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YB lässt seine Fans träumen

Foto: Thomas Hodel

Viele Zweikämpfe

Die erste Halbzeit war geprägt von vielen hart geführten Zweikämpfen und zwei stark aufspielenden Abwehrketten. Nur selten konnten die Offensivspieler beider Mannschaften in eine gefährliche Position gebracht werden.

Weder Steffen beim FCB, noch Sulejmani konnten ihre Freiheiten ausnützen und so war das logische Halbzeitresultat 0-0.

Einzelleistungen entscheiden das Spiel

Das Heimteam kam stärker aus der Kabine und spielte mit viel Druck nach vorne. In der 58. Minute passte der stark aufspielende YB-Verteidiger Benito auf Yoric Ravet. Dieser lässt mit seinem Dribbling Luca Zuffi alt aussehen und schlenzt den Ball herrlich an Vaclik vorbei ins Tor. Das ausverkaufte Stade de Suisse stand kopf. Keine Minute später hatte Sulejmani das nächste Tor auf dem Fuss, doch er verzog kläglich.

In der 80. Minute besiegte Sulejmani schliesslich endgültig das FCB. Einen Freistoss aus rund 25 Metern versenkte er nahezu perfekt ins Tor.

YB-Debütant Christian Fassnacht war nach dem Spiel zufrieden: «Es ist natürlich toll, gegen den Meister zu gewinnen, aber das war bloss das erste Spiel und jetzt kommt Dynamo Kiew, dies ist noch ein härterer Brocken. Nach der zweiten Halbzeit von heute dürfen wir jedoch zuversichtlich sein.»

Gurtenfestival: Lo & Leduc besiegen Züri West

Für die Veranstalter hat sich das Festival auf jeden Fall gelohnt: Alle vier Tage des 34. Gurtenfestival waren ausverkauft. 61 Live-Acts und 63 DJs bespielten bei gutem Wetter den Berner Hausberg. Darunter auch Züri West.

Jüngeres Publikum

Diese gehören zum Gurtenfestival wie die Gurtenbahn. Auch bei ihrem diesjährigen Auftritt vor Heimpublikum war die Hauptbühne voll mit musikbegeisterten Besuchern. Wer sich in der Menge umsah, konnte sehen, dass die Masse sich auf die Berner Stammgäste freuten. Als die bekannten, älteren Lieder angespielt wurden, stimmten alle mit ein. Trotzdem konnte man eine gewisse Verhaltenheit ausmachen, welche die Gurtengänger zu bremsen schien. Um für mehr als eine Stunde zu überzeugen, dafür war der Auftritt zu wenig inspiriert. Er wirkte gewohnt, ja, routiniert.

Ein Grund für die fehlende Euphorie dürfte das Alter der Festivalbesucher sein. Die Zuhörer der neuen Alben von Züri West sind wohl eher älter als der Altersdurchschnitt der insgesamt 80’000 Festivalbesucher auf dem Berner Hausberg. Ganz anders bei Lo & Leduc: Die beiden Rapper sind ebenfalls in Bern aufgewachsen und ihr Auftritt war ein Genuss. Die grossartige Stimmung trug klar dazu bei. Sie erzeugten eine starke Dynamik und trieben die Zuschauer an. Das Publikum erklärte sie klar zum Sieger der beiden Berner Gruppen.

Antikaptialisten und einhändige Saxophonisten

Auch die bekannten zweisprachigen Antikapitalisten Irie Revolté wussten, wie man Stimmung erzeugt. Als am Freitagnachmittag die Hauptbühne noch halb leer war, halfen sie den schwächenden Festivalgängern, sich den Kater aus den Knochen zu schütteln. Immer wieder forderten sie die Leute erfolgreich zum Mitmachen auf. Auch wenn der Antifa-Auftritt mit linken Parolen etwas komisch auf einem sehr kommerziell ausgerichteten Festival wirkt, so überzeugten sie doch mit einem kurzen, aber kraftvollen Auftritt. Bei ihrem letzten Lied trat die ganze Band nach vorne und sang ohne Instrumente mehrstimmig «Merci». Das dürfte bei vielen Besuchern für einen Gänsehaut-Moment gesorgt haben.

Die vielseitige Bläserband der Lucky Chops konnte mit erfrischender Musik die Leute bei Laune halten. Mit vielen Soli- und einfallsreichen Showeinlagen gewannen sie die Herzen der Zeltbühnenbesucher. Als der Saxophonist mit einer Hand spielte und mit der anderen das Publikum zum Mitmachen einlud, wurde der Applaus hörbar lauter. Ein rundum gelungener Auftritt der New Yorker.

Die Gurtengänger zeigten sich sowieso von ihrer besten Seite: Die Security-Firma verzeichnete keinen grossen Zwischenfälle. Man darf sich schon auf nächsten Sommer freuen, wenn der Güsche erneut erbebt.

Gesund und krank spazieren Hand in Hand

In gut sichtbaren Lettern prangt auf den violett getönten Plakaten des wildwuchs Theaterfestivals das Leitmotiv der achten Ausgabe: «Wir sind viele.» Doch welche Personengruppe versteckt sich hinter dem Personalpronomen «wir»? Impliziert der Begriff des «wir» nicht immer auch die Existenz eines «anderen», welches ausserhalb des «wir» angesiedelt ist und systematisch ausgegrenzt wird? Und nach welchen Regeln wird die Zughörigkeit zu einer der beiden Gruppierungen überhaupt determiniert? Tatsächlich bildete die Frage nach der Definition von Innen und Aussen den thematischen Schwerpunkt des diesjährigen Festivals, als dessen Gastspielort neben der Kaserne und dem ROXY Birsfelden die Universitären Psychiatrischen Kliniken (UPK) dienten. Fragen der Inklusion von Menschen mit körperlicher und psychischer Beeinträchtigung sowie der gesellschaftlichen und kulturellen Heterogenität wurden während den beiden ersten Juni-Wochen in unterschiedlichen theatralen Formaten aufgegriffen.

Vertrauensgestus

Mit einem vertrauten Menschen Hand in Hand müssig durch das Stadtzentrum zu flanieren bedarf kaum grosser Überwindung. Sich jedoch einem völlig fremden Menschen anzuvertrauen, von diesem an der Hand genommen und durch die Stadt geführt zu werden schon. Händchenhalten ist eine intime Geste, die von gegenseitigem Vertrauen zeugt und zwischen zwei Menschen eine körperliche und emotionale Brücke herzustellen vermag. Das Projekt «Walking:Holding» der britischen Performance-Künstlerin Rosana Cade greift diesen Aspekt auf und erweitert ihn um ein zusätzliches Irritationsmoment: Die Begleitung ist eine völlig unbekannte Person, eine der «anderen». Es versteht sich als ein experimenteller Spaziergang, bei dem die Teilnehmer an der Hand von eigens für den jeweiligen Durchführungsort gecasteten «Handhaltern» aller Altersstufen, sozialen Gruppen und geschlechtlicher Ausprägungen durch die belebteren Basler Stadtteile schlendern.

Handhalter erzählen

Den Teilnehmern bieten sich verschiedene Möglichkeiten, um auf die befremdlich wirkende Situation zu reagieren. Die Verfasserin des Artikels entscheidet sich für den kommunikativen Austausch mit den insgesamt sieben Darstellern, welche sie im Verlauf von einer Stunde etappenweise über die Mittlere Brücke, in die Freie Strasse und zur Münsterplattform gelotst haben. Und erfährt dabei zum Teil auch sehr persönliche Anekdoten: Dass das Theaterspiel ihre Leidenschaft sei, erzählt die Schülerin mit den verheilten Ritznarben an den Armen. Dass er die kulturelle Vielfalt von Basel schätze, meint der Theater- und Filmschaffende aus Mali. Dass die Kommunikation mit englischsprachigen Teilnehmern für ihn schwierig sei, gesteht der ältere Herr mit dem Armstumpf. Dass die Paarbildung dunkelhäutiger Mann mit hellhäutiger Frau meist mehr Blicke auf sich ziehe, stellt die Frau mittleren Alters fest.

Gemischte Gefühle

Im Gespräch vergehen die 60 Minuten wie im Flug, die irritierten oder missbilligenden Blicke des Umfelds lassen sich ebenfalls leichter ausblenden. Eine grundlegende Veränderung der eigenen Wahrnehmung brachte dieses Erlebnis für die Verfasserin jedoch nicht mit sich. Das Stück hinterlässt als Plädoyer für mehr Akzeptanz gemischte Gefühle, konfrontiert es die Teilnehmer zwar mit den eigenen Vorurteilen, dies jedoch nur während kurzer Zeit und im Rahmen einer durch und durch künstlichen Situation. Es bleibt jedenfalls zweifelhaft, ob die Teilnehmer des Spaziergangs sich die Aufforderung des Programmtextes, öfter mal Hand in Hand mit jemandem spazieren zu gehen auch zu Herzen nehmen werden.

Spaziergang mit Stimmen im Ohr

Als eher konventioneller Hör-Spaziergang mit Kopfhörer präsentiert sich hingegen das Stück «Dazwischenland» des Kollektivs Firma für Zwischenbereiche. Eine souverän klingende glatte Männerstimme lotst die zeitlich versetzt startenden Teilnehmer unter häufiger Betonung, sich respektvoll zu verhalten über das weitläufige Gelände der im Basler Niemandsland kurz vor der französischen Grenze angesiedelten UPK und liefert dabei einen kurzen Abriss der Geschichte der Institution. Regelmässige dumpfe Schläge geben im Sinne eines akustischen Herzschrittmachers das ideale Schritttempo vor. Eingestreute Interviewfragmente, in denen Patientinnen und Patienten Details aus ihrer Lebensrealität und ihrem Umgang mit der Krankheit preisgeben, runden den Audiowalk ab. So weit, so unspektakulär, wäre da nicht die neckische Frauenstimme, welche den um korrektes Verhalten bemühten Sprecher immer wieder unterbricht, frech zur Missachtung seiner Anweisungen auffordert, in bewusst reisserischer Manier saftige Informationen zu der Einrichtung preisgibt und sich schliesslich gar als imaginäres Konstrukt der Männerstimme ausgibt – ein Verweis auf die bei Schizophrenie-Patienten auftretenden Halluzinationen.

Kuchen als verbindendes Element

Der Reiz dieser auditiven Führung durch die idyllische Parkanlage der Psychiatrie liegt in ihrer wiederholten spielerisch-provokanten Transgression der Realitätsebenen. Die Grenzen zwischen Krankheit und Normalität, dem «wir» und den «anderen» werden im Verlauf des Rundgangs als durchlässig entlarvt. «Psychische Erkrankungen können jeden Menschen treffen», lautet die simplizistisch anmutende, jedoch durchaus berechtigte Botschaft des Hör-Spaziergangs. Die Jurte der Mach-Bar des Kollektivs OPUS 89 bildet die Schlussstation des Audiowalks, wo schlussendlich sämtliche Fäden zusammengeführt werden. Patienten der UPK; Pflegepersonal, Theaterschaffende und Festivalbesucher statten dem kulinarischen Treffpunk auf dem Gelände der Kliniken einen Besuch ab. Allesamt vereint in der Wertschätzung des hausgemachten Kuchenbüffets.

Mehr Informationen findet ihr auf der Seite des wildwuchs Festivals.

Der nachhaltige Filmtipp – Code of Survival

«Eigentlich sollte man den besten Anzug anziehen, wenn man auf den Acker geht. Man muss Ehrfurcht vor dem Boden haben, denn er ist unsere Lebensgrundlage», sagt Bio-Bauer Franz Aunkofer im Film. Er war einer der ersten Bio-Bauern Deutschlands und erwirtschaftet inzwischen praktisch denselben Ertrag wie im konventionellen Anbau – ohne Gift und im Einklang mit der Natur. Der Alltag in der industriellen Landwirtschaft sieht anders aus. Dort bauen die Landwirte seit vielen Jahren Gentech-Pflanzen an und behandeln sie mit Glyphosat-haltigen Herbiziden wie Roundup. Die Resultate: resistentes Unkraut, das sich unkontrolliert vermehrt und harte Böden, auf denen nichts mehr wächst.

Regisseur Bertram Verhaag stellt der industriellen Landwirtschaft in den USA drei Beispiele aus Deutschland, Ägypten und Indien gegenüber. Er zeigt, wie die biologische Landwirtschaft dort aus kaputten Böden fruchtbare Äcker macht, welche hohe Qualität produzieren und die Artenvielfalt steigern. Die Formel des Überlebens – der Code of Survival – liegt in der nachhaltigen und biologischen Bewirtschaftung des Bodens, wie es Jane Goodall am Ende des Films formuliert: «Wir sollten mit der Natur zusammenarbeiten, nicht gegen sie. Nur dann können wir es schaffen, die Natur und das Land wiederherzustellen»

Dieser Film sowie weitere Filme zu diesem Thema sind auf der Filmseite Gentech + Saatgut aufgelistet.

Die DVD des Films ist hier erhältlich.

Dieser Eintrag erschien am 06.06.2017 auf dem Blog von unserem Partner Filme für die Erde.

Ein Busfahrer als «Bernmobil-Sohn»

Auch ich steige häufig in den Bus ein. Insbesondere im Winter, wenn es kalt ist und ich keine Lust habe, in der Schule halb erforen anzukommen. Mit den Busfahrern habe ich bis anhin noch nie gesprochen, zumindest in Bern nicht.

Als ich letzten Sommer in einer Kleinstadt an der Ostküste Irlands für einen Sprachaufenthalt war, benutzte ich täglich den Bus. Zur Schule gings mit dem Schulbus, in dem ich den Fahrern lediglich ein freundliches «How are you?» zurief. Am Abend benutzte ich jeweils den öffentlichen Bus. Ich bemerkte, dass die Einheimischen mit den Busfahrern immer intensive Gespräche begannen, anders als ich es von Bern kannte. Schliesslich wurden jeweils auch wir Sprachstudentinnen und Sprachstudenten in die Konversation eingebunden und diskutierten über das Wetter, über unsere Heimatländer oder über den Brexit, der damals noch ein frischer Schock für die Iren war.

Mein Gespräch mit einem Busfahrer in Bern fand nicht im Bus, sondern in der Bernmobil-Garage am Eigerplatz statt. Es war später Nachmittag und somit waren die meisten Busse auf den Strassen und Kurven Berns unterwegs. In der Garage standen einige Busse zur Reperatur bereit. Ich hatte die Gelegenheit, mit Mariano Altomonte zu sprechen. Mariano Altomonte arbeitet seit September 2012 bei Bernmobil, wo er auch seine Ausbildung gemacht hat. Er bezeichnet sich deshalb als «Bernmobil-Sohn». Die Ausbildungen für Tram, Bus und Trolley-Bus hat er bestanden und er ist jeden Tag für verschiedene Linien und an verschiedenen Uhrzeiten im Einsatz.

Weshalb es in den Berner Bussen kaum Gespräche zwischen den Busfahrern und Fahrgästen gibt, wollte ich als erstes von Mariano Altomonte wissen. Er beobachte, dass es bei diesem Thema einen Stadt-Land-Unterschied gebe: «In der Stadt steigt der Fahrgast ein, steigt aus und das war’s.» Im Aussennetz, in dem Altomonte zu Beginn arbeitete, sei es viel familiärer zu- und hergegangen. Von manchen Passagieren wisse man mit der Zeit, wer sie sind und man komme mit ihnen immer wieder ins Gespräch. In der Stadt komme das viel weniger vor. Zu Neujahr oder zum Valentinstag komme es häufig vor, dass Leute extra vorne aussteigen, kurz mit den Fahrern reden und manchmal sogar einen Schoggi als Zeichen der Dankbarkeit schenken. Das freut Altomonte jeweils ganz besonders.

Der lustigste Busfahrer-Moment für Mariano Altomonte passierte in Konolfingen, als jemand seinen vollen Migros-Wagen im Bus vergessen hatte. Ein Mitarbeiter der BLS am Bahnhof Konolfingen teilte ihm mit, dass dieser Fahrgast an einer Haltestelle auf ihn warten würde. Und tatsächlich stand der Mann an abgemachter Haltestelle zu abgemachter Uhrzeit und konnte seinen Wagen entgegennehmen. Als Dank schenkte dieser dem Busfahrer Altomonte eine Flasche Rotwein. «Das ist wirklich cool gewesen», fügte Altomonte beim Erzählen der Geschichte lachend hinzu.

Unangenehme Situationen seien vor allem auf den Verkehr zurückzuführen – zum Beispiel wenn er eine Vollbremsung machen müsse. Wenn es zu heiklen Situationen komme, etwa mit Betrunkenen, sei dies vor allem für die anderen Fahrgäste unangenehm. Für allfällige Schlichtungen seien aber nicht die Busfahrer, sondern anderes Personal zuständig.

Ich sprach den Busfahrer auf folgende Situation an, die ich schon öfter beobachtet habe oder ich gar selbst davon betroffen war: Wenn man zu spät dran ist und auf den Bus zurennt, gibt es manche Fahrer, die warten, andere fahren vorher ab. Altomonte betonte, dass dies nicht aus bösem Wille geschehe. Teilweise sei das Warten nicht möglich, insbesondere zu Stosszeiten, da zu dieser Zeit ein Bus nach dem anderen fährt und man den Fahrplan einhalten muss. Ansonsten versuche er, so oft wie möglich zu warten. Enttäuscht musste ich feststellen, dass die Busfahrer keine Wetten untereinander abschliessen, wie oft ein Busfahrer den Passagieren vor der Nase wegfährt.

Es scheint, dass für die Busfahrer trotz der Hektik immer genügend Zeit vorhanden ist, um deren Kollegen zu grüssen. Das Zeichen sei schlicht ein verbindendes Ritual, das sie vom ersten Tag an vermittelt bekämen. Von den ungefähr 600 Fahrern kennt Mariano Altomonte längst nicht alle, gegrüsst werde von ihm jedoch jeder.

Zum Schluss wollte ich noch von ihm wissen, warum er zusätzlich auch noch die Tramausbildung gemacht hat (welche er erst kurz vor unserem Interview erfolgreich absolviert hatte). Dies habe nichts damit zu tun gehabt, dass momentan immer wieder diskutiert werde, ob Bus- durch Tramlinien ersetzt werden sollen. «Ich finde es einfach gut, wenn ich die Auswahl zwischen Bus, Trolleybus und Tram habe. Tram und Bus sind zwei Paar Schuhe; man kann diese nicht vergleichen».

