Tour bot in den Anfängen der Reitschule häufig Zuflucht für die Drogenszene auf dem Vorplatz. Als Gegenmassnahme liessen die Behörden den Raum des heutigen Rössli mit Beton, Sand und Kies füllen. Die Vorplatzbewohner verschwanden, das Drogenproblem blieb und bleibt bis heute. Diesen Frühling lancierte die Interessengemeinschaft Kulturraum Reitschule (Ikur) deshalb die Kampagne “No Deal Area”. Ist sie erfolgreich, so wäre ein erster Schritt für die nächste Urnenprüfung getan.

“Ich fühle mich so gut wie überall wohl”

Es ist ein kalter, nebliger Morgen. Wir folgen Berivan ins Gebäude. Ihr schwarzes Haar wippt leicht hin und her. Zügig läuft sie durch die Gänge, vorbei an Wäscheleinen, spielenden Kindern, leise diskutierenden Erwachsenen. Dabei erzählt uns die Syrierin ihre Geschichte. Wie es dazu kam, dass sie und ihr Ehemann in dieser alten, überfüllten bulgarischen Schule ihre Flitterwochen verbringen.

 

Diese Szene filmte die Dokumentarfilmerin Eileen Hofer schon im Frühjahr 2013. Sie lernte Berivan in einem Flüchtlingsheim kennen, als sie aus eigener Initiative nach Bulgarien reiste, um den Flüchtlingen lebensnotwendige Spenden zu bringen. In nur einer Stunde entstand so ihr Kurzfilm “My Honeymoon” – meine Flitterwochen.

 

Wie in vielen ihrer Filme gibt die Protagonistin viel von sich preis. Auch wenn das Gesicht von Berivan nur am Schluss ganz kurz gezeigt wird, taucht man für knappe vier Minuten in ihr Leben, ihre Ängste und Hoffnungen ein.

Eileen Hofer hatte die Syrierin nur eine Stunde zuvor getroffen, und trotzdem entstand ein sehr persönliches Porträt. Dass dies möglich war, erklärt Hofer mit ihren eigenen Wurzeln im Mittleren Osten: “Das verbindet, auch wenn ich nicht Arabisch spreche.”

 

Gefilmt hat die Genferin schon an vielen unterschiedlichen Orten: Neben Bulgarien etwa auch in Afghanistan, Aserbaidschan und auf Kuba. Dank ihrem familiären Hintergrund, aber auch durch zahlreiche, teils längere Reisen hat Hofer die Welt und ihre verschiedenen Kulturen und Bürger kennengelernt. Dies erleichtere ihre Arbeit. Sie fühle sich fast überall schnell wohl, und auch ihre Protagonisten fassten rasch Vertrauen zu ihr. In Aserbaidschan wurde sie gar noch während den Dreharbeiten zu einer Hochzeit eingeladen.

 

Berivans Traum, nach Deutschland zu können, ist inzwischen wahr geworden. Wie es ihr heute geht, weiss Hofer allerdings nicht. Sie macht sich aber keine Sorgen: “Berivan ist eine starke Frau, spricht Englisch und hatte Zugang zu universitärer Bildung.”

 

Die Themen Immigration, Heimat und Identitätsfindung sind ein ständiger Begleiter in Hofers Filmen. So ist “My Honeymoon” auch ein wichtiger Beitrag in der aktuellen Asyldebatte. In einem Interview von Arte meint Hofer, dass die Menschen trotz unterschiedlicher Kulturen, Hintergründe und Wurzeln alle irgendwie gleich seien. “Das ist der Kern meiner Filme, diese Türen zu öffnen. Wir essen, wir mögen es zu lachen, wir mögen es, zu lieben.”

 

Mehr zum Thema


Bereits zum 13. Mal findet in Bern und der ganzen Welt das Kurzfilmfestival shnit statt. Ursprünglich ein Kurzfilmabend in der Reitschule, ist das shnit heute ein bedeutendes internationales Kurzfilmfestival, welches unter anderem auch in Kyoto und Buenos Aires stattfindet. Vom 7. bis 11. Oktober werden in Bern an 13 Spielstätten Kurzfilme gezeigt. Sowohl jede erdenkliche Kulisse – Kirche, Bahnhof bis Cincebad- wie auch jeder mögliche Filmvorliebe– Zeichentrick, Doku bis Komödie – wird dabei bedient.

Kann man den Summer Beach doch mögen?

Alle Jahre im Mai öffnet das Marzili seine Tore, bringen die Beizen ihre Tische nach draussen, stellen die Gelaterias ihre neuen Kreationen für den Sommer vor. Seit ein paar Jahren schon gesellt sich eine neue Attraktion dazu: der eingezäunte Sandkasten auf der Grossen Schanze, der “Summer Beach”.

 

Und immer am Anfang des Sommers nerve ich mich wieder aufs Neue. Pünktlich wenn ich, die Füsse im kühlen Lebensbrunnen (ja, er heisst wirklich so!), die wärmeren Temperaturen nun endlich so richtig geniessen könnte, kommen sie angefahren. Mit ihren Gittern. Dem Quarzsand. Den Rattan Lounches. Den tosenden Generatoren. Vergangenen Samstag nahm die Dauerveranstaltung ein Ende, wurde der öffentliche Platz wieder der Öffentlichkeit übergeben. Bevor sich der Quarzsand verabschiedete, musste ich mich jedoch einem Selbstversuch unterziehen.

 

Erste Runde

Nun gut, der Sandkasten ist da, und ein paar aufgebrachte Bernerinnen und Berner werden dieses Unding nicht vertreiben können. Meine späte Beichte: Vor diesem Selbstversuch war ich noch nie drin. Ich komme mir ein wenig vor wie all die Reitschul-Gegner, die einmal mit dem Zug die Reitschule passieren, die Graffitis sehen und dann zu Hause Erich Hess applaudieren.

 

Deshalb habe ich einen Selbstversuch unternommen, den Summer Beach doch zu mögen. Oder ihn mir wenigstens schön zu trinken. Denn mit den Übeln des Lebens lebt es sich leichter, wenn man sie zumindest akzeptieren kann.

 

Die erste Runde (eher teures) Bier ist bestellt. Die weissen Kunstledermatratzen erinnern mich an etwas zwischen Arztliegen und meiner Vorstellung von Matratzen in einem Stundenhotel. So entscheide ich mich nach einem kurzen Probeliegen doch für den kleinen Liegestuhl.

 

Die Inhaber geben an, mit dem Summer Beach die Grosse Schanze zu beleben. Was wollen sie denn beleben? Bis Ende April war die ganze Schanze belebt, und ab Ende August wird sie es auch wieder sein: Familien am Spielen, Arbeitnehmer am Mittagessen, Punks am Tanzen. Ein strahlendes Kunterbunt aus allen Ecken Berns.

 

Zweite Runde

Warum ich mit dem Summer Beach nicht so wirklich warm werde? Den ganzen Sommer über blockiert er den Platz um den Brunnen, obwohl er dann doch nur ab vier Uhr und nur bei schönem Wetter geöffnet ist. Er verdrängt das strahlende Kunterbunt. Und ausserdem ist er, ganz klar, einfach hässlich, zumindest von aussen gesehen.

 

Herrje, es könnte so schön sein, so gemütlich. Aber nein, jedes Fleckchen der Stadt Bern wird in der Sommerzeit bis zum letzten Millimeter von kommerziellen Veranstaltern genutzt.

 

Nun – mittlerweile nippe ich am zweiten Bier – wechsle ich auf ein “fatboy” Sitzkissen. Dies fühlt sich leider weniger gemütlich an, als es aussieht. Dafür habe ich einen optimalen Ausblick auf den schönen Abendhimmel beim Eindunkeln. Den kann ich allerdings auch sonst wo haben. Überhaupt frage ich mich, warum gerade dieser Platz für den Summer Beach herhalten muss. Einmal drin, hat man sowieso nur noch Aussicht auf die Bastzäune.

 

Dritte Runde

Die ewige Kommerzialisierung macht weder vor der Stadt, noch vor der Grossen Schanze halt. Der Summer Beach ist zwar von innen durchaus gemütlicher, als man von aussen erahnen könnte. Als sommerüberdauernde Attraktion auf einem so prominenten Platz würde ich mir allerdings ein etwas anderes, offeneres, weniger auf Kommerz ausgerichtetes Angebot wünschen.

 

Beim dritten Bier angelangt, werde ich aufgefordert, den Sandkasten wegen aufziehenden Regens zu verlassen. Wirklich traurig bin ich nicht über das frühzeitige Ende meines Selbstversuchs. Auch bei den anderen Besuchern kommt nicht so richtig Stimmung auf. Ich beobachte fünf Leute zusammen auf einem Bett – pardon, Baldachin – alle sind aber nur mit ihren Smartphones beschäftigt. Ob vielleicht die weissen Kunstledermatrazen die Stimmung bremsen?

 

Fazit

Gut finde ich, dass ich mal im Sandkasten drin war. Besser finde ich, dass ich wieder draussen bin. Auf dem Rasen der Grossen Schanze fühle ich mich wesentlich wohler. Doch da selbst dort während einem Monat die Leinwand des Salzkinos dafür sorgt, dass beinahe kein Platz mehr fürs Verweilen auf der grossen Wiese bleibt, wird dieser Genuss auch nur kurz währen. Aber man soll ja sowieso den Moment geniessen. Eben nur nicht dann, wenn einem grosse Veranstalter diesen streitig machen.

“Der Vorplatz ist der beste Kompromiss”

“Vorplatz”: Das Wort nimmt Bezug auf etwas, das nach ihm steht. Sie sind zwar oft rege frequentiert, aber nur selten belebt. Aus diesem Grund verdient der Reitschulvorplatz eigentlich einen anderen Namen.

 

Die Berner Reitschule lebt von der Vielfältigkeit ihrer Glieder. Tojo, Dachstock, Sous le pont oder Rössli sind nicht wegzudenken, ebensowenig der Vorplatz. Er hat sein eigenes Publikum und ist in diesem Sinne auch kein Anhängsel sondern ein gleichwertiger Teil der Reitschule.

 

Freiluftdisco ohne Ohrenschmerzen

In der Nacht verwandelt er sich regelmässig zur der meistbesuchten Freiluftdisco in Bern. Eine Musikanlage beschallt den Betonplatz dann mit 90dB unverwechselbarem Revoluzzer-Punkrock. Der Schalldruck verflüchtigt sich aufgrund der fehlenden Überdachung rasch in der Nacht, sodass die Atmosphäre zwar durch die Musik geprägt, anders als in einer Disco aber nicht von ihr dominiert ist.

 

Man muss sich deshalb keineswegs die Ohren mit daumengrossen Schaumstoffdübeln verschliessen, um einen Gehörschaden vorzubeugen, im Gegenteil: Gerede und Musik bilden eine unverwechselbare Geräuschkulisse, die sowohl fürs Tanzen, als auch für Gespräche einen angenehmen Hintergrund bietet.

 

Kein bestimmtes Prädikat

Folglich gibt es Tanzende, die reden, und Redende, die tanzen – inklusive sämtlicher Zwischenstufen. Der Vorplatz ist ein Kompromiss, aber gleichwohl das Beste, was aus dem kargen Betonplatz zu machen ist. Ihm ein bestimmtes Prädikat anheften zu wollen, wäre falsch.

 

Die Popularität des Vorplatzes rührt gerade daher, dass er eben nicht komplett in ein Schema einzuordnen ist. Weder macht ihn die Piratenbar kommerziell – man kann ja sein Bier auch selber mitbringen – noch räumt ihm der Pingpong-Tisch den Status als Sportplatz ein. Der Vorplatz ist ein alternativloses Unikat.

 

Dieser Artikel erschien zuerst auf www.journal-b.ch. Journal B ist ein unabhängiges Online-Medium für die Stadt Bern, das mehrmals wöchentlich Artikel in den Bereichen Politik, Alltag und Kultur publiziert.

Zwischen Solidarität und Selbstsucht

“Das Verhältnis zum Geld blieb in der Reithalle-Gegenkultur widersprüchlich und uneinheitlich. Wurden die Waren und Dienstleistungen zuerst überhaupt gratis oder zum Selbstkostenpreis angeboten, behalf man sich danach beim Eintritt zu Veranstaltungen jahrelang schamhaft mit Kollekten”, heisst es im Buch “Reithalle Bern – Autonomie und Kultur im Zentrum”, das zum 10-jährigen Jubiläum 1998 des Kulturzentrums erschienenen ist.

 

Verkommerzialisiert(e) die Reitschule?

Besucht man heute, über 25 Jahre nach der erneuten Besetzung des Gebäudekomplexes die  Reitschule, ist von Selbstkostenpreis, Kollekte und Schamgefühl nicht mehr viel zu erkennen. Mit Ausnahme des Kinos und der ab und zu stattfindenden Soli- oder Gratis-Konzerte hat heute praktisch alles seinen fast marktüblichen Preis. Die Flasche Maisgold à  33cl kostet 5 Franken, der Dachstock-Eintritt je nach Auftritt um die 25 Franken, gelegentlich auch mal mehr.

 

Die antikommerzialistische Preispolitik der Reitschule liegt schon ein Weilchen zurück. So endet bereits der eingangs zitierte Abschnitt mit dem Satz: “Die meisten AG (Arbeitsgruppen, Anm. d. Red.) verkaufen ihre Dienstleistungen allerdings heute zu festgesetzten Preisen.”

Zugegeben, vergleicht man die Preise mit den Umliegenden Kulturlokalen, dürfen sich die Besucherinnen und Besucher der Reitschule nicht beklagen. Und doch drängt sich bei einer Auseinandersetzung mit der ökonomischen Geschichte der Reitschule die Frage auf: Verkommerzialisiert(e) die Reitschule?

 

Von der Soli-Kollekte zum Eintrittspreis

Zur Beantwortung dieser Frage sind zwei Entwicklungen in der Geschichte der Reitschule von zentraler Bedeutung. Einerseits fand eine Art “Normalisierungsprozess” statt. Die nach und nach und unter heftigen Diskussionen eingeführten Löhne wurden legalisiert, Gastgewerbebewilligung und Billetsteuer eingeführt und aus Gebrauchsleihverträgen mit der Satdt wurde der heutige Leistungsvertrag. Diese Veränderungen brachten finanzielle Auswirkungen mit sich: Abgaben an den Staat wie Steuern und AHV-Beiträge sowie die Vermehrung bezahlter Arbeit erhöhten die anfallenden Fixkosten für das Kulturzentrum.

 

Die zweite, für die Preispolitik der Reitschule wegweisende Entwicklung war der zunehmende Mangel an Solidarität. Konnte sich die Reitschule zunächst auf Kollektenbasis “freiwillig” finanzieren, wurden gegen Ende der 80er-Jahre aufgrund mangelnder Bereitschaft Kollekte zu bezahlen, schliesslich Eintrittspreise eingeführt, welche sich im Laufe der Zeit und ebenjener Normalisierung erhöhten.

 

Nebst den enstandenen Abgaben und weiteren Fixkosten wie zunehmende Band-Gagen, Instandhaltung der Infrastruktur, war und ist vor allem die interne Umverteilung wichtiger Verwendungszweck der Reitschul-Finanzen. Während die Gastrobetriebe Sous Le Pont und Rössli Geld an den Reitschule-Fonds abgeben können und das Konzertlokal Dachstock etwa selbsttragend ist, sind Arbeitsgruppen wie die Zeitung “Megafon” und der Infoladen auf Unterstützung angewiesen.

 

Von der Freiwilligkeit zum “Kommerz-Zwang”

Mit vermehrten Ausgaben und mangelnder Solidarität kam eine Art “Zwang zum Kommerz”, der sich mit der steigenden Popularität der Reitschule noch verschärfte. Zu sehr auf Konsum, zu sehr nach dem Schema “ich zahle, also bekomm’ ich” ausgerichtet, dürfte die Mentalität der unzähligen Reitschul-Besucherinnen und -Besucher sein, als dass ein klar antikommerzielles, auf Freiwilligkeit basierendes System noch funktionieren könnte. Oder in den Worten des langjährigen Reitschülers Tom Locher: “Ich, ich, ich und der Rest ist scheissegal. Ausgrenzung, keine Solidarität. Ein egozentrisches Gewinnerzielungsinteresse. Halt nicht unbedingt im finanziellen Sinne, sondern geistig, das eigene Selbstverständnis betreffend. Das ist wohl das grösste Problem in der Reitschule und für ihre Zukunft.»

Category Archives: Reitschule

Die nicht zurückhaltende Spezies Frau

Jua* drängt sich im Backstagebereich des Frauenraums auf ein Sofa. Die vier Frauen sind nicht nur eine Band, sondern auch gute Freundinnen, das spürt man. Bassistin Anuschka schätzt den persönlichen Austausch, die Freundschaft untereinander: “Die erste halbe Stunde im Bandraum verbringen wir mit persönlichen Gesprächen, wie es uns geht, in unseren Beziehungen, im Beruf…” Konflikte sprechen sie immer an, das sei wichtig. Mit einem Lächeln zu Songwriterin Chrige meint Anja: “Vielleicht wartet man manchmal einen Moment zu lange, aber ansprechen tun wir’s immer.”

Diese Harmonie zieht sich bis auf die Bühne. Jua* singt oft mehrstimmig. Mit Cajón, Bassgitarre, akustischer Gitarre und starken Stimmen entsteht ein feinfühliger Mix aus Country, Folk und Blues. Dies passt wunderbar in den Frauenraum, der immer wieder als der gemütlichste aller Räume der Reitschule bezeichnet wird.

Der Frauenraum will aber nicht nur gemütlich sein. Die Frauen-Jamsession “play yourself”, initiiert von der Cajón-Spielerin Anja, soll Frauen in ihrem musikalischen Schaffen bestärken. Leider hielten sich talentierte Frauen oft zurück im Musikbusiness, wagen sich kaum auf die Bühne. Oder wie es Chrige ehrlich ausdrückt: “Wenn ein toller Musiker mit Gitarre (macht Luftgitarren-Bewegungen) kommt und eine riesen Show macht, trauen sich danach viele nicht mehr auf die Bühne”. Im geschützten Rahmen fänden Frauen eher den Mut, ihr Können zu zeigen. Zweifel und Zurückhaltung, so Anja, seien wohl Gründe für die wenigen Frauen in der Bandszene. Warum es Jua* trotzdem gibt? “Wir sind eben nicht so! Wir nicht! Wir sind eben die Spezies, die nicht zurückhaltend ist, die gibt’s auch!“, sind sich unter Gelächter alle einig.

Im Frauenraum sind die vier auch privat regelmässig zu Gast. “Wenn ich in den Ausgang gehe, dann komme ich fast nur hierher.”, so Anuschka. Auch Anja hat eine jahrelange Verbindung zum Frauenraum. Neben den Jamsessions hat sie auch sonst im Kollektiv mitgewirkt. Mit 20 war sie zum ersten Mal hier, da habe sich eine Welt aufgetan für sie: “Ich kam aus dem Wallis, einer anderen Welt. Dort kannte man keine linke Szene.”

Zurück auf die Bühne: Jua* verzichtet auf viel Bewegung. Lieber konzentrieren sie sich auf ihr Zusammenspiel. Die vier Frauen bilden eine Einheit, schauen einander an, schliessen die Augen. Sie scheinen ihre Musik zu geniessen.

“Wenn ich die Leute aber dann so stehen sehe, (verschränkt die Arme) dann habe ich das Gefühl: „oh shit“ irgendwas ist wohl nicht in Ordnung”, so Chrige. Sie lasse sich leicht verunsichern, auch heute noch, nach einigen Jahren Bühnenerfahrung.

“Heute war gut” sagt Chrige und meint damit aber ihr schlimmes Lampenfieber. Auch Sängerin Nadja wird davon geplagt, lacht aber und sagt augenzwinkernd: “Wir haben Tabletten…Baldrian etwa” Dass die beiden manchmal auch während den Konzerten noch aufgeregt sind, konnten sie vor dem Publikum aber gut verstecken. Ob bei folkigen Tanzstücken oder feinen Balladen, die Musikerinnen wirkten souverän und selbstbewusst.

Das Publikum, egal welchen Geschlechts, lauschte mit Freude den melodischen Klängen, wippte oder tanzte mit den Beats des Cajón, und bedankte sich mit einem langen Applaus, wofür Jua* gleich noch eine Zugabe schenkte.

“Ich bin die Summe aller Teile”

Tink.ch: Wer bist du, Pablo?

Pablo Nouvelle: Oh, das kann ich dir nicht in zwei Sätzen erklären.

Tue es in drei.

(lacht, überlegt.)

Ich bin die Summe aller Teile.

Wie äussert sich das?

Beispielsweise bin ich zwar mit Hip-Hop aufgewachsen und habe in meiner Musik auch deutlich Soul-Komponenten enthalten, doch mach ich keinen Hip-Hop. Das, was das Publikum heute gehört hat, war kein Hip-Hop, oder?

Nein. Was ich heute gehört habe war das Wort: real. Zwei Jungs sind während des Konzerts stehen geblieben und einer meinte verblüfft: “Der ist einfach REAL!” Was sagst du dazu?

Real? Nein, wenn schon bin ich “ächt”. Real ist zu gangsterhaft. (Als er das ausspricht, hält er sich die geballte Hand vor den Mund, als wollte er beatboxen.)

Warum hat es ausgerechnet die Summe deiner Teile soweit geschafft?

Meine Vision der Arbeit entspricht eben dem Zeitgeist. Das hat viel mit Glück, Timing und einer Menge Arbeit zu tun. Ich würde jetzt aber nicht sagen, dass ich ein Star bin.

Wie erlebst du die Auftritte in England im Gegensatz zu denen in der Schweiz?

In der Schweiz bist du als Künstler auf weichen Kissen gebettet. Dagegen ist England ganz anders.

Inwiefern?

England ist roh. Da kriegst du als Künstler nie die Gage der Schweiz, von einer Hotelübernachtung ganz zu schweigen. Sich in England als Künstler durchzuschlagen, ist nicht leicht.

Zwischen den Liedern hast du gesagt: “Reithalle, schön gibt es euch! Ich glaube, dass ihr nie abgeschafft werdet. Mit keiner SVP-Kampagne.” Siehst du dich als Künstler verpflichtet, auch politische Statements unter die Leute zu bringen?

Meine Musik war lange Zeit unpolitisch. Doch meine Filme sind die Kehrseite meiner Musik. (Pablo hat an der Universität Luzern Animation studiert. Sein Abschlussfilm “Bon voyage” (2012) spricht die Flüchtlingsthematik an und gewann nationale sowie internationale Preise.) Darin spreche ich soziale Themen an, die nicht unbedingt politisch sein müssen. Auch gehöre ich keiner Partei an. Was mich beschäftigt, spreche ich aber an.

Findest du, dass die Politik einen Platz in der Kunst hat?

Sie soll einen Platz haben dürfen, aber es soll kein Muss für Künstler sein, über Politik zu sprechen.

In meinem privaten Umfeld spüre ich durchaus das politische Engagement, doch in der Kunst noch nicht so.

Du hast Animation, also Film, studiert und machst gleichzeitig Musik. Was kann das eine, was das andere nicht kann?

Ich sag es mal so: Musik gleich Herz, Film gleich Kopf.

Diese Frage wird von Künstlern im Allgemeinen sehr ungern beantwortet. Aber: Was machst du eigentlich für Musik?

(lacht) Warmen und emotionalen Soul. Drops, aber kein EDM (Electronic Dance Music). EDM wäre eine Beleidigung. Auf jeden Fall Elektro, aber auch mit Folk und Rockeinflüssen. Die Summe aller Teile eben.

Weitere Informationen

www.pablonouvelle.com

Das nächste Konzert findet diesen Freitag, den 30. Oktober, im Werkk Kulturlokal in Baden statt.

“Ich bin die Summe aller Teile”

Tink.ch: Wer bist du, Pablo?

Pablo Nouvelle: Oh, das kann ich dir nicht in zwei Sätzen erklären.

 

Tue es in drei.

(lacht, überlegt.)

Ich bin die Summe aller Teile.

 

Wie äussert sich das?

Beispielsweise bin ich zwar mit Hip-Hop aufgewachsen und habe in meiner Musik auch deutlich Soul-Komponenten enthalten, doch mach ich keinen Hip-Hop. Das, was das Publikum heute gehört hat, war kein Hip-Hop, oder?

 

Nein. Was ich heute gehört habe war das Wort: real. Zwei Jungs sind während des Konzerts stehen geblieben und einer meinte verblüfft: “Der ist einfach REAL!” Was sagst du dazu?

Real? Nein, wenn schon bin ich “ächt”. Real ist zu gangsterhaft. (Als er das ausspricht, hält er sich die geballte Hand vor den Mund, als wollte er beatboxen.)

 

Warum hat es ausgerechnet die Summe deiner Teile soweit geschafft?

Meine Vision der Arbeit entspricht eben dem Zeitgeist. Das hat viel mit Glück, Timing und einer Menge Arbeit zu tun. Ich würde jetzt aber nicht sagen, dass ich ein Star bin.

 

Wie erlebst du die Auftritte in England im Gegensatz zu denen in der Schweiz?

In der Schweiz bist du als Künstler auf weichen Kissen gebettet. Dagegen ist England ganz anders.

 

Inwiefern?

England ist roh. Da kriegst du als Künstler nie die Gage der Schweiz, von einer Hotelübernachtung ganz zu schweigen. Sich in England als Künstler durchzuschlagen, ist nicht leicht.

 

Zwischen den Liedern hast du gesagt: “Reithalle, schön gibt es euch! Ich glaube, dass ihr nie abgeschafft werdet. Mit keiner SVP-Kampagne.” Siehst du dich als Künstler verpflichtet, auch politische Statements unter die Leute zu bringen?

Meine Musik war lange Zeit unpolitisch. Doch meine Filme sind die Kehrseite meiner Musik. (Pablo hat an der Universität Luzern Animation studiert. Sein Abschlussfilm “Bon voyage” (2012) spricht die Flüchtlingsthematik an und gewann nationale sowie internationale Preise.) Darin spreche ich soziale Themen an, die nicht unbedingt politisch sein müssen. Auch gehöre ich keiner Partei an. Was mich beschäftigt, spreche ich aber an.

 

Findest du, dass die Politik einen Platz in der Kunst hat?

Sie soll einen Platz haben dürfen, aber es soll kein Muss für Künstler sein, über Politik zu sprechen.

In meinem privaten Umfeld spüre ich durchaus das politische Engagement, doch in der Kunst noch nicht so.

 

Du hast Animation, also Film, studiert und machst gleichzeitig Musik. Was kann das eine, was das andere nicht kann?

Ich sag es mal so: Musik gleich Herz, Film gleich Kopf.

 

Diese Frage wird von Künstlern im Allgemeinen sehr ungern beantwortet. Aber: Was machst du eigentlich für Musik?

(lacht) Warmen und emotionalen Soul. Drops, aber kein EDM (Electronic Dance Music). EDM wäre eine Beleidigung. Auf jeden Fall Elektro, aber auch mit Folk und Rockeinflüssen. Die Summe aller Teile eben.

 

 

Weitere Informationen


 

www.pablonouvelle.com

Das nächste Konzert findet diesen Freitag, den 30. Oktober, im Werkk Kulturlokal in Baden statt.

“Chillen mit Marx”

Um sieben Uhr abends ist noch nicht viel los auf dem Vorplatz der Reitschule. Das wird sich bald ändern. Der Freitagabend ist noch jung und das Reitschulfest lockt. Zu den treuen Reitschulgängern werden heute viele weitere Besuchende erwartet.

Seit 25 Jahren wird die Reitschule immer wieder in Frage gestellt. Die neuste Unterschriftensammlung hat gerade erst begonnen. Falls die kantonale Volksinitiative zu Stande kommt, wird es die sechste Prüfung an der Urne seit 1990. Noch älter als die Geschichte der Urnenabstimmungen ist gemäss den Veranstaltern das Reitschulefest. Zum 28. Mal lockt das Fest am Wochenende mit Musik, Theater und Kino.

Arbeitsgruppen

Als Auftakt des Reitschulefests führen zwei Reitschüler neugierige Besuchende durch die in den frühen Abendstunden noch leeren Räume des Kulturzentrums. Mit einem Bier in der Hand erklärt der eine – mit Namen wollen beide nicht genannt werden – die für Aussenstehende manchmal komplizierten Strukturen der Reitschule. Ein Reitschüler, eine Reitschülerin zu sein, bedeutet in der Szene, in einer der vielen AGs mitzuwirken. In der antikapitalistischen Reitschulwelt steht diese Abkürzung für Arbeitsgruppe. Diese organisieren den Betrieb ihres jeweiligen Raumes.

In der kleinen und engen Druckerei etwa werden Flyer, das Hausmagazin megafon, aber auch externe Aufträge auf Papier gebracht. Vis à vis befindet sich das Kino, wo Stallboden und Heuraufe an die Ursprünge der Reitschule erinnern und für ein besonderes Flair sorgen. Heute werden hier die beiden Reitschul-Streifen von Andreas Berger gezeigt.

Im normalen Betrieb wird im Kino lediglich um eine Kollekte gebeten. Manchmal seien die Beträge ziemlich frustrierend, sagt ein Kino-Mitglied. Weshalb der geliebte, aber teure 35mm-Film leider oft den DVDs weichen müsse.

Heterogene Reitschule

Die AGs sind, abgesehen von den Verpflichtungen durch Statuten und Manifest, autonom. Das heisst, sie können beispielsweise selbst bestimmen, ob und wie sie ihre Mitgliederentlöhnen. Mehrere Reitschüler bestätigen, dass dies innerhalb der Reitschule immer wieder zu Spannungen führe. Auch in der Reitschule finde man eben ein weites, diverses Meinungsbild, so ein Mitglied des Tojo-Theater.

Im zweiten Stock, über dem Kino, befindet sich der Frauenraum. An der Wand sind in grossen Lettern die Schlagworte des Manifests aufgemalt. Kein Sexismus. Keine Homophobie. Der wohl gemütlichste aller Reitschulräume ist aber trotz seiner Bezeichnung meist für alle Geschlechter offen. Einzig die ehrenamtlich arbeitenden “Kollektivas” sind alles Frauen, und die auftretenden Musikbands müssen mindestens zur Hälfte weibliche Mitglieder haben.

Konsenszwang

Im Raum daneben, im Körperdojo, werden verschiedene Kurse angeboten. So unterschiedlich die Sichtweisen in der Reitschule sind, so ist hier auch das Bewegungsangebot: Es reicht von Yoga über Poledance bis “Grr”, dem Kampfsporttraining. Ausserhalb des Dojos versucht man laut Manifest aber, Konflikte gewaltfrei zu lösen.

Konsens statt Konflikte gilt auch an den Versammlungen der Reitschüler. Alle Entscheide werden basisdemokratisch entschieden. Ein einziger Skeptiker kann also einen Beschluss verhindern. Dies sei anstrengend, sagt eine Mitarbeiterin des Dachstocks. Es habe sich wohl schon jeder einmal aufgeregt über stundenlange Sitzungen ohne handfestes Resultat. Die Basisdemokratie zwinge die Reitschüler aber, einander zuzuhören und vielfältige Sichtweisen anzuerkennen.

Rotes Theater

Das Tojo Theater ist eine der wenigen Gruppen, die sich Löhne ausbezahlen. Am Reitschulefest läuft hier “Chillen mit Marx”. An die Wände wird in rotem Licht ein Foto von Marx projeziert. Dazu passend gibt’s rote Getränke an der Bar und die AG-Mitglieder lesen hinter langen Bärten Zitate aus Marx’ Werken. Eine eigene Theatergruppe hat das Tojo Theater allerdings nicht mehr. Theatergruppen, auch internationale, können das Tojo mieten, als Gage dienen die Einnahmen aus den Billet- und Barverkäufen. Ohne Subventionen der Stadt würde das Theater allerdings nicht überleben.

Im Gegensatz zum Tojo hat der Dachstock durch regelmässig grössere Anlässe höhere Einnahmen. Diese indes kommen durch die interne Quersubventionierung allen AGs und somit der gesamten Reitschule zu Gute. Genau hier lauern Fragen, die schon zu so manchen kontroversen Diskussionen in der Reitschule geführt haben: Wie viel ökonomisches Handeln erträgt die Reitschule? Vertragen sich die Preise mit der Reitschulkultur? Oder werden finanziell Schwächere mit hohen Eintrittspreisen ausgeschlossen – wo die Reitschule offen für alle sein will.

Unter dem Dachstock liegen das Restaurant Sous le Pont und die Rössli-Bar. Die Endstation unserer Tour bot in den Anfängen der Reitschule häufig Zuflucht für die Drogenszene auf dem Vorplatz. Als Gegenmassnahme liessen die Behörden den Raum des heutigen Rössli mit Beton, Sand und Kies füllen. Die Vorplatzbewohner verschwanden, das Drogenproblem blieb und bleibt bis heute. Diesen Frühling lancierte die Interessengemeinschaft Kulturraum Reitschule (Ikur) deshalb die Kampagne “No Deal Area”. Ist sie erfolgreich, so wäre ein erster Schritt für die nächste Urnenprüfung getan.

“Ich fühle mich so gut wie überall wohl”

Es ist ein kalter, nebliger Morgen. Wir folgen Berivan ins Gebäude. Ihr schwarzes Haar wippt leicht hin und her. Zügig läuft sie durch die Gänge, vorbei an Wäscheleinen, spielenden Kindern, leise diskutierenden Erwachsenen. Dabei erzählt uns die Syrierin ihre Geschichte. Wie es dazu kam, dass sie und ihr Ehemann in dieser alten, überfüllten bulgarischen Schule ihre Flitterwochen verbringen.

 

Diese Szene filmte die Dokumentarfilmerin Eileen Hofer schon im Frühjahr 2013. Sie lernte Berivan in einem Flüchtlingsheim kennen, als sie aus eigener Initiative nach Bulgarien reiste, um den Flüchtlingen lebensnotwendige Spenden zu bringen. In nur einer Stunde entstand so ihr Kurzfilm “My Honeymoon” – meine Flitterwochen.

 

Wie in vielen ihrer Filme gibt die Protagonistin viel von sich preis. Auch wenn das Gesicht von Berivan nur am Schluss ganz kurz gezeigt wird, taucht man für knappe vier Minuten in ihr Leben, ihre Ängste und Hoffnungen ein.

Eileen Hofer hatte die Syrierin nur eine Stunde zuvor getroffen, und trotzdem entstand ein sehr persönliches Porträt. Dass dies möglich war, erklärt Hofer mit ihren eigenen Wurzeln im Mittleren Osten: “Das verbindet, auch wenn ich nicht Arabisch spreche.”

 

Gefilmt hat die Genferin schon an vielen unterschiedlichen Orten: Neben Bulgarien etwa auch in Afghanistan, Aserbaidschan und auf Kuba. Dank ihrem familiären Hintergrund, aber auch durch zahlreiche, teils längere Reisen hat Hofer die Welt und ihre verschiedenen Kulturen und Bürger kennengelernt. Dies erleichtere ihre Arbeit. Sie fühle sich fast überall schnell wohl, und auch ihre Protagonisten fassten rasch Vertrauen zu ihr. In Aserbaidschan wurde sie gar noch während den Dreharbeiten zu einer Hochzeit eingeladen.

 

Berivans Traum, nach Deutschland zu können, ist inzwischen wahr geworden. Wie es ihr heute geht, weiss Hofer allerdings nicht. Sie macht sich aber keine Sorgen: “Berivan ist eine starke Frau, spricht Englisch und hatte Zugang zu universitärer Bildung.”

 

Die Themen Immigration, Heimat und Identitätsfindung sind ein ständiger Begleiter in Hofers Filmen. So ist “My Honeymoon” auch ein wichtiger Beitrag in der aktuellen Asyldebatte. In einem Interview von Arte meint Hofer, dass die Menschen trotz unterschiedlicher Kulturen, Hintergründe und Wurzeln alle irgendwie gleich seien. “Das ist der Kern meiner Filme, diese Türen zu öffnen. Wir essen, wir mögen es zu lachen, wir mögen es, zu lieben.”

 

Mehr zum Thema


Bereits zum 13. Mal findet in Bern und der ganzen Welt das Kurzfilmfestival shnit statt. Ursprünglich ein Kurzfilmabend in der Reitschule, ist das shnit heute ein bedeutendes internationales Kurzfilmfestival, welches unter anderem auch in Kyoto und Buenos Aires stattfindet. Vom 7. bis 11. Oktober werden in Bern an 13 Spielstätten Kurzfilme gezeigt. Sowohl jede erdenkliche Kulisse – Kirche, Bahnhof bis Cincebad- wie auch jeder mögliche Filmvorliebe– Zeichentrick, Doku bis Komödie – wird dabei bedient.

Kann man den Summer Beach doch mögen?

Alle Jahre im Mai öffnet das Marzili seine Tore, bringen die Beizen ihre Tische nach draussen, stellen die Gelaterias ihre neuen Kreationen für den Sommer vor. Seit ein paar Jahren schon gesellt sich eine neue Attraktion dazu: der eingezäunte Sandkasten auf der Grossen Schanze, der “Summer Beach”.

 

Und immer am Anfang des Sommers nerve ich mich wieder aufs Neue. Pünktlich wenn ich, die Füsse im kühlen Lebensbrunnen (ja, er heisst wirklich so!), die wärmeren Temperaturen nun endlich so richtig geniessen könnte, kommen sie angefahren. Mit ihren Gittern. Dem Quarzsand. Den Rattan Lounches. Den tosenden Generatoren. Vergangenen Samstag nahm die Dauerveranstaltung ein Ende, wurde der öffentliche Platz wieder der Öffentlichkeit übergeben. Bevor sich der Quarzsand verabschiedete, musste ich mich jedoch einem Selbstversuch unterziehen.

 

Erste Runde

Nun gut, der Sandkasten ist da, und ein paar aufgebrachte Bernerinnen und Berner werden dieses Unding nicht vertreiben können. Meine späte Beichte: Vor diesem Selbstversuch war ich noch nie drin. Ich komme mir ein wenig vor wie all die Reitschul-Gegner, die einmal mit dem Zug die Reitschule passieren, die Graffitis sehen und dann zu Hause Erich Hess applaudieren.

 

Deshalb habe ich einen Selbstversuch unternommen, den Summer Beach doch zu mögen. Oder ihn mir wenigstens schön zu trinken. Denn mit den Übeln des Lebens lebt es sich leichter, wenn man sie zumindest akzeptieren kann.

 

Die erste Runde (eher teures) Bier ist bestellt. Die weissen Kunstledermatratzen erinnern mich an etwas zwischen Arztliegen und meiner Vorstellung von Matratzen in einem Stundenhotel. So entscheide ich mich nach einem kurzen Probeliegen doch für den kleinen Liegestuhl.

 

Die Inhaber geben an, mit dem Summer Beach die Grosse Schanze zu beleben. Was wollen sie denn beleben? Bis Ende April war die ganze Schanze belebt, und ab Ende August wird sie es auch wieder sein: Familien am Spielen, Arbeitnehmer am Mittagessen, Punks am Tanzen. Ein strahlendes Kunterbunt aus allen Ecken Berns.

 

Zweite Runde

Warum ich mit dem Summer Beach nicht so wirklich warm werde? Den ganzen Sommer über blockiert er den Platz um den Brunnen, obwohl er dann doch nur ab vier Uhr und nur bei schönem Wetter geöffnet ist. Er verdrängt das strahlende Kunterbunt. Und ausserdem ist er, ganz klar, einfach hässlich, zumindest von aussen gesehen.

 

Herrje, es könnte so schön sein, so gemütlich. Aber nein, jedes Fleckchen der Stadt Bern wird in der Sommerzeit bis zum letzten Millimeter von kommerziellen Veranstaltern genutzt.

 

Nun – mittlerweile nippe ich am zweiten Bier – wechsle ich auf ein “fatboy” Sitzkissen. Dies fühlt sich leider weniger gemütlich an, als es aussieht. Dafür habe ich einen optimalen Ausblick auf den schönen Abendhimmel beim Eindunkeln. Den kann ich allerdings auch sonst wo haben. Überhaupt frage ich mich, warum gerade dieser Platz für den Summer Beach herhalten muss. Einmal drin, hat man sowieso nur noch Aussicht auf die Bastzäune.

 

Dritte Runde

Die ewige Kommerzialisierung macht weder vor der Stadt, noch vor der Grossen Schanze halt. Der Summer Beach ist zwar von innen durchaus gemütlicher, als man von aussen erahnen könnte. Als sommerüberdauernde Attraktion auf einem so prominenten Platz würde ich mir allerdings ein etwas anderes, offeneres, weniger auf Kommerz ausgerichtetes Angebot wünschen.

 

Beim dritten Bier angelangt, werde ich aufgefordert, den Sandkasten wegen aufziehenden Regens zu verlassen. Wirklich traurig bin ich nicht über das frühzeitige Ende meines Selbstversuchs. Auch bei den anderen Besuchern kommt nicht so richtig Stimmung auf. Ich beobachte fünf Leute zusammen auf einem Bett – pardon, Baldachin – alle sind aber nur mit ihren Smartphones beschäftigt. Ob vielleicht die weissen Kunstledermatrazen die Stimmung bremsen?

 

Fazit

Gut finde ich, dass ich mal im Sandkasten drin war. Besser finde ich, dass ich wieder draussen bin. Auf dem Rasen der Grossen Schanze fühle ich mich wesentlich wohler. Doch da selbst dort während einem Monat die Leinwand des Salzkinos dafür sorgt, dass beinahe kein Platz mehr fürs Verweilen auf der grossen Wiese bleibt, wird dieser Genuss auch nur kurz währen. Aber man soll ja sowieso den Moment geniessen. Eben nur nicht dann, wenn einem grosse Veranstalter diesen streitig machen.

“Der Vorplatz ist der beste Kompromiss”

“Vorplatz”: Das Wort nimmt Bezug auf etwas, das nach ihm steht. Sie sind zwar oft rege frequentiert, aber nur selten belebt. Aus diesem Grund verdient der Reitschulvorplatz eigentlich einen anderen Namen.

 

Die Berner Reitschule lebt von der Vielfältigkeit ihrer Glieder. Tojo, Dachstock, Sous le pont oder Rössli sind nicht wegzudenken, ebensowenig der Vorplatz. Er hat sein eigenes Publikum und ist in diesem Sinne auch kein Anhängsel sondern ein gleichwertiger Teil der Reitschule.

 

Freiluftdisco ohne Ohrenschmerzen

In der Nacht verwandelt er sich regelmässig zur der meistbesuchten Freiluftdisco in Bern. Eine Musikanlage beschallt den Betonplatz dann mit 90dB unverwechselbarem Revoluzzer-Punkrock. Der Schalldruck verflüchtigt sich aufgrund der fehlenden Überdachung rasch in der Nacht, sodass die Atmosphäre zwar durch die Musik geprägt, anders als in einer Disco aber nicht von ihr dominiert ist.

 

Man muss sich deshalb keineswegs die Ohren mit daumengrossen Schaumstoffdübeln verschliessen, um einen Gehörschaden vorzubeugen, im Gegenteil: Gerede und Musik bilden eine unverwechselbare Geräuschkulisse, die sowohl fürs Tanzen, als auch für Gespräche einen angenehmen Hintergrund bietet.

 

Kein bestimmtes Prädikat

Folglich gibt es Tanzende, die reden, und Redende, die tanzen – inklusive sämtlicher Zwischenstufen. Der Vorplatz ist ein Kompromiss, aber gleichwohl das Beste, was aus dem kargen Betonplatz zu machen ist. Ihm ein bestimmtes Prädikat anheften zu wollen, wäre falsch.

 

Die Popularität des Vorplatzes rührt gerade daher, dass er eben nicht komplett in ein Schema einzuordnen ist. Weder macht ihn die Piratenbar kommerziell – man kann ja sein Bier auch selber mitbringen – noch räumt ihm der Pingpong-Tisch den Status als Sportplatz ein. Der Vorplatz ist ein alternativloses Unikat.

 

Dieser Artikel erschien zuerst auf www.journal-b.ch. Journal B ist ein unabhängiges Online-Medium für die Stadt Bern, das mehrmals wöchentlich Artikel in den Bereichen Politik, Alltag und Kultur publiziert.

Zwischen Solidarität und Selbstsucht

“Das Verhältnis zum Geld blieb in der Reithalle-Gegenkultur widersprüchlich und uneinheitlich. Wurden die Waren und Dienstleistungen zuerst überhaupt gratis oder zum Selbstkostenpreis angeboten, behalf man sich danach beim Eintritt zu Veranstaltungen jahrelang schamhaft mit Kollekten”, heisst es im Buch “Reithalle Bern – Autonomie und Kultur im Zentrum”, das zum 10-jährigen Jubiläum 1998 des Kulturzentrums erschienenen ist.

 

Verkommerzialisiert(e) die Reitschule?

Besucht man heute, über 25 Jahre nach der erneuten Besetzung des Gebäudekomplexes die  Reitschule, ist von Selbstkostenpreis, Kollekte und Schamgefühl nicht mehr viel zu erkennen. Mit Ausnahme des Kinos und der ab und zu stattfindenden Soli- oder Gratis-Konzerte hat heute praktisch alles seinen fast marktüblichen Preis. Die Flasche Maisgold à  33cl kostet 5 Franken, der Dachstock-Eintritt je nach Auftritt um die 25 Franken, gelegentlich auch mal mehr.

 

Die antikommerzialistische Preispolitik der Reitschule liegt schon ein Weilchen zurück. So endet bereits der eingangs zitierte Abschnitt mit dem Satz: “Die meisten AG (Arbeitsgruppen, Anm. d. Red.) verkaufen ihre Dienstleistungen allerdings heute zu festgesetzten Preisen.”

Zugegeben, vergleicht man die Preise mit den Umliegenden Kulturlokalen, dürfen sich die Besucherinnen und Besucher der Reitschule nicht beklagen. Und doch drängt sich bei einer Auseinandersetzung mit der ökonomischen Geschichte der Reitschule die Frage auf: Verkommerzialisiert(e) die Reitschule?

 

Von der Soli-Kollekte zum Eintrittspreis

Zur Beantwortung dieser Frage sind zwei Entwicklungen in der Geschichte der Reitschule von zentraler Bedeutung. Einerseits fand eine Art “Normalisierungsprozess” statt. Die nach und nach und unter heftigen Diskussionen eingeführten Löhne wurden legalisiert, Gastgewerbebewilligung und Billetsteuer eingeführt und aus Gebrauchsleihverträgen mit der Satdt wurde der heutige Leistungsvertrag. Diese Veränderungen brachten finanzielle Auswirkungen mit sich: Abgaben an den Staat wie Steuern und AHV-Beiträge sowie die Vermehrung bezahlter Arbeit erhöhten die anfallenden Fixkosten für das Kulturzentrum.

 

Die zweite, für die Preispolitik der Reitschule wegweisende Entwicklung war der zunehmende Mangel an Solidarität. Konnte sich die Reitschule zunächst auf Kollektenbasis “freiwillig” finanzieren, wurden gegen Ende der 80er-Jahre aufgrund mangelnder Bereitschaft Kollekte zu bezahlen, schliesslich Eintrittspreise eingeführt, welche sich im Laufe der Zeit und ebenjener Normalisierung erhöhten.

 

Nebst den enstandenen Abgaben und weiteren Fixkosten wie zunehmende Band-Gagen, Instandhaltung der Infrastruktur, war und ist vor allem die interne Umverteilung wichtiger Verwendungszweck der Reitschul-Finanzen. Während die Gastrobetriebe Sous Le Pont und Rössli Geld an den Reitschule-Fonds abgeben können und das Konzertlokal Dachstock etwa selbsttragend ist, sind Arbeitsgruppen wie die Zeitung “Megafon” und der Infoladen auf Unterstützung angewiesen.

 

Von der Freiwilligkeit zum “Kommerz-Zwang”

Mit vermehrten Ausgaben und mangelnder Solidarität kam eine Art “Zwang zum Kommerz”, der sich mit der steigenden Popularität der Reitschule noch verschärfte. Zu sehr auf Konsum, zu sehr nach dem Schema “ich zahle, also bekomm’ ich” ausgerichtet, dürfte die Mentalität der unzähligen Reitschul-Besucherinnen und -Besucher sein, als dass ein klar antikommerzielles, auf Freiwilligkeit basierendes System noch funktionieren könnte. Oder in den Worten des langjährigen Reitschülers Tom Locher: “Ich, ich, ich und der Rest ist scheissegal. Ausgrenzung, keine Solidarität. Ein egozentrisches Gewinnerzielungsinteresse. Halt nicht unbedingt im finanziellen Sinne, sondern geistig, das eigene Selbstverständnis betreffend. Das ist wohl das grösste Problem in der Reitschule und für ihre Zukunft.»

Category Archives: Reitschule

Die nicht zurückhaltende Spezies Frau

Jua* drängt sich im Backstagebereich des Frauenraums auf ein Sofa. Die vier Frauen sind nicht nur eine Band, sondern auch gute Freundinnen, das spürt man. Bassistin Anuschka schätzt den persönlichen Austausch, die Freundschaft untereinander: “Die erste halbe Stunde im Bandraum verbringen wir mit persönlichen Gesprächen, wie es uns geht, in unseren Beziehungen, im Beruf…” Konflikte sprechen sie immer an, das sei wichtig. Mit einem Lächeln zu Songwriterin Chrige meint Anja: “Vielleicht wartet man manchmal einen Moment zu lange, aber ansprechen tun wir’s immer.”

Diese Harmonie zieht sich bis auf die Bühne. Jua* singt oft mehrstimmig. Mit Cajón, Bassgitarre, akustischer Gitarre und starken Stimmen entsteht ein feinfühliger Mix aus Country, Folk und Blues. Dies passt wunderbar in den Frauenraum, der immer wieder als der gemütlichste aller Räume der Reitschule bezeichnet wird.

Der Frauenraum will aber nicht nur gemütlich sein. Die Frauen-Jamsession “play yourself”, initiiert von der Cajón-Spielerin Anja, soll Frauen in ihrem musikalischen Schaffen bestärken. Leider hielten sich talentierte Frauen oft zurück im Musikbusiness, wagen sich kaum auf die Bühne. Oder wie es Chrige ehrlich ausdrückt: “Wenn ein toller Musiker mit Gitarre (macht Luftgitarren-Bewegungen) kommt und eine riesen Show macht, trauen sich danach viele nicht mehr auf die Bühne”. Im geschützten Rahmen fänden Frauen eher den Mut, ihr Können zu zeigen. Zweifel und Zurückhaltung, so Anja, seien wohl Gründe für die wenigen Frauen in der Bandszene. Warum es Jua* trotzdem gibt? “Wir sind eben nicht so! Wir nicht! Wir sind eben die Spezies, die nicht zurückhaltend ist, die gibt’s auch!“, sind sich unter Gelächter alle einig.

Im Frauenraum sind die vier auch privat regelmässig zu Gast. “Wenn ich in den Ausgang gehe, dann komme ich fast nur hierher.”, so Anuschka. Auch Anja hat eine jahrelange Verbindung zum Frauenraum. Neben den Jamsessions hat sie auch sonst im Kollektiv mitgewirkt. Mit 20 war sie zum ersten Mal hier, da habe sich eine Welt aufgetan für sie: “Ich kam aus dem Wallis, einer anderen Welt. Dort kannte man keine linke Szene.”

Zurück auf die Bühne: Jua* verzichtet auf viel Bewegung. Lieber konzentrieren sie sich auf ihr Zusammenspiel. Die vier Frauen bilden eine Einheit, schauen einander an, schliessen die Augen. Sie scheinen ihre Musik zu geniessen.

“Wenn ich die Leute aber dann so stehen sehe, (verschränkt die Arme) dann habe ich das Gefühl: „oh shit“ irgendwas ist wohl nicht in Ordnung”, so Chrige. Sie lasse sich leicht verunsichern, auch heute noch, nach einigen Jahren Bühnenerfahrung.

“Heute war gut” sagt Chrige und meint damit aber ihr schlimmes Lampenfieber. Auch Sängerin Nadja wird davon geplagt, lacht aber und sagt augenzwinkernd: “Wir haben Tabletten…Baldrian etwa” Dass die beiden manchmal auch während den Konzerten noch aufgeregt sind, konnten sie vor dem Publikum aber gut verstecken. Ob bei folkigen Tanzstücken oder feinen Balladen, die Musikerinnen wirkten souverän und selbstbewusst.

Das Publikum, egal welchen Geschlechts, lauschte mit Freude den melodischen Klängen, wippte oder tanzte mit den Beats des Cajón, und bedankte sich mit einem langen Applaus, wofür Jua* gleich noch eine Zugabe schenkte.

“Ich bin die Summe aller Teile”

Tink.ch: Wer bist du, Pablo?

Pablo Nouvelle: Oh, das kann ich dir nicht in zwei Sätzen erklären.

Tue es in drei.

(lacht, überlegt.)

Ich bin die Summe aller Teile.

Wie äussert sich das?

Beispielsweise bin ich zwar mit Hip-Hop aufgewachsen und habe in meiner Musik auch deutlich Soul-Komponenten enthalten, doch mach ich keinen Hip-Hop. Das, was das Publikum heute gehört hat, war kein Hip-Hop, oder?

Nein. Was ich heute gehört habe war das Wort: real. Zwei Jungs sind während des Konzerts stehen geblieben und einer meinte verblüfft: “Der ist einfach REAL!” Was sagst du dazu?

Real? Nein, wenn schon bin ich “ächt”. Real ist zu gangsterhaft. (Als er das ausspricht, hält er sich die geballte Hand vor den Mund, als wollte er beatboxen.)

Warum hat es ausgerechnet die Summe deiner Teile soweit geschafft?

Meine Vision der Arbeit entspricht eben dem Zeitgeist. Das hat viel mit Glück, Timing und einer Menge Arbeit zu tun. Ich würde jetzt aber nicht sagen, dass ich ein Star bin.

Wie erlebst du die Auftritte in England im Gegensatz zu denen in der Schweiz?

In der Schweiz bist du als Künstler auf weichen Kissen gebettet. Dagegen ist England ganz anders.

Inwiefern?

England ist roh. Da kriegst du als Künstler nie die Gage der Schweiz, von einer Hotelübernachtung ganz zu schweigen. Sich in England als Künstler durchzuschlagen, ist nicht leicht.

Zwischen den Liedern hast du gesagt: “Reithalle, schön gibt es euch! Ich glaube, dass ihr nie abgeschafft werdet. Mit keiner SVP-Kampagne.” Siehst du dich als Künstler verpflichtet, auch politische Statements unter die Leute zu bringen?

Meine Musik war lange Zeit unpolitisch. Doch meine Filme sind die Kehrseite meiner Musik. (Pablo hat an der Universität Luzern Animation studiert. Sein Abschlussfilm “Bon voyage” (2012) spricht die Flüchtlingsthematik an und gewann nationale sowie internationale Preise.) Darin spreche ich soziale Themen an, die nicht unbedingt politisch sein müssen. Auch gehöre ich keiner Partei an. Was mich beschäftigt, spreche ich aber an.

Findest du, dass die Politik einen Platz in der Kunst hat?

Sie soll einen Platz haben dürfen, aber es soll kein Muss für Künstler sein, über Politik zu sprechen.

In meinem privaten Umfeld spüre ich durchaus das politische Engagement, doch in der Kunst noch nicht so.

Du hast Animation, also Film, studiert und machst gleichzeitig Musik. Was kann das eine, was das andere nicht kann?

Ich sag es mal so: Musik gleich Herz, Film gleich Kopf.

Diese Frage wird von Künstlern im Allgemeinen sehr ungern beantwortet. Aber: Was machst du eigentlich für Musik?

(lacht) Warmen und emotionalen Soul. Drops, aber kein EDM (Electronic Dance Music). EDM wäre eine Beleidigung. Auf jeden Fall Elektro, aber auch mit Folk und Rockeinflüssen. Die Summe aller Teile eben.

Weitere Informationen

www.pablonouvelle.com

Das nächste Konzert findet diesen Freitag, den 30. Oktober, im Werkk Kulturlokal in Baden statt.

“Ich bin die Summe aller Teile”

Tink.ch: Wer bist du, Pablo?

Pablo Nouvelle: Oh, das kann ich dir nicht in zwei Sätzen erklären.

 

Tue es in drei.

(lacht, überlegt.)

Ich bin die Summe aller Teile.

 

Wie äussert sich das?

Beispielsweise bin ich zwar mit Hip-Hop aufgewachsen und habe in meiner Musik auch deutlich Soul-Komponenten enthalten, doch mach ich keinen Hip-Hop. Das, was das Publikum heute gehört hat, war kein Hip-Hop, oder?

 

Nein. Was ich heute gehört habe war das Wort: real. Zwei Jungs sind während des Konzerts stehen geblieben und einer meinte verblüfft: “Der ist einfach REAL!” Was sagst du dazu?

Real? Nein, wenn schon bin ich “ächt”. Real ist zu gangsterhaft. (Als er das ausspricht, hält er sich die geballte Hand vor den Mund, als wollte er beatboxen.)

 

Warum hat es ausgerechnet die Summe deiner Teile soweit geschafft?

Meine Vision der Arbeit entspricht eben dem Zeitgeist. Das hat viel mit Glück, Timing und einer Menge Arbeit zu tun. Ich würde jetzt aber nicht sagen, dass ich ein Star bin.

 

Wie erlebst du die Auftritte in England im Gegensatz zu denen in der Schweiz?

In der Schweiz bist du als Künstler auf weichen Kissen gebettet. Dagegen ist England ganz anders.

 

Inwiefern?

England ist roh. Da kriegst du als Künstler nie die Gage der Schweiz, von einer Hotelübernachtung ganz zu schweigen. Sich in England als Künstler durchzuschlagen, ist nicht leicht.

 

Zwischen den Liedern hast du gesagt: “Reithalle, schön gibt es euch! Ich glaube, dass ihr nie abgeschafft werdet. Mit keiner SVP-Kampagne.” Siehst du dich als Künstler verpflichtet, auch politische Statements unter die Leute zu bringen?

Meine Musik war lange Zeit unpolitisch. Doch meine Filme sind die Kehrseite meiner Musik. (Pablo hat an der Universität Luzern Animation studiert. Sein Abschlussfilm “Bon voyage” (2012) spricht die Flüchtlingsthematik an und gewann nationale sowie internationale Preise.) Darin spreche ich soziale Themen an, die nicht unbedingt politisch sein müssen. Auch gehöre ich keiner Partei an. Was mich beschäftigt, spreche ich aber an.

 

Findest du, dass die Politik einen Platz in der Kunst hat?

Sie soll einen Platz haben dürfen, aber es soll kein Muss für Künstler sein, über Politik zu sprechen.

In meinem privaten Umfeld spüre ich durchaus das politische Engagement, doch in der Kunst noch nicht so.

 

Du hast Animation, also Film, studiert und machst gleichzeitig Musik. Was kann das eine, was das andere nicht kann?

Ich sag es mal so: Musik gleich Herz, Film gleich Kopf.

 

Diese Frage wird von Künstlern im Allgemeinen sehr ungern beantwortet. Aber: Was machst du eigentlich für Musik?

(lacht) Warmen und emotionalen Soul. Drops, aber kein EDM (Electronic Dance Music). EDM wäre eine Beleidigung. Auf jeden Fall Elektro, aber auch mit Folk und Rockeinflüssen. Die Summe aller Teile eben.

 

 

Weitere Informationen


 

www.pablonouvelle.com

Das nächste Konzert findet diesen Freitag, den 30. Oktober, im Werkk Kulturlokal in Baden statt.

“Chillen mit Marx”

Um sieben Uhr abends ist noch nicht viel los auf dem Vorplatz der Reitschule. Das wird sich bald ändern. Der Freitagabend ist noch jung und das Reitschulfest lockt. Zu den treuen Reitschulgängern werden heute viele weitere Besuchende erwartet.

Seit 25 Jahren wird die Reitschule immer wieder in Frage gestellt. Die neuste Unterschriftensammlung hat gerade erst begonnen. Falls die kantonale Volksinitiative zu Stande kommt, wird es die sechste Prüfung an der Urne seit 1990. Noch älter als die Geschichte der Urnenabstimmungen ist gemäss den Veranstaltern das Reitschulefest. Zum 28. Mal lockt das Fest am Wochenende mit Musik, Theater und Kino.

Arbeitsgruppen

Als Auftakt des Reitschulefests führen zwei Reitschüler neugierige Besuchende durch die in den frühen Abendstunden noch leeren Räume des Kulturzentrums. Mit einem Bier in der Hand erklärt der eine – mit Namen wollen beide nicht genannt werden – die für Aussenstehende manchmal komplizierten Strukturen der Reitschule. Ein Reitschüler, eine Reitschülerin zu sein, bedeutet in der Szene, in einer der vielen AGs mitzuwirken. In der antikapitalistischen Reitschulwelt steht diese Abkürzung für Arbeitsgruppe. Diese organisieren den Betrieb ihres jeweiligen Raumes.

In der kleinen und engen Druckerei etwa werden Flyer, das Hausmagazin megafon, aber auch externe Aufträge auf Papier gebracht. Vis à vis befindet sich das Kino, wo Stallboden und Heuraufe an die Ursprünge der Reitschule erinnern und für ein besonderes Flair sorgen. Heute werden hier die beiden Reitschul-Streifen von Andreas Berger gezeigt.

Im normalen Betrieb wird im Kino lediglich um eine Kollekte gebeten. Manchmal seien die Beträge ziemlich frustrierend, sagt ein Kino-Mitglied. Weshalb der geliebte, aber teure 35mm-Film leider oft den DVDs weichen müsse.

Heterogene Reitschule

Die AGs sind, abgesehen von den Verpflichtungen durch Statuten und Manifest, autonom. Das heisst, sie können beispielsweise selbst bestimmen, ob und wie sie ihre Mitgliederentlöhnen. Mehrere Reitschüler bestätigen, dass dies innerhalb der Reitschule immer wieder zu Spannungen führe. Auch in der Reitschule finde man eben ein weites, diverses Meinungsbild, so ein Mitglied des Tojo-Theater.

Im zweiten Stock, über dem Kino, befindet sich der Frauenraum. An der Wand sind in grossen Lettern die Schlagworte des Manifests aufgemalt. Kein Sexismus. Keine Homophobie. Der wohl gemütlichste aller Reitschulräume ist aber trotz seiner Bezeichnung meist für alle Geschlechter offen. Einzig die ehrenamtlich arbeitenden “Kollektivas” sind alles Frauen, und die auftretenden Musikbands müssen mindestens zur Hälfte weibliche Mitglieder haben.

Konsenszwang

Im Raum daneben, im Körperdojo, werden verschiedene Kurse angeboten. So unterschiedlich die Sichtweisen in der Reitschule sind, so ist hier auch das Bewegungsangebot: Es reicht von Yoga über Poledance bis “Grr”, dem Kampfsporttraining. Ausserhalb des Dojos versucht man laut Manifest aber, Konflikte gewaltfrei zu lösen.

Konsens statt Konflikte gilt auch an den Versammlungen der Reitschüler. Alle Entscheide werden basisdemokratisch entschieden. Ein einziger Skeptiker kann also einen Beschluss verhindern. Dies sei anstrengend, sagt eine Mitarbeiterin des Dachstocks. Es habe sich wohl schon jeder einmal aufgeregt über stundenlange Sitzungen ohne handfestes Resultat. Die Basisdemokratie zwinge die Reitschüler aber, einander zuzuhören und vielfältige Sichtweisen anzuerkennen.

Rotes Theater

Das Tojo Theater ist eine der wenigen Gruppen, die sich Löhne ausbezahlen. Am Reitschulefest läuft hier “Chillen mit Marx”. An die Wände wird in rotem Licht ein Foto von Marx projeziert. Dazu passend gibt’s rote Getränke an der Bar und die AG-Mitglieder lesen hinter langen Bärten Zitate aus Marx’ Werken. Eine eigene Theatergruppe hat das Tojo Theater allerdings nicht mehr. Theatergruppen, auch internationale, können das Tojo mieten, als Gage dienen die Einnahmen aus den Billet- und Barverkäufen. Ohne Subventionen der Stadt würde das Theater allerdings nicht überleben.

Im Gegensatz zum Tojo hat der Dachstock durch regelmässig grössere Anlässe höhere Einnahmen. Diese indes kommen durch die interne Quersubventionierung allen AGs und somit der gesamten Reitschule zu Gute. Genau hier lauern Fragen, die schon zu so manchen kontroversen Diskussionen in der Reitschule geführt haben: Wie viel ökonomisches Handeln erträgt die Reitschule? Vertragen sich die Preise mit der Reitschulkultur? Oder werden finanziell Schwächere mit hohen Eintrittspreisen ausgeschlossen – wo die Reitschule offen für alle sein will.

Unter dem Dachstock liegen das Restaurant Sous le Pont und die Rössli-Bar. Die Endstation unserer Tour bot in den Anfängen der Reitschule häufig Zuflucht für die Drogenszene auf dem Vorplatz. Als Gegenmassnahme liessen die Behörden den Raum des heutigen Rössli mit Beton, Sand und Kies füllen. Die Vorplatzbewohner verschwanden, das Drogenproblem blieb und bleibt bis heute. Diesen Frühling lancierte die Interessengemeinschaft Kulturraum Reitschule (Ikur) deshalb die Kampagne “No Deal Area”. Ist sie erfolgreich, so wäre ein erster Schritt für die nächste Urnenprüfung getan.

“Ich fühle mich so gut wie überall wohl”

Es ist ein kalter, nebliger Morgen. Wir folgen Berivan ins Gebäude. Ihr schwarzes Haar wippt leicht hin und her. Zügig läuft sie durch die Gänge, vorbei an Wäscheleinen, spielenden Kindern, leise diskutierenden Erwachsenen. Dabei erzählt uns die Syrierin ihre Geschichte. Wie es dazu kam, dass sie und ihr Ehemann in dieser alten, überfüllten bulgarischen Schule ihre Flitterwochen verbringen.

 

Diese Szene filmte die Dokumentarfilmerin Eileen Hofer schon im Frühjahr 2013. Sie lernte Berivan in einem Flüchtlingsheim kennen, als sie aus eigener Initiative nach Bulgarien reiste, um den Flüchtlingen lebensnotwendige Spenden zu bringen. In nur einer Stunde entstand so ihr Kurzfilm “My Honeymoon” – meine Flitterwochen.

 

Wie in vielen ihrer Filme gibt die Protagonistin viel von sich preis. Auch wenn das Gesicht von Berivan nur am Schluss ganz kurz gezeigt wird, taucht man für knappe vier Minuten in ihr Leben, ihre Ängste und Hoffnungen ein.

Eileen Hofer hatte die Syrierin nur eine Stunde zuvor getroffen, und trotzdem entstand ein sehr persönliches Porträt. Dass dies möglich war, erklärt Hofer mit ihren eigenen Wurzeln im Mittleren Osten: “Das verbindet, auch wenn ich nicht Arabisch spreche.”

 

Gefilmt hat die Genferin schon an vielen unterschiedlichen Orten: Neben Bulgarien etwa auch in Afghanistan, Aserbaidschan und auf Kuba. Dank ihrem familiären Hintergrund, aber auch durch zahlreiche, teils längere Reisen hat Hofer die Welt und ihre verschiedenen Kulturen und Bürger kennengelernt. Dies erleichtere ihre Arbeit. Sie fühle sich fast überall schnell wohl, und auch ihre Protagonisten fassten rasch Vertrauen zu ihr. In Aserbaidschan wurde sie gar noch während den Dreharbeiten zu einer Hochzeit eingeladen.

 

Berivans Traum, nach Deutschland zu können, ist inzwischen wahr geworden. Wie es ihr heute geht, weiss Hofer allerdings nicht. Sie macht sich aber keine Sorgen: “Berivan ist eine starke Frau, spricht Englisch und hatte Zugang zu universitärer Bildung.”

 

Die Themen Immigration, Heimat und Identitätsfindung sind ein ständiger Begleiter in Hofers Filmen. So ist “My Honeymoon” auch ein wichtiger Beitrag in der aktuellen Asyldebatte. In einem Interview von Arte meint Hofer, dass die Menschen trotz unterschiedlicher Kulturen, Hintergründe und Wurzeln alle irgendwie gleich seien. “Das ist der Kern meiner Filme, diese Türen zu öffnen. Wir essen, wir mögen es zu lachen, wir mögen es, zu lieben.”

 

Mehr zum Thema


Bereits zum 13. Mal findet in Bern und der ganzen Welt das Kurzfilmfestival shnit statt. Ursprünglich ein Kurzfilmabend in der Reitschule, ist das shnit heute ein bedeutendes internationales Kurzfilmfestival, welches unter anderem auch in Kyoto und Buenos Aires stattfindet. Vom 7. bis 11. Oktober werden in Bern an 13 Spielstätten Kurzfilme gezeigt. Sowohl jede erdenkliche Kulisse – Kirche, Bahnhof bis Cincebad- wie auch jeder mögliche Filmvorliebe– Zeichentrick, Doku bis Komödie – wird dabei bedient.

Kann man den Summer Beach doch mögen?

Alle Jahre im Mai öffnet das Marzili seine Tore, bringen die Beizen ihre Tische nach draussen, stellen die Gelaterias ihre neuen Kreationen für den Sommer vor. Seit ein paar Jahren schon gesellt sich eine neue Attraktion dazu: der eingezäunte Sandkasten auf der Grossen Schanze, der “Summer Beach”.

 

Und immer am Anfang des Sommers nerve ich mich wieder aufs Neue. Pünktlich wenn ich, die Füsse im kühlen Lebensbrunnen (ja, er heisst wirklich so!), die wärmeren Temperaturen nun endlich so richtig geniessen könnte, kommen sie angefahren. Mit ihren Gittern. Dem Quarzsand. Den Rattan Lounches. Den tosenden Generatoren. Vergangenen Samstag nahm die Dauerveranstaltung ein Ende, wurde der öffentliche Platz wieder der Öffentlichkeit übergeben. Bevor sich der Quarzsand verabschiedete, musste ich mich jedoch einem Selbstversuch unterziehen.