Mit Graffiti Freiräume schaffen

Das Wichtigste am Eingang ist die Unterschrift. Ohne einen Haftungsausschluss zu unterschreiben, kommt niemand legal aufs Gelände: Auf dem Teufelsberg mitten im Berliner Grunewald herrschen zwar eigene Regeln, doch Sicherheit muss trotzdem sein. Immerhin betreten wir hier marodes Bauwerk – original aus dem Kalten Krieg. Und dennoch geht es auf dem Teufelsberg nicht bloss um den Kult des Verlassenen, Zerfallenen und Überwucherten. Es geht auch um künstlerische und gesellschaftliche Freiheit.

Vom Trümmerberg zur Lauschstation

Den Teufelsberg gibt es erst seit dem Ende des zweiten Weltkriegs. Damals lag in der Hauptstadt jede Menge Schutt und Trümmer. Um Neuem Platz zu machen, türmte man am Rand der Stadt alles auf einen Haufen. Dieser Haufen ist jetzt 120 Meter hoch und nebst der Berliner Mauer eines der eindrücklichsten Kultur- und Zeitdenkmäler aus dem Kalten Krieg.

Lange Zeit wurde der ehemals höchste Berg Berlins durch die Alliierten als Abhörstation verwendet. Die ersten mobilen Anlagen wurden 1961 aufgefahren, ab 1963 baute man die noch heute stehenden Gebäude mitsamt den unverwechselbaren Radomen – grosse Antennenkuppeln, unter denen früher das Spionagegerät eingebaut war. Was dort oben genau gemacht wurde, weiss niemand so genau. Es ging wohl um Signalstörung und die Abhörung des sowjetischen Funkverkehrs. Vielleicht werden wir es im Jahr 2022 erfahren, wenn die Akten der Geheimdienste der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden.

Mit der deutschen Wiedervereinigung verlor man das Interesse am Abhören. Erst wurde in den Anlagen noch der zivile Luftverkehr überwacht, doch um die Jahrtausendwende wurde das ganze Gelände an private Investor*innen verkauft. Der ursprüngliche Plan, dort ein Tagungshotel, ein Spionagemuseum, Wohnungen und eine Gaststätte zu bauen, ging nicht auf. Es gab Widerstand aus der Bevölkerung und irgendwann folgten auch finanzielle Probleme. Und so stand das Gelände viele Jahre brach.

Ein Freiraum für Kunstschaffende

Es sollte bis 2010 dauern, bis sich mit Shalmon Abraham ein Pächter fand, der Besuche im mittlerweile ziemlich heruntergekommen verlassenen Ort ermöglichte. Durch die ungenutzten Jahre waren die Gebäude und die auffälligen Radome teilweise beschädigt. Noch heute ist vieles zerfetzt und zerfallen. Gleichzeitig mit dem Neustart wurde auch eine grosse Graffiti Galerie initiiert. Die hohen Räume und die vielen neu hochgezogenen Wände waren wie geschaffen für Murals und Street Art. So entwickelte sich die ehemalige Abhörstation in den letzten Jahren zu einem Freiraum der Kreativität.

 

Doch es gab auch Konflikte. Einige befürchteten, dass es mit dem verlangten Eintritt bloss ums Geld ginge. Was ehemals ein Ort der Entdeckens, der Einsamkeit und der Abenteuerlust war, drohte stattdessen im Kommerz zu versinken. Auch darum wurde Marvin Schütte – Sohn eines der Eigentümer – 2015 neuer Pächter des Teufelsbergs. Im Gegensatz zu früher sollte es nun nicht mehr um den Profit gehen. Dies entspräche auch dem Wunsch einiger aus der Bevölkerung, welche den Teufelsberg «zu einer modernen, überregionalen Austauschplattform und Denkfabrik für Kultur, Kunst, Geschichte, Technik, Natur und neue Wirtschaftsmodelle« machen möchten, wie der unabhängige Verein Initiative Kultur-DENK-MAL Berliner Teufelsberg in seinem Manifest schreibt. Trotzdem zahlen Besucher*innen auch heute noch Eintritt.

Rundgang zwischen Vergangenheit und Zukunft

Als einzigartiges historisches Kulturdenkmal hat der Teufelsberg einen grossen Wert für die allgemeine Bevölkerung. Durch die geregelte Nutzung ist es möglich, dass alle dieses Zeugnis der alliierten Besatzung erleben können. Ein blosses Denkmal der Vergangenheit ist der Teufelsberg aber trotzdem nicht. Im Gegenteil: Vieles ist hier lebendig und im Entstehen begriffen. Es gibt ein kleines Kaffeehäuschen, einen Essensstand und natürlich jede Menge zu entdecken. Im ersten Stock des Hauptgebäudes haben sich Künstler*innen in eigenen Ateliers eingerich

tet und verkaufen vor Ort ihre Werke. Nicht zuletzt zeigen die über 300 Graffiti und Kunstinstallationen wie unglaublich vielseitig und aktiv dieser Ort ist.

Natürlich gibt es auch solche, für die der Teufelsberg ein Schandfleck ist. Die ausgefallene Street Art gefällt nicht jedem und jeder. Und noch immer sind die Zeichen des Zerfalls und der jahrelangen Vernachlässigung zu sehen. Vieles ist wohl für immer zerstört. Doch vielleicht ist gerade das der grosse Reiz dieses Ortes, wo man die dicke Luft des Kalten Krieges förmlich einatmen kann.

Nächster Halt: 3 Stunden Verspätung.

9:12 Uhr: ich steige in den Bus. Heute werden Jacqueline und ich Tink.ch an der Universität Basel vorstellen. Ich freue mich, neue Schreiberlinge für unser Magazin zu gewinnen. Von Neuchâtel nach Biel, von Biel nach Basel: das ist der kinderleichte Plan. Voraussichtliche Ankunft: 10:53 Uhr. Dass ich erst um 13:55 Uhr ankommen würde, ahne ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Noch weniger ahne ich, dass dies ein faszinierendes, aber anstrengendes Abenteuer werden würde.

Wir bleiben stehen

Wie so mancher homo technologicus wische ich auf meinem Smartphone herum, so ganz geistig anwesend bin ich nicht, erst nach einer Weile merke ich, dass wir auffällig lange an diesem Bahnhof stehen. Laufen – der Name dieser Ortschaft ist so passend, dass er Teil eines Drehbuches zu sein scheint. «Problem mit den Sicherheitsanlagen in Grellingen», ertönt es vom Lautsprecher. Wir müssen aussteigen, der Zug kann nicht weiterfahren und wir müssen am Bahnhof auf weitere Informationen warten. Leute mit grossen Koffern, junge und alte Menschen, Kinder: dieses Gleis 2 ist wohl nie so dicht besiedelt gewesen wie heute. Die Ersten tippen wild auf ihrem Smartphone herum, einige telefonieren, ziemlich viele ziehen nervös an ihrer Zigarette. Die S3 nach Olten fällt aus. Unsere nächste Möglichkeit, nach Basel zu kommen, ist eine halbe Stunde später. Erst um 11:50 Uhr werde ich da sein, ich werde die erste Präsentation von Tink.ch verpassen. Schade, aber zum Glück haben wir geplant, eine zweite um 14:15 Uhr zu halten.

Mit einem Sandwich in der Hand laufe ich zurück an den Bahnhof, auf dem Gleis 4 steht bereits unser Zug. Die S3 ist klein und die Leute sind viele, das Gepäck der Passagiere, die wahrscheinlich an den Flughafen gehen, ist sperrig. Wir steigen ein, ich setze mich hin, der Zug fährt ab. «Was machst du denn hier?» – «Mein Zug ist ausgefallen, ich muss nach Basel» – «Ah, deshalb ist der Zug so voll!». Die Leute sind entspannt, erzählen einander von ihrem Tag und ihren Plänen.

Fahren oder Laufen?

«Ja hallo, entschuldigen Sie bitte, ich werde verspätet sein, der Zug ist ausgefallen», sie spricht mit einem accent francophone. Es wird ruhig: Zwingen, schon eine Weile stehen wir an diesem Bahnhof, ohne informiert zu werden, was geschehen ist. Die Stimme des Lokomotivführers ertönt, er entschuldigt sich, die Störung hält an, voraussichtlich werden wir ein paar Minuten verspätet sein. Er scheint nervös, die Situation scheint ihm hörbar unbequem zu sein. Aus ein paar Minuten wird «unbestimmte Zeit» und dann: wir müssen nach Laufen zurückfahren, da werden Ersatzbusse zur Verfügung stehen. Gelächter bricht aus, Gefluche ertönt. Ich übersetze meiner Sitznachbarin die Durchsage. Heute ist ihr Probetag für einen neuen Job, jetzt bereut sie es, nicht mit dem Auto gefahren zu sein.

Die Masse bewegt sich Richtung Busbahnhof fort, zu den bisherigen Passagieren kommen nun neue Ankömmlinge hinzu. Es werden immer mehr und die beiden Busse, die gerade anfahren, sind auch im Nu schon vollgestopft. Ein alter Mann mit Gehstöcken versucht einzusteigen, erst nachdem ich schimpfe, machen die Leute ihm Platz. Seine Frau versucht verzweifelt einzusteigen, sie schleppt zwei grosse Koffer. Ich mache ihr Platz, «Ich habe Zeit». Wie so viele stehe ich nun wieder in der warmen Sonne, die irgendwie die Stimmung trotz allem zu erhellen scheint.

Über den Röstigraben und fehlende Informationen

«On fait 5 kilomètres et on ne comprend déjà plus rien». Diese Dame ist nicht die Einzige, die sich zu beschweren scheint, dass die Durchsagen alle auf Deutsch waren. Eine zweite, ältere Dame erklärt mir, dass sie lange nicht verstand, was geschehen sei. Ein erstaunliches Vorgehen auf einer zweisprachigen Strecke, doch was mich zunehmend beeindruckt, ist, dass die Leute so ruhig und zivilisiert zu bleiben scheinen.

Ich warte. 10 Minuten, 30 Minuten. Nach ungefähr 50 Minuten ist der nächste Bus da, ich schaffe es rein. Dass die SBB jedoch keinen Plan hat, um Leuten, die schon länger warten, den Vortritt zu lassen und sicherzustellen, dass ältere Menschen und Kinder sicher reisen können, schockiert mich. So zusammengepfercht zu reisen, hat jedoch einen Vorteil: es ist fast unmöglich, in einer Kurve umzufallen. Die Fahrgäste im Bus nehmen es mit Humor. Ob jedoch diejenigen, die an den Haltestellen zwischen Laufen und dem Terminal stehen und auch in diesen Bus nicht einsteigen können, es noch mit Humor nehmen, ist unklar.

Auch der dritte Bahnersatzbus zwischen Laufen und Aesch (BL) ist überladen.

 

Am Bahnhof Aesch erscheinen die Wartenden wie eine überzählige Reisegruppe. Keine Durchsage ertönt, man ist auf sich gestellt und merkt früher oder später, dass man auf das andere Gleis muss, wenn man – wie ich zum Beispiel – nicht sieht, dass eine Zugangestellte zwischen den Leuten steht. Natürlich ist auch dieser Zug voll, natürlich müssen etliche ältere Menschen stehen und dass schon wieder nur mir und meiner Sitznachbarin in den Sinn kommt, dass man ihnen Platz machen kann, bringt mich erneut zum Kopfschütteln.

Eine überzählige Reisegruppe? Die Zugpassagiere warten auf den Ersatzbus in Aesch (BL).

 

Ein Abenteuer geht zu Ende

13:55 Uhr. Ich habe es geschafft, ich bin in Basel. Ich werde es heute noch schaffen, Tink.ch vorzustellen. Und wenigstens hat mein Abenteuer es mir erlaubt, Sonne zu tanken. Unser gemeinsames Leiden hat uns Reisende nähergebracht, ein Schwätzchen hier und da ist der positive Nebeneffekt einer aussergewöhnlichen Situation. Ich gehöre zu den über 400’000 Schweizer*innen, die ein Generalabonnement haben und von Jahr zu Jahr zahle ich mehr dafür. Diesen Luxus gönne ich mir gerne, Zugfahren ist mir wichtig, doch hat es die SBB an diesem Mittwoch geschafft, meine südamerikanischen, chaotischen Reiseerfahrungen zu übertreffen. Irgendwie habe ich es genossen, meine Mitmenschen zu beobachten und Gelassenheit zu üben. Doch dann denke ich an die junge Frau, die ihren Probetag hatte, an die älteren Menschen, die so reisen mussten und an die Leute, die wahrscheinlich ihren Flug verpasst haben und denke mir: wär’s wirklich nicht anders gegangen?

«Dr SCB isch dr geilscht Club»

Er wartet schon, an diesem Mittwochmittag, in einem Café in Bern, notabene zwei Tage nachdem sich der SCB in Zug zum zweiten Mal in Folge zum Eishockey Schweizer Meister küren lassen konnte. Von seinem Gipfeli ist schon fast nichts mehr übrig. «Tinu», stellt er sich vor. Martin Megert, wie er mit bürgerlichem Namen heisst, ist Informatiker. Neben seinem Beruf gibt es eine grosse Konstante in seinem Leben. Sie heisst SCB. Ich setzte mich ihm gegenüber hin. Wie sich herausstellt, ist Tinu genau wie ich in Burgdorf aufgewachsen. Während mich mein Vater an meinen ersten Match nach Langnau mitnahm, ging es für Tinu in die andere Richtung, nach Bern.

Das war der Beginn einer grossen Liebe. Heute ist der 56-Jährige der wahrscheinlich grösste SCB-Fan und ziemlich sicher auch der Bekannteste. Er ist Betreiber der Facebook-Seite «Hardboiled SCB», welche mittlerweile über 8000 Fans zählt. Auf dieser veröffentlicht er an jedem Spieltag spätestens eine Stunde nach dem Schlusspfiff einen Matchbericht, in dem er sich unzensiert seine Emotionen vom Leib schreibt. Diese Emotionen hat er nun auch in Buchform niedergeschrieben: «111 Gründe, den SCB zu lieben», heisst das gute Stück. Auch wenn sich Tinu für das Buch etwas zurückhalten musste, was die Sprache anging, ist sein Schreibstil deutlich erkennbar. «Ich bin wahnsinnig stolz auf das Buch, und auch auf mich», erzählt Tinu.

Seitenhiebe für Fribourg-Gottéron

«Der wichtigste Grund, den SCB zu lieben, ist ganz einfach: Der SCB ist ein geiler Club», sagt Tinu. Diesen einen, alles überspannenden Grund habe er dann, «wie ein Forensiker», aufgespalten in 111 Gründe. Drei Monate habe er jede Nacht daran geschrieben, immer mit der Deadline im Nacken. Er sei froh, dass er das Buch nicht während der Eishockeysaison schreiben musste, schmunzelt er. «Zusammen mit einem 100%-Job bin ich schon an meine Grenzen gekommen».

Das Buch ist eine Liebeserklärung an den SCB. Nicht immer sehr objektiv geschrieben, doch ausnahmslos ehrlich, interessant und auch lehrreich. Was auffällt: Gefühlt auf jeder zweiten Seite ist ein Seitenhieb gegen Fribourg-Gottéron versteckt. Diesen Club kann Tinu nicht ausstehen. «Weil es den HC Fribourg-Gottéron gibt», ist sogar der 39. Grund, den SCB zu lieben. Tinu erklärt, dass die Fribourger Fans «ekligi Cheibe» seien. Seine Erinnerungen an Fribourg seien nicht die besten, gibt er zu. Doch man könne sie auch nicht wirklich ernstnehmen, die chronisch erfolglosen Zähringer, die als einen der grössten Erfolge der Vereinsgeschichte den Vize Schweizer-Meister-Titel angeben, führt er weiter aus. Da seien ja sogar die Langnauer erfolgreicher – einen Titel gab es für die Langnauer 1976 zu feiern.

Der SCB als Kontaktbörse

Selbst der eingefleischteste SCB-Fan wird bei der Lektüre einige neue Dinge über seinen Lieblingsclub lernen. Etwa, dass die Band Europe extra für den SC Bern eine Ausnahme machte und ihren Hit «The Final Countdown», welcher nach jedem Berner Tor erklingt, zur Einweihung des neuen Stadions 2009 live spielte. Denn seit ihrem Comeback im Jahre 2004 weigerten sie sich standhaft, ihren grössten Hit live zu spielen. Auch Privates findet im Buch Platz: Martin Megert hat seine Frau an einem SCB-Spiel kennengelernt. Auch Randgeschichten von Spielern, Trainern und Schiedsrichtern finden in Tinus Werk Platz. In über 40 Jahren als SCB-Fan hat er vieles erlebt und kann so aus dem Nähkästchen plaudern. Die Liebe und Leidenschaft für den SCB ist in jeder Zeile spürbar.

Der Meisterfeier im Berner Stadion am Ostermontag blieb Tinu übrigens fern. «Bisher haben sie noch immer verloren, wenn ich an ein Public Viewing gegangen bin», so Tinu. Auch als der Titel im Trockenen war, blieb er zuhause: «Das war für mich ein schöner Abschluss der Saison». Er sei halt nicht mehr der Jüngste. Doch den Umzug durch die Berner Altstadt und die Feier auf dem Bundesplatz liess er sich nicht entgehen. «Das ist Ehrensache», meint der wohl grösste SCB-Fan, bevor er sich verabschieden muss. Er werde jetzt den Sommer geniessen.

Taktlos in Zürich

«Wann haben Sie das letzte Mal etwas zum ersten Mal gehört?», dieses Motto hat Taktlos des Ensembles Collegium Novum ausgeliehen und zu seinem gemacht. Beim Festival geht es um Musik, die fast niemand kennt und viele entdecken wollen. Die nächsten vier Tage kommen MusikerInnen aus 17 Ländern in der Roten Fabrik in Zürich zusammen, um ihre Stücke zu präsentieren. Einiges wird schräg, neu und alles bestimmt anders sein, denn genau um das geht es bei Taktlos: um Musik, die Neues wagt.