 

Erste Runde

Nun gut, der Sandkasten ist da, und ein paar aufgebrachte Bernerinnen und Berner werden dieses Unding nicht vertreiben können. Meine späte Beichte: Vor diesem Selbstversuch war ich noch nie drin. Ich komme mir ein wenig vor wie all die Reitschul-Gegner, die einmal mit dem Zug die Reitschule passieren, die Graffitis sehen und dann zu Hause Erich Hess applaudieren.

 

Deshalb habe ich einen Selbstversuch unternommen, den Summer Beach doch zu mögen. Oder ihn mir wenigstens schön zu trinken. Denn mit den Übeln des Lebens lebt es sich leichter, wenn man sie zumindest akzeptieren kann.

 

Die erste Runde (eher teures) Bier ist bestellt. Die weissen Kunstledermatratzen erinnern mich an etwas zwischen Arztliegen und meiner Vorstellung von Matratzen in einem Stundenhotel. So entscheide ich mich nach einem kurzen Probeliegen doch für den kleinen Liegestuhl.

 

Die Inhaber geben an, mit dem Summer Beach die Grosse Schanze zu beleben. Was wollen sie denn beleben? Bis Ende April war die ganze Schanze belebt, und ab Ende August wird sie es auch wieder sein: Familien am Spielen, Arbeitnehmer am Mittagessen, Punks am Tanzen. Ein strahlendes Kunterbunt aus allen Ecken Berns.

 

Zweite Runde

Warum ich mit dem Summer Beach nicht so wirklich warm werde? Den ganzen Sommer über blockiert er den Platz um den Brunnen, obwohl er dann doch nur ab vier Uhr und nur bei schönem Wetter geöffnet ist. Er verdrängt das strahlende Kunterbunt. Und ausserdem ist er, ganz klar, einfach hässlich, zumindest von aussen gesehen.

 

Herrje, es könnte so schön sein, so gemütlich. Aber nein, jedes Fleckchen der Stadt Bern wird in der Sommerzeit bis zum letzten Millimeter von kommerziellen Veranstaltern genutzt.

 

Nun – mittlerweile nippe ich am zweiten Bier – wechsle ich auf ein “fatboy” Sitzkissen. Dies fühlt sich leider weniger gemütlich an, als es aussieht. Dafür habe ich einen optimalen Ausblick auf den schönen Abendhimmel beim Eindunkeln. Den kann ich allerdings auch sonst wo haben. Überhaupt frage ich mich, warum gerade dieser Platz für den Summer Beach herhalten muss. Einmal drin, hat man sowieso nur noch Aussicht auf die Bastzäune.

 

Dritte Runde

Die ewige Kommerzialisierung macht weder vor der Stadt, noch vor der Grossen Schanze halt. Der Summer Beach ist zwar von innen durchaus gemütlicher, als man von aussen erahnen könnte. Als sommerüberdauernde Attraktion auf einem so prominenten Platz würde ich mir allerdings ein etwas anderes, offeneres, weniger auf Kommerz ausgerichtetes Angebot wünschen.

 

Beim dritten Bier angelangt, werde ich aufgefordert, den Sandkasten wegen aufziehenden Regens zu verlassen. Wirklich traurig bin ich nicht über das frühzeitige Ende meines Selbstversuchs. Auch bei den anderen Besuchern kommt nicht so richtig Stimmung auf. Ich beobachte fünf Leute zusammen auf einem Bett – pardon, Baldachin – alle sind aber nur mit ihren Smartphones beschäftigt. Ob vielleicht die weissen Kunstledermatrazen die Stimmung bremsen?

 

Fazit

Gut finde ich, dass ich mal im Sandkasten drin war. Besser finde ich, dass ich wieder draussen bin. Auf dem Rasen der Grossen Schanze fühle ich mich wesentlich wohler. Doch da selbst dort während einem Monat die Leinwand des Salzkinos dafür sorgt, dass beinahe kein Platz mehr fürs Verweilen auf der grossen Wiese bleibt, wird dieser Genuss auch nur kurz währen. Aber man soll ja sowieso den Moment geniessen. Eben nur nicht dann, wenn einem grosse Veranstalter diesen streitig machen.

“Der Vorplatz ist der beste Kompromiss”

“Vorplatz”: Das Wort nimmt Bezug auf etwas, das nach ihm steht. Sie sind zwar oft rege frequentiert, aber nur selten belebt. Aus diesem Grund verdient der Reitschulvorplatz eigentlich einen anderen Namen.

 

Die Berner Reitschule lebt von der Vielfältigkeit ihrer Glieder. Tojo, Dachstock, Sous le pont oder Rössli sind nicht wegzudenken, ebensowenig der Vorplatz. Er hat sein eigenes Publikum und ist in diesem Sinne auch kein Anhängsel sondern ein gleichwertiger Teil der Reitschule.

 

Freiluftdisco ohne Ohrenschmerzen

In der Nacht verwandelt er sich regelmässig zur der meistbesuchten Freiluftdisco in Bern. Eine Musikanlage beschallt den Betonplatz dann mit 90dB unverwechselbarem Revoluzzer-Punkrock. Der Schalldruck verflüchtigt sich aufgrund der fehlenden Überdachung rasch in der Nacht, sodass die Atmosphäre zwar durch die Musik geprägt, anders als in einer Disco aber nicht von ihr dominiert ist.

 

Man muss sich deshalb keineswegs die Ohren mit daumengrossen Schaumstoffdübeln verschliessen, um einen Gehörschaden vorzubeugen, im Gegenteil: Gerede und Musik bilden eine unverwechselbare Geräuschkulisse, die sowohl fürs Tanzen, als auch für Gespräche einen angenehmen Hintergrund bietet.

 

Kein bestimmtes Prädikat

Folglich gibt es Tanzende, die reden, und Redende, die tanzen – inklusive sämtlicher Zwischenstufen. Der Vorplatz ist ein Kompromiss, aber gleichwohl das Beste, was aus dem kargen Betonplatz zu machen ist. Ihm ein bestimmtes Prädikat anheften zu wollen, wäre falsch.

 

Die Popularität des Vorplatzes rührt gerade daher, dass er eben nicht komplett in ein Schema einzuordnen ist. Weder macht ihn die Piratenbar kommerziell – man kann ja sein Bier auch selber mitbringen – noch räumt ihm der Pingpong-Tisch den Status als Sportplatz ein. Der Vorplatz ist ein alternativloses Unikat.

 

Dieser Artikel erschien zuerst auf www.journal-b.ch. Journal B ist ein unabhängiges Online-Medium für die Stadt Bern, das mehrmals wöchentlich Artikel in den Bereichen Politik, Alltag und Kultur publiziert.

Zwischen Solidarität und Selbstsucht

“Das Verhältnis zum Geld blieb in der Reithalle-Gegenkultur widersprüchlich und uneinheitlich. Wurden die Waren und Dienstleistungen zuerst überhaupt gratis oder zum Selbstkostenpreis angeboten, behalf man sich danach beim Eintritt zu Veranstaltungen jahrelang schamhaft mit Kollekten”, heisst es im Buch “Reithalle Bern – Autonomie und Kultur im Zentrum”, das zum 10-jährigen Jubiläum 1998 des Kulturzentrums erschienenen ist.

 

Verkommerzialisiert(e) die Reitschule?

Besucht man heute, über 25 Jahre nach der erneuten Besetzung des Gebäudekomplexes die  Reitschule, ist von Selbstkostenpreis, Kollekte und Schamgefühl nicht mehr viel zu erkennen. Mit Ausnahme des Kinos und der ab und zu stattfindenden Soli- oder Gratis-Konzerte hat heute praktisch alles seinen fast marktüblichen Preis. Die Flasche Maisgold à  33cl kostet 5 Franken, der Dachstock-Eintritt je nach Auftritt um die 25 Franken, gelegentlich auch mal mehr.

 

Die antikommerzialistische Preispolitik der Reitschule liegt schon ein Weilchen zurück. So endet bereits der eingangs zitierte Abschnitt mit dem Satz: “Die meisten AG (Arbeitsgruppen, Anm. d. Red.) verkaufen ihre Dienstleistungen allerdings heute zu festgesetzten Preisen.”

Zugegeben, vergleicht man die Preise mit den Umliegenden Kulturlokalen, dürfen sich die Besucherinnen und Besucher der Reitschule nicht beklagen. Und doch drängt sich bei einer Auseinandersetzung mit der ökonomischen Geschichte der Reitschule die Frage auf: Verkommerzialisiert(e) die Reitschule?

 

Von der Soli-Kollekte zum Eintrittspreis

Zur Beantwortung dieser Frage sind zwei Entwicklungen in der Geschichte der Reitschule von zentraler Bedeutung. Einerseits fand eine Art “Normalisierungsprozess” statt. Die nach und nach und unter heftigen Diskussionen eingeführten Löhne wurden legalisiert, Gastgewerbebewilligung und Billetsteuer eingeführt und aus Gebrauchsleihverträgen mit der Satdt wurde der heutige Leistungsvertrag. Diese Veränderungen brachten finanzielle Auswirkungen mit sich: Abgaben an den Staat wie Steuern und AHV-Beiträge sowie die Vermehrung bezahlter Arbeit erhöhten die anfallenden Fixkosten für das Kulturzentrum.

 

Die zweite, für die Preispolitik der Reitschule wegweisende Entwicklung war der zunehmende Mangel an Solidarität. Konnte sich die Reitschule zunächst auf Kollektenbasis “freiwillig” finanzieren, wurden gegen Ende der 80er-Jahre aufgrund mangelnder Bereitschaft Kollekte zu bezahlen, schliesslich Eintrittspreise eingeführt, welche sich im Laufe der Zeit und ebenjener Normalisierung erhöhten.

 

Nebst den enstandenen Abgaben und weiteren Fixkosten wie zunehmende Band-Gagen, Instandhaltung der Infrastruktur, war und ist vor allem die interne Umverteilung wichtiger Verwendungszweck der Reitschul-Finanzen. Während die Gastrobetriebe Sous Le Pont und Rössli Geld an den Reitschule-Fonds abgeben können und das Konzertlokal Dachstock etwa selbsttragend ist, sind Arbeitsgruppen wie die Zeitung “Megafon” und der Infoladen auf Unterstützung angewiesen.

 

Von der Freiwilligkeit zum “Kommerz-Zwang”

Mit vermehrten Ausgaben und mangelnder Solidarität kam eine Art “Zwang zum Kommerz”, der sich mit der steigenden Popularität der Reitschule noch verschärfte. Zu sehr auf Konsum, zu sehr nach dem Schema “ich zahle, also bekomm’ ich” ausgerichtet, dürfte die Mentalität der unzähligen Reitschul-Besucherinnen und -Besucher sein, als dass ein klar antikommerzielles, auf Freiwilligkeit basierendes System noch funktionieren könnte. Oder in den Worten des langjährigen Reitschülers Tom Locher: “Ich, ich, ich und der Rest ist scheissegal. Ausgrenzung, keine Solidarität. Ein egozentrisches Gewinnerzielungsinteresse. Halt nicht unbedingt im finanziellen Sinne, sondern geistig, das eigene Selbstverständnis betreffend. Das ist wohl das grösste Problem in der Reitschule und für ihre Zukunft.»

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Die nicht zurückhaltende Spezies Frau

Jua* drängt sich im Backstagebereich des Frauenraums auf ein Sofa. Die vier Frauen sind nicht nur eine Band, sondern auch gute Freundinnen, das spürt man. Bassistin Anuschka schätzt den persönlichen Austausch, die Freundschaft untereinander: “Die erste halbe Stunde im Bandraum verbringen wir mit persönlichen Gesprächen, wie es uns geht, in unseren Beziehungen, im Beruf…” Konflikte sprechen sie immer an, das sei wichtig. Mit einem Lächeln zu Songwriterin Chrige meint Anja: “Vielleicht wartet man manchmal einen Moment zu lange, aber ansprechen tun wir’s immer.”

Diese Harmonie zieht sich bis auf die Bühne. Jua* singt oft mehrstimmig. Mit Cajón, Bassgitarre, akustischer Gitarre und starken Stimmen entsteht ein feinfühliger Mix aus Country, Folk und Blues. Dies passt wunderbar in den Frauenraum, der immer wieder als der gemütlichste aller Räume der Reitschule bezeichnet wird.

Der Frauenraum will aber nicht nur gemütlich sein. Die Frauen-Jamsession “play yourself”, initiiert von der Cajón-Spielerin Anja, soll Frauen in ihrem musikalischen Schaffen bestärken. Leider hielten sich talentierte Frauen oft zurück im Musikbusiness, wagen sich kaum auf die Bühne. Oder wie es Chrige ehrlich ausdrückt: “Wenn ein toller Musiker mit Gitarre (macht Luftgitarren-Bewegungen) kommt und eine riesen Show macht, trauen sich danach viele nicht mehr auf die Bühne”. Im geschützten Rahmen fänden Frauen eher den Mut, ihr Können zu zeigen. Zweifel und Zurückhaltung, so Anja, seien wohl Gründe für die wenigen Frauen in der Bandszene. Warum es Jua* trotzdem gibt? “Wir sind eben nicht so! Wir nicht! Wir sind eben die Spezies, die nicht zurückhaltend ist, die gibt’s auch!“, sind sich unter Gelächter alle einig.

Im Frauenraum sind die vier auch privat regelmässig zu Gast. “Wenn ich in den Ausgang gehe, dann komme ich fast nur hierher.”, so Anuschka. Auch Anja hat eine jahrelange Verbindung zum Frauenraum. Neben den Jamsessions hat sie auch sonst im Kollektiv mitgewirkt. Mit 20 war sie zum ersten Mal hier, da habe sich eine Welt aufgetan für sie: “Ich kam aus dem Wallis, einer anderen Welt. Dort kannte man keine linke Szene.”

Zurück auf die Bühne: Jua* verzichtet auf viel Bewegung. Lieber konzentrieren sie sich auf ihr Zusammenspiel. Die vier Frauen bilden eine Einheit, schauen einander an, schliessen die Augen. Sie scheinen ihre Musik zu geniessen.

“Wenn ich die Leute aber dann so stehen sehe, (verschränkt die Arme) dann habe ich das Gefühl: „oh shit“ irgendwas ist wohl nicht in Ordnung”, so Chrige. Sie lasse sich leicht verunsichern, auch heute noch, nach einigen Jahren Bühnenerfahrung.

“Heute war gut” sagt Chrige und meint damit aber ihr schlimmes Lampenfieber. Auch Sängerin Nadja wird davon geplagt, lacht aber und sagt augenzwinkernd: “Wir haben Tabletten…Baldrian etwa” Dass die beiden manchmal auch während den Konzerten noch aufgeregt sind, konnten sie vor dem Publikum aber gut verstecken. Ob bei folkigen Tanzstücken oder feinen Balladen, die Musikerinnen wirkten souverän und selbstbewusst.

Das Publikum, egal welchen Geschlechts, lauschte mit Freude den melodischen Klängen, wippte oder tanzte mit den Beats des Cajón, und bedankte sich mit einem langen Applaus, wofür Jua* gleich noch eine Zugabe schenkte.

“Ich bin die Summe aller Teile”

Tink.ch: Wer bist du, Pablo?

Pablo Nouvelle: Oh, das kann ich dir nicht in zwei Sätzen erklären.

Tue es in drei.

(lacht, überlegt.)

Ich bin die Summe aller Teile.

Wie äussert sich das?

Beispielsweise bin ich zwar mit Hip-Hop aufgewachsen und habe in meiner Musik auch deutlich Soul-Komponenten enthalten, doch mach ich keinen Hip-Hop. Das, was das Publikum heute gehört hat, war kein Hip-Hop, oder?

Nein. Was ich heute gehört habe war das Wort: real. Zwei Jungs sind während des Konzerts stehen geblieben und einer meinte verblüfft: “Der ist einfach REAL!” Was sagst du dazu?

Real? Nein, wenn schon bin ich “ächt”. Real ist zu gangsterhaft. (Als er das ausspricht, hält er sich die geballte Hand vor den Mund, als wollte er beatboxen.)

Warum hat es ausgerechnet die Summe deiner Teile soweit geschafft?

Meine Vision der Arbeit entspricht eben dem Zeitgeist. Das hat viel mit Glück, Timing und einer Menge Arbeit zu tun. Ich würde jetzt aber nicht sagen, dass ich ein Star bin.

Wie erlebst du die Auftritte in England im Gegensatz zu denen in der Schweiz?

In der Schweiz bist du als Künstler auf weichen Kissen gebettet. Dagegen ist England ganz anders.

Inwiefern?

England ist roh. Da kriegst du als Künstler nie die Gage der Schweiz, von einer Hotelübernachtung ganz zu schweigen. Sich in England als Künstler durchzuschlagen, ist nicht leicht.

Zwischen den Liedern hast du gesagt: “Reithalle, schön gibt es euch! Ich glaube, dass ihr nie abgeschafft werdet. Mit keiner SVP-Kampagne.” Siehst du dich als Künstler verpflichtet, auch politische Statements unter die Leute zu bringen?

Meine Musik war lange Zeit unpolitisch. Doch meine Filme sind die Kehrseite meiner Musik. (Pablo hat an der Universität Luzern Animation studiert. Sein Abschlussfilm “Bon voyage” (2012) spricht die Flüchtlingsthematik an und gewann nationale sowie internationale Preise.) Darin spreche ich soziale Themen an, die nicht unbedingt politisch sein müssen. Auch gehöre ich keiner Partei an. Was mich beschäftigt, spreche ich aber an.

Findest du, dass die Politik einen Platz in der Kunst hat?

Sie soll einen Platz haben dürfen, aber es soll kein Muss für Künstler sein, über Politik zu sprechen.

In meinem privaten Umfeld spüre ich durchaus das politische Engagement, doch in der Kunst noch nicht so.

Du hast Animation, also Film, studiert und machst gleichzeitig Musik. Was kann das eine, was das andere nicht kann?

Ich sag es mal so: Musik gleich Herz, Film gleich Kopf.

Diese Frage wird von Künstlern im Allgemeinen sehr ungern beantwortet. Aber: Was machst du eigentlich für Musik?

(lacht) Warmen und emotionalen Soul. Drops, aber kein EDM (Electronic Dance Music). EDM wäre eine Beleidigung. Auf jeden Fall Elektro, aber auch mit Folk und Rockeinflüssen. Die Summe aller Teile eben.

Weitere Informationen

www.pablonouvelle.com

Das nächste Konzert findet diesen Freitag, den 30. Oktober, im Werkk Kulturlokal in Baden statt.

“Ich bin die Summe aller Teile”

Tink.ch: Wer bist du, Pablo?

Pablo Nouvelle: Oh, das kann ich dir nicht in zwei Sätzen erklären.

 

Tue es in drei.

(lacht, überlegt.)

Ich bin die Summe aller Teile.

 

Wie äussert sich das?

Beispielsweise bin ich zwar mit Hip-Hop aufgewachsen und habe in meiner Musik auch deutlich Soul-Komponenten enthalten, doch mach ich keinen Hip-Hop. Das, was das Publikum heute gehört hat, war kein Hip-Hop, oder?

 

Nein. Was ich heute gehört habe war das Wort: real. Zwei Jungs sind während des Konzerts stehen geblieben und einer meinte verblüfft: “Der ist einfach REAL!” Was sagst du dazu?

Real? Nein, wenn schon bin ich “ächt”. Real ist zu gangsterhaft. (Als er das ausspricht, hält er sich die geballte Hand vor den Mund, als wollte er beatboxen.)

 

Warum hat es ausgerechnet die Summe deiner Teile soweit geschafft?

Meine Vision der Arbeit entspricht eben dem Zeitgeist. Das hat viel mit Glück, Timing und einer Menge Arbeit zu tun. Ich würde jetzt aber nicht sagen, dass ich ein Star bin.

 

Wie erlebst du die Auftritte in England im Gegensatz zu denen in der Schweiz?

In der Schweiz bist du als Künstler auf weichen Kissen gebettet. Dagegen ist England ganz anders.

 

Inwiefern?

England ist roh. Da kriegst du als Künstler nie die Gage der Schweiz, von einer Hotelübernachtung ganz zu schweigen. Sich in England als Künstler durchzuschlagen, ist nicht leicht.

 

Zwischen den Liedern hast du gesagt: “Reithalle, schön gibt es euch! Ich glaube, dass ihr nie abgeschafft werdet. Mit keiner SVP-Kampagne.” Siehst du dich als Künstler verpflichtet, auch politische Statements unter die Leute zu bringen?

Meine Musik war lange Zeit unpolitisch. Doch meine Filme sind die Kehrseite meiner Musik. (Pablo hat an der Universität Luzern Animation studiert. Sein Abschlussfilm “Bon voyage” (2012) spricht die Flüchtlingsthematik an und gewann nationale sowie internationale Preise.) Darin spreche ich soziale Themen an, die nicht unbedingt politisch sein müssen. Auch gehöre ich keiner Partei an. Was mich beschäftigt, spreche ich aber an.

 

Findest du, dass die Politik einen Platz in der Kunst hat?

Sie soll einen Platz haben dürfen, aber es soll kein Muss für Künstler sein, über Politik zu sprechen.

In meinem privaten Umfeld spüre ich durchaus das politische Engagement, doch in der Kunst noch nicht so.

 

Du hast Animation, also Film, studiert und machst gleichzeitig Musik. Was kann das eine, was das andere nicht kann?

Ich sag es mal so: Musik gleich Herz, Film gleich Kopf.

 

Diese Frage wird von Künstlern im Allgemeinen sehr ungern beantwortet. Aber: Was machst du eigentlich für Musik?

(lacht) Warmen und emotionalen Soul. Drops, aber kein EDM (Electronic Dance Music). EDM wäre eine Beleidigung. Auf jeden Fall Elektro, aber auch mit Folk und Rockeinflüssen. Die Summe aller Teile eben.

 

 

Weitere Informationen


 

www.pablonouvelle.com

Das nächste Konzert findet diesen Freitag, den 30. Oktober, im Werkk Kulturlokal in Baden statt.

“Chillen mit Marx”

Um sieben Uhr abends ist noch nicht viel los auf dem Vorplatz der Reitschule. Das wird sich bald ändern. Der Freitagabend ist noch jung und das Reitschulfest lockt. Zu den treuen Reitschulgängern werden heute viele weitere Besuchende erwartet.

Seit 25 Jahren wird die Reitschule immer wieder in Frage gestellt. Die neuste Unterschriftensammlung hat gerade erst begonnen. Falls die kantonale Volksinitiative zu Stande kommt, wird es die sechste Prüfung an der Urne seit 1990. Noch älter als die Geschichte der Urnenabstimmungen ist gemäss den Veranstaltern das Reitschulefest. Zum 28. Mal lockt das Fest am Wochenende mit Musik, Theater und Kino.

Arbeitsgruppen

Als Auftakt des Reitschulefests führen zwei Reitschüler neugierige Besuchende durch die in den frühen Abendstunden noch leeren Räume des Kulturzentrums. Mit einem Bier in der Hand erklärt der eine – mit Namen wollen beide nicht genannt werden – die für Aussenstehende manchmal komplizierten Strukturen der Reitschule. Ein Reitschüler, eine Reitschülerin zu sein, bedeutet in der Szene, in einer der vielen AGs mitzuwirken. In der antikapitalistischen Reitschulwelt steht diese Abkürzung für Arbeitsgruppe. Diese organisieren den Betrieb ihres jeweiligen Raumes.

In der kleinen und engen Druckerei etwa werden Flyer, das Hausmagazin megafon, aber auch externe Aufträge auf Papier gebracht. Vis à vis befindet sich das Kino, wo Stallboden und Heuraufe an die Ursprünge der Reitschule erinnern und für ein besonderes Flair sorgen. Heute werden hier die beiden Reitschul-Streifen von Andreas Berger gezeigt.

Im normalen Betrieb wird im Kino lediglich um eine Kollekte gebeten. Manchmal seien die Beträge ziemlich frustrierend, sagt ein Kino-Mitglied. Weshalb der geliebte, aber teure 35mm-Film leider oft den DVDs weichen müsse.

Heterogene Reitschule

Die AGs sind, abgesehen von den Verpflichtungen durch Statuten und Manifest, autonom. Das heisst, sie können beispielsweise selbst bestimmen, ob und wie sie ihre Mitgliederentlöhnen. Mehrere Reitschüler bestätigen, dass dies innerhalb der Reitschule immer wieder zu Spannungen führe. Auch in der Reitschule finde man eben ein weites, diverses Meinungsbild, so ein Mitglied des Tojo-Theater.

Im zweiten Stock, über dem Kino, befindet sich der Frauenraum. An der Wand sind in grossen Lettern die Schlagworte des Manifests aufgemalt. Kein Sexismus. Keine Homophobie. Der wohl gemütlichste aller Reitschulräume ist aber trotz seiner Bezeichnung meist für alle Geschlechter offen. Einzig die ehrenamtlich arbeitenden “Kollektivas” sind alles Frauen, und die auftretenden Musikbands müssen mindestens zur Hälfte weibliche Mitglieder haben.

Konsenszwang

Im Raum daneben, im Körperdojo, werden verschiedene Kurse angeboten. So unterschiedlich die Sichtweisen in der Reitschule sind, so ist hier auch das Bewegungsangebot: Es reicht von Yoga über Poledance bis “Grr”, dem Kampfsporttraining. Ausserhalb des Dojos versucht man laut Manifest aber, Konflikte gewaltfrei zu lösen.

Konsens statt Konflikte gilt auch an den Versammlungen der Reitschüler. Alle Entscheide werden basisdemokratisch entschieden. Ein einziger Skeptiker kann also einen Beschluss verhindern. Dies sei anstrengend, sagt eine Mitarbeiterin des Dachstocks. Es habe sich wohl schon jeder einmal aufgeregt über stundenlange Sitzungen ohne handfestes Resultat. Die Basisdemokratie zwinge die Reitschüler aber, einander zuzuhören und vielfältige Sichtweisen anzuerkennen.

Rotes Theater

Das Tojo Theater ist eine der wenigen Gruppen, die sich Löhne ausbezahlen. Am Reitschulefest läuft hier “Chillen mit Marx”. An die Wände wird in rotem Licht ein Foto von Marx projeziert. Dazu passend gibt’s rote Getränke an der Bar und die AG-Mitglieder lesen hinter langen Bärten Zitate aus Marx’ Werken. Eine eigene Theatergruppe hat das Tojo Theater allerdings nicht mehr. Theatergruppen, auch internationale, können das Tojo mieten, als Gage dienen die Einnahmen aus den Billet- und Barverkäufen. Ohne Subventionen der Stadt würde das Theater allerdings nicht überleben.

Im Gegensatz zum Tojo hat der Dachstock durch regelmässig grössere Anlässe höhere Einnahmen. Diese indes kommen durch die interne Quersubventionierung allen AGs und somit der gesamten Reitschule zu Gute. Genau hier lauern Fragen, die schon zu so manchen kontroversen Diskussionen in der Reitschule geführt haben: Wie viel ökonomisches Handeln erträgt die Reitschule? Vertragen sich die Preise mit der Reitschulkultur? Oder werden finanziell Schwächere mit hohen Eintrittspreisen ausgeschlossen – wo die Reitschule offen für alle sein will.

Unter dem Dachstock liegen das Restaurant Sous le Pont und die Rössli-Bar. Die Endstation unserer Tour bot in den Anfängen der Reitschule häufig Zuflucht für die Drogenszene auf dem Vorplatz. Als Gegenmassnahme liessen die Behörden den Raum des heutigen Rössli mit Beton, Sand und Kies füllen. Die Vorplatzbewohner verschwanden, das Drogenproblem blieb und bleibt bis heute. Diesen Frühling lancierte die Interessengemeinschaft Kulturraum Reitschule (Ikur) deshalb die Kampagne “No Deal Area”. Ist sie erfolgreich, so wäre ein erster Schritt für die nächste Urnenprüfung getan.

“Ich fühle mich so gut wie überall wohl”

Es ist ein kalter, nebliger Morgen. Wir folgen Berivan ins Gebäude. Ihr schwarzes Haar wippt leicht hin und her. Zügig läuft sie durch die Gänge, vorbei an Wäscheleinen, spielenden Kindern, leise diskutierenden Erwachsenen. Dabei erzählt uns die Syrierin ihre Geschichte. Wie es dazu kam, dass sie und ihr Ehemann in dieser alten, überfüllten bulgarischen Schule ihre Flitterwochen verbringen.

 

Diese Szene filmte die Dokumentarfilmerin Eileen Hofer schon im Frühjahr 2013. Sie lernte Berivan in einem Flüchtlingsheim kennen, als sie aus eigener Initiative nach Bulgarien reiste, um den Flüchtlingen lebensnotwendige Spenden zu bringen. In nur einer Stunde entstand so ihr Kurzfilm “My Honeymoon” – meine Flitterwochen.

 

Wie in vielen ihrer Filme gibt die Protagonistin viel von sich preis. Auch wenn das Gesicht von Berivan nur am Schluss ganz kurz gezeigt wird, taucht man für knappe vier Minuten in ihr Leben, ihre Ängste und Hoffnungen ein.

Eileen Hofer hatte die Syrierin nur eine Stunde zuvor getroffen, und trotzdem entstand ein sehr persönliches Porträt. Dass dies möglich war, erklärt Hofer mit ihren eigenen Wurzeln im Mittleren Osten: “Das verbindet, auch wenn ich nicht Arabisch spreche.”

 

Gefilmt hat die Genferin schon an vielen unterschiedlichen Orten: Neben Bulgarien etwa auch in Afghanistan, Aserbaidschan und auf Kuba. Dank ihrem familiären Hintergrund, aber auch durch zahlreiche, teils längere Reisen hat Hofer die Welt und ihre verschiedenen Kulturen und Bürger kennengelernt. Dies erleichtere ihre Arbeit. Sie fühle sich fast überall schnell wohl, und auch ihre Protagonisten fassten rasch Vertrauen zu ihr. In Aserbaidschan wurde sie gar noch während den Dreharbeiten zu einer Hochzeit eingeladen.

 

Berivans Traum, nach Deutschland zu können, ist inzwischen wahr geworden. Wie es ihr heute geht, weiss Hofer allerdings nicht. Sie macht sich aber keine Sorgen: “Berivan ist eine starke Frau, spricht Englisch und hatte Zugang zu universitärer Bildung.”

 

Die Themen Immigration, Heimat und Identitätsfindung sind ein ständiger Begleiter in Hofers Filmen. So ist “My Honeymoon” auch ein wichtiger Beitrag in der aktuellen Asyldebatte. In einem Interview von Arte meint Hofer, dass die Menschen trotz unterschiedlicher Kulturen, Hintergründe und Wurzeln alle irgendwie gleich seien. “Das ist der Kern meiner Filme, diese Türen zu öffnen. Wir essen, wir mögen es zu lachen, wir mögen es, zu lieben.”

 

Mehr zum Thema


Bereits zum 13. Mal findet in Bern und der ganzen Welt das Kurzfilmfestival shnit statt. Ursprünglich ein Kurzfilmabend in der Reitschule, ist das shnit heute ein bedeutendes internationales Kurzfilmfestival, welches unter anderem auch in Kyoto und Buenos Aires stattfindet. Vom 7. bis 11. Oktober werden in Bern an 13 Spielstätten Kurzfilme gezeigt. Sowohl jede erdenkliche Kulisse – Kirche, Bahnhof bis Cincebad- wie auch jeder mögliche Filmvorliebe– Zeichentrick, Doku bis Komödie – wird dabei bedient.

Kann man den Summer Beach doch mögen?

Alle Jahre im Mai öffnet das Marzili seine Tore, bringen die Beizen ihre Tische nach draussen, stellen die Gelaterias ihre neuen Kreationen für den Sommer vor. Seit ein paar Jahren schon gesellt sich eine neue Attraktion dazu: der eingezäunte Sandkasten auf der Grossen Schanze, der “Summer Beach”.

 

Und immer am Anfang des Sommers nerve ich mich wieder aufs Neue. Pünktlich wenn ich, die Füsse im kühlen Lebensbrunnen (ja, er heisst wirklich so!), die wärmeren Temperaturen nun endlich so richtig geniessen könnte, kommen sie angefahren. Mit ihren Gittern. Dem Quarzsand. Den Rattan Lounches. Den tosenden Generatoren. Vergangenen Samstag nahm die Dauerveranstaltung ein Ende, wurde der öffentliche Platz wieder der Öffentlichkeit übergeben. Bevor sich der Quarzsand verabschiedete, musste ich mich jedoch einem Selbstversuch unterziehen.

 

Erste Runde

Nun gut, der Sandkasten ist da, und ein paar aufgebrachte Bernerinnen und Berner werden dieses Unding nicht vertreiben können. Meine späte Beichte: Vor diesem Selbstversuch war ich noch nie drin. Ich komme mir ein wenig vor wie all die Reitschul-Gegner, die einmal mit dem Zug die Reitschule passieren, die Graffitis sehen und dann zu Hause Erich Hess applaudieren.

 

Deshalb habe ich einen Selbstversuch unternommen, den Summer Beach doch zu mögen. Oder ihn mir wenigstens schön zu trinken. Denn mit den Übeln des Lebens lebt es sich leichter, wenn man sie zumindest akzeptieren kann.

 

Die erste Runde (eher teures) Bier ist bestellt. Die weissen Kunstledermatratzen erinnern mich an etwas zwischen Arztliegen und meiner Vorstellung von Matratzen in einem Stundenhotel. So entscheide ich mich nach einem kurzen Probeliegen doch für den kleinen Liegestuhl.

 

Die Inhaber geben an, mit dem Summer Beach die Grosse Schanze zu beleben. Was wollen sie denn beleben? Bis Ende April war die ganze Schanze belebt, und ab Ende August wird sie es auch wieder sein: Familien am Spielen, Arbeitnehmer am Mittagessen, Punks am Tanzen. Ein strahlendes Kunterbunt aus allen Ecken Berns.

 

Zweite Runde

Warum ich mit dem Summer Beach nicht so wirklich warm werde? Den ganzen Sommer über blockiert er den Platz um den Brunnen, obwohl er dann doch nur ab vier Uhr und nur bei schönem Wetter geöffnet ist. Er verdrängt das strahlende Kunterbunt. Und ausserdem ist er, ganz klar, einfach hässlich, zumindest von aussen gesehen.

 

Herrje, es könnte so schön sein, so gemütlich. Aber nein, jedes Fleckchen der Stadt Bern wird in der Sommerzeit bis zum letzten Millimeter von kommerziellen Veranstaltern genutzt.

 

Nun – mittlerweile nippe ich am zweiten Bier – wechsle ich auf ein “fatboy” Sitzkissen. Dies fühlt sich leider weniger gemütlich an, als es aussieht. Dafür habe ich einen optimalen Ausblick auf den schönen Abendhimmel beim Eindunkeln. Den kann ich allerdings auch sonst wo haben. Überhaupt frage ich mich, warum gerade dieser Platz für den Summer Beach herhalten muss. Einmal drin, hat man sowieso nur noch Aussicht auf die Bastzäune.

 

Dritte Runde

Die ewige Kommerzialisierung macht weder vor der Stadt, noch vor der Grossen Schanze halt. Der Summer Beach ist zwar von innen durchaus gemütlicher, als man von aussen erahnen könnte. Als sommerüberdauernde Attraktion auf einem so prominenten Platz würde ich mir allerdings ein etwas anderes, offeneres, weniger auf Kommerz ausgerichtetes Angebot wünschen.

 

Beim dritten Bier angelangt, werde ich aufgefordert, den Sandkasten wegen aufziehenden Regens zu verlassen. Wirklich traurig bin ich nicht über das frühzeitige Ende meines Selbstversuchs. Auch bei den anderen Besuchern kommt nicht so richtig Stimmung auf. Ich beobachte fünf Leute zusammen auf einem Bett – pardon, Baldachin – alle sind aber nur mit ihren Smartphones beschäftigt. Ob vielleicht die weissen Kunstledermatrazen die Stimmung bremsen?

 

Fazit

Gut finde ich, dass ich mal im Sandkasten drin war. Besser finde ich, dass ich wieder draussen bin. Auf dem Rasen der Grossen Schanze fühle ich mich wesentlich wohler. Doch da selbst dort während einem Monat die Leinwand des Salzkinos dafür sorgt, dass beinahe kein Platz mehr fürs Verweilen auf der grossen Wiese bleibt, wird dieser Genuss auch nur kurz währen. Aber man soll ja sowieso den Moment geniessen. Eben nur nicht dann, wenn einem grosse Veranstalter diesen streitig machen.

“Der Vorplatz ist der beste Kompromiss”

“Vorplatz”: Das Wort nimmt Bezug auf etwas, das nach ihm steht. Sie sind zwar oft rege frequentiert, aber nur selten belebt. Aus diesem Grund verdient der Reitschulvorplatz eigentlich einen anderen Namen.

 

Die Berner Reitschule lebt von der Vielfältigkeit ihrer Glieder. Tojo, Dachstock, Sous le pont oder Rössli sind nicht wegzudenken, ebensowenig der Vorplatz. Er hat sein eigenes Publikum und ist in diesem Sinne auch kein Anhängsel sondern ein gleichwertiger Teil der Reitschule.

 

Freiluftdisco ohne Ohrenschmerzen

In der Nacht verwandelt er sich regelmässig zur der meistbesuchten Freiluftdisco in Bern. Eine Musikanlage beschallt den Betonplatz dann mit 90dB unverwechselbarem Revoluzzer-Punkrock. Der Schalldruck verflüchtigt sich aufgrund der fehlenden Überdachung rasch in der Nacht, sodass die Atmosphäre zwar durch die Musik geprägt, anders als in einer Disco aber nicht von ihr dominiert ist.

 

Man muss sich deshalb keineswegs die Ohren mit daumengrossen Schaumstoffdübeln verschliessen, um einen Gehörschaden vorzubeugen, im Gegenteil: Gerede und Musik bilden eine unverwechselbare Geräuschkulisse, die sowohl fürs Tanzen, als auch für Gespräche einen angenehmen Hintergrund bietet.

 

Kein bestimmtes Prädikat

Folglich gibt es Tanzende, die reden, und Redende, die tanzen – inklusive sämtlicher Zwischenstufen. Der Vorplatz ist ein Kompromiss, aber gleichwohl das Beste, was aus dem kargen Betonplatz zu machen ist. Ihm ein bestimmtes Prädikat anheften zu wollen, wäre falsch.

 

Die Popularität des Vorplatzes rührt gerade daher, dass er eben nicht komplett in ein Schema einzuordnen ist. Weder macht ihn die Piratenbar kommerziell – man kann ja sein Bier auch selber mitbringen – noch räumt ihm der Pingpong-Tisch den Status als Sportplatz ein. Der Vorplatz ist ein alternativloses Unikat.

 

Dieser Artikel erschien zuerst auf www.journal-b.ch. Journal B ist ein unabhängiges Online-Medium für die Stadt Bern, das mehrmals wöchentlich Artikel in den Bereichen Politik, Alltag und Kultur publiziert.

Zwischen Solidarität und Selbstsucht

“Das Verhältnis zum Geld blieb in der Reithalle-Gegenkultur widersprüchlich und uneinheitlich. Wurden die Waren und Dienstleistungen zuerst überhaupt gratis oder zum Selbstkostenpreis angeboten, behalf man sich danach beim Eintritt zu Veranstaltungen jahrelang schamhaft mit Kollekten”, heisst es im Buch “Reithalle Bern – Autonomie und Kultur im Zentrum”, das zum 10-jährigen Jubiläum 1998 des Kulturzentrums erschienenen ist.

 

Verkommerzialisiert(e) die Reitschule?

Besucht man heute, über 25 Jahre nach der erneuten Besetzung des Gebäudekomplexes die  Reitschule, ist von Selbstkostenpreis, Kollekte und Schamgefühl nicht mehr viel zu erkennen. Mit Ausnahme des Kinos und der ab und zu stattfindenden Soli- oder Gratis-Konzerte hat heute praktisch alles seinen fast marktüblichen Preis. Die Flasche Maisgold à  33cl kostet 5 Franken, der Dachstock-Eintritt je nach Auftritt um die 25 Franken, gelegentlich auch mal mehr.

 

Die antikommerzialistische Preispolitik der Reitschule liegt schon ein Weilchen zurück. So endet bereits der eingangs zitierte Abschnitt mit dem Satz: “Die meisten AG (Arbeitsgruppen, Anm. d. Red.) verkaufen ihre Dienstleistungen allerdings heute zu festgesetzten Preisen.”

Zugegeben, vergleicht man die Preise mit den Umliegenden Kulturlokalen, dürfen sich die Besucherinnen und Besucher der Reitschule nicht beklagen. Und doch drängt sich bei einer Auseinandersetzung mit der ökonomischen Geschichte der Reitschule die Frage auf: Verkommerzialisiert(e) die Reitschule?

 

Von der Soli-Kollekte zum Eintrittspreis

Zur Beantwortung dieser Frage sind zwei Entwicklungen in der Geschichte der Reitschule von zentraler Bedeutung. Einerseits fand eine Art “Normalisierungsprozess” statt. Die nach und nach und unter heftigen Diskussionen eingeführten Löhne wurden legalisiert, Gastgewerbebewilligung und Billetsteuer eingeführt und aus Gebrauchsleihverträgen mit der Satdt wurde der heutige Leistungsvertrag. Diese Veränderungen brachten finanzielle Auswirkungen mit sich: Abgaben an den Staat wie Steuern und AHV-Beiträge sowie die Vermehrung bezahlter Arbeit erhöhten die anfallenden Fixkosten für das Kulturzentrum.

 

Die zweite, für die Preispolitik der Reitschule wegweisende Entwicklung war der zunehmende Mangel an Solidarität. Konnte sich die Reitschule zunächst auf Kollektenbasis “freiwillig” finanzieren, wurden gegen Ende der 80er-Jahre aufgrund mangelnder Bereitschaft Kollekte zu bezahlen, schliesslich Eintrittspreise eingeführt, welche sich im Laufe der Zeit und ebenjener Normalisierung erhöhten.

 

Nebst den enstandenen Abgaben und weiteren Fixkosten wie zunehmende Band-Gagen, Instandhaltung der Infrastruktur, war und ist vor allem die interne Umverteilung wichtiger Verwendungszweck der Reitschul-Finanzen. Während die Gastrobetriebe Sous Le Pont und Rössli Geld an den Reitschule-Fonds abgeben können und das Konzertlokal Dachstock etwa selbsttragend ist, sind Arbeitsgruppen wie die Zeitung “Megafon” und der Infoladen auf Unterstützung angewiesen.

 

Von der Freiwilligkeit zum “Kommerz-Zwang”

Mit vermehrten Ausgaben und mangelnder Solidarität kam eine Art “Zwang zum Kommerz”, der sich mit der steigenden Popularität der Reitschule noch verschärfte. Zu sehr auf Konsum, zu sehr nach dem Schema “ich zahle, also bekomm’ ich” ausgerichtet, dürfte die Mentalität der unzähligen Reitschul-Besucherinnen und -Besucher sein, als dass ein klar antikommerzielles, auf Freiwilligkeit basierendes System noch funktionieren könnte. Oder in den Worten des langjährigen Reitschülers Tom Locher: “Ich, ich, ich und der Rest ist scheissegal. Ausgrenzung, keine Solidarität. Ein egozentrisches Gewinnerzielungsinteresse. Halt nicht unbedingt im finanziellen Sinne, sondern geistig, das eigene Selbstverständnis betreffend. Das ist wohl das grösste Problem in der Reitschule und für ihre Zukunft.»

Category Archives: Reitschule

Die nicht zurückhaltende Spezies Frau

Jua* drängt sich im Backstagebereich des Frauenraums auf ein Sofa. Die vier Frauen sind nicht nur eine Band, sondern auch gute Freundinnen, das spürt man. Bassistin Anuschka schätzt den persönlichen Austausch, die Freundschaft untereinander: “Die erste halbe Stunde im Bandraum verbringen wir mit persönlichen Gesprächen, wie es uns geht, in unseren Beziehungen, im Beruf…” Konflikte sprechen sie immer an, das sei wichtig. Mit einem Lächeln zu Songwriterin Chrige meint Anja: “Vielleicht wartet man manchmal einen Moment zu lange, aber ansprechen tun wir’s immer.”

Diese Harmonie zieht sich bis auf die Bühne. Jua* singt oft mehrstimmig. Mit Cajón, Bassgitarre, akustischer Gitarre und starken Stimmen entsteht ein feinfühliger Mix aus Country, Folk und Blues. Dies passt wunderbar in den Frauenraum, der immer wieder als der gemütlichste aller Räume der Reitschule bezeichnet wird.

Der Frauenraum will aber nicht nur gemütlich sein. Die Frauen-Jamsession “play yourself”, initiiert von der Cajón-Spielerin Anja, soll Frauen in ihrem musikalischen Schaffen bestärken. Leider hielten sich talentierte Frauen oft zurück im Musikbusiness, wagen sich kaum auf die Bühne. Oder wie es Chrige ehrlich ausdrückt: “Wenn ein toller Musiker mit Gitarre (macht Luftgitarren-Bewegungen) kommt und eine riesen Show macht, trauen sich danach viele nicht mehr auf die Bühne”. Im geschützten Rahmen fänden Frauen eher den Mut, ihr Können zu zeigen. Zweifel und Zurückhaltung, so Anja, seien wohl Gründe für die wenigen Frauen in der Bandszene. Warum es Jua* trotzdem gibt? “Wir sind eben nicht so! Wir nicht! Wir sind eben die Spezies, die nicht zurückhaltend ist, die gibt’s auch!“, sind sich unter Gelächter alle einig.

Im Frauenraum sind die vier auch privat regelmässig zu Gast. “Wenn ich in den Ausgang gehe, dann komme ich fast nur hierher.”, so Anuschka. Auch Anja hat eine jahrelange Verbindung zum Frauenraum. Neben den Jamsessions hat sie auch sonst im Kollektiv mitgewirkt. Mit 20 war sie zum ersten Mal hier, da habe sich eine Welt aufgetan für sie: “Ich kam aus dem Wallis, einer anderen Welt. Dort kannte man keine linke Szene.”

Zurück auf die Bühne: Jua* verzichtet auf viel Bewegung. Lieber konzentrieren sie sich auf ihr Zusammenspiel. Die vier Frauen bilden eine Einheit, schauen einander an, schliessen die Augen. Sie scheinen ihre Musik zu geniessen.

“Wenn ich die Leute aber dann so stehen sehe, (verschränkt die Arme) dann habe ich das Gefühl: „oh shit“ irgendwas ist wohl nicht in Ordnung”, so Chrige. Sie lasse sich leicht verunsichern, auch heute noch, nach einigen Jahren Bühnenerfahrung.

“Heute war gut” sagt Chrige und meint damit aber ihr schlimmes Lampenfieber. Auch Sängerin Nadja wird davon geplagt, lacht aber und sagt augenzwinkernd: “Wir haben Tabletten…Baldrian etwa” Dass die beiden manchmal auch während den Konzerten noch aufgeregt sind, konnten sie vor dem Publikum aber gut verstecken. Ob bei folkigen Tanzstücken oder feinen Balladen, die Musikerinnen wirkten souverän und selbstbewusst.

Das Publikum, egal welchen Geschlechts, lauschte mit Freude den melodischen Klängen, wippte oder tanzte mit den Beats des Cajón, und bedankte sich mit einem langen Applaus, wofür Jua* gleich noch eine Zugabe schenkte.

“Ich bin die Summe aller Teile”

Tink.ch: Wer bist du, Pablo?

Pablo Nouvelle: Oh, das kann ich dir nicht in zwei Sätzen erklären.

Tue es in drei.

(lacht, überlegt.)

Ich bin die Summe aller Teile.

Wie äussert sich das?

Beispielsweise bin ich zwar mit Hip-Hop aufgewachsen und habe in meiner Musik auch deutlich Soul-Komponenten enthalten, doch mach ich keinen Hip-Hop. Das, was das Publikum heute gehört hat, war kein Hip-Hop, oder?

Nein. Was ich heute gehört habe war das Wort: real. Zwei Jungs sind während des Konzerts stehen geblieben und einer meinte verblüfft: “Der ist einfach REAL!” Was sagst du dazu?

Real? Nein, wenn schon bin ich “ächt”. Real ist zu gangsterhaft. (Als er das ausspricht, hält er sich die geballte Hand vor den Mund, als wollte er beatboxen.)

Warum hat es ausgerechnet die Summe deiner Teile soweit geschafft?

Meine Vision der Arbeit entspricht eben dem Zeitgeist. Das hat viel mit Glück, Timing und einer Menge Arbeit zu tun. Ich würde jetzt aber nicht sagen, dass ich ein Star bin.

Wie erlebst du die Auftritte in England im Gegensatz zu denen in der Schweiz?

In der Schweiz bist du als Künstler auf weichen Kissen gebettet. Dagegen ist England ganz anders.

Inwiefern?

England ist roh. Da kriegst du als Künstler nie die Gage der Schweiz, von einer Hotelübernachtung ganz zu schweigen. Sich in England als Künstler durchzuschlagen, ist nicht leicht.

Zwischen den Liedern hast du gesagt: “Reithalle, schön gibt es euch! Ich glaube, dass ihr nie abgeschafft werdet. Mit keiner SVP-Kampagne.” Siehst du dich als Künstler verpflichtet, auch politische Statements unter die Leute zu bringen?

Meine Musik war lange Zeit unpolitisch. Doch meine Filme sind die Kehrseite meiner Musik. (Pablo hat an der Universität Luzern Animation studiert. Sein Abschlussfilm “Bon voyage” (2012) spricht die Flüchtlingsthematik an und gewann nationale sowie internationale Preise.) Darin spreche ich soziale Themen an, die nicht unbedingt politisch sein müssen. Auch gehöre ich keiner Partei an. Was mich beschäftigt, spreche ich aber an.

Findest du, dass die Politik einen Platz in der Kunst hat?

Sie soll einen Platz haben dürfen, aber es soll kein Muss für Künstler sein, über Politik zu sprechen.

In meinem privaten Umfeld spüre ich durchaus das politische Engagement, doch in der Kunst noch nicht so.

Du hast Animation, also Film, studiert und machst gleichzeitig Musik. Was kann das eine, was das andere nicht kann?

Ich sag es mal so: Musik gleich Herz, Film gleich Kopf.

Diese Frage wird von Künstlern im Allgemeinen sehr ungern beantwortet. Aber: Was machst du eigentlich für Musik?

(lacht) Warmen und emotionalen Soul. Drops, aber kein EDM (Electronic Dance Music). EDM wäre eine Beleidigung. Auf jeden Fall Elektro, aber auch mit Folk und Rockeinflüssen. Die Summe aller Teile eben.

Weitere Informationen

www.pablonouvelle.com

Das nächste Konzert findet diesen Freitag, den 30. Oktober, im Werkk Kulturlokal in Baden statt.

“Ich bin die Summe aller Teile”

Tink.ch: Wer bist du, Pablo?

Pablo Nouvelle: Oh, das kann ich dir nicht in zwei Sätzen erklären.

 

Tue es in drei.

(lacht, überlegt.)

Ich bin die Summe aller Teile.

 

Wie äussert sich das?

Beispielsweise bin ich zwar mit Hip-Hop aufgewachsen und habe in meiner Musik auch deutlich Soul-Komponenten enthalten, doch mach ich keinen Hip-Hop. Das, was das Publikum heute gehört hat, war kein Hip-Hop, oder?

 

Nein. Was ich heute gehört habe war das Wort: real. Zwei Jungs sind während des Konzerts stehen geblieben und einer meinte verblüfft: “Der ist einfach REAL!” Was sagst du dazu?

Real? Nein, wenn schon bin ich “ächt”. Real ist zu gangsterhaft. (Als er das ausspricht, hält er sich die geballte Hand vor den Mund, als wollte er beatboxen.)

 

Warum hat es ausgerechnet die Summe deiner Teile soweit geschafft?

Meine Vision der Arbeit entspricht eben dem Zeitgeist. Das hat viel mit Glück, Timing und einer Menge Arbeit zu tun. Ich würde jetzt aber nicht sagen, dass ich ein Star bin.

 

Wie erlebst du die Auftritte in England im Gegensatz zu denen in der Schweiz?

In der Schweiz bist du als Künstler auf weichen Kissen gebettet. Dagegen ist England ganz anders.

 

Inwiefern?

England ist roh. Da kriegst du als Künstler nie die Gage der Schweiz, von einer Hotelübernachtung ganz zu schweigen. Sich in England als Künstler durchzuschlagen, ist nicht leicht.

 

Zwischen den Liedern hast du gesagt: “Reithalle, schön gibt es euch! Ich glaube, dass ihr nie abgeschafft werdet. Mit keiner SVP-Kampagne.” Siehst du dich als Künstler verpflichtet, auch politische Statements unter die Leute zu bringen?

Meine Musik war lange Zeit unpolitisch. Doch meine Filme sind die Kehrseite meiner Musik. (Pablo hat an der Universität Luzern Animation studiert. Sein Abschlussfilm “Bon voyage” (2012) spricht die Flüchtlingsthematik an und gewann nationale sowie internationale Preise.) Darin spreche ich soziale Themen an, die nicht unbedingt politisch sein müssen. Auch gehöre ich keiner Partei an. Was mich beschäftigt, spreche ich aber an.

 

Findest du, dass die Politik einen Platz in der Kunst hat?

Sie soll einen Platz haben dürfen, aber es soll kein Muss für Künstler sein, über Politik zu sprechen.

In meinem privaten Umfeld spüre ich durchaus das politische Engagement, doch in der Kunst noch nicht so.

 

Du hast Animation, also Film, studiert und machst gleichzeitig Musik. Was kann das eine, was das andere nicht kann?

Ich sag es mal so: Musik gleich Herz, Film gleich Kopf.

 

Diese Frage wird von Künstlern im Allgemeinen sehr ungern beantwortet. Aber: Was machst du eigentlich für Musik?

(lacht) Warmen und emotionalen Soul. Drops, aber kein EDM (Electronic Dance Music). EDM wäre eine Beleidigung. Auf jeden Fall Elektro, aber auch mit Folk und Rockeinflüssen. Die Summe aller Teile eben.

 

 

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Das nächste Konzert findet diesen Freitag, den 30. Oktober, im Werkk Kulturlokal in Baden statt.

“Chillen mit Marx”

Um sieben Uhr abends ist noch nicht viel los auf dem Vorplatz der Reitschule. Das wird sich bald ändern. Der Freitagabend ist noch jung und das Reitschulfest lockt. Zu den treuen Reitschulgängern werden heute viele weitere Besuchende erwartet.

Seit 25 Jahren wird die Reitschule immer wieder in Frage gestellt. Die neuste Unterschriftensammlung hat gerade erst begonnen. Falls die kantonale Volksinitiative zu Stande kommt, wird es die sechste Prüfung an der Urne seit 1990. Noch älter als die Geschichte der Urnenabstimmungen ist gemäss den Veranstaltern das Reitschulefest. Zum 28. Mal lockt das Fest am Wochenende mit Musik, Theater und Kino.

Arbeitsgruppen

Als Auftakt des Reitschulefests führen zwei Reitschüler neugierige Besuchende durch die in den frühen Abendstunden noch leeren Räume des Kulturzentrums. Mit einem Bier in der Hand erklärt der eine – mit Namen wollen beide nicht genannt werden – die für Aussenstehende manchmal komplizierten Strukturen der Reitschule. Ein Reitschüler, eine Reitschülerin zu sein, bedeutet in der Szene, in einer der vielen AGs mitzuwirken. In der antikapitalistischen Reitschulwelt steht diese Abkürzung für Arbeitsgruppe. Diese organisieren den Betrieb ihres jeweiligen Raumes.

In der kleinen und engen Druckerei etwa werden Flyer, das Hausmagazin megafon, aber auch externe Aufträge auf Papier gebracht. Vis à vis befindet sich das Kino, wo Stallboden und Heuraufe an die Ursprünge der Reitschule erinnern und für ein besonderes Flair sorgen. Heute werden hier die beiden Reitschul-Streifen von Andreas Berger gezeigt.

Im normalen Betrieb wird im Kino lediglich um eine Kollekte gebeten. Manchmal seien die Beträge ziemlich frustrierend, sagt ein Kino-Mitglied. Weshalb der geliebte, aber teure 35mm-Film leider oft den DVDs weichen müsse.

Heterogene Reitschule

Die AGs sind, abgesehen von den Verpflichtungen durch Statuten und Manifest, autonom. Das heisst, sie können beispielsweise selbst bestimmen, ob und wie sie ihre Mitgliederentlöhnen. Mehrere Reitschüler bestätigen, dass dies innerhalb der Reitschule immer wieder zu Spannungen führe. Auch in der Reitschule finde man eben ein weites, diverses Meinungsbild, so ein Mitglied des Tojo-Theater.

Im zweiten Stock, über dem Kino, befindet sich der Frauenraum. An der Wand sind in grossen Lettern die Schlagworte des Manifests aufgemalt. Kein Sexismus. Keine Homophobie. Der wohl gemütlichste aller Reitschulräume ist aber trotz seiner Bezeichnung meist für alle Geschlechter offen. Einzig die ehrenamtlich arbeitenden “Kollektivas” sind alles Frauen, und die auftretenden Musikbands müssen mindestens zur Hälfte weibliche Mitglieder haben.

Konsenszwang

Im Raum daneben, im Körperdojo, werden verschiedene Kurse angeboten. So unterschiedlich die Sichtweisen in der Reitschule sind, so ist hier auch das Bewegungsangebot: Es reicht von Yoga über Poledance bis “Grr”, dem Kampfsporttraining. Ausserhalb des Dojos versucht man laut Manifest aber, Konflikte gewaltfrei zu lösen.

Konsens statt Konflikte gilt auch an den Versammlungen der Reitschüler. Alle Entscheide werden basisdemokratisch entschieden. Ein einziger Skeptiker kann also einen Beschluss verhindern. Dies sei anstrengend, sagt eine Mitarbeiterin des Dachstocks. Es habe sich wohl schon jeder einmal aufgeregt über stundenlange Sitzungen ohne handfestes Resultat. Die Basisdemokratie zwinge die Reitschüler aber, einander zuzuhören und vielfältige Sichtweisen anzuerkennen.

Rotes Theater

Das Tojo Theater ist eine der wenigen Gruppen, die sich Löhne ausbezahlen. Am Reitschulefest läuft hier “Chillen mit Marx”. An die Wände wird in rotem Licht ein Foto von Marx projeziert. Dazu passend gibt’s rote Getränke an der Bar und die AG-Mitglieder lesen hinter langen Bärten Zitate aus Marx’ Werken. Eine eigene Theatergruppe hat das Tojo Theater allerdings nicht mehr. Theatergruppen, auch internationale, können das Tojo mieten, als Gage dienen die Einnahmen aus den Billet- und Barverkäufen. Ohne Subventionen der Stadt würde das Theater allerdings nicht überleben.

Im Gegensatz zum Tojo hat der Dachstock durch regelmässig grössere Anlässe höhere Einnahmen. Diese indes kommen durch die interne Quersubventionierung allen AGs und somit der gesamten Reitschule zu Gute. Genau hier lauern Fragen, die schon zu so manchen kontroversen Diskussionen in der Reitschule geführt haben: Wie viel ökonomisches Handeln erträgt die Reitschule? Vertragen sich die Preise mit der Reitschulkultur? Oder werden finanziell Schwächere mit hohen Eintrittspreisen ausgeschlossen – wo die Reitschule offen für alle sein will.

Unter dem Dachstock liegen das Restaurant Sous le Pont und die Rössli-Bar. Die Endstation unserer Tour bot in den Anfängen der Reitschule häufig Zuflucht für die Drogenszene auf dem Vorplatz. Als Gegenmassnahme liessen die Behörden den Raum des heutigen Rössli mit Beton, Sand und Kies füllen. Die Vorplatzbewohner verschwanden, das Drogenproblem blieb und bleibt bis heute. Diesen Frühling lancierte die Interessengemeinschaft Kulturraum Reitschule (Ikur) deshalb die Kampagne “No Deal Area”. Ist sie erfolgreich, so wäre ein erster Schritt für die nächste Urnenprüfung getan.

“Ich fühle mich so gut wie überall wohl”

Es ist ein kalter, nebliger Morgen. Wir folgen Berivan ins Gebäude. Ihr schwarzes Haar wippt leicht hin und her. Zügig läuft sie durch die Gänge, vorbei an Wäscheleinen, spielenden Kindern, leise diskutierenden Erwachsenen. Dabei erzählt uns die Syrierin ihre Geschichte. Wie es dazu kam, dass sie und ihr Ehemann in dieser alten, überfüllten bulgarischen Schule ihre Flitterwochen verbringen.

 

Diese Szene filmte die Dokumentarfilmerin Eileen Hofer schon im Frühjahr 2013. Sie lernte Berivan in einem Flüchtlingsheim kennen, als sie aus eigener Initiative nach Bulgarien reiste, um den Flüchtlingen lebensnotwendige Spenden zu bringen. In nur einer Stunde entstand so ihr Kurzfilm “My Honeymoon” – meine Flitterwochen.

 

Wie in vielen ihrer Filme gibt die Protagonistin viel von sich preis. Auch wenn das Gesicht von Berivan nur am Schluss ganz kurz gezeigt wird, taucht man für knappe vier Minuten in ihr Leben, ihre Ängste und Hoffnungen ein.

Eileen Hofer hatte die Syrierin nur eine Stunde zuvor getroffen, und trotzdem entstand ein sehr persönliches Porträt. Dass dies möglich war, erklärt Hofer mit ihren eigenen Wurzeln im Mittleren Osten: “Das verbindet, auch wenn ich nicht Arabisch spreche.”

 

Gefilmt hat die Genferin schon an vielen unterschiedlichen Orten: Neben Bulgarien etwa auch in Afghanistan, Aserbaidschan und auf Kuba. Dank ihrem familiären Hintergrund, aber auch durch zahlreiche, teils längere Reisen hat Hofer die Welt und ihre verschiedenen Kulturen und Bürger kennengelernt. Dies erleichtere ihre Arbeit. Sie fühle sich fast überall schnell wohl, und auch ihre Protagonisten fassten rasch Vertrauen zu ihr. In Aserbaidschan wurde sie gar noch während den Dreharbeiten zu einer Hochzeit eingeladen.

 

Berivans Traum, nach Deutschland zu können, ist inzwischen wahr geworden. Wie es ihr heute geht, weiss Hofer allerdings nicht. Sie macht sich aber keine Sorgen: “Berivan ist eine starke Frau, spricht Englisch und hatte Zugang zu universitärer Bildung.”

 

Die Themen Immigration, Heimat und Identitätsfindung sind ein ständiger Begleiter in Hofers Filmen. So ist “My Honeymoon” auch ein wichtiger Beitrag in der aktuellen Asyldebatte. In einem Interview von Arte meint Hofer, dass die Menschen trotz unterschiedlicher Kulturen, Hintergründe und Wurzeln alle irgendwie gleich seien. “Das ist der Kern meiner Filme, diese Türen zu öffnen. Wir essen, wir mögen es zu lachen, wir mögen es, zu lieben.”

 

Mehr zum Thema


Bereits zum 13. Mal findet in Bern und der ganzen Welt das Kurzfilmfestival shnit statt. Ursprünglich ein Kurzfilmabend in der Reitschule, ist das shnit heute ein bedeutendes internationales Kurzfilmfestival, welches unter anderem auch in Kyoto und Buenos Aires stattfindet. Vom 7. bis 11. Oktober werden in Bern an 13 Spielstätten Kurzfilme gezeigt. Sowohl jede erdenkliche Kulisse – Kirche, Bahnhof bis Cincebad- wie auch jeder mögliche Filmvorliebe– Zeichentrick, Doku bis Komödie – wird dabei bedient.

Kann man den Summer Beach doch mögen?

Alle Jahre im Mai öffnet das Marzili seine Tore, bringen die Beizen ihre Tische nach draussen, stellen die Gelaterias ihre neuen Kreationen für den Sommer vor. Seit ein paar Jahren schon gesellt sich eine neue Attraktion dazu: der eingezäunte Sandkasten auf der Grossen Schanze, der “Summer Beach”.

 

Und immer am Anfang des Sommers nerve ich mich wieder aufs Neue. Pünktlich wenn ich, die Füsse im kühlen Lebensbrunnen (ja, er heisst wirklich so!), die wärmeren Temperaturen nun endlich so richtig geniessen könnte, kommen sie angefahren. Mit ihren Gittern. Dem Quarzsand. Den Rattan Lounches. Den tosenden Generatoren. Vergangenen Samstag nahm die Dauerveranstaltung ein Ende, wurde der öffentliche Platz wieder der Öffentlichkeit übergeben. Bevor sich der Quarzsand verabschiedete, musste ich mich jedoch einem Selbstversuch unterziehen.

 

Erste Runde

Nun gut, der Sandkasten ist da, und ein paar aufgebrachte Bernerinnen und Berner werden dieses Unding nicht vertreiben können. Meine späte Beichte: Vor diesem Selbstversuch war ich noch nie drin. Ich komme mir ein wenig vor wie all die Reitschul-Gegner, die einmal mit dem Zug die Reitschule passieren, die Graffitis sehen und dann zu Hause Erich Hess applaudieren.

 

Deshalb habe ich einen Selbstversuch unternommen, den Summer Beach doch zu mögen. Oder ihn mir wenigstens schön zu trinken. Denn mit den Übeln des Lebens lebt es sich leichter, wenn man sie zumindest akzeptieren kann.

 

Die erste Runde (eher teures) Bier ist bestellt. Die weissen Kunstledermatratzen erinnern mich an etwas zwischen Arztliegen und meiner Vorstellung von Matratzen in einem Stundenhotel. So entscheide ich mich nach einem kurzen Probeliegen doch für den kleinen Liegestuhl.

 

Die Inhaber geben an, mit dem Summer Beach die Grosse Schanze zu beleben. Was wollen sie denn beleben? Bis Ende April war die ganze Schanze belebt, und ab Ende August wird sie es auch wieder sein: Familien am Spielen, Arbeitnehmer am Mittagessen, Punks am Tanzen. Ein strahlendes Kunterbunt aus allen Ecken Berns.

 

Zweite Runde

Warum ich mit dem Summer Beach nicht so wirklich warm werde? Den ganzen Sommer über blockiert er den Platz um den Brunnen, obwohl er dann doch nur ab vier Uhr und nur bei schönem Wetter geöffnet ist. Er verdrängt das strahlende Kunterbunt. Und ausserdem ist er, ganz klar, einfach hässlich, zumindest von aussen gesehen.

 

Herrje, es könnte so schön sein, so gemütlich. Aber nein, jedes Fleckchen der Stadt Bern wird in der Sommerzeit bis zum letzten Millimeter von kommerziellen Veranstaltern genutzt.

 

Nun – mittlerweile nippe ich am zweiten Bier – wechsle ich auf ein “fatboy” Sitzkissen. Dies fühlt sich leider weniger gemütlich an, als es aussieht. Dafür habe ich einen optimalen Ausblick auf den schönen Abendhimmel beim Eindunkeln. Den kann ich allerdings auch sonst wo haben. Überhaupt frage ich mich, warum gerade dieser Platz für den Summer Beach herhalten muss. Einmal drin, hat man sowieso nur noch Aussicht auf die Bastzäune.

 

Dritte Runde

Die ewige Kommerzialisierung macht weder vor der Stadt, noch vor der Grossen Schanze halt. Der Summer Beach ist zwar von innen durchaus gemütlicher, als man von aussen erahnen könnte. Als sommerüberdauernde Attraktion auf einem so prominenten Platz würde ich mir allerdings ein etwas anderes, offeneres, weniger auf Kommerz ausgerichtetes Angebot wünschen.

 

Beim dritten Bier angelangt, werde ich aufgefordert, den Sandkasten wegen aufziehenden Regens zu verlassen. Wirklich traurig bin ich nicht über das frühzeitige Ende meines Selbstversuchs. Auch bei den anderen Besuchern kommt nicht so richtig Stimmung auf. Ich beobachte fünf Leute zusammen auf einem Bett – pardon, Baldachin – alle sind aber nur mit ihren Smartphones beschäftigt. Ob vielleicht die weissen Kunstledermatrazen die Stimmung bremsen?

 

Fazit

Gut finde ich, dass ich mal im Sandkasten drin war. Besser finde ich, dass ich wieder draussen bin. Auf dem Rasen der Grossen Schanze fühle ich mich wesentlich wohler. Doch da selbst dort während einem Monat die Leinwand des Salzkinos dafür sorgt, dass beinahe kein Platz mehr fürs Verweilen auf der grossen Wiese bleibt, wird dieser Genuss auch nur kurz währen. Aber man soll ja sowieso den Moment geniessen. Eben nur nicht dann, wenn einem grosse Veranstalter diesen streitig machen.

“Der Vorplatz ist der beste Kompromiss”

“Vorplatz”: Das Wort nimmt Bezug auf etwas, das nach ihm steht. Sie sind zwar oft rege frequentiert, aber nur selten belebt. Aus diesem Grund verdient der Reitschulvorplatz eigentlich einen anderen Namen.

 

Die Berner Reitschule lebt von der Vielfältigkeit ihrer Glieder. Tojo, Dachstock, Sous le pont oder Rössli sind nicht wegzudenken, ebensowenig der Vorplatz. Er hat sein eigenes Publikum und ist in diesem Sinne auch kein Anhängsel sondern ein gleichwertiger Teil der Reitschule.

 

Freiluftdisco ohne Ohrenschmerzen

In der Nacht verwandelt er sich regelmässig zur der meistbesuchten Freiluftdisco in Bern. Eine Musikanlage beschallt den Betonplatz dann mit 90dB unverwechselbarem Revoluzzer-Punkrock. Der Schalldruck verflüchtigt sich aufgrund der fehlenden Überdachung rasch in der Nacht, sodass die Atmosphäre zwar durch die Musik geprägt, anders als in einer Disco aber nicht von ihr dominiert ist.

 

Man muss sich deshalb keineswegs die Ohren mit daumengrossen Schaumstoffdübeln verschliessen, um einen Gehörschaden vorzubeugen, im Gegenteil: Gerede und Musik bilden eine unverwechselbare Geräuschkulisse, die sowohl fürs Tanzen, als auch für Gespräche einen angenehmen Hintergrund bietet.

 

Kein bestimmtes Prädikat

Folglich gibt es Tanzende, die reden, und Redende, die tanzen – inklusive sämtlicher Zwischenstufen. Der Vorplatz ist ein Kompromiss, aber gleichwohl das Beste, was aus dem kargen Betonplatz zu machen ist. Ihm ein bestimmtes Prädikat anheften zu wollen, wäre falsch.

 

Die Popularität des Vorplatzes rührt gerade daher, dass er eben nicht komplett in ein Schema einzuordnen ist. Weder macht ihn die Piratenbar kommerziell – man kann ja sein Bier auch selber mitbringen – noch räumt ihm der Pingpong-Tisch den Status als Sportplatz ein. Der Vorplatz ist ein alternativloses Unikat.

 

Dieser Artikel erschien zuerst auf www.journal-b.ch. Journal B ist ein unabhängiges Online-Medium für die Stadt Bern, das mehrmals wöchentlich Artikel in den Bereichen Politik, Alltag und Kultur publiziert.

Zwischen Solidarität und Selbstsucht

“Das Verhältnis zum Geld blieb in der Reithalle-Gegenkultur widersprüchlich und uneinheitlich. Wurden die Waren und Dienstleistungen zuerst überhaupt gratis oder zum Selbstkostenpreis angeboten, behalf man sich danach beim Eintritt zu Veranstaltungen jahrelang schamhaft mit Kollekten”, heisst es im Buch “Reithalle Bern – Autonomie und Kultur im Zentrum”, das zum 10-jährigen Jubiläum 1998 des Kulturzentrums erschienenen ist.

 

Verkommerzialisiert(e) die Reitschule?

Besucht man heute, über 25 Jahre nach der erneuten Besetzung des Gebäudekomplexes die  Reitschule, ist von Selbstkostenpreis, Kollekte und Schamgefühl nicht mehr viel zu erkennen. Mit Ausnahme des Kinos und der ab und zu stattfindenden Soli- oder Gratis-Konzerte hat heute praktisch alles seinen fast marktüblichen Preis. Die Flasche Maisgold à  33cl kostet 5 Franken, der Dachstock-Eintritt je nach Auftritt um die 25 Franken, gelegentlich auch mal mehr.

 

Die antikommerzialistische Preispolitik der Reitschule liegt schon ein Weilchen zurück. So endet bereits der eingangs zitierte Abschnitt mit dem Satz: “Die meisten AG (Arbeitsgruppen, Anm. d. Red.) verkaufen ihre Dienstleistungen allerdings heute zu festgesetzten Preisen.”

Zugegeben, vergleicht man die Preise mit den Umliegenden Kulturlokalen, dürfen sich die Besucherinnen und Besucher der Reitschule nicht beklagen. Und doch drängt sich bei einer Auseinandersetzung mit der ökonomischen Geschichte der Reitschule die Frage auf: Verkommerzialisiert(e) die Reitschule?

 

Von der Soli-Kollekte zum Eintrittspreis

Zur Beantwortung dieser Frage sind zwei Entwicklungen in der Geschichte der Reitschule von zentraler Bedeutung. Einerseits fand eine Art “Normalisierungsprozess” statt. Die nach und nach und unter heftigen Diskussionen eingeführten Löhne wurden legalisiert, Gastgewerbebewilligung und Billetsteuer eingeführt und aus Gebrauchsleihverträgen mit der Satdt wurde der heutige Leistungsvertrag. Diese Veränderungen brachten finanzielle Auswirkungen mit sich: Abgaben an den Staat wie Steuern und AHV-Beiträge sowie die Vermehrung bezahlter Arbeit erhöhten die anfallenden Fixkosten für das Kulturzentrum.

 

Die zweite, für die Preispolitik der Reitschule wegweisende Entwicklung war der zunehmende Mangel an Solidarität. Konnte sich die Reitschule zunächst auf Kollektenbasis “freiwillig” finanzieren, wurden gegen Ende der 80er-Jahre aufgrund mangelnder Bereitschaft Kollekte zu bezahlen, schliesslich Eintrittspreise eingeführt, welche sich im Laufe der Zeit und ebenjener Normalisierung erhöhten.

 

Nebst den enstandenen Abgaben und weiteren Fixkosten wie zunehmende Band-Gagen, Instandhaltung der Infrastruktur, war und ist vor allem die interne Umverteilung wichtiger Verwendungszweck der Reitschul-Finanzen. Während die Gastrobetriebe Sous Le Pont und Rössli Geld an den Reitschule-Fonds abgeben können und das Konzertlokal Dachstock etwa selbsttragend ist, sind Arbeitsgruppen wie die Zeitung “Megafon” und der Infoladen auf Unterstützung angewiesen.

 

Von der Freiwilligkeit zum “Kommerz-Zwang”

Mit vermehrten Ausgaben und mangelnder Solidarität kam eine Art “Zwang zum Kommerz”, der sich mit der steigenden Popularität der Reitschule noch verschärfte. Zu sehr auf Konsum, zu sehr nach dem Schema “ich zahle, also bekomm’ ich” ausgerichtet, dürfte die Mentalität der unzähligen Reitschul-Besucherinnen und -Besucher sein, als dass ein klar antikommerzielles, auf Freiwilligkeit basierendes System noch funktionieren könnte. Oder in den Worten des langjährigen Reitschülers Tom Locher: “Ich, ich, ich und der Rest ist scheissegal. Ausgrenzung, keine Solidarität. Ein egozentrisches Gewinnerzielungsinteresse. Halt nicht unbedingt im finanziellen Sinne, sondern geistig, das eigene Selbstverständnis betreffend. Das ist wohl das grösste Problem in der Reitschule und für ihre Zukunft.»

Category Archives: Reitschule

Die nicht zurückhaltende Spezies Frau

Jua* drängt sich im Backstagebereich des Frauenraums auf ein Sofa. Die vier Frauen sind nicht nur eine Band, sondern auch gute Freundinnen, das spürt man. Bassistin Anuschka schätzt den persönlichen Austausch, die Freundschaft untereinander: “Die erste halbe Stunde im Bandraum verbringen wir mit persönlichen Gesprächen, wie es uns geht, in unseren Beziehungen, im Beruf…” Konflikte sprechen sie immer an, das sei wichtig. Mit einem Lächeln zu Songwriterin Chrige meint Anja: “Vielleicht wartet man manchmal einen Moment zu lange, aber ansprechen tun wir’s immer.”

Diese Harmonie zieht sich bis auf die Bühne. Jua* singt oft mehrstimmig. Mit Cajón, Bassgitarre, akustischer Gitarre und starken Stimmen entsteht ein feinfühliger Mix aus Country, Folk und Blues. Dies passt wunderbar in den Frauenraum, der immer wieder als der gemütlichste aller Räume der Reitschule bezeichnet wird.

Der Frauenraum will aber nicht nur gemütlich sein. Die Frauen-Jamsession “play yourself”, initiiert von der Cajón-Spielerin Anja, soll Frauen in ihrem musikalischen Schaffen bestärken. Leider hielten sich talentierte Frauen oft zurück im Musikbusiness, wagen sich kaum auf die Bühne. Oder wie es Chrige ehrlich ausdrückt: “Wenn ein toller Musiker mit Gitarre (macht Luftgitarren-Bewegungen) kommt und eine riesen Show macht, trauen sich danach viele nicht mehr auf die Bühne”. Im geschützten Rahmen fänden Frauen eher den Mut, ihr Können zu zeigen. Zweifel und Zurückhaltung, so Anja, seien wohl Gründe für die wenigen Frauen in der Bandszene. Warum es Jua* trotzdem gibt? “Wir sind eben nicht so! Wir nicht! Wir sind eben die Spezies, die nicht zurückhaltend ist, die gibt’s auch!“, sind sich unter Gelächter alle einig.

Im Frauenraum sind die vier auch privat regelmässig zu Gast. “Wenn ich in den Ausgang gehe, dann komme ich fast nur hierher.”, so Anuschka. Auch Anja hat eine jahrelange Verbindung zum Frauenraum. Neben den Jamsessions hat sie auch sonst im Kollektiv mitgewirkt. Mit 20 war sie zum ersten Mal hier, da habe sich eine Welt aufgetan für sie: “Ich kam aus dem Wallis, einer anderen Welt. Dort kannte man keine linke Szene.”

Zurück auf die Bühne: Jua* verzichtet auf viel Bewegung. Lieber konzentrieren sie sich auf ihr Zusammenspiel. Die vier Frauen bilden eine Einheit, schauen einander an, schliessen die Augen. Sie scheinen ihre Musik zu geniessen.

“Wenn ich die Leute aber dann so stehen sehe, (verschränkt die Arme) dann habe ich das Gefühl: „oh shit“ irgendwas ist wohl nicht in Ordnung”, so Chrige. Sie lasse sich leicht verunsichern, auch heute noch, nach einigen Jahren Bühnenerfahrung.

“Heute war gut” sagt Chrige und meint damit aber ihr schlimmes Lampenfieber. Auch Sängerin Nadja wird davon geplagt, lacht aber und sagt augenzwinkernd: “Wir haben Tabletten…Baldrian etwa” Dass die beiden manchmal auch während den Konzerten noch aufgeregt sind, konnten sie vor dem Publikum aber gut verstecken. Ob bei folkigen Tanzstücken oder feinen Balladen, die Musikerinnen wirkten souverän und selbstbewusst.

Das Publikum, egal welchen Geschlechts, lauschte mit Freude den melodischen Klängen, wippte oder tanzte mit den Beats des Cajón, und bedankte sich mit einem langen Applaus, wofür Jua* gleich noch eine Zugabe schenkte.

“Ich bin die Summe aller Teile”

Tink.ch: Wer bist du, Pablo?

Pablo Nouvelle: Oh, das kann ich dir nicht in zwei Sätzen erklären.

Tue es in drei.

(lacht, überlegt.)

Ich bin die Summe aller Teile.

Wie äussert sich das?

Beispielsweise bin ich zwar mit Hip-Hop aufgewachsen und habe in meiner Musik auch deutlich Soul-Komponenten enthalten, doch mach ich keinen Hip-Hop. Das, was das Publikum heute gehört hat, war kein Hip-Hop, oder?

Nein. Was ich heute gehört habe war das Wort: real. Zwei Jungs sind während des Konzerts stehen geblieben und einer meinte verblüfft: “Der ist einfach REAL!” Was sagst du dazu?

Real? Nein, wenn schon bin ich “ächt”. Real ist zu gangsterhaft. (Als er das ausspricht, hält er sich die geballte Hand vor den Mund, als wollte er beatboxen.)

Warum hat es ausgerechnet die Summe deiner Teile soweit geschafft?

Meine Vision der Arbeit entspricht eben dem Zeitgeist. Das hat viel mit Glück, Timing und einer Menge Arbeit zu tun. Ich würde jetzt aber nicht sagen, dass ich ein Star bin.

Wie erlebst du die Auftritte in England im Gegensatz zu denen in der Schweiz?

In der Schweiz bist du als Künstler auf weichen Kissen gebettet. Dagegen ist England ganz anders.

Inwiefern?

England ist roh. Da kriegst du als Künstler nie die Gage der Schweiz, von einer Hotelübernachtung ganz zu schweigen. Sich in England als Künstler durchzuschlagen, ist nicht leicht.

Zwischen den Liedern hast du gesagt: “Reithalle, schön gibt es euch! Ich glaube, dass ihr nie abgeschafft werdet. Mit keiner SVP-Kampagne.” Siehst du dich als Künstler verpflichtet, auch politische Statements unter die Leute zu bringen?

Meine Musik war lange Zeit unpolitisch. Doch meine Filme sind die Kehrseite meiner Musik. (Pablo hat an der Universität Luzern Animation studiert. Sein Abschlussfilm “Bon voyage” (2012) spricht die Flüchtlingsthematik an und gewann nationale sowie internationale Preise.) Darin spreche ich soziale Themen an, die nicht unbedingt politisch sein müssen. Auch gehöre ich keiner Partei an. Was mich beschäftigt, spreche ich aber an.

Findest du, dass die Politik einen Platz in der Kunst hat?

Sie soll einen Platz haben dürfen, aber es soll kein Muss für Künstler sein, über Politik zu sprechen.

In meinem privaten Umfeld spüre ich durchaus das politische Engagement, doch in der Kunst noch nicht so.

Du hast Animation, also Film, studiert und machst gleichzeitig Musik. Was kann das eine, was das andere nicht kann?

Ich sag es mal so: Musik gleich Herz, Film gleich Kopf.

Diese Frage wird von Künstlern im Allgemeinen sehr ungern beantwortet. Aber: Was machst du eigentlich für Musik?

(lacht) Warmen und emotionalen Soul. Drops, aber kein EDM (Electronic Dance Music). EDM wäre eine Beleidigung. Auf jeden Fall Elektro, aber auch mit Folk und Rockeinflüssen. Die Summe aller Teile eben.

Weitere Informationen

www.pablonouvelle.com

Das nächste Konzert findet diesen Freitag, den 30. Oktober, im Werkk Kulturlokal in Baden statt.

“Ich bin die Summe aller Teile”

Tink.ch: Wer bist du, Pablo?

Pablo Nouvelle: Oh, das kann ich dir nicht in zwei Sätzen erklären.

 

Tue es in drei.

(lacht, überlegt.)

Ich bin die Summe aller Teile.

 

Wie äussert sich das?

Beispielsweise bin ich zwar mit Hip-Hop aufgewachsen und habe in meiner Musik auch deutlich Soul-Komponenten enthalten, doch mach ich keinen Hip-Hop. Das, was das Publikum heute gehört hat, war kein Hip-Hop, oder?

 

Nein. Was ich heute gehört habe war das Wort: real. Zwei Jungs sind während des Konzerts stehen geblieben und einer meinte verblüfft: “Der ist einfach REAL!” Was sagst du dazu?

Real? Nein, wenn schon bin ich “ächt”. Real ist zu gangsterhaft. (Als er das ausspricht, hält er sich die geballte Hand vor den Mund, als wollte er beatboxen.)

 

Warum hat es ausgerechnet die Summe deiner Teile soweit geschafft?

Meine Vision der Arbeit entspricht eben dem Zeitgeist. Das hat viel mit Glück, Timing und einer Menge Arbeit zu tun. Ich würde jetzt aber nicht sagen, dass ich ein Star bin.

 

Wie erlebst du die Auftritte in England im Gegensatz zu denen in der Schweiz?

In der Schweiz bist du als Künstler auf weichen Kissen gebettet. Dagegen ist England ganz anders.

 

Inwiefern?

England ist roh. Da kriegst du als Künstler nie die Gage der Schweiz, von einer Hotelübernachtung ganz zu schweigen. Sich in England als Künstler durchzuschlagen, ist nicht leicht.

 

Zwischen den Liedern hast du gesagt: “Reithalle, schön gibt es euch! Ich glaube, dass ihr nie abgeschafft werdet. Mit keiner SVP-Kampagne.” Siehst du dich als Künstler verpflichtet, auch politische Statements unter die Leute zu bringen?

Meine Musik war lange Zeit unpolitisch. Doch meine Filme sind die Kehrseite meiner Musik. (Pablo hat an der Universität Luzern Animation studiert. Sein Abschlussfilm “Bon voyage” (2012) spricht die Flüchtlingsthematik an und gewann nationale sowie internationale Preise.) Darin spreche ich soziale Themen an, die nicht unbedingt politisch sein müssen. Auch gehöre ich keiner Partei an. Was mich beschäftigt, spreche ich aber an.

 

Findest du, dass die Politik einen Platz in der Kunst hat?

Sie soll einen Platz haben dürfen, aber es soll kein Muss für Künstler sein, über Politik zu sprechen.

In meinem privaten Umfeld spüre ich durchaus das politische Engagement, doch in der Kunst noch nicht so.

 

Du hast Animation, also Film, studiert und machst gleichzeitig Musik. Was kann das eine, was das andere nicht kann?

Ich sag es mal so: Musik gleich Herz, Film gleich Kopf.

 

Diese Frage wird von Künstlern im Allgemeinen sehr ungern beantwortet. Aber: Was machst du eigentlich für Musik?

(lacht) Warmen und emotionalen Soul. Drops, aber kein EDM (Electronic Dance Music). EDM wäre eine Beleidigung. Auf jeden Fall Elektro, aber auch mit Folk und Rockeinflüssen. Die Summe aller Teile eben.

 

 

Weitere Informationen


 

www.pablonouvelle.com

Das nächste Konzert findet diesen Freitag, den 30. Oktober, im Werkk Kulturlokal in Baden statt.

“Chillen mit Marx”

Um sieben Uhr abends ist noch nicht viel los auf dem Vorplatz der Reitschule. Das wird sich bald ändern. Der Freitagabend ist noch jung und das Reitschulfest lockt. Zu den treuen Reitschulgängern werden heute viele weitere Besuchende erwartet.

Seit 25 Jahren wird die Reitschule immer wieder in Frage gestellt. Die neuste Unterschriftensammlung hat gerade erst begonnen. Falls die kantonale Volksinitiative zu Stande kommt, wird es die sechste Prüfung an der Urne seit 1990. Noch älter als die Geschichte der Urnenabstimmungen ist gemäss den Veranstaltern das Reitschulefest. Zum 28. Mal lockt das Fest am Wochenende mit Musik, Theater und Kino.

Arbeitsgruppen

Als Auftakt des Reitschulefests führen zwei Reitschüler neugierige Besuchende durch die in den frühen Abendstunden noch leeren Räume des Kulturzentrums. Mit einem Bier in der Hand erklärt der eine – mit Namen wollen beide nicht genannt werden – die für Aussenstehende manchmal komplizierten Strukturen der Reitschule. Ein Reitschüler, eine Reitschülerin zu sein, bedeutet in der Szene, in einer der vielen AGs mitzuwirken. In der antikapitalistischen Reitschulwelt steht diese Abkürzung für Arbeitsgruppe. Diese organisieren den Betrieb ihres jeweiligen Raumes.

In der kleinen und engen Druckerei etwa werden Flyer, das Hausmagazin megafon, aber auch externe Aufträge auf Papier gebracht. Vis à vis befindet sich das Kino, wo Stallboden und Heuraufe an die Ursprünge der Reitschule erinnern und für ein besonderes Flair sorgen. Heute werden hier die beiden Reitschul-Streifen von Andreas Berger gezeigt.

Im normalen Betrieb wird im Kino lediglich um eine Kollekte gebeten. Manchmal seien die Beträge ziemlich frustrierend, sagt ein Kino-Mitglied. Weshalb der geliebte, aber teure 35mm-Film leider oft den DVDs weichen müsse.

Heterogene Reitschule

Die AGs sind, abgesehen von den Verpflichtungen durch Statuten und Manifest, autonom. Das heisst, sie können beispielsweise selbst bestimmen, ob und wie sie ihre Mitgliederentlöhnen. Mehrere Reitschüler bestätigen, dass dies innerhalb der Reitschule immer wieder zu Spannungen führe. Auch in der Reitschule finde man eben ein weites, diverses Meinungsbild, so ein Mitglied des Tojo-Theater.

Im zweiten Stock, über dem Kino, befindet sich der Frauenraum. An der Wand sind in grossen Lettern die Schlagworte des Manifests aufgemalt. Kein Sexismus. Keine Homophobie. Der wohl gemütlichste aller Reitschulräume ist aber trotz seiner Bezeichnung meist für alle Geschlechter offen. Einzig die ehrenamtlich arbeitenden “Kollektivas” sind alles Frauen, und die auftretenden Musikbands müssen mindestens zur Hälfte weibliche Mitglieder haben.

Konsenszwang

Im Raum daneben, im Körperdojo, werden verschiedene Kurse angeboten. So unterschiedlich die Sichtweisen in der Reitschule sind, so ist hier auch das Bewegungsangebot: Es reicht von Yoga über Poledance bis “Grr”, dem Kampfsporttraining. Ausserhalb des Dojos versucht man laut Manifest aber, Konflikte gewaltfrei zu lösen.

Konsens statt Konflikte gilt auch an den Versammlungen der Reitschüler. Alle Entscheide werden basisdemokratisch entschieden. Ein einziger Skeptiker kann also einen Beschluss verhindern. Dies sei anstrengend, sagt eine Mitarbeiterin des Dachstocks. Es habe sich wohl schon jeder einmal aufgeregt über stundenlange Sitzungen ohne handfestes Resultat. Die Basisdemokratie zwinge die Reitschüler aber, einander zuzuhören und vielfältige Sichtweisen anzuerkennen.

Rotes Theater

Das Tojo Theater ist eine der wenigen Gruppen, die sich Löhne ausbezahlen. Am Reitschulefest läuft hier “Chillen mit Marx”. An die Wände wird in rotem Licht ein Foto von Marx projeziert. Dazu passend gibt’s rote Getränke an der Bar und die AG-Mitglieder lesen hinter langen Bärten Zitate aus Marx’ Werken. Eine eigene Theatergruppe hat das Tojo Theater allerdings nicht mehr. Theatergruppen, auch internationale, können das Tojo mieten, als Gage dienen die Einnahmen aus den Billet- und Barverkäufen. Ohne Subventionen der Stadt würde das Theater allerdings nicht überleben.

Im Gegensatz zum Tojo hat der Dachstock durch regelmässig grössere Anlässe höhere Einnahmen. Diese indes kommen durch die interne Quersubventionierung allen AGs und somit der gesamten Reitschule zu Gute. Genau hier lauern Fragen, die schon zu so manchen kontroversen Diskussionen in der Reitschule geführt haben: Wie viel ökonomisches Handeln erträgt die Reitschule? Vertragen sich die Preise mit der Reitschulkultur? Oder werden finanziell Schwächere mit hohen Eintrittspreisen ausgeschlossen – wo die Reitschule offen für alle sein will.

Unter dem Dachstock liegen das Restaurant Sous le Pont und die Rössli-Bar. Die Endstation unserer Tour bot in den Anfängen der Reitschule häufig Zuflucht für die Drogenszene auf dem Vorplatz. Als Gegenmassnahme liessen die Behörden den Raum des heutigen Rössli mit Beton, Sand und Kies füllen. Die Vorplatzbewohner verschwanden, das Drogenproblem blieb und bleibt bis heute. Diesen Frühling lancierte die Interessengemeinschaft Kulturraum Reitschule (Ikur) deshalb die Kampagne “No Deal Area”. Ist sie erfolgreich, so wäre ein erster Schritt für die nächste Urnenprüfung getan.

“Ich fühle mich so gut wie überall wohl”

Es ist ein kalter, nebliger Morgen. Wir folgen Berivan ins Gebäude. Ihr schwarzes Haar wippt leicht hin und her. Zügig läuft sie durch die Gänge, vorbei an Wäscheleinen, spielenden Kindern, leise diskutierenden Erwachsenen. Dabei erzählt uns die Syrierin ihre Geschichte. Wie es dazu kam, dass sie und ihr Ehemann in dieser alten, überfüllten bulgarischen Schule ihre Flitterwochen verbringen.

 

Diese Szene filmte die Dokumentarfilmerin Eileen Hofer schon im Frühjahr 2013. Sie lernte Berivan in einem Flüchtlingsheim kennen, als sie aus eigener Initiative nach Bulgarien reiste, um den Flüchtlingen lebensnotwendige Spenden zu bringen. In nur einer Stunde entstand so ihr Kurzfilm “My Honeymoon” – meine Flitterwochen.

 

Wie in vielen ihrer Filme gibt die Protagonistin viel von sich preis. Auch wenn das Gesicht von Berivan nur am Schluss ganz kurz gezeigt wird, taucht man für knappe vier Minuten in ihr Leben, ihre Ängste und Hoffnungen ein.

Eileen Hofer hatte die Syrierin nur eine Stunde zuvor getroffen, und trotzdem entstand ein sehr persönliches Porträt. Dass dies möglich war, erklärt Hofer mit ihren eigenen Wurzeln im Mittleren Osten: “Das verbindet, auch wenn ich nicht Arabisch spreche.”

 

Gefilmt hat die Genferin schon an vielen unterschiedlichen Orten: Neben Bulgarien etwa auch in Afghanistan, Aserbaidschan und auf Kuba. Dank ihrem familiären Hintergrund, aber auch durch zahlreiche, teils längere Reisen hat Hofer die Welt und ihre verschiedenen Kulturen und Bürger kennengelernt. Dies erleichtere ihre Arbeit. Sie fühle sich fast überall schnell wohl, und auch ihre Protagonisten fassten rasch Vertrauen zu ihr. In Aserbaidschan wurde sie gar noch während den Dreharbeiten zu einer Hochzeit eingeladen.

 

Berivans Traum, nach Deutschland zu können, ist inzwischen wahr geworden. Wie es ihr heute geht, weiss Hofer allerdings nicht. Sie macht sich aber keine Sorgen: “Berivan ist eine starke Frau, spricht Englisch und hatte Zugang zu universitärer Bildung.”

 

Die Themen Immigration, Heimat und Identitätsfindung sind ein ständiger Begleiter in Hofers Filmen. So ist “My Honeymoon” auch ein wichtiger Beitrag in der aktuellen Asyldebatte. In einem Interview von Arte meint Hofer, dass die Menschen trotz unterschiedlicher Kulturen, Hintergründe und Wurzeln alle irgendwie gleich seien. “Das ist der Kern meiner Filme, diese Türen zu öffnen. Wir essen, wir mögen es zu lachen, wir mögen es, zu lieben.”

 

Mehr zum Thema


Bereits zum 13. Mal findet in Bern und der ganzen Welt das Kurzfilmfestival shnit statt. Ursprünglich ein Kurzfilmabend in der Reitschule, ist das shnit heute ein bedeutendes internationales Kurzfilmfestival, welches unter anderem auch in Kyoto und Buenos Aires stattfindet. Vom 7. bis 11. Oktober werden in Bern an 13 Spielstätten Kurzfilme gezeigt. Sowohl jede erdenkliche Kulisse – Kirche, Bahnhof bis Cincebad- wie auch jeder mögliche Filmvorliebe– Zeichentrick, Doku bis Komödie – wird dabei bedient.

Kann man den Summer Beach doch mögen?

Alle Jahre im Mai öffnet das Marzili seine Tore, bringen die Beizen ihre Tische nach draussen, stellen die Gelaterias ihre neuen Kreationen für den Sommer vor. Seit ein paar Jahren schon gesellt sich eine neue Attraktion dazu: der eingezäunte Sandkasten auf der Grossen Schanze, der “Summer Beach”.

 

Und immer am Anfang des Sommers nerve ich mich wieder aufs Neue. Pünktlich wenn ich, die Füsse im kühlen Lebensbrunnen (ja, er heisst wirklich so!), die wärmeren Temperaturen nun endlich so richtig geniessen könnte, kommen sie angefahren. Mit ihren Gittern. Dem Quarzsand. Den Rattan Lounches. Den tosenden Generatoren. Vergangenen Samstag nahm die Dauerveranstaltung ein Ende, wurde der öffentliche Platz wieder der Öffentlichkeit übergeben. Bevor sich der Quarzsand verabschiedete, musste ich mich jedoch einem Selbstversuch unterziehen.

 

Erste Runde

Nun gut, der Sandkasten ist da, und ein paar aufgebrachte Bernerinnen und Berner werden dieses Unding nicht vertreiben können. Meine späte Beichte: Vor diesem Selbstversuch war ich noch nie drin. Ich komme mir ein wenig vor wie all die Reitschul-Gegner, die einmal mit dem Zug die Reitschule passieren, die Graffitis sehen und dann zu Hause Erich Hess applaudieren.

 

Deshalb habe ich einen Selbstversuch unternommen, den Summer Beach doch zu mögen. Oder ihn mir wenigstens schön zu trinken. Denn mit den Übeln des Lebens lebt es sich leichter, wenn man sie zumindest akzeptieren kann.

 

Die erste Runde (eher teures) Bier ist bestellt. Die weissen Kunstledermatratzen erinnern mich an etwas zwischen Arztliegen und meiner Vorstellung von Matratzen in einem Stundenhotel. So entscheide ich mich nach einem kurzen Probeliegen doch für den kleinen Liegestuhl.

 

Die Inhaber geben an, mit dem Summer Beach die Grosse Schanze zu beleben. Was wollen sie denn beleben? Bis Ende April war die ganze Schanze belebt, und ab Ende August wird sie es auch wieder sein: Familien am Spielen, Arbeitnehmer am Mittagessen, Punks am Tanzen. Ein strahlendes Kunterbunt aus allen Ecken Berns.

 

Zweite Runde

Warum ich mit dem Summer Beach nicht so wirklich warm werde? Den ganzen Sommer über blockiert er den Platz um den Brunnen, obwohl er dann doch nur ab vier Uhr und nur bei schönem Wetter geöffnet ist. Er verdrängt das strahlende Kunterbunt. Und ausserdem ist er, ganz klar, einfach hässlich, zumindest von aussen gesehen.

 

Herrje, es könnte so schön sein, so gemütlich. Aber nein, jedes Fleckchen der Stadt Bern wird in der Sommerzeit bis zum letzten Millimeter von kommerziellen Veranstaltern genutzt.

 

Nun – mittlerweile nippe ich am zweiten Bier – wechsle ich auf ein “fatboy” Sitzkissen. Dies fühlt sich leider weniger gemütlich an, als es aussieht. Dafür habe ich einen optimalen Ausblick auf den schönen Abendhimmel beim Eindunkeln. Den kann ich allerdings auch sonst wo haben. Überhaupt frage ich mich, warum gerade dieser Platz für den Summer Beach herhalten muss. Einmal drin, hat man sowieso nur noch Aussicht auf die Bastzäune.

 

Dritte Runde

Die ewige Kommerzialisierung macht weder vor der Stadt, noch vor der Grossen Schanze halt. Der Summer Beach ist zwar von innen durchaus gemütlicher, als man von aussen erahnen könnte. Als sommerüberdauernde Attraktion auf einem so prominenten Platz würde ich mir allerdings ein etwas anderes, offeneres, weniger auf Kommerz ausgerichtetes Angebot wünschen.

 

Beim dritten Bier angelangt, werde ich aufgefordert, den Sandkasten wegen aufziehenden Regens zu verlassen. Wirklich traurig bin ich nicht über das frühzeitige Ende meines Selbstversuchs. Auch bei den anderen Besuchern kommt nicht so richtig Stimmung auf. Ich beobachte fünf Leute zusammen auf einem Bett – pardon, Baldachin – alle sind aber nur mit ihren Smartphones beschäftigt. Ob vielleicht die weissen Kunstledermatrazen die Stimmung bremsen?

 

Fazit

Gut finde ich, dass ich mal im Sandkasten drin war. Besser finde ich, dass ich wieder draussen bin. Auf dem Rasen der Grossen Schanze fühle ich mich wesentlich wohler. Doch da selbst dort während einem Monat die Leinwand des Salzkinos dafür sorgt, dass beinahe kein Platz mehr fürs Verweilen auf der grossen Wiese bleibt, wird dieser Genuss auch nur kurz währen. Aber man soll ja sowieso den Moment geniessen. Eben nur nicht dann, wenn einem grosse Veranstalter diesen streitig machen.

“Der Vorplatz ist der beste Kompromiss”

“Vorplatz”: Das Wort nimmt Bezug auf etwas, das nach ihm steht. Sie sind zwar oft rege frequentiert, aber nur selten belebt. Aus diesem Grund verdient der Reitschulvorplatz eigentlich einen anderen Namen.

 

Die Berner Reitschule lebt von der Vielfältigkeit ihrer Glieder. Tojo, Dachstock, Sous le pont oder Rössli sind nicht wegzudenken, ebensowenig der Vorplatz. Er hat sein eigenes Publikum und ist in diesem Sinne auch kein Anhängsel sondern ein gleichwertiger Teil der Reitschule.

 

Freiluftdisco ohne Ohrenschmerzen

In der Nacht verwandelt er sich regelmässig zur der meistbesuchten Freiluftdisco in Bern. Eine Musikanlage beschallt den Betonplatz dann mit 90dB unverwechselbarem Revoluzzer-Punkrock. Der Schalldruck verflüchtigt sich aufgrund der fehlenden Überdachung rasch in der Nacht, sodass die Atmosphäre zwar durch die Musik geprägt, anders als in einer Disco aber nicht von ihr dominiert ist.

 

Man muss sich deshalb keineswegs die Ohren mit daumengrossen Schaumstoffdübeln verschliessen, um einen Gehörschaden vorzubeugen, im Gegenteil: Gerede und Musik bilden eine unverwechselbare Geräuschkulisse, die sowohl fürs Tanzen, als auch für Gespräche einen angenehmen Hintergrund bietet.

 

Kein bestimmtes Prädikat

Folglich gibt es Tanzende, die reden, und Redende, die tanzen – inklusive sämtlicher Zwischenstufen. Der Vorplatz ist ein Kompromiss, aber gleichwohl das Beste, was aus dem kargen Betonplatz zu machen ist. Ihm ein bestimmtes Prädikat anheften zu wollen, wäre falsch.

 

Die Popularität des Vorplatzes rührt gerade daher, dass er eben nicht komplett in ein Schema einzuordnen ist. Weder macht ihn die Piratenbar kommerziell – man kann ja sein Bier auch selber mitbringen – noch räumt ihm der Pingpong-Tisch den Status als Sportplatz ein. Der Vorplatz ist ein alternativloses Unikat.

 

Dieser Artikel erschien zuerst auf www.journal-b.ch. Journal B ist ein unabhängiges Online-Medium für die Stadt Bern, das mehrmals wöchentlich Artikel in den Bereichen Politik, Alltag und Kultur publiziert.

Zwischen Solidarität und Selbstsucht

“Das Verhältnis zum Geld blieb in der Reithalle-Gegenkultur widersprüchlich und uneinheitlich. Wurden die Waren und Dienstleistungen zuerst überhaupt gratis oder zum Selbstkostenpreis angeboten, behalf man sich danach beim Eintritt zu Veranstaltungen jahrelang schamhaft mit Kollekten”, heisst es im Buch “Reithalle Bern – Autonomie und Kultur im Zentrum”, das zum 10-jährigen Jubiläum 1998 des Kulturzentrums erschienenen ist.

 

Verkommerzialisiert(e) die Reitschule?

Besucht man heute, über 25 Jahre nach der erneuten Besetzung des Gebäudekomplexes die  Reitschule, ist von Selbstkostenpreis, Kollekte und Schamgefühl nicht mehr viel zu erkennen. Mit Ausnahme des Kinos und der ab und zu stattfindenden Soli- oder Gratis-Konzerte hat heute praktisch alles seinen fast marktüblichen Preis. Die Flasche Maisgold à  33cl kostet 5 Franken, der Dachstock-Eintritt je nach Auftritt um die 25 Franken, gelegentlich auch mal mehr.

 

Die antikommerzialistische Preispolitik der Reitschule liegt schon ein Weilchen zurück. So endet bereits der eingangs zitierte Abschnitt mit dem Satz: “Die meisten AG (Arbeitsgruppen, Anm. d. Red.) verkaufen ihre Dienstleistungen allerdings heute zu festgesetzten Preisen.”

Zugegeben, vergleicht man die Preise mit den Umliegenden Kulturlokalen, dürfen sich die Besucherinnen und Besucher der Reitschule nicht beklagen. Und doch drängt sich bei einer Auseinandersetzung mit der ökonomischen Geschichte der Reitschule die Frage auf: Verkommerzialisiert(e) die Reitschule?

 

Von der Soli-Kollekte zum Eintrittspreis

Zur Beantwortung dieser Frage sind zwei Entwicklungen in der Geschichte der Reitschule von zentraler Bedeutung. Einerseits fand eine Art “Normalisierungsprozess” statt. Die nach und nach und unter heftigen Diskussionen eingeführten Löhne wurden legalisiert, Gastgewerbebewilligung und Billetsteuer eingeführt und aus Gebrauchsleihverträgen mit der Satdt wurde der heutige Leistungsvertrag. Diese Veränderungen brachten finanzielle Auswirkungen mit sich: Abgaben an den Staat wie Steuern und AHV-Beiträge sowie die Vermehrung bezahlter Arbeit erhöhten die anfallenden Fixkosten für das Kulturzentrum.

 

Die zweite, für die Preispolitik der Reitschule wegweisende Entwicklung war der zunehmende Mangel an Solidarität. Konnte sich die Reitschule zunächst auf Kollektenbasis “freiwillig” finanzieren, wurden gegen Ende der 80er-Jahre aufgrund mangelnder Bereitschaft Kollekte zu bezahlen, schliesslich Eintrittspreise eingeführt, welche sich im Laufe der Zeit und ebenjener Normalisierung erhöhten.

 

Nebst den enstandenen Abgaben und weiteren Fixkosten wie zunehmende Band-Gagen, Instandhaltung der Infrastruktur, war und ist vor allem die interne Umverteilung wichtiger Verwendungszweck der Reitschul-Finanzen. Während die Gastrobetriebe Sous Le Pont und Rössli Geld an den Reitschule-Fonds abgeben können und das Konzertlokal Dachstock etwa selbsttragend ist, sind Arbeitsgruppen wie die Zeitung “Megafon” und der Infoladen auf Unterstützung angewiesen.

 

Von der Freiwilligkeit zum “Kommerz-Zwang”

Mit vermehrten Ausgaben und mangelnder Solidarität kam eine Art “Zwang zum Kommerz”, der sich mit der steigenden Popularität der Reitschule noch verschärfte. Zu sehr auf Konsum, zu sehr nach dem Schema “ich zahle, also bekomm’ ich” ausgerichtet, dürfte die Mentalität der unzähligen Reitschul-Besucherinnen und -Besucher sein, als dass ein klar antikommerzielles, auf Freiwilligkeit basierendes System noch funktionieren könnte. Oder in den Worten des langjährigen Reitschülers Tom Locher: “Ich, ich, ich und der Rest ist scheissegal. Ausgrenzung, keine Solidarität. Ein egozentrisches Gewinnerzielungsinteresse. Halt nicht unbedingt im finanziellen Sinne, sondern geistig, das eigene Selbstverständnis betreffend. Das ist wohl das grösste Problem in der Reitschule und für ihre Zukunft.»

Category Archives: Reitschule

Die nicht zurückhaltende Spezies Frau

Jua* drängt sich im Backstagebereich des Frauenraums auf ein Sofa. Die vier Frauen sind nicht nur eine Band, sondern auch gute Freundinnen, das spürt man. Bassistin Anuschka schätzt den persönlichen Austausch, die Freundschaft untereinander: “Die erste halbe Stunde im Bandraum verbringen wir mit persönlichen Gesprächen, wie es uns geht, in unseren Beziehungen, im Beruf…” Konflikte sprechen sie immer an, das sei wichtig. Mit einem Lächeln zu Songwriterin Chrige meint Anja: “Vielleicht wartet man manchmal einen Moment zu lange, aber ansprechen tun wir’s immer.”

Diese Harmonie zieht sich bis auf die Bühne. Jua* singt oft mehrstimmig. Mit Cajón, Bassgitarre, akustischer Gitarre und starken Stimmen entsteht ein feinfühliger Mix aus Country, Folk und Blues. Dies passt wunderbar in den Frauenraum, der immer wieder als der gemütlichste aller Räume der Reitschule bezeichnet wird.

Der Frauenraum will aber nicht nur gemütlich sein. Die Frauen-Jamsession “play yourself”, initiiert von der Cajón-Spielerin Anja, soll Frauen in ihrem musikalischen Schaffen bestärken. Leider hielten sich talentierte Frauen oft zurück im Musikbusiness, wagen sich kaum auf die Bühne. Oder wie es Chrige ehrlich ausdrückt: “Wenn ein toller Musiker mit Gitarre (macht Luftgitarren-Bewegungen) kommt und eine riesen Show macht, trauen sich danach viele nicht mehr auf die Bühne”. Im geschützten Rahmen fänden Frauen eher den Mut, ihr Können zu zeigen. Zweifel und Zurückhaltung, so Anja, seien wohl Gründe für die wenigen Frauen in der Bandszene. Warum es Jua* trotzdem gibt? “Wir sind eben nicht so! Wir nicht! Wir sind eben die Spezies, die nicht zurückhaltend ist, die gibt’s auch!“, sind sich unter Gelächter alle einig.

Im Frauenraum sind die vier auch privat regelmässig zu Gast. “Wenn ich in den Ausgang gehe, dann komme ich fast nur hierher.”, so Anuschka. Auch Anja hat eine jahrelange Verbindung zum Frauenraum. Neben den Jamsessions hat sie auch sonst im Kollektiv mitgewirkt. Mit 20 war sie zum ersten Mal hier, da habe sich eine Welt aufgetan für sie: “Ich kam aus dem Wallis, einer anderen Welt. Dort kannte man keine linke Szene.”

Zurück auf die Bühne: Jua* verzichtet auf viel Bewegung. Lieber konzentrieren sie sich auf ihr Zusammenspiel. Die vier Frauen bilden eine Einheit, schauen einander an, schliessen die Augen. Sie scheinen ihre Musik zu geniessen.

“Wenn ich die Leute aber dann so stehen sehe, (verschränkt die Arme) dann habe ich das Gefühl: „oh shit“ irgendwas ist wohl nicht in Ordnung”, so Chrige. Sie lasse sich leicht verunsichern, auch heute noch, nach einigen Jahren Bühnenerfahrung.

“Heute war gut” sagt Chrige und meint damit aber ihr schlimmes Lampenfieber. Auch Sängerin Nadja wird davon geplagt, lacht aber und sagt augenzwinkernd: “Wir haben Tabletten…Baldrian etwa” Dass die beiden manchmal auch während den Konzerten noch aufgeregt sind, konnten sie vor dem Publikum aber gut verstecken. Ob bei folkigen Tanzstücken oder feinen Balladen, die Musikerinnen wirkten souverän und selbstbewusst.

Das Publikum, egal welchen Geschlechts, lauschte mit Freude den melodischen Klängen, wippte oder tanzte mit den Beats des Cajón, und bedankte sich mit einem langen Applaus, wofür Jua* gleich noch eine Zugabe schenkte.

“Ich bin die Summe aller Teile”

Tink.ch: Wer bist du, Pablo?

Pablo Nouvelle: Oh, das kann ich dir nicht in zwei Sätzen erklären.

Tue es in drei.

(lacht, überlegt.)

Ich bin die Summe aller Teile.

Wie äussert sich das?

Beispielsweise bin ich zwar mit Hip-Hop aufgewachsen und habe in meiner Musik auch deutlich Soul-Komponenten enthalten, doch mach ich keinen Hip-Hop. Das, was das Publikum heute gehört hat, war kein Hip-Hop, oder?

Nein. Was ich heute gehört habe war das Wort: real. Zwei Jungs sind während des Konzerts stehen geblieben und einer meinte verblüfft: “Der ist einfach REAL!” Was sagst du dazu?

Real? Nein, wenn schon bin ich “ächt”. Real ist zu gangsterhaft. (Als er das ausspricht, hält er sich die geballte Hand vor den Mund, als wollte er beatboxen.)

Warum hat es ausgerechnet die Summe deiner Teile soweit geschafft?

Meine Vision der Arbeit entspricht eben dem Zeitgeist. Das hat viel mit Glück, Timing und einer Menge Arbeit zu tun. Ich würde jetzt aber nicht sagen, dass ich ein Star bin.

Wie erlebst du die Auftritte in England im Gegensatz zu denen in der Schweiz?

In der Schweiz bist du als Künstler auf weichen Kissen gebettet. Dagegen ist England ganz anders.

Inwiefern?

England ist roh. Da kriegst du als Künstler nie die Gage der Schweiz, von einer Hotelübernachtung ganz zu schweigen. Sich in England als Künstler durchzuschlagen, ist nicht leicht.

Zwischen den Liedern hast du gesagt: “Reithalle, schön gibt es euch! Ich glaube, dass ihr nie abgeschafft werdet. Mit keiner SVP-Kampagne.” Siehst du dich als Künstler verpflichtet, auch politische Statements unter die Leute zu bringen?

Meine Musik war lange Zeit unpolitisch. Doch meine Filme sind die Kehrseite meiner Musik. (Pablo hat an der Universität Luzern Animation studiert. Sein Abschlussfilm “Bon voyage” (2012) spricht die Flüchtlingsthematik an und gewann nationale sowie internationale Preise.) Darin spreche ich soziale Themen an, die nicht unbedingt politisch sein müssen. Auch gehöre ich keiner Partei an. Was mich beschäftigt, spreche ich aber an.

Findest du, dass die Politik einen Platz in der Kunst hat?

Sie soll einen Platz haben dürfen, aber es soll kein Muss für Künstler sein, über Politik zu sprechen.

In meinem privaten Umfeld spüre ich durchaus das politische Engagement, doch in der Kunst noch nicht so.

Du hast Animation, also Film, studiert und machst gleichzeitig Musik. Was kann das eine, was das andere nicht kann?

Ich sag es mal so: Musik gleich Herz, Film gleich Kopf.

Diese Frage wird von Künstlern im Allgemeinen sehr ungern beantwortet. Aber: Was machst du eigentlich für Musik?

(lacht) Warmen und emotionalen Soul. Drops, aber kein EDM (Electronic Dance Music). EDM wäre eine Beleidigung. Auf jeden Fall Elektro, aber auch mit Folk und Rockeinflüssen. Die Summe aller Teile eben.

Weitere Informationen

www.pablonouvelle.com

Das nächste Konzert findet diesen Freitag, den 30. Oktober, im Werkk Kulturlokal in Baden statt.

“Ich bin die Summe aller Teile”

Tink.ch: Wer bist du, Pablo?

Pablo Nouvelle: Oh, das kann ich dir nicht in zwei Sätzen erklären.

 

Tue es in drei.

(lacht, überlegt.)

Ich bin die Summe aller Teile.

 

Wie äussert sich das?

Beispielsweise bin ich zwar mit Hip-Hop aufgewachsen und habe in meiner Musik auch deutlich Soul-Komponenten enthalten, doch mach ich keinen Hip-Hop. Das, was das Publikum heute gehört hat, war kein Hip-Hop, oder?

 

Nein. Was ich heute gehört habe war das Wort: real. Zwei Jungs sind während des Konzerts stehen geblieben und einer meinte verblüfft: “Der ist einfach REAL!” Was sagst du dazu?

Real? Nein, wenn schon bin ich “ächt”. Real ist zu gangsterhaft. (Als er das ausspricht, hält er sich die geballte Hand vor den Mund, als wollte er beatboxen.)

 

Warum hat es ausgerechnet die Summe deiner Teile soweit geschafft?

Meine Vision der Arbeit entspricht eben dem Zeitgeist. Das hat viel mit Glück, Timing und einer Menge Arbeit zu tun. Ich würde jetzt aber nicht sagen, dass ich ein Star bin.

 

Wie erlebst du die Auftritte in England im Gegensatz zu denen in der Schweiz?

In der Schweiz bist du als Künstler auf weichen Kissen gebettet. Dagegen ist England ganz anders.

 

Inwiefern?

England ist roh. Da kriegst du als Künstler nie die Gage der Schweiz, von einer Hotelübernachtung ganz zu schweigen. Sich in England als Künstler durchzuschlagen, ist nicht leicht.

 

Zwischen den Liedern hast du gesagt: “Reithalle, schön gibt es euch! Ich glaube, dass ihr nie abgeschafft werdet. Mit keiner SVP-Kampagne.” Siehst du dich als Künstler verpflichtet, auch politische Statements unter die Leute zu bringen?

Meine Musik war lange Zeit unpolitisch. Doch meine Filme sind die Kehrseite meiner Musik. (Pablo hat an der Universität Luzern Animation studiert. Sein Abschlussfilm “Bon voyage” (2012) spricht die Flüchtlingsthematik an und gewann nationale sowie internationale Preise.) Darin spreche ich soziale Themen an, die nicht unbedingt politisch sein müssen. Auch gehöre ich keiner Partei an. Was mich beschäftigt, spreche ich aber an.

 

Findest du, dass die Politik einen Platz in der Kunst hat?

Sie soll einen Platz haben dürfen, aber es soll kein Muss für Künstler sein, über Politik zu sprechen.

In meinem privaten Umfeld spüre ich durchaus das politische Engagement, doch in der Kunst noch nicht so.

 

Du hast Animation, also Film, studiert und machst gleichzeitig Musik. Was kann das eine, was das andere nicht kann?

Ich sag es mal so: Musik gleich Herz, Film gleich Kopf.

 

Diese Frage wird von Künstlern im Allgemeinen sehr ungern beantwortet. Aber: Was machst du eigentlich für Musik?

(lacht) Warmen und emotionalen Soul. Drops, aber kein EDM (Electronic Dance Music). EDM wäre eine Beleidigung. Auf jeden Fall Elektro, aber auch mit Folk und Rockeinflüssen. Die Summe aller Teile eben.

 

 

Weitere Informationen


 

www.pablonouvelle.com

Das nächste Konzert findet diesen Freitag, den 30. Oktober, im Werkk Kulturlokal in Baden statt.

“Chillen mit Marx”

Um sieben Uhr abends ist noch nicht viel los auf dem Vorplatz der Reitschule. Das wird sich bald ändern. Der Freitagabend ist noch jung und das Reitschulfest lockt. Zu den treuen Reitschulgängern werden heute viele weitere Besuchende erwartet.

Seit 25 Jahren wird die Reitschule immer wieder in Frage gestellt. Die neuste Unterschriftensammlung hat gerade erst begonnen. Falls die kantonale Volksinitiative zu Stande kommt, wird es die sechste Prüfung an der Urne seit 1990. Noch älter als die Geschichte der Urnenabstimmungen ist gemäss den Veranstaltern das Reitschulefest. Zum 28. Mal lockt das Fest am Wochenende mit Musik, Theater und Kino.

Arbeitsgruppen

Als Auftakt des Reitschulefests führen zwei Reitschüler neugierige Besuchende durch die in den frühen Abendstunden noch leeren Räume des Kulturzentrums. Mit einem Bier in der Hand erklärt der eine – mit Namen wollen beide nicht genannt werden – die für Aussenstehende manchmal komplizierten Strukturen der Reitschule. Ein Reitschüler, eine Reitschülerin zu sein, bedeutet in der Szene, in einer der vielen AGs mitzuwirken. In der antikapitalistischen Reitschulwelt steht diese Abkürzung für Arbeitsgruppe. Diese organisieren den Betrieb ihres jeweiligen Raumes.

In der kleinen und engen Druckerei etwa werden Flyer, das Hausmagazin megafon, aber auch externe Aufträge auf Papier gebracht. Vis à vis befindet sich das Kino, wo Stallboden und Heuraufe an die Ursprünge der Reitschule erinnern und für ein besonderes Flair sorgen. Heute werden hier die beiden Reitschul-Streifen von Andreas Berger gezeigt.

Im normalen Betrieb wird im Kino lediglich um eine Kollekte gebeten. Manchmal seien die Beträge ziemlich frustrierend, sagt ein Kino-Mitglied. Weshalb der geliebte, aber teure 35mm-Film leider oft den DVDs weichen müsse.

Heterogene Reitschule

Die AGs sind, abgesehen von den Verpflichtungen durch Statuten und Manifest, autonom. Das heisst, sie können beispielsweise selbst bestimmen, ob und wie sie ihre Mitgliederentlöhnen. Mehrere Reitschüler bestätigen, dass dies innerhalb der Reitschule immer wieder zu Spannungen führe. Auch in der Reitschule finde man eben ein weites, diverses Meinungsbild, so ein Mitglied des Tojo-Theater.

Im zweiten Stock, über dem Kino, befindet sich der Frauenraum. An der Wand sind in grossen Lettern die Schlagworte des Manifests aufgemalt. Kein Sexismus. Keine Homophobie. Der wohl gemütlichste aller Reitschulräume ist aber trotz seiner Bezeichnung meist für alle Geschlechter offen. Einzig die ehrenamtlich arbeitenden “Kollektivas” sind alles Frauen, und die auftretenden Musikbands müssen mindestens zur Hälfte weibliche Mitglieder haben.

Konsenszwang

Im Raum daneben, im Körperdojo, werden verschiedene Kurse angeboten. So unterschiedlich die Sichtweisen in der Reitschule sind, so ist hier auch das Bewegungsangebot: Es reicht von Yoga über Poledance bis “Grr”, dem Kampfsporttraining. Ausserhalb des Dojos versucht man laut Manifest aber, Konflikte gewaltfrei zu lösen.

Konsens statt Konflikte gilt auch an den Versammlungen der Reitschüler. Alle Entscheide werden basisdemokratisch entschieden. Ein einziger Skeptiker kann also einen Beschluss verhindern. Dies sei anstrengend, sagt eine Mitarbeiterin des Dachstocks. Es habe sich wohl schon jeder einmal aufgeregt über stundenlange Sitzungen ohne handfestes Resultat. Die Basisdemokratie zwinge die Reitschüler aber, einander zuzuhören und vielfältige Sichtweisen anzuerkennen.

Rotes Theater

Das Tojo Theater ist eine der wenigen Gruppen, die sich Löhne ausbezahlen. Am Reitschulefest läuft hier “Chillen mit Marx”. An die Wände wird in rotem Licht ein Foto von Marx projeziert. Dazu passend gibt’s rote Getränke an der Bar und die AG-Mitglieder lesen hinter langen Bärten Zitate aus Marx’ Werken. Eine eigene Theatergruppe hat das Tojo Theater allerdings nicht mehr. Theatergruppen, auch internationale, können das Tojo mieten, als Gage dienen die Einnahmen aus den Billet- und Barverkäufen. Ohne Subventionen der Stadt würde das Theater allerdings nicht überleben.

Im Gegensatz zum Tojo hat der Dachstock durch regelmässig grössere Anlässe höhere Einnahmen. Diese indes kommen durch die interne Quersubventionierung allen AGs und somit der gesamten Reitschule zu Gute. Genau hier lauern Fragen, die schon zu so manchen kontroversen Diskussionen in der Reitschule geführt haben: Wie viel ökonomisches Handeln erträgt die Reitschule? Vertragen sich die Preise mit der Reitschulkultur? Oder werden finanziell Schwächere mit hohen Eintrittspreisen ausgeschlossen – wo die Reitschule offen für alle sein will.

Unter dem Dachstock liegen das Restaurant Sous le Pont und die Rössli-Bar. Die Endstation unserer Tour bot in den Anfängen der Reitschule häufig Zuflucht für die Drogenszene auf dem Vorplatz. Als Gegenmassnahme liessen die Behörden den Raum des heutigen Rössli mit Beton, Sand und Kies füllen. Die Vorplatzbewohner verschwanden, das Drogenproblem blieb und bleibt bis heute. Diesen Frühling lancierte die Interessengemeinschaft Kulturraum Reitschule (Ikur) deshalb die Kampagne “No Deal Area”. Ist sie erfolgreich, so wäre ein erster Schritt für die nächste Urnenprüfung getan.

“Ich fühle mich so gut wie überall wohl”

Es ist ein kalter, nebliger Morgen. Wir folgen Berivan ins Gebäude. Ihr schwarzes Haar wippt leicht hin und her. Zügig läuft sie durch die Gänge, vorbei an Wäscheleinen, spielenden Kindern, leise diskutierenden Erwachsenen. Dabei erzählt uns die Syrierin ihre Geschichte. Wie es dazu kam, dass sie und ihr Ehemann in dieser alten, überfüllten bulgarischen Schule ihre Flitterwochen verbringen.

 

Diese Szene filmte die Dokumentarfilmerin Eileen Hofer schon im Frühjahr 2013. Sie lernte Berivan in einem Flüchtlingsheim kennen, als sie aus eigener Initiative nach Bulgarien reiste, um den Flüchtlingen lebensnotwendige Spenden zu bringen. In nur einer Stunde entstand so ihr Kurzfilm “My Honeymoon” – meine Flitterwochen.

 

Wie in vielen ihrer Filme gibt die Protagonistin viel von sich preis. Auch wenn das Gesicht von Berivan nur am Schluss ganz kurz gezeigt wird, taucht man für knappe vier Minuten in ihr Leben, ihre Ängste und Hoffnungen ein.

Eileen Hofer hatte die Syrierin nur eine Stunde zuvor getroffen, und trotzdem entstand ein sehr persönliches Porträt. Dass dies möglich war, erklärt Hofer mit ihren eigenen Wurzeln im Mittleren Osten: “Das verbindet, auch wenn ich nicht Arabisch spreche.”

 

Gefilmt hat die Genferin schon an vielen unterschiedlichen Orten: Neben Bulgarien etwa auch in Afghanistan, Aserbaidschan und auf Kuba. Dank ihrem familiären Hintergrund, aber auch durch zahlreiche, teils längere Reisen hat Hofer die Welt und ihre verschiedenen Kulturen und Bürger kennengelernt. Dies erleichtere ihre Arbeit. Sie fühle sich fast überall schnell wohl, und auch ihre Protagonisten fassten rasch Vertrauen zu ihr. In Aserbaidschan wurde sie gar noch während den Dreharbeiten zu einer Hochzeit eingeladen.

 

Berivans Traum, nach Deutschland zu können, ist inzwischen wahr geworden. Wie es ihr heute geht, weiss Hofer allerdings nicht. Sie macht sich aber keine Sorgen: “Berivan ist eine starke Frau, spricht Englisch und hatte Zugang zu universitärer Bildung.”

 

Die Themen Immigration, Heimat und Identitätsfindung sind ein ständiger Begleiter in Hofers Filmen. So ist “My Honeymoon” auch ein wichtiger Beitrag in der aktuellen Asyldebatte. In einem Interview von Arte meint Hofer, dass die Menschen trotz unterschiedlicher Kulturen, Hintergründe und Wurzeln alle irgendwie gleich seien. “Das ist der Kern meiner Filme, diese Türen zu öffnen. Wir essen, wir mögen es zu lachen, wir mögen es, zu lieben.”

 

Mehr zum Thema


Bereits zum 13. Mal findet in Bern und der ganzen Welt das Kurzfilmfestival shnit statt. Ursprünglich ein Kurzfilmabend in der Reitschule, ist das shnit heute ein bedeutendes internationales Kurzfilmfestival, welches unter anderem auch in Kyoto und Buenos Aires stattfindet. Vom 7. bis 11. Oktober werden in Bern an 13 Spielstätten Kurzfilme gezeigt. Sowohl jede erdenkliche Kulisse – Kirche, Bahnhof bis Cincebad- wie auch jeder mögliche Filmvorliebe– Zeichentrick, Doku bis Komödie – wird dabei bedient.

Kann man den Summer Beach doch mögen?

Alle Jahre im Mai öffnet das Marzili seine Tore, bringen die Beizen ihre Tische nach draussen, stellen die Gelaterias ihre neuen Kreationen für den Sommer vor. Seit ein paar Jahren schon gesellt sich eine neue Attraktion dazu: der eingezäunte Sandkasten auf der Grossen Schanze, der “Summer Beach”.

 

Und immer am Anfang des Sommers nerve ich mich wieder aufs Neue. Pünktlich wenn ich, die Füsse im kühlen Lebensbrunnen (ja, er heisst wirklich so!), die wärmeren Temperaturen nun endlich so richtig geniessen könnte, kommen sie angefahren. Mit ihren Gittern. Dem Quarzsand. Den Rattan Lounches. Den tosenden Generatoren. Vergangenen Samstag nahm die Dauerveranstaltung ein Ende, wurde der öffentliche Platz wieder der Öffentlichkeit übergeben. Bevor sich der Quarzsand verabschiedete, musste ich mich jedoch einem Selbstversuch unterziehen.

 

Erste Runde

Nun gut, der Sandkasten ist da, und ein paar aufgebrachte Bernerinnen und Berner werden dieses Unding nicht vertreiben können. Meine späte Beichte: Vor diesem Selbstversuch war ich noch nie drin. Ich komme mir ein wenig vor wie all die Reitschul-Gegner, die einmal mit dem Zug die Reitschule passieren, die Graffitis sehen und dann zu Hause Erich Hess applaudieren.

 

Deshalb habe ich einen Selbstversuch unternommen, den Summer Beach doch zu mögen. Oder ihn mir wenigstens schön zu trinken. Denn mit den Übeln des Lebens lebt es sich leichter, wenn man sie zumindest akzeptieren kann.

 

Die erste Runde (eher teures) Bier ist bestellt. Die weissen Kunstledermatratzen erinnern mich an etwas zwischen Arztliegen und meiner Vorstellung von Matratzen in einem Stundenhotel. So entscheide ich mich nach einem kurzen Probeliegen doch für den kleinen Liegestuhl.

 

Die Inhaber geben an, mit dem Summer Beach die Grosse Schanze zu beleben. Was wollen sie denn beleben? Bis Ende April war die ganze Schanze belebt, und ab Ende August wird sie es auch wieder sein: Familien am Spielen, Arbeitnehmer am Mittagessen, Punks am Tanzen. Ein strahlendes Kunterbunt aus allen Ecken Berns.

 

Zweite Runde

Warum ich mit dem Summer Beach nicht so wirklich warm werde? Den ganzen Sommer über blockiert er den Platz um den Brunnen, obwohl er dann doch nur ab vier Uhr und nur bei schönem Wetter geöffnet ist. Er verdrängt das strahlende Kunterbunt. Und ausserdem ist er, ganz klar, einfach hässlich, zumindest von aussen gesehen.

 

Herrje, es könnte so schön sein, so gemütlich. Aber nein, jedes Fleckchen der Stadt Bern wird in der Sommerzeit bis zum letzten Millimeter von kommerziellen Veranstaltern genutzt.

 

Nun – mittlerweile nippe ich am zweiten Bier – wechsle ich auf ein “fatboy” Sitzkissen. Dies fühlt sich leider weniger gemütlich an, als es aussieht. Dafür habe ich einen optimalen Ausblick auf den schönen Abendhimmel beim Eindunkeln. Den kann ich allerdings auch sonst wo haben. Überhaupt frage ich mich, warum gerade dieser Platz für den Summer Beach herhalten muss. Einmal drin, hat man sowieso nur noch Aussicht auf die Bastzäune.

 

Dritte Runde

Die ewige Kommerzialisierung macht weder vor der Stadt, noch vor der Grossen Schanze halt. Der Summer Beach ist zwar von innen durchaus gemütlicher, als man von aussen erahnen könnte. Als sommerüberdauernde Attraktion auf einem so prominenten Platz würde ich mir allerdings ein etwas anderes, offeneres, weniger auf Kommerz ausgerichtetes Angebot wünschen.

 

Beim dritten Bier angelangt, werde ich aufgefordert, den Sandkasten wegen aufziehenden Regens zu verlassen. Wirklich traurig bin ich nicht über das frühzeitige Ende meines Selbstversuchs. Auch bei den anderen Besuchern kommt nicht so richtig Stimmung auf. Ich beobachte fünf Leute zusammen auf einem Bett – pardon, Baldachin – alle sind aber nur mit ihren Smartphones beschäftigt. Ob vielleicht die weissen Kunstledermatrazen die Stimmung bremsen?

 

Fazit

Gut finde ich, dass ich mal im Sandkasten drin war. Besser finde ich, dass ich wieder draussen bin. Auf dem Rasen der Grossen Schanze fühle ich mich wesentlich wohler. Doch da selbst dort während einem Monat die Leinwand des Salzkinos dafür sorgt, dass beinahe kein Platz mehr fürs Verweilen auf der grossen Wiese bleibt, wird dieser Genuss auch nur kurz währen. Aber man soll ja sowieso den Moment geniessen. Eben nur nicht dann, wenn einem grosse Veranstalter diesen streitig machen.

“Der Vorplatz ist der beste Kompromiss”

“Vorplatz”: Das Wort nimmt Bezug auf etwas, das nach ihm steht. Sie sind zwar oft rege frequentiert, aber nur selten belebt. Aus diesem Grund verdient der Reitschulvorplatz eigentlich einen anderen Namen.

 

Die Berner Reitschule lebt von der Vielfältigkeit ihrer Glieder. Tojo, Dachstock, Sous le pont oder Rössli sind nicht wegzudenken, ebensowenig der Vorplatz. Er hat sein eigenes Publikum und ist in diesem Sinne auch kein Anhängsel sondern ein gleichwertiger Teil der Reitschule.

 

Freiluftdisco ohne Ohrenschmerzen

In der Nacht verwandelt er sich regelmässig zur der meistbesuchten Freiluftdisco in Bern. Eine Musikanlage beschallt den Betonplatz dann mit 90dB unverwechselbarem Revoluzzer-Punkrock. Der Schalldruck verflüchtigt sich aufgrund der fehlenden Überdachung rasch in der Nacht, sodass die Atmosphäre zwar durch die Musik geprägt, anders als in einer Disco aber nicht von ihr dominiert ist.

 

Man muss sich deshalb keineswegs die Ohren mit daumengrossen Schaumstoffdübeln verschliessen, um einen Gehörschaden vorzubeugen, im Gegenteil: Gerede und Musik bilden eine unverwechselbare Geräuschkulisse, die sowohl fürs Tanzen, als auch für Gespräche einen angenehmen Hintergrund bietet.

 

Kein bestimmtes Prädikat

Folglich gibt es Tanzende, die reden, und Redende, die tanzen – inklusive sämtlicher Zwischenstufen. Der Vorplatz ist ein Kompromiss, aber gleichwohl das Beste, was aus dem kargen Betonplatz zu machen ist. Ihm ein bestimmtes Prädikat anheften zu wollen, wäre falsch.

 

Die Popularität des Vorplatzes rührt gerade daher, dass er eben nicht komplett in ein Schema einzuordnen ist. Weder macht ihn die Piratenbar kommerziell – man kann ja sein Bier auch selber mitbringen – noch räumt ihm der Pingpong-Tisch den Status als Sportplatz ein. Der Vorplatz ist ein alternativloses Unikat.

 

Dieser Artikel erschien zuerst auf www.journal-b.ch. Journal B ist ein unabhängiges Online-Medium für die Stadt Bern, das mehrmals wöchentlich Artikel in den Bereichen Politik, Alltag und Kultur publiziert.

Zwischen Solidarität und Selbstsucht

“Das Verhältnis zum Geld blieb in der Reithalle-Gegenkultur widersprüchlich und uneinheitlich. Wurden die Waren und Dienstleistungen zuerst überhaupt gratis oder zum Selbstkostenpreis angeboten, behalf man sich danach beim Eintritt zu Veranstaltungen jahrelang schamhaft mit Kollekten”, heisst es im Buch “Reithalle Bern – Autonomie und Kultur im Zentrum”, das zum 10-jährigen Jubiläum 1998 des Kulturzentrums erschienenen ist.

 

Verkommerzialisiert(e) die Reitschule?

Besucht man heute, über 25 Jahre nach der erneuten Besetzung des Gebäudekomplexes die  Reitschule, ist von Selbstkostenpreis, Kollekte und Schamgefühl nicht mehr viel zu erkennen. Mit Ausnahme des Kinos und der ab und zu stattfindenden Soli- oder Gratis-Konzerte hat heute praktisch alles seinen fast marktüblichen Preis. Die Flasche Maisgold à  33cl kostet 5 Franken, der Dachstock-Eintritt je nach Auftritt um die 25 Franken, gelegentlich auch mal mehr.

 

Die antikommerzialistische Preispolitik der Reitschule liegt schon ein Weilchen zurück. So endet bereits der eingangs zitierte Abschnitt mit dem Satz: “Die meisten AG (Arbeitsgruppen, Anm. d. Red.) verkaufen ihre Dienstleistungen allerdings heute zu festgesetzten Preisen.”

Zugegeben, vergleicht man die Preise mit den Umliegenden Kulturlokalen, dürfen sich die Besucherinnen und Besucher der Reitschule nicht beklagen. Und doch drängt sich bei einer Auseinandersetzung mit der ökonomischen Geschichte der Reitschule die Frage auf: Verkommerzialisiert(e) die Reitschule?

 

Von der Soli-Kollekte zum Eintrittspreis

Zur Beantwortung dieser Frage sind zwei Entwicklungen in der Geschichte der Reitschule von zentraler Bedeutung. Einerseits fand eine Art “Normalisierungsprozess” statt. Die nach und nach und unter heftigen Diskussionen eingeführten Löhne wurden legalisiert, Gastgewerbebewilligung und Billetsteuer eingeführt und aus Gebrauchsleihverträgen mit der Satdt wurde der heutige Leistungsvertrag. Diese Veränderungen brachten finanzielle Auswirkungen mit sich: Abgaben an den Staat wie Steuern und AHV-Beiträge sowie die Vermehrung bezahlter Arbeit erhöhten die anfallenden Fixkosten für das Kulturzentrum.

 

Die zweite, für die Preispolitik der Reitschule wegweisende Entwicklung war der zunehmende Mangel an Solidarität. Konnte sich die Reitschule zunächst auf Kollektenbasis “freiwillig” finanzieren, wurden gegen Ende der 80er-Jahre aufgrund mangelnder Bereitschaft Kollekte zu bezahlen, schliesslich Eintrittspreise eingeführt, welche sich im Laufe der Zeit und ebenjener Normalisierung erhöhten.

 

Nebst den enstandenen Abgaben und weiteren Fixkosten wie zunehmende Band-Gagen, Instandhaltung der Infrastruktur, war und ist vor allem die interne Umverteilung wichtiger Verwendungszweck der Reitschul-Finanzen. Während die Gastrobetriebe Sous Le Pont und Rössli Geld an den Reitschule-Fonds abgeben können und das Konzertlokal Dachstock etwa selbsttragend ist, sind Arbeitsgruppen wie die Zeitung “Megafon” und der Infoladen auf Unterstützung angewiesen.