Heute Abend spielt die slowenische Komponistin Kaja Draksler mit ihrem Oktett die ersten Töne. Die multinationale Gruppe übt in Amsterdam, wo erfolgreich für Kulturförderung gekämpft wird und experimentelle Projekte unterstützt werden. In ihrem Stück «Canto XII» erklingen zu zeitgenössischer Musik Texte des chilenischen Dichters Pablo Neruda. Die acht MusikerInnen teilen sich einen klassischen-jazzigen Hintergrund und spielen mutig mit unkonventionellen Formen. Der Donnerstag wird von Amok Amor in die Dunkelheit begleitet, virtuosen Jazz, lebendige Sechziger und Furchtlosigkeit treiben die vier Männer voran.

Dieses Jahr wird es auch neben der Musik Neuheiten geben. Fredi Bosshard, der Taktlos im Jahre 1984 mit dem Verein Jazzfabrik mitgegründet hat und seit daher jedes Jahr organisiert, gibt das Projekt in neue Hände. Er ist nun 68 Jahre alt und denkt, dass dem Festival ein frischer Wind bestimmt guttun wird. Ab 2018 wird der neue, junge Verein Taktlos das Festival leiten. Fredi Bosshard hat keine Angst vor Veränderungen, im Gegenteil: «Ich hoffe schwer, dass sie neue Ideen, neue Musik und ihren Groove mitbringen.» Das Festival müsse ja ihrem Zeitgeist entsprechen. Als Bosshard das Festival in den 80er Jahren gegründet hat, war Zürich in Aufbruchstimmung, die Jugend hat für ihren Platz gekämpft. Die Musikszene war klein: «Wir haben die ersten Konzerte in der Roten Fabrik organisiert, daneben gab es noch den Plattenladen recrec und das Radio Lora. Das war’s.» Heute sei Zürich eine ganz andere Stadt mit vielen gut Ausgebildeten MusikerInnen und wahnsinnig vielen Angeboten. Und so meint Bosshard, «ist das Festival schon noch von unserer Zeit etwas geprägt». Das dürfe sich heute gerne ändern. Die Gegenwart hat wieder andere Geschichten zu erzählen.

Fredi Bosshard hat einige Kontakte in Deutschland und reist regelmässig an verschiedenste Festivals. Dort entdeckt er spannende Bands und fragt sie für Taktlos an. Wichtig ist den OrganisatorInnen so einiges, und sie halten sich streng an ihre Prinzipien: «Fünf von zehn Bands wurden von Frauen initiiert», das war Bosshard schon von Beginn ein Anliegen. Zudem möchten sie den MusikerInnen faire Löhne bezahlen, ihnen einen anständigen Rahmen bieten und das könnten sie, dank den Subventionen der Stadt Zürich. Damit würden auch überrissene Eintrittspreise vermieden. «Das mussten wir uns alles erarbeiten, mussten der Stadt beweisen, dass wir wirklich etwas Richtiges machen wollen.» In den Anfängen haben sie noch Sandwiches verkauft und wenn wenig Publikum kam, «mussten wir eine Woche nach dem Festival noch Sandwiches essen.» Nur so hätten sie gelernt, wie es funktioniert. Zudem haben sie starke Beziehungen mit der Roten Fabrik gepflegt, sich auch gegenseitig unterstützt. Genau deshalb will Bosshard dem neuen Verein Taktlos auch alle Freiheiten lassen.

Am Freitag geht es mit dem Lisa Ullén Quartett zärtlich weiter. Die Norwegerin Lisa Ullén improvisierte schon während ihres Pianostudiums mit den Innereien des Klaviers. Um 22.30 Uhr wird es dann mit dem Hedvi Mollestad Trio richtig laut. Die Band vermischt Jazz, Rock und Metal mit allem, was ihnen sonst noch in den Sinn kommt. Auch am Samstag wird ein spannendes Programm erwartet. Die Altsaxofonistin Julie Kjaer lebt seit einigen Jahren in London und hat dort mit zwei 80er-Jahre-Musikern ein Trio gegründet. Die drei sind in der «Powerhouse-Rhytmusszene» in London erfolgreich und spielen am Samstag um 20 Uhr in der Roten Fabrik. Kjaer reist danach alleine nach Japan weiter.

Fredi Bosshards «Perle» können wir am Sonntag um 17 Uhr bestaunen. Flury und die Nachgeborenen sind neun MusikerInnen, die alle aus einem anderen Bereich kommen. Da vermischen sich etwa zwei Sängerinnen, ein DJ, ein Pianist und zwei Perkussionisten und stellen den Jazz auf den Kopf. Aber das ist gut so, mein Fredi Bosshard: «wir wollen gerne aus dem Rahmen fallen.»

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YB lässt seine Fans träumen

Foto: Thomas Hodel

Viele Zweikämpfe

Die erste Halbzeit war geprägt von vielen hart geführten Zweikämpfen und zwei stark aufspielenden Abwehrketten. Nur selten konnten die Offensivspieler beider Mannschaften in eine gefährliche Position gebracht werden.

Weder Steffen beim FCB, noch Sulejmani konnten ihre Freiheiten ausnützen und so war das logische Halbzeitresultat 0-0.

Einzelleistungen entscheiden das Spiel

Das Heimteam kam stärker aus der Kabine und spielte mit viel Druck nach vorne. In der 58. Minute passte der stark aufspielende YB-Verteidiger Benito auf Yoric Ravet. Dieser lässt mit seinem Dribbling Luca Zuffi alt aussehen und schlenzt den Ball herrlich an Vaclik vorbei ins Tor. Das ausverkaufte Stade de Suisse stand kopf. Keine Minute später hatte Sulejmani das nächste Tor auf dem Fuss, doch er verzog kläglich.

In der 80. Minute besiegte Sulejmani schliesslich endgültig das FCB. Einen Freistoss aus rund 25 Metern versenkte er nahezu perfekt ins Tor.

YB-Debütant Christian Fassnacht war nach dem Spiel zufrieden: «Es ist natürlich toll, gegen den Meister zu gewinnen, aber das war bloss das erste Spiel und jetzt kommt Dynamo Kiew, dies ist noch ein härterer Brocken. Nach der zweiten Halbzeit von heute dürfen wir jedoch zuversichtlich sein.»

Gurtenfestival: Lo & Leduc besiegen Züri West

Für die Veranstalter hat sich das Festival auf jeden Fall gelohnt: Alle vier Tage des 34. Gurtenfestival waren ausverkauft. 61 Live-Acts und 63 DJs bespielten bei gutem Wetter den Berner Hausberg. Darunter auch Züri West.

Jüngeres Publikum

Diese gehören zum Gurtenfestival wie die Gurtenbahn. Auch bei ihrem diesjährigen Auftritt vor Heimpublikum war die Hauptbühne voll mit musikbegeisterten Besuchern. Wer sich in der Menge umsah, konnte sehen, dass die Masse sich auf die Berner Stammgäste freuten. Als die bekannten, älteren Lieder angespielt wurden, stimmten alle mit ein. Trotzdem konnte man eine gewisse Verhaltenheit ausmachen, welche die Gurtengänger zu bremsen schien. Um für mehr als eine Stunde zu überzeugen, dafür war der Auftritt zu wenig inspiriert. Er wirkte gewohnt, ja, routiniert.

Ein Grund für die fehlende Euphorie dürfte das Alter der Festivalbesucher sein. Die Zuhörer der neuen Alben von Züri West sind wohl eher älter als der Altersdurchschnitt der insgesamt 80’000 Festivalbesucher auf dem Berner Hausberg. Ganz anders bei Lo & Leduc: Die beiden Rapper sind ebenfalls in Bern aufgewachsen und ihr Auftritt war ein Genuss. Die grossartige Stimmung trug klar dazu bei. Sie erzeugten eine starke Dynamik und trieben die Zuschauer an. Das Publikum erklärte sie klar zum Sieger der beiden Berner Gruppen.

Antikaptialisten und einhändige Saxophonisten

Auch die bekannten zweisprachigen Antikapitalisten Irie Revolté wussten, wie man Stimmung erzeugt. Als am Freitagnachmittag die Hauptbühne noch halb leer war, halfen sie den schwächenden Festivalgängern, sich den Kater aus den Knochen zu schütteln. Immer wieder forderten sie die Leute erfolgreich zum Mitmachen auf. Auch wenn der Antifa-Auftritt mit linken Parolen etwas komisch auf einem sehr kommerziell ausgerichteten Festival wirkt, so überzeugten sie doch mit einem kurzen, aber kraftvollen Auftritt. Bei ihrem letzten Lied trat die ganze Band nach vorne und sang ohne Instrumente mehrstimmig «Merci». Das dürfte bei vielen Besuchern für einen Gänsehaut-Moment gesorgt haben.

Die vielseitige Bläserband der Lucky Chops konnte mit erfrischender Musik die Leute bei Laune halten. Mit vielen Soli- und einfallsreichen Showeinlagen gewannen sie die Herzen der Zeltbühnenbesucher. Als der Saxophonist mit einer Hand spielte und mit der anderen das Publikum zum Mitmachen einlud, wurde der Applaus hörbar lauter. Ein rundum gelungener Auftritt der New Yorker.

Die Gurtengänger zeigten sich sowieso von ihrer besten Seite: Die Security-Firma verzeichnete keinen grossen Zwischenfälle. Man darf sich schon auf nächsten Sommer freuen, wenn der Güsche erneut erbebt.

Gesund und krank spazieren Hand in Hand

In gut sichtbaren Lettern prangt auf den violett getönten Plakaten des wildwuchs Theaterfestivals das Leitmotiv der achten Ausgabe: «Wir sind viele.» Doch welche Personengruppe versteckt sich hinter dem Personalpronomen «wir»? Impliziert der Begriff des «wir» nicht immer auch die Existenz eines «anderen», welches ausserhalb des «wir» angesiedelt ist und systematisch ausgegrenzt wird? Und nach welchen Regeln wird die Zughörigkeit zu einer der beiden Gruppierungen überhaupt determiniert? Tatsächlich bildete die Frage nach der Definition von Innen und Aussen den thematischen Schwerpunkt des diesjährigen Festivals, als dessen Gastspielort neben der Kaserne und dem ROXY Birsfelden die Universitären Psychiatrischen Kliniken (UPK) dienten. Fragen der Inklusion von Menschen mit körperlicher und psychischer Beeinträchtigung sowie der gesellschaftlichen und kulturellen Heterogenität wurden während den beiden ersten Juni-Wochen in unterschiedlichen theatralen Formaten aufgegriffen.

Vertrauensgestus

Mit einem vertrauten Menschen Hand in Hand müssig durch das Stadtzentrum zu flanieren bedarf kaum grosser Überwindung. Sich jedoch einem völlig fremden Menschen anzuvertrauen, von diesem an der Hand genommen und durch die Stadt geführt zu werden schon. Händchenhalten ist eine intime Geste, die von gegenseitigem Vertrauen zeugt und zwischen zwei Menschen eine körperliche und emotionale Brücke herzustellen vermag. Das Projekt «Walking:Holding» der britischen Performance-Künstlerin Rosana Cade greift diesen Aspekt auf und erweitert ihn um ein zusätzliches Irritationsmoment: Die Begleitung ist eine völlig unbekannte Person, eine der «anderen». Es versteht sich als ein experimenteller Spaziergang, bei dem die Teilnehmer an der Hand von eigens für den jeweiligen Durchführungsort gecasteten «Handhaltern» aller Altersstufen, sozialen Gruppen und geschlechtlicher Ausprägungen durch die belebteren Basler Stadtteile schlendern.

Handhalter erzählen

Den Teilnehmern bieten sich verschiedene Möglichkeiten, um auf die befremdlich wirkende Situation zu reagieren. Die Verfasserin des Artikels entscheidet sich für den kommunikativen Austausch mit den insgesamt sieben Darstellern, welche sie im Verlauf von einer Stunde etappenweise über die Mittlere Brücke, in die Freie Strasse und zur Münsterplattform gelotst haben. Und erfährt dabei zum Teil auch sehr persönliche Anekdoten: Dass das Theaterspiel ihre Leidenschaft sei, erzählt die Schülerin mit den verheilten Ritznarben an den Armen. Dass er die kulturelle Vielfalt von Basel schätze, meint der Theater- und Filmschaffende aus Mali. Dass die Kommunikation mit englischsprachigen Teilnehmern für ihn schwierig sei, gesteht der ältere Herr mit dem Armstumpf. Dass die Paarbildung dunkelhäutiger Mann mit hellhäutiger Frau meist mehr Blicke auf sich ziehe, stellt die Frau mittleren Alters fest.

Gemischte Gefühle

Im Gespräch vergehen die 60 Minuten wie im Flug, die irritierten oder missbilligenden Blicke des Umfelds lassen sich ebenfalls leichter ausblenden. Eine grundlegende Veränderung der eigenen Wahrnehmung brachte dieses Erlebnis für die Verfasserin jedoch nicht mit sich. Das Stück hinterlässt als Plädoyer für mehr Akzeptanz gemischte Gefühle, konfrontiert es die Teilnehmer zwar mit den eigenen Vorurteilen, dies jedoch nur während kurzer Zeit und im Rahmen einer durch und durch künstlichen Situation. Es bleibt jedenfalls zweifelhaft, ob die Teilnehmer des Spaziergangs sich die Aufforderung des Programmtextes, öfter mal Hand in Hand mit jemandem spazieren zu gehen auch zu Herzen nehmen werden.

Spaziergang mit Stimmen im Ohr

Als eher konventioneller Hör-Spaziergang mit Kopfhörer präsentiert sich hingegen das Stück «Dazwischenland» des Kollektivs Firma für Zwischenbereiche. Eine souverän klingende glatte Männerstimme lotst die zeitlich versetzt startenden Teilnehmer unter häufiger Betonung, sich respektvoll zu verhalten über das weitläufige Gelände der im Basler Niemandsland kurz vor der französischen Grenze angesiedelten UPK und liefert dabei einen kurzen Abriss der Geschichte der Institution. Regelmässige dumpfe Schläge geben im Sinne eines akustischen Herzschrittmachers das ideale Schritttempo vor. Eingestreute Interviewfragmente, in denen Patientinnen und Patienten Details aus ihrer Lebensrealität und ihrem Umgang mit der Krankheit preisgeben, runden den Audiowalk ab. So weit, so unspektakulär, wäre da nicht die neckische Frauenstimme, welche den um korrektes Verhalten bemühten Sprecher immer wieder unterbricht, frech zur Missachtung seiner Anweisungen auffordert, in bewusst reisserischer Manier saftige Informationen zu der Einrichtung preisgibt und sich schliesslich gar als imaginäres Konstrukt der Männerstimme ausgibt – ein Verweis auf die bei Schizophrenie-Patienten auftretenden Halluzinationen.

Kuchen als verbindendes Element

Der Reiz dieser auditiven Führung durch die idyllische Parkanlage der Psychiatrie liegt in ihrer wiederholten spielerisch-provokanten Transgression der Realitätsebenen. Die Grenzen zwischen Krankheit und Normalität, dem «wir» und den «anderen» werden im Verlauf des Rundgangs als durchlässig entlarvt. «Psychische Erkrankungen können jeden Menschen treffen», lautet die simplizistisch anmutende, jedoch durchaus berechtigte Botschaft des Hör-Spaziergangs. Die Jurte der Mach-Bar des Kollektivs OPUS 89 bildet die Schlussstation des Audiowalks, wo schlussendlich sämtliche Fäden zusammengeführt werden. Patienten der UPK; Pflegepersonal, Theaterschaffende und Festivalbesucher statten dem kulinarischen Treffpunk auf dem Gelände der Kliniken einen Besuch ab. Allesamt vereint in der Wertschätzung des hausgemachten Kuchenbüffets.

Mehr Informationen findet ihr auf der Seite des wildwuchs Festivals.

Der nachhaltige Filmtipp – Code of Survival

«Eigentlich sollte man den besten Anzug anziehen, wenn man auf den Acker geht. Man muss Ehrfurcht vor dem Boden haben, denn er ist unsere Lebensgrundlage», sagt Bio-Bauer Franz Aunkofer im Film. Er war einer der ersten Bio-Bauern Deutschlands und erwirtschaftet inzwischen praktisch denselben Ertrag wie im konventionellen Anbau – ohne Gift und im Einklang mit der Natur. Der Alltag in der industriellen Landwirtschaft sieht anders aus. Dort bauen die Landwirte seit vielen Jahren Gentech-Pflanzen an und behandeln sie mit Glyphosat-haltigen Herbiziden wie Roundup. Die Resultate: resistentes Unkraut, das sich unkontrolliert vermehrt und harte Böden, auf denen nichts mehr wächst.

Regisseur Bertram Verhaag stellt der industriellen Landwirtschaft in den USA drei Beispiele aus Deutschland, Ägypten und Indien gegenüber. Er zeigt, wie die biologische Landwirtschaft dort aus kaputten Böden fruchtbare Äcker macht, welche hohe Qualität produzieren und die Artenvielfalt steigern. Die Formel des Überlebens – der Code of Survival – liegt in der nachhaltigen und biologischen Bewirtschaftung des Bodens, wie es Jane Goodall am Ende des Films formuliert: «Wir sollten mit der Natur zusammenarbeiten, nicht gegen sie. Nur dann können wir es schaffen, die Natur und das Land wiederherzustellen»

Dieser Film sowie weitere Filme zu diesem Thema sind auf der Filmseite Gentech + Saatgut aufgelistet.

Die DVD des Films ist hier erhältlich.

Dieser Eintrag erschien am 06.06.2017 auf dem Blog von unserem Partner Filme für die Erde.

Ein Busfahrer als «Bernmobil-Sohn»

Auch ich steige häufig in den Bus ein. Insbesondere im Winter, wenn es kalt ist und ich keine Lust habe, in der Schule halb erforen anzukommen. Mit den Busfahrern habe ich bis anhin noch nie gesprochen, zumindest in Bern nicht.