 

Von der Freiwilligkeit zum “Kommerz-Zwang”

Mit vermehrten Ausgaben und mangelnder Solidarität kam eine Art “Zwang zum Kommerz”, der sich mit der steigenden Popularität der Reitschule noch verschärfte. Zu sehr auf Konsum, zu sehr nach dem Schema “ich zahle, also bekomm’ ich” ausgerichtet, dürfte die Mentalität der unzähligen Reitschul-Besucherinnen und -Besucher sein, als dass ein klar antikommerzielles, auf Freiwilligkeit basierendes System noch funktionieren könnte. Oder in den Worten des langjährigen Reitschülers Tom Locher: “Ich, ich, ich und der Rest ist scheissegal. Ausgrenzung, keine Solidarität. Ein egozentrisches Gewinnerzielungsinteresse. Halt nicht unbedingt im finanziellen Sinne, sondern geistig, das eigene Selbstverständnis betreffend. Das ist wohl das grösste Problem in der Reitschule und für ihre Zukunft.»

Category Archives: Reitschule

Die nicht zurückhaltende Spezies Frau

Jua* drängt sich im Backstagebereich des Frauenraums auf ein Sofa. Die vier Frauen sind nicht nur eine Band, sondern auch gute Freundinnen, das spürt man. Bassistin Anuschka schätzt den persönlichen Austausch, die Freundschaft untereinander: “Die erste halbe Stunde im Bandraum verbringen wir mit persönlichen Gesprächen, wie es uns geht, in unseren Beziehungen, im Beruf…” Konflikte sprechen sie immer an, das sei wichtig. Mit einem Lächeln zu Songwriterin Chrige meint Anja: “Vielleicht wartet man manchmal einen Moment zu lange, aber ansprechen tun wir’s immer.”

Diese Harmonie zieht sich bis auf die Bühne. Jua* singt oft mehrstimmig. Mit Cajón, Bassgitarre, akustischer Gitarre und starken Stimmen entsteht ein feinfühliger Mix aus Country, Folk und Blues. Dies passt wunderbar in den Frauenraum, der immer wieder als der gemütlichste aller Räume der Reitschule bezeichnet wird.

Der Frauenraum will aber nicht nur gemütlich sein. Die Frauen-Jamsession “play yourself”, initiiert von der Cajón-Spielerin Anja, soll Frauen in ihrem musikalischen Schaffen bestärken. Leider hielten sich talentierte Frauen oft zurück im Musikbusiness, wagen sich kaum auf die Bühne. Oder wie es Chrige ehrlich ausdrückt: “Wenn ein toller Musiker mit Gitarre (macht Luftgitarren-Bewegungen) kommt und eine riesen Show macht, trauen sich danach viele nicht mehr auf die Bühne”. Im geschützten Rahmen fänden Frauen eher den Mut, ihr Können zu zeigen. Zweifel und Zurückhaltung, so Anja, seien wohl Gründe für die wenigen Frauen in der Bandszene. Warum es Jua* trotzdem gibt? “Wir sind eben nicht so! Wir nicht! Wir sind eben die Spezies, die nicht zurückhaltend ist, die gibt’s auch!“, sind sich unter Gelächter alle einig.

Im Frauenraum sind die vier auch privat regelmässig zu Gast. “Wenn ich in den Ausgang gehe, dann komme ich fast nur hierher.”, so Anuschka. Auch Anja hat eine jahrelange Verbindung zum Frauenraum. Neben den Jamsessions hat sie auch sonst im Kollektiv mitgewirkt. Mit 20 war sie zum ersten Mal hier, da habe sich eine Welt aufgetan für sie: “Ich kam aus dem Wallis, einer anderen Welt. Dort kannte man keine linke Szene.”

Zurück auf die Bühne: Jua* verzichtet auf viel Bewegung. Lieber konzentrieren sie sich auf ihr Zusammenspiel. Die vier Frauen bilden eine Einheit, schauen einander an, schliessen die Augen. Sie scheinen ihre Musik zu geniessen.

“Wenn ich die Leute aber dann so stehen sehe, (verschränkt die Arme) dann habe ich das Gefühl: „oh shit“ irgendwas ist wohl nicht in Ordnung”, so Chrige. Sie lasse sich leicht verunsichern, auch heute noch, nach einigen Jahren Bühnenerfahrung.

“Heute war gut” sagt Chrige und meint damit aber ihr schlimmes Lampenfieber. Auch Sängerin Nadja wird davon geplagt, lacht aber und sagt augenzwinkernd: “Wir haben Tabletten…Baldrian etwa” Dass die beiden manchmal auch während den Konzerten noch aufgeregt sind, konnten sie vor dem Publikum aber gut verstecken. Ob bei folkigen Tanzstücken oder feinen Balladen, die Musikerinnen wirkten souverän und selbstbewusst.

Das Publikum, egal welchen Geschlechts, lauschte mit Freude den melodischen Klängen, wippte oder tanzte mit den Beats des Cajón, und bedankte sich mit einem langen Applaus, wofür Jua* gleich noch eine Zugabe schenkte.

“Ich bin die Summe aller Teile”

Tink.ch: Wer bist du, Pablo?

Pablo Nouvelle: Oh, das kann ich dir nicht in zwei Sätzen erklären.

Tue es in drei.

(lacht, überlegt.)

Ich bin die Summe aller Teile.

Wie äussert sich das?

Beispielsweise bin ich zwar mit Hip-Hop aufgewachsen und habe in meiner Musik auch deutlich Soul-Komponenten enthalten, doch mach ich keinen Hip-Hop. Das, was das Publikum heute gehört hat, war kein Hip-Hop, oder?

Nein. Was ich heute gehört habe war das Wort: real. Zwei Jungs sind während des Konzerts stehen geblieben und einer meinte verblüfft: “Der ist einfach REAL!” Was sagst du dazu?

Real? Nein, wenn schon bin ich “ächt”. Real ist zu gangsterhaft. (Als er das ausspricht, hält er sich die geballte Hand vor den Mund, als wollte er beatboxen.)

Warum hat es ausgerechnet die Summe deiner Teile soweit geschafft?

Meine Vision der Arbeit entspricht eben dem Zeitgeist. Das hat viel mit Glück, Timing und einer Menge Arbeit zu tun. Ich würde jetzt aber nicht sagen, dass ich ein Star bin.

Wie erlebst du die Auftritte in England im Gegensatz zu denen in der Schweiz?

In der Schweiz bist du als Künstler auf weichen Kissen gebettet. Dagegen ist England ganz anders.

Inwiefern?

England ist roh. Da kriegst du als Künstler nie die Gage der Schweiz, von einer Hotelübernachtung ganz zu schweigen. Sich in England als Künstler durchzuschlagen, ist nicht leicht.

Zwischen den Liedern hast du gesagt: “Reithalle, schön gibt es euch! Ich glaube, dass ihr nie abgeschafft werdet. Mit keiner SVP-Kampagne.” Siehst du dich als Künstler verpflichtet, auch politische Statements unter die Leute zu bringen?

Meine Musik war lange Zeit unpolitisch. Doch meine Filme sind die Kehrseite meiner Musik. (Pablo hat an der Universität Luzern Animation studiert. Sein Abschlussfilm “Bon voyage” (2012) spricht die Flüchtlingsthematik an und gewann nationale sowie internationale Preise.) Darin spreche ich soziale Themen an, die nicht unbedingt politisch sein müssen. Auch gehöre ich keiner Partei an. Was mich beschäftigt, spreche ich aber an.

Findest du, dass die Politik einen Platz in der Kunst hat?

Sie soll einen Platz haben dürfen, aber es soll kein Muss für Künstler sein, über Politik zu sprechen.

In meinem privaten Umfeld spüre ich durchaus das politische Engagement, doch in der Kunst noch nicht so.

Du hast Animation, also Film, studiert und machst gleichzeitig Musik. Was kann das eine, was das andere nicht kann?

Ich sag es mal so: Musik gleich Herz, Film gleich Kopf.

Diese Frage wird von Künstlern im Allgemeinen sehr ungern beantwortet. Aber: Was machst du eigentlich für Musik?

(lacht) Warmen und emotionalen Soul. Drops, aber kein EDM (Electronic Dance Music). EDM wäre eine Beleidigung. Auf jeden Fall Elektro, aber auch mit Folk und Rockeinflüssen. Die Summe aller Teile eben.

Weitere Informationen

www.pablonouvelle.com

Das nächste Konzert findet diesen Freitag, den 30. Oktober, im Werkk Kulturlokal in Baden statt.

“Ich bin die Summe aller Teile”

Tink.ch: Wer bist du, Pablo?

Pablo Nouvelle: Oh, das kann ich dir nicht in zwei Sätzen erklären.

 

Tue es in drei.

(lacht, überlegt.)

Ich bin die Summe aller Teile.

 

Wie äussert sich das?

Beispielsweise bin ich zwar mit Hip-Hop aufgewachsen und habe in meiner Musik auch deutlich Soul-Komponenten enthalten, doch mach ich keinen Hip-Hop. Das, was das Publikum heute gehört hat, war kein Hip-Hop, oder?

 

Nein. Was ich heute gehört habe war das Wort: real. Zwei Jungs sind während des Konzerts stehen geblieben und einer meinte verblüfft: “Der ist einfach REAL!” Was sagst du dazu?

Real? Nein, wenn schon bin ich “ächt”. Real ist zu gangsterhaft. (Als er das ausspricht, hält er sich die geballte Hand vor den Mund, als wollte er beatboxen.)

 

Warum hat es ausgerechnet die Summe deiner Teile soweit geschafft?

Meine Vision der Arbeit entspricht eben dem Zeitgeist. Das hat viel mit Glück, Timing und einer Menge Arbeit zu tun. Ich würde jetzt aber nicht sagen, dass ich ein Star bin.

 

Wie erlebst du die Auftritte in England im Gegensatz zu denen in der Schweiz?

In der Schweiz bist du als Künstler auf weichen Kissen gebettet. Dagegen ist England ganz anders.

 

Inwiefern?

England ist roh. Da kriegst du als Künstler nie die Gage der Schweiz, von einer Hotelübernachtung ganz zu schweigen. Sich in England als Künstler durchzuschlagen, ist nicht leicht.

 

Zwischen den Liedern hast du gesagt: “Reithalle, schön gibt es euch! Ich glaube, dass ihr nie abgeschafft werdet. Mit keiner SVP-Kampagne.” Siehst du dich als Künstler verpflichtet, auch politische Statements unter die Leute zu bringen?

Meine Musik war lange Zeit unpolitisch. Doch meine Filme sind die Kehrseite meiner Musik. (Pablo hat an der Universität Luzern Animation studiert. Sein Abschlussfilm “Bon voyage” (2012) spricht die Flüchtlingsthematik an und gewann nationale sowie internationale Preise.) Darin spreche ich soziale Themen an, die nicht unbedingt politisch sein müssen. Auch gehöre ich keiner Partei an. Was mich beschäftigt, spreche ich aber an.

 

Findest du, dass die Politik einen Platz in der Kunst hat?

Sie soll einen Platz haben dürfen, aber es soll kein Muss für Künstler sein, über Politik zu sprechen.

In meinem privaten Umfeld spüre ich durchaus das politische Engagement, doch in der Kunst noch nicht so.

 

Du hast Animation, also Film, studiert und machst gleichzeitig Musik. Was kann das eine, was das andere nicht kann?

Ich sag es mal so: Musik gleich Herz, Film gleich Kopf.

 

Diese Frage wird von Künstlern im Allgemeinen sehr ungern beantwortet. Aber: Was machst du eigentlich für Musik?

(lacht) Warmen und emotionalen Soul. Drops, aber kein EDM (Electronic Dance Music). EDM wäre eine Beleidigung. Auf jeden Fall Elektro, aber auch mit Folk und Rockeinflüssen. Die Summe aller Teile eben.

 

 

Weitere Informationen


 

www.pablonouvelle.com

Das nächste Konzert findet diesen Freitag, den 30. Oktober, im Werkk Kulturlokal in Baden statt.

“Chillen mit Marx”

Um sieben Uhr abends ist noch nicht viel los auf dem Vorplatz der Reitschule. Das wird sich bald ändern. Der Freitagabend ist noch jung und das Reitschulfest lockt. Zu den treuen Reitschulgängern werden heute viele weitere Besuchende erwartet.

Seit 25 Jahren wird die Reitschule immer wieder in Frage gestellt. Die neuste Unterschriftensammlung hat gerade erst begonnen. Falls die kantonale Volksinitiative zu Stande kommt, wird es die sechste Prüfung an der Urne seit 1990. Noch älter als die Geschichte der Urnenabstimmungen ist gemäss den Veranstaltern das Reitschulefest. Zum 28. Mal lockt das Fest am Wochenende mit Musik, Theater und Kino.

Arbeitsgruppen

Als Auftakt des Reitschulefests führen zwei Reitschüler neugierige Besuchende durch die in den frühen Abendstunden noch leeren Räume des Kulturzentrums. Mit einem Bier in der Hand erklärt der eine – mit Namen wollen beide nicht genannt werden – die für Aussenstehende manchmal komplizierten Strukturen der Reitschule. Ein Reitschüler, eine Reitschülerin zu sein, bedeutet in der Szene, in einer der vielen AGs mitzuwirken. In der antikapitalistischen Reitschulwelt steht diese Abkürzung für Arbeitsgruppe. Diese organisieren den Betrieb ihres jeweiligen Raumes.

In der kleinen und engen Druckerei etwa werden Flyer, das Hausmagazin megafon, aber auch externe Aufträge auf Papier gebracht. Vis à vis befindet sich das Kino, wo Stallboden und Heuraufe an die Ursprünge der Reitschule erinnern und für ein besonderes Flair sorgen. Heute werden hier die beiden Reitschul-Streifen von Andreas Berger gezeigt.

Im normalen Betrieb wird im Kino lediglich um eine Kollekte gebeten. Manchmal seien die Beträge ziemlich frustrierend, sagt ein Kino-Mitglied. Weshalb der geliebte, aber teure 35mm-Film leider oft den DVDs weichen müsse.

Heterogene Reitschule

Die AGs sind, abgesehen von den Verpflichtungen durch Statuten und Manifest, autonom. Das heisst, sie können beispielsweise selbst bestimmen, ob und wie sie ihre Mitgliederentlöhnen. Mehrere Reitschüler bestätigen, dass dies innerhalb der Reitschule immer wieder zu Spannungen führe. Auch in der Reitschule finde man eben ein weites, diverses Meinungsbild, so ein Mitglied des Tojo-Theater.

Im zweiten Stock, über dem Kino, befindet sich der Frauenraum. An der Wand sind in grossen Lettern die Schlagworte des Manifests aufgemalt. Kein Sexismus. Keine Homophobie. Der wohl gemütlichste aller Reitschulräume ist aber trotz seiner Bezeichnung meist für alle Geschlechter offen. Einzig die ehrenamtlich arbeitenden “Kollektivas” sind alles Frauen, und die auftretenden Musikbands müssen mindestens zur Hälfte weibliche Mitglieder haben.

Konsenszwang

Im Raum daneben, im Körperdojo, werden verschiedene Kurse angeboten. So unterschiedlich die Sichtweisen in der Reitschule sind, so ist hier auch das Bewegungsangebot: Es reicht von Yoga über Poledance bis “Grr”, dem Kampfsporttraining. Ausserhalb des Dojos versucht man laut Manifest aber, Konflikte gewaltfrei zu lösen.

Konsens statt Konflikte gilt auch an den Versammlungen der Reitschüler. Alle Entscheide werden basisdemokratisch entschieden. Ein einziger Skeptiker kann also einen Beschluss verhindern. Dies sei anstrengend, sagt eine Mitarbeiterin des Dachstocks. Es habe sich wohl schon jeder einmal aufgeregt über stundenlange Sitzungen ohne handfestes Resultat. Die Basisdemokratie zwinge die Reitschüler aber, einander zuzuhören und vielfältige Sichtweisen anzuerkennen.

Rotes Theater

Das Tojo Theater ist eine der wenigen Gruppen, die sich Löhne ausbezahlen. Am Reitschulefest läuft hier “Chillen mit Marx”. An die Wände wird in rotem Licht ein Foto von Marx projeziert. Dazu passend gibt’s rote Getränke an der Bar und die AG-Mitglieder lesen hinter langen Bärten Zitate aus Marx’ Werken. Eine eigene Theatergruppe hat das Tojo Theater allerdings nicht mehr. Theatergruppen, auch internationale, können das Tojo mieten, als Gage dienen die Einnahmen aus den Billet- und Barverkäufen. Ohne Subventionen der Stadt würde das Theater allerdings nicht überleben.

Im Gegensatz zum Tojo hat der Dachstock durch regelmässig grössere Anlässe höhere Einnahmen. Diese indes kommen durch die interne Quersubventionierung allen AGs und somit der gesamten Reitschule zu Gute. Genau hier lauern Fragen, die schon zu so manchen kontroversen Diskussionen in der Reitschule geführt haben: Wie viel ökonomisches Handeln erträgt die Reitschule? Vertragen sich die Preise mit der Reitschulkultur? Oder werden finanziell Schwächere mit hohen Eintrittspreisen ausgeschlossen – wo die Reitschule offen für alle sein will.

Unter dem Dachstock liegen das Restaurant Sous le Pont und die Rössli-Bar. Die Endstation unserer Tour bot in den Anfängen der Reitschule häufig Zuflucht für die Drogenszene auf dem Vorplatz. Als Gegenmassnahme liessen die Behörden den Raum des heutigen Rössli mit Beton, Sand und Kies füllen. Die Vorplatzbewohner verschwanden, das Drogenproblem blieb und bleibt bis heute. Diesen Frühling lancierte die Interessengemeinschaft Kulturraum Reitschule (Ikur) deshalb die Kampagne “No Deal Area”. Ist sie erfolgreich, so wäre ein erster Schritt für die nächste Urnenprüfung getan.

“Ich fühle mich so gut wie überall wohl”

Es ist ein kalter, nebliger Morgen. Wir folgen Berivan ins Gebäude. Ihr schwarzes Haar wippt leicht hin und her. Zügig läuft sie durch die Gänge, vorbei an Wäscheleinen, spielenden Kindern, leise diskutierenden Erwachsenen. Dabei erzählt uns die Syrierin ihre Geschichte. Wie es dazu kam, dass sie und ihr Ehemann in dieser alten, überfüllten bulgarischen Schule ihre Flitterwochen verbringen.

 

Diese Szene filmte die Dokumentarfilmerin Eileen Hofer schon im Frühjahr 2013. Sie lernte Berivan in einem Flüchtlingsheim kennen, als sie aus eigener Initiative nach Bulgarien reiste, um den Flüchtlingen lebensnotwendige Spenden zu bringen. In nur einer Stunde entstand so ihr Kurzfilm “My Honeymoon” – meine Flitterwochen.

 

Wie in vielen ihrer Filme gibt die Protagonistin viel von sich preis. Auch wenn das Gesicht von Berivan nur am Schluss ganz kurz gezeigt wird, taucht man für knappe vier Minuten in ihr Leben, ihre Ängste und Hoffnungen ein.

Eileen Hofer hatte die Syrierin nur eine Stunde zuvor getroffen, und trotzdem entstand ein sehr persönliches Porträt. Dass dies möglich war, erklärt Hofer mit ihren eigenen Wurzeln im Mittleren Osten: “Das verbindet, auch wenn ich nicht Arabisch spreche.”

 

Gefilmt hat die Genferin schon an vielen unterschiedlichen Orten: Neben Bulgarien etwa auch in Afghanistan, Aserbaidschan und auf Kuba. Dank ihrem familiären Hintergrund, aber auch durch zahlreiche, teils längere Reisen hat Hofer die Welt und ihre verschiedenen Kulturen und Bürger kennengelernt. Dies erleichtere ihre Arbeit. Sie fühle sich fast überall schnell wohl, und auch ihre Protagonisten fassten rasch Vertrauen zu ihr. In Aserbaidschan wurde sie gar noch während den Dreharbeiten zu einer Hochzeit eingeladen.

 

Berivans Traum, nach Deutschland zu können, ist inzwischen wahr geworden. Wie es ihr heute geht, weiss Hofer allerdings nicht. Sie macht sich aber keine Sorgen: “Berivan ist eine starke Frau, spricht Englisch und hatte Zugang zu universitärer Bildung.”

 

Die Themen Immigration, Heimat und Identitätsfindung sind ein ständiger Begleiter in Hofers Filmen. So ist “My Honeymoon” auch ein wichtiger Beitrag in der aktuellen Asyldebatte. In einem Interview von Arte meint Hofer, dass die Menschen trotz unterschiedlicher Kulturen, Hintergründe und Wurzeln alle irgendwie gleich seien. “Das ist der Kern meiner Filme, diese Türen zu öffnen. Wir essen, wir mögen es zu lachen, wir mögen es, zu lieben.”

 

Mehr zum Thema


Bereits zum 13. Mal findet in Bern und der ganzen Welt das Kurzfilmfestival shnit statt. Ursprünglich ein Kurzfilmabend in der Reitschule, ist das shnit heute ein bedeutendes internationales Kurzfilmfestival, welches unter anderem auch in Kyoto und Buenos Aires stattfindet. Vom 7. bis 11. Oktober werden in Bern an 13 Spielstätten Kurzfilme gezeigt. Sowohl jede erdenkliche Kulisse – Kirche, Bahnhof bis Cincebad- wie auch jeder mögliche Filmvorliebe– Zeichentrick, Doku bis Komödie – wird dabei bedient.

Kann man den Summer Beach doch mögen?

Alle Jahre im Mai öffnet das Marzili seine Tore, bringen die Beizen ihre Tische nach draussen, stellen die Gelaterias ihre neuen Kreationen für den Sommer vor. Seit ein paar Jahren schon gesellt sich eine neue Attraktion dazu: der eingezäunte Sandkasten auf der Grossen Schanze, der “Summer Beach”.

 

Und immer am Anfang des Sommers nerve ich mich wieder aufs Neue. Pünktlich wenn ich, die Füsse im kühlen Lebensbrunnen (ja, er heisst wirklich so!), die wärmeren Temperaturen nun endlich so richtig geniessen könnte, kommen sie angefahren. Mit ihren Gittern. Dem Quarzsand. Den Rattan Lounches. Den tosenden Generatoren. Vergangenen Samstag nahm die Dauerveranstaltung ein Ende, wurde der öffentliche Platz wieder der Öffentlichkeit übergeben. Bevor sich der Quarzsand verabschiedete, musste ich mich jedoch einem Selbstversuch unterziehen.

 

Erste Runde

Nun gut, der Sandkasten ist da, und ein paar aufgebrachte Bernerinnen und Berner werden dieses Unding nicht vertreiben können. Meine späte Beichte: Vor diesem Selbstversuch war ich noch nie drin. Ich komme mir ein wenig vor wie all die Reitschul-Gegner, die einmal mit dem Zug die Reitschule passieren, die Graffitis sehen und dann zu Hause Erich Hess applaudieren.

 

Deshalb habe ich einen Selbstversuch unternommen, den Summer Beach doch zu mögen. Oder ihn mir wenigstens schön zu trinken. Denn mit den Übeln des Lebens lebt es sich leichter, wenn man sie zumindest akzeptieren kann.

 

Die erste Runde (eher teures) Bier ist bestellt. Die weissen Kunstledermatratzen erinnern mich an etwas zwischen Arztliegen und meiner Vorstellung von Matratzen in einem Stundenhotel. So entscheide ich mich nach einem kurzen Probeliegen doch für den kleinen Liegestuhl.

 

Die Inhaber geben an, mit dem Summer Beach die Grosse Schanze zu beleben. Was wollen sie denn beleben? Bis Ende April war die ganze Schanze belebt, und ab Ende August wird sie es auch wieder sein: Familien am Spielen, Arbeitnehmer am Mittagessen, Punks am Tanzen. Ein strahlendes Kunterbunt aus allen Ecken Berns.

 

Zweite Runde

Warum ich mit dem Summer Beach nicht so wirklich warm werde? Den ganzen Sommer über blockiert er den Platz um den Brunnen, obwohl er dann doch nur ab vier Uhr und nur bei schönem Wetter geöffnet ist. Er verdrängt das strahlende Kunterbunt. Und ausserdem ist er, ganz klar, einfach hässlich, zumindest von aussen gesehen.

 

Herrje, es könnte so schön sein, so gemütlich. Aber nein, jedes Fleckchen der Stadt Bern wird in der Sommerzeit bis zum letzten Millimeter von kommerziellen Veranstaltern genutzt.

 

Nun – mittlerweile nippe ich am zweiten Bier – wechsle ich auf ein “fatboy” Sitzkissen. Dies fühlt sich leider weniger gemütlich an, als es aussieht. Dafür habe ich einen optimalen Ausblick auf den schönen Abendhimmel beim Eindunkeln. Den kann ich allerdings auch sonst wo haben. Überhaupt frage ich mich, warum gerade dieser Platz für den Summer Beach herhalten muss. Einmal drin, hat man sowieso nur noch Aussicht auf die Bastzäune.

 

Dritte Runde

Die ewige Kommerzialisierung macht weder vor der Stadt, noch vor der Grossen Schanze halt. Der Summer Beach ist zwar von innen durchaus gemütlicher, als man von aussen erahnen könnte. Als sommerüberdauernde Attraktion auf einem so prominenten Platz würde ich mir allerdings ein etwas anderes, offeneres, weniger auf Kommerz ausgerichtetes Angebot wünschen.

 

Beim dritten Bier angelangt, werde ich aufgefordert, den Sandkasten wegen aufziehenden Regens zu verlassen. Wirklich traurig bin ich nicht über das frühzeitige Ende meines Selbstversuchs. Auch bei den anderen Besuchern kommt nicht so richtig Stimmung auf. Ich beobachte fünf Leute zusammen auf einem Bett – pardon, Baldachin – alle sind aber nur mit ihren Smartphones beschäftigt. Ob vielleicht die weissen Kunstledermatrazen die Stimmung bremsen?

 

Fazit

Gut finde ich, dass ich mal im Sandkasten drin war. Besser finde ich, dass ich wieder draussen bin. Auf dem Rasen der Grossen Schanze fühle ich mich wesentlich wohler. Doch da selbst dort während einem Monat die Leinwand des Salzkinos dafür sorgt, dass beinahe kein Platz mehr fürs Verweilen auf der grossen Wiese bleibt, wird dieser Genuss auch nur kurz währen. Aber man soll ja sowieso den Moment geniessen. Eben nur nicht dann, wenn einem grosse Veranstalter diesen streitig machen.

“Der Vorplatz ist der beste Kompromiss”

“Vorplatz”: Das Wort nimmt Bezug auf etwas, das nach ihm steht. Sie sind zwar oft rege frequentiert, aber nur selten belebt. Aus diesem Grund verdient der Reitschulvorplatz eigentlich einen anderen Namen.

 

Die Berner Reitschule lebt von der Vielfältigkeit ihrer Glieder. Tojo, Dachstock, Sous le pont oder Rössli sind nicht wegzudenken, ebensowenig der Vorplatz. Er hat sein eigenes Publikum und ist in diesem Sinne auch kein Anhängsel sondern ein gleichwertiger Teil der Reitschule.

 

Freiluftdisco ohne Ohrenschmerzen

In der Nacht verwandelt er sich regelmässig zur der meistbesuchten Freiluftdisco in Bern. Eine Musikanlage beschallt den Betonplatz dann mit 90dB unverwechselbarem Revoluzzer-Punkrock. Der Schalldruck verflüchtigt sich aufgrund der fehlenden Überdachung rasch in der Nacht, sodass die Atmosphäre zwar durch die Musik geprägt, anders als in einer Disco aber nicht von ihr dominiert ist.

 

Man muss sich deshalb keineswegs die Ohren mit daumengrossen Schaumstoffdübeln verschliessen, um einen Gehörschaden vorzubeugen, im Gegenteil: Gerede und Musik bilden eine unverwechselbare Geräuschkulisse, die sowohl fürs Tanzen, als auch für Gespräche einen angenehmen Hintergrund bietet.

 

Kein bestimmtes Prädikat

Folglich gibt es Tanzende, die reden, und Redende, die tanzen – inklusive sämtlicher Zwischenstufen. Der Vorplatz ist ein Kompromiss, aber gleichwohl das Beste, was aus dem kargen Betonplatz zu machen ist. Ihm ein bestimmtes Prädikat anheften zu wollen, wäre falsch.

 

Die Popularität des Vorplatzes rührt gerade daher, dass er eben nicht komplett in ein Schema einzuordnen ist. Weder macht ihn die Piratenbar kommerziell – man kann ja sein Bier auch selber mitbringen – noch räumt ihm der Pingpong-Tisch den Status als Sportplatz ein. Der Vorplatz ist ein alternativloses Unikat.

 

Dieser Artikel erschien zuerst auf www.journal-b.ch. Journal B ist ein unabhängiges Online-Medium für die Stadt Bern, das mehrmals wöchentlich Artikel in den Bereichen Politik, Alltag und Kultur publiziert.

Zwischen Solidarität und Selbstsucht

“Das Verhältnis zum Geld blieb in der Reithalle-Gegenkultur widersprüchlich und uneinheitlich. Wurden die Waren und Dienstleistungen zuerst überhaupt gratis oder zum Selbstkostenpreis angeboten, behalf man sich danach beim Eintritt zu Veranstaltungen jahrelang schamhaft mit Kollekten”, heisst es im Buch “Reithalle Bern – Autonomie und Kultur im Zentrum”, das zum 10-jährigen Jubiläum 1998 des Kulturzentrums erschienenen ist.

 

Verkommerzialisiert(e) die Reitschule?

Besucht man heute, über 25 Jahre nach der erneuten Besetzung des Gebäudekomplexes die  Reitschule, ist von Selbstkostenpreis, Kollekte und Schamgefühl nicht mehr viel zu erkennen. Mit Ausnahme des Kinos und der ab und zu stattfindenden Soli- oder Gratis-Konzerte hat heute praktisch alles seinen fast marktüblichen Preis. Die Flasche Maisgold à  33cl kostet 5 Franken, der Dachstock-Eintritt je nach Auftritt um die 25 Franken, gelegentlich auch mal mehr.

 

Die antikommerzialistische Preispolitik der Reitschule liegt schon ein Weilchen zurück. So endet bereits der eingangs zitierte Abschnitt mit dem Satz: “Die meisten AG (Arbeitsgruppen, Anm. d. Red.) verkaufen ihre Dienstleistungen allerdings heute zu festgesetzten Preisen.”

Zugegeben, vergleicht man die Preise mit den Umliegenden Kulturlokalen, dürfen sich die Besucherinnen und Besucher der Reitschule nicht beklagen. Und doch drängt sich bei einer Auseinandersetzung mit der ökonomischen Geschichte der Reitschule die Frage auf: Verkommerzialisiert(e) die Reitschule?

 

Von der Soli-Kollekte zum Eintrittspreis

Zur Beantwortung dieser Frage sind zwei Entwicklungen in der Geschichte der Reitschule von zentraler Bedeutung. Einerseits fand eine Art “Normalisierungsprozess” statt. Die nach und nach und unter heftigen Diskussionen eingeführten Löhne wurden legalisiert, Gastgewerbebewilligung und Billetsteuer eingeführt und aus Gebrauchsleihverträgen mit der Satdt wurde der heutige Leistungsvertrag. Diese Veränderungen brachten finanzielle Auswirkungen mit sich: Abgaben an den Staat wie Steuern und AHV-Beiträge sowie die Vermehrung bezahlter Arbeit erhöhten die anfallenden Fixkosten für das Kulturzentrum.

 

Die zweite, für die Preispolitik der Reitschule wegweisende Entwicklung war der zunehmende Mangel an Solidarität. Konnte sich die Reitschule zunächst auf Kollektenbasis “freiwillig” finanzieren, wurden gegen Ende der 80er-Jahre aufgrund mangelnder Bereitschaft Kollekte zu bezahlen, schliesslich Eintrittspreise eingeführt, welche sich im Laufe der Zeit und ebenjener Normalisierung erhöhten.

 

Nebst den enstandenen Abgaben und weiteren Fixkosten wie zunehmende Band-Gagen, Instandhaltung der Infrastruktur, war und ist vor allem die interne Umverteilung wichtiger Verwendungszweck der Reitschul-Finanzen. Während die Gastrobetriebe Sous Le Pont und Rössli Geld an den Reitschule-Fonds abgeben können und das Konzertlokal Dachstock etwa selbsttragend ist, sind Arbeitsgruppen wie die Zeitung “Megafon” und der Infoladen auf Unterstützung angewiesen.

 

Von der Freiwilligkeit zum “Kommerz-Zwang”

Mit vermehrten Ausgaben und mangelnder Solidarität kam eine Art “Zwang zum Kommerz”, der sich mit der steigenden Popularität der Reitschule noch verschärfte. Zu sehr auf Konsum, zu sehr nach dem Schema “ich zahle, also bekomm’ ich” ausgerichtet, dürfte die Mentalität der unzähligen Reitschul-Besucherinnen und -Besucher sein, als dass ein klar antikommerzielles, auf Freiwilligkeit basierendes System noch funktionieren könnte. Oder in den Worten des langjährigen Reitschülers Tom Locher: “Ich, ich, ich und der Rest ist scheissegal. Ausgrenzung, keine Solidarität. Ein egozentrisches Gewinnerzielungsinteresse. Halt nicht unbedingt im finanziellen Sinne, sondern geistig, das eigene Selbstverständnis betreffend. Das ist wohl das grösste Problem in der Reitschule und für ihre Zukunft.»

Category Archives: Reitschule

Die nicht zurückhaltende Spezies Frau

Jua* drängt sich im Backstagebereich des Frauenraums auf ein Sofa. Die vier Frauen sind nicht nur eine Band, sondern auch gute Freundinnen, das spürt man. Bassistin Anuschka schätzt den persönlichen Austausch, die Freundschaft untereinander: “Die erste halbe Stunde im Bandraum verbringen wir mit persönlichen Gesprächen, wie es uns geht, in unseren Beziehungen, im Beruf…” Konflikte sprechen sie immer an, das sei wichtig. Mit einem Lächeln zu Songwriterin Chrige meint Anja: “Vielleicht wartet man manchmal einen Moment zu lange, aber ansprechen tun wir’s immer.”

Diese Harmonie zieht sich bis auf die Bühne. Jua* singt oft mehrstimmig. Mit Cajón, Bassgitarre, akustischer Gitarre und starken Stimmen entsteht ein feinfühliger Mix aus Country, Folk und Blues. Dies passt wunderbar in den Frauenraum, der immer wieder als der gemütlichste aller Räume der Reitschule bezeichnet wird.

Der Frauenraum will aber nicht nur gemütlich sein. Die Frauen-Jamsession “play yourself”, initiiert von der Cajón-Spielerin Anja, soll Frauen in ihrem musikalischen Schaffen bestärken. Leider hielten sich talentierte Frauen oft zurück im Musikbusiness, wagen sich kaum auf die Bühne. Oder wie es Chrige ehrlich ausdrückt: “Wenn ein toller Musiker mit Gitarre (macht Luftgitarren-Bewegungen) kommt und eine riesen Show macht, trauen sich danach viele nicht mehr auf die Bühne”. Im geschützten Rahmen fänden Frauen eher den Mut, ihr Können zu zeigen. Zweifel und Zurückhaltung, so Anja, seien wohl Gründe für die wenigen Frauen in der Bandszene. Warum es Jua* trotzdem gibt? “Wir sind eben nicht so! Wir nicht! Wir sind eben die Spezies, die nicht zurückhaltend ist, die gibt’s auch!“, sind sich unter Gelächter alle einig.

Im Frauenraum sind die vier auch privat regelmässig zu Gast. “Wenn ich in den Ausgang gehe, dann komme ich fast nur hierher.”, so Anuschka. Auch Anja hat eine jahrelange Verbindung zum Frauenraum. Neben den Jamsessions hat sie auch sonst im Kollektiv mitgewirkt. Mit 20 war sie zum ersten Mal hier, da habe sich eine Welt aufgetan für sie: “Ich kam aus dem Wallis, einer anderen Welt. Dort kannte man keine linke Szene.”

Zurück auf die Bühne: Jua* verzichtet auf viel Bewegung. Lieber konzentrieren sie sich auf ihr Zusammenspiel. Die vier Frauen bilden eine Einheit, schauen einander an, schliessen die Augen. Sie scheinen ihre Musik zu geniessen.

“Wenn ich die Leute aber dann so stehen sehe, (verschränkt die Arme) dann habe ich das Gefühl: „oh shit“ irgendwas ist wohl nicht in Ordnung”, so Chrige. Sie lasse sich leicht verunsichern, auch heute noch, nach einigen Jahren Bühnenerfahrung.

“Heute war gut” sagt Chrige und meint damit aber ihr schlimmes Lampenfieber. Auch Sängerin Nadja wird davon geplagt, lacht aber und sagt augenzwinkernd: “Wir haben Tabletten…Baldrian etwa” Dass die beiden manchmal auch während den Konzerten noch aufgeregt sind, konnten sie vor dem Publikum aber gut verstecken. Ob bei folkigen Tanzstücken oder feinen Balladen, die Musikerinnen wirkten souverän und selbstbewusst.

Das Publikum, egal welchen Geschlechts, lauschte mit Freude den melodischen Klängen, wippte oder tanzte mit den Beats des Cajón, und bedankte sich mit einem langen Applaus, wofür Jua* gleich noch eine Zugabe schenkte.

“Ich bin die Summe aller Teile”

Tink.ch: Wer bist du, Pablo?

Pablo Nouvelle: Oh, das kann ich dir nicht in zwei Sätzen erklären.

Tue es in drei.

(lacht, überlegt.)

Ich bin die Summe aller Teile.

Wie äussert sich das?

Beispielsweise bin ich zwar mit Hip-Hop aufgewachsen und habe in meiner Musik auch deutlich Soul-Komponenten enthalten, doch mach ich keinen Hip-Hop. Das, was das Publikum heute gehört hat, war kein Hip-Hop, oder?

Nein. Was ich heute gehört habe war das Wort: real. Zwei Jungs sind während des Konzerts stehen geblieben und einer meinte verblüfft: “Der ist einfach REAL!” Was sagst du dazu?

Real? Nein, wenn schon bin ich “ächt”. Real ist zu gangsterhaft. (Als er das ausspricht, hält er sich die geballte Hand vor den Mund, als wollte er beatboxen.)

Warum hat es ausgerechnet die Summe deiner Teile soweit geschafft?

Meine Vision der Arbeit entspricht eben dem Zeitgeist. Das hat viel mit Glück, Timing und einer Menge Arbeit zu tun. Ich würde jetzt aber nicht sagen, dass ich ein Star bin.

Wie erlebst du die Auftritte in England im Gegensatz zu denen in der Schweiz?

In der Schweiz bist du als Künstler auf weichen Kissen gebettet. Dagegen ist England ganz anders.

Inwiefern?

England ist roh. Da kriegst du als Künstler nie die Gage der Schweiz, von einer Hotelübernachtung ganz zu schweigen. Sich in England als Künstler durchzuschlagen, ist nicht leicht.

Zwischen den Liedern hast du gesagt: “Reithalle, schön gibt es euch! Ich glaube, dass ihr nie abgeschafft werdet. Mit keiner SVP-Kampagne.” Siehst du dich als Künstler verpflichtet, auch politische Statements unter die Leute zu bringen?

Meine Musik war lange Zeit unpolitisch. Doch meine Filme sind die Kehrseite meiner Musik. (Pablo hat an der Universität Luzern Animation studiert. Sein Abschlussfilm “Bon voyage” (2012) spricht die Flüchtlingsthematik an und gewann nationale sowie internationale Preise.) Darin spreche ich soziale Themen an, die nicht unbedingt politisch sein müssen. Auch gehöre ich keiner Partei an. Was mich beschäftigt, spreche ich aber an.

Findest du, dass die Politik einen Platz in der Kunst hat?

Sie soll einen Platz haben dürfen, aber es soll kein Muss für Künstler sein, über Politik zu sprechen.

In meinem privaten Umfeld spüre ich durchaus das politische Engagement, doch in der Kunst noch nicht so.

Du hast Animation, also Film, studiert und machst gleichzeitig Musik. Was kann das eine, was das andere nicht kann?

Ich sag es mal so: Musik gleich Herz, Film gleich Kopf.

Diese Frage wird von Künstlern im Allgemeinen sehr ungern beantwortet. Aber: Was machst du eigentlich für Musik?

(lacht) Warmen und emotionalen Soul. Drops, aber kein EDM (Electronic Dance Music). EDM wäre eine Beleidigung. Auf jeden Fall Elektro, aber auch mit Folk und Rockeinflüssen. Die Summe aller Teile eben.

Weitere Informationen

www.pablonouvelle.com

Das nächste Konzert findet diesen Freitag, den 30. Oktober, im Werkk Kulturlokal in Baden statt.

“Ich bin die Summe aller Teile”

Tink.ch: Wer bist du, Pablo?

Pablo Nouvelle: Oh, das kann ich dir nicht in zwei Sätzen erklären.

 

Tue es in drei.

(lacht, überlegt.)

Ich bin die Summe aller Teile.

 

Wie äussert sich das?

Beispielsweise bin ich zwar mit Hip-Hop aufgewachsen und habe in meiner Musik auch deutlich Soul-Komponenten enthalten, doch mach ich keinen Hip-Hop. Das, was das Publikum heute gehört hat, war kein Hip-Hop, oder?

 

Nein. Was ich heute gehört habe war das Wort: real. Zwei Jungs sind während des Konzerts stehen geblieben und einer meinte verblüfft: “Der ist einfach REAL!” Was sagst du dazu?

Real? Nein, wenn schon bin ich “ächt”. Real ist zu gangsterhaft. (Als er das ausspricht, hält er sich die geballte Hand vor den Mund, als wollte er beatboxen.)

 

Warum hat es ausgerechnet die Summe deiner Teile soweit geschafft?

Meine Vision der Arbeit entspricht eben dem Zeitgeist. Das hat viel mit Glück, Timing und einer Menge Arbeit zu tun. Ich würde jetzt aber nicht sagen, dass ich ein Star bin.

 

Wie erlebst du die Auftritte in England im Gegensatz zu denen in der Schweiz?

In der Schweiz bist du als Künstler auf weichen Kissen gebettet. Dagegen ist England ganz anders.

 

Inwiefern?

England ist roh. Da kriegst du als Künstler nie die Gage der Schweiz, von einer Hotelübernachtung ganz zu schweigen. Sich in England als Künstler durchzuschlagen, ist nicht leicht.

 

Zwischen den Liedern hast du gesagt: “Reithalle, schön gibt es euch! Ich glaube, dass ihr nie abgeschafft werdet. Mit keiner SVP-Kampagne.” Siehst du dich als Künstler verpflichtet, auch politische Statements unter die Leute zu bringen?

Meine Musik war lange Zeit unpolitisch. Doch meine Filme sind die Kehrseite meiner Musik. (Pablo hat an der Universität Luzern Animation studiert. Sein Abschlussfilm “Bon voyage” (2012) spricht die Flüchtlingsthematik an und gewann nationale sowie internationale Preise.) Darin spreche ich soziale Themen an, die nicht unbedingt politisch sein müssen. Auch gehöre ich keiner Partei an. Was mich beschäftigt, spreche ich aber an.

 

Findest du, dass die Politik einen Platz in der Kunst hat?

Sie soll einen Platz haben dürfen, aber es soll kein Muss für Künstler sein, über Politik zu sprechen.

In meinem privaten Umfeld spüre ich durchaus das politische Engagement, doch in der Kunst noch nicht so.

 

Du hast Animation, also Film, studiert und machst gleichzeitig Musik. Was kann das eine, was das andere nicht kann?

Ich sag es mal so: Musik gleich Herz, Film gleich Kopf.

 

Diese Frage wird von Künstlern im Allgemeinen sehr ungern beantwortet. Aber: Was machst du eigentlich für Musik?

(lacht) Warmen und emotionalen Soul. Drops, aber kein EDM (Electronic Dance Music). EDM wäre eine Beleidigung. Auf jeden Fall Elektro, aber auch mit Folk und Rockeinflüssen. Die Summe aller Teile eben.

 

 

Weitere Informationen


 

www.pablonouvelle.com

Das nächste Konzert findet diesen Freitag, den 30. Oktober, im Werkk Kulturlokal in Baden statt.

“Chillen mit Marx”

Um sieben Uhr abends ist noch nicht viel los auf dem Vorplatz der Reitschule. Das wird sich bald ändern. Der Freitagabend ist noch jung und das Reitschulfest lockt. Zu den treuen Reitschulgängern werden heute viele weitere Besuchende erwartet.

Seit 25 Jahren wird die Reitschule immer wieder in Frage gestellt. Die neuste Unterschriftensammlung hat gerade erst begonnen. Falls die kantonale Volksinitiative zu Stande kommt, wird es die sechste Prüfung an der Urne seit 1990. Noch älter als die Geschichte der Urnenabstimmungen ist gemäss den Veranstaltern das Reitschulefest. Zum 28. Mal lockt das Fest am Wochenende mit Musik, Theater und Kino.

Arbeitsgruppen

Als Auftakt des Reitschulefests führen zwei Reitschüler neugierige Besuchende durch die in den frühen Abendstunden noch leeren Räume des Kulturzentrums. Mit einem Bier in der Hand erklärt der eine – mit Namen wollen beide nicht genannt werden – die für Aussenstehende manchmal komplizierten Strukturen der Reitschule. Ein Reitschüler, eine Reitschülerin zu sein, bedeutet in der Szene, in einer der vielen AGs mitzuwirken. In der antikapitalistischen Reitschulwelt steht diese Abkürzung für Arbeitsgruppe. Diese organisieren den Betrieb ihres jeweiligen Raumes.

In der kleinen und engen Druckerei etwa werden Flyer, das Hausmagazin megafon, aber auch externe Aufträge auf Papier gebracht. Vis à vis befindet sich das Kino, wo Stallboden und Heuraufe an die Ursprünge der Reitschule erinnern und für ein besonderes Flair sorgen. Heute werden hier die beiden Reitschul-Streifen von Andreas Berger gezeigt.

Im normalen Betrieb wird im Kino lediglich um eine Kollekte gebeten. Manchmal seien die Beträge ziemlich frustrierend, sagt ein Kino-Mitglied. Weshalb der geliebte, aber teure 35mm-Film leider oft den DVDs weichen müsse.

Heterogene Reitschule

Die AGs sind, abgesehen von den Verpflichtungen durch Statuten und Manifest, autonom. Das heisst, sie können beispielsweise selbst bestimmen, ob und wie sie ihre Mitgliederentlöhnen. Mehrere Reitschüler bestätigen, dass dies innerhalb der Reitschule immer wieder zu Spannungen führe. Auch in der Reitschule finde man eben ein weites, diverses Meinungsbild, so ein Mitglied des Tojo-Theater.

Im zweiten Stock, über dem Kino, befindet sich der Frauenraum. An der Wand sind in grossen Lettern die Schlagworte des Manifests aufgemalt. Kein Sexismus. Keine Homophobie. Der wohl gemütlichste aller Reitschulräume ist aber trotz seiner Bezeichnung meist für alle Geschlechter offen. Einzig die ehrenamtlich arbeitenden “Kollektivas” sind alles Frauen, und die auftretenden Musikbands müssen mindestens zur Hälfte weibliche Mitglieder haben.

Konsenszwang

Im Raum daneben, im Körperdojo, werden verschiedene Kurse angeboten. So unterschiedlich die Sichtweisen in der Reitschule sind, so ist hier auch das Bewegungsangebot: Es reicht von Yoga über Poledance bis “Grr”, dem Kampfsporttraining. Ausserhalb des Dojos versucht man laut Manifest aber, Konflikte gewaltfrei zu lösen.

Konsens statt Konflikte gilt auch an den Versammlungen der Reitschüler. Alle Entscheide werden basisdemokratisch entschieden. Ein einziger Skeptiker kann also einen Beschluss verhindern. Dies sei anstrengend, sagt eine Mitarbeiterin des Dachstocks. Es habe sich wohl schon jeder einmal aufgeregt über stundenlange Sitzungen ohne handfestes Resultat. Die Basisdemokratie zwinge die Reitschüler aber, einander zuzuhören und vielfältige Sichtweisen anzuerkennen.

Rotes Theater

Das Tojo Theater ist eine der wenigen Gruppen, die sich Löhne ausbezahlen. Am Reitschulefest läuft hier “Chillen mit Marx”. An die Wände wird in rotem Licht ein Foto von Marx projeziert. Dazu passend gibt’s rote Getränke an der Bar und die AG-Mitglieder lesen hinter langen Bärten Zitate aus Marx’ Werken. Eine eigene Theatergruppe hat das Tojo Theater allerdings nicht mehr. Theatergruppen, auch internationale, können das Tojo mieten, als Gage dienen die Einnahmen aus den Billet- und Barverkäufen. Ohne Subventionen der Stadt würde das Theater allerdings nicht überleben.

Im Gegensatz zum Tojo hat der Dachstock durch regelmässig grössere Anlässe höhere Einnahmen. Diese indes kommen durch die interne Quersubventionierung allen AGs und somit der gesamten Reitschule zu Gute. Genau hier lauern Fragen, die schon zu so manchen kontroversen Diskussionen in der Reitschule geführt haben: Wie viel ökonomisches Handeln erträgt die Reitschule? Vertragen sich die Preise mit der Reitschulkultur? Oder werden finanziell Schwächere mit hohen Eintrittspreisen ausgeschlossen – wo die Reitschule offen für alle sein will.

Unter dem Dachstock liegen das Restaurant Sous le Pont und die Rössli-Bar. Die Endstation unserer Tour bot in den Anfängen der Reitschule häufig Zuflucht für die Drogenszene auf dem Vorplatz. Als Gegenmassnahme liessen die Behörden den Raum des heutigen Rössli mit Beton, Sand und Kies füllen. Die Vorplatzbewohner verschwanden, das Drogenproblem blieb und bleibt bis heute. Diesen Frühling lancierte die Interessengemeinschaft Kulturraum Reitschule (Ikur) deshalb die Kampagne “No Deal Area”. Ist sie erfolgreich, so wäre ein erster Schritt für die nächste Urnenprüfung getan.

“Ich fühle mich so gut wie überall wohl”

Es ist ein kalter, nebliger Morgen. Wir folgen Berivan ins Gebäude. Ihr schwarzes Haar wippt leicht hin und her. Zügig läuft sie durch die Gänge, vorbei an Wäscheleinen, spielenden Kindern, leise diskutierenden Erwachsenen. Dabei erzählt uns die Syrierin ihre Geschichte. Wie es dazu kam, dass sie und ihr Ehemann in dieser alten, überfüllten bulgarischen Schule ihre Flitterwochen verbringen.

 

Diese Szene filmte die Dokumentarfilmerin Eileen Hofer schon im Frühjahr 2013. Sie lernte Berivan in einem Flüchtlingsheim kennen, als sie aus eigener Initiative nach Bulgarien reiste, um den Flüchtlingen lebensnotwendige Spenden zu bringen. In nur einer Stunde entstand so ihr Kurzfilm “My Honeymoon” – meine Flitterwochen.

 

Wie in vielen ihrer Filme gibt die Protagonistin viel von sich preis. Auch wenn das Gesicht von Berivan nur am Schluss ganz kurz gezeigt wird, taucht man für knappe vier Minuten in ihr Leben, ihre Ängste und Hoffnungen ein.

Eileen Hofer hatte die Syrierin nur eine Stunde zuvor getroffen, und trotzdem entstand ein sehr persönliches Porträt. Dass dies möglich war, erklärt Hofer mit ihren eigenen Wurzeln im Mittleren Osten: “Das verbindet, auch wenn ich nicht Arabisch spreche.”

 

Gefilmt hat die Genferin schon an vielen unterschiedlichen Orten: Neben Bulgarien etwa auch in Afghanistan, Aserbaidschan und auf Kuba. Dank ihrem familiären Hintergrund, aber auch durch zahlreiche, teils längere Reisen hat Hofer die Welt und ihre verschiedenen Kulturen und Bürger kennengelernt. Dies erleichtere ihre Arbeit. Sie fühle sich fast überall schnell wohl, und auch ihre Protagonisten fassten rasch Vertrauen zu ihr. In Aserbaidschan wurde sie gar noch während den Dreharbeiten zu einer Hochzeit eingeladen.

 

Berivans Traum, nach Deutschland zu können, ist inzwischen wahr geworden. Wie es ihr heute geht, weiss Hofer allerdings nicht. Sie macht sich aber keine Sorgen: “Berivan ist eine starke Frau, spricht Englisch und hatte Zugang zu universitärer Bildung.”

 

Die Themen Immigration, Heimat und Identitätsfindung sind ein ständiger Begleiter in Hofers Filmen. So ist “My Honeymoon” auch ein wichtiger Beitrag in der aktuellen Asyldebatte. In einem Interview von Arte meint Hofer, dass die Menschen trotz unterschiedlicher Kulturen, Hintergründe und Wurzeln alle irgendwie gleich seien. “Das ist der Kern meiner Filme, diese Türen zu öffnen. Wir essen, wir mögen es zu lachen, wir mögen es, zu lieben.”

 

Mehr zum Thema


Bereits zum 13. Mal findet in Bern und der ganzen Welt das Kurzfilmfestival shnit statt. Ursprünglich ein Kurzfilmabend in der Reitschule, ist das shnit heute ein bedeutendes internationales Kurzfilmfestival, welches unter anderem auch in Kyoto und Buenos Aires stattfindet. Vom 7. bis 11. Oktober werden in Bern an 13 Spielstätten Kurzfilme gezeigt. Sowohl jede erdenkliche Kulisse – Kirche, Bahnhof bis Cincebad- wie auch jeder mögliche Filmvorliebe– Zeichentrick, Doku bis Komödie – wird dabei bedient.

Kann man den Summer Beach doch mögen?

Alle Jahre im Mai öffnet das Marzili seine Tore, bringen die Beizen ihre Tische nach draussen, stellen die Gelaterias ihre neuen Kreationen für den Sommer vor. Seit ein paar Jahren schon gesellt sich eine neue Attraktion dazu: der eingezäunte Sandkasten auf der Grossen Schanze, der “Summer Beach”.

 

Und immer am Anfang des Sommers nerve ich mich wieder aufs Neue. Pünktlich wenn ich, die Füsse im kühlen Lebensbrunnen (ja, er heisst wirklich so!), die wärmeren Temperaturen nun endlich so richtig geniessen könnte, kommen sie angefahren. Mit ihren Gittern. Dem Quarzsand. Den Rattan Lounches. Den tosenden Generatoren. Vergangenen Samstag nahm die Dauerveranstaltung ein Ende, wurde der öffentliche Platz wieder der Öffentlichkeit übergeben. Bevor sich der Quarzsand verabschiedete, musste ich mich jedoch einem Selbstversuch unterziehen.

 

Erste Runde

Nun gut, der Sandkasten ist da, und ein paar aufgebrachte Bernerinnen und Berner werden dieses Unding nicht vertreiben können. Meine späte Beichte: Vor diesem Selbstversuch war ich noch nie drin. Ich komme mir ein wenig vor wie all die Reitschul-Gegner, die einmal mit dem Zug die Reitschule passieren, die Graffitis sehen und dann zu Hause Erich Hess applaudieren.

 

Deshalb habe ich einen Selbstversuch unternommen, den Summer Beach doch zu mögen. Oder ihn mir wenigstens schön zu trinken. Denn mit den Übeln des Lebens lebt es sich leichter, wenn man sie zumindest akzeptieren kann.

 

Die erste Runde (eher teures) Bier ist bestellt. Die weissen Kunstledermatratzen erinnern mich an etwas zwischen Arztliegen und meiner Vorstellung von Matratzen in einem Stundenhotel. So entscheide ich mich nach einem kurzen Probeliegen doch für den kleinen Liegestuhl.

 

Die Inhaber geben an, mit dem Summer Beach die Grosse Schanze zu beleben. Was wollen sie denn beleben? Bis Ende April war die ganze Schanze belebt, und ab Ende August wird sie es auch wieder sein: Familien am Spielen, Arbeitnehmer am Mittagessen, Punks am Tanzen. Ein strahlendes Kunterbunt aus allen Ecken Berns.

 

Zweite Runde

Warum ich mit dem Summer Beach nicht so wirklich warm werde? Den ganzen Sommer über blockiert er den Platz um den Brunnen, obwohl er dann doch nur ab vier Uhr und nur bei schönem Wetter geöffnet ist. Er verdrängt das strahlende Kunterbunt. Und ausserdem ist er, ganz klar, einfach hässlich, zumindest von aussen gesehen.

 

Herrje, es könnte so schön sein, so gemütlich. Aber nein, jedes Fleckchen der Stadt Bern wird in der Sommerzeit bis zum letzten Millimeter von kommerziellen Veranstaltern genutzt.

 

Nun – mittlerweile nippe ich am zweiten Bier – wechsle ich auf ein “fatboy” Sitzkissen. Dies fühlt sich leider weniger gemütlich an, als es aussieht. Dafür habe ich einen optimalen Ausblick auf den schönen Abendhimmel beim Eindunkeln. Den kann ich allerdings auch sonst wo haben. Überhaupt frage ich mich, warum gerade dieser Platz für den Summer Beach herhalten muss. Einmal drin, hat man sowieso nur noch Aussicht auf die Bastzäune.

 

Dritte Runde

Die ewige Kommerzialisierung macht weder vor der Stadt, noch vor der Grossen Schanze halt. Der Summer Beach ist zwar von innen durchaus gemütlicher, als man von aussen erahnen könnte. Als sommerüberdauernde Attraktion auf einem so prominenten Platz würde ich mir allerdings ein etwas anderes, offeneres, weniger auf Kommerz ausgerichtetes Angebot wünschen.

 

Beim dritten Bier angelangt, werde ich aufgefordert, den Sandkasten wegen aufziehenden Regens zu verlassen. Wirklich traurig bin ich nicht über das frühzeitige Ende meines Selbstversuchs. Auch bei den anderen Besuchern kommt nicht so richtig Stimmung auf. Ich beobachte fünf Leute zusammen auf einem Bett – pardon, Baldachin – alle sind aber nur mit ihren Smartphones beschäftigt. Ob vielleicht die weissen Kunstledermatrazen die Stimmung bremsen?

 

Fazit

Gut finde ich, dass ich mal im Sandkasten drin war. Besser finde ich, dass ich wieder draussen bin. Auf dem Rasen der Grossen Schanze fühle ich mich wesentlich wohler. Doch da selbst dort während einem Monat die Leinwand des Salzkinos dafür sorgt, dass beinahe kein Platz mehr fürs Verweilen auf der grossen Wiese bleibt, wird dieser Genuss auch nur kurz währen. Aber man soll ja sowieso den Moment geniessen. Eben nur nicht dann, wenn einem grosse Veranstalter diesen streitig machen.

“Der Vorplatz ist der beste Kompromiss”

“Vorplatz”: Das Wort nimmt Bezug auf etwas, das nach ihm steht. Sie sind zwar oft rege frequentiert, aber nur selten belebt. Aus diesem Grund verdient der Reitschulvorplatz eigentlich einen anderen Namen.

 

Die Berner Reitschule lebt von der Vielfältigkeit ihrer Glieder. Tojo, Dachstock, Sous le pont oder Rössli sind nicht wegzudenken, ebensowenig der Vorplatz. Er hat sein eigenes Publikum und ist in diesem Sinne auch kein Anhängsel sondern ein gleichwertiger Teil der Reitschule.

 

Freiluftdisco ohne Ohrenschmerzen

In der Nacht verwandelt er sich regelmässig zur der meistbesuchten Freiluftdisco in Bern. Eine Musikanlage beschallt den Betonplatz dann mit 90dB unverwechselbarem Revoluzzer-Punkrock. Der Schalldruck verflüchtigt sich aufgrund der fehlenden Überdachung rasch in der Nacht, sodass die Atmosphäre zwar durch die Musik geprägt, anders als in einer Disco aber nicht von ihr dominiert ist.

 

Man muss sich deshalb keineswegs die Ohren mit daumengrossen Schaumstoffdübeln verschliessen, um einen Gehörschaden vorzubeugen, im Gegenteil: Gerede und Musik bilden eine unverwechselbare Geräuschkulisse, die sowohl fürs Tanzen, als auch für Gespräche einen angenehmen Hintergrund bietet.

 

Kein bestimmtes Prädikat

Folglich gibt es Tanzende, die reden, und Redende, die tanzen – inklusive sämtlicher Zwischenstufen. Der Vorplatz ist ein Kompromiss, aber gleichwohl das Beste, was aus dem kargen Betonplatz zu machen ist. Ihm ein bestimmtes Prädikat anheften zu wollen, wäre falsch.

 

Die Popularität des Vorplatzes rührt gerade daher, dass er eben nicht komplett in ein Schema einzuordnen ist. Weder macht ihn die Piratenbar kommerziell – man kann ja sein Bier auch selber mitbringen – noch räumt ihm der Pingpong-Tisch den Status als Sportplatz ein. Der Vorplatz ist ein alternativloses Unikat.

 

Dieser Artikel erschien zuerst auf www.journal-b.ch. Journal B ist ein unabhängiges Online-Medium für die Stadt Bern, das mehrmals wöchentlich Artikel in den Bereichen Politik, Alltag und Kultur publiziert.

Zwischen Solidarität und Selbstsucht

“Das Verhältnis zum Geld blieb in der Reithalle-Gegenkultur widersprüchlich und uneinheitlich. Wurden die Waren und Dienstleistungen zuerst überhaupt gratis oder zum Selbstkostenpreis angeboten, behalf man sich danach beim Eintritt zu Veranstaltungen jahrelang schamhaft mit Kollekten”, heisst es im Buch “Reithalle Bern – Autonomie und Kultur im Zentrum”, das zum 10-jährigen Jubiläum 1998 des Kulturzentrums erschienenen ist.

 

Verkommerzialisiert(e) die Reitschule?

Besucht man heute, über 25 Jahre nach der erneuten Besetzung des Gebäudekomplexes die  Reitschule, ist von Selbstkostenpreis, Kollekte und Schamgefühl nicht mehr viel zu erkennen. Mit Ausnahme des Kinos und der ab und zu stattfindenden Soli- oder Gratis-Konzerte hat heute praktisch alles seinen fast marktüblichen Preis. Die Flasche Maisgold à  33cl kostet 5 Franken, der Dachstock-Eintritt je nach Auftritt um die 25 Franken, gelegentlich auch mal mehr.

 

Die antikommerzialistische Preispolitik der Reitschule liegt schon ein Weilchen zurück. So endet bereits der eingangs zitierte Abschnitt mit dem Satz: “Die meisten AG (Arbeitsgruppen, Anm. d. Red.) verkaufen ihre Dienstleistungen allerdings heute zu festgesetzten Preisen.”

Zugegeben, vergleicht man die Preise mit den Umliegenden Kulturlokalen, dürfen sich die Besucherinnen und Besucher der Reitschule nicht beklagen. Und doch drängt sich bei einer Auseinandersetzung mit der ökonomischen Geschichte der Reitschule die Frage auf: Verkommerzialisiert(e) die Reitschule?

 

Von der Soli-Kollekte zum Eintrittspreis

Zur Beantwortung dieser Frage sind zwei Entwicklungen in der Geschichte der Reitschule von zentraler Bedeutung. Einerseits fand eine Art “Normalisierungsprozess” statt. Die nach und nach und unter heftigen Diskussionen eingeführten Löhne wurden legalisiert, Gastgewerbebewilligung und Billetsteuer eingeführt und aus Gebrauchsleihverträgen mit der Satdt wurde der heutige Leistungsvertrag. Diese Veränderungen brachten finanzielle Auswirkungen mit sich: Abgaben an den Staat wie Steuern und AHV-Beiträge sowie die Vermehrung bezahlter Arbeit erhöhten die anfallenden Fixkosten für das Kulturzentrum.

 

Die zweite, für die Preispolitik der Reitschule wegweisende Entwicklung war der zunehmende Mangel an Solidarität. Konnte sich die Reitschule zunächst auf Kollektenbasis “freiwillig” finanzieren, wurden gegen Ende der 80er-Jahre aufgrund mangelnder Bereitschaft Kollekte zu bezahlen, schliesslich Eintrittspreise eingeführt, welche sich im Laufe der Zeit und ebenjener Normalisierung erhöhten.

 

Nebst den enstandenen Abgaben und weiteren Fixkosten wie zunehmende Band-Gagen, Instandhaltung der Infrastruktur, war und ist vor allem die interne Umverteilung wichtiger Verwendungszweck der Reitschul-Finanzen. Während die Gastrobetriebe Sous Le Pont und Rössli Geld an den Reitschule-Fonds abgeben können und das Konzertlokal Dachstock etwa selbsttragend ist, sind Arbeitsgruppen wie die Zeitung “Megafon” und der Infoladen auf Unterstützung angewiesen.

 

Von der Freiwilligkeit zum “Kommerz-Zwang”

Mit vermehrten Ausgaben und mangelnder Solidarität kam eine Art “Zwang zum Kommerz”, der sich mit der steigenden Popularität der Reitschule noch verschärfte. Zu sehr auf Konsum, zu sehr nach dem Schema “ich zahle, also bekomm’ ich” ausgerichtet, dürfte die Mentalität der unzähligen Reitschul-Besucherinnen und -Besucher sein, als dass ein klar antikommerzielles, auf Freiwilligkeit basierendes System noch funktionieren könnte. Oder in den Worten des langjährigen Reitschülers Tom Locher: “Ich, ich, ich und der Rest ist scheissegal. Ausgrenzung, keine Solidarität. Ein egozentrisches Gewinnerzielungsinteresse. Halt nicht unbedingt im finanziellen Sinne, sondern geistig, das eigene Selbstverständnis betreffend. Das ist wohl das grösste Problem in der Reitschule und für ihre Zukunft.»

Category Archives: Reitschule

Die nicht zurückhaltende Spezies Frau

Jua* drängt sich im Backstagebereich des Frauenraums auf ein Sofa. Die vier Frauen sind nicht nur eine Band, sondern auch gute Freundinnen, das spürt man. Bassistin Anuschka schätzt den persönlichen Austausch, die Freundschaft untereinander: “Die erste halbe Stunde im Bandraum verbringen wir mit persönlichen Gesprächen, wie es uns geht, in unseren Beziehungen, im Beruf…” Konflikte sprechen sie immer an, das sei wichtig. Mit einem Lächeln zu Songwriterin Chrige meint Anja: “Vielleicht wartet man manchmal einen Moment zu lange, aber ansprechen tun wir’s immer.”

Diese Harmonie zieht sich bis auf die Bühne. Jua* singt oft mehrstimmig. Mit Cajón, Bassgitarre, akustischer Gitarre und starken Stimmen entsteht ein feinfühliger Mix aus Country, Folk und Blues. Dies passt wunderbar in den Frauenraum, der immer wieder als der gemütlichste aller Räume der Reitschule bezeichnet wird.

Der Frauenraum will aber nicht nur gemütlich sein. Die Frauen-Jamsession “play yourself”, initiiert von der Cajón-Spielerin Anja, soll Frauen in ihrem musikalischen Schaffen bestärken. Leider hielten sich talentierte Frauen oft zurück im Musikbusiness, wagen sich kaum auf die Bühne. Oder wie es Chrige ehrlich ausdrückt: “Wenn ein toller Musiker mit Gitarre (macht Luftgitarren-Bewegungen) kommt und eine riesen Show macht, trauen sich danach viele nicht mehr auf die Bühne”. Im geschützten Rahmen fänden Frauen eher den Mut, ihr Können zu zeigen. Zweifel und Zurückhaltung, so Anja, seien wohl Gründe für die wenigen Frauen in der Bandszene. Warum es Jua* trotzdem gibt? “Wir sind eben nicht so! Wir nicht! Wir sind eben die Spezies, die nicht zurückhaltend ist, die gibt’s auch!“, sind sich unter Gelächter alle einig.

Im Frauenraum sind die vier auch privat regelmässig zu Gast. “Wenn ich in den Ausgang gehe, dann komme ich fast nur hierher.”, so Anuschka. Auch Anja hat eine jahrelange Verbindung zum Frauenraum. Neben den Jamsessions hat sie auch sonst im Kollektiv mitgewirkt. Mit 20 war sie zum ersten Mal hier, da habe sich eine Welt aufgetan für sie: “Ich kam aus dem Wallis, einer anderen Welt. Dort kannte man keine linke Szene.”

Zurück auf die Bühne: Jua* verzichtet auf viel Bewegung. Lieber konzentrieren sie sich auf ihr Zusammenspiel. Die vier Frauen bilden eine Einheit, schauen einander an, schliessen die Augen. Sie scheinen ihre Musik zu geniessen.

“Wenn ich die Leute aber dann so stehen sehe, (verschränkt die Arme) dann habe ich das Gefühl: „oh shit“ irgendwas ist wohl nicht in Ordnung”, so Chrige. Sie lasse sich leicht verunsichern, auch heute noch, nach einigen Jahren Bühnenerfahrung.

“Heute war gut” sagt Chrige und meint damit aber ihr schlimmes Lampenfieber. Auch Sängerin Nadja wird davon geplagt, lacht aber und sagt augenzwinkernd: “Wir haben Tabletten…Baldrian etwa” Dass die beiden manchmal auch während den Konzerten noch aufgeregt sind, konnten sie vor dem Publikum aber gut verstecken. Ob bei folkigen Tanzstücken oder feinen Balladen, die Musikerinnen wirkten souverän und selbstbewusst.

Das Publikum, egal welchen Geschlechts, lauschte mit Freude den melodischen Klängen, wippte oder tanzte mit den Beats des Cajón, und bedankte sich mit einem langen Applaus, wofür Jua* gleich noch eine Zugabe schenkte.

“Ich bin die Summe aller Teile”

Tink.ch: Wer bist du, Pablo?

Pablo Nouvelle: Oh, das kann ich dir nicht in zwei Sätzen erklären.

Tue es in drei.

(lacht, überlegt.)

Ich bin die Summe aller Teile.

Wie äussert sich das?

Beispielsweise bin ich zwar mit Hip-Hop aufgewachsen und habe in meiner Musik auch deutlich Soul-Komponenten enthalten, doch mach ich keinen Hip-Hop. Das, was das Publikum heute gehört hat, war kein Hip-Hop, oder?

Nein. Was ich heute gehört habe war das Wort: real. Zwei Jungs sind während des Konzerts stehen geblieben und einer meinte verblüfft: “Der ist einfach REAL!” Was sagst du dazu?

Real? Nein, wenn schon bin ich “ächt”. Real ist zu gangsterhaft. (Als er das ausspricht, hält er sich die geballte Hand vor den Mund, als wollte er beatboxen.)

Warum hat es ausgerechnet die Summe deiner Teile soweit geschafft?

Meine Vision der Arbeit entspricht eben dem Zeitgeist. Das hat viel mit Glück, Timing und einer Menge Arbeit zu tun. Ich würde jetzt aber nicht sagen, dass ich ein Star bin.

Wie erlebst du die Auftritte in England im Gegensatz zu denen in der Schweiz?

In der Schweiz bist du als Künstler auf weichen Kissen gebettet. Dagegen ist England ganz anders.

Inwiefern?

England ist roh. Da kriegst du als Künstler nie die Gage der Schweiz, von einer Hotelübernachtung ganz zu schweigen. Sich in England als Künstler durchzuschlagen, ist nicht leicht.

Zwischen den Liedern hast du gesagt: “Reithalle, schön gibt es euch! Ich glaube, dass ihr nie abgeschafft werdet. Mit keiner SVP-Kampagne.” Siehst du dich als Künstler verpflichtet, auch politische Statements unter die Leute zu bringen?

Meine Musik war lange Zeit unpolitisch. Doch meine Filme sind die Kehrseite meiner Musik. (Pablo hat an der Universität Luzern Animation studiert. Sein Abschlussfilm “Bon voyage” (2012) spricht die Flüchtlingsthematik an und gewann nationale sowie internationale Preise.) Darin spreche ich soziale Themen an, die nicht unbedingt politisch sein müssen. Auch gehöre ich keiner Partei an. Was mich beschäftigt, spreche ich aber an.

Findest du, dass die Politik einen Platz in der Kunst hat?

Sie soll einen Platz haben dürfen, aber es soll kein Muss für Künstler sein, über Politik zu sprechen.

In meinem privaten Umfeld spüre ich durchaus das politische Engagement, doch in der Kunst noch nicht so.

Du hast Animation, also Film, studiert und machst gleichzeitig Musik. Was kann das eine, was das andere nicht kann?

Ich sag es mal so: Musik gleich Herz, Film gleich Kopf.

Diese Frage wird von Künstlern im Allgemeinen sehr ungern beantwortet. Aber: Was machst du eigentlich für Musik?

(lacht) Warmen und emotionalen Soul. Drops, aber kein EDM (Electronic Dance Music). EDM wäre eine Beleidigung. Auf jeden Fall Elektro, aber auch mit Folk und Rockeinflüssen. Die Summe aller Teile eben.

Weitere Informationen

www.pablonouvelle.com

Das nächste Konzert findet diesen Freitag, den 30. Oktober, im Werkk Kulturlokal in Baden statt.

“Ich bin die Summe aller Teile”

Tink.ch: Wer bist du, Pablo?

Pablo Nouvelle: Oh, das kann ich dir nicht in zwei Sätzen erklären.

 

Tue es in drei.

(lacht, überlegt.)

Ich bin die Summe aller Teile.

 

Wie äussert sich das?

Beispielsweise bin ich zwar mit Hip-Hop aufgewachsen und habe in meiner Musik auch deutlich Soul-Komponenten enthalten, doch mach ich keinen Hip-Hop. Das, was das Publikum heute gehört hat, war kein Hip-Hop, oder?

 

Nein. Was ich heute gehört habe war das Wort: real. Zwei Jungs sind während des Konzerts stehen geblieben und einer meinte verblüfft: “Der ist einfach REAL!” Was sagst du dazu?

Real? Nein, wenn schon bin ich “ächt”. Real ist zu gangsterhaft. (Als er das ausspricht, hält er sich die geballte Hand vor den Mund, als wollte er beatboxen.)

 

Warum hat es ausgerechnet die Summe deiner Teile soweit geschafft?

Meine Vision der Arbeit entspricht eben dem Zeitgeist. Das hat viel mit Glück, Timing und einer Menge Arbeit zu tun. Ich würde jetzt aber nicht sagen, dass ich ein Star bin.

 

Wie erlebst du die Auftritte in England im Gegensatz zu denen in der Schweiz?

In der Schweiz bist du als Künstler auf weichen Kissen gebettet. Dagegen ist England ganz anders.

 

Inwiefern?

England ist roh. Da kriegst du als Künstler nie die Gage der Schweiz, von einer Hotelübernachtung ganz zu schweigen. Sich in England als Künstler durchzuschlagen, ist nicht leicht.

 

Zwischen den Liedern hast du gesagt: “Reithalle, schön gibt es euch! Ich glaube, dass ihr nie abgeschafft werdet. Mit keiner SVP-Kampagne.” Siehst du dich als Künstler verpflichtet, auch politische Statements unter die Leute zu bringen?

Meine Musik war lange Zeit unpolitisch. Doch meine Filme sind die Kehrseite meiner Musik. (Pablo hat an der Universität Luzern Animation studiert. Sein Abschlussfilm “Bon voyage” (2012) spricht die Flüchtlingsthematik an und gewann nationale sowie internationale Preise.) Darin spreche ich soziale Themen an, die nicht unbedingt politisch sein müssen. Auch gehöre ich keiner Partei an. Was mich beschäftigt, spreche ich aber an.

 

Findest du, dass die Politik einen Platz in der Kunst hat?

Sie soll einen Platz haben dürfen, aber es soll kein Muss für Künstler sein, über Politik zu sprechen.

In meinem privaten Umfeld spüre ich durchaus das politische Engagement, doch in der Kunst noch nicht so.

 

Du hast Animation, also Film, studiert und machst gleichzeitig Musik. Was kann das eine, was das andere nicht kann?

Ich sag es mal so: Musik gleich Herz, Film gleich Kopf.

 

Diese Frage wird von Künstlern im Allgemeinen sehr ungern beantwortet. Aber: Was machst du eigentlich für Musik?

(lacht) Warmen und emotionalen Soul. Drops, aber kein EDM (Electronic Dance Music). EDM wäre eine Beleidigung. Auf jeden Fall Elektro, aber auch mit Folk und Rockeinflüssen. Die Summe aller Teile eben.

 

 

Weitere Informationen


 

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Das nächste Konzert findet diesen Freitag, den 30. Oktober, im Werkk Kulturlokal in Baden statt.

“Chillen mit Marx”

Um sieben Uhr abends ist noch nicht viel los auf dem Vorplatz der Reitschule. Das wird sich bald ändern. Der Freitagabend ist noch jung und das Reitschulfest lockt. Zu den treuen Reitschulgängern werden heute viele weitere Besuchende erwartet.

Seit 25 Jahren wird die Reitschule immer wieder in Frage gestellt. Die neuste Unterschriftensammlung hat gerade erst begonnen. Falls die kantonale Volksinitiative zu Stande kommt, wird es die sechste Prüfung an der Urne seit 1990. Noch älter als die Geschichte der Urnenabstimmungen ist gemäss den Veranstaltern das Reitschulefest. Zum 28. Mal lockt das Fest am Wochenende mit Musik, Theater und Kino.

Arbeitsgruppen

Als Auftakt des Reitschulefests führen zwei Reitschüler neugierige Besuchende durch die in den frühen Abendstunden noch leeren Räume des Kulturzentrums. Mit einem Bier in der Hand erklärt der eine – mit Namen wollen beide nicht genannt werden – die für Aussenstehende manchmal komplizierten Strukturen der Reitschule. Ein Reitschüler, eine Reitschülerin zu sein, bedeutet in der Szene, in einer der vielen AGs mitzuwirken. In der antikapitalistischen Reitschulwelt steht diese Abkürzung für Arbeitsgruppe. Diese organisieren den Betrieb ihres jeweiligen Raumes.

In der kleinen und engen Druckerei etwa werden Flyer, das Hausmagazin megafon, aber auch externe Aufträge auf Papier gebracht. Vis à vis befindet sich das Kino, wo Stallboden und Heuraufe an die Ursprünge der Reitschule erinnern und für ein besonderes Flair sorgen. Heute werden hier die beiden Reitschul-Streifen von Andreas Berger gezeigt.

Im normalen Betrieb wird im Kino lediglich um eine Kollekte gebeten. Manchmal seien die Beträge ziemlich frustrierend, sagt ein Kino-Mitglied. Weshalb der geliebte, aber teure 35mm-Film leider oft den DVDs weichen müsse.

Heterogene Reitschule

Die AGs sind, abgesehen von den Verpflichtungen durch Statuten und Manifest, autonom. Das heisst, sie können beispielsweise selbst bestimmen, ob und wie sie ihre Mitgliederentlöhnen. Mehrere Reitschüler bestätigen, dass dies innerhalb der Reitschule immer wieder zu Spannungen führe. Auch in der Reitschule finde man eben ein weites, diverses Meinungsbild, so ein Mitglied des Tojo-Theater.

Im zweiten Stock, über dem Kino, befindet sich der Frauenraum. An der Wand sind in grossen Lettern die Schlagworte des Manifests aufgemalt. Kein Sexismus. Keine Homophobie. Der wohl gemütlichste aller Reitschulräume ist aber trotz seiner Bezeichnung meist für alle Geschlechter offen. Einzig die ehrenamtlich arbeitenden “Kollektivas” sind alles Frauen, und die auftretenden Musikbands müssen mindestens zur Hälfte weibliche Mitglieder haben.

Konsenszwang

Im Raum daneben, im Körperdojo, werden verschiedene Kurse angeboten. So unterschiedlich die Sichtweisen in der Reitschule sind, so ist hier auch das Bewegungsangebot: Es reicht von Yoga über Poledance bis “Grr”, dem Kampfsporttraining. Ausserhalb des Dojos versucht man laut Manifest aber, Konflikte gewaltfrei zu lösen.

Konsens statt Konflikte gilt auch an den Versammlungen der Reitschüler. Alle Entscheide werden basisdemokratisch entschieden. Ein einziger Skeptiker kann also einen Beschluss verhindern. Dies sei anstrengend, sagt eine Mitarbeiterin des Dachstocks. Es habe sich wohl schon jeder einmal aufgeregt über stundenlange Sitzungen ohne handfestes Resultat. Die Basisdemokratie zwinge die Reitschüler aber, einander zuzuhören und vielfältige Sichtweisen anzuerkennen.

Rotes Theater

Das Tojo Theater ist eine der wenigen Gruppen, die sich Löhne ausbezahlen. Am Reitschulefest läuft hier “Chillen mit Marx”. An die Wände wird in rotem Licht ein Foto von Marx projeziert. Dazu passend gibt’s rote Getränke an der Bar und die AG-Mitglieder lesen hinter langen Bärten Zitate aus Marx’ Werken. Eine eigene Theatergruppe hat das Tojo Theater allerdings nicht mehr. Theatergruppen, auch internationale, können das Tojo mieten, als Gage dienen die Einnahmen aus den Billet- und Barverkäufen. Ohne Subventionen der Stadt würde das Theater allerdings nicht überleben.

Im Gegensatz zum Tojo hat der Dachstock durch regelmässig grössere Anlässe höhere Einnahmen. Diese indes kommen durch die interne Quersubventionierung allen AGs und somit der gesamten Reitschule zu Gute. Genau hier lauern Fragen, die schon zu so manchen kontroversen Diskussionen in der Reitschule geführt haben: Wie viel ökonomisches Handeln erträgt die Reitschule? Vertragen sich die Preise mit der Reitschulkultur? Oder werden finanziell Schwächere mit hohen Eintrittspreisen ausgeschlossen – wo die Reitschule offen für alle sein will.

Unter dem Dachstock liegen das Restaurant Sous le Pont und die Rössli-Bar. Die Endstation unserer Tour bot in den Anfängen der Reitschule häufig Zuflucht für die Drogenszene auf dem Vorplatz. Als Gegenmassnahme liessen die Behörden den Raum des heutigen Rössli mit Beton, Sand und Kies füllen. Die Vorplatzbewohner verschwanden, das Drogenproblem blieb und bleibt bis heute. Diesen Frühling lancierte die Interessengemeinschaft Kulturraum Reitschule (Ikur) deshalb die Kampagne “No Deal Area”. Ist sie erfolgreich, so wäre ein erster Schritt für die nächste Urnenprüfung getan.

“Ich fühle mich so gut wie überall wohl”

Es ist ein kalter, nebliger Morgen. Wir folgen Berivan ins Gebäude. Ihr schwarzes Haar wippt leicht hin und her. Zügig läuft sie durch die Gänge, vorbei an Wäscheleinen, spielenden Kindern, leise diskutierenden Erwachsenen. Dabei erzählt uns die Syrierin ihre Geschichte. Wie es dazu kam, dass sie und ihr Ehemann in dieser alten, überfüllten bulgarischen Schule ihre Flitterwochen verbringen.

 

Diese Szene filmte die Dokumentarfilmerin Eileen Hofer schon im Frühjahr 2013. Sie lernte Berivan in einem Flüchtlingsheim kennen, als sie aus eigener Initiative nach Bulgarien reiste, um den Flüchtlingen lebensnotwendige Spenden zu bringen. In nur einer Stunde entstand so ihr Kurzfilm “My Honeymoon” – meine Flitterwochen.

 

Wie in vielen ihrer Filme gibt die Protagonistin viel von sich preis. Auch wenn das Gesicht von Berivan nur am Schluss ganz kurz gezeigt wird, taucht man für knappe vier Minuten in ihr Leben, ihre Ängste und Hoffnungen ein.

Eileen Hofer hatte die Syrierin nur eine Stunde zuvor getroffen, und trotzdem entstand ein sehr persönliches Porträt. Dass dies möglich war, erklärt Hofer mit ihren eigenen Wurzeln im Mittleren Osten: “Das verbindet, auch wenn ich nicht Arabisch spreche.”

 

Gefilmt hat die Genferin schon an vielen unterschiedlichen Orten: Neben Bulgarien etwa auch in Afghanistan, Aserbaidschan und auf Kuba. Dank ihrem familiären Hintergrund, aber auch durch zahlreiche, teils längere Reisen hat Hofer die Welt und ihre verschiedenen Kulturen und Bürger kennengelernt. Dies erleichtere ihre Arbeit. Sie fühle sich fast überall schnell wohl, und auch ihre Protagonisten fassten rasch Vertrauen zu ihr. In Aserbaidschan wurde sie gar noch während den Dreharbeiten zu einer Hochzeit eingeladen.

 

Berivans Traum, nach Deutschland zu können, ist inzwischen wahr geworden. Wie es ihr heute geht, weiss Hofer allerdings nicht. Sie macht sich aber keine Sorgen: “Berivan ist eine starke Frau, spricht Englisch und hatte Zugang zu universitärer Bildung.”

 

Die Themen Immigration, Heimat und Identitätsfindung sind ein ständiger Begleiter in Hofers Filmen. So ist “My Honeymoon” auch ein wichtiger Beitrag in der aktuellen Asyldebatte. In einem Interview von Arte meint Hofer, dass die Menschen trotz unterschiedlicher Kulturen, Hintergründe und Wurzeln alle irgendwie gleich seien. “Das ist der Kern meiner Filme, diese Türen zu öffnen. Wir essen, wir mögen es zu lachen, wir mögen es, zu lieben.”

 

Mehr zum Thema


Bereits zum 13. Mal findet in Bern und der ganzen Welt das Kurzfilmfestival shnit statt. Ursprünglich ein Kurzfilmabend in der Reitschule, ist das shnit heute ein bedeutendes internationales Kurzfilmfestival, welches unter anderem auch in Kyoto und Buenos Aires stattfindet. Vom 7. bis 11. Oktober werden in Bern an 13 Spielstätten Kurzfilme gezeigt. Sowohl jede erdenkliche Kulisse – Kirche, Bahnhof bis Cincebad- wie auch jeder mögliche Filmvorliebe– Zeichentrick, Doku bis Komödie – wird dabei bedient.

Kann man den Summer Beach doch mögen?

Alle Jahre im Mai öffnet das Marzili seine Tore, bringen die Beizen ihre Tische nach draussen, stellen die Gelaterias ihre neuen Kreationen für den Sommer vor. Seit ein paar Jahren schon gesellt sich eine neue Attraktion dazu: der eingezäunte Sandkasten auf der Grossen Schanze, der “Summer Beach”.

 

Und immer am Anfang des Sommers nerve ich mich wieder aufs Neue. Pünktlich wenn ich, die Füsse im kühlen Lebensbrunnen (ja, er heisst wirklich so!), die wärmeren Temperaturen nun endlich so richtig geniessen könnte, kommen sie angefahren. Mit ihren Gittern. Dem Quarzsand. Den Rattan Lounches. Den tosenden Generatoren. Vergangenen Samstag nahm die Dauerveranstaltung ein Ende, wurde der öffentliche Platz wieder der Öffentlichkeit übergeben. Bevor sich der Quarzsand verabschiedete, musste ich mich jedoch einem Selbstversuch unterziehen.

 

Erste Runde

Nun gut, der Sandkasten ist da, und ein paar aufgebrachte Bernerinnen und Berner werden dieses Unding nicht vertreiben können. Meine späte Beichte: Vor diesem Selbstversuch war ich noch nie drin. Ich komme mir ein wenig vor wie all die Reitschul-Gegner, die einmal mit dem Zug die Reitschule passieren, die Graffitis sehen und dann zu Hause Erich Hess applaudieren.

 

Deshalb habe ich einen Selbstversuch unternommen, den Summer Beach doch zu mögen. Oder ihn mir wenigstens schön zu trinken. Denn mit den Übeln des Lebens lebt es sich leichter, wenn man sie zumindest akzeptieren kann.

 

Die erste Runde (eher teures) Bier ist bestellt. Die weissen Kunstledermatratzen erinnern mich an etwas zwischen Arztliegen und meiner Vorstellung von Matratzen in einem Stundenhotel. So entscheide ich mich nach einem kurzen Probeliegen doch für den kleinen Liegestuhl.

 

Die Inhaber geben an, mit dem Summer Beach die Grosse Schanze zu beleben. Was wollen sie denn beleben? Bis Ende April war die ganze Schanze belebt, und ab Ende August wird sie es auch wieder sein: Familien am Spielen, Arbeitnehmer am Mittagessen, Punks am Tanzen. Ein strahlendes Kunterbunt aus allen Ecken Berns.

 

Zweite Runde

Warum ich mit dem Summer Beach nicht so wirklich warm werde? Den ganzen Sommer über blockiert er den Platz um den Brunnen, obwohl er dann doch nur ab vier Uhr und nur bei schönem Wetter geöffnet ist. Er verdrängt das strahlende Kunterbunt. Und ausserdem ist er, ganz klar, einfach hässlich, zumindest von aussen gesehen.

 

Herrje, es könnte so schön sein, so gemütlich. Aber nein, jedes Fleckchen der Stadt Bern wird in der Sommerzeit bis zum letzten Millimeter von kommerziellen Veranstaltern genutzt.

 

Nun – mittlerweile nippe ich am zweiten Bier – wechsle ich auf ein “fatboy” Sitzkissen. Dies fühlt sich leider weniger gemütlich an, als es aussieht. Dafür habe ich einen optimalen Ausblick auf den schönen Abendhimmel beim Eindunkeln. Den kann ich allerdings auch sonst wo haben. Überhaupt frage ich mich, warum gerade dieser Platz für den Summer Beach herhalten muss. Einmal drin, hat man sowieso nur noch Aussicht auf die Bastzäune.

 

Dritte Runde

Die ewige Kommerzialisierung macht weder vor der Stadt, noch vor der Grossen Schanze halt. Der Summer Beach ist zwar von innen durchaus gemütlicher, als man von aussen erahnen könnte. Als sommerüberdauernde Attraktion auf einem so prominenten Platz würde ich mir allerdings ein etwas anderes, offeneres, weniger auf Kommerz ausgerichtetes Angebot wünschen.

 

Beim dritten Bier angelangt, werde ich aufgefordert, den Sandkasten wegen aufziehenden Regens zu verlassen. Wirklich traurig bin ich nicht über das frühzeitige Ende meines Selbstversuchs. Auch bei den anderen Besuchern kommt nicht so richtig Stimmung auf. Ich beobachte fünf Leute zusammen auf einem Bett – pardon, Baldachin – alle sind aber nur mit ihren Smartphones beschäftigt. Ob vielleicht die weissen Kunstledermatrazen die Stimmung bremsen?

 

Fazit

Gut finde ich, dass ich mal im Sandkasten drin war. Besser finde ich, dass ich wieder draussen bin. Auf dem Rasen der Grossen Schanze fühle ich mich wesentlich wohler. Doch da selbst dort während einem Monat die Leinwand des Salzkinos dafür sorgt, dass beinahe kein Platz mehr fürs Verweilen auf der grossen Wiese bleibt, wird dieser Genuss auch nur kurz währen. Aber man soll ja sowieso den Moment geniessen. Eben nur nicht dann, wenn einem grosse Veranstalter diesen streitig machen.

“Der Vorplatz ist der beste Kompromiss”

“Vorplatz”: Das Wort nimmt Bezug auf etwas, das nach ihm steht. Sie sind zwar oft rege frequentiert, aber nur selten belebt. Aus diesem Grund verdient der Reitschulvorplatz eigentlich einen anderen Namen.

 

Die Berner Reitschule lebt von der Vielfältigkeit ihrer Glieder. Tojo, Dachstock, Sous le pont oder Rössli sind nicht wegzudenken, ebensowenig der Vorplatz. Er hat sein eigenes Publikum und ist in diesem Sinne auch kein Anhängsel sondern ein gleichwertiger Teil der Reitschule.

 

Freiluftdisco ohne Ohrenschmerzen

In der Nacht verwandelt er sich regelmässig zur der meistbesuchten Freiluftdisco in Bern. Eine Musikanlage beschallt den Betonplatz dann mit 90dB unverwechselbarem Revoluzzer-Punkrock. Der Schalldruck verflüchtigt sich aufgrund der fehlenden Überdachung rasch in der Nacht, sodass die Atmosphäre zwar durch die Musik geprägt, anders als in einer Disco aber nicht von ihr dominiert ist.

 

Man muss sich deshalb keineswegs die Ohren mit daumengrossen Schaumstoffdübeln verschliessen, um einen Gehörschaden vorzubeugen, im Gegenteil: Gerede und Musik bilden eine unverwechselbare Geräuschkulisse, die sowohl fürs Tanzen, als auch für Gespräche einen angenehmen Hintergrund bietet.

 

Kein bestimmtes Prädikat

Folglich gibt es Tanzende, die reden, und Redende, die tanzen – inklusive sämtlicher Zwischenstufen. Der Vorplatz ist ein Kompromiss, aber gleichwohl das Beste, was aus dem kargen Betonplatz zu machen ist. Ihm ein bestimmtes Prädikat anheften zu wollen, wäre falsch.

 

Die Popularität des Vorplatzes rührt gerade daher, dass er eben nicht komplett in ein Schema einzuordnen ist. Weder macht ihn die Piratenbar kommerziell – man kann ja sein Bier auch selber mitbringen – noch räumt ihm der Pingpong-Tisch den Status als Sportplatz ein. Der Vorplatz ist ein alternativloses Unikat.

 

Dieser Artikel erschien zuerst auf www.journal-b.ch. Journal B ist ein unabhängiges Online-Medium für die Stadt Bern, das mehrmals wöchentlich Artikel in den Bereichen Politik, Alltag und Kultur publiziert.

Zwischen Solidarität und Selbstsucht

“Das Verhältnis zum Geld blieb in der Reithalle-Gegenkultur widersprüchlich und uneinheitlich. Wurden die Waren und Dienstleistungen zuerst überhaupt gratis oder zum Selbstkostenpreis angeboten, behalf man sich danach beim Eintritt zu Veranstaltungen jahrelang schamhaft mit Kollekten”, heisst es im Buch “Reithalle Bern – Autonomie und Kultur im Zentrum”, das zum 10-jährigen Jubiläum 1998 des Kulturzentrums erschienenen ist.

 

Verkommerzialisiert(e) die Reitschule?

Besucht man heute, über 25 Jahre nach der erneuten Besetzung des Gebäudekomplexes die  Reitschule, ist von Selbstkostenpreis, Kollekte und Schamgefühl nicht mehr viel zu erkennen. Mit Ausnahme des Kinos und der ab und zu stattfindenden Soli- oder Gratis-Konzerte hat heute praktisch alles seinen fast marktüblichen Preis. Die Flasche Maisgold à  33cl kostet 5 Franken, der Dachstock-Eintritt je nach Auftritt um die 25 Franken, gelegentlich auch mal mehr.

 

Die antikommerzialistische Preispolitik der Reitschule liegt schon ein Weilchen zurück. So endet bereits der eingangs zitierte Abschnitt mit dem Satz: “Die meisten AG (Arbeitsgruppen, Anm. d. Red.) verkaufen ihre Dienstleistungen allerdings heute zu festgesetzten Preisen.”

Zugegeben, vergleicht man die Preise mit den Umliegenden Kulturlokalen, dürfen sich die Besucherinnen und Besucher der Reitschule nicht beklagen. Und doch drängt sich bei einer Auseinandersetzung mit der ökonomischen Geschichte der Reitschule die Frage auf: Verkommerzialisiert(e) die Reitschule?

 

Von der Soli-Kollekte zum Eintrittspreis

Zur Beantwortung dieser Frage sind zwei Entwicklungen in der Geschichte der Reitschule von zentraler Bedeutung. Einerseits fand eine Art “Normalisierungsprozess” statt. Die nach und nach und unter heftigen Diskussionen eingeführten Löhne wurden legalisiert, Gastgewerbebewilligung und Billetsteuer eingeführt und aus Gebrauchsleihverträgen mit der Satdt wurde der heutige Leistungsvertrag. Diese Veränderungen brachten finanzielle Auswirkungen mit sich: Abgaben an den Staat wie Steuern und AHV-Beiträge sowie die Vermehrung bezahlter Arbeit erhöhten die anfallenden Fixkosten für das Kulturzentrum.

 

Die zweite, für die Preispolitik der Reitschule wegweisende Entwicklung war der zunehmende Mangel an Solidarität. Konnte sich die Reitschule zunächst auf Kollektenbasis “freiwillig” finanzieren, wurden gegen Ende der 80er-Jahre aufgrund mangelnder Bereitschaft Kollekte zu bezahlen, schliesslich Eintrittspreise eingeführt, welche sich im Laufe der Zeit und ebenjener Normalisierung erhöhten.

 

Nebst den enstandenen Abgaben und weiteren Fixkosten wie zunehmende Band-Gagen, Instandhaltung der Infrastruktur, war und ist vor allem die interne Umverteilung wichtiger Verwendungszweck der Reitschul-Finanzen. Während die Gastrobetriebe Sous Le Pont und Rössli Geld an den Reitschule-Fonds abgeben können und das Konzertlokal Dachstock etwa selbsttragend ist, sind Arbeitsgruppen wie die Zeitung “Megafon” und der Infoladen auf Unterstützung angewiesen.

 

Von der Freiwilligkeit zum “Kommerz-Zwang”

Mit vermehrten Ausgaben und mangelnder Solidarität kam eine Art “Zwang zum Kommerz”, der sich mit der steigenden Popularität der Reitschule noch verschärfte. Zu sehr auf Konsum, zu sehr nach dem Schema “ich zahle, also bekomm’ ich” ausgerichtet, dürfte die Mentalität der unzähligen Reitschul-Besucherinnen und -Besucher sein, als dass ein klar antikommerzielles, auf Freiwilligkeit basierendes System noch funktionieren könnte. Oder in den Worten des langjährigen Reitschülers Tom Locher: “Ich, ich, ich und der Rest ist scheissegal. Ausgrenzung, keine Solidarität. Ein egozentrisches Gewinnerzielungsinteresse. Halt nicht unbedingt im finanziellen Sinne, sondern geistig, das eigene Selbstverständnis betreffend. Das ist wohl das grösste Problem in der Reitschule und für ihre Zukunft.»

Category Archives: Reitschule

Die nicht zurückhaltende Spezies Frau

Jua* drängt sich im Backstagebereich des Frauenraums auf ein Sofa. Die vier Frauen sind nicht nur eine Band, sondern auch gute Freundinnen, das spürt man. Bassistin Anuschka schätzt den persönlichen Austausch, die Freundschaft untereinander: “Die erste halbe Stunde im Bandraum verbringen wir mit persönlichen Gesprächen, wie es uns geht, in unseren Beziehungen, im Beruf…” Konflikte sprechen sie immer an, das sei wichtig. Mit einem Lächeln zu Songwriterin Chrige meint Anja: “Vielleicht wartet man manchmal einen Moment zu lange, aber ansprechen tun wir’s immer.”

Diese Harmonie zieht sich bis auf die Bühne. Jua* singt oft mehrstimmig. Mit Cajón, Bassgitarre, akustischer Gitarre und starken Stimmen entsteht ein feinfühliger Mix aus Country, Folk und Blues. Dies passt wunderbar in den Frauenraum, der immer wieder als der gemütlichste aller Räume der Reitschule bezeichnet wird.

Der Frauenraum will aber nicht nur gemütlich sein. Die Frauen-Jamsession “play yourself”, initiiert von der Cajón-Spielerin Anja, soll Frauen in ihrem musikalischen Schaffen bestärken. Leider hielten sich talentierte Frauen oft zurück im Musikbusiness, wagen sich kaum auf die Bühne. Oder wie es Chrige ehrlich ausdrückt: “Wenn ein toller Musiker mit Gitarre (macht Luftgitarren-Bewegungen) kommt und eine riesen Show macht, trauen sich danach viele nicht mehr auf die Bühne”. Im geschützten Rahmen fänden Frauen eher den Mut, ihr Können zu zeigen. Zweifel und Zurückhaltung, so Anja, seien wohl Gründe für die wenigen Frauen in der Bandszene. Warum es Jua* trotzdem gibt? “Wir sind eben nicht so! Wir nicht! Wir sind eben die Spezies, die nicht zurückhaltend ist, die gibt’s auch!“, sind sich unter Gelächter alle einig.

Im Frauenraum sind die vier auch privat regelmässig zu Gast. “Wenn ich in den Ausgang gehe, dann komme ich fast nur hierher.”, so Anuschka. Auch Anja hat eine jahrelange Verbindung zum Frauenraum. Neben den Jamsessions hat sie auch sonst im Kollektiv mitgewirkt. Mit 20 war sie zum ersten Mal hier, da habe sich eine Welt aufgetan für sie: “Ich kam aus dem Wallis, einer anderen Welt. Dort kannte man keine linke Szene.”

Zurück auf die Bühne: Jua* verzichtet auf viel Bewegung. Lieber konzentrieren sie sich auf ihr Zusammenspiel. Die vier Frauen bilden eine Einheit, schauen einander an, schliessen die Augen. Sie scheinen ihre Musik zu geniessen.

“Wenn ich die Leute aber dann so stehen sehe, (verschränkt die Arme) dann habe ich das Gefühl: „oh shit“ irgendwas ist wohl nicht in Ordnung”, so Chrige. Sie lasse sich leicht verunsichern, auch heute noch, nach einigen Jahren Bühnenerfahrung.

“Heute war gut” sagt Chrige und meint damit aber ihr schlimmes Lampenfieber. Auch Sängerin Nadja wird davon geplagt, lacht aber und sagt augenzwinkernd: “Wir haben Tabletten…Baldrian etwa” Dass die beiden manchmal auch während den Konzerten noch aufgeregt sind, konnten sie vor dem Publikum aber gut verstecken. Ob bei folkigen Tanzstücken oder feinen Balladen, die Musikerinnen wirkten souverän und selbstbewusst.

Das Publikum, egal welchen Geschlechts, lauschte mit Freude den melodischen Klängen, wippte oder tanzte mit den Beats des Cajón, und bedankte sich mit einem langen Applaus, wofür Jua* gleich noch eine Zugabe schenkte.

“Ich bin die Summe aller Teile”

Tink.ch: Wer bist du, Pablo?

Pablo Nouvelle: Oh, das kann ich dir nicht in zwei Sätzen erklären.

Tue es in drei.

(lacht, überlegt.)

Ich bin die Summe aller Teile.

Wie äussert sich das?

Beispielsweise bin ich zwar mit Hip-Hop aufgewachsen und habe in meiner Musik auch deutlich Soul-Komponenten enthalten, doch mach ich keinen Hip-Hop. Das, was das Publikum heute gehört hat, war kein Hip-Hop, oder?

Nein. Was ich heute gehört habe war das Wort: real. Zwei Jungs sind während des Konzerts stehen geblieben und einer meinte verblüfft: “Der ist einfach REAL!” Was sagst du dazu?

Real? Nein, wenn schon bin ich “ächt”. Real ist zu gangsterhaft. (Als er das ausspricht, hält er sich die geballte Hand vor den Mund, als wollte er beatboxen.)

Warum hat es ausgerechnet die Summe deiner Teile soweit geschafft?

Meine Vision der Arbeit entspricht eben dem Zeitgeist. Das hat viel mit Glück, Timing und einer Menge Arbeit zu tun. Ich würde jetzt aber nicht sagen, dass ich ein Star bin.

Wie erlebst du die Auftritte in England im Gegensatz zu denen in der Schweiz?

In der Schweiz bist du als Künstler auf weichen Kissen gebettet. Dagegen ist England ganz anders.

Inwiefern?

England ist roh. Da kriegst du als Künstler nie die Gage der Schweiz, von einer Hotelübernachtung ganz zu schweigen. Sich in England als Künstler durchzuschlagen, ist nicht leicht.

Zwischen den Liedern hast du gesagt: “Reithalle, schön gibt es euch! Ich glaube, dass ihr nie abgeschafft werdet. Mit keiner SVP-Kampagne.” Siehst du dich als Künstler verpflichtet, auch politische Statements unter die Leute zu bringen?

Meine Musik war lange Zeit unpolitisch. Doch meine Filme sind die Kehrseite meiner Musik. (Pablo hat an der Universität Luzern Animation studiert. Sein Abschlussfilm “Bon voyage” (2012) spricht die Flüchtlingsthematik an und gewann nationale sowie internationale Preise.) Darin spreche ich soziale Themen an, die nicht unbedingt politisch sein müssen. Auch gehöre ich keiner Partei an. Was mich beschäftigt, spreche ich aber an.

Findest du, dass die Politik einen Platz in der Kunst hat?

Sie soll einen Platz haben dürfen, aber es soll kein Muss für Künstler sein, über Politik zu sprechen.

In meinem privaten Umfeld spüre ich durchaus das politische Engagement, doch in der Kunst noch nicht so.

Du hast Animation, also Film, studiert und machst gleichzeitig Musik. Was kann das eine, was das andere nicht kann?

Ich sag es mal so: Musik gleich Herz, Film gleich Kopf.

Diese Frage wird von Künstlern im Allgemeinen sehr ungern beantwortet. Aber: Was machst du eigentlich für Musik?

(lacht) Warmen und emotionalen Soul. Drops, aber kein EDM (Electronic Dance Music). EDM wäre eine Beleidigung. Auf jeden Fall Elektro, aber auch mit Folk und Rockeinflüssen. Die Summe aller Teile eben.

Weitere Informationen

www.pablonouvelle.com

Das nächste Konzert findet diesen Freitag, den 30. Oktober, im Werkk Kulturlokal in Baden statt.

“Ich bin die Summe aller Teile”

Tink.ch: Wer bist du, Pablo?

Pablo Nouvelle: Oh, das kann ich dir nicht in zwei Sätzen erklären.

 

Tue es in drei.

(lacht, überlegt.)

Ich bin die Summe aller Teile.

 

Wie äussert sich das?

Beispielsweise bin ich zwar mit Hip-Hop aufgewachsen und habe in meiner Musik auch deutlich Soul-Komponenten enthalten, doch mach ich keinen Hip-Hop. Das, was das Publikum heute gehört hat, war kein Hip-Hop, oder?

 

Nein. Was ich heute gehört habe war das Wort: real. Zwei Jungs sind während des Konzerts stehen geblieben und einer meinte verblüfft: “Der ist einfach REAL!” Was sagst du dazu?

Real? Nein, wenn schon bin ich “ächt”. Real ist zu gangsterhaft. (Als er das ausspricht, hält er sich die geballte Hand vor den Mund, als wollte er beatboxen.)

 

Warum hat es ausgerechnet die Summe deiner Teile soweit geschafft?

Meine Vision der Arbeit entspricht eben dem Zeitgeist. Das hat viel mit Glück, Timing und einer Menge Arbeit zu tun. Ich würde jetzt aber nicht sagen, dass ich ein Star bin.

 

Wie erlebst du die Auftritte in England im Gegensatz zu denen in der Schweiz?

In der Schweiz bist du als Künstler auf weichen Kissen gebettet. Dagegen ist England ganz anders.

 

Inwiefern?

England ist roh. Da kriegst du als Künstler nie die Gage der Schweiz, von einer Hotelübernachtung ganz zu schweigen. Sich in England als Künstler durchzuschlagen, ist nicht leicht.

 

Zwischen den Liedern hast du gesagt: “Reithalle, schön gibt es euch! Ich glaube, dass ihr nie abgeschafft werdet. Mit keiner SVP-Kampagne.” Siehst du dich als Künstler verpflichtet, auch politische Statements unter die Leute zu bringen?

Meine Musik war lange Zeit unpolitisch. Doch meine Filme sind die Kehrseite meiner Musik. (Pablo hat an der Universität Luzern Animation studiert. Sein Abschlussfilm “Bon voyage” (2012) spricht die Flüchtlingsthematik an und gewann nationale sowie internationale Preise.) Darin spreche ich soziale Themen an, die nicht unbedingt politisch sein müssen. Auch gehöre ich keiner Partei an. Was mich beschäftigt, spreche ich aber an.

 

Findest du, dass die Politik einen Platz in der Kunst hat?

Sie soll einen Platz haben dürfen, aber es soll kein Muss für Künstler sein, über Politik zu sprechen.

In meinem privaten Umfeld spüre ich durchaus das politische Engagement, doch in der Kunst noch nicht so.

 

Du hast Animation, also Film, studiert und machst gleichzeitig Musik. Was kann das eine, was das andere nicht kann?

Ich sag es mal so: Musik gleich Herz, Film gleich Kopf.

 

Diese Frage wird von Künstlern im Allgemeinen sehr ungern beantwortet. Aber: Was machst du eigentlich für Musik?

(lacht) Warmen und emotionalen Soul. Drops, aber kein EDM (Electronic Dance Music). EDM wäre eine Beleidigung. Auf jeden Fall Elektro, aber auch mit Folk und Rockeinflüssen. Die Summe aller Teile eben.

 

 

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Das nächste Konzert findet diesen Freitag, den 30. Oktober, im Werkk Kulturlokal in Baden statt.

“Chillen mit Marx”

Um sieben Uhr abends ist noch nicht viel los auf dem Vorplatz der Reitschule. Das wird sich bald ändern. Der Freitagabend ist noch jung und das Reitschulfest lockt. Zu den treuen Reitschulgängern werden heute viele weitere Besuchende erwartet.

Seit 25 Jahren wird die Reitschule immer wieder in Frage gestellt. Die neuste Unterschriftensammlung hat gerade erst begonnen. Falls die kantonale Volksinitiative zu Stande kommt, wird es die sechste Prüfung an der Urne seit 1990. Noch älter als die Geschichte der Urnenabstimmungen ist gemäss den Veranstaltern das Reitschulefest. Zum 28. Mal lockt das Fest am Wochenende mit Musik, Theater und Kino.

Arbeitsgruppen

Als Auftakt des Reitschulefests führen zwei Reitschüler neugierige Besuchende durch die in den frühen Abendstunden noch leeren Räume des Kulturzentrums. Mit einem Bier in der Hand erklärt der eine – mit Namen wollen beide nicht genannt werden – die für Aussenstehende manchmal komplizierten Strukturen der Reitschule. Ein Reitschüler, eine Reitschülerin zu sein, bedeutet in der Szene, in einer der vielen AGs mitzuwirken. In der antikapitalistischen Reitschulwelt steht diese Abkürzung für Arbeitsgruppe. Diese organisieren den Betrieb ihres jeweiligen Raumes.

In der kleinen und engen Druckerei etwa werden Flyer, das Hausmagazin megafon, aber auch externe Aufträge auf Papier gebracht. Vis à vis befindet sich das Kino, wo Stallboden und Heuraufe an die Ursprünge der Reitschule erinnern und für ein besonderes Flair sorgen. Heute werden hier die beiden Reitschul-Streifen von Andreas Berger gezeigt.

Im normalen Betrieb wird im Kino lediglich um eine Kollekte gebeten. Manchmal seien die Beträge ziemlich frustrierend, sagt ein Kino-Mitglied. Weshalb der geliebte, aber teure 35mm-Film leider oft den DVDs weichen müsse.

Heterogene Reitschule

Die AGs sind, abgesehen von den Verpflichtungen durch Statuten und Manifest, autonom. Das heisst, sie können beispielsweise selbst bestimmen, ob und wie sie ihre Mitgliederentlöhnen. Mehrere Reitschüler bestätigen, dass dies innerhalb der Reitschule immer wieder zu Spannungen führe. Auch in der Reitschule finde man eben ein weites, diverses Meinungsbild, so ein Mitglied des Tojo-Theater.

Im zweiten Stock, über dem Kino, befindet sich der Frauenraum. An der Wand sind in grossen Lettern die Schlagworte des Manifests aufgemalt. Kein Sexismus. Keine Homophobie. Der wohl gemütlichste aller Reitschulräume ist aber trotz seiner Bezeichnung meist für alle Geschlechter offen. Einzig die ehrenamtlich arbeitenden “Kollektivas” sind alles Frauen, und die auftretenden Musikbands müssen mindestens zur Hälfte weibliche Mitglieder haben.

Konsenszwang

Im Raum daneben, im Körperdojo, werden verschiedene Kurse angeboten. So unterschiedlich die Sichtweisen in der Reitschule sind, so ist hier auch das Bewegungsangebot: Es reicht von Yoga über Poledance bis “Grr”, dem Kampfsporttraining. Ausserhalb des Dojos versucht man laut Manifest aber, Konflikte gewaltfrei zu lösen.

Konsens statt Konflikte gilt auch an den Versammlungen der Reitschüler. Alle Entscheide werden basisdemokratisch entschieden. Ein einziger Skeptiker kann also einen Beschluss verhindern. Dies sei anstrengend, sagt eine Mitarbeiterin des Dachstocks. Es habe sich wohl schon jeder einmal aufgeregt über stundenlange Sitzungen ohne handfestes Resultat. Die Basisdemokratie zwinge die Reitschüler aber, einander zuzuhören und vielfältige Sichtweisen anzuerkennen.

Rotes Theater

Das Tojo Theater ist eine der wenigen Gruppen, die sich Löhne ausbezahlen. Am Reitschulefest läuft hier “Chillen mit Marx”. An die Wände wird in rotem Licht ein Foto von Marx projeziert. Dazu passend gibt’s rote Getränke an der Bar und die AG-Mitglieder lesen hinter langen Bärten Zitate aus Marx’ Werken. Eine eigene Theatergruppe hat das Tojo Theater allerdings nicht mehr. Theatergruppen, auch internationale, können das Tojo mieten, als Gage dienen die Einnahmen aus den Billet- und Barverkäufen. Ohne Subventionen der Stadt würde das Theater allerdings nicht überleben.

Im Gegensatz zum Tojo hat der Dachstock durch regelmässig grössere Anlässe höhere Einnahmen. Diese indes kommen durch die interne Quersubventionierung allen AGs und somit der gesamten Reitschule zu Gute. Genau hier lauern Fragen, die schon zu so manchen kontroversen Diskussionen in der Reitschule geführt haben: Wie viel ökonomisches Handeln erträgt die Reitschule? Vertragen sich die Preise mit der Reitschulkultur? Oder werden finanziell Schwächere mit hohen Eintrittspreisen ausgeschlossen – wo die Reitschule offen für alle sein will.

Unter dem Dachstock liegen das Restaurant Sous le Pont und die Rössli-Bar. Die Endstation unserer Tour bot in den Anfängen der Reitschule häufig Zuflucht für die Drogenszene auf dem Vorplatz. Als Gegenmassnahme liessen die Behörden den Raum des heutigen Rössli mit Beton, Sand und Kies füllen. Die Vorplatzbewohner verschwanden, das Drogenproblem blieb und bleibt bis heute. Diesen Frühling lancierte die Interessengemeinschaft Kulturraum Reitschule (Ikur) deshalb die Kampagne “No Deal Area”. Ist sie erfolgreich, so wäre ein erster Schritt für die nächste Urnenprüfung getan.

“Ich fühle mich so gut wie überall wohl”

Es ist ein kalter, nebliger Morgen. Wir folgen Berivan ins Gebäude. Ihr schwarzes Haar wippt leicht hin und her. Zügig läuft sie durch die Gänge, vorbei an Wäscheleinen, spielenden Kindern, leise diskutierenden Erwachsenen. Dabei erzählt uns die Syrierin ihre Geschichte. Wie es dazu kam, dass sie und ihr Ehemann in dieser alten, überfüllten bulgarischen Schule ihre Flitterwochen verbringen.

 

Diese Szene filmte die Dokumentarfilmerin Eileen Hofer schon im Frühjahr 2013. Sie lernte Berivan in einem Flüchtlingsheim kennen, als sie aus eigener Initiative nach Bulgarien reiste, um den Flüchtlingen lebensnotwendige Spenden zu bringen. In nur einer Stunde entstand so ihr Kurzfilm “My Honeymoon” – meine Flitterwochen.

 

Wie in vielen ihrer Filme gibt die Protagonistin viel von sich preis. Auch wenn das Gesicht von Berivan nur am Schluss ganz kurz gezeigt wird, taucht man für knappe vier Minuten in ihr Leben, ihre Ängste und Hoffnungen ein.

Eileen Hofer hatte die Syrierin nur eine Stunde zuvor getroffen, und trotzdem entstand ein sehr persönliches Porträt. Dass dies möglich war, erklärt Hofer mit ihren eigenen Wurzeln im Mittleren Osten: “Das verbindet, auch wenn ich nicht Arabisch spreche.”

 

Gefilmt hat die Genferin schon an vielen unterschiedlichen Orten: Neben Bulgarien etwa auch in Afghanistan, Aserbaidschan und auf Kuba. Dank ihrem familiären Hintergrund, aber auch durch zahlreiche, teils längere Reisen hat Hofer die Welt und ihre verschiedenen Kulturen und Bürger kennengelernt. Dies erleichtere ihre Arbeit. Sie fühle sich fast überall schnell wohl, und auch ihre Protagonisten fassten rasch Vertrauen zu ihr. In Aserbaidschan wurde sie gar noch während den Dreharbeiten zu einer Hochzeit eingeladen.

 

Berivans Traum, nach Deutschland zu können, ist inzwischen wahr geworden. Wie es ihr heute geht, weiss Hofer allerdings nicht. Sie macht sich aber keine Sorgen: “Berivan ist eine starke Frau, spricht Englisch und hatte Zugang zu universitärer Bildung.”

 

Die Themen Immigration, Heimat und Identitätsfindung sind ein ständiger Begleiter in Hofers Filmen. So ist “My Honeymoon” auch ein wichtiger Beitrag in der aktuellen Asyldebatte. In einem Interview von Arte meint Hofer, dass die Menschen trotz unterschiedlicher Kulturen, Hintergründe und Wurzeln alle irgendwie gleich seien. “Das ist der Kern meiner Filme, diese Türen zu öffnen. Wir essen, wir mögen es zu lachen, wir mögen es, zu lieben.”

 

Mehr zum Thema


Bereits zum 13. Mal findet in Bern und der ganzen Welt das Kurzfilmfestival shnit statt. Ursprünglich ein Kurzfilmabend in der Reitschule, ist das shnit heute ein bedeutendes internationales Kurzfilmfestival, welches unter anderem auch in Kyoto und Buenos Aires stattfindet. Vom 7. bis 11. Oktober werden in Bern an 13 Spielstätten Kurzfilme gezeigt. Sowohl jede erdenkliche Kulisse – Kirche, Bahnhof bis Cincebad- wie auch jeder mögliche Filmvorliebe– Zeichentrick, Doku bis Komödie – wird dabei bedient.

Kann man den Summer Beach doch mögen?

Alle Jahre im Mai öffnet das Marzili seine Tore, bringen die Beizen ihre Tische nach draussen, stellen die Gelaterias ihre neuen Kreationen für den Sommer vor. Seit ein paar Jahren schon gesellt sich eine neue Attraktion dazu: der eingezäunte Sandkasten auf der Grossen Schanze, der “Summer Beach”.

 

Und immer am Anfang des Sommers nerve ich mich wieder aufs Neue. Pünktlich wenn ich, die Füsse im kühlen Lebensbrunnen (ja, er heisst wirklich so!), die wärmeren Temperaturen nun endlich so richtig geniessen könnte, kommen sie angefahren. Mit ihren Gittern. Dem Quarzsand. Den Rattan Lounches. Den tosenden Generatoren. Vergangenen Samstag nahm die Dauerveranstaltung ein Ende, wurde der öffentliche Platz wieder der Öffentlichkeit übergeben. Bevor sich der Quarzsand verabschiedete, musste ich mich jedoch einem Selbstversuch unterziehen.

 

Erste Runde

Nun gut, der Sandkasten ist da, und ein paar aufgebrachte Bernerinnen und Berner werden dieses Unding nicht vertreiben können. Meine späte Beichte: Vor diesem Selbstversuch war ich noch nie drin. Ich komme mir ein wenig vor wie all die Reitschul-Gegner, die einmal mit dem Zug die Reitschule passieren, die Graffitis sehen und dann zu Hause Erich Hess applaudieren.

 

Deshalb habe ich einen Selbstversuch unternommen, den Summer Beach doch zu mögen. Oder ihn mir wenigstens schön zu trinken. Denn mit den Übeln des Lebens lebt es sich leichter, wenn man sie zumindest akzeptieren kann.

 

Die erste Runde (eher teures) Bier ist bestellt. Die weissen Kunstledermatratzen erinnern mich an etwas zwischen Arztliegen und meiner Vorstellung von Matratzen in einem Stundenhotel. So entscheide ich mich nach einem kurzen Probeliegen doch für den kleinen Liegestuhl.

 

Die Inhaber geben an, mit dem Summer Beach die Grosse Schanze zu beleben. Was wollen sie denn beleben? Bis Ende April war die ganze Schanze belebt, und ab Ende August wird sie es auch wieder sein: Familien am Spielen, Arbeitnehmer am Mittagessen, Punks am Tanzen. Ein strahlendes Kunterbunt aus allen Ecken Berns.

 

Zweite Runde

Warum ich mit dem Summer Beach nicht so wirklich warm werde? Den ganzen Sommer über blockiert er den Platz um den Brunnen, obwohl er dann doch nur ab vier Uhr und nur bei schönem Wetter geöffnet ist. Er verdrängt das strahlende Kunterbunt. Und ausserdem ist er, ganz klar, einfach hässlich, zumindest von aussen gesehen.

 

Herrje, es könnte so schön sein, so gemütlich. Aber nein, jedes Fleckchen der Stadt Bern wird in der Sommerzeit bis zum letzten Millimeter von kommerziellen Veranstaltern genutzt.

 

Nun – mittlerweile nippe ich am zweiten Bier – wechsle ich auf ein “fatboy” Sitzkissen. Dies fühlt sich leider weniger gemütlich an, als es aussieht. Dafür habe ich einen optimalen Ausblick auf den schönen Abendhimmel beim Eindunkeln. Den kann ich allerdings auch sonst wo haben. Überhaupt frage ich mich, warum gerade dieser Platz für den Summer Beach herhalten muss. Einmal drin, hat man sowieso nur noch Aussicht auf die Bastzäune.

 

Dritte Runde

Die ewige Kommerzialisierung macht weder vor der Stadt, noch vor der Grossen Schanze halt. Der Summer Beach ist zwar von innen durchaus gemütlicher, als man von aussen erahnen könnte. Als sommerüberdauernde Attraktion auf einem so prominenten Platz würde ich mir allerdings ein etwas anderes, offeneres, weniger auf Kommerz ausgerichtetes Angebot wünschen.

 

Beim dritten Bier angelangt, werde ich aufgefordert, den Sandkasten wegen aufziehenden Regens zu verlassen. Wirklich traurig bin ich nicht über das frühzeitige Ende meines Selbstversuchs. Auch bei den anderen Besuchern kommt nicht so richtig Stimmung auf. Ich beobachte fünf Leute zusammen auf einem Bett – pardon, Baldachin – alle sind aber nur mit ihren Smartphones beschäftigt. Ob vielleicht die weissen Kunstledermatrazen die Stimmung bremsen?

 

Fazit

Gut finde ich, dass ich mal im Sandkasten drin war. Besser finde ich, dass ich wieder draussen bin. Auf dem Rasen der Grossen Schanze fühle ich mich wesentlich wohler. Doch da selbst dort während einem Monat die Leinwand des Salzkinos dafür sorgt, dass beinahe kein Platz mehr fürs Verweilen auf der grossen Wiese bleibt, wird dieser Genuss auch nur kurz währen. Aber man soll ja sowieso den Moment geniessen. Eben nur nicht dann, wenn einem grosse Veranstalter diesen streitig machen.

“Der Vorplatz ist der beste Kompromiss”

“Vorplatz”: Das Wort nimmt Bezug auf etwas, das nach ihm steht. Sie sind zwar oft rege frequentiert, aber nur selten belebt. Aus diesem Grund verdient der Reitschulvorplatz eigentlich einen anderen Namen.

 

Die Berner Reitschule lebt von der Vielfältigkeit ihrer Glieder. Tojo, Dachstock, Sous le pont oder Rössli sind nicht wegzudenken, ebensowenig der Vorplatz. Er hat sein eigenes Publikum und ist in diesem Sinne auch kein Anhängsel sondern ein gleichwertiger Teil der Reitschule.

 

Freiluftdisco ohne Ohrenschmerzen

In der Nacht verwandelt er sich regelmässig zur der meistbesuchten Freiluftdisco in Bern. Eine Musikanlage beschallt den Betonplatz dann mit 90dB unverwechselbarem Revoluzzer-Punkrock. Der Schalldruck verflüchtigt sich aufgrund der fehlenden Überdachung rasch in der Nacht, sodass die Atmosphäre zwar durch die Musik geprägt, anders als in einer Disco aber nicht von ihr dominiert ist.

 

Man muss sich deshalb keineswegs die Ohren mit daumengrossen Schaumstoffdübeln verschliessen, um einen Gehörschaden vorzubeugen, im Gegenteil: Gerede und Musik bilden eine unverwechselbare Geräuschkulisse, die sowohl fürs Tanzen, als auch für Gespräche einen angenehmen Hintergrund bietet.

 

Kein bestimmtes Prädikat

Folglich gibt es Tanzende, die reden, und Redende, die tanzen – inklusive sämtlicher Zwischenstufen. Der Vorplatz ist ein Kompromiss, aber gleichwohl das Beste, was aus dem kargen Betonplatz zu machen ist. Ihm ein bestimmtes Prädikat anheften zu wollen, wäre falsch.

 

Die Popularität des Vorplatzes rührt gerade daher, dass er eben nicht komplett in ein Schema einzuordnen ist. Weder macht ihn die Piratenbar kommerziell – man kann ja sein Bier auch selber mitbringen – noch räumt ihm der Pingpong-Tisch den Status als Sportplatz ein. Der Vorplatz ist ein alternativloses Unikat.

 

Dieser Artikel erschien zuerst auf www.journal-b.ch. Journal B ist ein unabhängiges Online-Medium für die Stadt Bern, das mehrmals wöchentlich Artikel in den Bereichen Politik, Alltag und Kultur publiziert.

Zwischen Solidarität und Selbstsucht

“Das Verhältnis zum Geld blieb in der Reithalle-Gegenkultur widersprüchlich und uneinheitlich. Wurden die Waren und Dienstleistungen zuerst überhaupt gratis oder zum Selbstkostenpreis angeboten, behalf man sich danach beim Eintritt zu Veranstaltungen jahrelang schamhaft mit Kollekten”, heisst es im Buch “Reithalle Bern – Autonomie und Kultur im Zentrum”, das zum 10-jährigen Jubiläum 1998 des Kulturzentrums erschienenen ist.

 

Verkommerzialisiert(e) die Reitschule?

Besucht man heute, über 25 Jahre nach der erneuten Besetzung des Gebäudekomplexes die  Reitschule, ist von Selbstkostenpreis, Kollekte und Schamgefühl nicht mehr viel zu erkennen. Mit Ausnahme des Kinos und der ab und zu stattfindenden Soli- oder Gratis-Konzerte hat heute praktisch alles seinen fast marktüblichen Preis. Die Flasche Maisgold à  33cl kostet 5 Franken, der Dachstock-Eintritt je nach Auftritt um die 25 Franken, gelegentlich auch mal mehr.

 

Die antikommerzialistische Preispolitik der Reitschule liegt schon ein Weilchen zurück. So endet bereits der eingangs zitierte Abschnitt mit dem Satz: “Die meisten AG (Arbeitsgruppen, Anm. d. Red.) verkaufen ihre Dienstleistungen allerdings heute zu festgesetzten Preisen.”

Zugegeben, vergleicht man die Preise mit den Umliegenden Kulturlokalen, dürfen sich die Besucherinnen und Besucher der Reitschule nicht beklagen. Und doch drängt sich bei einer Auseinandersetzung mit der ökonomischen Geschichte der Reitschule die Frage auf: Verkommerzialisiert(e) die Reitschule?

 

Von der Soli-Kollekte zum Eintrittspreis

Zur Beantwortung dieser Frage sind zwei Entwicklungen in der Geschichte der Reitschule von zentraler Bedeutung. Einerseits fand eine Art “Normalisierungsprozess” statt. Die nach und nach und unter heftigen Diskussionen eingeführten Löhne wurden legalisiert, Gastgewerbebewilligung und Billetsteuer eingeführt und aus Gebrauchsleihverträgen mit der Satdt wurde der heutige Leistungsvertrag. Diese Veränderungen brachten finanzielle Auswirkungen mit sich: Abgaben an den Staat wie Steuern und AHV-Beiträge sowie die Vermehrung bezahlter Arbeit erhöhten die anfallenden Fixkosten für das Kulturzentrum.

 

Die zweite, für die Preispolitik der Reitschule wegweisende Entwicklung war der zunehmende Mangel an Solidarität. Konnte sich die Reitschule zunächst auf Kollektenbasis “freiwillig” finanzieren, wurden gegen Ende der 80er-Jahre aufgrund mangelnder Bereitschaft Kollekte zu bezahlen, schliesslich Eintrittspreise eingeführt, welche sich im Laufe der Zeit und ebenjener Normalisierung erhöhten.

 

Nebst den enstandenen Abgaben und weiteren Fixkosten wie zunehmende Band-Gagen, Instandhaltung der Infrastruktur, war und ist vor allem die interne Umverteilung wichtiger Verwendungszweck der Reitschul-Finanzen. Während die Gastrobetriebe Sous Le Pont und Rössli Geld an den Reitschule-Fonds abgeben können und das Konzertlokal Dachstock etwa selbsttragend ist, sind Arbeitsgruppen wie die Zeitung “Megafon” und der Infoladen auf Unterstützung angewiesen.

 

Von der Freiwilligkeit zum “Kommerz-Zwang”

Mit vermehrten Ausgaben und mangelnder Solidarität kam eine Art “Zwang zum Kommerz”, der sich mit der steigenden Popularität der Reitschule noch verschärfte. Zu sehr auf Konsum, zu sehr nach dem Schema “ich zahle, also bekomm’ ich” ausgerichtet, dürfte die Mentalität der unzähligen Reitschul-Besucherinnen und -Besucher sein, als dass ein klar antikommerzielles, auf Freiwilligkeit basierendes System noch funktionieren könnte. Oder in den Worten des langjährigen Reitschülers Tom Locher: “Ich, ich, ich und der Rest ist scheissegal. Ausgrenzung, keine Solidarität. Ein egozentrisches Gewinnerzielungsinteresse. Halt nicht unbedingt im finanziellen Sinne, sondern geistig, das eigene Selbstverständnis betreffend. Das ist wohl das grösste Problem in der Reitschule und für ihre Zukunft.»

Category Archives: Reitschule

Die nicht zurückhaltende Spezies Frau

Jua* drängt sich im Backstagebereich des Frauenraums auf ein Sofa. Die vier Frauen sind nicht nur eine Band, sondern auch gute Freundinnen, das spürt man. Bassistin Anuschka schätzt den persönlichen Austausch, die Freundschaft untereinander: “Die erste halbe Stunde im Bandraum verbringen wir mit persönlichen Gesprächen, wie es uns geht, in unseren Beziehungen, im Beruf…” Konflikte sprechen sie immer an, das sei wichtig. Mit einem Lächeln zu Songwriterin Chrige meint Anja: “Vielleicht wartet man manchmal einen Moment zu lange, aber ansprechen tun wir’s immer.”

Diese Harmonie zieht sich bis auf die Bühne. Jua* singt oft mehrstimmig. Mit Cajón, Bassgitarre, akustischer Gitarre und starken Stimmen entsteht ein feinfühliger Mix aus Country, Folk und Blues. Dies passt wunderbar in den Frauenraum, der immer wieder als der gemütlichste aller Räume der Reitschule bezeichnet wird.

Der Frauenraum will aber nicht nur gemütlich sein. Die Frauen-Jamsession “play yourself”, initiiert von der Cajón-Spielerin Anja, soll Frauen in ihrem musikalischen Schaffen bestärken. Leider hielten sich talentierte Frauen oft zurück im Musikbusiness, wagen sich kaum auf die Bühne. Oder wie es Chrige ehrlich ausdrückt: “Wenn ein toller Musiker mit Gitarre (macht Luftgitarren-Bewegungen) kommt und eine riesen Show macht, trauen sich danach viele nicht mehr auf die Bühne”. Im geschützten Rahmen fänden Frauen eher den Mut, ihr Können zu zeigen. Zweifel und Zurückhaltung, so Anja, seien wohl Gründe für die wenigen Frauen in der Bandszene. Warum es Jua* trotzdem gibt? “Wir sind eben nicht so! Wir nicht! Wir sind eben die Spezies, die nicht zurückhaltend ist, die gibt’s auch!“, sind sich unter Gelächter alle einig.

Im Frauenraum sind die vier auch privat regelmässig zu Gast. “Wenn ich in den Ausgang gehe, dann komme ich fast nur hierher.”, so Anuschka. Auch Anja hat eine jahrelange Verbindung zum Frauenraum. Neben den Jamsessions hat sie auch sonst im Kollektiv mitgewirkt. Mit 20 war sie zum ersten Mal hier, da habe sich eine Welt aufgetan für sie: “Ich kam aus dem Wallis, einer anderen Welt. Dort kannte man keine linke Szene.”

Zurück auf die Bühne: Jua* verzichtet auf viel Bewegung. Lieber konzentrieren sie sich auf ihr Zusammenspiel. Die vier Frauen bilden eine Einheit, schauen einander an, schliessen die Augen. Sie scheinen ihre Musik zu geniessen.

“Wenn ich die Leute aber dann so stehen sehe, (verschränkt die Arme) dann habe ich das Gefühl: „oh shit“ irgendwas ist wohl nicht in Ordnung”, so Chrige. Sie lasse sich leicht verunsichern, auch heute noch, nach einigen Jahren Bühnenerfahrung.

“Heute war gut” sagt Chrige und meint damit aber ihr schlimmes Lampenfieber. Auch Sängerin Nadja wird davon geplagt, lacht aber und sagt augenzwinkernd: “Wir haben Tabletten…Baldrian etwa” Dass die beiden manchmal auch während den Konzerten noch aufgeregt sind, konnten sie vor dem Publikum aber gut verstecken. Ob bei folkigen Tanzstücken oder feinen Balladen, die Musikerinnen wirkten souverän und selbstbewusst.

Das Publikum, egal welchen Geschlechts, lauschte mit Freude den melodischen Klängen, wippte oder tanzte mit den Beats des Cajón, und bedankte sich mit einem langen Applaus, wofür Jua* gleich noch eine Zugabe schenkte.

“Ich bin die Summe aller Teile”

Tink.ch: Wer bist du, Pablo?

Pablo Nouvelle: Oh, das kann ich dir nicht in zwei Sätzen erklären.

Tue es in drei.

(lacht, überlegt.)

Ich bin die Summe aller Teile.

Wie äussert sich das?

Beispielsweise bin ich zwar mit Hip-Hop aufgewachsen und habe in meiner Musik auch deutlich Soul-Komponenten enthalten, doch mach ich keinen Hip-Hop. Das, was das Publikum heute gehört hat, war kein Hip-Hop, oder?

Nein. Was ich heute gehört habe war das Wort: real. Zwei Jungs sind während des Konzerts stehen geblieben und einer meinte verblüfft: “Der ist einfach REAL!” Was sagst du dazu?

Real? Nein, wenn schon bin ich “ächt”. Real ist zu gangsterhaft. (Als er das ausspricht, hält er sich die geballte Hand vor den Mund, als wollte er beatboxen.)

Warum hat es ausgerechnet die Summe deiner Teile soweit geschafft?

Meine Vision der Arbeit entspricht eben dem Zeitgeist. Das hat viel mit Glück, Timing und einer Menge Arbeit zu tun. Ich würde jetzt aber nicht sagen, dass ich ein Star bin.

Wie erlebst du die Auftritte in England im Gegensatz zu denen in der Schweiz?

In der Schweiz bist du als Künstler auf weichen Kissen gebettet. Dagegen ist England ganz anders.

Inwiefern?

England ist roh. Da kriegst du als Künstler nie die Gage der Schweiz, von einer Hotelübernachtung ganz zu schweigen. Sich in England als Künstler durchzuschlagen, ist nicht leicht.

Zwischen den Liedern hast du gesagt: “Reithalle, schön gibt es euch! Ich glaube, dass ihr nie abgeschafft werdet. Mit keiner SVP-Kampagne.” Siehst du dich als Künstler verpflichtet, auch politische Statements unter die Leute zu bringen?

Meine Musik war lange Zeit unpolitisch. Doch meine Filme sind die Kehrseite meiner Musik. (Pablo hat an der Universität Luzern Animation studiert. Sein Abschlussfilm “Bon voyage” (2012) spricht die Flüchtlingsthematik an und gewann nationale sowie internationale Preise.) Darin spreche ich soziale Themen an, die nicht unbedingt politisch sein müssen. Auch gehöre ich keiner Partei an. Was mich beschäftigt, spreche ich aber an.

Findest du, dass die Politik einen Platz in der Kunst hat?

Sie soll einen Platz haben dürfen, aber es soll kein Muss für Künstler sein, über Politik zu sprechen.

In meinem privaten Umfeld spüre ich durchaus das politische Engagement, doch in der Kunst noch nicht so.

Du hast Animation, also Film, studiert und machst gleichzeitig Musik. Was kann das eine, was das andere nicht kann?

Ich sag es mal so: Musik gleich Herz, Film gleich Kopf.

Diese Frage wird von Künstlern im Allgemeinen sehr ungern beantwortet. Aber: Was machst du eigentlich für Musik?

(lacht) Warmen und emotionalen Soul. Drops, aber kein EDM (Electronic Dance Music). EDM wäre eine Beleidigung. Auf jeden Fall Elektro, aber auch mit Folk und Rockeinflüssen. Die Summe aller Teile eben.

Weitere Informationen

www.pablonouvelle.com

Das nächste Konzert findet diesen Freitag, den 30. Oktober, im Werkk Kulturlokal in Baden statt.

“Ich bin die Summe aller Teile”

Tink.ch: Wer bist du, Pablo?

Pablo Nouvelle: Oh, das kann ich dir nicht in zwei Sätzen erklären.

 

Tue es in drei.

(lacht, überlegt.)

Ich bin die Summe aller Teile.

 

Wie äussert sich das?

Beispielsweise bin ich zwar mit Hip-Hop aufgewachsen und habe in meiner Musik auch deutlich Soul-Komponenten enthalten, doch mach ich keinen Hip-Hop. Das, was das Publikum heute gehört hat, war kein Hip-Hop, oder?

 

Nein. Was ich heute gehört habe war das Wort: real. Zwei Jungs sind während des Konzerts stehen geblieben und einer meinte verblüfft: “Der ist einfach REAL!” Was sagst du dazu?

Real? Nein, wenn schon bin ich “ächt”. Real ist zu gangsterhaft. (Als er das ausspricht, hält er sich die geballte Hand vor den Mund, als wollte er beatboxen.)

 

Warum hat es ausgerechnet die Summe deiner Teile soweit geschafft?

Meine Vision der Arbeit entspricht eben dem Zeitgeist. Das hat viel mit Glück, Timing und einer Menge Arbeit zu tun. Ich würde jetzt aber nicht sagen, dass ich ein Star bin.

 

Wie erlebst du die Auftritte in England im Gegensatz zu denen in der Schweiz?

In der Schweiz bist du als Künstler auf weichen Kissen gebettet. Dagegen ist England ganz anders.

 

Inwiefern?

England ist roh. Da kriegst du als Künstler nie die Gage der Schweiz, von einer Hotelübernachtung ganz zu schweigen. Sich in England als Künstler durchzuschlagen, ist nicht leicht.

 

Zwischen den Liedern hast du gesagt: “Reithalle, schön gibt es euch! Ich glaube, dass ihr nie abgeschafft werdet. Mit keiner SVP-Kampagne.” Siehst du dich als Künstler verpflichtet, auch politische Statements unter die Leute zu bringen?

Meine Musik war lange Zeit unpolitisch. Doch meine Filme sind die Kehrseite meiner Musik. (Pablo hat an der Universität Luzern Animation studiert. Sein Abschlussfilm “Bon voyage” (2012) spricht die Flüchtlingsthematik an und gewann nationale sowie internationale Preise.) Darin spreche ich soziale Themen an, die nicht unbedingt politisch sein müssen. Auch gehöre ich keiner Partei an. Was mich beschäftigt, spreche ich aber an.