Als ich letzten Sommer in einer Kleinstadt an der Ostküste Irlands für einen Sprachaufenthalt war, benutzte ich täglich den Bus. Zur Schule gings mit dem Schulbus, in dem ich den Fahrern lediglich ein freundliches «How are you?» zurief. Am Abend benutzte ich jeweils den öffentlichen Bus. Ich bemerkte, dass die Einheimischen mit den Busfahrern immer intensive Gespräche begannen, anders als ich es von Bern kannte. Schliesslich wurden jeweils auch wir Sprachstudentinnen und Sprachstudenten in die Konversation eingebunden und diskutierten über das Wetter, über unsere Heimatländer oder über den Brexit, der damals noch ein frischer Schock für die Iren war.

Mein Gespräch mit einem Busfahrer in Bern fand nicht im Bus, sondern in der Bernmobil-Garage am Eigerplatz statt. Es war später Nachmittag und somit waren die meisten Busse auf den Strassen und Kurven Berns unterwegs. In der Garage standen einige Busse zur Reperatur bereit. Ich hatte die Gelegenheit, mit Mariano Altomonte zu sprechen. Mariano Altomonte arbeitet seit September 2012 bei Bernmobil, wo er auch seine Ausbildung gemacht hat. Er bezeichnet sich deshalb als «Bernmobil-Sohn». Die Ausbildungen für Tram, Bus und Trolley-Bus hat er bestanden und er ist jeden Tag für verschiedene Linien und an verschiedenen Uhrzeiten im Einsatz.

Weshalb es in den Berner Bussen kaum Gespräche zwischen den Busfahrern und Fahrgästen gibt, wollte ich als erstes von Mariano Altomonte wissen. Er beobachte, dass es bei diesem Thema einen Stadt-Land-Unterschied gebe: «In der Stadt steigt der Fahrgast ein, steigt aus und das war’s.» Im Aussennetz, in dem Altomonte zu Beginn arbeitete, sei es viel familiärer zu- und hergegangen. Von manchen Passagieren wisse man mit der Zeit, wer sie sind und man komme mit ihnen immer wieder ins Gespräch. In der Stadt komme das viel weniger vor. Zu Neujahr oder zum Valentinstag komme es häufig vor, dass Leute extra vorne aussteigen, kurz mit den Fahrern reden und manchmal sogar einen Schoggi als Zeichen der Dankbarkeit schenken. Das freut Altomonte jeweils ganz besonders.

Der lustigste Busfahrer-Moment für Mariano Altomonte passierte in Konolfingen, als jemand seinen vollen Migros-Wagen im Bus vergessen hatte. Ein Mitarbeiter der BLS am Bahnhof Konolfingen teilte ihm mit, dass dieser Fahrgast an einer Haltestelle auf ihn warten würde. Und tatsächlich stand der Mann an abgemachter Haltestelle zu abgemachter Uhrzeit und konnte seinen Wagen entgegennehmen. Als Dank schenkte dieser dem Busfahrer Altomonte eine Flasche Rotwein. «Das ist wirklich cool gewesen», fügte Altomonte beim Erzählen der Geschichte lachend hinzu.

Unangenehme Situationen seien vor allem auf den Verkehr zurückzuführen – zum Beispiel wenn er eine Vollbremsung machen müsse. Wenn es zu heiklen Situationen komme, etwa mit Betrunkenen, sei dies vor allem für die anderen Fahrgäste unangenehm. Für allfällige Schlichtungen seien aber nicht die Busfahrer, sondern anderes Personal zuständig.

Ich sprach den Busfahrer auf folgende Situation an, die ich schon öfter beobachtet habe oder ich gar selbst davon betroffen war: Wenn man zu spät dran ist und auf den Bus zurennt, gibt es manche Fahrer, die warten, andere fahren vorher ab. Altomonte betonte, dass dies nicht aus bösem Wille geschehe. Teilweise sei das Warten nicht möglich, insbesondere zu Stosszeiten, da zu dieser Zeit ein Bus nach dem anderen fährt und man den Fahrplan einhalten muss. Ansonsten versuche er, so oft wie möglich zu warten. Enttäuscht musste ich feststellen, dass die Busfahrer keine Wetten untereinander abschliessen, wie oft ein Busfahrer den Passagieren vor der Nase wegfährt.

Es scheint, dass für die Busfahrer trotz der Hektik immer genügend Zeit vorhanden ist, um deren Kollegen zu grüssen. Das Zeichen sei schlicht ein verbindendes Ritual, das sie vom ersten Tag an vermittelt bekämen. Von den ungefähr 600 Fahrern kennt Mariano Altomonte längst nicht alle, gegrüsst werde von ihm jedoch jeder.

Zum Schluss wollte ich noch von ihm wissen, warum er zusätzlich auch noch die Tramausbildung gemacht hat (welche er erst kurz vor unserem Interview erfolgreich absolviert hatte). Dies habe nichts damit zu tun gehabt, dass momentan immer wieder diskutiert werde, ob Bus- durch Tramlinien ersetzt werden sollen. «Ich finde es einfach gut, wenn ich die Auswahl zwischen Bus, Trolleybus und Tram habe. Tram und Bus sind zwei Paar Schuhe; man kann diese nicht vergleichen».

Mit Graffiti Freiräume schaffen

Das Wichtigste am Eingang ist die Unterschrift. Ohne einen Haftungsausschluss zu unterschreiben, kommt niemand legal aufs Gelände: Auf dem Teufelsberg mitten im Berliner Grunewald herrschen zwar eigene Regeln, doch Sicherheit muss trotzdem sein. Immerhin betreten wir hier marodes Bauwerk – original aus dem Kalten Krieg. Und dennoch geht es auf dem Teufelsberg nicht bloss um den Kult des Verlassenen, Zerfallenen und Überwucherten. Es geht auch um künstlerische und gesellschaftliche Freiheit.

Vom Trümmerberg zur Lauschstation

Den Teufelsberg gibt es erst seit dem Ende des zweiten Weltkriegs. Damals lag in der Hauptstadt jede Menge Schutt und Trümmer. Um Neuem Platz zu machen, türmte man am Rand der Stadt alles auf einen Haufen. Dieser Haufen ist jetzt 120 Meter hoch und nebst der Berliner Mauer eines der eindrücklichsten Kultur- und Zeitdenkmäler aus dem Kalten Krieg.

Lange Zeit wurde der ehemals höchste Berg Berlins durch die Alliierten als Abhörstation verwendet. Die ersten mobilen Anlagen wurden 1961 aufgefahren, ab 1963 baute man die noch heute stehenden Gebäude mitsamt den unverwechselbaren Radomen – grosse Antennenkuppeln, unter denen früher das Spionagegerät eingebaut war. Was dort oben genau gemacht wurde, weiss niemand so genau. Es ging wohl um Signalstörung und die Abhörung des sowjetischen Funkverkehrs. Vielleicht werden wir es im Jahr 2022 erfahren, wenn die Akten der Geheimdienste der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden.

Mit der deutschen Wiedervereinigung verlor man das Interesse am Abhören. Erst wurde in den Anlagen noch der zivile Luftverkehr überwacht, doch um die Jahrtausendwende wurde das ganze Gelände an private Investor*innen verkauft. Der ursprüngliche Plan, dort ein Tagungshotel, ein Spionagemuseum, Wohnungen und eine Gaststätte zu bauen, ging nicht auf. Es gab Widerstand aus der Bevölkerung und irgendwann folgten auch finanzielle Probleme. Und so stand das Gelände viele Jahre brach.

Ein Freiraum für Kunstschaffende

Es sollte bis 2010 dauern, bis sich mit Shalmon Abraham ein Pächter fand, der Besuche im mittlerweile ziemlich heruntergekommen verlassenen Ort ermöglichte. Durch die ungenutzten Jahre waren die Gebäude und die auffälligen Radome teilweise beschädigt. Noch heute ist vieles zerfetzt und zerfallen. Gleichzeitig mit dem Neustart wurde auch eine grosse Graffiti Galerie initiiert. Die hohen Räume und die vielen neu hochgezogenen Wände waren wie geschaffen für Murals und Street Art. So entwickelte sich die ehemalige Abhörstation in den letzten Jahren zu einem Freiraum der Kreativität.

 

Doch es gab auch Konflikte. Einige befürchteten, dass es mit dem verlangten Eintritt bloss ums Geld ginge. Was ehemals ein Ort der Entdeckens, der Einsamkeit und der Abenteuerlust war, drohte stattdessen im Kommerz zu versinken. Auch darum wurde Marvin Schütte – Sohn eines der Eigentümer – 2015 neuer Pächter des Teufelsbergs. Im Gegensatz zu früher sollte es nun nicht mehr um den Profit gehen. Dies entspräche auch dem Wunsch einiger aus der Bevölkerung, welche den Teufelsberg «zu einer modernen, überregionalen Austauschplattform und Denkfabrik für Kultur, Kunst, Geschichte, Technik, Natur und neue Wirtschaftsmodelle« machen möchten, wie der unabhängige Verein Initiative Kultur-DENK-MAL Berliner Teufelsberg in seinem Manifest schreibt. Trotzdem zahlen Besucher*innen auch heute noch Eintritt.

Rundgang zwischen Vergangenheit und Zukunft

Als einzigartiges historisches Kulturdenkmal hat der Teufelsberg einen grossen Wert für die allgemeine Bevölkerung. Durch die geregelte Nutzung ist es möglich, dass alle dieses Zeugnis der alliierten Besatzung erleben können. Ein blosses Denkmal der Vergangenheit ist der Teufelsberg aber trotzdem nicht. Im Gegenteil: Vieles ist hier lebendig und im Entstehen begriffen. Es gibt ein kleines Kaffeehäuschen, einen Essensstand und natürlich jede Menge zu entdecken. Im ersten Stock des Hauptgebäudes haben sich Künstler*innen in eigenen Ateliers eingerich

tet und verkaufen vor Ort ihre Werke. Nicht zuletzt zeigen die über 300 Graffiti und Kunstinstallationen wie unglaublich vielseitig und aktiv dieser Ort ist.

Natürlich gibt es auch solche, für die der Teufelsberg ein Schandfleck ist. Die ausgefallene Street Art gefällt nicht jedem und jeder. Und noch immer sind die Zeichen des Zerfalls und der jahrelangen Vernachlässigung zu sehen. Vieles ist wohl für immer zerstört. Doch vielleicht ist gerade das der grosse Reiz dieses Ortes, wo man die dicke Luft des Kalten Krieges förmlich einatmen kann.

Nächster Halt: 3 Stunden Verspätung.

9:12 Uhr: ich steige in den Bus. Heute werden Jacqueline und ich Tink.ch an der Universität Basel vorstellen. Ich freue mich, neue Schreiberlinge für unser Magazin zu gewinnen. Von Neuchâtel nach Biel, von Biel nach Basel: das ist der kinderleichte Plan. Voraussichtliche Ankunft: 10:53 Uhr. Dass ich erst um 13:55 Uhr ankommen würde, ahne ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Noch weniger ahne ich, dass dies ein faszinierendes, aber anstrengendes Abenteuer werden würde.

Wir bleiben stehen

Wie so mancher homo technologicus wische ich auf meinem Smartphone herum, so ganz geistig anwesend bin ich nicht, erst nach einer Weile merke ich, dass wir auffällig lange an diesem Bahnhof stehen. Laufen – der Name dieser Ortschaft ist so passend, dass er Teil eines Drehbuches zu sein scheint. «Problem mit den Sicherheitsanlagen in Grellingen», ertönt es vom Lautsprecher. Wir müssen aussteigen, der Zug kann nicht weiterfahren und wir müssen am Bahnhof auf weitere Informationen warten. Leute mit grossen Koffern, junge und alte Menschen, Kinder: dieses Gleis 2 ist wohl nie so dicht besiedelt gewesen wie heute. Die Ersten tippen wild auf ihrem Smartphone herum, einige telefonieren, ziemlich viele ziehen nervös an ihrer Zigarette. Die S3 nach Olten fällt aus. Unsere nächste Möglichkeit, nach Basel zu kommen, ist eine halbe Stunde später. Erst um 11:50 Uhr werde ich da sein, ich werde die erste Präsentation von Tink.ch verpassen. Schade, aber zum Glück haben wir geplant, eine zweite um 14:15 Uhr zu halten.

Mit einem Sandwich in der Hand laufe ich zurück an den Bahnhof, auf dem Gleis 4 steht bereits unser Zug. Die S3 ist klein und die Leute sind viele, das Gepäck der Passagiere, die wahrscheinlich an den Flughafen gehen, ist sperrig. Wir steigen ein, ich setze mich hin, der Zug fährt ab. «Was machst du denn hier?» – «Mein Zug ist ausgefallen, ich muss nach Basel» – «Ah, deshalb ist der Zug so voll!». Die Leute sind entspannt, erzählen einander von ihrem Tag und ihren Plänen.

Fahren oder Laufen?

«Ja hallo, entschuldigen Sie bitte, ich werde verspätet sein, der Zug ist ausgefallen», sie spricht mit einem accent francophone. Es wird ruhig: Zwingen, schon eine Weile stehen wir an diesem Bahnhof, ohne informiert zu werden, was geschehen ist. Die Stimme des Lokomotivführers ertönt, er entschuldigt sich, die Störung hält an, voraussichtlich werden wir ein paar Minuten verspätet sein. Er scheint nervös, die Situation scheint ihm hörbar unbequem zu sein. Aus ein paar Minuten wird «unbestimmte Zeit» und dann: wir müssen nach Laufen zurückfahren, da werden Ersatzbusse zur Verfügung stehen. Gelächter bricht aus, Gefluche ertönt. Ich übersetze meiner Sitznachbarin die Durchsage. Heute ist ihr Probetag für einen neuen Job, jetzt bereut sie es, nicht mit dem Auto gefahren zu sein.

Die Masse bewegt sich Richtung Busbahnhof fort, zu den bisherigen Passagieren kommen nun neue Ankömmlinge hinzu. Es werden immer mehr und die beiden Busse, die gerade anfahren, sind auch im Nu schon vollgestopft. Ein alter Mann mit Gehstöcken versucht einzusteigen, erst nachdem ich schimpfe, machen die Leute ihm Platz. Seine Frau versucht verzweifelt einzusteigen, sie schleppt zwei grosse Koffer. Ich mache ihr Platz, «Ich habe Zeit». Wie so viele stehe ich nun wieder in der warmen Sonne, die irgendwie die Stimmung trotz allem zu erhellen scheint.

Über den Röstigraben und fehlende Informationen

«On fait 5 kilomètres et on ne comprend déjà plus rien». Diese Dame ist nicht die Einzige, die sich zu beschweren scheint, dass die Durchsagen alle auf Deutsch waren. Eine zweite, ältere Dame erklärt mir, dass sie lange nicht verstand, was geschehen sei. Ein erstaunliches Vorgehen auf einer zweisprachigen Strecke, doch was mich zunehmend beeindruckt, ist, dass die Leute so ruhig und zivilisiert zu bleiben scheinen.

Ich warte. 10 Minuten, 30 Minuten. Nach ungefähr 50 Minuten ist der nächste Bus da, ich schaffe es rein. Dass die SBB jedoch keinen Plan hat, um Leuten, die schon länger warten, den Vortritt zu lassen und sicherzustellen, dass ältere Menschen und Kinder sicher reisen können, schockiert mich. So zusammengepfercht zu reisen, hat jedoch einen Vorteil: es ist fast unmöglich, in einer Kurve umzufallen. Die Fahrgäste im Bus nehmen es mit Humor. Ob jedoch diejenigen, die an den Haltestellen zwischen Laufen und dem Terminal stehen und auch in diesen Bus nicht einsteigen können, es noch mit Humor nehmen, ist unklar.

Auch der dritte Bahnersatzbus zwischen Laufen und Aesch (BL) ist überladen.

 

Am Bahnhof Aesch erscheinen die Wartenden wie eine überzählige Reisegruppe. Keine Durchsage ertönt, man ist auf sich gestellt und merkt früher oder später, dass man auf das andere Gleis muss, wenn man – wie ich zum Beispiel – nicht sieht, dass eine Zugangestellte zwischen den Leuten steht. Natürlich ist auch dieser Zug voll, natürlich müssen etliche ältere Menschen stehen und dass schon wieder nur mir und meiner Sitznachbarin in den Sinn kommt, dass man ihnen Platz machen kann, bringt mich erneut zum Kopfschütteln.

Eine überzählige Reisegruppe? Die Zugpassagiere warten auf den Ersatzbus in Aesch (BL).

 

Ein Abenteuer geht zu Ende

13:55 Uhr. Ich habe es geschafft, ich bin in Basel. Ich werde es heute noch schaffen, Tink.ch vorzustellen. Und wenigstens hat mein Abenteuer es mir erlaubt, Sonne zu tanken. Unser gemeinsames Leiden hat uns Reisende nähergebracht, ein Schwätzchen hier und da ist der positive Nebeneffekt einer aussergewöhnlichen Situation. Ich gehöre zu den über 400’000 Schweizer*innen, die ein Generalabonnement haben und von Jahr zu Jahr zahle ich mehr dafür. Diesen Luxus gönne ich mir gerne, Zugfahren ist mir wichtig, doch hat es die SBB an diesem Mittwoch geschafft, meine südamerikanischen, chaotischen Reiseerfahrungen zu übertreffen. Irgendwie habe ich es genossen, meine Mitmenschen zu beobachten und Gelassenheit zu üben. Doch dann denke ich an die junge Frau, die ihren Probetag hatte, an die älteren Menschen, die so reisen mussten und an die Leute, die wahrscheinlich ihren Flug verpasst haben und denke mir: wär’s wirklich nicht anders gegangen?

«Dr SCB isch dr geilscht Club»

Er wartet schon, an diesem Mittwochmittag, in einem Café in Bern, notabene zwei Tage nachdem sich der SCB in Zug zum zweiten Mal in Folge zum Eishockey Schweizer Meister küren lassen konnte. Von seinem Gipfeli ist schon fast nichts mehr übrig. «Tinu», stellt er sich vor. Martin Megert, wie er mit bürgerlichem Namen heisst, ist Informatiker. Neben seinem Beruf gibt es eine grosse Konstante in seinem Leben. Sie heisst SCB. Ich setzte mich ihm gegenüber hin. Wie sich herausstellt, ist Tinu genau wie ich in Burgdorf aufgewachsen. Während mich mein Vater an meinen ersten Match nach Langnau mitnahm, ging es für Tinu in die andere Richtung, nach Bern.

Das war der Beginn einer grossen Liebe. Heute ist der 56-Jährige der wahrscheinlich grösste SCB-Fan und ziemlich sicher auch der Bekannteste. Er ist Betreiber der Facebook-Seite «Hardboiled SCB», welche mittlerweile über 8000 Fans zählt. Auf dieser veröffentlicht er an jedem Spieltag spätestens eine Stunde nach dem Schlusspfiff einen Matchbericht, in dem er sich unzensiert seine Emotionen vom Leib schreibt. Diese Emotionen hat er nun auch in Buchform niedergeschrieben: «111 Gründe, den SCB zu lieben», heisst das gute Stück. Auch wenn sich Tinu für das Buch etwas zurückhalten musste, was die Sprache anging, ist sein Schreibstil deutlich erkennbar. «Ich bin wahnsinnig stolz auf das Buch, und auch auf mich», erzählt Tinu.

Seitenhiebe für Fribourg-Gottéron

«Der wichtigste Grund, den SCB zu lieben, ist ganz einfach: Der SCB ist ein geiler Club», sagt Tinu. Diesen einen, alles überspannenden Grund habe er dann, «wie ein Forensiker», aufgespalten in 111 Gründe. Drei Monate habe er jede Nacht daran geschrieben, immer mit der Deadline im Nacken. Er sei froh, dass er das Buch nicht während der Eishockeysaison schreiben musste, schmunzelt er. «Zusammen mit einem 100%-Job bin ich schon an meine Grenzen gekommen».

Das Buch ist eine Liebeserklärung an den SCB. Nicht immer sehr objektiv geschrieben, doch ausnahmslos ehrlich, interessant und auch lehrreich. Was auffällt: Gefühlt auf jeder zweiten Seite ist ein Seitenhieb gegen Fribourg-Gottéron versteckt. Diesen Club kann Tinu nicht ausstehen. «Weil es den HC Fribourg-Gottéron gibt», ist sogar der 39. Grund, den SCB zu lieben. Tinu erklärt, dass die Fribourger Fans «ekligi Cheibe» seien. Seine Erinnerungen an Fribourg seien nicht die besten, gibt er zu. Doch man könne sie auch nicht wirklich ernstnehmen, die chronisch erfolglosen Zähringer, die als einen der grössten Erfolge der Vereinsgeschichte den Vize Schweizer-Meister-Titel angeben, führt er weiter aus. Da seien ja sogar die Langnauer erfolgreicher – einen Titel gab es für die Langnauer 1976 zu feiern.

Der SCB als Kontaktbörse

Selbst der eingefleischteste SCB-Fan wird bei der Lektüre einige neue Dinge über seinen Lieblingsclub lernen. Etwa, dass die Band Europe extra für den SC Bern eine Ausnahme machte und ihren Hit «The Final Countdown», welcher nach jedem Berner Tor erklingt, zur Einweihung des neuen Stadions 2009 live spielte. Denn seit ihrem Comeback im Jahre 2004 weigerten sie sich standhaft, ihren grössten Hit live zu spielen. Auch Privates findet im Buch Platz: Martin Megert hat seine Frau an einem SCB-Spiel kennengelernt. Auch Randgeschichten von Spielern, Trainern und Schiedsrichtern finden in Tinus Werk Platz. In über 40 Jahren als SCB-Fan hat er vieles erlebt und kann so aus dem Nähkästchen plaudern. Die Liebe und Leidenschaft für den SCB ist in jeder Zeile spürbar.

Der Meisterfeier im Berner Stadion am Ostermontag blieb Tinu übrigens fern. «Bisher haben sie noch immer verloren, wenn ich an ein Public Viewing gegangen bin», so Tinu. Auch als der Titel im Trockenen war, blieb er zuhause: «Das war für mich ein schöner Abschluss der Saison». Er sei halt nicht mehr der Jüngste. Doch den Umzug durch die Berner Altstadt und die Feier auf dem Bundesplatz liess er sich nicht entgehen. «Das ist Ehrensache», meint der wohl grösste SCB-Fan, bevor er sich verabschieden muss. Er werde jetzt den Sommer geniessen.

Taktlos in Zürich

«Wann haben Sie das letzte Mal etwas zum ersten Mal gehört?», dieses Motto hat Taktlos des Ensembles Collegium Novum ausgeliehen und zu seinem gemacht. Beim Festival geht es um Musik, die fast niemand kennt und viele entdecken wollen. Die nächsten vier Tage kommen MusikerInnen aus 17 Ländern in der Roten Fabrik in Zürich zusammen, um ihre Stücke zu präsentieren. Einiges wird schräg, neu und alles bestimmt anders sein, denn genau um das geht es bei Taktlos: um Musik, die Neues wagt.

Heute Abend spielt die slowenische Komponistin Kaja Draksler mit ihrem Oktett die ersten Töne. Die multinationale Gruppe übt in Amsterdam, wo erfolgreich für Kulturförderung gekämpft wird und experimentelle Projekte unterstützt werden. In ihrem Stück «Canto XII» erklingen zu zeitgenössischer Musik Texte des chilenischen Dichters Pablo Neruda. Die acht MusikerInnen teilen sich einen klassischen-jazzigen Hintergrund und spielen mutig mit unkonventionellen Formen. Der Donnerstag wird von Amok Amor in die Dunkelheit begleitet, virtuosen Jazz, lebendige Sechziger und Furchtlosigkeit treiben die vier Männer voran.

Dieses Jahr wird es auch neben der Musik Neuheiten geben. Fredi Bosshard, der Taktlos im Jahre 1984 mit dem Verein Jazzfabrik mitgegründet hat und seit daher jedes Jahr organisiert, gibt das Projekt in neue Hände. Er ist nun 68 Jahre alt und denkt, dass dem Festival ein frischer Wind bestimmt guttun wird. Ab 2018 wird der neue, junge Verein Taktlos das Festival leiten. Fredi Bosshard hat keine Angst vor Veränderungen, im Gegenteil: «Ich hoffe schwer, dass sie neue Ideen, neue Musik und ihren Groove mitbringen.» Das Festival müsse ja ihrem Zeitgeist entsprechen. Als Bosshard das Festival in den 80er Jahren gegründet hat, war Zürich in Aufbruchstimmung, die Jugend hat für ihren Platz gekämpft. Die Musikszene war klein: «Wir haben die ersten Konzerte in der Roten Fabrik organisiert, daneben gab es noch den Plattenladen recrec und das Radio Lora. Das war’s.» Heute sei Zürich eine ganz andere Stadt mit vielen gut Ausgebildeten MusikerInnen und wahnsinnig vielen Angeboten. Und so meint Bosshard, «ist das Festival schon noch von unserer Zeit etwas geprägt». Das dürfe sich heute gerne ändern. Die Gegenwart hat wieder andere Geschichten zu erzählen.

Fredi Bosshard hat einige Kontakte in Deutschland und reist regelmässig an verschiedenste Festivals. Dort entdeckt er spannende Bands und fragt sie für Taktlos an. Wichtig ist den OrganisatorInnen so einiges, und sie halten sich streng an ihre Prinzipien: «Fünf von zehn Bands wurden von Frauen initiiert», das war Bosshard schon von Beginn ein Anliegen. Zudem möchten sie den MusikerInnen faire Löhne bezahlen, ihnen einen anständigen Rahmen bieten und das könnten sie, dank den Subventionen der Stadt Zürich. Damit würden auch überrissene Eintrittspreise vermieden. «Das mussten wir uns alles erarbeiten, mussten der Stadt beweisen, dass wir wirklich etwas Richtiges machen wollen.» In den Anfängen haben sie noch Sandwiches verkauft und wenn wenig Publikum kam, «mussten wir eine Woche nach dem Festival noch Sandwiches essen.» Nur so hätten sie gelernt, wie es funktioniert. Zudem haben sie starke Beziehungen mit der Roten Fabrik gepflegt, sich auch gegenseitig unterstützt. Genau deshalb will Bosshard dem neuen Verein Taktlos auch alle Freiheiten lassen.

Am Freitag geht es mit dem Lisa Ullén Quartett zärtlich weiter. Die Norwegerin Lisa Ullén improvisierte schon während ihres Pianostudiums mit den Innereien des Klaviers. Um 22.30 Uhr wird es dann mit dem Hedvi Mollestad Trio richtig laut. Die Band vermischt Jazz, Rock und Metal mit allem, was ihnen sonst noch in den Sinn kommt. Auch am Samstag wird ein spannendes Programm erwartet. Die Altsaxofonistin Julie Kjaer lebt seit einigen Jahren in London und hat dort mit zwei 80er-Jahre-Musikern ein Trio gegründet. Die drei sind in der «Powerhouse-Rhytmusszene» in London erfolgreich und spielen am Samstag um 20 Uhr in der Roten Fabrik. Kjaer reist danach alleine nach Japan weiter.

Fredi Bosshards «Perle» können wir am Sonntag um 17 Uhr bestaunen. Flury und die Nachgeborenen sind neun MusikerInnen, die alle aus einem anderen Bereich kommen. Da vermischen sich etwa zwei Sängerinnen, ein DJ, ein Pianist und zwei Perkussionisten und stellen den Jazz auf den Kopf. Aber das ist gut so, mein Fredi Bosshard: «wir wollen gerne aus dem Rahmen fallen.»

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YB lässt seine Fans träumen

Foto: Thomas Hodel

Viele Zweikämpfe

Die erste Halbzeit war geprägt von vielen hart geführten Zweikämpfen und zwei stark aufspielenden Abwehrketten. Nur selten konnten die Offensivspieler beider Mannschaften in eine gefährliche Position gebracht werden.

Weder Steffen beim FCB, noch Sulejmani konnten ihre Freiheiten ausnützen und so war das logische Halbzeitresultat 0-0.

Einzelleistungen entscheiden das Spiel

Das Heimteam kam stärker aus der Kabine und spielte mit viel Druck nach vorne. In der 58. Minute passte der stark aufspielende YB-Verteidiger Benito auf Yoric Ravet. Dieser lässt mit seinem Dribbling Luca Zuffi alt aussehen und schlenzt den Ball herrlich an Vaclik vorbei ins Tor. Das ausverkaufte Stade de Suisse stand kopf. Keine Minute später hatte Sulejmani das nächste Tor auf dem Fuss, doch er verzog kläglich.

In der 80. Minute besiegte Sulejmani schliesslich endgültig das FCB. Einen Freistoss aus rund 25 Metern versenkte er nahezu perfekt ins Tor.

YB-Debütant Christian Fassnacht war nach dem Spiel zufrieden: «Es ist natürlich toll, gegen den Meister zu gewinnen, aber das war bloss das erste Spiel und jetzt kommt Dynamo Kiew, dies ist noch ein härterer Brocken. Nach der zweiten Halbzeit von heute dürfen wir jedoch zuversichtlich sein.»

Gurtenfestival: Lo & Leduc besiegen Züri West

Für die Veranstalter hat sich das Festival auf jeden Fall gelohnt: Alle vier Tage des 34. Gurtenfestival waren ausverkauft. 61 Live-Acts und 63 DJs bespielten bei gutem Wetter den Berner Hausberg. Darunter auch Züri West.

Jüngeres Publikum

Diese gehören zum Gurtenfestival wie die Gurtenbahn. Auch bei ihrem diesjährigen Auftritt vor Heimpublikum war die Hauptbühne voll mit musikbegeisterten Besuchern. Wer sich in der Menge umsah, konnte sehen, dass die Masse sich auf die Berner Stammgäste freuten. Als die bekannten, älteren Lieder angespielt wurden, stimmten alle mit ein. Trotzdem konnte man eine gewisse Verhaltenheit ausmachen, welche die Gurtengänger zu bremsen schien. Um für mehr als eine Stunde zu überzeugen, dafür war der Auftritt zu wenig inspiriert. Er wirkte gewohnt, ja, routiniert.

Ein Grund für die fehlende Euphorie dürfte das Alter der Festivalbesucher sein. Die Zuhörer der neuen Alben von Züri West sind wohl eher älter als der Altersdurchschnitt der insgesamt 80’000 Festivalbesucher auf dem Berner Hausberg. Ganz anders bei Lo & Leduc: Die beiden Rapper sind ebenfalls in Bern aufgewachsen und ihr Auftritt war ein Genuss. Die grossartige Stimmung trug klar dazu bei. Sie erzeugten eine starke Dynamik und trieben die Zuschauer an. Das Publikum erklärte sie klar zum Sieger der beiden Berner Gruppen.

Antikaptialisten und einhändige Saxophonisten

Auch die bekannten zweisprachigen Antikapitalisten Irie Revolté wussten, wie man Stimmung erzeugt. Als am Freitagnachmittag die Hauptbühne noch halb leer war, halfen sie den schwächenden Festivalgängern, sich den Kater aus den Knochen zu schütteln. Immer wieder forderten sie die Leute erfolgreich zum Mitmachen auf. Auch wenn der Antifa-Auftritt mit linken Parolen etwas komisch auf einem sehr kommerziell ausgerichteten Festival wirkt, so überzeugten sie doch mit einem kurzen, aber kraftvollen Auftritt. Bei ihrem letzten Lied trat die ganze Band nach vorne und sang ohne Instrumente mehrstimmig «Merci». Das dürfte bei vielen Besuchern für einen Gänsehaut-Moment gesorgt haben.

Die vielseitige Bläserband der Lucky Chops konnte mit erfrischender Musik die Leute bei Laune halten. Mit vielen Soli- und einfallsreichen Showeinlagen gewannen sie die Herzen der Zeltbühnenbesucher. Als der Saxophonist mit einer Hand spielte und mit der anderen das Publikum zum Mitmachen einlud, wurde der Applaus hörbar lauter. Ein rundum gelungener Auftritt der New Yorker.

Die Gurtengänger zeigten sich sowieso von ihrer besten Seite: Die Security-Firma verzeichnete keinen grossen Zwischenfälle. Man darf sich schon auf nächsten Sommer freuen, wenn der Güsche erneut erbebt.

Gesund und krank spazieren Hand in Hand

In gut sichtbaren Lettern prangt auf den violett getönten Plakaten des wildwuchs Theaterfestivals das Leitmotiv der achten Ausgabe: «Wir sind viele.» Doch welche Personengruppe versteckt sich hinter dem Personalpronomen «wir»? Impliziert der Begriff des «wir» nicht immer auch die Existenz eines «anderen», welches ausserhalb des «wir» angesiedelt ist und systematisch ausgegrenzt wird? Und nach welchen Regeln wird die Zughörigkeit zu einer der beiden Gruppierungen überhaupt determiniert? Tatsächlich bildete die Frage nach der Definition von Innen und Aussen den thematischen Schwerpunkt des diesjährigen Festivals, als dessen Gastspielort neben der Kaserne und dem ROXY Birsfelden die Universitären Psychiatrischen Kliniken (UPK) dienten. Fragen der Inklusion von Menschen mit körperlicher und psychischer Beeinträchtigung sowie der gesellschaftlichen und kulturellen Heterogenität wurden während den beiden ersten Juni-Wochen in unterschiedlichen theatralen Formaten aufgegriffen.

Vertrauensgestus

Mit einem vertrauten Menschen Hand in Hand müssig durch das Stadtzentrum zu flanieren bedarf kaum grosser Überwindung. Sich jedoch einem völlig fremden Menschen anzuvertrauen, von diesem an der Hand genommen und durch die Stadt geführt zu werden schon. Händchenhalten ist eine intime Geste, die von gegenseitigem Vertrauen zeugt und zwischen zwei Menschen eine körperliche und emotionale Brücke herzustellen vermag. Das Projekt «Walking:Holding» der britischen Performance-Künstlerin Rosana Cade greift diesen Aspekt auf und erweitert ihn um ein zusätzliches Irritationsmoment: Die Begleitung ist eine völlig unbekannte Person, eine der «anderen». Es versteht sich als ein experimenteller Spaziergang, bei dem die Teilnehmer an der Hand von eigens für den jeweiligen Durchführungsort gecasteten «Handhaltern» aller Altersstufen, sozialen Gruppen und geschlechtlicher Ausprägungen durch die belebteren Basler Stadtteile schlendern.

Handhalter erzählen

Den Teilnehmern bieten sich verschiedene Möglichkeiten, um auf die befremdlich wirkende Situation zu reagieren. Die Verfasserin des Artikels entscheidet sich für den kommunikativen Austausch mit den insgesamt sieben Darstellern, welche sie im Verlauf von einer Stunde etappenweise über die Mittlere Brücke, in die Freie Strasse und zur Münsterplattform gelotst haben. Und erfährt dabei zum Teil auch sehr persönliche Anekdoten: Dass das Theaterspiel ihre Leidenschaft sei, erzählt die Schülerin mit den verheilten Ritznarben an den Armen. Dass er die kulturelle Vielfalt von Basel schätze, meint der Theater- und Filmschaffende aus Mali. Dass die Kommunikation mit englischsprachigen Teilnehmern für ihn schwierig sei, gesteht der ältere Herr mit dem Armstumpf. Dass die Paarbildung dunkelhäutiger Mann mit hellhäutiger Frau meist mehr Blicke auf sich ziehe, stellt die Frau mittleren Alters fest.

Gemischte Gefühle

Im Gespräch vergehen die 60 Minuten wie im Flug, die irritierten oder missbilligenden Blicke des Umfelds lassen sich ebenfalls leichter ausblenden. Eine grundlegende Veränderung der eigenen Wahrnehmung brachte dieses Erlebnis für die Verfasserin jedoch nicht mit sich. Das Stück hinterlässt als Plädoyer für mehr Akzeptanz gemischte Gefühle, konfrontiert es die Teilnehmer zwar mit den eigenen Vorurteilen, dies jedoch nur während kurzer Zeit und im Rahmen einer durch und durch künstlichen Situation. Es bleibt jedenfalls zweifelhaft, ob die Teilnehmer des Spaziergangs sich die Aufforderung des Programmtextes, öfter mal Hand in Hand mit jemandem spazieren zu gehen auch zu Herzen nehmen werden.