 

Findest du, dass die Politik einen Platz in der Kunst hat?

Sie soll einen Platz haben dürfen, aber es soll kein Muss für Künstler sein, über Politik zu sprechen.

In meinem privaten Umfeld spüre ich durchaus das politische Engagement, doch in der Kunst noch nicht so.

 

Du hast Animation, also Film, studiert und machst gleichzeitig Musik. Was kann das eine, was das andere nicht kann?

Ich sag es mal so: Musik gleich Herz, Film gleich Kopf.

 

Diese Frage wird von Künstlern im Allgemeinen sehr ungern beantwortet. Aber: Was machst du eigentlich für Musik?

(lacht) Warmen und emotionalen Soul. Drops, aber kein EDM (Electronic Dance Music). EDM wäre eine Beleidigung. Auf jeden Fall Elektro, aber auch mit Folk und Rockeinflüssen. Die Summe aller Teile eben.

 

 

Weitere Informationen


 

www.pablonouvelle.com

Das nächste Konzert findet diesen Freitag, den 30. Oktober, im Werkk Kulturlokal in Baden statt.

“Chillen mit Marx”

Um sieben Uhr abends ist noch nicht viel los auf dem Vorplatz der Reitschule. Das wird sich bald ändern. Der Freitagabend ist noch jung und das Reitschulfest lockt. Zu den treuen Reitschulgängern werden heute viele weitere Besuchende erwartet.

Seit 25 Jahren wird die Reitschule immer wieder in Frage gestellt. Die neuste Unterschriftensammlung hat gerade erst begonnen. Falls die kantonale Volksinitiative zu Stande kommt, wird es die sechste Prüfung an der Urne seit 1990. Noch älter als die Geschichte der Urnenabstimmungen ist gemäss den Veranstaltern das Reitschulefest. Zum 28. Mal lockt das Fest am Wochenende mit Musik, Theater und Kino.

Arbeitsgruppen

Als Auftakt des Reitschulefests führen zwei Reitschüler neugierige Besuchende durch die in den frühen Abendstunden noch leeren Räume des Kulturzentrums. Mit einem Bier in der Hand erklärt der eine – mit Namen wollen beide nicht genannt werden – die für Aussenstehende manchmal komplizierten Strukturen der Reitschule. Ein Reitschüler, eine Reitschülerin zu sein, bedeutet in der Szene, in einer der vielen AGs mitzuwirken. In der antikapitalistischen Reitschulwelt steht diese Abkürzung für Arbeitsgruppe. Diese organisieren den Betrieb ihres jeweiligen Raumes.

In der kleinen und engen Druckerei etwa werden Flyer, das Hausmagazin megafon, aber auch externe Aufträge auf Papier gebracht. Vis à vis befindet sich das Kino, wo Stallboden und Heuraufe an die Ursprünge der Reitschule erinnern und für ein besonderes Flair sorgen. Heute werden hier die beiden Reitschul-Streifen von Andreas Berger gezeigt.

Im normalen Betrieb wird im Kino lediglich um eine Kollekte gebeten. Manchmal seien die Beträge ziemlich frustrierend, sagt ein Kino-Mitglied. Weshalb der geliebte, aber teure 35mm-Film leider oft den DVDs weichen müsse.

Heterogene Reitschule

Die AGs sind, abgesehen von den Verpflichtungen durch Statuten und Manifest, autonom. Das heisst, sie können beispielsweise selbst bestimmen, ob und wie sie ihre Mitgliederentlöhnen. Mehrere Reitschüler bestätigen, dass dies innerhalb der Reitschule immer wieder zu Spannungen führe. Auch in der Reitschule finde man eben ein weites, diverses Meinungsbild, so ein Mitglied des Tojo-Theater.

Im zweiten Stock, über dem Kino, befindet sich der Frauenraum. An der Wand sind in grossen Lettern die Schlagworte des Manifests aufgemalt. Kein Sexismus. Keine Homophobie. Der wohl gemütlichste aller Reitschulräume ist aber trotz seiner Bezeichnung meist für alle Geschlechter offen. Einzig die ehrenamtlich arbeitenden “Kollektivas” sind alles Frauen, und die auftretenden Musikbands müssen mindestens zur Hälfte weibliche Mitglieder haben.

Konsenszwang

Im Raum daneben, im Körperdojo, werden verschiedene Kurse angeboten. So unterschiedlich die Sichtweisen in der Reitschule sind, so ist hier auch das Bewegungsangebot: Es reicht von Yoga über Poledance bis “Grr”, dem Kampfsporttraining. Ausserhalb des Dojos versucht man laut Manifest aber, Konflikte gewaltfrei zu lösen.

Konsens statt Konflikte gilt auch an den Versammlungen der Reitschüler. Alle Entscheide werden basisdemokratisch entschieden. Ein einziger Skeptiker kann also einen Beschluss verhindern. Dies sei anstrengend, sagt eine Mitarbeiterin des Dachstocks. Es habe sich wohl schon jeder einmal aufgeregt über stundenlange Sitzungen ohne handfestes Resultat. Die Basisdemokratie zwinge die Reitschüler aber, einander zuzuhören und vielfältige Sichtweisen anzuerkennen.

Rotes Theater

Das Tojo Theater ist eine der wenigen Gruppen, die sich Löhne ausbezahlen. Am Reitschulefest läuft hier “Chillen mit Marx”. An die Wände wird in rotem Licht ein Foto von Marx projeziert. Dazu passend gibt’s rote Getränke an der Bar und die AG-Mitglieder lesen hinter langen Bärten Zitate aus Marx’ Werken. Eine eigene Theatergruppe hat das Tojo Theater allerdings nicht mehr. Theatergruppen, auch internationale, können das Tojo mieten, als Gage dienen die Einnahmen aus den Billet- und Barverkäufen. Ohne Subventionen der Stadt würde das Theater allerdings nicht überleben.

Im Gegensatz zum Tojo hat der Dachstock durch regelmässig grössere Anlässe höhere Einnahmen. Diese indes kommen durch die interne Quersubventionierung allen AGs und somit der gesamten Reitschule zu Gute. Genau hier lauern Fragen, die schon zu so manchen kontroversen Diskussionen in der Reitschule geführt haben: Wie viel ökonomisches Handeln erträgt die Reitschule? Vertragen sich die Preise mit der Reitschulkultur? Oder werden finanziell Schwächere mit hohen Eintrittspreisen ausgeschlossen – wo die Reitschule offen für alle sein will.

Unter dem Dachstock liegen das Restaurant Sous le Pont und die Rössli-Bar. Die Endstation unserer Tour bot in den Anfängen der Reitschule häufig Zuflucht für die Drogenszene auf dem Vorplatz. Als Gegenmassnahme liessen die Behörden den Raum des heutigen Rössli mit Beton, Sand und Kies füllen. Die Vorplatzbewohner verschwanden, das Drogenproblem blieb und bleibt bis heute. Diesen Frühling lancierte die Interessengemeinschaft Kulturraum Reitschule (Ikur) deshalb die Kampagne “No Deal Area”. Ist sie erfolgreich, so wäre ein erster Schritt für die nächste Urnenprüfung getan.

“Ich fühle mich so gut wie überall wohl”

Es ist ein kalter, nebliger Morgen. Wir folgen Berivan ins Gebäude. Ihr schwarzes Haar wippt leicht hin und her. Zügig läuft sie durch die Gänge, vorbei an Wäscheleinen, spielenden Kindern, leise diskutierenden Erwachsenen. Dabei erzählt uns die Syrierin ihre Geschichte. Wie es dazu kam, dass sie und ihr Ehemann in dieser alten, überfüllten bulgarischen Schule ihre Flitterwochen verbringen.

 

Diese Szene filmte die Dokumentarfilmerin Eileen Hofer schon im Frühjahr 2013. Sie lernte Berivan in einem Flüchtlingsheim kennen, als sie aus eigener Initiative nach Bulgarien reiste, um den Flüchtlingen lebensnotwendige Spenden zu bringen. In nur einer Stunde entstand so ihr Kurzfilm “My Honeymoon” – meine Flitterwochen.

 

Wie in vielen ihrer Filme gibt die Protagonistin viel von sich preis. Auch wenn das Gesicht von Berivan nur am Schluss ganz kurz gezeigt wird, taucht man für knappe vier Minuten in ihr Leben, ihre Ängste und Hoffnungen ein.

Eileen Hofer hatte die Syrierin nur eine Stunde zuvor getroffen, und trotzdem entstand ein sehr persönliches Porträt. Dass dies möglich war, erklärt Hofer mit ihren eigenen Wurzeln im Mittleren Osten: “Das verbindet, auch wenn ich nicht Arabisch spreche.”

 

Gefilmt hat die Genferin schon an vielen unterschiedlichen Orten: Neben Bulgarien etwa auch in Afghanistan, Aserbaidschan und auf Kuba. Dank ihrem familiären Hintergrund, aber auch durch zahlreiche, teils längere Reisen hat Hofer die Welt und ihre verschiedenen Kulturen und Bürger kennengelernt. Dies erleichtere ihre Arbeit. Sie fühle sich fast überall schnell wohl, und auch ihre Protagonisten fassten rasch Vertrauen zu ihr. In Aserbaidschan wurde sie gar noch während den Dreharbeiten zu einer Hochzeit eingeladen.

 

Berivans Traum, nach Deutschland zu können, ist inzwischen wahr geworden. Wie es ihr heute geht, weiss Hofer allerdings nicht. Sie macht sich aber keine Sorgen: “Berivan ist eine starke Frau, spricht Englisch und hatte Zugang zu universitärer Bildung.”

 

Die Themen Immigration, Heimat und Identitätsfindung sind ein ständiger Begleiter in Hofers Filmen. So ist “My Honeymoon” auch ein wichtiger Beitrag in der aktuellen Asyldebatte. In einem Interview von Arte meint Hofer, dass die Menschen trotz unterschiedlicher Kulturen, Hintergründe und Wurzeln alle irgendwie gleich seien. “Das ist der Kern meiner Filme, diese Türen zu öffnen. Wir essen, wir mögen es zu lachen, wir mögen es, zu lieben.”

 

Mehr zum Thema


Bereits zum 13. Mal findet in Bern und der ganzen Welt das Kurzfilmfestival shnit statt. Ursprünglich ein Kurzfilmabend in der Reitschule, ist das shnit heute ein bedeutendes internationales Kurzfilmfestival, welches unter anderem auch in Kyoto und Buenos Aires stattfindet. Vom 7. bis 11. Oktober werden in Bern an 13 Spielstätten Kurzfilme gezeigt. Sowohl jede erdenkliche Kulisse – Kirche, Bahnhof bis Cincebad- wie auch jeder mögliche Filmvorliebe– Zeichentrick, Doku bis Komödie – wird dabei bedient.

Kann man den Summer Beach doch mögen?

Alle Jahre im Mai öffnet das Marzili seine Tore, bringen die Beizen ihre Tische nach draussen, stellen die Gelaterias ihre neuen Kreationen für den Sommer vor. Seit ein paar Jahren schon gesellt sich eine neue Attraktion dazu: der eingezäunte Sandkasten auf der Grossen Schanze, der “Summer Beach”.

 

Und immer am Anfang des Sommers nerve ich mich wieder aufs Neue. Pünktlich wenn ich, die Füsse im kühlen Lebensbrunnen (ja, er heisst wirklich so!), die wärmeren Temperaturen nun endlich so richtig geniessen könnte, kommen sie angefahren. Mit ihren Gittern. Dem Quarzsand. Den Rattan Lounches. Den tosenden Generatoren. Vergangenen Samstag nahm die Dauerveranstaltung ein Ende, wurde der öffentliche Platz wieder der Öffentlichkeit übergeben. Bevor sich der Quarzsand verabschiedete, musste ich mich jedoch einem Selbstversuch unterziehen.

 

Erste Runde

Nun gut, der Sandkasten ist da, und ein paar aufgebrachte Bernerinnen und Berner werden dieses Unding nicht vertreiben können. Meine späte Beichte: Vor diesem Selbstversuch war ich noch nie drin. Ich komme mir ein wenig vor wie all die Reitschul-Gegner, die einmal mit dem Zug die Reitschule passieren, die Graffitis sehen und dann zu Hause Erich Hess applaudieren.

 

Deshalb habe ich einen Selbstversuch unternommen, den Summer Beach doch zu mögen. Oder ihn mir wenigstens schön zu trinken. Denn mit den Übeln des Lebens lebt es sich leichter, wenn man sie zumindest akzeptieren kann.

 

Die erste Runde (eher teures) Bier ist bestellt. Die weissen Kunstledermatratzen erinnern mich an etwas zwischen Arztliegen und meiner Vorstellung von Matratzen in einem Stundenhotel. So entscheide ich mich nach einem kurzen Probeliegen doch für den kleinen Liegestuhl.

 

Die Inhaber geben an, mit dem Summer Beach die Grosse Schanze zu beleben. Was wollen sie denn beleben? Bis Ende April war die ganze Schanze belebt, und ab Ende August wird sie es auch wieder sein: Familien am Spielen, Arbeitnehmer am Mittagessen, Punks am Tanzen. Ein strahlendes Kunterbunt aus allen Ecken Berns.

 

Zweite Runde

Warum ich mit dem Summer Beach nicht so wirklich warm werde? Den ganzen Sommer über blockiert er den Platz um den Brunnen, obwohl er dann doch nur ab vier Uhr und nur bei schönem Wetter geöffnet ist. Er verdrängt das strahlende Kunterbunt. Und ausserdem ist er, ganz klar, einfach hässlich, zumindest von aussen gesehen.

 

Herrje, es könnte so schön sein, so gemütlich. Aber nein, jedes Fleckchen der Stadt Bern wird in der Sommerzeit bis zum letzten Millimeter von kommerziellen Veranstaltern genutzt.

 

Nun – mittlerweile nippe ich am zweiten Bier – wechsle ich auf ein “fatboy” Sitzkissen. Dies fühlt sich leider weniger gemütlich an, als es aussieht. Dafür habe ich einen optimalen Ausblick auf den schönen Abendhimmel beim Eindunkeln. Den kann ich allerdings auch sonst wo haben. Überhaupt frage ich mich, warum gerade dieser Platz für den Summer Beach herhalten muss. Einmal drin, hat man sowieso nur noch Aussicht auf die Bastzäune.

 

Dritte Runde

Die ewige Kommerzialisierung macht weder vor der Stadt, noch vor der Grossen Schanze halt. Der Summer Beach ist zwar von innen durchaus gemütlicher, als man von aussen erahnen könnte. Als sommerüberdauernde Attraktion auf einem so prominenten Platz würde ich mir allerdings ein etwas anderes, offeneres, weniger auf Kommerz ausgerichtetes Angebot wünschen.

 

Beim dritten Bier angelangt, werde ich aufgefordert, den Sandkasten wegen aufziehenden Regens zu verlassen. Wirklich traurig bin ich nicht über das frühzeitige Ende meines Selbstversuchs. Auch bei den anderen Besuchern kommt nicht so richtig Stimmung auf. Ich beobachte fünf Leute zusammen auf einem Bett – pardon, Baldachin – alle sind aber nur mit ihren Smartphones beschäftigt. Ob vielleicht die weissen Kunstledermatrazen die Stimmung bremsen?

 

Fazit

Gut finde ich, dass ich mal im Sandkasten drin war. Besser finde ich, dass ich wieder draussen bin. Auf dem Rasen der Grossen Schanze fühle ich mich wesentlich wohler. Doch da selbst dort während einem Monat die Leinwand des Salzkinos dafür sorgt, dass beinahe kein Platz mehr fürs Verweilen auf der grossen Wiese bleibt, wird dieser Genuss auch nur kurz währen. Aber man soll ja sowieso den Moment geniessen. Eben nur nicht dann, wenn einem grosse Veranstalter diesen streitig machen.

“Der Vorplatz ist der beste Kompromiss”

“Vorplatz”: Das Wort nimmt Bezug auf etwas, das nach ihm steht. Sie sind zwar oft rege frequentiert, aber nur selten belebt. Aus diesem Grund verdient der Reitschulvorplatz eigentlich einen anderen Namen.

 

Die Berner Reitschule lebt von der Vielfältigkeit ihrer Glieder. Tojo, Dachstock, Sous le pont oder Rössli sind nicht wegzudenken, ebensowenig der Vorplatz. Er hat sein eigenes Publikum und ist in diesem Sinne auch kein Anhängsel sondern ein gleichwertiger Teil der Reitschule.

 

Freiluftdisco ohne Ohrenschmerzen

In der Nacht verwandelt er sich regelmässig zur der meistbesuchten Freiluftdisco in Bern. Eine Musikanlage beschallt den Betonplatz dann mit 90dB unverwechselbarem Revoluzzer-Punkrock. Der Schalldruck verflüchtigt sich aufgrund der fehlenden Überdachung rasch in der Nacht, sodass die Atmosphäre zwar durch die Musik geprägt, anders als in einer Disco aber nicht von ihr dominiert ist.

 

Man muss sich deshalb keineswegs die Ohren mit daumengrossen Schaumstoffdübeln verschliessen, um einen Gehörschaden vorzubeugen, im Gegenteil: Gerede und Musik bilden eine unverwechselbare Geräuschkulisse, die sowohl fürs Tanzen, als auch für Gespräche einen angenehmen Hintergrund bietet.

 

Kein bestimmtes Prädikat

Folglich gibt es Tanzende, die reden, und Redende, die tanzen – inklusive sämtlicher Zwischenstufen. Der Vorplatz ist ein Kompromiss, aber gleichwohl das Beste, was aus dem kargen Betonplatz zu machen ist. Ihm ein bestimmtes Prädikat anheften zu wollen, wäre falsch.

 

Die Popularität des Vorplatzes rührt gerade daher, dass er eben nicht komplett in ein Schema einzuordnen ist. Weder macht ihn die Piratenbar kommerziell – man kann ja sein Bier auch selber mitbringen – noch räumt ihm der Pingpong-Tisch den Status als Sportplatz ein. Der Vorplatz ist ein alternativloses Unikat.

 

Dieser Artikel erschien zuerst auf www.journal-b.ch. Journal B ist ein unabhängiges Online-Medium für die Stadt Bern, das mehrmals wöchentlich Artikel in den Bereichen Politik, Alltag und Kultur publiziert.

Zwischen Solidarität und Selbstsucht

“Das Verhältnis zum Geld blieb in der Reithalle-Gegenkultur widersprüchlich und uneinheitlich. Wurden die Waren und Dienstleistungen zuerst überhaupt gratis oder zum Selbstkostenpreis angeboten, behalf man sich danach beim Eintritt zu Veranstaltungen jahrelang schamhaft mit Kollekten”, heisst es im Buch “Reithalle Bern – Autonomie und Kultur im Zentrum”, das zum 10-jährigen Jubiläum 1998 des Kulturzentrums erschienenen ist.

 

Verkommerzialisiert(e) die Reitschule?

Besucht man heute, über 25 Jahre nach der erneuten Besetzung des Gebäudekomplexes die  Reitschule, ist von Selbstkostenpreis, Kollekte und Schamgefühl nicht mehr viel zu erkennen. Mit Ausnahme des Kinos und der ab und zu stattfindenden Soli- oder Gratis-Konzerte hat heute praktisch alles seinen fast marktüblichen Preis. Die Flasche Maisgold à  33cl kostet 5 Franken, der Dachstock-Eintritt je nach Auftritt um die 25 Franken, gelegentlich auch mal mehr.

 

Die antikommerzialistische Preispolitik der Reitschule liegt schon ein Weilchen zurück. So endet bereits der eingangs zitierte Abschnitt mit dem Satz: “Die meisten AG (Arbeitsgruppen, Anm. d. Red.) verkaufen ihre Dienstleistungen allerdings heute zu festgesetzten Preisen.”

Zugegeben, vergleicht man die Preise mit den Umliegenden Kulturlokalen, dürfen sich die Besucherinnen und Besucher der Reitschule nicht beklagen. Und doch drängt sich bei einer Auseinandersetzung mit der ökonomischen Geschichte der Reitschule die Frage auf: Verkommerzialisiert(e) die Reitschule?

 

Von der Soli-Kollekte zum Eintrittspreis

Zur Beantwortung dieser Frage sind zwei Entwicklungen in der Geschichte der Reitschule von zentraler Bedeutung. Einerseits fand eine Art “Normalisierungsprozess” statt. Die nach und nach und unter heftigen Diskussionen eingeführten Löhne wurden legalisiert, Gastgewerbebewilligung und Billetsteuer eingeführt und aus Gebrauchsleihverträgen mit der Satdt wurde der heutige Leistungsvertrag. Diese Veränderungen brachten finanzielle Auswirkungen mit sich: Abgaben an den Staat wie Steuern und AHV-Beiträge sowie die Vermehrung bezahlter Arbeit erhöhten die anfallenden Fixkosten für das Kulturzentrum.

 

Die zweite, für die Preispolitik der Reitschule wegweisende Entwicklung war der zunehmende Mangel an Solidarität. Konnte sich die Reitschule zunächst auf Kollektenbasis “freiwillig” finanzieren, wurden gegen Ende der 80er-Jahre aufgrund mangelnder Bereitschaft Kollekte zu bezahlen, schliesslich Eintrittspreise eingeführt, welche sich im Laufe der Zeit und ebenjener Normalisierung erhöhten.

 

Nebst den enstandenen Abgaben und weiteren Fixkosten wie zunehmende Band-Gagen, Instandhaltung der Infrastruktur, war und ist vor allem die interne Umverteilung wichtiger Verwendungszweck der Reitschul-Finanzen. Während die Gastrobetriebe Sous Le Pont und Rössli Geld an den Reitschule-Fonds abgeben können und das Konzertlokal Dachstock etwa selbsttragend ist, sind Arbeitsgruppen wie die Zeitung “Megafon” und der Infoladen auf Unterstützung angewiesen.

 

Von der Freiwilligkeit zum “Kommerz-Zwang”

Mit vermehrten Ausgaben und mangelnder Solidarität kam eine Art “Zwang zum Kommerz”, der sich mit der steigenden Popularität der Reitschule noch verschärfte. Zu sehr auf Konsum, zu sehr nach dem Schema “ich zahle, also bekomm’ ich” ausgerichtet, dürfte die Mentalität der unzähligen Reitschul-Besucherinnen und -Besucher sein, als dass ein klar antikommerzielles, auf Freiwilligkeit basierendes System noch funktionieren könnte. Oder in den Worten des langjährigen Reitschülers Tom Locher: “Ich, ich, ich und der Rest ist scheissegal. Ausgrenzung, keine Solidarität. Ein egozentrisches Gewinnerzielungsinteresse. Halt nicht unbedingt im finanziellen Sinne, sondern geistig, das eigene Selbstverständnis betreffend. Das ist wohl das grösste Problem in der Reitschule und für ihre Zukunft.»

Category Archives: Reitschule

Die nicht zurückhaltende Spezies Frau

Jua* drängt sich im Backstagebereich des Frauenraums auf ein Sofa. Die vier Frauen sind nicht nur eine Band, sondern auch gute Freundinnen, das spürt man. Bassistin Anuschka schätzt den persönlichen Austausch, die Freundschaft untereinander: “Die erste halbe Stunde im Bandraum verbringen wir mit persönlichen Gesprächen, wie es uns geht, in unseren Beziehungen, im Beruf…” Konflikte sprechen sie immer an, das sei wichtig. Mit einem Lächeln zu Songwriterin Chrige meint Anja: “Vielleicht wartet man manchmal einen Moment zu lange, aber ansprechen tun wir’s immer.”

Diese Harmonie zieht sich bis auf die Bühne. Jua* singt oft mehrstimmig. Mit Cajón, Bassgitarre, akustischer Gitarre und starken Stimmen entsteht ein feinfühliger Mix aus Country, Folk und Blues. Dies passt wunderbar in den Frauenraum, der immer wieder als der gemütlichste aller Räume der Reitschule bezeichnet wird.

Der Frauenraum will aber nicht nur gemütlich sein. Die Frauen-Jamsession “play yourself”, initiiert von der Cajón-Spielerin Anja, soll Frauen in ihrem musikalischen Schaffen bestärken. Leider hielten sich talentierte Frauen oft zurück im Musikbusiness, wagen sich kaum auf die Bühne. Oder wie es Chrige ehrlich ausdrückt: “Wenn ein toller Musiker mit Gitarre (macht Luftgitarren-Bewegungen) kommt und eine riesen Show macht, trauen sich danach viele nicht mehr auf die Bühne”. Im geschützten Rahmen fänden Frauen eher den Mut, ihr Können zu zeigen. Zweifel und Zurückhaltung, so Anja, seien wohl Gründe für die wenigen Frauen in der Bandszene. Warum es Jua* trotzdem gibt? “Wir sind eben nicht so! Wir nicht! Wir sind eben die Spezies, die nicht zurückhaltend ist, die gibt’s auch!“, sind sich unter Gelächter alle einig.

Im Frauenraum sind die vier auch privat regelmässig zu Gast. “Wenn ich in den Ausgang gehe, dann komme ich fast nur hierher.”, so Anuschka. Auch Anja hat eine jahrelange Verbindung zum Frauenraum. Neben den Jamsessions hat sie auch sonst im Kollektiv mitgewirkt. Mit 20 war sie zum ersten Mal hier, da habe sich eine Welt aufgetan für sie: “Ich kam aus dem Wallis, einer anderen Welt. Dort kannte man keine linke Szene.”

Zurück auf die Bühne: Jua* verzichtet auf viel Bewegung. Lieber konzentrieren sie sich auf ihr Zusammenspiel. Die vier Frauen bilden eine Einheit, schauen einander an, schliessen die Augen. Sie scheinen ihre Musik zu geniessen.

“Wenn ich die Leute aber dann so stehen sehe, (verschränkt die Arme) dann habe ich das Gefühl: „oh shit“ irgendwas ist wohl nicht in Ordnung”, so Chrige. Sie lasse sich leicht verunsichern, auch heute noch, nach einigen Jahren Bühnenerfahrung.

“Heute war gut” sagt Chrige und meint damit aber ihr schlimmes Lampenfieber. Auch Sängerin Nadja wird davon geplagt, lacht aber und sagt augenzwinkernd: “Wir haben Tabletten…Baldrian etwa” Dass die beiden manchmal auch während den Konzerten noch aufgeregt sind, konnten sie vor dem Publikum aber gut verstecken. Ob bei folkigen Tanzstücken oder feinen Balladen, die Musikerinnen wirkten souverän und selbstbewusst.

Das Publikum, egal welchen Geschlechts, lauschte mit Freude den melodischen Klängen, wippte oder tanzte mit den Beats des Cajón, und bedankte sich mit einem langen Applaus, wofür Jua* gleich noch eine Zugabe schenkte.

“Ich bin die Summe aller Teile”

Tink.ch: Wer bist du, Pablo?

Pablo Nouvelle: Oh, das kann ich dir nicht in zwei Sätzen erklären.

Tue es in drei.

(lacht, überlegt.)

Ich bin die Summe aller Teile.

Wie äussert sich das?

Beispielsweise bin ich zwar mit Hip-Hop aufgewachsen und habe in meiner Musik auch deutlich Soul-Komponenten enthalten, doch mach ich keinen Hip-Hop. Das, was das Publikum heute gehört hat, war kein Hip-Hop, oder?

Nein. Was ich heute gehört habe war das Wort: real. Zwei Jungs sind während des Konzerts stehen geblieben und einer meinte verblüfft: “Der ist einfach REAL!” Was sagst du dazu?

Real? Nein, wenn schon bin ich “ächt”. Real ist zu gangsterhaft. (Als er das ausspricht, hält er sich die geballte Hand vor den Mund, als wollte er beatboxen.)

Warum hat es ausgerechnet die Summe deiner Teile soweit geschafft?

Meine Vision der Arbeit entspricht eben dem Zeitgeist. Das hat viel mit Glück, Timing und einer Menge Arbeit zu tun. Ich würde jetzt aber nicht sagen, dass ich ein Star bin.

Wie erlebst du die Auftritte in England im Gegensatz zu denen in der Schweiz?

In der Schweiz bist du als Künstler auf weichen Kissen gebettet. Dagegen ist England ganz anders.

Inwiefern?

England ist roh. Da kriegst du als Künstler nie die Gage der Schweiz, von einer Hotelübernachtung ganz zu schweigen. Sich in England als Künstler durchzuschlagen, ist nicht leicht.

Zwischen den Liedern hast du gesagt: “Reithalle, schön gibt es euch! Ich glaube, dass ihr nie abgeschafft werdet. Mit keiner SVP-Kampagne.” Siehst du dich als Künstler verpflichtet, auch politische Statements unter die Leute zu bringen?

Meine Musik war lange Zeit unpolitisch. Doch meine Filme sind die Kehrseite meiner Musik. (Pablo hat an der Universität Luzern Animation studiert. Sein Abschlussfilm “Bon voyage” (2012) spricht die Flüchtlingsthematik an und gewann nationale sowie internationale Preise.) Darin spreche ich soziale Themen an, die nicht unbedingt politisch sein müssen. Auch gehöre ich keiner Partei an. Was mich beschäftigt, spreche ich aber an.

Findest du, dass die Politik einen Platz in der Kunst hat?

Sie soll einen Platz haben dürfen, aber es soll kein Muss für Künstler sein, über Politik zu sprechen.

In meinem privaten Umfeld spüre ich durchaus das politische Engagement, doch in der Kunst noch nicht so.

Du hast Animation, also Film, studiert und machst gleichzeitig Musik. Was kann das eine, was das andere nicht kann?

Ich sag es mal so: Musik gleich Herz, Film gleich Kopf.

Diese Frage wird von Künstlern im Allgemeinen sehr ungern beantwortet. Aber: Was machst du eigentlich für Musik?

(lacht) Warmen und emotionalen Soul. Drops, aber kein EDM (Electronic Dance Music). EDM wäre eine Beleidigung. Auf jeden Fall Elektro, aber auch mit Folk und Rockeinflüssen. Die Summe aller Teile eben.

Weitere Informationen

www.pablonouvelle.com

Das nächste Konzert findet diesen Freitag, den 30. Oktober, im Werkk Kulturlokal in Baden statt.

“Ich bin die Summe aller Teile”

Tink.ch: Wer bist du, Pablo?

Pablo Nouvelle: Oh, das kann ich dir nicht in zwei Sätzen erklären.

 

Tue es in drei.

(lacht, überlegt.)

Ich bin die Summe aller Teile.

 

Wie äussert sich das?

Beispielsweise bin ich zwar mit Hip-Hop aufgewachsen und habe in meiner Musik auch deutlich Soul-Komponenten enthalten, doch mach ich keinen Hip-Hop. Das, was das Publikum heute gehört hat, war kein Hip-Hop, oder?

 

Nein. Was ich heute gehört habe war das Wort: real. Zwei Jungs sind während des Konzerts stehen geblieben und einer meinte verblüfft: “Der ist einfach REAL!” Was sagst du dazu?

Real? Nein, wenn schon bin ich “ächt”. Real ist zu gangsterhaft. (Als er das ausspricht, hält er sich die geballte Hand vor den Mund, als wollte er beatboxen.)

 

Warum hat es ausgerechnet die Summe deiner Teile soweit geschafft?

Meine Vision der Arbeit entspricht eben dem Zeitgeist. Das hat viel mit Glück, Timing und einer Menge Arbeit zu tun. Ich würde jetzt aber nicht sagen, dass ich ein Star bin.

 

Wie erlebst du die Auftritte in England im Gegensatz zu denen in der Schweiz?

In der Schweiz bist du als Künstler auf weichen Kissen gebettet. Dagegen ist England ganz anders.

 

Inwiefern?

England ist roh. Da kriegst du als Künstler nie die Gage der Schweiz, von einer Hotelübernachtung ganz zu schweigen. Sich in England als Künstler durchzuschlagen, ist nicht leicht.

 

Zwischen den Liedern hast du gesagt: “Reithalle, schön gibt es euch! Ich glaube, dass ihr nie abgeschafft werdet. Mit keiner SVP-Kampagne.” Siehst du dich als Künstler verpflichtet, auch politische Statements unter die Leute zu bringen?

Meine Musik war lange Zeit unpolitisch. Doch meine Filme sind die Kehrseite meiner Musik. (Pablo hat an der Universität Luzern Animation studiert. Sein Abschlussfilm “Bon voyage” (2012) spricht die Flüchtlingsthematik an und gewann nationale sowie internationale Preise.) Darin spreche ich soziale Themen an, die nicht unbedingt politisch sein müssen. Auch gehöre ich keiner Partei an. Was mich beschäftigt, spreche ich aber an.

 

Findest du, dass die Politik einen Platz in der Kunst hat?

Sie soll einen Platz haben dürfen, aber es soll kein Muss für Künstler sein, über Politik zu sprechen.

In meinem privaten Umfeld spüre ich durchaus das politische Engagement, doch in der Kunst noch nicht so.

 

Du hast Animation, also Film, studiert und machst gleichzeitig Musik. Was kann das eine, was das andere nicht kann?

Ich sag es mal so: Musik gleich Herz, Film gleich Kopf.

 

Diese Frage wird von Künstlern im Allgemeinen sehr ungern beantwortet. Aber: Was machst du eigentlich für Musik?

(lacht) Warmen und emotionalen Soul. Drops, aber kein EDM (Electronic Dance Music). EDM wäre eine Beleidigung. Auf jeden Fall Elektro, aber auch mit Folk und Rockeinflüssen. Die Summe aller Teile eben.

 

 

Weitere Informationen


 

www.pablonouvelle.com

Das nächste Konzert findet diesen Freitag, den 30. Oktober, im Werkk Kulturlokal in Baden statt.

“Chillen mit Marx”

Um sieben Uhr abends ist noch nicht viel los auf dem Vorplatz der Reitschule. Das wird sich bald ändern. Der Freitagabend ist noch jung und das Reitschulfest lockt. Zu den treuen Reitschulgängern werden heute viele weitere Besuchende erwartet.

Seit 25 Jahren wird die Reitschule immer wieder in Frage gestellt. Die neuste Unterschriftensammlung hat gerade erst begonnen. Falls die kantonale Volksinitiative zu Stande kommt, wird es die sechste Prüfung an der Urne seit 1990. Noch älter als die Geschichte der Urnenabstimmungen ist gemäss den Veranstaltern das Reitschulefest. Zum 28. Mal lockt das Fest am Wochenende mit Musik, Theater und Kino.

Arbeitsgruppen

Als Auftakt des Reitschulefests führen zwei Reitschüler neugierige Besuchende durch die in den frühen Abendstunden noch leeren Räume des Kulturzentrums. Mit einem Bier in der Hand erklärt der eine – mit Namen wollen beide nicht genannt werden – die für Aussenstehende manchmal komplizierten Strukturen der Reitschule. Ein Reitschüler, eine Reitschülerin zu sein, bedeutet in der Szene, in einer der vielen AGs mitzuwirken. In der antikapitalistischen Reitschulwelt steht diese Abkürzung für Arbeitsgruppe. Diese organisieren den Betrieb ihres jeweiligen Raumes.

In der kleinen und engen Druckerei etwa werden Flyer, das Hausmagazin megafon, aber auch externe Aufträge auf Papier gebracht. Vis à vis befindet sich das Kino, wo Stallboden und Heuraufe an die Ursprünge der Reitschule erinnern und für ein besonderes Flair sorgen. Heute werden hier die beiden Reitschul-Streifen von Andreas Berger gezeigt.

Im normalen Betrieb wird im Kino lediglich um eine Kollekte gebeten. Manchmal seien die Beträge ziemlich frustrierend, sagt ein Kino-Mitglied. Weshalb der geliebte, aber teure 35mm-Film leider oft den DVDs weichen müsse.

Heterogene Reitschule

Die AGs sind, abgesehen von den Verpflichtungen durch Statuten und Manifest, autonom. Das heisst, sie können beispielsweise selbst bestimmen, ob und wie sie ihre Mitgliederentlöhnen. Mehrere Reitschüler bestätigen, dass dies innerhalb der Reitschule immer wieder zu Spannungen führe. Auch in der Reitschule finde man eben ein weites, diverses Meinungsbild, so ein Mitglied des Tojo-Theater.

Im zweiten Stock, über dem Kino, befindet sich der Frauenraum. An der Wand sind in grossen Lettern die Schlagworte des Manifests aufgemalt. Kein Sexismus. Keine Homophobie. Der wohl gemütlichste aller Reitschulräume ist aber trotz seiner Bezeichnung meist für alle Geschlechter offen. Einzig die ehrenamtlich arbeitenden “Kollektivas” sind alles Frauen, und die auftretenden Musikbands müssen mindestens zur Hälfte weibliche Mitglieder haben.

Konsenszwang

Im Raum daneben, im Körperdojo, werden verschiedene Kurse angeboten. So unterschiedlich die Sichtweisen in der Reitschule sind, so ist hier auch das Bewegungsangebot: Es reicht von Yoga über Poledance bis “Grr”, dem Kampfsporttraining. Ausserhalb des Dojos versucht man laut Manifest aber, Konflikte gewaltfrei zu lösen.

Konsens statt Konflikte gilt auch an den Versammlungen der Reitschüler. Alle Entscheide werden basisdemokratisch entschieden. Ein einziger Skeptiker kann also einen Beschluss verhindern. Dies sei anstrengend, sagt eine Mitarbeiterin des Dachstocks. Es habe sich wohl schon jeder einmal aufgeregt über stundenlange Sitzungen ohne handfestes Resultat. Die Basisdemokratie zwinge die Reitschüler aber, einander zuzuhören und vielfältige Sichtweisen anzuerkennen.

Rotes Theater

Das Tojo Theater ist eine der wenigen Gruppen, die sich Löhne ausbezahlen. Am Reitschulefest läuft hier “Chillen mit Marx”. An die Wände wird in rotem Licht ein Foto von Marx projeziert. Dazu passend gibt’s rote Getränke an der Bar und die AG-Mitglieder lesen hinter langen Bärten Zitate aus Marx’ Werken. Eine eigene Theatergruppe hat das Tojo Theater allerdings nicht mehr. Theatergruppen, auch internationale, können das Tojo mieten, als Gage dienen die Einnahmen aus den Billet- und Barverkäufen. Ohne Subventionen der Stadt würde das Theater allerdings nicht überleben.

Im Gegensatz zum Tojo hat der Dachstock durch regelmässig grössere Anlässe höhere Einnahmen. Diese indes kommen durch die interne Quersubventionierung allen AGs und somit der gesamten Reitschule zu Gute. Genau hier lauern Fragen, die schon zu so manchen kontroversen Diskussionen in der Reitschule geführt haben: Wie viel ökonomisches Handeln erträgt die Reitschule? Vertragen sich die Preise mit der Reitschulkultur? Oder werden finanziell Schwächere mit hohen Eintrittspreisen ausgeschlossen – wo die Reitschule offen für alle sein will.

Unter dem Dachstock liegen das Restaurant Sous le Pont und die Rössli-Bar. Die Endstation unserer Tour bot in den Anfängen der Reitschule häufig Zuflucht für die Drogenszene auf dem Vorplatz. Als Gegenmassnahme liessen die Behörden den Raum des heutigen Rössli mit Beton, Sand und Kies füllen. Die Vorplatzbewohner verschwanden, das Drogenproblem blieb und bleibt bis heute. Diesen Frühling lancierte die Interessengemeinschaft Kulturraum Reitschule (Ikur) deshalb die Kampagne “No Deal Area”. Ist sie erfolgreich, so wäre ein erster Schritt für die nächste Urnenprüfung getan.

“Ich fühle mich so gut wie überall wohl”

Es ist ein kalter, nebliger Morgen. Wir folgen Berivan ins Gebäude. Ihr schwarzes Haar wippt leicht hin und her. Zügig läuft sie durch die Gänge, vorbei an Wäscheleinen, spielenden Kindern, leise diskutierenden Erwachsenen. Dabei erzählt uns die Syrierin ihre Geschichte. Wie es dazu kam, dass sie und ihr Ehemann in dieser alten, überfüllten bulgarischen Schule ihre Flitterwochen verbringen.

 

Diese Szene filmte die Dokumentarfilmerin Eileen Hofer schon im Frühjahr 2013. Sie lernte Berivan in einem Flüchtlingsheim kennen, als sie aus eigener Initiative nach Bulgarien reiste, um den Flüchtlingen lebensnotwendige Spenden zu bringen. In nur einer Stunde entstand so ihr Kurzfilm “My Honeymoon” – meine Flitterwochen.

 

Wie in vielen ihrer Filme gibt die Protagonistin viel von sich preis. Auch wenn das Gesicht von Berivan nur am Schluss ganz kurz gezeigt wird, taucht man für knappe vier Minuten in ihr Leben, ihre Ängste und Hoffnungen ein.

Eileen Hofer hatte die Syrierin nur eine Stunde zuvor getroffen, und trotzdem entstand ein sehr persönliches Porträt. Dass dies möglich war, erklärt Hofer mit ihren eigenen Wurzeln im Mittleren Osten: “Das verbindet, auch wenn ich nicht Arabisch spreche.”

 

Gefilmt hat die Genferin schon an vielen unterschiedlichen Orten: Neben Bulgarien etwa auch in Afghanistan, Aserbaidschan und auf Kuba. Dank ihrem familiären Hintergrund, aber auch durch zahlreiche, teils längere Reisen hat Hofer die Welt und ihre verschiedenen Kulturen und Bürger kennengelernt. Dies erleichtere ihre Arbeit. Sie fühle sich fast überall schnell wohl, und auch ihre Protagonisten fassten rasch Vertrauen zu ihr. In Aserbaidschan wurde sie gar noch während den Dreharbeiten zu einer Hochzeit eingeladen.

 

Berivans Traum, nach Deutschland zu können, ist inzwischen wahr geworden. Wie es ihr heute geht, weiss Hofer allerdings nicht. Sie macht sich aber keine Sorgen: “Berivan ist eine starke Frau, spricht Englisch und hatte Zugang zu universitärer Bildung.”

 

Die Themen Immigration, Heimat und Identitätsfindung sind ein ständiger Begleiter in Hofers Filmen. So ist “My Honeymoon” auch ein wichtiger Beitrag in der aktuellen Asyldebatte. In einem Interview von Arte meint Hofer, dass die Menschen trotz unterschiedlicher Kulturen, Hintergründe und Wurzeln alle irgendwie gleich seien. “Das ist der Kern meiner Filme, diese Türen zu öffnen. Wir essen, wir mögen es zu lachen, wir mögen es, zu lieben.”

 

Mehr zum Thema


Bereits zum 13. Mal findet in Bern und der ganzen Welt das Kurzfilmfestival shnit statt. Ursprünglich ein Kurzfilmabend in der Reitschule, ist das shnit heute ein bedeutendes internationales Kurzfilmfestival, welches unter anderem auch in Kyoto und Buenos Aires stattfindet. Vom 7. bis 11. Oktober werden in Bern an 13 Spielstätten Kurzfilme gezeigt. Sowohl jede erdenkliche Kulisse – Kirche, Bahnhof bis Cincebad- wie auch jeder mögliche Filmvorliebe– Zeichentrick, Doku bis Komödie – wird dabei bedient.

Kann man den Summer Beach doch mögen?

Alle Jahre im Mai öffnet das Marzili seine Tore, bringen die Beizen ihre Tische nach draussen, stellen die Gelaterias ihre neuen Kreationen für den Sommer vor. Seit ein paar Jahren schon gesellt sich eine neue Attraktion dazu: der eingezäunte Sandkasten auf der Grossen Schanze, der “Summer Beach”.

 

Und immer am Anfang des Sommers nerve ich mich wieder aufs Neue. Pünktlich wenn ich, die Füsse im kühlen Lebensbrunnen (ja, er heisst wirklich so!), die wärmeren Temperaturen nun endlich so richtig geniessen könnte, kommen sie angefahren. Mit ihren Gittern. Dem Quarzsand. Den Rattan Lounches. Den tosenden Generatoren. Vergangenen Samstag nahm die Dauerveranstaltung ein Ende, wurde der öffentliche Platz wieder der Öffentlichkeit übergeben. Bevor sich der Quarzsand verabschiedete, musste ich mich jedoch einem Selbstversuch unterziehen.

 

Erste Runde

Nun gut, der Sandkasten ist da, und ein paar aufgebrachte Bernerinnen und Berner werden dieses Unding nicht vertreiben können. Meine späte Beichte: Vor diesem Selbstversuch war ich noch nie drin. Ich komme mir ein wenig vor wie all die Reitschul-Gegner, die einmal mit dem Zug die Reitschule passieren, die Graffitis sehen und dann zu Hause Erich Hess applaudieren.

 

Deshalb habe ich einen Selbstversuch unternommen, den Summer Beach doch zu mögen. Oder ihn mir wenigstens schön zu trinken. Denn mit den Übeln des Lebens lebt es sich leichter, wenn man sie zumindest akzeptieren kann.

 

Die erste Runde (eher teures) Bier ist bestellt. Die weissen Kunstledermatratzen erinnern mich an etwas zwischen Arztliegen und meiner Vorstellung von Matratzen in einem Stundenhotel. So entscheide ich mich nach einem kurzen Probeliegen doch für den kleinen Liegestuhl.

 

Die Inhaber geben an, mit dem Summer Beach die Grosse Schanze zu beleben. Was wollen sie denn beleben? Bis Ende April war die ganze Schanze belebt, und ab Ende August wird sie es auch wieder sein: Familien am Spielen, Arbeitnehmer am Mittagessen, Punks am Tanzen. Ein strahlendes Kunterbunt aus allen Ecken Berns.

 

Zweite Runde

Warum ich mit dem Summer Beach nicht so wirklich warm werde? Den ganzen Sommer über blockiert er den Platz um den Brunnen, obwohl er dann doch nur ab vier Uhr und nur bei schönem Wetter geöffnet ist. Er verdrängt das strahlende Kunterbunt. Und ausserdem ist er, ganz klar, einfach hässlich, zumindest von aussen gesehen.

 

Herrje, es könnte so schön sein, so gemütlich. Aber nein, jedes Fleckchen der Stadt Bern wird in der Sommerzeit bis zum letzten Millimeter von kommerziellen Veranstaltern genutzt.

 

Nun – mittlerweile nippe ich am zweiten Bier – wechsle ich auf ein “fatboy” Sitzkissen. Dies fühlt sich leider weniger gemütlich an, als es aussieht. Dafür habe ich einen optimalen Ausblick auf den schönen Abendhimmel beim Eindunkeln. Den kann ich allerdings auch sonst wo haben. Überhaupt frage ich mich, warum gerade dieser Platz für den Summer Beach herhalten muss. Einmal drin, hat man sowieso nur noch Aussicht auf die Bastzäune.

 

Dritte Runde

Die ewige Kommerzialisierung macht weder vor der Stadt, noch vor der Grossen Schanze halt. Der Summer Beach ist zwar von innen durchaus gemütlicher, als man von aussen erahnen könnte. Als sommerüberdauernde Attraktion auf einem so prominenten Platz würde ich mir allerdings ein etwas anderes, offeneres, weniger auf Kommerz ausgerichtetes Angebot wünschen.

 

Beim dritten Bier angelangt, werde ich aufgefordert, den Sandkasten wegen aufziehenden Regens zu verlassen. Wirklich traurig bin ich nicht über das frühzeitige Ende meines Selbstversuchs. Auch bei den anderen Besuchern kommt nicht so richtig Stimmung auf. Ich beobachte fünf Leute zusammen auf einem Bett – pardon, Baldachin – alle sind aber nur mit ihren Smartphones beschäftigt. Ob vielleicht die weissen Kunstledermatrazen die Stimmung bremsen?

 

Fazit

Gut finde ich, dass ich mal im Sandkasten drin war. Besser finde ich, dass ich wieder draussen bin. Auf dem Rasen der Grossen Schanze fühle ich mich wesentlich wohler. Doch da selbst dort während einem Monat die Leinwand des Salzkinos dafür sorgt, dass beinahe kein Platz mehr fürs Verweilen auf der grossen Wiese bleibt, wird dieser Genuss auch nur kurz währen. Aber man soll ja sowieso den Moment geniessen. Eben nur nicht dann, wenn einem grosse Veranstalter diesen streitig machen.

“Der Vorplatz ist der beste Kompromiss”

“Vorplatz”: Das Wort nimmt Bezug auf etwas, das nach ihm steht. Sie sind zwar oft rege frequentiert, aber nur selten belebt. Aus diesem Grund verdient der Reitschulvorplatz eigentlich einen anderen Namen.

 

Die Berner Reitschule lebt von der Vielfältigkeit ihrer Glieder. Tojo, Dachstock, Sous le pont oder Rössli sind nicht wegzudenken, ebensowenig der Vorplatz. Er hat sein eigenes Publikum und ist in diesem Sinne auch kein Anhängsel sondern ein gleichwertiger Teil der Reitschule.

 

Freiluftdisco ohne Ohrenschmerzen

In der Nacht verwandelt er sich regelmässig zur der meistbesuchten Freiluftdisco in Bern. Eine Musikanlage beschallt den Betonplatz dann mit 90dB unverwechselbarem Revoluzzer-Punkrock. Der Schalldruck verflüchtigt sich aufgrund der fehlenden Überdachung rasch in der Nacht, sodass die Atmosphäre zwar durch die Musik geprägt, anders als in einer Disco aber nicht von ihr dominiert ist.

 

Man muss sich deshalb keineswegs die Ohren mit daumengrossen Schaumstoffdübeln verschliessen, um einen Gehörschaden vorzubeugen, im Gegenteil: Gerede und Musik bilden eine unverwechselbare Geräuschkulisse, die sowohl fürs Tanzen, als auch für Gespräche einen angenehmen Hintergrund bietet.

 

Kein bestimmtes Prädikat

Folglich gibt es Tanzende, die reden, und Redende, die tanzen – inklusive sämtlicher Zwischenstufen. Der Vorplatz ist ein Kompromiss, aber gleichwohl das Beste, was aus dem kargen Betonplatz zu machen ist. Ihm ein bestimmtes Prädikat anheften zu wollen, wäre falsch.

 

Die Popularität des Vorplatzes rührt gerade daher, dass er eben nicht komplett in ein Schema einzuordnen ist. Weder macht ihn die Piratenbar kommerziell – man kann ja sein Bier auch selber mitbringen – noch räumt ihm der Pingpong-Tisch den Status als Sportplatz ein. Der Vorplatz ist ein alternativloses Unikat.

 

Dieser Artikel erschien zuerst auf www.journal-b.ch. Journal B ist ein unabhängiges Online-Medium für die Stadt Bern, das mehrmals wöchentlich Artikel in den Bereichen Politik, Alltag und Kultur publiziert.

Zwischen Solidarität und Selbstsucht

“Das Verhältnis zum Geld blieb in der Reithalle-Gegenkultur widersprüchlich und uneinheitlich. Wurden die Waren und Dienstleistungen zuerst überhaupt gratis oder zum Selbstkostenpreis angeboten, behalf man sich danach beim Eintritt zu Veranstaltungen jahrelang schamhaft mit Kollekten”, heisst es im Buch “Reithalle Bern – Autonomie und Kultur im Zentrum”, das zum 10-jährigen Jubiläum 1998 des Kulturzentrums erschienenen ist.

 

Verkommerzialisiert(e) die Reitschule?

Besucht man heute, über 25 Jahre nach der erneuten Besetzung des Gebäudekomplexes die  Reitschule, ist von Selbstkostenpreis, Kollekte und Schamgefühl nicht mehr viel zu erkennen. Mit Ausnahme des Kinos und der ab und zu stattfindenden Soli- oder Gratis-Konzerte hat heute praktisch alles seinen fast marktüblichen Preis. Die Flasche Maisgold à  33cl kostet 5 Franken, der Dachstock-Eintritt je nach Auftritt um die 25 Franken, gelegentlich auch mal mehr.

 

Die antikommerzialistische Preispolitik der Reitschule liegt schon ein Weilchen zurück. So endet bereits der eingangs zitierte Abschnitt mit dem Satz: “Die meisten AG (Arbeitsgruppen, Anm. d. Red.) verkaufen ihre Dienstleistungen allerdings heute zu festgesetzten Preisen.”

Zugegeben, vergleicht man die Preise mit den Umliegenden Kulturlokalen, dürfen sich die Besucherinnen und Besucher der Reitschule nicht beklagen. Und doch drängt sich bei einer Auseinandersetzung mit der ökonomischen Geschichte der Reitschule die Frage auf: Verkommerzialisiert(e) die Reitschule?

 

Von der Soli-Kollekte zum Eintrittspreis

Zur Beantwortung dieser Frage sind zwei Entwicklungen in der Geschichte der Reitschule von zentraler Bedeutung. Einerseits fand eine Art “Normalisierungsprozess” statt. Die nach und nach und unter heftigen Diskussionen eingeführten Löhne wurden legalisiert, Gastgewerbebewilligung und Billetsteuer eingeführt und aus Gebrauchsleihverträgen mit der Satdt wurde der heutige Leistungsvertrag. Diese Veränderungen brachten finanzielle Auswirkungen mit sich: Abgaben an den Staat wie Steuern und AHV-Beiträge sowie die Vermehrung bezahlter Arbeit erhöhten die anfallenden Fixkosten für das Kulturzentrum.

 

Die zweite, für die Preispolitik der Reitschule wegweisende Entwicklung war der zunehmende Mangel an Solidarität. Konnte sich die Reitschule zunächst auf Kollektenbasis “freiwillig” finanzieren, wurden gegen Ende der 80er-Jahre aufgrund mangelnder Bereitschaft Kollekte zu bezahlen, schliesslich Eintrittspreise eingeführt, welche sich im Laufe der Zeit und ebenjener Normalisierung erhöhten.

 

Nebst den enstandenen Abgaben und weiteren Fixkosten wie zunehmende Band-Gagen, Instandhaltung der Infrastruktur, war und ist vor allem die interne Umverteilung wichtiger Verwendungszweck der Reitschul-Finanzen. Während die Gastrobetriebe Sous Le Pont und Rössli Geld an den Reitschule-Fonds abgeben können und das Konzertlokal Dachstock etwa selbsttragend ist, sind Arbeitsgruppen wie die Zeitung “Megafon” und der Infoladen auf Unterstützung angewiesen.

 

Von der Freiwilligkeit zum “Kommerz-Zwang”

Mit vermehrten Ausgaben und mangelnder Solidarität kam eine Art “Zwang zum Kommerz”, der sich mit der steigenden Popularität der Reitschule noch verschärfte. Zu sehr auf Konsum, zu sehr nach dem Schema “ich zahle, also bekomm’ ich” ausgerichtet, dürfte die Mentalität der unzähligen Reitschul-Besucherinnen und -Besucher sein, als dass ein klar antikommerzielles, auf Freiwilligkeit basierendes System noch funktionieren könnte. Oder in den Worten des langjährigen Reitschülers Tom Locher: “Ich, ich, ich und der Rest ist scheissegal. Ausgrenzung, keine Solidarität. Ein egozentrisches Gewinnerzielungsinteresse. Halt nicht unbedingt im finanziellen Sinne, sondern geistig, das eigene Selbstverständnis betreffend. Das ist wohl das grösste Problem in der Reitschule und für ihre Zukunft.»

Category Archives: Reitschule

Die nicht zurückhaltende Spezies Frau

Jua* drängt sich im Backstagebereich des Frauenraums auf ein Sofa. Die vier Frauen sind nicht nur eine Band, sondern auch gute Freundinnen, das spürt man. Bassistin Anuschka schätzt den persönlichen Austausch, die Freundschaft untereinander: “Die erste halbe Stunde im Bandraum verbringen wir mit persönlichen Gesprächen, wie es uns geht, in unseren Beziehungen, im Beruf…” Konflikte sprechen sie immer an, das sei wichtig. Mit einem Lächeln zu Songwriterin Chrige meint Anja: “Vielleicht wartet man manchmal einen Moment zu lange, aber ansprechen tun wir’s immer.”

Diese Harmonie zieht sich bis auf die Bühne. Jua* singt oft mehrstimmig. Mit Cajón, Bassgitarre, akustischer Gitarre und starken Stimmen entsteht ein feinfühliger Mix aus Country, Folk und Blues. Dies passt wunderbar in den Frauenraum, der immer wieder als der gemütlichste aller Räume der Reitschule bezeichnet wird.

Der Frauenraum will aber nicht nur gemütlich sein. Die Frauen-Jamsession “play yourself”, initiiert von der Cajón-Spielerin Anja, soll Frauen in ihrem musikalischen Schaffen bestärken. Leider hielten sich talentierte Frauen oft zurück im Musikbusiness, wagen sich kaum auf die Bühne. Oder wie es Chrige ehrlich ausdrückt: “Wenn ein toller Musiker mit Gitarre (macht Luftgitarren-Bewegungen) kommt und eine riesen Show macht, trauen sich danach viele nicht mehr auf die Bühne”. Im geschützten Rahmen fänden Frauen eher den Mut, ihr Können zu zeigen. Zweifel und Zurückhaltung, so Anja, seien wohl Gründe für die wenigen Frauen in der Bandszene. Warum es Jua* trotzdem gibt? “Wir sind eben nicht so! Wir nicht! Wir sind eben die Spezies, die nicht zurückhaltend ist, die gibt’s auch!“, sind sich unter Gelächter alle einig.

Im Frauenraum sind die vier auch privat regelmässig zu Gast. “Wenn ich in den Ausgang gehe, dann komme ich fast nur hierher.”, so Anuschka. Auch Anja hat eine jahrelange Verbindung zum Frauenraum. Neben den Jamsessions hat sie auch sonst im Kollektiv mitgewirkt. Mit 20 war sie zum ersten Mal hier, da habe sich eine Welt aufgetan für sie: “Ich kam aus dem Wallis, einer anderen Welt. Dort kannte man keine linke Szene.”

Zurück auf die Bühne: Jua* verzichtet auf viel Bewegung. Lieber konzentrieren sie sich auf ihr Zusammenspiel. Die vier Frauen bilden eine Einheit, schauen einander an, schliessen die Augen. Sie scheinen ihre Musik zu geniessen.

“Wenn ich die Leute aber dann so stehen sehe, (verschränkt die Arme) dann habe ich das Gefühl: „oh shit“ irgendwas ist wohl nicht in Ordnung”, so Chrige. Sie lasse sich leicht verunsichern, auch heute noch, nach einigen Jahren Bühnenerfahrung.

“Heute war gut” sagt Chrige und meint damit aber ihr schlimmes Lampenfieber. Auch Sängerin Nadja wird davon geplagt, lacht aber und sagt augenzwinkernd: “Wir haben Tabletten…Baldrian etwa” Dass die beiden manchmal auch während den Konzerten noch aufgeregt sind, konnten sie vor dem Publikum aber gut verstecken. Ob bei folkigen Tanzstücken oder feinen Balladen, die Musikerinnen wirkten souverän und selbstbewusst.

Das Publikum, egal welchen Geschlechts, lauschte mit Freude den melodischen Klängen, wippte oder tanzte mit den Beats des Cajón, und bedankte sich mit einem langen Applaus, wofür Jua* gleich noch eine Zugabe schenkte.

“Ich bin die Summe aller Teile”

Tink.ch: Wer bist du, Pablo?

Pablo Nouvelle: Oh, das kann ich dir nicht in zwei Sätzen erklären.

Tue es in drei.

(lacht, überlegt.)

Ich bin die Summe aller Teile.

Wie äussert sich das?

Beispielsweise bin ich zwar mit Hip-Hop aufgewachsen und habe in meiner Musik auch deutlich Soul-Komponenten enthalten, doch mach ich keinen Hip-Hop. Das, was das Publikum heute gehört hat, war kein Hip-Hop, oder?

Nein. Was ich heute gehört habe war das Wort: real. Zwei Jungs sind während des Konzerts stehen geblieben und einer meinte verblüfft: “Der ist einfach REAL!” Was sagst du dazu?

Real? Nein, wenn schon bin ich “ächt”. Real ist zu gangsterhaft. (Als er das ausspricht, hält er sich die geballte Hand vor den Mund, als wollte er beatboxen.)

Warum hat es ausgerechnet die Summe deiner Teile soweit geschafft?

Meine Vision der Arbeit entspricht eben dem Zeitgeist. Das hat viel mit Glück, Timing und einer Menge Arbeit zu tun. Ich würde jetzt aber nicht sagen, dass ich ein Star bin.

Wie erlebst du die Auftritte in England im Gegensatz zu denen in der Schweiz?

In der Schweiz bist du als Künstler auf weichen Kissen gebettet. Dagegen ist England ganz anders.

Inwiefern?

England ist roh. Da kriegst du als Künstler nie die Gage der Schweiz, von einer Hotelübernachtung ganz zu schweigen. Sich in England als Künstler durchzuschlagen, ist nicht leicht.

Zwischen den Liedern hast du gesagt: “Reithalle, schön gibt es euch! Ich glaube, dass ihr nie abgeschafft werdet. Mit keiner SVP-Kampagne.” Siehst du dich als Künstler verpflichtet, auch politische Statements unter die Leute zu bringen?

Meine Musik war lange Zeit unpolitisch. Doch meine Filme sind die Kehrseite meiner Musik. (Pablo hat an der Universität Luzern Animation studiert. Sein Abschlussfilm “Bon voyage” (2012) spricht die Flüchtlingsthematik an und gewann nationale sowie internationale Preise.) Darin spreche ich soziale Themen an, die nicht unbedingt politisch sein müssen. Auch gehöre ich keiner Partei an. Was mich beschäftigt, spreche ich aber an.

Findest du, dass die Politik einen Platz in der Kunst hat?

Sie soll einen Platz haben dürfen, aber es soll kein Muss für Künstler sein, über Politik zu sprechen.

In meinem privaten Umfeld spüre ich durchaus das politische Engagement, doch in der Kunst noch nicht so.

Du hast Animation, also Film, studiert und machst gleichzeitig Musik. Was kann das eine, was das andere nicht kann?

Ich sag es mal so: Musik gleich Herz, Film gleich Kopf.

Diese Frage wird von Künstlern im Allgemeinen sehr ungern beantwortet. Aber: Was machst du eigentlich für Musik?

(lacht) Warmen und emotionalen Soul. Drops, aber kein EDM (Electronic Dance Music). EDM wäre eine Beleidigung. Auf jeden Fall Elektro, aber auch mit Folk und Rockeinflüssen. Die Summe aller Teile eben.

Weitere Informationen

www.pablonouvelle.com

Das nächste Konzert findet diesen Freitag, den 30. Oktober, im Werkk Kulturlokal in Baden statt.

“Ich bin die Summe aller Teile”

Tink.ch: Wer bist du, Pablo?

Pablo Nouvelle: Oh, das kann ich dir nicht in zwei Sätzen erklären.

 

Tue es in drei.

(lacht, überlegt.)

Ich bin die Summe aller Teile.

 

Wie äussert sich das?

Beispielsweise bin ich zwar mit Hip-Hop aufgewachsen und habe in meiner Musik auch deutlich Soul-Komponenten enthalten, doch mach ich keinen Hip-Hop. Das, was das Publikum heute gehört hat, war kein Hip-Hop, oder?

 

Nein. Was ich heute gehört habe war das Wort: real. Zwei Jungs sind während des Konzerts stehen geblieben und einer meinte verblüfft: “Der ist einfach REAL!” Was sagst du dazu?

Real? Nein, wenn schon bin ich “ächt”. Real ist zu gangsterhaft. (Als er das ausspricht, hält er sich die geballte Hand vor den Mund, als wollte er beatboxen.)

 

Warum hat es ausgerechnet die Summe deiner Teile soweit geschafft?

Meine Vision der Arbeit entspricht eben dem Zeitgeist. Das hat viel mit Glück, Timing und einer Menge Arbeit zu tun. Ich würde jetzt aber nicht sagen, dass ich ein Star bin.

 

Wie erlebst du die Auftritte in England im Gegensatz zu denen in der Schweiz?

In der Schweiz bist du als Künstler auf weichen Kissen gebettet. Dagegen ist England ganz anders.

 

Inwiefern?

England ist roh. Da kriegst du als Künstler nie die Gage der Schweiz, von einer Hotelübernachtung ganz zu schweigen. Sich in England als Künstler durchzuschlagen, ist nicht leicht.

 

Zwischen den Liedern hast du gesagt: “Reithalle, schön gibt es euch! Ich glaube, dass ihr nie abgeschafft werdet. Mit keiner SVP-Kampagne.” Siehst du dich als Künstler verpflichtet, auch politische Statements unter die Leute zu bringen?

Meine Musik war lange Zeit unpolitisch. Doch meine Filme sind die Kehrseite meiner Musik. (Pablo hat an der Universität Luzern Animation studiert. Sein Abschlussfilm “Bon voyage” (2012) spricht die Flüchtlingsthematik an und gewann nationale sowie internationale Preise.) Darin spreche ich soziale Themen an, die nicht unbedingt politisch sein müssen. Auch gehöre ich keiner Partei an. Was mich beschäftigt, spreche ich aber an.

 

Findest du, dass die Politik einen Platz in der Kunst hat?

Sie soll einen Platz haben dürfen, aber es soll kein Muss für Künstler sein, über Politik zu sprechen.

In meinem privaten Umfeld spüre ich durchaus das politische Engagement, doch in der Kunst noch nicht so.

 

Du hast Animation, also Film, studiert und machst gleichzeitig Musik. Was kann das eine, was das andere nicht kann?

Ich sag es mal so: Musik gleich Herz, Film gleich Kopf.

 

Diese Frage wird von Künstlern im Allgemeinen sehr ungern beantwortet. Aber: Was machst du eigentlich für Musik?

(lacht) Warmen und emotionalen Soul. Drops, aber kein EDM (Electronic Dance Music). EDM wäre eine Beleidigung. Auf jeden Fall Elektro, aber auch mit Folk und Rockeinflüssen. Die Summe aller Teile eben.

 

 

Weitere Informationen


 

www.pablonouvelle.com

Das nächste Konzert findet diesen Freitag, den 30. Oktober, im Werkk Kulturlokal in Baden statt.

“Chillen mit Marx”

Um sieben Uhr abends ist noch nicht viel los auf dem Vorplatz der Reitschule. Das wird sich bald ändern. Der Freitagabend ist noch jung und das Reitschulfest lockt. Zu den treuen Reitschulgängern werden heute viele weitere Besuchende erwartet.

Seit 25 Jahren wird die Reitschule immer wieder in Frage gestellt. Die neuste Unterschriftensammlung hat gerade erst begonnen. Falls die kantonale Volksinitiative zu Stande kommt, wird es die sechste Prüfung an der Urne seit 1990. Noch älter als die Geschichte der Urnenabstimmungen ist gemäss den Veranstaltern das Reitschulefest. Zum 28. Mal lockt das Fest am Wochenende mit Musik, Theater und Kino.

Arbeitsgruppen

Als Auftakt des Reitschulefests führen zwei Reitschüler neugierige Besuchende durch die in den frühen Abendstunden noch leeren Räume des Kulturzentrums. Mit einem Bier in der Hand erklärt der eine – mit Namen wollen beide nicht genannt werden – die für Aussenstehende manchmal komplizierten Strukturen der Reitschule. Ein Reitschüler, eine Reitschülerin zu sein, bedeutet in der Szene, in einer der vielen AGs mitzuwirken. In der antikapitalistischen Reitschulwelt steht diese Abkürzung für Arbeitsgruppe. Diese organisieren den Betrieb ihres jeweiligen Raumes.

In der kleinen und engen Druckerei etwa werden Flyer, das Hausmagazin megafon, aber auch externe Aufträge auf Papier gebracht. Vis à vis befindet sich das Kino, wo Stallboden und Heuraufe an die Ursprünge der Reitschule erinnern und für ein besonderes Flair sorgen. Heute werden hier die beiden Reitschul-Streifen von Andreas Berger gezeigt.

Im normalen Betrieb wird im Kino lediglich um eine Kollekte gebeten. Manchmal seien die Beträge ziemlich frustrierend, sagt ein Kino-Mitglied. Weshalb der geliebte, aber teure 35mm-Film leider oft den DVDs weichen müsse.

Heterogene Reitschule

Die AGs sind, abgesehen von den Verpflichtungen durch Statuten und Manifest, autonom. Das heisst, sie können beispielsweise selbst bestimmen, ob und wie sie ihre Mitgliederentlöhnen. Mehrere Reitschüler bestätigen, dass dies innerhalb der Reitschule immer wieder zu Spannungen führe. Auch in der Reitschule finde man eben ein weites, diverses Meinungsbild, so ein Mitglied des Tojo-Theater.

Im zweiten Stock, über dem Kino, befindet sich der Frauenraum. An der Wand sind in grossen Lettern die Schlagworte des Manifests aufgemalt. Kein Sexismus. Keine Homophobie. Der wohl gemütlichste aller Reitschulräume ist aber trotz seiner Bezeichnung meist für alle Geschlechter offen. Einzig die ehrenamtlich arbeitenden “Kollektivas” sind alles Frauen, und die auftretenden Musikbands müssen mindestens zur Hälfte weibliche Mitglieder haben.

Konsenszwang

Im Raum daneben, im Körperdojo, werden verschiedene Kurse angeboten. So unterschiedlich die Sichtweisen in der Reitschule sind, so ist hier auch das Bewegungsangebot: Es reicht von Yoga über Poledance bis “Grr”, dem Kampfsporttraining. Ausserhalb des Dojos versucht man laut Manifest aber, Konflikte gewaltfrei zu lösen.

Konsens statt Konflikte gilt auch an den Versammlungen der Reitschüler. Alle Entscheide werden basisdemokratisch entschieden. Ein einziger Skeptiker kann also einen Beschluss verhindern. Dies sei anstrengend, sagt eine Mitarbeiterin des Dachstocks. Es habe sich wohl schon jeder einmal aufgeregt über stundenlange Sitzungen ohne handfestes Resultat. Die Basisdemokratie zwinge die Reitschüler aber, einander zuzuhören und vielfältige Sichtweisen anzuerkennen.