Spaziergang mit Stimmen im Ohr

Als eher konventioneller Hör-Spaziergang mit Kopfhörer präsentiert sich hingegen das Stück «Dazwischenland» des Kollektivs Firma für Zwischenbereiche. Eine souverän klingende glatte Männerstimme lotst die zeitlich versetzt startenden Teilnehmer unter häufiger Betonung, sich respektvoll zu verhalten über das weitläufige Gelände der im Basler Niemandsland kurz vor der französischen Grenze angesiedelten UPK und liefert dabei einen kurzen Abriss der Geschichte der Institution. Regelmässige dumpfe Schläge geben im Sinne eines akustischen Herzschrittmachers das ideale Schritttempo vor. Eingestreute Interviewfragmente, in denen Patientinnen und Patienten Details aus ihrer Lebensrealität und ihrem Umgang mit der Krankheit preisgeben, runden den Audiowalk ab. So weit, so unspektakulär, wäre da nicht die neckische Frauenstimme, welche den um korrektes Verhalten bemühten Sprecher immer wieder unterbricht, frech zur Missachtung seiner Anweisungen auffordert, in bewusst reisserischer Manier saftige Informationen zu der Einrichtung preisgibt und sich schliesslich gar als imaginäres Konstrukt der Männerstimme ausgibt – ein Verweis auf die bei Schizophrenie-Patienten auftretenden Halluzinationen.

Kuchen als verbindendes Element

Der Reiz dieser auditiven Führung durch die idyllische Parkanlage der Psychiatrie liegt in ihrer wiederholten spielerisch-provokanten Transgression der Realitätsebenen. Die Grenzen zwischen Krankheit und Normalität, dem «wir» und den «anderen» werden im Verlauf des Rundgangs als durchlässig entlarvt. «Psychische Erkrankungen können jeden Menschen treffen», lautet die simplizistisch anmutende, jedoch durchaus berechtigte Botschaft des Hör-Spaziergangs. Die Jurte der Mach-Bar des Kollektivs OPUS 89 bildet die Schlussstation des Audiowalks, wo schlussendlich sämtliche Fäden zusammengeführt werden. Patienten der UPK; Pflegepersonal, Theaterschaffende und Festivalbesucher statten dem kulinarischen Treffpunk auf dem Gelände der Kliniken einen Besuch ab. Allesamt vereint in der Wertschätzung des hausgemachten Kuchenbüffets.

Mehr Informationen findet ihr auf der Seite des wildwuchs Festivals.

Der nachhaltige Filmtipp – Code of Survival

«Eigentlich sollte man den besten Anzug anziehen, wenn man auf den Acker geht. Man muss Ehrfurcht vor dem Boden haben, denn er ist unsere Lebensgrundlage», sagt Bio-Bauer Franz Aunkofer im Film. Er war einer der ersten Bio-Bauern Deutschlands und erwirtschaftet inzwischen praktisch denselben Ertrag wie im konventionellen Anbau – ohne Gift und im Einklang mit der Natur. Der Alltag in der industriellen Landwirtschaft sieht anders aus. Dort bauen die Landwirte seit vielen Jahren Gentech-Pflanzen an und behandeln sie mit Glyphosat-haltigen Herbiziden wie Roundup. Die Resultate: resistentes Unkraut, das sich unkontrolliert vermehrt und harte Böden, auf denen nichts mehr wächst.

Regisseur Bertram Verhaag stellt der industriellen Landwirtschaft in den USA drei Beispiele aus Deutschland, Ägypten und Indien gegenüber. Er zeigt, wie die biologische Landwirtschaft dort aus kaputten Böden fruchtbare Äcker macht, welche hohe Qualität produzieren und die Artenvielfalt steigern. Die Formel des Überlebens – der Code of Survival – liegt in der nachhaltigen und biologischen Bewirtschaftung des Bodens, wie es Jane Goodall am Ende des Films formuliert: «Wir sollten mit der Natur zusammenarbeiten, nicht gegen sie. Nur dann können wir es schaffen, die Natur und das Land wiederherzustellen»

Dieser Film sowie weitere Filme zu diesem Thema sind auf der Filmseite Gentech + Saatgut aufgelistet.

Die DVD des Films ist hier erhältlich.

Dieser Eintrag erschien am 06.06.2017 auf dem Blog von unserem Partner Filme für die Erde.

Ein Busfahrer als «Bernmobil-Sohn»

Auch ich steige häufig in den Bus ein. Insbesondere im Winter, wenn es kalt ist und ich keine Lust habe, in der Schule halb erforen anzukommen. Mit den Busfahrern habe ich bis anhin noch nie gesprochen, zumindest in Bern nicht.

Als ich letzten Sommer in einer Kleinstadt an der Ostküste Irlands für einen Sprachaufenthalt war, benutzte ich täglich den Bus. Zur Schule gings mit dem Schulbus, in dem ich den Fahrern lediglich ein freundliches «How are you?» zurief. Am Abend benutzte ich jeweils den öffentlichen Bus. Ich bemerkte, dass die Einheimischen mit den Busfahrern immer intensive Gespräche begannen, anders als ich es von Bern kannte. Schliesslich wurden jeweils auch wir Sprachstudentinnen und Sprachstudenten in die Konversation eingebunden und diskutierten über das Wetter, über unsere Heimatländer oder über den Brexit, der damals noch ein frischer Schock für die Iren war.

Mein Gespräch mit einem Busfahrer in Bern fand nicht im Bus, sondern in der Bernmobil-Garage am Eigerplatz statt. Es war später Nachmittag und somit waren die meisten Busse auf den Strassen und Kurven Berns unterwegs. In der Garage standen einige Busse zur Reperatur bereit. Ich hatte die Gelegenheit, mit Mariano Altomonte zu sprechen. Mariano Altomonte arbeitet seit September 2012 bei Bernmobil, wo er auch seine Ausbildung gemacht hat. Er bezeichnet sich deshalb als «Bernmobil-Sohn». Die Ausbildungen für Tram, Bus und Trolley-Bus hat er bestanden und er ist jeden Tag für verschiedene Linien und an verschiedenen Uhrzeiten im Einsatz.

Weshalb es in den Berner Bussen kaum Gespräche zwischen den Busfahrern und Fahrgästen gibt, wollte ich als erstes von Mariano Altomonte wissen. Er beobachte, dass es bei diesem Thema einen Stadt-Land-Unterschied gebe: «In der Stadt steigt der Fahrgast ein, steigt aus und das war’s.» Im Aussennetz, in dem Altomonte zu Beginn arbeitete, sei es viel familiärer zu- und hergegangen. Von manchen Passagieren wisse man mit der Zeit, wer sie sind und man komme mit ihnen immer wieder ins Gespräch. In der Stadt komme das viel weniger vor. Zu Neujahr oder zum Valentinstag komme es häufig vor, dass Leute extra vorne aussteigen, kurz mit den Fahrern reden und manchmal sogar einen Schoggi als Zeichen der Dankbarkeit schenken. Das freut Altomonte jeweils ganz besonders.

Der lustigste Busfahrer-Moment für Mariano Altomonte passierte in Konolfingen, als jemand seinen vollen Migros-Wagen im Bus vergessen hatte. Ein Mitarbeiter der BLS am Bahnhof Konolfingen teilte ihm mit, dass dieser Fahrgast an einer Haltestelle auf ihn warten würde. Und tatsächlich stand der Mann an abgemachter Haltestelle zu abgemachter Uhrzeit und konnte seinen Wagen entgegennehmen. Als Dank schenkte dieser dem Busfahrer Altomonte eine Flasche Rotwein. «Das ist wirklich cool gewesen», fügte Altomonte beim Erzählen der Geschichte lachend hinzu.

Unangenehme Situationen seien vor allem auf den Verkehr zurückzuführen – zum Beispiel wenn er eine Vollbremsung machen müsse. Wenn es zu heiklen Situationen komme, etwa mit Betrunkenen, sei dies vor allem für die anderen Fahrgäste unangenehm. Für allfällige Schlichtungen seien aber nicht die Busfahrer, sondern anderes Personal zuständig.

Ich sprach den Busfahrer auf folgende Situation an, die ich schon öfter beobachtet habe oder ich gar selbst davon betroffen war: Wenn man zu spät dran ist und auf den Bus zurennt, gibt es manche Fahrer, die warten, andere fahren vorher ab. Altomonte betonte, dass dies nicht aus bösem Wille geschehe. Teilweise sei das Warten nicht möglich, insbesondere zu Stosszeiten, da zu dieser Zeit ein Bus nach dem anderen fährt und man den Fahrplan einhalten muss. Ansonsten versuche er, so oft wie möglich zu warten. Enttäuscht musste ich feststellen, dass die Busfahrer keine Wetten untereinander abschliessen, wie oft ein Busfahrer den Passagieren vor der Nase wegfährt.

Es scheint, dass für die Busfahrer trotz der Hektik immer genügend Zeit vorhanden ist, um deren Kollegen zu grüssen. Das Zeichen sei schlicht ein verbindendes Ritual, das sie vom ersten Tag an vermittelt bekämen. Von den ungefähr 600 Fahrern kennt Mariano Altomonte längst nicht alle, gegrüsst werde von ihm jedoch jeder.

Zum Schluss wollte ich noch von ihm wissen, warum er zusätzlich auch noch die Tramausbildung gemacht hat (welche er erst kurz vor unserem Interview erfolgreich absolviert hatte). Dies habe nichts damit zu tun gehabt, dass momentan immer wieder diskutiert werde, ob Bus- durch Tramlinien ersetzt werden sollen. «Ich finde es einfach gut, wenn ich die Auswahl zwischen Bus, Trolleybus und Tram habe. Tram und Bus sind zwei Paar Schuhe; man kann diese nicht vergleichen».

Mit Graffiti Freiräume schaffen

Das Wichtigste am Eingang ist die Unterschrift. Ohne einen Haftungsausschluss zu unterschreiben, kommt niemand legal aufs Gelände: Auf dem Teufelsberg mitten im Berliner Grunewald herrschen zwar eigene Regeln, doch Sicherheit muss trotzdem sein. Immerhin betreten wir hier marodes Bauwerk – original aus dem Kalten Krieg. Und dennoch geht es auf dem Teufelsberg nicht bloss um den Kult des Verlassenen, Zerfallenen und Überwucherten. Es geht auch um künstlerische und gesellschaftliche Freiheit.

Vom Trümmerberg zur Lauschstation

Den Teufelsberg gibt es erst seit dem Ende des zweiten Weltkriegs. Damals lag in der Hauptstadt jede Menge Schutt und Trümmer. Um Neuem Platz zu machen, türmte man am Rand der Stadt alles auf einen Haufen. Dieser Haufen ist jetzt 120 Meter hoch und nebst der Berliner Mauer eines der eindrücklichsten Kultur- und Zeitdenkmäler aus dem Kalten Krieg.

Lange Zeit wurde der ehemals höchste Berg Berlins durch die Alliierten als Abhörstation verwendet. Die ersten mobilen Anlagen wurden 1961 aufgefahren, ab 1963 baute man die noch heute stehenden Gebäude mitsamt den unverwechselbaren Radomen – grosse Antennenkuppeln, unter denen früher das Spionagegerät eingebaut war. Was dort oben genau gemacht wurde, weiss niemand so genau. Es ging wohl um Signalstörung und die Abhörung des sowjetischen Funkverkehrs. Vielleicht werden wir es im Jahr 2022 erfahren, wenn die Akten der Geheimdienste der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden.

Mit der deutschen Wiedervereinigung verlor man das Interesse am Abhören. Erst wurde in den Anlagen noch der zivile Luftverkehr überwacht, doch um die Jahrtausendwende wurde das ganze Gelände an private Investor*innen verkauft. Der ursprüngliche Plan, dort ein Tagungshotel, ein Spionagemuseum, Wohnungen und eine Gaststätte zu bauen, ging nicht auf. Es gab Widerstand aus der Bevölkerung und irgendwann folgten auch finanzielle Probleme. Und so stand das Gelände viele Jahre brach.

Ein Freiraum für Kunstschaffende

Es sollte bis 2010 dauern, bis sich mit Shalmon Abraham ein Pächter fand, der Besuche im mittlerweile ziemlich heruntergekommen verlassenen Ort ermöglichte. Durch die ungenutzten Jahre waren die Gebäude und die auffälligen Radome teilweise beschädigt. Noch heute ist vieles zerfetzt und zerfallen. Gleichzeitig mit dem Neustart wurde auch eine grosse Graffiti Galerie initiiert. Die hohen Räume und die vielen neu hochgezogenen Wände waren wie geschaffen für Murals und Street Art. So entwickelte sich die ehemalige Abhörstation in den letzten Jahren zu einem Freiraum der Kreativität.

 

Doch es gab auch Konflikte. Einige befürchteten, dass es mit dem verlangten Eintritt bloss ums Geld ginge. Was ehemals ein Ort der Entdeckens, der Einsamkeit und der Abenteuerlust war, drohte stattdessen im Kommerz zu versinken. Auch darum wurde Marvin Schütte – Sohn eines der Eigentümer – 2015 neuer Pächter des Teufelsbergs. Im Gegensatz zu früher sollte es nun nicht mehr um den Profit gehen. Dies entspräche auch dem Wunsch einiger aus der Bevölkerung, welche den Teufelsberg «zu einer modernen, überregionalen Austauschplattform und Denkfabrik für Kultur, Kunst, Geschichte, Technik, Natur und neue Wirtschaftsmodelle« machen möchten, wie der unabhängige Verein Initiative Kultur-DENK-MAL Berliner Teufelsberg in seinem Manifest schreibt. Trotzdem zahlen Besucher*innen auch heute noch Eintritt.

Rundgang zwischen Vergangenheit und Zukunft

Als einzigartiges historisches Kulturdenkmal hat der Teufelsberg einen grossen Wert für die allgemeine Bevölkerung. Durch die geregelte Nutzung ist es möglich, dass alle dieses Zeugnis der alliierten Besatzung erleben können. Ein blosses Denkmal der Vergangenheit ist der Teufelsberg aber trotzdem nicht. Im Gegenteil: Vieles ist hier lebendig und im Entstehen begriffen. Es gibt ein kleines Kaffeehäuschen, einen Essensstand und natürlich jede Menge zu entdecken. Im ersten Stock des Hauptgebäudes haben sich Künstler*innen in eigenen Ateliers eingerich

tet und verkaufen vor Ort ihre Werke. Nicht zuletzt zeigen die über 300 Graffiti und Kunstinstallationen wie unglaublich vielseitig und aktiv dieser Ort ist.

Natürlich gibt es auch solche, für die der Teufelsberg ein Schandfleck ist. Die ausgefallene Street Art gefällt nicht jedem und jeder. Und noch immer sind die Zeichen des Zerfalls und der jahrelangen Vernachlässigung zu sehen. Vieles ist wohl für immer zerstört. Doch vielleicht ist gerade das der grosse Reiz dieses Ortes, wo man die dicke Luft des Kalten Krieges förmlich einatmen kann.

Nächster Halt: 3 Stunden Verspätung.

9:12 Uhr: ich steige in den Bus. Heute werden Jacqueline und ich Tink.ch an der Universität Basel vorstellen. Ich freue mich, neue Schreiberlinge für unser Magazin zu gewinnen. Von Neuchâtel nach Biel, von Biel nach Basel: das ist der kinderleichte Plan. Voraussichtliche Ankunft: 10:53 Uhr. Dass ich erst um 13:55 Uhr ankommen würde, ahne ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Noch weniger ahne ich, dass dies ein faszinierendes, aber anstrengendes Abenteuer werden würde.

Wir bleiben stehen

Wie so mancher homo technologicus wische ich auf meinem Smartphone herum, so ganz geistig anwesend bin ich nicht, erst nach einer Weile merke ich, dass wir auffällig lange an diesem Bahnhof stehen. Laufen – der Name dieser Ortschaft ist so passend, dass er Teil eines Drehbuches zu sein scheint. «Problem mit den Sicherheitsanlagen in Grellingen», ertönt es vom Lautsprecher. Wir müssen aussteigen, der Zug kann nicht weiterfahren und wir müssen am Bahnhof auf weitere Informationen warten. Leute mit grossen Koffern, junge und alte Menschen, Kinder: dieses Gleis 2 ist wohl nie so dicht besiedelt gewesen wie heute. Die Ersten tippen wild auf ihrem Smartphone herum, einige telefonieren, ziemlich viele ziehen nervös an ihrer Zigarette. Die S3 nach Olten fällt aus. Unsere nächste Möglichkeit, nach Basel zu kommen, ist eine halbe Stunde später. Erst um 11:50 Uhr werde ich da sein, ich werde die erste Präsentation von Tink.ch verpassen. Schade, aber zum Glück haben wir geplant, eine zweite um 14:15 Uhr zu halten.

Mit einem Sandwich in der Hand laufe ich zurück an den Bahnhof, auf dem Gleis 4 steht bereits unser Zug. Die S3 ist klein und die Leute sind viele, das Gepäck der Passagiere, die wahrscheinlich an den Flughafen gehen, ist sperrig. Wir steigen ein, ich setze mich hin, der Zug fährt ab. «Was machst du denn hier?» – «Mein Zug ist ausgefallen, ich muss nach Basel» – «Ah, deshalb ist der Zug so voll!». Die Leute sind entspannt, erzählen einander von ihrem Tag und ihren Plänen.

Fahren oder Laufen?

«Ja hallo, entschuldigen Sie bitte, ich werde verspätet sein, der Zug ist ausgefallen», sie spricht mit einem accent francophone. Es wird ruhig: Zwingen, schon eine Weile stehen wir an diesem Bahnhof, ohne informiert zu werden, was geschehen ist. Die Stimme des Lokomotivführers ertönt, er entschuldigt sich, die Störung hält an, voraussichtlich werden wir ein paar Minuten verspätet sein. Er scheint nervös, die Situation scheint ihm hörbar unbequem zu sein. Aus ein paar Minuten wird «unbestimmte Zeit» und dann: wir müssen nach Laufen zurückfahren, da werden Ersatzbusse zur Verfügung stehen. Gelächter bricht aus, Gefluche ertönt. Ich übersetze meiner Sitznachbarin die Durchsage. Heute ist ihr Probetag für einen neuen Job, jetzt bereut sie es, nicht mit dem Auto gefahren zu sein.