Rotes Theater

Das Tojo Theater ist eine der wenigen Gruppen, die sich Löhne ausbezahlen. Am Reitschulefest läuft hier “Chillen mit Marx”. An die Wände wird in rotem Licht ein Foto von Marx projeziert. Dazu passend gibt’s rote Getränke an der Bar und die AG-Mitglieder lesen hinter langen Bärten Zitate aus Marx’ Werken. Eine eigene Theatergruppe hat das Tojo Theater allerdings nicht mehr. Theatergruppen, auch internationale, können das Tojo mieten, als Gage dienen die Einnahmen aus den Billet- und Barverkäufen. Ohne Subventionen der Stadt würde das Theater allerdings nicht überleben.

Im Gegensatz zum Tojo hat der Dachstock durch regelmässig grössere Anlässe höhere Einnahmen. Diese indes kommen durch die interne Quersubventionierung allen AGs und somit der gesamten Reitschule zu Gute. Genau hier lauern Fragen, die schon zu so manchen kontroversen Diskussionen in der Reitschule geführt haben: Wie viel ökonomisches Handeln erträgt die Reitschule? Vertragen sich die Preise mit der Reitschulkultur? Oder werden finanziell Schwächere mit hohen Eintrittspreisen ausgeschlossen – wo die Reitschule offen für alle sein will.

Unter dem Dachstock liegen das Restaurant Sous le Pont und die Rössli-Bar. Die Endstation unserer Tour bot in den Anfängen der Reitschule häufig Zuflucht für die Drogenszene auf dem Vorplatz. Als Gegenmassnahme liessen die Behörden den Raum des heutigen Rössli mit Beton, Sand und Kies füllen. Die Vorplatzbewohner verschwanden, das Drogenproblem blieb und bleibt bis heute. Diesen Frühling lancierte die Interessengemeinschaft Kulturraum Reitschule (Ikur) deshalb die Kampagne “No Deal Area”. Ist sie erfolgreich, so wäre ein erster Schritt für die nächste Urnenprüfung getan.

“Ich fühle mich so gut wie überall wohl”

Es ist ein kalter, nebliger Morgen. Wir folgen Berivan ins Gebäude. Ihr schwarzes Haar wippt leicht hin und her. Zügig läuft sie durch die Gänge, vorbei an Wäscheleinen, spielenden Kindern, leise diskutierenden Erwachsenen. Dabei erzählt uns die Syrierin ihre Geschichte. Wie es dazu kam, dass sie und ihr Ehemann in dieser alten, überfüllten bulgarischen Schule ihre Flitterwochen verbringen.

 

Diese Szene filmte die Dokumentarfilmerin Eileen Hofer schon im Frühjahr 2013. Sie lernte Berivan in einem Flüchtlingsheim kennen, als sie aus eigener Initiative nach Bulgarien reiste, um den Flüchtlingen lebensnotwendige Spenden zu bringen. In nur einer Stunde entstand so ihr Kurzfilm “My Honeymoon” – meine Flitterwochen.

 

Wie in vielen ihrer Filme gibt die Protagonistin viel von sich preis. Auch wenn das Gesicht von Berivan nur am Schluss ganz kurz gezeigt wird, taucht man für knappe vier Minuten in ihr Leben, ihre Ängste und Hoffnungen ein.

Eileen Hofer hatte die Syrierin nur eine Stunde zuvor getroffen, und trotzdem entstand ein sehr persönliches Porträt. Dass dies möglich war, erklärt Hofer mit ihren eigenen Wurzeln im Mittleren Osten: “Das verbindet, auch wenn ich nicht Arabisch spreche.”

 

Gefilmt hat die Genferin schon an vielen unterschiedlichen Orten: Neben Bulgarien etwa auch in Afghanistan, Aserbaidschan und auf Kuba. Dank ihrem familiären Hintergrund, aber auch durch zahlreiche, teils längere Reisen hat Hofer die Welt und ihre verschiedenen Kulturen und Bürger kennengelernt. Dies erleichtere ihre Arbeit. Sie fühle sich fast überall schnell wohl, und auch ihre Protagonisten fassten rasch Vertrauen zu ihr. In Aserbaidschan wurde sie gar noch während den Dreharbeiten zu einer Hochzeit eingeladen.

 

Berivans Traum, nach Deutschland zu können, ist inzwischen wahr geworden. Wie es ihr heute geht, weiss Hofer allerdings nicht. Sie macht sich aber keine Sorgen: “Berivan ist eine starke Frau, spricht Englisch und hatte Zugang zu universitärer Bildung.”

 

Die Themen Immigration, Heimat und Identitätsfindung sind ein ständiger Begleiter in Hofers Filmen. So ist “My Honeymoon” auch ein wichtiger Beitrag in der aktuellen Asyldebatte. In einem Interview von Arte meint Hofer, dass die Menschen trotz unterschiedlicher Kulturen, Hintergründe und Wurzeln alle irgendwie gleich seien. “Das ist der Kern meiner Filme, diese Türen zu öffnen. Wir essen, wir mögen es zu lachen, wir mögen es, zu lieben.”

 

Mehr zum Thema


Bereits zum 13. Mal findet in Bern und der ganzen Welt das Kurzfilmfestival shnit statt. Ursprünglich ein Kurzfilmabend in der Reitschule, ist das shnit heute ein bedeutendes internationales Kurzfilmfestival, welches unter anderem auch in Kyoto und Buenos Aires stattfindet. Vom 7. bis 11. Oktober werden in Bern an 13 Spielstätten Kurzfilme gezeigt. Sowohl jede erdenkliche Kulisse – Kirche, Bahnhof bis Cincebad- wie auch jeder mögliche Filmvorliebe– Zeichentrick, Doku bis Komödie – wird dabei bedient.

Kann man den Summer Beach doch mögen?

Alle Jahre im Mai öffnet das Marzili seine Tore, bringen die Beizen ihre Tische nach draussen, stellen die Gelaterias ihre neuen Kreationen für den Sommer vor. Seit ein paar Jahren schon gesellt sich eine neue Attraktion dazu: der eingezäunte Sandkasten auf der Grossen Schanze, der “Summer Beach”.

 

Und immer am Anfang des Sommers nerve ich mich wieder aufs Neue. Pünktlich wenn ich, die Füsse im kühlen Lebensbrunnen (ja, er heisst wirklich so!), die wärmeren Temperaturen nun endlich so richtig geniessen könnte, kommen sie angefahren. Mit ihren Gittern. Dem Quarzsand. Den Rattan Lounches. Den tosenden Generatoren. Vergangenen Samstag nahm die Dauerveranstaltung ein Ende, wurde der öffentliche Platz wieder der Öffentlichkeit übergeben. Bevor sich der Quarzsand verabschiedete, musste ich mich jedoch einem Selbstversuch unterziehen.

 

Erste Runde

Nun gut, der Sandkasten ist da, und ein paar aufgebrachte Bernerinnen und Berner werden dieses Unding nicht vertreiben können. Meine späte Beichte: Vor diesem Selbstversuch war ich noch nie drin. Ich komme mir ein wenig vor wie all die Reitschul-Gegner, die einmal mit dem Zug die Reitschule passieren, die Graffitis sehen und dann zu Hause Erich Hess applaudieren.

 

Deshalb habe ich einen Selbstversuch unternommen, den Summer Beach doch zu mögen. Oder ihn mir wenigstens schön zu trinken. Denn mit den Übeln des Lebens lebt es sich leichter, wenn man sie zumindest akzeptieren kann.

 

Die erste Runde (eher teures) Bier ist bestellt. Die weissen Kunstledermatratzen erinnern mich an etwas zwischen Arztliegen und meiner Vorstellung von Matratzen in einem Stundenhotel. So entscheide ich mich nach einem kurzen Probeliegen doch für den kleinen Liegestuhl.

 

Die Inhaber geben an, mit dem Summer Beach die Grosse Schanze zu beleben. Was wollen sie denn beleben? Bis Ende April war die ganze Schanze belebt, und ab Ende August wird sie es auch wieder sein: Familien am Spielen, Arbeitnehmer am Mittagessen, Punks am Tanzen. Ein strahlendes Kunterbunt aus allen Ecken Berns.

 

Zweite Runde

Warum ich mit dem Summer Beach nicht so wirklich warm werde? Den ganzen Sommer über blockiert er den Platz um den Brunnen, obwohl er dann doch nur ab vier Uhr und nur bei schönem Wetter geöffnet ist. Er verdrängt das strahlende Kunterbunt. Und ausserdem ist er, ganz klar, einfach hässlich, zumindest von aussen gesehen.

 

Herrje, es könnte so schön sein, so gemütlich. Aber nein, jedes Fleckchen der Stadt Bern wird in der Sommerzeit bis zum letzten Millimeter von kommerziellen Veranstaltern genutzt.

 

Nun – mittlerweile nippe ich am zweiten Bier – wechsle ich auf ein “fatboy” Sitzkissen. Dies fühlt sich leider weniger gemütlich an, als es aussieht. Dafür habe ich einen optimalen Ausblick auf den schönen Abendhimmel beim Eindunkeln. Den kann ich allerdings auch sonst wo haben. Überhaupt frage ich mich, warum gerade dieser Platz für den Summer Beach herhalten muss. Einmal drin, hat man sowieso nur noch Aussicht auf die Bastzäune.

 

Dritte Runde

Die ewige Kommerzialisierung macht weder vor der Stadt, noch vor der Grossen Schanze halt. Der Summer Beach ist zwar von innen durchaus gemütlicher, als man von aussen erahnen könnte. Als sommerüberdauernde Attraktion auf einem so prominenten Platz würde ich mir allerdings ein etwas anderes, offeneres, weniger auf Kommerz ausgerichtetes Angebot wünschen.

 

Beim dritten Bier angelangt, werde ich aufgefordert, den Sandkasten wegen aufziehenden Regens zu verlassen. Wirklich traurig bin ich nicht über das frühzeitige Ende meines Selbstversuchs. Auch bei den anderen Besuchern kommt nicht so richtig Stimmung auf. Ich beobachte fünf Leute zusammen auf einem Bett – pardon, Baldachin – alle sind aber nur mit ihren Smartphones beschäftigt. Ob vielleicht die weissen Kunstledermatrazen die Stimmung bremsen?

 

Fazit

Gut finde ich, dass ich mal im Sandkasten drin war. Besser finde ich, dass ich wieder draussen bin. Auf dem Rasen der Grossen Schanze fühle ich mich wesentlich wohler. Doch da selbst dort während einem Monat die Leinwand des Salzkinos dafür sorgt, dass beinahe kein Platz mehr fürs Verweilen auf der grossen Wiese bleibt, wird dieser Genuss auch nur kurz währen. Aber man soll ja sowieso den Moment geniessen. Eben nur nicht dann, wenn einem grosse Veranstalter diesen streitig machen.

“Der Vorplatz ist der beste Kompromiss”

“Vorplatz”: Das Wort nimmt Bezug auf etwas, das nach ihm steht. Sie sind zwar oft rege frequentiert, aber nur selten belebt. Aus diesem Grund verdient der Reitschulvorplatz eigentlich einen anderen Namen.

 

Die Berner Reitschule lebt von der Vielfältigkeit ihrer Glieder. Tojo, Dachstock, Sous le pont oder Rössli sind nicht wegzudenken, ebensowenig der Vorplatz. Er hat sein eigenes Publikum und ist in diesem Sinne auch kein Anhängsel sondern ein gleichwertiger Teil der Reitschule.

 

Freiluftdisco ohne Ohrenschmerzen

In der Nacht verwandelt er sich regelmässig zur der meistbesuchten Freiluftdisco in Bern. Eine Musikanlage beschallt den Betonplatz dann mit 90dB unverwechselbarem Revoluzzer-Punkrock. Der Schalldruck verflüchtigt sich aufgrund der fehlenden Überdachung rasch in der Nacht, sodass die Atmosphäre zwar durch die Musik geprägt, anders als in einer Disco aber nicht von ihr dominiert ist.

 

Man muss sich deshalb keineswegs die Ohren mit daumengrossen Schaumstoffdübeln verschliessen, um einen Gehörschaden vorzubeugen, im Gegenteil: Gerede und Musik bilden eine unverwechselbare Geräuschkulisse, die sowohl fürs Tanzen, als auch für Gespräche einen angenehmen Hintergrund bietet.

 

Kein bestimmtes Prädikat

Folglich gibt es Tanzende, die reden, und Redende, die tanzen – inklusive sämtlicher Zwischenstufen. Der Vorplatz ist ein Kompromiss, aber gleichwohl das Beste, was aus dem kargen Betonplatz zu machen ist. Ihm ein bestimmtes Prädikat anheften zu wollen, wäre falsch.

 

Die Popularität des Vorplatzes rührt gerade daher, dass er eben nicht komplett in ein Schema einzuordnen ist. Weder macht ihn die Piratenbar kommerziell – man kann ja sein Bier auch selber mitbringen – noch räumt ihm der Pingpong-Tisch den Status als Sportplatz ein. Der Vorplatz ist ein alternativloses Unikat.

 

Dieser Artikel erschien zuerst auf www.journal-b.ch. Journal B ist ein unabhängiges Online-Medium für die Stadt Bern, das mehrmals wöchentlich Artikel in den Bereichen Politik, Alltag und Kultur publiziert.

Zwischen Solidarität und Selbstsucht

“Das Verhältnis zum Geld blieb in der Reithalle-Gegenkultur widersprüchlich und uneinheitlich. Wurden die Waren und Dienstleistungen zuerst überhaupt gratis oder zum Selbstkostenpreis angeboten, behalf man sich danach beim Eintritt zu Veranstaltungen jahrelang schamhaft mit Kollekten”, heisst es im Buch “Reithalle Bern – Autonomie und Kultur im Zentrum”, das zum 10-jährigen Jubiläum 1998 des Kulturzentrums erschienenen ist.

 

Verkommerzialisiert(e) die Reitschule?

Besucht man heute, über 25 Jahre nach der erneuten Besetzung des Gebäudekomplexes die  Reitschule, ist von Selbstkostenpreis, Kollekte und Schamgefühl nicht mehr viel zu erkennen. Mit Ausnahme des Kinos und der ab und zu stattfindenden Soli- oder Gratis-Konzerte hat heute praktisch alles seinen fast marktüblichen Preis. Die Flasche Maisgold à  33cl kostet 5 Franken, der Dachstock-Eintritt je nach Auftritt um die 25 Franken, gelegentlich auch mal mehr.

 

Die antikommerzialistische Preispolitik der Reitschule liegt schon ein Weilchen zurück. So endet bereits der eingangs zitierte Abschnitt mit dem Satz: “Die meisten AG (Arbeitsgruppen, Anm. d. Red.) verkaufen ihre Dienstleistungen allerdings heute zu festgesetzten Preisen.”

Zugegeben, vergleicht man die Preise mit den Umliegenden Kulturlokalen, dürfen sich die Besucherinnen und Besucher der Reitschule nicht beklagen. Und doch drängt sich bei einer Auseinandersetzung mit der ökonomischen Geschichte der Reitschule die Frage auf: Verkommerzialisiert(e) die Reitschule?

 

Von der Soli-Kollekte zum Eintrittspreis

Zur Beantwortung dieser Frage sind zwei Entwicklungen in der Geschichte der Reitschule von zentraler Bedeutung. Einerseits fand eine Art “Normalisierungsprozess” statt. Die nach und nach und unter heftigen Diskussionen eingeführten Löhne wurden legalisiert, Gastgewerbebewilligung und Billetsteuer eingeführt und aus Gebrauchsleihverträgen mit der Satdt wurde der heutige Leistungsvertrag. Diese Veränderungen brachten finanzielle Auswirkungen mit sich: Abgaben an den Staat wie Steuern und AHV-Beiträge sowie die Vermehrung bezahlter Arbeit erhöhten die anfallenden Fixkosten für das Kulturzentrum.

 

Die zweite, für die Preispolitik der Reitschule wegweisende Entwicklung war der zunehmende Mangel an Solidarität. Konnte sich die Reitschule zunächst auf Kollektenbasis “freiwillig” finanzieren, wurden gegen Ende der 80er-Jahre aufgrund mangelnder Bereitschaft Kollekte zu bezahlen, schliesslich Eintrittspreise eingeführt, welche sich im Laufe der Zeit und ebenjener Normalisierung erhöhten.

 

Nebst den enstandenen Abgaben und weiteren Fixkosten wie zunehmende Band-Gagen, Instandhaltung der Infrastruktur, war und ist vor allem die interne Umverteilung wichtiger Verwendungszweck der Reitschul-Finanzen. Während die Gastrobetriebe Sous Le Pont und Rössli Geld an den Reitschule-Fonds abgeben können und das Konzertlokal Dachstock etwa selbsttragend ist, sind Arbeitsgruppen wie die Zeitung “Megafon” und der Infoladen auf Unterstützung angewiesen.

 

Von der Freiwilligkeit zum “Kommerz-Zwang”

Mit vermehrten Ausgaben und mangelnder Solidarität kam eine Art “Zwang zum Kommerz”, der sich mit der steigenden Popularität der Reitschule noch verschärfte. Zu sehr auf Konsum, zu sehr nach dem Schema “ich zahle, also bekomm’ ich” ausgerichtet, dürfte die Mentalität der unzähligen Reitschul-Besucherinnen und -Besucher sein, als dass ein klar antikommerzielles, auf Freiwilligkeit basierendes System noch funktionieren könnte. Oder in den Worten des langjährigen Reitschülers Tom Locher: “Ich, ich, ich und der Rest ist scheissegal. Ausgrenzung, keine Solidarität. Ein egozentrisches Gewinnerzielungsinteresse. Halt nicht unbedingt im finanziellen Sinne, sondern geistig, das eigene Selbstverständnis betreffend. Das ist wohl das grösste Problem in der Reitschule und für ihre Zukunft.»

Category Archives: Reitschule

Die nicht zurückhaltende Spezies Frau

Jua* drängt sich im Backstagebereich des Frauenraums auf ein Sofa. Die vier Frauen sind nicht nur eine Band, sondern auch gute Freundinnen, das spürt man. Bassistin Anuschka schätzt den persönlichen Austausch, die Freundschaft untereinander: “Die erste halbe Stunde im Bandraum verbringen wir mit persönlichen Gesprächen, wie es uns geht, in unseren Beziehungen, im Beruf…” Konflikte sprechen sie immer an, das sei wichtig. Mit einem Lächeln zu Songwriterin Chrige meint Anja: “Vielleicht wartet man manchmal einen Moment zu lange, aber ansprechen tun wir’s immer.”

Diese Harmonie zieht sich bis auf die Bühne. Jua* singt oft mehrstimmig. Mit Cajón, Bassgitarre, akustischer Gitarre und starken Stimmen entsteht ein feinfühliger Mix aus Country, Folk und Blues. Dies passt wunderbar in den Frauenraum, der immer wieder als der gemütlichste aller Räume der Reitschule bezeichnet wird.

Der Frauenraum will aber nicht nur gemütlich sein. Die Frauen-Jamsession “play yourself”, initiiert von der Cajón-Spielerin Anja, soll Frauen in ihrem musikalischen Schaffen bestärken. Leider hielten sich talentierte Frauen oft zurück im Musikbusiness, wagen sich kaum auf die Bühne. Oder wie es Chrige ehrlich ausdrückt: “Wenn ein toller Musiker mit Gitarre (macht Luftgitarren-Bewegungen) kommt und eine riesen Show macht, trauen sich danach viele nicht mehr auf die Bühne”. Im geschützten Rahmen fänden Frauen eher den Mut, ihr Können zu zeigen. Zweifel und Zurückhaltung, so Anja, seien wohl Gründe für die wenigen Frauen in der Bandszene. Warum es Jua* trotzdem gibt? “Wir sind eben nicht so! Wir nicht! Wir sind eben die Spezies, die nicht zurückhaltend ist, die gibt’s auch!“, sind sich unter Gelächter alle einig.

Im Frauenraum sind die vier auch privat regelmässig zu Gast. “Wenn ich in den Ausgang gehe, dann komme ich fast nur hierher.”, so Anuschka. Auch Anja hat eine jahrelange Verbindung zum Frauenraum. Neben den Jamsessions hat sie auch sonst im Kollektiv mitgewirkt. Mit 20 war sie zum ersten Mal hier, da habe sich eine Welt aufgetan für sie: “Ich kam aus dem Wallis, einer anderen Welt. Dort kannte man keine linke Szene.”

Zurück auf die Bühne: Jua* verzichtet auf viel Bewegung. Lieber konzentrieren sie sich auf ihr Zusammenspiel. Die vier Frauen bilden eine Einheit, schauen einander an, schliessen die Augen. Sie scheinen ihre Musik zu geniessen.

“Wenn ich die Leute aber dann so stehen sehe, (verschränkt die Arme) dann habe ich das Gefühl: „oh shit“ irgendwas ist wohl nicht in Ordnung”, so Chrige. Sie lasse sich leicht verunsichern, auch heute noch, nach einigen Jahren Bühnenerfahrung.

“Heute war gut” sagt Chrige und meint damit aber ihr schlimmes Lampenfieber. Auch Sängerin Nadja wird davon geplagt, lacht aber und sagt augenzwinkernd: “Wir haben Tabletten…Baldrian etwa” Dass die beiden manchmal auch während den Konzerten noch aufgeregt sind, konnten sie vor dem Publikum aber gut verstecken. Ob bei folkigen Tanzstücken oder feinen Balladen, die Musikerinnen wirkten souverän und selbstbewusst.

Das Publikum, egal welchen Geschlechts, lauschte mit Freude den melodischen Klängen, wippte oder tanzte mit den Beats des Cajón, und bedankte sich mit einem langen Applaus, wofür Jua* gleich noch eine Zugabe schenkte.

“Ich bin die Summe aller Teile”

Tink.ch: Wer bist du, Pablo?

Pablo Nouvelle: Oh, das kann ich dir nicht in zwei Sätzen erklären.

Tue es in drei.

(lacht, überlegt.)

Ich bin die Summe aller Teile.

Wie äussert sich das?

Beispielsweise bin ich zwar mit Hip-Hop aufgewachsen und habe in meiner Musik auch deutlich Soul-Komponenten enthalten, doch mach ich keinen Hip-Hop. Das, was das Publikum heute gehört hat, war kein Hip-Hop, oder?

Nein. Was ich heute gehört habe war das Wort: real. Zwei Jungs sind während des Konzerts stehen geblieben und einer meinte verblüfft: “Der ist einfach REAL!” Was sagst du dazu?

Real? Nein, wenn schon bin ich “ächt”. Real ist zu gangsterhaft. (Als er das ausspricht, hält er sich die geballte Hand vor den Mund, als wollte er beatboxen.)

Warum hat es ausgerechnet die Summe deiner Teile soweit geschafft?

Meine Vision der Arbeit entspricht eben dem Zeitgeist. Das hat viel mit Glück, Timing und einer Menge Arbeit zu tun. Ich würde jetzt aber nicht sagen, dass ich ein Star bin.

Wie erlebst du die Auftritte in England im Gegensatz zu denen in der Schweiz?

In der Schweiz bist du als Künstler auf weichen Kissen gebettet. Dagegen ist England ganz anders.

Inwiefern?

England ist roh. Da kriegst du als Künstler nie die Gage der Schweiz, von einer Hotelübernachtung ganz zu schweigen. Sich in England als Künstler durchzuschlagen, ist nicht leicht.

Zwischen den Liedern hast du gesagt: “Reithalle, schön gibt es euch! Ich glaube, dass ihr nie abgeschafft werdet. Mit keiner SVP-Kampagne.” Siehst du dich als Künstler verpflichtet, auch politische Statements unter die Leute zu bringen?

Meine Musik war lange Zeit unpolitisch. Doch meine Filme sind die Kehrseite meiner Musik. (Pablo hat an der Universität Luzern Animation studiert. Sein Abschlussfilm “Bon voyage” (2012) spricht die Flüchtlingsthematik an und gewann nationale sowie internationale Preise.) Darin spreche ich soziale Themen an, die nicht unbedingt politisch sein müssen. Auch gehöre ich keiner Partei an. Was mich beschäftigt, spreche ich aber an.

Findest du, dass die Politik einen Platz in der Kunst hat?

Sie soll einen Platz haben dürfen, aber es soll kein Muss für Künstler sein, über Politik zu sprechen.

In meinem privaten Umfeld spüre ich durchaus das politische Engagement, doch in der Kunst noch nicht so.

Du hast Animation, also Film, studiert und machst gleichzeitig Musik. Was kann das eine, was das andere nicht kann?

Ich sag es mal so: Musik gleich Herz, Film gleich Kopf.

Diese Frage wird von Künstlern im Allgemeinen sehr ungern beantwortet. Aber: Was machst du eigentlich für Musik?

(lacht) Warmen und emotionalen Soul. Drops, aber kein EDM (Electronic Dance Music). EDM wäre eine Beleidigung. Auf jeden Fall Elektro, aber auch mit Folk und Rockeinflüssen. Die Summe aller Teile eben.

Weitere Informationen

www.pablonouvelle.com

Das nächste Konzert findet diesen Freitag, den 30. Oktober, im Werkk Kulturlokal in Baden statt.

“Ich bin die Summe aller Teile”

Tink.ch: Wer bist du, Pablo?

Pablo Nouvelle: Oh, das kann ich dir nicht in zwei Sätzen erklären.

 

Tue es in drei.

(lacht, überlegt.)

Ich bin die Summe aller Teile.

 

Wie äussert sich das?

Beispielsweise bin ich zwar mit Hip-Hop aufgewachsen und habe in meiner Musik auch deutlich Soul-Komponenten enthalten, doch mach ich keinen Hip-Hop. Das, was das Publikum heute gehört hat, war kein Hip-Hop, oder?

 

Nein. Was ich heute gehört habe war das Wort: real. Zwei Jungs sind während des Konzerts stehen geblieben und einer meinte verblüfft: “Der ist einfach REAL!” Was sagst du dazu?

Real? Nein, wenn schon bin ich “ächt”. Real ist zu gangsterhaft. (Als er das ausspricht, hält er sich die geballte Hand vor den Mund, als wollte er beatboxen.)

 

Warum hat es ausgerechnet die Summe deiner Teile soweit geschafft?

Meine Vision der Arbeit entspricht eben dem Zeitgeist. Das hat viel mit Glück, Timing und einer Menge Arbeit zu tun. Ich würde jetzt aber nicht sagen, dass ich ein Star bin.

 

Wie erlebst du die Auftritte in England im Gegensatz zu denen in der Schweiz?

In der Schweiz bist du als Künstler auf weichen Kissen gebettet. Dagegen ist England ganz anders.

 

Inwiefern?

England ist roh. Da kriegst du als Künstler nie die Gage der Schweiz, von einer Hotelübernachtung ganz zu schweigen. Sich in England als Künstler durchzuschlagen, ist nicht leicht.

 

Zwischen den Liedern hast du gesagt: “Reithalle, schön gibt es euch! Ich glaube, dass ihr nie abgeschafft werdet. Mit keiner SVP-Kampagne.” Siehst du dich als Künstler verpflichtet, auch politische Statements unter die Leute zu bringen?

Meine Musik war lange Zeit unpolitisch. Doch meine Filme sind die Kehrseite meiner Musik. (Pablo hat an der Universität Luzern Animation studiert. Sein Abschlussfilm “Bon voyage” (2012) spricht die Flüchtlingsthematik an und gewann nationale sowie internationale Preise.) Darin spreche ich soziale Themen an, die nicht unbedingt politisch sein müssen. Auch gehöre ich keiner Partei an. Was mich beschäftigt, spreche ich aber an.

 

Findest du, dass die Politik einen Platz in der Kunst hat?

Sie soll einen Platz haben dürfen, aber es soll kein Muss für Künstler sein, über Politik zu sprechen.

In meinem privaten Umfeld spüre ich durchaus das politische Engagement, doch in der Kunst noch nicht so.

 

Du hast Animation, also Film, studiert und machst gleichzeitig Musik. Was kann das eine, was das andere nicht kann?

Ich sag es mal so: Musik gleich Herz, Film gleich Kopf.

 

Diese Frage wird von Künstlern im Allgemeinen sehr ungern beantwortet. Aber: Was machst du eigentlich für Musik?

(lacht) Warmen und emotionalen Soul. Drops, aber kein EDM (Electronic Dance Music). EDM wäre eine Beleidigung. Auf jeden Fall Elektro, aber auch mit Folk und Rockeinflüssen. Die Summe aller Teile eben.

 

 

Weitere Informationen


 

www.pablonouvelle.com

Das nächste Konzert findet diesen Freitag, den 30. Oktober, im Werkk Kulturlokal in Baden statt.

“Chillen mit Marx”

Um sieben Uhr abends ist noch nicht viel los auf dem Vorplatz der Reitschule. Das wird sich bald ändern. Der Freitagabend ist noch jung und das Reitschulfest lockt. Zu den treuen Reitschulgängern werden heute viele weitere Besuchende erwartet.

Seit 25 Jahren wird die Reitschule immer wieder in Frage gestellt. Die neuste Unterschriftensammlung hat gerade erst begonnen. Falls die kantonale Volksinitiative zu Stande kommt, wird es die sechste Prüfung an der Urne seit 1990. Noch älter als die Geschichte der Urnenabstimmungen ist gemäss den Veranstaltern das Reitschulefest. Zum 28. Mal lockt das Fest am Wochenende mit Musik, Theater und Kino.

Arbeitsgruppen

Als Auftakt des Reitschulefests führen zwei Reitschüler neugierige Besuchende durch die in den frühen Abendstunden noch leeren Räume des Kulturzentrums. Mit einem Bier in der Hand erklärt der eine – mit Namen wollen beide nicht genannt werden – die für Aussenstehende manchmal komplizierten Strukturen der Reitschule. Ein Reitschüler, eine Reitschülerin zu sein, bedeutet in der Szene, in einer der vielen AGs mitzuwirken. In der antikapitalistischen Reitschulwelt steht diese Abkürzung für Arbeitsgruppe. Diese organisieren den Betrieb ihres jeweiligen Raumes.

In der kleinen und engen Druckerei etwa werden Flyer, das Hausmagazin megafon, aber auch externe Aufträge auf Papier gebracht. Vis à vis befindet sich das Kino, wo Stallboden und Heuraufe an die Ursprünge der Reitschule erinnern und für ein besonderes Flair sorgen. Heute werden hier die beiden Reitschul-Streifen von Andreas Berger gezeigt.

Im normalen Betrieb wird im Kino lediglich um eine Kollekte gebeten. Manchmal seien die Beträge ziemlich frustrierend, sagt ein Kino-Mitglied. Weshalb der geliebte, aber teure 35mm-Film leider oft den DVDs weichen müsse.

Heterogene Reitschule

Die AGs sind, abgesehen von den Verpflichtungen durch Statuten und Manifest, autonom. Das heisst, sie können beispielsweise selbst bestimmen, ob und wie sie ihre Mitgliederentlöhnen. Mehrere Reitschüler bestätigen, dass dies innerhalb der Reitschule immer wieder zu Spannungen führe. Auch in der Reitschule finde man eben ein weites, diverses Meinungsbild, so ein Mitglied des Tojo-Theater.

Im zweiten Stock, über dem Kino, befindet sich der Frauenraum. An der Wand sind in grossen Lettern die Schlagworte des Manifests aufgemalt. Kein Sexismus. Keine Homophobie. Der wohl gemütlichste aller Reitschulräume ist aber trotz seiner Bezeichnung meist für alle Geschlechter offen. Einzig die ehrenamtlich arbeitenden “Kollektivas” sind alles Frauen, und die auftretenden Musikbands müssen mindestens zur Hälfte weibliche Mitglieder haben.

Konsenszwang

Im Raum daneben, im Körperdojo, werden verschiedene Kurse angeboten. So unterschiedlich die Sichtweisen in der Reitschule sind, so ist hier auch das Bewegungsangebot: Es reicht von Yoga über Poledance bis “Grr”, dem Kampfsporttraining. Ausserhalb des Dojos versucht man laut Manifest aber, Konflikte gewaltfrei zu lösen.

Konsens statt Konflikte gilt auch an den Versammlungen der Reitschüler. Alle Entscheide werden basisdemokratisch entschieden. Ein einziger Skeptiker kann also einen Beschluss verhindern. Dies sei anstrengend, sagt eine Mitarbeiterin des Dachstocks. Es habe sich wohl schon jeder einmal aufgeregt über stundenlange Sitzungen ohne handfestes Resultat. Die Basisdemokratie zwinge die Reitschüler aber, einander zuzuhören und vielfältige Sichtweisen anzuerkennen.

Rotes Theater

Das Tojo Theater ist eine der wenigen Gruppen, die sich Löhne ausbezahlen. Am Reitschulefest läuft hier “Chillen mit Marx”. An die Wände wird in rotem Licht ein Foto von Marx projeziert. Dazu passend gibt’s rote Getränke an der Bar und die AG-Mitglieder lesen hinter langen Bärten Zitate aus Marx’ Werken. Eine eigene Theatergruppe hat das Tojo Theater allerdings nicht mehr. Theatergruppen, auch internationale, können das Tojo mieten, als Gage dienen die Einnahmen aus den Billet- und Barverkäufen. Ohne Subventionen der Stadt würde das Theater allerdings nicht überleben.

Im Gegensatz zum Tojo hat der Dachstock durch regelmässig grössere Anlässe höhere Einnahmen. Diese indes kommen durch die interne Quersubventionierung allen AGs und somit der gesamten Reitschule zu Gute. Genau hier lauern Fragen, die schon zu so manchen kontroversen Diskussionen in der Reitschule geführt haben: Wie viel ökonomisches Handeln erträgt die Reitschule? Vertragen sich die Preise mit der Reitschulkultur? Oder werden finanziell Schwächere mit hohen Eintrittspreisen ausgeschlossen – wo die Reitschule offen für alle sein will.

Unter dem Dachstock liegen das Restaurant Sous le Pont und die Rössli-Bar. Die Endstation unserer Tour bot in den Anfängen der Reitschule häufig Zuflucht für die Drogenszene auf dem Vorplatz. Als Gegenmassnahme liessen die Behörden den Raum des heutigen Rössli mit Beton, Sand und Kies füllen. Die Vorplatzbewohner verschwanden, das Drogenproblem blieb und bleibt bis heute. Diesen Frühling lancierte die Interessengemeinschaft Kulturraum Reitschule (Ikur) deshalb die Kampagne “No Deal Area”. Ist sie erfolgreich, so wäre ein erster Schritt für die nächste Urnenprüfung getan.

“Ich fühle mich so gut wie überall wohl”

Es ist ein kalter, nebliger Morgen. Wir folgen Berivan ins Gebäude. Ihr schwarzes Haar wippt leicht hin und her. Zügig läuft sie durch die Gänge, vorbei an Wäscheleinen, spielenden Kindern, leise diskutierenden Erwachsenen. Dabei erzählt uns die Syrierin ihre Geschichte. Wie es dazu kam, dass sie und ihr Ehemann in dieser alten, überfüllten bulgarischen Schule ihre Flitterwochen verbringen.

 

Diese Szene filmte die Dokumentarfilmerin Eileen Hofer schon im Frühjahr 2013. Sie lernte Berivan in einem Flüchtlingsheim kennen, als sie aus eigener Initiative nach Bulgarien reiste, um den Flüchtlingen lebensnotwendige Spenden zu bringen. In nur einer Stunde entstand so ihr Kurzfilm “My Honeymoon” – meine Flitterwochen.

 

Wie in vielen ihrer Filme gibt die Protagonistin viel von sich preis. Auch wenn das Gesicht von Berivan nur am Schluss ganz kurz gezeigt wird, taucht man für knappe vier Minuten in ihr Leben, ihre Ängste und Hoffnungen ein.

Eileen Hofer hatte die Syrierin nur eine Stunde zuvor getroffen, und trotzdem entstand ein sehr persönliches Porträt. Dass dies möglich war, erklärt Hofer mit ihren eigenen Wurzeln im Mittleren Osten: “Das verbindet, auch wenn ich nicht Arabisch spreche.”

 

Gefilmt hat die Genferin schon an vielen unterschiedlichen Orten: Neben Bulgarien etwa auch in Afghanistan, Aserbaidschan und auf Kuba. Dank ihrem familiären Hintergrund, aber auch durch zahlreiche, teils längere Reisen hat Hofer die Welt und ihre verschiedenen Kulturen und Bürger kennengelernt. Dies erleichtere ihre Arbeit. Sie fühle sich fast überall schnell wohl, und auch ihre Protagonisten fassten rasch Vertrauen zu ihr. In Aserbaidschan wurde sie gar noch während den Dreharbeiten zu einer Hochzeit eingeladen.

 

Berivans Traum, nach Deutschland zu können, ist inzwischen wahr geworden. Wie es ihr heute geht, weiss Hofer allerdings nicht. Sie macht sich aber keine Sorgen: “Berivan ist eine starke Frau, spricht Englisch und hatte Zugang zu universitärer Bildung.”

 

Die Themen Immigration, Heimat und Identitätsfindung sind ein ständiger Begleiter in Hofers Filmen. So ist “My Honeymoon” auch ein wichtiger Beitrag in der aktuellen Asyldebatte. In einem Interview von Arte meint Hofer, dass die Menschen trotz unterschiedlicher Kulturen, Hintergründe und Wurzeln alle irgendwie gleich seien. “Das ist der Kern meiner Filme, diese Türen zu öffnen. Wir essen, wir mögen es zu lachen, wir mögen es, zu lieben.”

 

Mehr zum Thema


Bereits zum 13. Mal findet in Bern und der ganzen Welt das Kurzfilmfestival shnit statt. Ursprünglich ein Kurzfilmabend in der Reitschule, ist das shnit heute ein bedeutendes internationales Kurzfilmfestival, welches unter anderem auch in Kyoto und Buenos Aires stattfindet. Vom 7. bis 11. Oktober werden in Bern an 13 Spielstätten Kurzfilme gezeigt. Sowohl jede erdenkliche Kulisse – Kirche, Bahnhof bis Cincebad- wie auch jeder mögliche Filmvorliebe– Zeichentrick, Doku bis Komödie – wird dabei bedient.

Kann man den Summer Beach doch mögen?

Alle Jahre im Mai öffnet das Marzili seine Tore, bringen die Beizen ihre Tische nach draussen, stellen die Gelaterias ihre neuen Kreationen für den Sommer vor. Seit ein paar Jahren schon gesellt sich eine neue Attraktion dazu: der eingezäunte Sandkasten auf der Grossen Schanze, der “Summer Beach”.

 

Und immer am Anfang des Sommers nerve ich mich wieder aufs Neue. Pünktlich wenn ich, die Füsse im kühlen Lebensbrunnen (ja, er heisst wirklich so!), die wärmeren Temperaturen nun endlich so richtig geniessen könnte, kommen sie angefahren. Mit ihren Gittern. Dem Quarzsand. Den Rattan Lounches. Den tosenden Generatoren. Vergangenen Samstag nahm die Dauerveranstaltung ein Ende, wurde der öffentliche Platz wieder der Öffentlichkeit übergeben. Bevor sich der Quarzsand verabschiedete, musste ich mich jedoch einem Selbstversuch unterziehen.

 

Erste Runde

Nun gut, der Sandkasten ist da, und ein paar aufgebrachte Bernerinnen und Berner werden dieses Unding nicht vertreiben können. Meine späte Beichte: Vor diesem Selbstversuch war ich noch nie drin. Ich komme mir ein wenig vor wie all die Reitschul-Gegner, die einmal mit dem Zug die Reitschule passieren, die Graffitis sehen und dann zu Hause Erich Hess applaudieren.

 

Deshalb habe ich einen Selbstversuch unternommen, den Summer Beach doch zu mögen. Oder ihn mir wenigstens schön zu trinken. Denn mit den Übeln des Lebens lebt es sich leichter, wenn man sie zumindest akzeptieren kann.

 

Die erste Runde (eher teures) Bier ist bestellt. Die weissen Kunstledermatratzen erinnern mich an etwas zwischen Arztliegen und meiner Vorstellung von Matratzen in einem Stundenhotel. So entscheide ich mich nach einem kurzen Probeliegen doch für den kleinen Liegestuhl.

 

Die Inhaber geben an, mit dem Summer Beach die Grosse Schanze zu beleben. Was wollen sie denn beleben? Bis Ende April war die ganze Schanze belebt, und ab Ende August wird sie es auch wieder sein: Familien am Spielen, Arbeitnehmer am Mittagessen, Punks am Tanzen. Ein strahlendes Kunterbunt aus allen Ecken Berns.

 

Zweite Runde

Warum ich mit dem Summer Beach nicht so wirklich warm werde? Den ganzen Sommer über blockiert er den Platz um den Brunnen, obwohl er dann doch nur ab vier Uhr und nur bei schönem Wetter geöffnet ist. Er verdrängt das strahlende Kunterbunt. Und ausserdem ist er, ganz klar, einfach hässlich, zumindest von aussen gesehen.

 

Herrje, es könnte so schön sein, so gemütlich. Aber nein, jedes Fleckchen der Stadt Bern wird in der Sommerzeit bis zum letzten Millimeter von kommerziellen Veranstaltern genutzt.

 

Nun – mittlerweile nippe ich am zweiten Bier – wechsle ich auf ein “fatboy” Sitzkissen. Dies fühlt sich leider weniger gemütlich an, als es aussieht. Dafür habe ich einen optimalen Ausblick auf den schönen Abendhimmel beim Eindunkeln. Den kann ich allerdings auch sonst wo haben. Überhaupt frage ich mich, warum gerade dieser Platz für den Summer Beach herhalten muss. Einmal drin, hat man sowieso nur noch Aussicht auf die Bastzäune.

 

Dritte Runde

Die ewige Kommerzialisierung macht weder vor der Stadt, noch vor der Grossen Schanze halt. Der Summer Beach ist zwar von innen durchaus gemütlicher, als man von aussen erahnen könnte. Als sommerüberdauernde Attraktion auf einem so prominenten Platz würde ich mir allerdings ein etwas anderes, offeneres, weniger auf Kommerz ausgerichtetes Angebot wünschen.

 

Beim dritten Bier angelangt, werde ich aufgefordert, den Sandkasten wegen aufziehenden Regens zu verlassen. Wirklich traurig bin ich nicht über das frühzeitige Ende meines Selbstversuchs. Auch bei den anderen Besuchern kommt nicht so richtig Stimmung auf. Ich beobachte fünf Leute zusammen auf einem Bett – pardon, Baldachin – alle sind aber nur mit ihren Smartphones beschäftigt. Ob vielleicht die weissen Kunstledermatrazen die Stimmung bremsen?

 

Fazit

Gut finde ich, dass ich mal im Sandkasten drin war. Besser finde ich, dass ich wieder draussen bin. Auf dem Rasen der Grossen Schanze fühle ich mich wesentlich wohler. Doch da selbst dort während einem Monat die Leinwand des Salzkinos dafür sorgt, dass beinahe kein Platz mehr fürs Verweilen auf der grossen Wiese bleibt, wird dieser Genuss auch nur kurz währen. Aber man soll ja sowieso den Moment geniessen. Eben nur nicht dann, wenn einem grosse Veranstalter diesen streitig machen.

“Der Vorplatz ist der beste Kompromiss”

“Vorplatz”: Das Wort nimmt Bezug auf etwas, das nach ihm steht. Sie sind zwar oft rege frequentiert, aber nur selten belebt. Aus diesem Grund verdient der Reitschulvorplatz eigentlich einen anderen Namen.

 

Die Berner Reitschule lebt von der Vielfältigkeit ihrer Glieder. Tojo, Dachstock, Sous le pont oder Rössli sind nicht wegzudenken, ebensowenig der Vorplatz. Er hat sein eigenes Publikum und ist in diesem Sinne auch kein Anhängsel sondern ein gleichwertiger Teil der Reitschule.

 

Freiluftdisco ohne Ohrenschmerzen

In der Nacht verwandelt er sich regelmässig zur der meistbesuchten Freiluftdisco in Bern. Eine Musikanlage beschallt den Betonplatz dann mit 90dB unverwechselbarem Revoluzzer-Punkrock. Der Schalldruck verflüchtigt sich aufgrund der fehlenden Überdachung rasch in der Nacht, sodass die Atmosphäre zwar durch die Musik geprägt, anders als in einer Disco aber nicht von ihr dominiert ist.

 

Man muss sich deshalb keineswegs die Ohren mit daumengrossen Schaumstoffdübeln verschliessen, um einen Gehörschaden vorzubeugen, im Gegenteil: Gerede und Musik bilden eine unverwechselbare Geräuschkulisse, die sowohl fürs Tanzen, als auch für Gespräche einen angenehmen Hintergrund bietet.

 

Kein bestimmtes Prädikat

Folglich gibt es Tanzende, die reden, und Redende, die tanzen – inklusive sämtlicher Zwischenstufen. Der Vorplatz ist ein Kompromiss, aber gleichwohl das Beste, was aus dem kargen Betonplatz zu machen ist. Ihm ein bestimmtes Prädikat anheften zu wollen, wäre falsch.

 

Die Popularität des Vorplatzes rührt gerade daher, dass er eben nicht komplett in ein Schema einzuordnen ist. Weder macht ihn die Piratenbar kommerziell – man kann ja sein Bier auch selber mitbringen – noch räumt ihm der Pingpong-Tisch den Status als Sportplatz ein. Der Vorplatz ist ein alternativloses Unikat.

 

Dieser Artikel erschien zuerst auf www.journal-b.ch. Journal B ist ein unabhängiges Online-Medium für die Stadt Bern, das mehrmals wöchentlich Artikel in den Bereichen Politik, Alltag und Kultur publiziert.

Zwischen Solidarität und Selbstsucht

“Das Verhältnis zum Geld blieb in der Reithalle-Gegenkultur widersprüchlich und uneinheitlich. Wurden die Waren und Dienstleistungen zuerst überhaupt gratis oder zum Selbstkostenpreis angeboten, behalf man sich danach beim Eintritt zu Veranstaltungen jahrelang schamhaft mit Kollekten”, heisst es im Buch “Reithalle Bern – Autonomie und Kultur im Zentrum”, das zum 10-jährigen Jubiläum 1998 des Kulturzentrums erschienenen ist.

 

Verkommerzialisiert(e) die Reitschule?

Besucht man heute, über 25 Jahre nach der erneuten Besetzung des Gebäudekomplexes die  Reitschule, ist von Selbstkostenpreis, Kollekte und Schamgefühl nicht mehr viel zu erkennen. Mit Ausnahme des Kinos und der ab und zu stattfindenden Soli- oder Gratis-Konzerte hat heute praktisch alles seinen fast marktüblichen Preis. Die Flasche Maisgold à  33cl kostet 5 Franken, der Dachstock-Eintritt je nach Auftritt um die 25 Franken, gelegentlich auch mal mehr.

 

Die antikommerzialistische Preispolitik der Reitschule liegt schon ein Weilchen zurück. So endet bereits der eingangs zitierte Abschnitt mit dem Satz: “Die meisten AG (Arbeitsgruppen, Anm. d. Red.) verkaufen ihre Dienstleistungen allerdings heute zu festgesetzten Preisen.”

Zugegeben, vergleicht man die Preise mit den Umliegenden Kulturlokalen, dürfen sich die Besucherinnen und Besucher der Reitschule nicht beklagen. Und doch drängt sich bei einer Auseinandersetzung mit der ökonomischen Geschichte der Reitschule die Frage auf: Verkommerzialisiert(e) die Reitschule?

 

Von der Soli-Kollekte zum Eintrittspreis

Zur Beantwortung dieser Frage sind zwei Entwicklungen in der Geschichte der Reitschule von zentraler Bedeutung. Einerseits fand eine Art “Normalisierungsprozess” statt. Die nach und nach und unter heftigen Diskussionen eingeführten Löhne wurden legalisiert, Gastgewerbebewilligung und Billetsteuer eingeführt und aus Gebrauchsleihverträgen mit der Satdt wurde der heutige Leistungsvertrag. Diese Veränderungen brachten finanzielle Auswirkungen mit sich: Abgaben an den Staat wie Steuern und AHV-Beiträge sowie die Vermehrung bezahlter Arbeit erhöhten die anfallenden Fixkosten für das Kulturzentrum.

 

Die zweite, für die Preispolitik der Reitschule wegweisende Entwicklung war der zunehmende Mangel an Solidarität. Konnte sich die Reitschule zunächst auf Kollektenbasis “freiwillig” finanzieren, wurden gegen Ende der 80er-Jahre aufgrund mangelnder Bereitschaft Kollekte zu bezahlen, schliesslich Eintrittspreise eingeführt, welche sich im Laufe der Zeit und ebenjener Normalisierung erhöhten.

 

Nebst den enstandenen Abgaben und weiteren Fixkosten wie zunehmende Band-Gagen, Instandhaltung der Infrastruktur, war und ist vor allem die interne Umverteilung wichtiger Verwendungszweck der Reitschul-Finanzen. Während die Gastrobetriebe Sous Le Pont und Rössli Geld an den Reitschule-Fonds abgeben können und das Konzertlokal Dachstock etwa selbsttragend ist, sind Arbeitsgruppen wie die Zeitung “Megafon” und der Infoladen auf Unterstützung angewiesen.

 

Von der Freiwilligkeit zum “Kommerz-Zwang”

Mit vermehrten Ausgaben und mangelnder Solidarität kam eine Art “Zwang zum Kommerz”, der sich mit der steigenden Popularität der Reitschule noch verschärfte. Zu sehr auf Konsum, zu sehr nach dem Schema “ich zahle, also bekomm’ ich” ausgerichtet, dürfte die Mentalität der unzähligen Reitschul-Besucherinnen und -Besucher sein, als dass ein klar antikommerzielles, auf Freiwilligkeit basierendes System noch funktionieren könnte. Oder in den Worten des langjährigen Reitschülers Tom Locher: “Ich, ich, ich und der Rest ist scheissegal. Ausgrenzung, keine Solidarität. Ein egozentrisches Gewinnerzielungsinteresse. Halt nicht unbedingt im finanziellen Sinne, sondern geistig, das eigene Selbstverständnis betreffend. Das ist wohl das grösste Problem in der Reitschule und für ihre Zukunft.»

Category Archives: Reitschule

Die nicht zurückhaltende Spezies Frau

Jua* drängt sich im Backstagebereich des Frauenraums auf ein Sofa. Die vier Frauen sind nicht nur eine Band, sondern auch gute Freundinnen, das spürt man. Bassistin Anuschka schätzt den persönlichen Austausch, die Freundschaft untereinander: “Die erste halbe Stunde im Bandraum verbringen wir mit persönlichen Gesprächen, wie es uns geht, in unseren Beziehungen, im Beruf…” Konflikte sprechen sie immer an, das sei wichtig. Mit einem Lächeln zu Songwriterin Chrige meint Anja: “Vielleicht wartet man manchmal einen Moment zu lange, aber ansprechen tun wir’s immer.”

Diese Harmonie zieht sich bis auf die Bühne. Jua* singt oft mehrstimmig. Mit Cajón, Bassgitarre, akustischer Gitarre und starken Stimmen entsteht ein feinfühliger Mix aus Country, Folk und Blues. Dies passt wunderbar in den Frauenraum, der immer wieder als der gemütlichste aller Räume der Reitschule bezeichnet wird.

Der Frauenraum will aber nicht nur gemütlich sein. Die Frauen-Jamsession “play yourself”, initiiert von der Cajón-Spielerin Anja, soll Frauen in ihrem musikalischen Schaffen bestärken. Leider hielten sich talentierte Frauen oft zurück im Musikbusiness, wagen sich kaum auf die Bühne. Oder wie es Chrige ehrlich ausdrückt: “Wenn ein toller Musiker mit Gitarre (macht Luftgitarren-Bewegungen) kommt und eine riesen Show macht, trauen sich danach viele nicht mehr auf die Bühne”. Im geschützten Rahmen fänden Frauen eher den Mut, ihr Können zu zeigen. Zweifel und Zurückhaltung, so Anja, seien wohl Gründe für die wenigen Frauen in der Bandszene. Warum es Jua* trotzdem gibt? “Wir sind eben nicht so! Wir nicht! Wir sind eben die Spezies, die nicht zurückhaltend ist, die gibt’s auch!“, sind sich unter Gelächter alle einig.

Im Frauenraum sind die vier auch privat regelmässig zu Gast. “Wenn ich in den Ausgang gehe, dann komme ich fast nur hierher.”, so Anuschka. Auch Anja hat eine jahrelange Verbindung zum Frauenraum. Neben den Jamsessions hat sie auch sonst im Kollektiv mitgewirkt. Mit 20 war sie zum ersten Mal hier, da habe sich eine Welt aufgetan für sie: “Ich kam aus dem Wallis, einer anderen Welt. Dort kannte man keine linke Szene.”

Zurück auf die Bühne: Jua* verzichtet auf viel Bewegung. Lieber konzentrieren sie sich auf ihr Zusammenspiel. Die vier Frauen bilden eine Einheit, schauen einander an, schliessen die Augen. Sie scheinen ihre Musik zu geniessen.

“Wenn ich die Leute aber dann so stehen sehe, (verschränkt die Arme) dann habe ich das Gefühl: „oh shit“ irgendwas ist wohl nicht in Ordnung”, so Chrige. Sie lasse sich leicht verunsichern, auch heute noch, nach einigen Jahren Bühnenerfahrung.

“Heute war gut” sagt Chrige und meint damit aber ihr schlimmes Lampenfieber. Auch Sängerin Nadja wird davon geplagt, lacht aber und sagt augenzwinkernd: “Wir haben Tabletten…Baldrian etwa” Dass die beiden manchmal auch während den Konzerten noch aufgeregt sind, konnten sie vor dem Publikum aber gut verstecken. Ob bei folkigen Tanzstücken oder feinen Balladen, die Musikerinnen wirkten souverän und selbstbewusst.

Das Publikum, egal welchen Geschlechts, lauschte mit Freude den melodischen Klängen, wippte oder tanzte mit den Beats des Cajón, und bedankte sich mit einem langen Applaus, wofür Jua* gleich noch eine Zugabe schenkte.

“Ich bin die Summe aller Teile”

Tink.ch: Wer bist du, Pablo?

Pablo Nouvelle: Oh, das kann ich dir nicht in zwei Sätzen erklären.

Tue es in drei.

(lacht, überlegt.)

Ich bin die Summe aller Teile.

Wie äussert sich das?

Beispielsweise bin ich zwar mit Hip-Hop aufgewachsen und habe in meiner Musik auch deutlich Soul-Komponenten enthalten, doch mach ich keinen Hip-Hop. Das, was das Publikum heute gehört hat, war kein Hip-Hop, oder?

Nein. Was ich heute gehört habe war das Wort: real. Zwei Jungs sind während des Konzerts stehen geblieben und einer meinte verblüfft: “Der ist einfach REAL!” Was sagst du dazu?

Real? Nein, wenn schon bin ich “ächt”. Real ist zu gangsterhaft. (Als er das ausspricht, hält er sich die geballte Hand vor den Mund, als wollte er beatboxen.)

Warum hat es ausgerechnet die Summe deiner Teile soweit geschafft?

Meine Vision der Arbeit entspricht eben dem Zeitgeist. Das hat viel mit Glück, Timing und einer Menge Arbeit zu tun. Ich würde jetzt aber nicht sagen, dass ich ein Star bin.

Wie erlebst du die Auftritte in England im Gegensatz zu denen in der Schweiz?

In der Schweiz bist du als Künstler auf weichen Kissen gebettet. Dagegen ist England ganz anders.

Inwiefern?

England ist roh. Da kriegst du als Künstler nie die Gage der Schweiz, von einer Hotelübernachtung ganz zu schweigen. Sich in England als Künstler durchzuschlagen, ist nicht leicht.

Zwischen den Liedern hast du gesagt: “Reithalle, schön gibt es euch! Ich glaube, dass ihr nie abgeschafft werdet. Mit keiner SVP-Kampagne.” Siehst du dich als Künstler verpflichtet, auch politische Statements unter die Leute zu bringen?

Meine Musik war lange Zeit unpolitisch. Doch meine Filme sind die Kehrseite meiner Musik. (Pablo hat an der Universität Luzern Animation studiert. Sein Abschlussfilm “Bon voyage” (2012) spricht die Flüchtlingsthematik an und gewann nationale sowie internationale Preise.) Darin spreche ich soziale Themen an, die nicht unbedingt politisch sein müssen. Auch gehöre ich keiner Partei an. Was mich beschäftigt, spreche ich aber an.

Findest du, dass die Politik einen Platz in der Kunst hat?

Sie soll einen Platz haben dürfen, aber es soll kein Muss für Künstler sein, über Politik zu sprechen.

In meinem privaten Umfeld spüre ich durchaus das politische Engagement, doch in der Kunst noch nicht so.

Du hast Animation, also Film, studiert und machst gleichzeitig Musik. Was kann das eine, was das andere nicht kann?

Ich sag es mal so: Musik gleich Herz, Film gleich Kopf.

Diese Frage wird von Künstlern im Allgemeinen sehr ungern beantwortet. Aber: Was machst du eigentlich für Musik?

(lacht) Warmen und emotionalen Soul. Drops, aber kein EDM (Electronic Dance Music). EDM wäre eine Beleidigung. Auf jeden Fall Elektro, aber auch mit Folk und Rockeinflüssen. Die Summe aller Teile eben.

Weitere Informationen

www.pablonouvelle.com

Das nächste Konzert findet diesen Freitag, den 30. Oktober, im Werkk Kulturlokal in Baden statt.

“Ich bin die Summe aller Teile”

Tink.ch: Wer bist du, Pablo?

Pablo Nouvelle: Oh, das kann ich dir nicht in zwei Sätzen erklären.

 

Tue es in drei.

(lacht, überlegt.)

Ich bin die Summe aller Teile.

 

Wie äussert sich das?

Beispielsweise bin ich zwar mit Hip-Hop aufgewachsen und habe in meiner Musik auch deutlich Soul-Komponenten enthalten, doch mach ich keinen Hip-Hop. Das, was das Publikum heute gehört hat, war kein Hip-Hop, oder?

 

Nein. Was ich heute gehört habe war das Wort: real. Zwei Jungs sind während des Konzerts stehen geblieben und einer meinte verblüfft: “Der ist einfach REAL!” Was sagst du dazu?

Real? Nein, wenn schon bin ich “ächt”. Real ist zu gangsterhaft. (Als er das ausspricht, hält er sich die geballte Hand vor den Mund, als wollte er beatboxen.)

 

Warum hat es ausgerechnet die Summe deiner Teile soweit geschafft?

Meine Vision der Arbeit entspricht eben dem Zeitgeist. Das hat viel mit Glück, Timing und einer Menge Arbeit zu tun. Ich würde jetzt aber nicht sagen, dass ich ein Star bin.

 

Wie erlebst du die Auftritte in England im Gegensatz zu denen in der Schweiz?

In der Schweiz bist du als Künstler auf weichen Kissen gebettet. Dagegen ist England ganz anders.

 

Inwiefern?

England ist roh. Da kriegst du als Künstler nie die Gage der Schweiz, von einer Hotelübernachtung ganz zu schweigen. Sich in England als Künstler durchzuschlagen, ist nicht leicht.

 

Zwischen den Liedern hast du gesagt: “Reithalle, schön gibt es euch! Ich glaube, dass ihr nie abgeschafft werdet. Mit keiner SVP-Kampagne.” Siehst du dich als Künstler verpflichtet, auch politische Statements unter die Leute zu bringen?

Meine Musik war lange Zeit unpolitisch. Doch meine Filme sind die Kehrseite meiner Musik. (Pablo hat an der Universität Luzern Animation studiert. Sein Abschlussfilm “Bon voyage” (2012) spricht die Flüchtlingsthematik an und gewann nationale sowie internationale Preise.) Darin spreche ich soziale Themen an, die nicht unbedingt politisch sein müssen. Auch gehöre ich keiner Partei an. Was mich beschäftigt, spreche ich aber an.

 

Findest du, dass die Politik einen Platz in der Kunst hat?

Sie soll einen Platz haben dürfen, aber es soll kein Muss für Künstler sein, über Politik zu sprechen.

In meinem privaten Umfeld spüre ich durchaus das politische Engagement, doch in der Kunst noch nicht so.

 

Du hast Animation, also Film, studiert und machst gleichzeitig Musik. Was kann das eine, was das andere nicht kann?

Ich sag es mal so: Musik gleich Herz, Film gleich Kopf.

 

Diese Frage wird von Künstlern im Allgemeinen sehr ungern beantwortet. Aber: Was machst du eigentlich für Musik?

(lacht) Warmen und emotionalen Soul. Drops, aber kein EDM (Electronic Dance Music). EDM wäre eine Beleidigung. Auf jeden Fall Elektro, aber auch mit Folk und Rockeinflüssen. Die Summe aller Teile eben.

 

 

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Das nächste Konzert findet diesen Freitag, den 30. Oktober, im Werkk Kulturlokal in Baden statt.

“Chillen mit Marx”

Um sieben Uhr abends ist noch nicht viel los auf dem Vorplatz der Reitschule. Das wird sich bald ändern. Der Freitagabend ist noch jung und das Reitschulfest lockt. Zu den treuen Reitschulgängern werden heute viele weitere Besuchende erwartet.

Seit 25 Jahren wird die Reitschule immer wieder in Frage gestellt. Die neuste Unterschriftensammlung hat gerade erst begonnen. Falls die kantonale Volksinitiative zu Stande kommt, wird es die sechste Prüfung an der Urne seit 1990. Noch älter als die Geschichte der Urnenabstimmungen ist gemäss den Veranstaltern das Reitschulefest. Zum 28. Mal lockt das Fest am Wochenende mit Musik, Theater und Kino.

Arbeitsgruppen

Als Auftakt des Reitschulefests führen zwei Reitschüler neugierige Besuchende durch die in den frühen Abendstunden noch leeren Räume des Kulturzentrums. Mit einem Bier in der Hand erklärt der eine – mit Namen wollen beide nicht genannt werden – die für Aussenstehende manchmal komplizierten Strukturen der Reitschule. Ein Reitschüler, eine Reitschülerin zu sein, bedeutet in der Szene, in einer der vielen AGs mitzuwirken. In der antikapitalistischen Reitschulwelt steht diese Abkürzung für Arbeitsgruppe. Diese organisieren den Betrieb ihres jeweiligen Raumes.

In der kleinen und engen Druckerei etwa werden Flyer, das Hausmagazin megafon, aber auch externe Aufträge auf Papier gebracht. Vis à vis befindet sich das Kino, wo Stallboden und Heuraufe an die Ursprünge der Reitschule erinnern und für ein besonderes Flair sorgen. Heute werden hier die beiden Reitschul-Streifen von Andreas Berger gezeigt.

Im normalen Betrieb wird im Kino lediglich um eine Kollekte gebeten. Manchmal seien die Beträge ziemlich frustrierend, sagt ein Kino-Mitglied. Weshalb der geliebte, aber teure 35mm-Film leider oft den DVDs weichen müsse.

Heterogene Reitschule

Die AGs sind, abgesehen von den Verpflichtungen durch Statuten und Manifest, autonom. Das heisst, sie können beispielsweise selbst bestimmen, ob und wie sie ihre Mitgliederentlöhnen. Mehrere Reitschüler bestätigen, dass dies innerhalb der Reitschule immer wieder zu Spannungen führe. Auch in der Reitschule finde man eben ein weites, diverses Meinungsbild, so ein Mitglied des Tojo-Theater.

Im zweiten Stock, über dem Kino, befindet sich der Frauenraum. An der Wand sind in grossen Lettern die Schlagworte des Manifests aufgemalt. Kein Sexismus. Keine Homophobie. Der wohl gemütlichste aller Reitschulräume ist aber trotz seiner Bezeichnung meist für alle Geschlechter offen. Einzig die ehrenamtlich arbeitenden “Kollektivas” sind alles Frauen, und die auftretenden Musikbands müssen mindestens zur Hälfte weibliche Mitglieder haben.

Konsenszwang

Im Raum daneben, im Körperdojo, werden verschiedene Kurse angeboten. So unterschiedlich die Sichtweisen in der Reitschule sind, so ist hier auch das Bewegungsangebot: Es reicht von Yoga über Poledance bis “Grr”, dem Kampfsporttraining. Ausserhalb des Dojos versucht man laut Manifest aber, Konflikte gewaltfrei zu lösen.

Konsens statt Konflikte gilt auch an den Versammlungen der Reitschüler. Alle Entscheide werden basisdemokratisch entschieden. Ein einziger Skeptiker kann also einen Beschluss verhindern. Dies sei anstrengend, sagt eine Mitarbeiterin des Dachstocks. Es habe sich wohl schon jeder einmal aufgeregt über stundenlange Sitzungen ohne handfestes Resultat. Die Basisdemokratie zwinge die Reitschüler aber, einander zuzuhören und vielfältige Sichtweisen anzuerkennen.

Rotes Theater

Das Tojo Theater ist eine der wenigen Gruppen, die sich Löhne ausbezahlen. Am Reitschulefest läuft hier “Chillen mit Marx”. An die Wände wird in rotem Licht ein Foto von Marx projeziert. Dazu passend gibt’s rote Getränke an der Bar und die AG-Mitglieder lesen hinter langen Bärten Zitate aus Marx’ Werken. Eine eigene Theatergruppe hat das Tojo Theater allerdings nicht mehr. Theatergruppen, auch internationale, können das Tojo mieten, als Gage dienen die Einnahmen aus den Billet- und Barverkäufen. Ohne Subventionen der Stadt würde das Theater allerdings nicht überleben.

Im Gegensatz zum Tojo hat der Dachstock durch regelmässig grössere Anlässe höhere Einnahmen. Diese indes kommen durch die interne Quersubventionierung allen AGs und somit der gesamten Reitschule zu Gute. Genau hier lauern Fragen, die schon zu so manchen kontroversen Diskussionen in der Reitschule geführt haben: Wie viel ökonomisches Handeln erträgt die Reitschule? Vertragen sich die Preise mit der Reitschulkultur? Oder werden finanziell Schwächere mit hohen Eintrittspreisen ausgeschlossen – wo die Reitschule offen für alle sein will.

Unter dem Dachstock liegen das Restaurant Sous le Pont und die Rössli-Bar. Die Endstation unserer Tour bot in den Anfängen der Reitschule häufig Zuflucht für die Drogenszene auf dem Vorplatz. Als Gegenmassnahme liessen die Behörden den Raum des heutigen Rössli mit Beton, Sand und Kies füllen. Die Vorplatzbewohner verschwanden, das Drogenproblem blieb und bleibt bis heute. Diesen Frühling lancierte die Interessengemeinschaft Kulturraum Reitschule (Ikur) deshalb die Kampagne “No Deal Area”. Ist sie erfolgreich, so wäre ein erster Schritt für die nächste Urnenprüfung getan.

“Ich fühle mich so gut wie überall wohl”

Es ist ein kalter, nebliger Morgen. Wir folgen Berivan ins Gebäude. Ihr schwarzes Haar wippt leicht hin und her. Zügig läuft sie durch die Gänge, vorbei an Wäscheleinen, spielenden Kindern, leise diskutierenden Erwachsenen. Dabei erzählt uns die Syrierin ihre Geschichte. Wie es dazu kam, dass sie und ihr Ehemann in dieser alten, überfüllten bulgarischen Schule ihre Flitterwochen verbringen.

 

Diese Szene filmte die Dokumentarfilmerin Eileen Hofer schon im Frühjahr 2013. Sie lernte Berivan in einem Flüchtlingsheim kennen, als sie aus eigener Initiative nach Bulgarien reiste, um den Flüchtlingen lebensnotwendige Spenden zu bringen. In nur einer Stunde entstand so ihr Kurzfilm “My Honeymoon” – meine Flitterwochen.

 

Wie in vielen ihrer Filme gibt die Protagonistin viel von sich preis. Auch wenn das Gesicht von Berivan nur am Schluss ganz kurz gezeigt wird, taucht man für knappe vier Minuten in ihr Leben, ihre Ängste und Hoffnungen ein.

Eileen Hofer hatte die Syrierin nur eine Stunde zuvor getroffen, und trotzdem entstand ein sehr persönliches Porträt. Dass dies möglich war, erklärt Hofer mit ihren eigenen Wurzeln im Mittleren Osten: “Das verbindet, auch wenn ich nicht Arabisch spreche.”

 

Gefilmt hat die Genferin schon an vielen unterschiedlichen Orten: Neben Bulgarien etwa auch in Afghanistan, Aserbaidschan und auf Kuba. Dank ihrem familiären Hintergrund, aber auch durch zahlreiche, teils längere Reisen hat Hofer die Welt und ihre verschiedenen Kulturen und Bürger kennengelernt. Dies erleichtere ihre Arbeit. Sie fühle sich fast überall schnell wohl, und auch ihre Protagonisten fassten rasch Vertrauen zu ihr. In Aserbaidschan wurde sie gar noch während den Dreharbeiten zu einer Hochzeit eingeladen.

 

Berivans Traum, nach Deutschland zu können, ist inzwischen wahr geworden. Wie es ihr heute geht, weiss Hofer allerdings nicht. Sie macht sich aber keine Sorgen: “Berivan ist eine starke Frau, spricht Englisch und hatte Zugang zu universitärer Bildung.”

 

Die Themen Immigration, Heimat und Identitätsfindung sind ein ständiger Begleiter in Hofers Filmen. So ist “My Honeymoon” auch ein wichtiger Beitrag in der aktuellen Asyldebatte. In einem Interview von Arte meint Hofer, dass die Menschen trotz unterschiedlicher Kulturen, Hintergründe und Wurzeln alle irgendwie gleich seien. “Das ist der Kern meiner Filme, diese Türen zu öffnen. Wir essen, wir mögen es zu lachen, wir mögen es, zu lieben.”

 

Mehr zum Thema


Bereits zum 13. Mal findet in Bern und der ganzen Welt das Kurzfilmfestival shnit statt. Ursprünglich ein Kurzfilmabend in der Reitschule, ist das shnit heute ein bedeutendes internationales Kurzfilmfestival, welches unter anderem auch in Kyoto und Buenos Aires stattfindet. Vom 7. bis 11. Oktober werden in Bern an 13 Spielstätten Kurzfilme gezeigt. Sowohl jede erdenkliche Kulisse – Kirche, Bahnhof bis Cincebad- wie auch jeder mögliche Filmvorliebe– Zeichentrick, Doku bis Komödie – wird dabei bedient.

Kann man den Summer Beach doch mögen?

Alle Jahre im Mai öffnet das Marzili seine Tore, bringen die Beizen ihre Tische nach draussen, stellen die Gelaterias ihre neuen Kreationen für den Sommer vor. Seit ein paar Jahren schon gesellt sich eine neue Attraktion dazu: der eingezäunte Sandkasten auf der Grossen Schanze, der “Summer Beach”.

 

Und immer am Anfang des Sommers nerve ich mich wieder aufs Neue. Pünktlich wenn ich, die Füsse im kühlen Lebensbrunnen (ja, er heisst wirklich so!), die wärmeren Temperaturen nun endlich so richtig geniessen könnte, kommen sie angefahren. Mit ihren Gittern. Dem Quarzsand. Den Rattan Lounches. Den tosenden Generatoren. Vergangenen Samstag nahm die Dauerveranstaltung ein Ende, wurde der öffentliche Platz wieder der Öffentlichkeit übergeben. Bevor sich der Quarzsand verabschiedete, musste ich mich jedoch einem Selbstversuch unterziehen.

 

Erste Runde

Nun gut, der Sandkasten ist da, und ein paar aufgebrachte Bernerinnen und Berner werden dieses Unding nicht vertreiben können. Meine späte Beichte: Vor diesem Selbstversuch war ich noch nie drin. Ich komme mir ein wenig vor wie all die Reitschul-Gegner, die einmal mit dem Zug die Reitschule passieren, die Graffitis sehen und dann zu Hause Erich Hess applaudieren.

 

Deshalb habe ich einen Selbstversuch unternommen, den Summer Beach doch zu mögen. Oder ihn mir wenigstens schön zu trinken. Denn mit den Übeln des Lebens lebt es sich leichter, wenn man sie zumindest akzeptieren kann.

 

Die erste Runde (eher teures) Bier ist bestellt. Die weissen Kunstledermatratzen erinnern mich an etwas zwischen Arztliegen und meiner Vorstellung von Matratzen in einem Stundenhotel. So entscheide ich mich nach einem kurzen Probeliegen doch für den kleinen Liegestuhl.

 

Die Inhaber geben an, mit dem Summer Beach die Grosse Schanze zu beleben. Was wollen sie denn beleben? Bis Ende April war die ganze Schanze belebt, und ab Ende August wird sie es auch wieder sein: Familien am Spielen, Arbeitnehmer am Mittagessen, Punks am Tanzen. Ein strahlendes Kunterbunt aus allen Ecken Berns.

 

Zweite Runde

Warum ich mit dem Summer Beach nicht so wirklich warm werde? Den ganzen Sommer über blockiert er den Platz um den Brunnen, obwohl er dann doch nur ab vier Uhr und nur bei schönem Wetter geöffnet ist. Er verdrängt das strahlende Kunterbunt. Und ausserdem ist er, ganz klar, einfach hässlich, zumindest von aussen gesehen.

 

Herrje, es könnte so schön sein, so gemütlich. Aber nein, jedes Fleckchen der Stadt Bern wird in der Sommerzeit bis zum letzten Millimeter von kommerziellen Veranstaltern genutzt.

 

Nun – mittlerweile nippe ich am zweiten Bier – wechsle ich auf ein “fatboy” Sitzkissen. Dies fühlt sich leider weniger gemütlich an, als es aussieht. Dafür habe ich einen optimalen Ausblick auf den schönen Abendhimmel beim Eindunkeln. Den kann ich allerdings auch sonst wo haben. Überhaupt frage ich mich, warum gerade dieser Platz für den Summer Beach herhalten muss. Einmal drin, hat man sowieso nur noch Aussicht auf die Bastzäune.

 

Dritte Runde

Die ewige Kommerzialisierung macht weder vor der Stadt, noch vor der Grossen Schanze halt. Der Summer Beach ist zwar von innen durchaus gemütlicher, als man von aussen erahnen könnte. Als sommerüberdauernde Attraktion auf einem so prominenten Platz würde ich mir allerdings ein etwas anderes, offeneres, weniger auf Kommerz ausgerichtetes Angebot wünschen.

 

Beim dritten Bier angelangt, werde ich aufgefordert, den Sandkasten wegen aufziehenden Regens zu verlassen. Wirklich traurig bin ich nicht über das frühzeitige Ende meines Selbstversuchs. Auch bei den anderen Besuchern kommt nicht so richtig Stimmung auf. Ich beobachte fünf Leute zusammen auf einem Bett – pardon, Baldachin – alle sind aber nur mit ihren Smartphones beschäftigt. Ob vielleicht die weissen Kunstledermatrazen die Stimmung bremsen?

 

Fazit

Gut finde ich, dass ich mal im Sandkasten drin war. Besser finde ich, dass ich wieder draussen bin. Auf dem Rasen der Grossen Schanze fühle ich mich wesentlich wohler. Doch da selbst dort während einem Monat die Leinwand des Salzkinos dafür sorgt, dass beinahe kein Platz mehr fürs Verweilen auf der grossen Wiese bleibt, wird dieser Genuss auch nur kurz währen. Aber man soll ja sowieso den Moment geniessen. Eben nur nicht dann, wenn einem grosse Veranstalter diesen streitig machen.

“Der Vorplatz ist der beste Kompromiss”

“Vorplatz”: Das Wort nimmt Bezug auf etwas, das nach ihm steht. Sie sind zwar oft rege frequentiert, aber nur selten belebt. Aus diesem Grund verdient der Reitschulvorplatz eigentlich einen anderen Namen.

 

Die Berner Reitschule lebt von der Vielfältigkeit ihrer Glieder. Tojo, Dachstock, Sous le pont oder Rössli sind nicht wegzudenken, ebensowenig der Vorplatz. Er hat sein eigenes Publikum und ist in diesem Sinne auch kein Anhängsel sondern ein gleichwertiger Teil der Reitschule.

 

Freiluftdisco ohne Ohrenschmerzen

In der Nacht verwandelt er sich regelmässig zur der meistbesuchten Freiluftdisco in Bern. Eine Musikanlage beschallt den Betonplatz dann mit 90dB unverwechselbarem Revoluzzer-Punkrock. Der Schalldruck verflüchtigt sich aufgrund der fehlenden Überdachung rasch in der Nacht, sodass die Atmosphäre zwar durch die Musik geprägt, anders als in einer Disco aber nicht von ihr dominiert ist.

 

Man muss sich deshalb keineswegs die Ohren mit daumengrossen Schaumstoffdübeln verschliessen, um einen Gehörschaden vorzubeugen, im Gegenteil: Gerede und Musik bilden eine unverwechselbare Geräuschkulisse, die sowohl fürs Tanzen, als auch für Gespräche einen angenehmen Hintergrund bietet.

 

Kein bestimmtes Prädikat

Folglich gibt es Tanzende, die reden, und Redende, die tanzen – inklusive sämtlicher Zwischenstufen. Der Vorplatz ist ein Kompromiss, aber gleichwohl das Beste, was aus dem kargen Betonplatz zu machen ist. Ihm ein bestimmtes Prädikat anheften zu wollen, wäre falsch.

 

Die Popularität des Vorplatzes rührt gerade daher, dass er eben nicht komplett in ein Schema einzuordnen ist. Weder macht ihn die Piratenbar kommerziell – man kann ja sein Bier auch selber mitbringen – noch räumt ihm der Pingpong-Tisch den Status als Sportplatz ein. Der Vorplatz ist ein alternativloses Unikat.

 

Dieser Artikel erschien zuerst auf www.journal-b.ch. Journal B ist ein unabhängiges Online-Medium für die Stadt Bern, das mehrmals wöchentlich Artikel in den Bereichen Politik, Alltag und Kultur publiziert.

Zwischen Solidarität und Selbstsucht

“Das Verhältnis zum Geld blieb in der Reithalle-Gegenkultur widersprüchlich und uneinheitlich. Wurden die Waren und Dienstleistungen zuerst überhaupt gratis oder zum Selbstkostenpreis angeboten, behalf man sich danach beim Eintritt zu Veranstaltungen jahrelang schamhaft mit Kollekten”, heisst es im Buch “Reithalle Bern – Autonomie und Kultur im Zentrum”, das zum 10-jährigen Jubiläum 1998 des Kulturzentrums erschienenen ist.

 

Verkommerzialisiert(e) die Reitschule?

Besucht man heute, über 25 Jahre nach der erneuten Besetzung des Gebäudekomplexes die  Reitschule, ist von Selbstkostenpreis, Kollekte und Schamgefühl nicht mehr viel zu erkennen. Mit Ausnahme des Kinos und der ab und zu stattfindenden Soli- oder Gratis-Konzerte hat heute praktisch alles seinen fast marktüblichen Preis. Die Flasche Maisgold à  33cl kostet 5 Franken, der Dachstock-Eintritt je nach Auftritt um die 25 Franken, gelegentlich auch mal mehr.

 

Die antikommerzialistische Preispolitik der Reitschule liegt schon ein Weilchen zurück. So endet bereits der eingangs zitierte Abschnitt mit dem Satz: “Die meisten AG (Arbeitsgruppen, Anm. d. Red.) verkaufen ihre Dienstleistungen allerdings heute zu festgesetzten Preisen.”

Zugegeben, vergleicht man die Preise mit den Umliegenden Kulturlokalen, dürfen sich die Besucherinnen und Besucher der Reitschule nicht beklagen. Und doch drängt sich bei einer Auseinandersetzung mit der ökonomischen Geschichte der Reitschule die Frage auf: Verkommerzialisiert(e) die Reitschule?

 

Von der Soli-Kollekte zum Eintrittspreis

Zur Beantwortung dieser Frage sind zwei Entwicklungen in der Geschichte der Reitschule von zentraler Bedeutung. Einerseits fand eine Art “Normalisierungsprozess” statt. Die nach und nach und unter heftigen Diskussionen eingeführten Löhne wurden legalisiert, Gastgewerbebewilligung und Billetsteuer eingeführt und aus Gebrauchsleihverträgen mit der Satdt wurde der heutige Leistungsvertrag. Diese Veränderungen brachten finanzielle Auswirkungen mit sich: Abgaben an den Staat wie Steuern und AHV-Beiträge sowie die Vermehrung bezahlter Arbeit erhöhten die anfallenden Fixkosten für das Kulturzentrum.

 

Die zweite, für die Preispolitik der Reitschule wegweisende Entwicklung war der zunehmende Mangel an Solidarität. Konnte sich die Reitschule zunächst auf Kollektenbasis “freiwillig” finanzieren, wurden gegen Ende der 80er-Jahre aufgrund mangelnder Bereitschaft Kollekte zu bezahlen, schliesslich Eintrittspreise eingeführt, welche sich im Laufe der Zeit und ebenjener Normalisierung erhöhten.

 

Nebst den enstandenen Abgaben und weiteren Fixkosten wie zunehmende Band-Gagen, Instandhaltung der Infrastruktur, war und ist vor allem die interne Umverteilung wichtiger Verwendungszweck der Reitschul-Finanzen. Während die Gastrobetriebe Sous Le Pont und Rössli Geld an den Reitschule-Fonds abgeben können und das Konzertlokal Dachstock etwa selbsttragend ist, sind Arbeitsgruppen wie die Zeitung “Megafon” und der Infoladen auf Unterstützung angewiesen.

 

Von der Freiwilligkeit zum “Kommerz-Zwang”

Mit vermehrten Ausgaben und mangelnder Solidarität kam eine Art “Zwang zum Kommerz”, der sich mit der steigenden Popularität der Reitschule noch verschärfte. Zu sehr auf Konsum, zu sehr nach dem Schema “ich zahle, also bekomm’ ich” ausgerichtet, dürfte die Mentalität der unzähligen Reitschul-Besucherinnen und -Besucher sein, als dass ein klar antikommerzielles, auf Freiwilligkeit basierendes System noch funktionieren könnte. Oder in den Worten des langjährigen Reitschülers Tom Locher: “Ich, ich, ich und der Rest ist scheissegal. Ausgrenzung, keine Solidarität. Ein egozentrisches Gewinnerzielungsinteresse. Halt nicht unbedingt im finanziellen Sinne, sondern geistig, das eigene Selbstverständnis betreffend. Das ist wohl das grösste Problem in der Reitschule und für ihre Zukunft.»

Category Archives: Reitschule

Die nicht zurückhaltende Spezies Frau

Jua* drängt sich im Backstagebereich des Frauenraums auf ein Sofa. Die vier Frauen sind nicht nur eine Band, sondern auch gute Freundinnen, das spürt man. Bassistin Anuschka schätzt den persönlichen Austausch, die Freundschaft untereinander: “Die erste halbe Stunde im Bandraum verbringen wir mit persönlichen Gesprächen, wie es uns geht, in unseren Beziehungen, im Beruf…” Konflikte sprechen sie immer an, das sei wichtig. Mit einem Lächeln zu Songwriterin Chrige meint Anja: “Vielleicht wartet man manchmal einen Moment zu lange, aber ansprechen tun wir’s immer.”

Diese Harmonie zieht sich bis auf die Bühne. Jua* singt oft mehrstimmig. Mit Cajón, Bassgitarre, akustischer Gitarre und starken Stimmen entsteht ein feinfühliger Mix aus Country, Folk und Blues. Dies passt wunderbar in den Frauenraum, der immer wieder als der gemütlichste aller Räume der Reitschule bezeichnet wird.

Der Frauenraum will aber nicht nur gemütlich sein. Die Frauen-Jamsession “play yourself”, initiiert von der Cajón-Spielerin Anja, soll Frauen in ihrem musikalischen Schaffen bestärken. Leider hielten sich talentierte Frauen oft zurück im Musikbusiness, wagen sich kaum auf die Bühne. Oder wie es Chrige ehrlich ausdrückt: “Wenn ein toller Musiker mit Gitarre (macht Luftgitarren-Bewegungen) kommt und eine riesen Show macht, trauen sich danach viele nicht mehr auf die Bühne”. Im geschützten Rahmen fänden Frauen eher den Mut, ihr Können zu zeigen. Zweifel und Zurückhaltung, so Anja, seien wohl Gründe für die wenigen Frauen in der Bandszene. Warum es Jua* trotzdem gibt? “Wir sind eben nicht so! Wir nicht! Wir sind eben die Spezies, die nicht zurückhaltend ist, die gibt’s auch!“, sind sich unter Gelächter alle einig.

Im Frauenraum sind die vier auch privat regelmässig zu Gast. “Wenn ich in den Ausgang gehe, dann komme ich fast nur hierher.”, so Anuschka. Auch Anja hat eine jahrelange Verbindung zum Frauenraum. Neben den Jamsessions hat sie auch sonst im Kollektiv mitgewirkt. Mit 20 war sie zum ersten Mal hier, da habe sich eine Welt aufgetan für sie: “Ich kam aus dem Wallis, einer anderen Welt. Dort kannte man keine linke Szene.”

Zurück auf die Bühne: Jua* verzichtet auf viel Bewegung. Lieber konzentrieren sie sich auf ihr Zusammenspiel. Die vier Frauen bilden eine Einheit, schauen einander an, schliessen die Augen. Sie scheinen ihre Musik zu geniessen.

“Wenn ich die Leute aber dann so stehen sehe, (verschränkt die Arme) dann habe ich das Gefühl: „oh shit“ irgendwas ist wohl nicht in Ordnung”, so Chrige. Sie lasse sich leicht verunsichern, auch heute noch, nach einigen Jahren Bühnenerfahrung.

“Heute war gut” sagt Chrige und meint damit aber ihr schlimmes Lampenfieber. Auch Sängerin Nadja wird davon geplagt, lacht aber und sagt augenzwinkernd: “Wir haben Tabletten…Baldrian etwa” Dass die beiden manchmal auch während den Konzerten noch aufgeregt sind, konnten sie vor dem Publikum aber gut verstecken. Ob bei folkigen Tanzstücken oder feinen Balladen, die Musikerinnen wirkten souverän und selbstbewusst.

Das Publikum, egal welchen Geschlechts, lauschte mit Freude den melodischen Klängen, wippte oder tanzte mit den Beats des Cajón, und bedankte sich mit einem langen Applaus, wofür Jua* gleich noch eine Zugabe schenkte.

“Ich bin die Summe aller Teile”

Tink.ch: Wer bist du, Pablo?

Pablo Nouvelle: Oh, das kann ich dir nicht in zwei Sätzen erklären.

Tue es in drei.

(lacht, überlegt.)

Ich bin die Summe aller Teile.

Wie äussert sich das?

Beispielsweise bin ich zwar mit Hip-Hop aufgewachsen und habe in meiner Musik auch deutlich Soul-Komponenten enthalten, doch mach ich keinen Hip-Hop. Das, was das Publikum heute gehört hat, war kein Hip-Hop, oder?

Nein. Was ich heute gehört habe war das Wort: real. Zwei Jungs sind während des Konzerts stehen geblieben und einer meinte verblüfft: “Der ist einfach REAL!” Was sagst du dazu?

Real? Nein, wenn schon bin ich “ächt”. Real ist zu gangsterhaft. (Als er das ausspricht, hält er sich die geballte Hand vor den Mund, als wollte er beatboxen.)

Warum hat es ausgerechnet die Summe deiner Teile soweit geschafft?

Meine Vision der Arbeit entspricht eben dem Zeitgeist. Das hat viel mit Glück, Timing und einer Menge Arbeit zu tun. Ich würde jetzt aber nicht sagen, dass ich ein Star bin.

Wie erlebst du die Auftritte in England im Gegensatz zu denen in der Schweiz?

In der Schweiz bist du als Künstler auf weichen Kissen gebettet. Dagegen ist England ganz anders.

Inwiefern?

England ist roh. Da kriegst du als Künstler nie die Gage der Schweiz, von einer Hotelübernachtung ganz zu schweigen. Sich in England als Künstler durchzuschlagen, ist nicht leicht.

Zwischen den Liedern hast du gesagt: “Reithalle, schön gibt es euch! Ich glaube, dass ihr nie abgeschafft werdet. Mit keiner SVP-Kampagne.” Siehst du dich als Künstler verpflichtet, auch politische Statements unter die Leute zu bringen?

Meine Musik war lange Zeit unpolitisch. Doch meine Filme sind die Kehrseite meiner Musik. (Pablo hat an der Universität Luzern Animation studiert. Sein Abschlussfilm “Bon voyage” (2012) spricht die Flüchtlingsthematik an und gewann nationale sowie internationale Preise.) Darin spreche ich soziale Themen an, die nicht unbedingt politisch sein müssen. Auch gehöre ich keiner Partei an. Was mich beschäftigt, spreche ich aber an.

Findest du, dass die Politik einen Platz in der Kunst hat?

Sie soll einen Platz haben dürfen, aber es soll kein Muss für Künstler sein, über Politik zu sprechen.

In meinem privaten Umfeld spüre ich durchaus das politische Engagement, doch in der Kunst noch nicht so.

Du hast Animation, also Film, studiert und machst gleichzeitig Musik. Was kann das eine, was das andere nicht kann?

Ich sag es mal so: Musik gleich Herz, Film gleich Kopf.

Diese Frage wird von Künstlern im Allgemeinen sehr ungern beantwortet. Aber: Was machst du eigentlich für Musik?

(lacht) Warmen und emotionalen Soul. Drops, aber kein EDM (Electronic Dance Music). EDM wäre eine Beleidigung. Auf jeden Fall Elektro, aber auch mit Folk und Rockeinflüssen. Die Summe aller Teile eben.

Weitere Informationen

www.pablonouvelle.com

Das nächste Konzert findet diesen Freitag, den 30. Oktober, im Werkk Kulturlokal in Baden statt.

“Ich bin die Summe aller Teile”

Tink.ch: Wer bist du, Pablo?

Pablo Nouvelle: Oh, das kann ich dir nicht in zwei Sätzen erklären.

 

Tue es in drei.

(lacht, überlegt.)

Ich bin die Summe aller Teile.

 

Wie äussert sich das?

Beispielsweise bin ich zwar mit Hip-Hop aufgewachsen und habe in meiner Musik auch deutlich Soul-Komponenten enthalten, doch mach ich keinen Hip-Hop. Das, was das Publikum heute gehört hat, war kein Hip-Hop, oder?

 

Nein. Was ich heute gehört habe war das Wort: real. Zwei Jungs sind während des Konzerts stehen geblieben und einer meinte verblüfft: “Der ist einfach REAL!” Was sagst du dazu?

Real? Nein, wenn schon bin ich “ächt”. Real ist zu gangsterhaft. (Als er das ausspricht, hält er sich die geballte Hand vor den Mund, als wollte er beatboxen.)

 

Warum hat es ausgerechnet die Summe deiner Teile soweit geschafft?

Meine Vision der Arbeit entspricht eben dem Zeitgeist. Das hat viel mit Glück, Timing und einer Menge Arbeit zu tun. Ich würde jetzt aber nicht sagen, dass ich ein Star bin.

 

Wie erlebst du die Auftritte in England im Gegensatz zu denen in der Schweiz?

In der Schweiz bist du als Künstler auf weichen Kissen gebettet. Dagegen ist England ganz anders.

 

Inwiefern?

England ist roh. Da kriegst du als Künstler nie die Gage der Schweiz, von einer Hotelübernachtung ganz zu schweigen. Sich in England als Künstler durchzuschlagen, ist nicht leicht.

 

Zwischen den Liedern hast du gesagt: “Reithalle, schön gibt es euch! Ich glaube, dass ihr nie abgeschafft werdet. Mit keiner SVP-Kampagne.” Siehst du dich als Künstler verpflichtet, auch politische Statements unter die Leute zu bringen?

Meine Musik war lange Zeit unpolitisch. Doch meine Filme sind die Kehrseite meiner Musik. (Pablo hat an der Universität Luzern Animation studiert. Sein Abschlussfilm “Bon voyage” (2012) spricht die Flüchtlingsthematik an und gewann nationale sowie internationale Preise.) Darin spreche ich soziale Themen an, die nicht unbedingt politisch sein müssen. Auch gehöre ich keiner Partei an. Was mich beschäftigt, spreche ich aber an.

 

Findest du, dass die Politik einen Platz in der Kunst hat?

Sie soll einen Platz haben dürfen, aber es soll kein Muss für Künstler sein, über Politik zu sprechen.

In meinem privaten Umfeld spüre ich durchaus das politische Engagement, doch in der Kunst noch nicht so.

 

Du hast Animation, also Film, studiert und machst gleichzeitig Musik. Was kann das eine, was das andere nicht kann?

Ich sag es mal so: Musik gleich Herz, Film gleich Kopf.

 

Diese Frage wird von Künstlern im Allgemeinen sehr ungern beantwortet. Aber: Was machst du eigentlich für Musik?

(lacht) Warmen und emotionalen Soul. Drops, aber kein EDM (Electronic Dance Music). EDM wäre eine Beleidigung. Auf jeden Fall Elektro, aber auch mit Folk und Rockeinflüssen. Die Summe aller Teile eben.

 

 

Weitere Informationen


 

www.pablonouvelle.com

Das nächste Konzert findet diesen Freitag, den 30. Oktober, im Werkk Kulturlokal in Baden statt.

“Chillen mit Marx”

Um sieben Uhr abends ist noch nicht viel los auf dem Vorplatz der Reitschule. Das wird sich bald ändern. Der Freitagabend ist noch jung und das Reitschulfest lockt. Zu den treuen Reitschulgängern werden heute viele weitere Besuchende erwartet.

Seit 25 Jahren wird die Reitschule immer wieder in Frage gestellt. Die neuste Unterschriftensammlung hat gerade erst begonnen. Falls die kantonale Volksinitiative zu Stande kommt, wird es die sechste Prüfung an der Urne seit 1990. Noch älter als die Geschichte der Urnenabstimmungen ist gemäss den Veranstaltern das Reitschulefest. Zum 28. Mal lockt das Fest am Wochenende mit Musik, Theater und Kino.

Arbeitsgruppen

Als Auftakt des Reitschulefests führen zwei Reitschüler neugierige Besuchende durch die in den frühen Abendstunden noch leeren Räume des Kulturzentrums. Mit einem Bier in der Hand erklärt der eine – mit Namen wollen beide nicht genannt werden – die für Aussenstehende manchmal komplizierten Strukturen der Reitschule. Ein Reitschüler, eine Reitschülerin zu sein, bedeutet in der Szene, in einer der vielen AGs mitzuwirken. In der antikapitalistischen Reitschulwelt steht diese Abkürzung für Arbeitsgruppe. Diese organisieren den Betrieb ihres jeweiligen Raumes.

In der kleinen und engen Druckerei etwa werden Flyer, das Hausmagazin megafon, aber auch externe Aufträge auf Papier gebracht. Vis à vis befindet sich das Kino, wo Stallboden und Heuraufe an die Ursprünge der Reitschule erinnern und für ein besonderes Flair sorgen. Heute werden hier die beiden Reitschul-Streifen von Andreas Berger gezeigt.

Im normalen Betrieb wird im Kino lediglich um eine Kollekte gebeten. Manchmal seien die Beträge ziemlich frustrierend, sagt ein Kino-Mitglied. Weshalb der geliebte, aber teure 35mm-Film leider oft den DVDs weichen müsse.

Heterogene Reitschule

Die AGs sind, abgesehen von den Verpflichtungen durch Statuten und Manifest, autonom. Das heisst, sie können beispielsweise selbst bestimmen, ob und wie sie ihre Mitgliederentlöhnen. Mehrere Reitschüler bestätigen, dass dies innerhalb der Reitschule immer wieder zu Spannungen führe. Auch in der Reitschule finde man eben ein weites, diverses Meinungsbild, so ein Mitglied des Tojo-Theater.

Im zweiten Stock, über dem Kino, befindet sich der Frauenraum. An der Wand sind in grossen Lettern die Schlagworte des Manifests aufgemalt. Kein Sexismus. Keine Homophobie. Der wohl gemütlichste aller Reitschulräume ist aber trotz seiner Bezeichnung meist für alle Geschlechter offen. Einzig die ehrenamtlich arbeitenden “Kollektivas” sind alles Frauen, und die auftretenden Musikbands müssen mindestens zur Hälfte weibliche Mitglieder haben.

Konsenszwang

Im Raum daneben, im Körperdojo, werden verschiedene Kurse angeboten. So unterschiedlich die Sichtweisen in der Reitschule sind, so ist hier auch das Bewegungsangebot: Es reicht von Yoga über Poledance bis “Grr”, dem Kampfsporttraining. Ausserhalb des Dojos versucht man laut Manifest aber, Konflikte gewaltfrei zu lösen.

Konsens statt Konflikte gilt auch an den Versammlungen der Reitschüler. Alle Entscheide werden basisdemokratisch entschieden. Ein einziger Skeptiker kann also einen Beschluss verhindern. Dies sei anstrengend, sagt eine Mitarbeiterin des Dachstocks. Es habe sich wohl schon jeder einmal aufgeregt über stundenlange Sitzungen ohne handfestes Resultat. Die Basisdemokratie zwinge die Reitschüler aber, einander zuzuhören und vielfältige Sichtweisen anzuerkennen.

Rotes Theater

Das Tojo Theater ist eine der wenigen Gruppen, die sich Löhne ausbezahlen. Am Reitschulefest läuft hier “Chillen mit Marx”. An die Wände wird in rotem Licht ein Foto von Marx projeziert. Dazu passend gibt’s rote Getränke an der Bar und die AG-Mitglieder lesen hinter langen Bärten Zitate aus Marx’ Werken. Eine eigene Theatergruppe hat das Tojo Theater allerdings nicht mehr. Theatergruppen, auch internationale, können das Tojo mieten, als Gage dienen die Einnahmen aus den Billet- und Barverkäufen. Ohne Subventionen der Stadt würde das Theater allerdings nicht überleben.

Im Gegensatz zum Tojo hat der Dachstock durch regelmässig grössere Anlässe höhere Einnahmen. Diese indes kommen durch die interne Quersubventionierung allen AGs und somit der gesamten Reitschule zu Gute. Genau hier lauern Fragen, die schon zu so manchen kontroversen Diskussionen in der Reitschule geführt haben: Wie viel ökonomisches Handeln erträgt die Reitschule? Vertragen sich die Preise mit der Reitschulkultur? Oder werden finanziell Schwächere mit hohen Eintrittspreisen ausgeschlossen – wo die Reitschule offen für alle sein will.

Unter dem Dachstock liegen das Restaurant Sous le Pont und die Rössli-Bar. Die Endstation unserer Tour bot in den Anfängen der Reitschule häufig Zuflucht für die Drogenszene auf dem Vorplatz. Als Gegenmassnahme liessen die Behörden den Raum des heutigen Rössli mit Beton, Sand und Kies füllen. Die Vorplatzbewohner verschwanden, das Drogenproblem blieb und bleibt bis heute. Diesen Frühling lancierte die Interessengemeinschaft Kulturraum Reitschule (Ikur) deshalb die Kampagne “No Deal Area”. Ist sie erfolgreich, so wäre ein erster Schritt für die nächste Urnenprüfung getan.

“Ich fühle mich so gut wie überall wohl”

Es ist ein kalter, nebliger Morgen. Wir folgen Berivan ins Gebäude. Ihr schwarzes Haar wippt leicht hin und her. Zügig läuft sie durch die Gänge, vorbei an Wäscheleinen, spielenden Kindern, leise diskutierenden Erwachsenen. Dabei erzählt uns die Syrierin ihre Geschichte. Wie es dazu kam, dass sie und ihr Ehemann in dieser alten, überfüllten bulgarischen Schule ihre Flitterwochen verbringen.

 

Diese Szene filmte die Dokumentarfilmerin Eileen Hofer schon im Frühjahr 2013. Sie lernte Berivan in einem Flüchtlingsheim kennen, als sie aus eigener Initiative nach Bulgarien reiste, um den Flüchtlingen lebensnotwendige Spenden zu bringen. In nur einer Stunde entstand so ihr Kurzfilm “My Honeymoon” – meine Flitterwochen.

 

Wie in vielen ihrer Filme gibt die Protagonistin viel von sich preis. Auch wenn das Gesicht von Berivan nur am Schluss ganz kurz gezeigt wird, taucht man für knappe vier Minuten in ihr Leben, ihre Ängste und Hoffnungen ein.

Eileen Hofer hatte die Syrierin nur eine Stunde zuvor getroffen, und trotzdem entstand ein sehr persönliches Porträt. Dass dies möglich war, erklärt Hofer mit ihren eigenen Wurzeln im Mittleren Osten: “Das verbindet, auch wenn ich nicht Arabisch spreche.”

 

Gefilmt hat die Genferin schon an vielen unterschiedlichen Orten: Neben Bulgarien etwa auch in Afghanistan, Aserbaidschan und auf Kuba. Dank ihrem familiären Hintergrund, aber auch durch zahlreiche, teils längere Reisen hat Hofer die Welt und ihre verschiedenen Kulturen und Bürger kennengelernt. Dies erleichtere ihre Arbeit. Sie fühle sich fast überall schnell wohl, und auch ihre Protagonisten fassten rasch Vertrauen zu ihr. In Aserbaidschan wurde sie gar noch während den Dreharbeiten zu einer Hochzeit eingeladen.

 

Berivans Traum, nach Deutschland zu können, ist inzwischen wahr geworden. Wie es ihr heute geht, weiss Hofer allerdings nicht. Sie macht sich aber keine Sorgen: “Berivan ist eine starke Frau, spricht Englisch und hatte Zugang zu universitärer Bildung.”

 

Die Themen Immigration, Heimat und Identitätsfindung sind ein ständiger Begleiter in Hofers Filmen. So ist “My Honeymoon” auch ein wichtiger Beitrag in der aktuellen Asyldebatte. In einem Interview von Arte meint Hofer, dass die Menschen trotz unterschiedlicher Kulturen, Hintergründe und Wurzeln alle irgendwie gleich seien. “Das ist der Kern meiner Filme, diese Türen zu öffnen. Wir essen, wir mögen es zu lachen, wir mögen es, zu lieben.”

 

Mehr zum Thema


Bereits zum 13. Mal findet in Bern und der ganzen Welt das Kurzfilmfestival shnit statt. Ursprünglich ein Kurzfilmabend in der Reitschule, ist das shnit heute ein bedeutendes internationales Kurzfilmfestival, welches unter anderem auch in Kyoto und Buenos Aires stattfindet. Vom 7. bis 11. Oktober werden in Bern an 13 Spielstätten Kurzfilme gezeigt. Sowohl jede erdenkliche Kulisse – Kirche, Bahnhof bis Cincebad- wie auch jeder mögliche Filmvorliebe– Zeichentrick, Doku bis Komödie – wird dabei bedient.

Kann man den Summer Beach doch mögen?

Alle Jahre im Mai öffnet das Marzili seine Tore, bringen die Beizen ihre Tische nach draussen, stellen die Gelaterias ihre neuen Kreationen für den Sommer vor. Seit ein paar Jahren schon gesellt sich eine neue Attraktion dazu: der eingezäunte Sandkasten auf der Grossen Schanze, der “Summer Beach”.

 

Und immer am Anfang des Sommers nerve ich mich wieder aufs Neue. Pünktlich wenn ich, die Füsse im kühlen Lebensbrunnen (ja, er heisst wirklich so!), die wärmeren Temperaturen nun endlich so richtig geniessen könnte, kommen sie angefahren. Mit ihren Gittern. Dem Quarzsand. Den Rattan Lounches. Den tosenden Generatoren. Vergangenen Samstag nahm die Dauerveranstaltung ein Ende, wurde der öffentliche Platz wieder der Öffentlichkeit übergeben. Bevor sich der Quarzsand verabschiedete, musste ich mich jedoch einem Selbstversuch unterziehen.

 

Erste Runde

Nun gut, der Sandkasten ist da, und ein paar aufgebrachte Bernerinnen und Berner werden dieses Unding nicht vertreiben können. Meine späte Beichte: Vor diesem Selbstversuch war ich noch nie drin. Ich komme mir ein wenig vor wie all die Reitschul-Gegner, die einmal mit dem Zug die Reitschule passieren, die Graffitis sehen und dann zu Hause Erich Hess applaudieren.

 

Deshalb habe ich einen Selbstversuch unternommen, den Summer Beach doch zu mögen. Oder ihn mir wenigstens schön zu trinken. Denn mit den Übeln des Lebens lebt es sich leichter, wenn man sie zumindest akzeptieren kann.

 

Die erste Runde (eher teures) Bier ist bestellt. Die weissen Kunstledermatratzen erinnern mich an etwas zwischen Arztliegen und meiner Vorstellung von Matratzen in einem Stundenhotel. So entscheide ich mich nach einem kurzen Probeliegen doch für den kleinen Liegestuhl.

 

Die Inhaber geben an, mit dem Summer Beach die Grosse Schanze zu beleben. Was wollen sie denn beleben? Bis Ende April war die ganze Schanze belebt, und ab Ende August wird sie es auch wieder sein: Familien am Spielen, Arbeitnehmer am Mittagessen, Punks am Tanzen. Ein strahlendes Kunterbunt aus allen Ecken Berns.

 

Zweite Runde

Warum ich mit dem Summer Beach nicht so wirklich warm werde? Den ganzen Sommer über blockiert er den Platz um den Brunnen, obwohl er dann doch nur ab vier Uhr und nur bei schönem Wetter geöffnet ist. Er verdrängt das strahlende Kunterbunt. Und ausserdem ist er, ganz klar, einfach hässlich, zumindest von aussen gesehen.

 

Herrje, es könnte so schön sein, so gemütlich. Aber nein, jedes Fleckchen der Stadt Bern wird in der Sommerzeit bis zum letzten Millimeter von kommerziellen Veranstaltern genutzt.

 

Nun – mittlerweile nippe ich am zweiten Bier – wechsle ich auf ein “fatboy” Sitzkissen. Dies fühlt sich leider weniger gemütlich an, als es aussieht. Dafür habe ich einen optimalen Ausblick auf den schönen Abendhimmel beim Eindunkeln. Den kann ich allerdings auch sonst wo haben. Überhaupt frage ich mich, warum gerade dieser Platz für den Summer Beach herhalten muss. Einmal drin, hat man sowieso nur noch Aussicht auf die Bastzäune.

 

Dritte Runde

Die ewige Kommerzialisierung macht weder vor der Stadt, noch vor der Grossen Schanze halt. Der Summer Beach ist zwar von innen durchaus gemütlicher, als man von aussen erahnen könnte. Als sommerüberdauernde Attraktion auf einem so prominenten Platz würde ich mir allerdings ein etwas anderes, offeneres, weniger auf Kommerz ausgerichtetes Angebot wünschen.

 

Beim dritten Bier angelangt, werde ich aufgefordert, den Sandkasten wegen aufziehenden Regens zu verlassen. Wirklich traurig bin ich nicht über das frühzeitige Ende meines Selbstversuchs. Auch bei den anderen Besuchern kommt nicht so richtig Stimmung auf. Ich beobachte fünf Leute zusammen auf einem Bett – pardon, Baldachin – alle sind aber nur mit ihren Smartphones beschäftigt. Ob vielleicht die weissen Kunstledermatrazen die Stimmung bremsen?

 

Fazit

Gut finde ich, dass ich mal im Sandkasten drin war. Besser finde ich, dass ich wieder draussen bin. Auf dem Rasen der Grossen Schanze fühle ich mich wesentlich wohler. Doch da selbst dort während einem Monat die Leinwand des Salzkinos dafür sorgt, dass beinahe kein Platz mehr fürs Verweilen auf der grossen Wiese bleibt, wird dieser Genuss auch nur kurz währen. Aber man soll ja sowieso den Moment geniessen. Eben nur nicht dann, wenn einem grosse Veranstalter diesen streitig machen.

“Der Vorplatz ist der beste Kompromiss”

“Vorplatz”: Das Wort nimmt Bezug auf etwas, das nach ihm steht. Sie sind zwar oft rege frequentiert, aber nur selten belebt. Aus diesem Grund verdient der Reitschulvorplatz eigentlich einen anderen Namen.

 

Die Berner Reitschule lebt von der Vielfältigkeit ihrer Glieder. Tojo, Dachstock, Sous le pont oder Rössli sind nicht wegzudenken, ebensowenig der Vorplatz. Er hat sein eigenes Publikum und ist in diesem Sinne auch kein Anhängsel sondern ein gleichwertiger Teil der Reitschule.

 

Freiluftdisco ohne Ohrenschmerzen

In der Nacht verwandelt er sich regelmässig zur der meistbesuchten Freiluftdisco in Bern. Eine Musikanlage beschallt den Betonplatz dann mit 90dB unverwechselbarem Revoluzzer-Punkrock. Der Schalldruck verflüchtigt sich aufgrund der fehlenden Überdachung rasch in der Nacht, sodass die Atmosphäre zwar durch die Musik geprägt, anders als in einer Disco aber nicht von ihr dominiert ist.

 

Man muss sich deshalb keineswegs die Ohren mit daumengrossen Schaumstoffdübeln verschliessen, um einen Gehörschaden vorzubeugen, im Gegenteil: Gerede und Musik bilden eine unverwechselbare Geräuschkulisse, die sowohl fürs Tanzen, als auch für Gespräche einen angenehmen Hintergrund bietet.

 

Kein bestimmtes Prädikat

Folglich gibt es Tanzende, die reden, und Redende, die tanzen – inklusive sämtlicher Zwischenstufen. Der Vorplatz ist ein Kompromiss, aber gleichwohl das Beste, was aus dem kargen Betonplatz zu machen ist. Ihm ein bestimmtes Prädikat anheften zu wollen, wäre falsch.

 

Die Popularität des Vorplatzes rührt gerade daher, dass er eben nicht komplett in ein Schema einzuordnen ist. Weder macht ihn die Piratenbar kommerziell – man kann ja sein Bier auch selber mitbringen – noch räumt ihm der Pingpong-Tisch den Status als Sportplatz ein. Der Vorplatz ist ein alternativloses Unikat.

 

Dieser Artikel erschien zuerst auf www.journal-b.ch. Journal B ist ein unabhängiges Online-Medium für die Stadt Bern, das mehrmals wöchentlich Artikel in den Bereichen Politik, Alltag und Kultur publiziert.

Zwischen Solidarität und Selbstsucht

“Das Verhältnis zum Geld blieb in der Reithalle-Gegenkultur widersprüchlich und uneinheitlich. Wurden die Waren und Dienstleistungen zuerst überhaupt gratis oder zum Selbstkostenpreis angeboten, behalf man sich danach beim Eintritt zu Veranstaltungen jahrelang schamhaft mit Kollekten”, heisst es im Buch “Reithalle Bern – Autonomie und Kultur im Zentrum”, das zum 10-jährigen Jubiläum 1998 des Kulturzentrums erschienenen ist.

 

Verkommerzialisiert(e) die Reitschule?

Besucht man heute, über 25 Jahre nach der erneuten Besetzung des Gebäudekomplexes die  Reitschule, ist von Selbstkostenpreis, Kollekte und Schamgefühl nicht mehr viel zu erkennen. Mit Ausnahme des Kinos und der ab und zu stattfindenden Soli- oder Gratis-Konzerte hat heute praktisch alles seinen fast marktüblichen Preis. Die Flasche Maisgold à  33cl kostet 5 Franken, der Dachstock-Eintritt je nach Auftritt um die 25 Franken, gelegentlich auch mal mehr.

 

Die antikommerzialistische Preispolitik der Reitschule liegt schon ein Weilchen zurück. So endet bereits der eingangs zitierte Abschnitt mit dem Satz: “Die meisten AG (Arbeitsgruppen, Anm. d. Red.) verkaufen ihre Dienstleistungen allerdings heute zu festgesetzten Preisen.”

Zugegeben, vergleicht man die Preise mit den Umliegenden Kulturlokalen, dürfen sich die Besucherinnen und Besucher der Reitschule nicht beklagen. Und doch drängt sich bei einer Auseinandersetzung mit der ökonomischen Geschichte der Reitschule die Frage auf: Verkommerzialisiert(e) die Reitschule?

 

Von der Soli-Kollekte zum Eintrittspreis

Zur Beantwortung dieser Frage sind zwei Entwicklungen in der Geschichte der Reitschule von zentraler Bedeutung. Einerseits fand eine Art “Normalisierungsprozess” statt. Die nach und nach und unter heftigen Diskussionen eingeführten Löhne wurden legalisiert, Gastgewerbebewilligung und Billetsteuer eingeführt und aus Gebrauchsleihverträgen mit der Satdt wurde der heutige Leistungsvertrag. Diese Veränderungen brachten finanzielle Auswirkungen mit sich: Abgaben an den Staat wie Steuern und AHV-Beiträge sowie die Vermehrung bezahlter Arbeit erhöhten die anfallenden Fixkosten für das Kulturzentrum.

 

Die zweite, für die Preispolitik der Reitschule wegweisende Entwicklung war der zunehmende Mangel an Solidarität. Konnte sich die Reitschule zunächst auf Kollektenbasis “freiwillig” finanzieren, wurden gegen Ende der 80er-Jahre aufgrund mangelnder Bereitschaft Kollekte zu bezahlen, schliesslich Eintrittspreise eingeführt, welche sich im Laufe der Zeit und ebenjener Normalisierung erhöhten.

 

Nebst den enstandenen Abgaben und weiteren Fixkosten wie zunehmende Band-Gagen, Instandhaltung der Infrastruktur, war und ist vor allem die interne Umverteilung wichtiger Verwendungszweck der Reitschul-Finanzen. Während die Gastrobetriebe Sous Le Pont und Rössli Geld an den Reitschule-Fonds abgeben können und das Konzertlokal Dachstock etwa selbsttragend ist, sind Arbeitsgruppen wie die Zeitung “Megafon” und der Infoladen auf Unterstützung angewiesen.

 

Von der Freiwilligkeit zum “Kommerz-Zwang”

Mit vermehrten Ausgaben und mangelnder Solidarität kam eine Art “Zwang zum Kommerz”, der sich mit der steigenden Popularität der Reitschule noch verschärfte. Zu sehr auf Konsum, zu sehr nach dem Schema “ich zahle, also bekomm’ ich” ausgerichtet, dürfte die Mentalität der unzähligen Reitschul-Besucherinnen und -Besucher sein, als dass ein klar antikommerzielles, auf Freiwilligkeit basierendes System noch funktionieren könnte. Oder in den Worten des langjährigen Reitschülers Tom Locher: “Ich, ich, ich und der Rest ist scheissegal. Ausgrenzung, keine Solidarität. Ein egozentrisches Gewinnerzielungsinteresse. Halt nicht unbedingt im finanziellen Sinne, sondern geistig, das eigene Selbstverständnis betreffend. Das ist wohl das grösste Problem in der Reitschule und für ihre Zukunft.»

Category Archives: Reitschule

Die nicht zurückhaltende Spezies Frau

Jua* drängt sich im Backstagebereich des Frauenraums auf ein Sofa. Die vier Frauen sind nicht nur eine Band, sondern auch gute Freundinnen, das spürt man. Bassistin Anuschka schätzt den persönlichen Austausch, die Freundschaft untereinander: “Die erste halbe Stunde im Bandraum verbringen wir mit persönlichen Gesprächen, wie es uns geht, in unseren Beziehungen, im Beruf…” Konflikte sprechen sie immer an, das sei wichtig. Mit einem Lächeln zu Songwriterin Chrige meint Anja: “Vielleicht wartet man manchmal einen Moment zu lange, aber ansprechen tun wir’s immer.”

Diese Harmonie zieht sich bis auf die Bühne. Jua* singt oft mehrstimmig. Mit Cajón, Bassgitarre, akustischer Gitarre und starken Stimmen entsteht ein feinfühliger Mix aus Country, Folk und Blues. Dies passt wunderbar in den Frauenraum, der immer wieder als der gemütlichste aller Räume der Reitschule bezeichnet wird.

Der Frauenraum will aber nicht nur gemütlich sein. Die Frauen-Jamsession “play yourself”, initiiert von der Cajón-Spielerin Anja, soll Frauen in ihrem musikalischen Schaffen bestärken. Leider hielten sich talentierte Frauen oft zurück im Musikbusiness, wagen sich kaum auf die Bühne. Oder wie es Chrige ehrlich ausdrückt: “Wenn ein toller Musiker mit Gitarre (macht Luftgitarren-Bewegungen) kommt und eine riesen Show macht, trauen sich danach viele nicht mehr auf die Bühne”. Im geschützten Rahmen fänden Frauen eher den Mut, ihr Können zu zeigen. Zweifel und Zurückhaltung, so Anja, seien wohl Gründe für die wenigen Frauen in der Bandszene. Warum es Jua* trotzdem gibt? “Wir sind eben nicht so! Wir nicht! Wir sind eben die Spezies, die nicht zurückhaltend ist, die gibt’s auch!“, sind sich unter Gelächter alle einig.

Im Frauenraum sind die vier auch privat regelmässig zu Gast. “Wenn ich in den Ausgang gehe, dann komme ich fast nur hierher.”, so Anuschka. Auch Anja hat eine jahrelange Verbindung zum Frauenraum. Neben den Jamsessions hat sie auch sonst im Kollektiv mitgewirkt. Mit 20 war sie zum ersten Mal hier, da habe sich eine Welt aufgetan für sie: “Ich kam aus dem Wallis, einer anderen Welt. Dort kannte man keine linke Szene.”

Zurück auf die Bühne: Jua* verzichtet auf viel Bewegung. Lieber konzentrieren sie sich auf ihr Zusammenspiel. Die vier Frauen bilden eine Einheit, schauen einander an, schliessen die Augen. Sie scheinen ihre Musik zu geniessen.

“Wenn ich die Leute aber dann so stehen sehe, (verschränkt die Arme) dann habe ich das Gefühl: „oh shit“ irgendwas ist wohl nicht in Ordnung”, so Chrige. Sie lasse sich leicht verunsichern, auch heute noch, nach einigen Jahren Bühnenerfahrung.

“Heute war gut” sagt Chrige und meint damit aber ihr schlimmes Lampenfieber. Auch Sängerin Nadja wird davon geplagt, lacht aber und sagt augenzwinkernd: “Wir haben Tabletten…Baldrian etwa” Dass die beiden manchmal auch während den Konzerten noch aufgeregt sind, konnten sie vor dem Publikum aber gut verstecken. Ob bei folkigen Tanzstücken oder feinen Balladen, die Musikerinnen wirkten souverän und selbstbewusst.

Das Publikum, egal welchen Geschlechts, lauschte mit Freude den melodischen Klängen, wippte oder tanzte mit den Beats des Cajón, und bedankte sich mit einem langen Applaus, wofür Jua* gleich noch eine Zugabe schenkte.

“Ich bin die Summe aller Teile”

Tink.ch: Wer bist du, Pablo?

Pablo Nouvelle: Oh, das kann ich dir nicht in zwei Sätzen erklären.

Tue es in drei.

(lacht, überlegt.)

Ich bin die Summe aller Teile.

Wie äussert sich das?

Beispielsweise bin ich zwar mit Hip-Hop aufgewachsen und habe in meiner Musik auch deutlich Soul-Komponenten enthalten, doch mach ich keinen Hip-Hop. Das, was das Publikum heute gehört hat, war kein Hip-Hop, oder?

Nein. Was ich heute gehört habe war das Wort: real. Zwei Jungs sind während des Konzerts stehen geblieben und einer meinte verblüfft: “Der ist einfach REAL!” Was sagst du dazu?

Real? Nein, wenn schon bin ich “ächt”. Real ist zu gangsterhaft. (Als er das ausspricht, hält er sich die geballte Hand vor den Mund, als wollte er beatboxen.)

Warum hat es ausgerechnet die Summe deiner Teile soweit geschafft?

Meine Vision der Arbeit entspricht eben dem Zeitgeist. Das hat viel mit Glück, Timing und einer Menge Arbeit zu tun. Ich würde jetzt aber nicht sagen, dass ich ein Star bin.

Wie erlebst du die Auftritte in England im Gegensatz zu denen in der Schweiz?

In der Schweiz bist du als Künstler auf weichen Kissen gebettet. Dagegen ist England ganz anders.

Inwiefern?

England ist roh. Da kriegst du als Künstler nie die Gage der Schweiz, von einer Hotelübernachtung ganz zu schweigen. Sich in England als Künstler durchzuschlagen, ist nicht leicht.

Zwischen den Liedern hast du gesagt: “Reithalle, schön gibt es euch! Ich glaube, dass ihr nie abgeschafft werdet. Mit keiner SVP-Kampagne.” Siehst du dich als Künstler verpflichtet, auch politische Statements unter die Leute zu bringen?

Meine Musik war lange Zeit unpolitisch. Doch meine Filme sind die Kehrseite meiner Musik. (Pablo hat an der Universität Luzern Animation studiert. Sein Abschlussfilm “Bon voyage” (2012) spricht die Flüchtlingsthematik an und gewann nationale sowie internationale Preise.) Darin spreche ich soziale Themen an, die nicht unbedingt politisch sein müssen. Auch gehöre ich keiner Partei an. Was mich beschäftigt, spreche ich aber an.

Findest du, dass die Politik einen Platz in der Kunst hat?

Sie soll einen Platz haben dürfen, aber es soll kein Muss für Künstler sein, über Politik zu sprechen.

In meinem privaten Umfeld spüre ich durchaus das politische Engagement, doch in der Kunst noch nicht so.

Du hast Animation, also Film, studiert und machst gleichzeitig Musik. Was kann das eine, was das andere nicht kann?

Ich sag es mal so: Musik gleich Herz, Film gleich Kopf.

Diese Frage wird von Künstlern im Allgemeinen sehr ungern beantwortet. Aber: Was machst du eigentlich für Musik?

(lacht) Warmen und emotionalen Soul. Drops, aber kein EDM (Electronic Dance Music). EDM wäre eine Beleidigung. Auf jeden Fall Elektro, aber auch mit Folk und Rockeinflüssen. Die Summe aller Teile eben.

Weitere Informationen

www.pablonouvelle.com

Das nächste Konzert findet diesen Freitag, den 30. Oktober, im Werkk Kulturlokal in Baden statt.

“Ich bin die Summe aller Teile”

Tink.ch: Wer bist du, Pablo?

Pablo Nouvelle: Oh, das kann ich dir nicht in zwei Sätzen erklären.

 

Tue es in drei.

(lacht, überlegt.)

Ich bin die Summe aller Teile.

 

Wie äussert sich das?

Beispielsweise bin ich zwar mit Hip-Hop aufgewachsen und habe in meiner Musik auch deutlich Soul-Komponenten enthalten, doch mach ich keinen Hip-Hop. Das, was das Publikum heute gehört hat, war kein Hip-Hop, oder?

 

Nein. Was ich heute gehört habe war das Wort: real. Zwei Jungs sind während des Konzerts stehen geblieben und einer meinte verblüfft: “Der ist einfach REAL!” Was sagst du dazu?

Real? Nein, wenn schon bin ich “ächt”. Real ist zu gangsterhaft. (Als er das ausspricht, hält er sich die geballte Hand vor den Mund, als wollte er beatboxen.)

 

Warum hat es ausgerechnet die Summe deiner Teile soweit geschafft?

Meine Vision der Arbeit entspricht eben dem Zeitgeist. Das hat viel mit Glück, Timing und einer Menge Arbeit zu tun. Ich würde jetzt aber nicht sagen, dass ich ein Star bin.

 

Wie erlebst du die Auftritte in England im Gegensatz zu denen in der Schweiz?

In der Schweiz bist du als Künstler auf weichen Kissen gebettet. Dagegen ist England ganz anders.

 

Inwiefern?

England ist roh. Da kriegst du als Künstler nie die Gage der Schweiz, von einer Hotelübernachtung ganz zu schweigen. Sich in England als Künstler durchzuschlagen, ist nicht leicht.

 

Zwischen den Liedern hast du gesagt: “Reithalle, schön gibt es euch! Ich glaube, dass ihr nie abgeschafft werdet. Mit keiner SVP-Kampagne.” Siehst du dich als Künstler verpflichtet, auch politische Statements unter die Leute zu bringen?

Meine Musik war lange Zeit unpolitisch. Doch meine Filme sind die Kehrseite meiner Musik. (Pablo hat an der Universität Luzern Animation studiert. Sein Abschlussfilm “Bon voyage” (2012) spricht die Flüchtlingsthematik an und gewann nationale sowie internationale Preise.) Darin spreche ich soziale Themen an, die nicht unbedingt politisch sein müssen. Auch gehöre ich keiner Partei an. Was mich beschäftigt, spreche ich aber an.

 

Findest du, dass die Politik einen Platz in der Kunst hat?

Sie soll einen Platz haben dürfen, aber es soll kein Muss für Künstler sein, über Politik zu sprechen.

In meinem privaten Umfeld spüre ich durchaus das politische Engagement, doch in der Kunst noch nicht so.

 

Du hast Animation, also Film, studiert und machst gleichzeitig Musik. Was kann das eine, was das andere nicht kann?

Ich sag es mal so: Musik gleich Herz, Film gleich Kopf.

 

Diese Frage wird von Künstlern im Allgemeinen sehr ungern beantwortet. Aber: Was machst du eigentlich für Musik?

(lacht) Warmen und emotionalen Soul. Drops, aber kein EDM (Electronic Dance Music). EDM wäre eine Beleidigung. Auf jeden Fall Elektro, aber auch mit Folk und Rockeinflüssen. Die Summe aller Teile eben.

 

 

Weitere Informationen


 

www.pablonouvelle.com

Das nächste Konzert findet diesen Freitag, den 30. Oktober, im Werkk Kulturlokal in Baden statt.

“Chillen mit Marx”

Um sieben Uhr abends ist noch nicht viel los auf dem Vorplatz der Reitschule. Das wird sich bald ändern. Der Freitagabend ist noch jung und das Reitschulfest lockt. Zu den treuen Reitschulgängern werden heute viele weitere Besuchende erwartet.

Seit 25 Jahren wird die Reitschule immer wieder in Frage gestellt. Die neuste Unterschriftensammlung hat gerade erst begonnen. Falls die kantonale Volksinitiative zu Stande kommt, wird es die sechste Prüfung an der Urne seit 1990. Noch älter als die Geschichte der Urnenabstimmungen ist gemäss den Veranstaltern das Reitschulefest. Zum 28. Mal lockt das Fest am Wochenende mit Musik, Theater und Kino.

Arbeitsgruppen

Als Auftakt des Reitschulefests führen zwei Reitschüler neugierige Besuchende durch die in den frühen Abendstunden noch leeren Räume des Kulturzentrums. Mit einem Bier in der Hand erklärt der eine – mit Namen wollen beide nicht genannt werden – die für Aussenstehende manchmal komplizierten Strukturen der Reitschule. Ein Reitschüler, eine Reitschülerin zu sein, bedeutet in der Szene, in einer der vielen AGs mitzuwirken. In der antikapitalistischen Reitschulwelt steht diese Abkürzung für Arbeitsgruppe. Diese organisieren den Betrieb ihres jeweiligen Raumes.

In der kleinen und engen Druckerei etwa werden Flyer, das Hausmagazin megafon, aber auch externe Aufträge auf Papier gebracht. Vis à vis befindet sich das Kino, wo Stallboden und Heuraufe an die Ursprünge der Reitschule erinnern und für ein besonderes Flair sorgen. Heute werden hier die beiden Reitschul-Streifen von Andreas Berger gezeigt.

Im normalen Betrieb wird im Kino lediglich um eine Kollekte gebeten. Manchmal seien die Beträge ziemlich frustrierend, sagt ein Kino-Mitglied. Weshalb der geliebte, aber teure 35mm-Film leider oft den DVDs weichen müsse.

Heterogene Reitschule

Die AGs sind, abgesehen von den Verpflichtungen durch Statuten und Manifest, autonom. Das heisst, sie können beispielsweise selbst bestimmen, ob und wie sie ihre Mitgliederentlöhnen. Mehrere Reitschüler bestätigen, dass dies innerhalb der Reitschule immer wieder zu Spannungen führe. Auch in der Reitschule finde man eben ein weites, diverses Meinungsbild, so ein Mitglied des Tojo-Theater.

Im zweiten Stock, über dem Kino, befindet sich der Frauenraum. An der Wand sind in grossen Lettern die Schlagworte des Manifests aufgemalt. Kein Sexismus. Keine Homophobie. Der wohl gemütlichste aller Reitschulräume ist aber trotz seiner Bezeichnung meist für alle Geschlechter offen. Einzig die ehrenamtlich arbeitenden “Kollektivas” sind alles Frauen, und die auftretenden Musikbands müssen mindestens zur Hälfte weibliche Mitglieder haben.

Konsenszwang

Im Raum daneben, im Körperdojo, werden verschiedene Kurse angeboten. So unterschiedlich die Sichtweisen in der Reitschule sind, so ist hier auch das Bewegungsangebot: Es reicht von Yoga über Poledance bis “Grr”, dem Kampfsporttraining. Ausserhalb des Dojos versucht man laut Manifest aber, Konflikte gewaltfrei zu lösen.

Konsens statt Konflikte gilt auch an den Versammlungen der Reitschüler. Alle Entscheide werden basisdemokratisch entschieden. Ein einziger Skeptiker kann also einen Beschluss verhindern. Dies sei anstrengend, sagt eine Mitarbeiterin des Dachstocks. Es habe sich wohl schon jeder einmal aufgeregt über stundenlange Sitzungen ohne handfestes Resultat. Die Basisdemokratie zwinge die Reitschüler aber, einander zuzuhören und vielfältige Sichtweisen anzuerkennen.

Rotes Theater

Das Tojo Theater ist eine der wenigen Gruppen, die sich Löhne ausbezahlen. Am Reitschulefest läuft hier “Chillen mit Marx”. An die Wände wird in rotem Licht ein Foto von Marx projeziert. Dazu passend gibt’s rote Getränke an der Bar und die AG-Mitglieder lesen hinter langen Bärten Zitate aus Marx’ Werken. Eine eigene Theatergruppe hat das Tojo Theater allerdings nicht mehr. Theatergruppen, auch internationale, können das Tojo mieten, als Gage dienen die Einnahmen aus den Billet- und Barverkäufen. Ohne Subventionen der Stadt würde das Theater allerdings nicht überleben.

Im Gegensatz zum Tojo hat der Dachstock durch regelmässig grössere Anlässe höhere Einnahmen. Diese indes kommen durch die interne Quersubventionierung allen AGs und somit der gesamten Reitschule zu Gute. Genau hier lauern Fragen, die schon zu so manchen kontroversen Diskussionen in der Reitschule geführt haben: Wie viel ökonomisches Handeln erträgt die Reitschule? Vertragen sich die Preise mit der Reitschulkultur? Oder werden finanziell Schwächere mit hohen Eintrittspreisen ausgeschlossen – wo die Reitschule offen für alle sein will.

Unter dem Dachstock liegen das Restaurant Sous le Pont und die Rössli-Bar. Die Endstation unserer Tour bot in den Anfängen der Reitschule häufig Zuflucht für die Drogenszene auf dem Vorplatz. Als Gegenmassnahme liessen die Behörden den Raum des heutigen Rössli mit Beton, Sand und Kies füllen. Die Vorplatzbewohner verschwanden, das Drogenproblem blieb und bleibt bis heute. Diesen Frühling lancierte die Interessengemeinschaft Kulturraum Reitschule (Ikur) deshalb die Kampagne “No Deal Area”. Ist sie erfolgreich, so wäre ein erster Schritt für die nächste Urnenprüfung getan.

“Ich fühle mich so gut wie überall wohl”

Es ist ein kalter, nebliger Morgen. Wir folgen Berivan ins Gebäude. Ihr schwarzes Haar wippt leicht hin und her. Zügig läuft sie durch die Gänge, vorbei an Wäscheleinen, spielenden Kindern, leise diskutierenden Erwachsenen. Dabei erzählt uns die Syrierin ihre Geschichte. Wie es dazu kam, dass sie und ihr Ehemann in dieser alten, überfüllten bulgarischen Schule ihre Flitterwochen verbringen.

 

Diese Szene filmte die Dokumentarfilmerin Eileen Hofer schon im Frühjahr 2013. Sie lernte Berivan in einem Flüchtlingsheim kennen, als sie aus eigener Initiative nach Bulgarien reiste, um den Flüchtlingen lebensnotwendige Spenden zu bringen. In nur einer Stunde entstand so ihr Kurzfilm “My Honeymoon” – meine Flitterwochen.

 

Wie in vielen ihrer Filme gibt die Protagonistin viel von sich preis. Auch wenn das Gesicht von Berivan nur am Schluss ganz kurz gezeigt wird, taucht man für knappe vier Minuten in ihr Leben, ihre Ängste und Hoffnungen ein.

Eileen Hofer hatte die Syrierin nur eine Stunde zuvor getroffen, und trotzdem entstand ein sehr persönliches Porträt. Dass dies möglich war, erklärt Hofer mit ihren eigenen Wurzeln im Mittleren Osten: “Das verbindet, auch wenn ich nicht Arabisch spreche.”

 

Gefilmt hat die Genferin schon an vielen unterschiedlichen Orten: Neben Bulgarien etwa auch in Afghanistan, Aserbaidschan und auf Kuba. Dank ihrem familiären Hintergrund, aber auch durch zahlreiche, teils längere Reisen hat Hofer die Welt und ihre verschiedenen Kulturen und Bürger kennengelernt. Dies erleichtere ihre Arbeit. Sie fühle sich fast überall schnell wohl, und auch ihre Protagonisten fassten rasch Vertrauen zu ihr. In Aserbaidschan wurde sie gar noch während den Dreharbeiten zu einer Hochzeit eingeladen.

 

Berivans Traum, nach Deutschland zu können, ist inzwischen wahr geworden. Wie es ihr heute geht, weiss Hofer allerdings nicht. Sie macht sich aber keine Sorgen: “Berivan ist eine starke Frau, spricht Englisch und hatte Zugang zu universitärer Bildung.”

 

Die Themen Immigration, Heimat und Identitätsfindung sind ein ständiger Begleiter in Hofers Filmen. So ist “My Honeymoon” auch ein wichtiger Beitrag in der aktuellen Asyldebatte. In einem Interview von Arte meint Hofer, dass die Menschen trotz unterschiedlicher Kulturen, Hintergründe und Wurzeln alle irgendwie gleich seien. “Das ist der Kern meiner Filme, diese Türen zu öffnen. Wir essen, wir mögen es zu lachen, wir mögen es, zu lieben.”

 

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Bereits zum 13. Mal findet in Bern und der ganzen Welt das Kurzfilmfestival shnit statt. Ursprünglich ein Kurzfilmabend in der Reitschule, ist das shnit heute ein bedeutendes internationales Kurzfilmfestival, welches unter anderem auch in Kyoto und Buenos Aires stattfindet. Vom 7. bis 11. Oktober werden in Bern an 13 Spielstätten Kurzfilme gezeigt. Sowohl jede erdenkliche Kulisse – Kirche, Bahnhof bis Cincebad- wie auch jeder mögliche Filmvorliebe– Zeichentrick, Doku bis Komödie – wird dabei bedient.

Kann man den Summer Beach doch mögen?

Alle Jahre im Mai öffnet das Marzili seine Tore, bringen die Beizen ihre Tische nach draussen, stellen die Gelaterias ihre neuen Kreationen für den Sommer vor. Seit ein paar Jahren schon gesellt sich eine neue Attraktion dazu: der eingezäunte Sandkasten auf der Grossen Schanze, der “Summer Beach”.

 

Und immer am Anfang des Sommers nerve ich mich wieder aufs Neue. Pünktlich wenn ich, die Füsse im kühlen Lebensbrunnen (ja, er heisst wirklich so!), die wärmeren Temperaturen nun endlich so richtig geniessen könnte, kommen sie angefahren. Mit ihren Gittern. Dem Quarzsand. Den Rattan Lounches. Den tosenden Generatoren. Vergangenen Samstag nahm die Dauerveranstaltung ein Ende, wurde der öffentliche Platz wieder der Öffentlichkeit übergeben. Bevor sich der Quarzsand verabschiedete, musste ich mich jedoch einem Selbstversuch unterziehen.

 

Erste Runde

Nun gut, der Sandkasten ist da, und ein paar aufgebrachte Bernerinnen und Berner werden dieses Unding nicht vertreiben können. Meine späte Beichte: Vor diesem Selbstversuch war ich noch nie drin. Ich komme mir ein wenig vor wie all die Reitschul-Gegner, die einmal mit dem Zug die Reitschule passieren, die Graffitis sehen und dann zu Hause Erich Hess applaudieren.

 

Deshalb habe ich einen Selbstversuch unternommen, den Summer Beach doch zu mögen. Oder ihn mir wenigstens schön zu trinken. Denn mit den Übeln des Lebens lebt es sich leichter, wenn man sie zumindest akzeptieren kann.

 

Die erste Runde (eher teures) Bier ist bestellt. Die weissen Kunstledermatratzen erinnern mich an etwas zwischen Arztliegen und meiner Vorstellung von Matratzen in einem Stundenhotel. So entscheide ich mich nach einem kurzen Probeliegen doch für den kleinen Liegestuhl.

 

Die Inhaber geben an, mit dem Summer Beach die Grosse Schanze zu beleben. Was wollen sie denn beleben? Bis Ende April war die ganze Schanze belebt, und ab Ende August wird sie es auch wieder sein: Familien am Spielen, Arbeitnehmer am Mittagessen, Punks am Tanzen. Ein strahlendes Kunterbunt aus allen Ecken Berns.

 

Zweite Runde

Warum ich mit dem Summer Beach nicht so wirklich warm werde? Den ganzen Sommer über blockiert er den Platz um den Brunnen, obwohl er dann doch nur ab vier Uhr und nur bei schönem Wetter geöffnet ist. Er verdrängt das strahlende Kunterbunt. Und ausserdem ist er, ganz klar, einfach hässlich, zumindest von aussen gesehen.

 

Herrje, es könnte so schön sein, so gemütlich. Aber nein, jedes Fleckchen der Stadt Bern wird in der Sommerzeit bis zum letzten Millimeter von kommerziellen Veranstaltern genutzt.

 

Nun – mittlerweile nippe ich am zweiten Bier – wechsle ich auf ein “fatboy” Sitzkissen. Dies fühlt sich leider weniger gemütlich an, als es aussieht. Dafür habe ich einen optimalen Ausblick auf den schönen Abendhimmel beim Eindunkeln. Den kann ich allerdings auch sonst wo haben. Überhaupt frage ich mich, warum gerade dieser Platz für den Summer Beach herhalten muss. Einmal drin, hat man sowieso nur noch Aussicht auf die Bastzäune.

 

Dritte Runde

Die ewige Kommerzialisierung macht weder vor der Stadt, noch vor der Grossen Schanze halt. Der Summer Beach ist zwar von innen durchaus gemütlicher, als man von aussen erahnen könnte. Als sommerüberdauernde Attraktion auf einem so prominenten Platz würde ich mir allerdings ein etwas anderes, offeneres, weniger auf Kommerz ausgerichtetes Angebot wünschen.

 

Beim dritten Bier angelangt, werde ich aufgefordert, den Sandkasten wegen aufziehenden Regens zu verlassen. Wirklich traurig bin ich nicht über das frühzeitige Ende meines Selbstversuchs. Auch bei den anderen Besuchern kommt nicht so richtig Stimmung auf. Ich beobachte fünf Leute zusammen auf einem Bett – pardon, Baldachin – alle sind aber nur mit ihren Smartphones beschäftigt. Ob vielleicht die weissen Kunstledermatrazen die Stimmung bremsen?

 

Fazit

Gut finde ich, dass ich mal im Sandkasten drin war. Besser finde ich, dass ich wieder draussen bin. Auf dem Rasen der Grossen Schanze fühle ich mich wesentlich wohler. Doch da selbst dort während einem Monat die Leinwand des Salzkinos dafür sorgt, dass beinahe kein Platz mehr fürs Verweilen auf der grossen Wiese bleibt, wird dieser Genuss auch nur kurz währen. Aber man soll ja sowieso den Moment geniessen. Eben nur nicht dann, wenn einem grosse Veranstalter diesen streitig machen.