Die Masse bewegt sich Richtung Busbahnhof fort, zu den bisherigen Passagieren kommen nun neue Ankömmlinge hinzu. Es werden immer mehr und die beiden Busse, die gerade anfahren, sind auch im Nu schon vollgestopft. Ein alter Mann mit Gehstöcken versucht einzusteigen, erst nachdem ich schimpfe, machen die Leute ihm Platz. Seine Frau versucht verzweifelt einzusteigen, sie schleppt zwei grosse Koffer. Ich mache ihr Platz, «Ich habe Zeit». Wie so viele stehe ich nun wieder in der warmen Sonne, die irgendwie die Stimmung trotz allem zu erhellen scheint.

Über den Röstigraben und fehlende Informationen

«On fait 5 kilomètres et on ne comprend déjà plus rien». Diese Dame ist nicht die Einzige, die sich zu beschweren scheint, dass die Durchsagen alle auf Deutsch waren. Eine zweite, ältere Dame erklärt mir, dass sie lange nicht verstand, was geschehen sei. Ein erstaunliches Vorgehen auf einer zweisprachigen Strecke, doch was mich zunehmend beeindruckt, ist, dass die Leute so ruhig und zivilisiert zu bleiben scheinen.

Ich warte. 10 Minuten, 30 Minuten. Nach ungefähr 50 Minuten ist der nächste Bus da, ich schaffe es rein. Dass die SBB jedoch keinen Plan hat, um Leuten, die schon länger warten, den Vortritt zu lassen und sicherzustellen, dass ältere Menschen und Kinder sicher reisen können, schockiert mich. So zusammengepfercht zu reisen, hat jedoch einen Vorteil: es ist fast unmöglich, in einer Kurve umzufallen. Die Fahrgäste im Bus nehmen es mit Humor. Ob jedoch diejenigen, die an den Haltestellen zwischen Laufen und dem Terminal stehen und auch in diesen Bus nicht einsteigen können, es noch mit Humor nehmen, ist unklar.

Auch der dritte Bahnersatzbus zwischen Laufen und Aesch (BL) ist überladen.

 

Am Bahnhof Aesch erscheinen die Wartenden wie eine überzählige Reisegruppe. Keine Durchsage ertönt, man ist auf sich gestellt und merkt früher oder später, dass man auf das andere Gleis muss, wenn man – wie ich zum Beispiel – nicht sieht, dass eine Zugangestellte zwischen den Leuten steht. Natürlich ist auch dieser Zug voll, natürlich müssen etliche ältere Menschen stehen und dass schon wieder nur mir und meiner Sitznachbarin in den Sinn kommt, dass man ihnen Platz machen kann, bringt mich erneut zum Kopfschütteln.

Eine überzählige Reisegruppe? Die Zugpassagiere warten auf den Ersatzbus in Aesch (BL).

 

Ein Abenteuer geht zu Ende

13:55 Uhr. Ich habe es geschafft, ich bin in Basel. Ich werde es heute noch schaffen, Tink.ch vorzustellen. Und wenigstens hat mein Abenteuer es mir erlaubt, Sonne zu tanken. Unser gemeinsames Leiden hat uns Reisende nähergebracht, ein Schwätzchen hier und da ist der positive Nebeneffekt einer aussergewöhnlichen Situation. Ich gehöre zu den über 400’000 Schweizer*innen, die ein Generalabonnement haben und von Jahr zu Jahr zahle ich mehr dafür. Diesen Luxus gönne ich mir gerne, Zugfahren ist mir wichtig, doch hat es die SBB an diesem Mittwoch geschafft, meine südamerikanischen, chaotischen Reiseerfahrungen zu übertreffen. Irgendwie habe ich es genossen, meine Mitmenschen zu beobachten und Gelassenheit zu üben. Doch dann denke ich an die junge Frau, die ihren Probetag hatte, an die älteren Menschen, die so reisen mussten und an die Leute, die wahrscheinlich ihren Flug verpasst haben und denke mir: wär’s wirklich nicht anders gegangen?

«Dr SCB isch dr geilscht Club»

Er wartet schon, an diesem Mittwochmittag, in einem Café in Bern, notabene zwei Tage nachdem sich der SCB in Zug zum zweiten Mal in Folge zum Eishockey Schweizer Meister küren lassen konnte. Von seinem Gipfeli ist schon fast nichts mehr übrig. «Tinu», stellt er sich vor. Martin Megert, wie er mit bürgerlichem Namen heisst, ist Informatiker. Neben seinem Beruf gibt es eine grosse Konstante in seinem Leben. Sie heisst SCB. Ich setzte mich ihm gegenüber hin. Wie sich herausstellt, ist Tinu genau wie ich in Burgdorf aufgewachsen. Während mich mein Vater an meinen ersten Match nach Langnau mitnahm, ging es für Tinu in die andere Richtung, nach Bern.

Das war der Beginn einer grossen Liebe. Heute ist der 56-Jährige der wahrscheinlich grösste SCB-Fan und ziemlich sicher auch der Bekannteste. Er ist Betreiber der Facebook-Seite «Hardboiled SCB», welche mittlerweile über 8000 Fans zählt. Auf dieser veröffentlicht er an jedem Spieltag spätestens eine Stunde nach dem Schlusspfiff einen Matchbericht, in dem er sich unzensiert seine Emotionen vom Leib schreibt. Diese Emotionen hat er nun auch in Buchform niedergeschrieben: «111 Gründe, den SCB zu lieben», heisst das gute Stück. Auch wenn sich Tinu für das Buch etwas zurückhalten musste, was die Sprache anging, ist sein Schreibstil deutlich erkennbar. «Ich bin wahnsinnig stolz auf das Buch, und auch auf mich», erzählt Tinu.

Seitenhiebe für Fribourg-Gottéron

«Der wichtigste Grund, den SCB zu lieben, ist ganz einfach: Der SCB ist ein geiler Club», sagt Tinu. Diesen einen, alles überspannenden Grund habe er dann, «wie ein Forensiker», aufgespalten in 111 Gründe. Drei Monate habe er jede Nacht daran geschrieben, immer mit der Deadline im Nacken. Er sei froh, dass er das Buch nicht während der Eishockeysaison schreiben musste, schmunzelt er. «Zusammen mit einem 100%-Job bin ich schon an meine Grenzen gekommen».

Das Buch ist eine Liebeserklärung an den SCB. Nicht immer sehr objektiv geschrieben, doch ausnahmslos ehrlich, interessant und auch lehrreich. Was auffällt: Gefühlt auf jeder zweiten Seite ist ein Seitenhieb gegen Fribourg-Gottéron versteckt. Diesen Club kann Tinu nicht ausstehen. «Weil es den HC Fribourg-Gottéron gibt», ist sogar der 39. Grund, den SCB zu lieben. Tinu erklärt, dass die Fribourger Fans «ekligi Cheibe» seien. Seine Erinnerungen an Fribourg seien nicht die besten, gibt er zu. Doch man könne sie auch nicht wirklich ernstnehmen, die chronisch erfolglosen Zähringer, die als einen der grössten Erfolge der Vereinsgeschichte den Vize Schweizer-Meister-Titel angeben, führt er weiter aus. Da seien ja sogar die Langnauer erfolgreicher – einen Titel gab es für die Langnauer 1976 zu feiern.

Der SCB als Kontaktbörse

Selbst der eingefleischteste SCB-Fan wird bei der Lektüre einige neue Dinge über seinen Lieblingsclub lernen. Etwa, dass die Band Europe extra für den SC Bern eine Ausnahme machte und ihren Hit «The Final Countdown», welcher nach jedem Berner Tor erklingt, zur Einweihung des neuen Stadions 2009 live spielte. Denn seit ihrem Comeback im Jahre 2004 weigerten sie sich standhaft, ihren grössten Hit live zu spielen. Auch Privates findet im Buch Platz: Martin Megert hat seine Frau an einem SCB-Spiel kennengelernt. Auch Randgeschichten von Spielern, Trainern und Schiedsrichtern finden in Tinus Werk Platz. In über 40 Jahren als SCB-Fan hat er vieles erlebt und kann so aus dem Nähkästchen plaudern. Die Liebe und Leidenschaft für den SCB ist in jeder Zeile spürbar.

Der Meisterfeier im Berner Stadion am Ostermontag blieb Tinu übrigens fern. «Bisher haben sie noch immer verloren, wenn ich an ein Public Viewing gegangen bin», so Tinu. Auch als der Titel im Trockenen war, blieb er zuhause: «Das war für mich ein schöner Abschluss der Saison». Er sei halt nicht mehr der Jüngste. Doch den Umzug durch die Berner Altstadt und die Feier auf dem Bundesplatz liess er sich nicht entgehen. «Das ist Ehrensache», meint der wohl grösste SCB-Fan, bevor er sich verabschieden muss. Er werde jetzt den Sommer geniessen.

Taktlos in Zürich

«Wann haben Sie das letzte Mal etwas zum ersten Mal gehört?», dieses Motto hat Taktlos des Ensembles Collegium Novum ausgeliehen und zu seinem gemacht. Beim Festival geht es um Musik, die fast niemand kennt und viele entdecken wollen. Die nächsten vier Tage kommen MusikerInnen aus 17 Ländern in der Roten Fabrik in Zürich zusammen, um ihre Stücke zu präsentieren. Einiges wird schräg, neu und alles bestimmt anders sein, denn genau um das geht es bei Taktlos: um Musik, die Neues wagt.

Heute Abend spielt die slowenische Komponistin Kaja Draksler mit ihrem Oktett die ersten Töne. Die multinationale Gruppe übt in Amsterdam, wo erfolgreich für Kulturförderung gekämpft wird und experimentelle Projekte unterstützt werden. In ihrem Stück «Canto XII» erklingen zu zeitgenössischer Musik Texte des chilenischen Dichters Pablo Neruda. Die acht MusikerInnen teilen sich einen klassischen-jazzigen Hintergrund und spielen mutig mit unkonventionellen Formen. Der Donnerstag wird von Amok Amor in die Dunkelheit begleitet, virtuosen Jazz, lebendige Sechziger und Furchtlosigkeit treiben die vier Männer voran.

Dieses Jahr wird es auch neben der Musik Neuheiten geben. Fredi Bosshard, der Taktlos im Jahre 1984 mit dem Verein Jazzfabrik mitgegründet hat und seit daher jedes Jahr organisiert, gibt das Projekt in neue Hände. Er ist nun 68 Jahre alt und denkt, dass dem Festival ein frischer Wind bestimmt guttun wird. Ab 2018 wird der neue, junge Verein Taktlos das Festival leiten. Fredi Bosshard hat keine Angst vor Veränderungen, im Gegenteil: «Ich hoffe schwer, dass sie neue Ideen, neue Musik und ihren Groove mitbringen.» Das Festival müsse ja ihrem Zeitgeist entsprechen. Als Bosshard das Festival in den 80er Jahren gegründet hat, war Zürich in Aufbruchstimmung, die Jugend hat für ihren Platz gekämpft. Die Musikszene war klein: «Wir haben die ersten Konzerte in der Roten Fabrik organisiert, daneben gab es noch den Plattenladen recrec und das Radio Lora. Das war’s.» Heute sei Zürich eine ganz andere Stadt mit vielen gut Ausgebildeten MusikerInnen und wahnsinnig vielen Angeboten. Und so meint Bosshard, «ist das Festival schon noch von unserer Zeit etwas geprägt». Das dürfe sich heute gerne ändern. Die Gegenwart hat wieder andere Geschichten zu erzählen.

Fredi Bosshard hat einige Kontakte in Deutschland und reist regelmässig an verschiedenste Festivals. Dort entdeckt er spannende Bands und fragt sie für Taktlos an. Wichtig ist den OrganisatorInnen so einiges, und sie halten sich streng an ihre Prinzipien: «Fünf von zehn Bands wurden von Frauen initiiert», das war Bosshard schon von Beginn ein Anliegen. Zudem möchten sie den MusikerInnen faire Löhne bezahlen, ihnen einen anständigen Rahmen bieten und das könnten sie, dank den Subventionen der Stadt Zürich. Damit würden auch überrissene Eintrittspreise vermieden. «Das mussten wir uns alles erarbeiten, mussten der Stadt beweisen, dass wir wirklich etwas Richtiges machen wollen.» In den Anfängen haben sie noch Sandwiches verkauft und wenn wenig Publikum kam, «mussten wir eine Woche nach dem Festival noch Sandwiches essen.» Nur so hätten sie gelernt, wie es funktioniert. Zudem haben sie starke Beziehungen mit der Roten Fabrik gepflegt, sich auch gegenseitig unterstützt. Genau deshalb will Bosshard dem neuen Verein Taktlos auch alle Freiheiten lassen.

Am Freitag geht es mit dem Lisa Ullén Quartett zärtlich weiter. Die Norwegerin Lisa Ullén improvisierte schon während ihres Pianostudiums mit den Innereien des Klaviers. Um 22.30 Uhr wird es dann mit dem Hedvi Mollestad Trio richtig laut. Die Band vermischt Jazz, Rock und Metal mit allem, was ihnen sonst noch in den Sinn kommt. Auch am Samstag wird ein spannendes Programm erwartet. Die Altsaxofonistin Julie Kjaer lebt seit einigen Jahren in London und hat dort mit zwei 80er-Jahre-Musikern ein Trio gegründet. Die drei sind in der «Powerhouse-Rhytmusszene» in London erfolgreich und spielen am Samstag um 20 Uhr in der Roten Fabrik. Kjaer reist danach alleine nach Japan weiter.

Fredi Bosshards «Perle» können wir am Sonntag um 17 Uhr bestaunen. Flury und die Nachgeborenen sind neun MusikerInnen, die alle aus einem anderen Bereich kommen. Da vermischen sich etwa zwei Sängerinnen, ein DJ, ein Pianist und zwei Perkussionisten und stellen den Jazz auf den Kopf. Aber das ist gut so, mein Fredi Bosshard: «wir wollen gerne aus dem Rahmen fallen.»

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YB lässt seine Fans träumen

Foto: Thomas Hodel

Viele Zweikämpfe

Die erste Halbzeit war geprägt von vielen hart geführten Zweikämpfen und zwei stark aufspielenden Abwehrketten. Nur selten konnten die Offensivspieler beider Mannschaften in eine gefährliche Position gebracht werden.

Weder Steffen beim FCB, noch Sulejmani konnten ihre Freiheiten ausnützen und so war das logische Halbzeitresultat 0-0.

Einzelleistungen entscheiden das Spiel

Das Heimteam kam stärker aus der Kabine und spielte mit viel Druck nach vorne. In der 58. Minute passte der stark aufspielende YB-Verteidiger Benito auf Yoric Ravet. Dieser lässt mit seinem Dribbling Luca Zuffi alt aussehen und schlenzt den Ball herrlich an Vaclik vorbei ins Tor. Das ausverkaufte Stade de Suisse stand kopf. Keine Minute später hatte Sulejmani das nächste Tor auf dem Fuss, doch er verzog kläglich.

In der 80. Minute besiegte Sulejmani schliesslich endgültig das FCB. Einen Freistoss aus rund 25 Metern versenkte er nahezu perfekt ins Tor.

YB-Debütant Christian Fassnacht war nach dem Spiel zufrieden: «Es ist natürlich toll, gegen den Meister zu gewinnen, aber das war bloss das erste Spiel und jetzt kommt Dynamo Kiew, dies ist noch ein härterer Brocken. Nach der zweiten Halbzeit von heute dürfen wir jedoch zuversichtlich sein.»

Gurtenfestival: Lo & Leduc besiegen Züri West

Für die Veranstalter hat sich das Festival auf jeden Fall gelohnt: Alle vier Tage des 34. Gurtenfestival waren ausverkauft. 61 Live-Acts und 63 DJs bespielten bei gutem Wetter den Berner Hausberg. Darunter auch Züri West.

Jüngeres Publikum

Diese gehören zum Gurtenfestival wie die Gurtenbahn. Auch bei ihrem diesjährigen Auftritt vor Heimpublikum war die Hauptbühne voll mit musikbegeisterten Besuchern. Wer sich in der Menge umsah, konnte sehen, dass die Masse sich auf die Berner Stammgäste freuten. Als die bekannten, älteren Lieder angespielt wurden, stimmten alle mit ein. Trotzdem konnte man eine gewisse Verhaltenheit ausmachen, welche die Gurtengänger zu bremsen schien. Um für mehr als eine Stunde zu überzeugen, dafür war der Auftritt zu wenig inspiriert. Er wirkte gewohnt, ja, routiniert.

Ein Grund für die fehlende Euphorie dürfte das Alter der Festivalbesucher sein. Die Zuhörer der neuen Alben von Züri West sind wohl eher älter als der Altersdurchschnitt der insgesamt 80’000 Festivalbesucher auf dem Berner Hausberg. Ganz anders bei Lo & Leduc: Die beiden Rapper sind ebenfalls in Bern aufgewachsen und ihr Auftritt war ein Genuss. Die grossartige Stimmung trug klar dazu bei. Sie erzeugten eine starke Dynamik und trieben die Zuschauer an. Das Publikum erklärte sie klar zum Sieger der beiden Berner Gruppen.

Antikaptialisten und einhändige Saxophonisten

Auch die bekannten zweisprachigen Antikapitalisten Irie Revolté wussten, wie man Stimmung erzeugt. Als am Freitagnachmittag die Hauptbühne noch halb leer war, halfen sie den schwächenden Festivalgängern, sich den Kater aus den Knochen zu schütteln. Immer wieder forderten sie die Leute erfolgreich zum Mitmachen auf. Auch wenn der Antifa-Auftritt mit linken Parolen etwas komisch auf einem sehr kommerziell ausgerichteten Festival wirkt, so überzeugten sie doch mit einem kurzen, aber kraftvollen Auftritt. Bei ihrem letzten Lied trat die ganze Band nach vorne und sang ohne Instrumente mehrstimmig «Merci». Das dürfte bei vielen Besuchern für einen Gänsehaut-Moment gesorgt haben.

Die vielseitige Bläserband der Lucky Chops konnte mit erfrischender Musik die Leute bei Laune halten. Mit vielen Soli- und einfallsreichen Showeinlagen gewannen sie die Herzen der Zeltbühnenbesucher. Als der Saxophonist mit einer Hand spielte und mit der anderen das Publikum zum Mitmachen einlud, wurde der Applaus hörbar lauter. Ein rundum gelungener Auftritt der New Yorker.

Die Gurtengänger zeigten sich sowieso von ihrer besten Seite: Die Security-Firma verzeichnete keinen grossen Zwischenfälle. Man darf sich schon auf nächsten Sommer freuen, wenn der Güsche erneut erbebt.

Gesund und krank spazieren Hand in Hand

In gut sichtbaren Lettern prangt auf den violett getönten Plakaten des wildwuchs Theaterfestivals das Leitmotiv der achten Ausgabe: «Wir sind viele.» Doch welche Personengruppe versteckt sich hinter dem Personalpronomen «wir»? Impliziert der Begriff des «wir» nicht immer auch die Existenz eines «anderen», welches ausserhalb des «wir» angesiedelt ist und systematisch ausgegrenzt wird? Und nach welchen Regeln wird die Zughörigkeit zu einer der beiden Gruppierungen überhaupt determiniert? Tatsächlich bildete die Frage nach der Definition von Innen und Aussen den thematischen Schwerpunkt des diesjährigen Festivals, als dessen Gastspielort neben der Kaserne und dem ROXY Birsfelden die Universitären Psychiatrischen Kliniken (UPK) dienten. Fragen der Inklusion von Menschen mit körperlicher und psychischer Beeinträchtigung sowie der gesellschaftlichen und kulturellen Heterogenität wurden während den beiden ersten Juni-Wochen in unterschiedlichen theatralen Formaten aufgegriffen.

Vertrauensgestus

Mit einem vertrauten Menschen Hand in Hand müssig durch das Stadtzentrum zu flanieren bedarf kaum grosser Überwindung. Sich jedoch einem völlig fremden Menschen anzuvertrauen, von diesem an der Hand genommen und durch die Stadt geführt zu werden schon. Händchenhalten ist eine intime Geste, die von gegenseitigem Vertrauen zeugt und zwischen zwei Menschen eine körperliche und emotionale Brücke herzustellen vermag. Das Projekt «Walking:Holding» der britischen Performance-Künstlerin Rosana Cade greift diesen Aspekt auf und erweitert ihn um ein zusätzliches Irritationsmoment: Die Begleitung ist eine völlig unbekannte Person, eine der «anderen». Es versteht sich als ein experimenteller Spaziergang, bei dem die Teilnehmer an der Hand von eigens für den jeweiligen Durchführungsort gecasteten «Handhaltern» aller Altersstufen, sozialen Gruppen und geschlechtlicher Ausprägungen durch die belebteren Basler Stadtteile schlendern.

Handhalter erzählen

Den Teilnehmern bieten sich verschiedene Möglichkeiten, um auf die befremdlich wirkende Situation zu reagieren. Die Verfasserin des Artikels entscheidet sich für den kommunikativen Austausch mit den insgesamt sieben Darstellern, welche sie im Verlauf von einer Stunde etappenweise über die Mittlere Brücke, in die Freie Strasse und zur Münsterplattform gelotst haben. Und erfährt dabei zum Teil auch sehr persönliche Anekdoten: Dass das Theaterspiel ihre Leidenschaft sei, erzählt die Schülerin mit den verheilten Ritznarben an den Armen. Dass er die kulturelle Vielfalt von Basel schätze, meint der Theater- und Filmschaffende aus Mali. Dass die Kommunikation mit englischsprachigen Teilnehmern für ihn schwierig sei, gesteht der ältere Herr mit dem Armstumpf. Dass die Paarbildung dunkelhäutiger Mann mit hellhäutiger Frau meist mehr Blicke auf sich ziehe, stellt die Frau mittleren Alters fest.

Gemischte Gefühle

Im Gespräch vergehen die 60 Minuten wie im Flug, die irritierten oder missbilligenden Blicke des Umfelds lassen sich ebenfalls leichter ausblenden. Eine grundlegende Veränderung der eigenen Wahrnehmung brachte dieses Erlebnis für die Verfasserin jedoch nicht mit sich. Das Stück hinterlässt als Plädoyer für mehr Akzeptanz gemischte Gefühle, konfrontiert es die Teilnehmer zwar mit den eigenen Vorurteilen, dies jedoch nur während kurzer Zeit und im Rahmen einer durch und durch künstlichen Situation. Es bleibt jedenfalls zweifelhaft, ob die Teilnehmer des Spaziergangs sich die Aufforderung des Programmtextes, öfter mal Hand in Hand mit jemandem spazieren zu gehen auch zu Herzen nehmen werden.

Spaziergang mit Stimmen im Ohr

Als eher konventioneller Hör-Spaziergang mit Kopfhörer präsentiert sich hingegen das Stück «Dazwischenland» des Kollektivs Firma für Zwischenbereiche. Eine souverän klingende glatte Männerstimme lotst die zeitlich versetzt startenden Teilnehmer unter häufiger Betonung, sich respektvoll zu verhalten über das weitläufige Gelände der im Basler Niemandsland kurz vor der französischen Grenze angesiedelten UPK und liefert dabei einen kurzen Abriss der Geschichte der Institution. Regelmässige dumpfe Schläge geben im Sinne eines akustischen Herzschrittmachers das ideale Schritttempo vor. Eingestreute Interviewfragmente, in denen Patientinnen und Patienten Details aus ihrer Lebensrealität und ihrem Umgang mit der Krankheit preisgeben, runden den Audiowalk ab. So weit, so unspektakulär, wäre da nicht die neckische Frauenstimme, welche den um korrektes Verhalten bemühten Sprecher immer wieder unterbricht, frech zur Missachtung seiner Anweisungen auffordert, in bewusst reisserischer Manier saftige Informationen zu der Einrichtung preisgibt und sich schliesslich gar als imaginäres Konstrukt der Männerstimme ausgibt – ein Verweis auf die bei Schizophrenie-Patienten auftretenden Halluzinationen.

Kuchen als verbindendes Element

Der Reiz dieser auditiven Führung durch die idyllische Parkanlage der Psychiatrie liegt in ihrer wiederholten spielerisch-provokanten Transgression der Realitätsebenen. Die Grenzen zwischen Krankheit und Normalität, dem «wir» und den «anderen» werden im Verlauf des Rundgangs als durchlässig entlarvt. «Psychische Erkrankungen können jeden Menschen treffen», lautet die simplizistisch anmutende, jedoch durchaus berechtigte Botschaft des Hör-Spaziergangs. Die Jurte der Mach-Bar des Kollektivs OPUS 89 bildet die Schlussstation des Audiowalks, wo schlussendlich sämtliche Fäden zusammengeführt werden. Patienten der UPK; Pflegepersonal, Theaterschaffende und Festivalbesucher statten dem kulinarischen Treffpunk auf dem Gelände der Kliniken einen Besuch ab. Allesamt vereint in der Wertschätzung des hausgemachten Kuchenbüffets.

Mehr Informationen findet ihr auf der Seite des wildwuchs Festivals.

Der nachhaltige Filmtipp – Code of Survival

«Eigentlich sollte man den besten Anzug anziehen, wenn man auf den Acker geht. Man muss Ehrfurcht vor dem Boden haben, denn er ist unsere Lebensgrundlage», sagt Bio-Bauer Franz Aunkofer im Film. Er war einer der ersten Bio-Bauern Deutschlands und erwirtschaftet inzwischen praktisch denselben Ertrag wie im konventionellen Anbau – ohne Gift und im Einklang mit der Natur. Der Alltag in der industriellen Landwirtschaft sieht anders aus. Dort bauen die Landwirte seit vielen Jahren Gentech-Pflanzen an und behandeln sie mit Glyphosat-haltigen Herbiziden wie Roundup. Die Resultate: resistentes Unkraut, das sich unkontrolliert vermehrt und harte Böden, auf denen nichts mehr wächst.

Regisseur Bertram Verhaag stellt der industriellen Landwirtschaft in den USA drei Beispiele aus Deutschland, Ägypten und Indien gegenüber. Er zeigt, wie die biologische Landwirtschaft dort aus kaputten Böden fruchtbare Äcker macht, welche hohe Qualität produzieren und die Artenvielfalt steigern. Die Formel des Überlebens – der Code of Survival – liegt in der nachhaltigen und biologischen Bewirtschaftung des Bodens, wie es Jane Goodall am Ende des Films formuliert: «Wir sollten mit der Natur zusammenarbeiten, nicht gegen sie. Nur dann können wir es schaffen, die Natur und das Land wiederherzustellen»

Dieser Film sowie weitere Filme zu diesem Thema sind auf der Filmseite Gentech + Saatgut aufgelistet.

Die DVD des Films ist hier erhältlich.

Dieser Eintrag erschien am 06.06.2017 auf dem Blog von unserem Partner Filme für die Erde.

Ein Busfahrer als «Bernmobil-Sohn»

Auch ich steige häufig in den Bus ein. Insbesondere im Winter, wenn es kalt ist und ich keine Lust habe, in der Schule halb erforen anzukommen. Mit den Busfahrern habe ich bis anhin noch nie gesprochen, zumindest in Bern nicht.

Als ich letzten Sommer in einer Kleinstadt an der Ostküste Irlands für einen Sprachaufenthalt war, benutzte ich täglich den Bus. Zur Schule gings mit dem Schulbus, in dem ich den Fahrern lediglich ein freundliches «How are you?» zurief. Am Abend benutzte ich jeweils den öffentlichen Bus. Ich bemerkte, dass die Einheimischen mit den Busfahrern immer intensive Gespräche begannen, anders als ich es von Bern kannte. Schliesslich wurden jeweils auch wir Sprachstudentinnen und Sprachstudenten in die Konversation eingebunden und diskutierten über das Wetter, über unsere Heimatländer oder über den Brexit, der damals noch ein frischer Schock für die Iren war.

Mein Gespräch mit einem Busfahrer in Bern fand nicht im Bus, sondern in der Bernmobil-Garage am Eigerplatz statt. Es war später Nachmittag und somit waren die meisten Busse auf den Strassen und Kurven Berns unterwegs. In der Garage standen einige Busse zur Reperatur bereit. Ich hatte die Gelegenheit, mit Mariano Altomonte zu sprechen. Mariano Altomonte arbeitet seit September 2012 bei Bernmobil, wo er auch seine Ausbildung gemacht hat. Er bezeichnet sich deshalb als «Bernmobil-Sohn». Die Ausbildungen für Tram, Bus und Trolley-Bus hat er bestanden und er ist jeden Tag für verschiedene Linien und an verschiedenen Uhrzeiten im Einsatz.

Weshalb es in den Berner Bussen kaum Gespräche zwischen den Busfahrern und Fahrgästen gibt, wollte ich als erstes von Mariano Altomonte wissen. Er beobachte, dass es bei diesem Thema einen Stadt-Land-Unterschied gebe: «In der Stadt steigt der Fahrgast ein, steigt aus und das war’s.» Im Aussennetz, in dem Altomonte zu Beginn arbeitete, sei es viel familiärer zu- und hergegangen. Von manchen Passagieren wisse man mit der Zeit, wer sie sind und man komme mit ihnen immer wieder ins Gespräch. In der Stadt komme das viel weniger vor. Zu Neujahr oder zum Valentinstag komme es häufig vor, dass Leute extra vorne aussteigen, kurz mit den Fahrern reden und manchmal sogar einen Schoggi als Zeichen der Dankbarkeit schenken. Das freut Altomonte jeweils ganz besonders.

Der lustigste Busfahrer-Moment für Mariano Altomonte passierte in Konolfingen, als jemand seinen vollen Migros-Wagen im Bus vergessen hatte. Ein Mitarbeiter der BLS am Bahnhof Konolfingen teilte ihm mit, dass dieser Fahrgast an einer Haltestelle auf ihn warten würde. Und tatsächlich stand der Mann an abgemachter Haltestelle zu abgemachter Uhrzeit und konnte seinen Wagen entgegennehmen. Als Dank schenkte dieser dem Busfahrer Altomonte eine Flasche Rotwein. «Das ist wirklich cool gewesen», fügte Altomonte beim Erzählen der Geschichte lachend hinzu.

Unangenehme Situationen seien vor allem auf den Verkehr zurückzuführen – zum Beispiel wenn er eine Vollbremsung machen müsse. Wenn es zu heiklen Situationen komme, etwa mit Betrunkenen, sei dies vor allem für die anderen Fahrgäste unangenehm. Für allfällige Schlichtungen seien aber nicht die Busfahrer, sondern anderes Personal zuständig.

Ich sprach den Busfahrer auf folgende Situation an, die ich schon öfter beobachtet habe oder ich gar selbst davon betroffen war: Wenn man zu spät dran ist und auf den Bus zurennt, gibt es manche Fahrer, die warten, andere fahren vorher ab. Altomonte betonte, dass dies nicht aus bösem Wille geschehe. Teilweise sei das Warten nicht möglich, insbesondere zu Stosszeiten, da zu dieser Zeit ein Bus nach dem anderen fährt und man den Fahrplan einhalten muss. Ansonsten versuche er, so oft wie möglich zu warten. Enttäuscht musste ich feststellen, dass die Busfahrer keine Wetten untereinander abschliessen, wie oft ein Busfahrer den Passagieren vor der Nase wegfährt.

Es scheint, dass für die Busfahrer trotz der Hektik immer genügend Zeit vorhanden ist, um deren Kollegen zu grüssen. Das Zeichen sei schlicht ein verbindendes Ritual, das sie vom ersten Tag an vermittelt bekämen. Von den ungefähr 600 Fahrern kennt Mariano Altomonte längst nicht alle, gegrüsst werde von ihm jedoch jeder.

Zum Schluss wollte ich noch von ihm wissen, warum er zusätzlich auch noch die Tramausbildung gemacht hat (welche er erst kurz vor unserem Interview erfolgreich absolviert hatte). Dies habe nichts damit zu tun gehabt, dass momentan immer wieder diskutiert werde, ob Bus- durch Tramlinien ersetzt werden sollen. «Ich finde es einfach gut, wenn ich die Auswahl zwischen Bus, Trolleybus und Tram habe. Tram und Bus sind zwei Paar Schuhe; man kann diese nicht vergleichen».

Mit Graffiti Freiräume schaffen

Das Wichtigste am Eingang ist die Unterschrift. Ohne einen Haftungsausschluss zu unterschreiben, kommt niemand legal aufs Gelände: Auf dem Teufelsberg mitten im Berliner Grunewald herrschen zwar eigene Regeln, doch Sicherheit muss trotzdem sein. Immerhin betreten wir hier marodes Bauwerk – original aus dem Kalten Krieg. Und dennoch geht es auf dem Teufelsberg nicht bloss um den Kult des Verlassenen, Zerfallenen und Überwucherten. Es geht auch um künstlerische und gesellschaftliche Freiheit.

Vom Trümmerberg zur Lauschstation

Den Teufelsberg gibt es erst seit dem Ende des zweiten Weltkriegs. Damals lag in der Hauptstadt jede Menge Schutt und Trümmer. Um Neuem Platz zu machen, türmte man am Rand der Stadt alles auf einen Haufen. Dieser Haufen ist jetzt 120 Meter hoch und nebst der Berliner Mauer eines der eindrücklichsten Kultur- und Zeitdenkmäler aus dem Kalten Krieg.

Lange Zeit wurde der ehemals höchste Berg Berlins durch die Alliierten als Abhörstation verwendet. Die ersten mobilen Anlagen wurden 1961 aufgefahren, ab 1963 baute man die noch heute stehenden Gebäude mitsamt den unverwechselbaren Radomen – grosse Antennenkuppeln, unter denen früher das Spionagegerät eingebaut war. Was dort oben genau gemacht wurde, weiss niemand so genau. Es ging wohl um Signalstörung und die Abhörung des sowjetischen Funkverkehrs. Vielleicht werden wir es im Jahr 2022 erfahren, wenn die Akten der Geheimdienste der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden.

Mit der deutschen Wiedervereinigung verlor man das Interesse am Abhören. Erst wurde in den Anlagen noch der zivile Luftverkehr überwacht, doch um die Jahrtausendwende wurde das ganze Gelände an private Investor*innen verkauft. Der ursprüngliche Plan, dort ein Tagungshotel, ein Spionagemuseum, Wohnungen und eine Gaststätte zu bauen, ging nicht auf. Es gab Widerstand aus der Bevölkerung und irgendwann folgten auch finanzielle Probleme. Und so stand das Gelände viele Jahre brach.

Ein Freiraum für Kunstschaffende

Es sollte bis 2010 dauern, bis sich mit Shalmon Abraham ein Pächter fand, der Besuche im mittlerweile ziemlich heruntergekommen verlassenen Ort ermöglichte. Durch die ungenutzten Jahre waren die Gebäude und die auffälligen Radome teilweise beschädigt. Noch heute ist vieles zerfetzt und zerfallen. Gleichzeitig mit dem Neustart wurde auch eine grosse Graffiti Galerie initiiert. Die hohen Räume und die vielen neu hochgezogenen Wände waren wie geschaffen für Murals und Street Art. So entwickelte sich die ehemalige Abhörstation in den letzten Jahren zu einem Freiraum der Kreativität.

 

Doch es gab auch Konflikte. Einige befürchteten, dass es mit dem verlangten Eintritt bloss ums Geld ginge. Was ehemals ein Ort der Entdeckens, der Einsamkeit und der Abenteuerlust war, drohte stattdessen im Kommerz zu versinken. Auch darum wurde Marvin Schütte – Sohn eines der Eigentümer – 2015 neuer Pächter des Teufelsbergs. Im Gegensatz zu früher sollte es nun nicht mehr um den Profit gehen. Dies entspräche auch dem Wunsch einiger aus der Bevölkerung, welche den Teufelsberg «zu einer modernen, überregionalen Austauschplattform und Denkfabrik für Kultur, Kunst, Geschichte, Technik, Natur und neue Wirtschaftsmodelle« machen möchten, wie der unabhängige Verein Initiative Kultur-DENK-MAL Berliner Teufelsberg in seinem Manifest schreibt. Trotzdem zahlen Besucher*innen auch heute noch Eintritt.

Rundgang zwischen Vergangenheit und Zukunft

Als einzigartiges historisches Kulturdenkmal hat der Teufelsberg einen grossen Wert für die allgemeine Bevölkerung. Durch die geregelte Nutzung ist es möglich, dass alle dieses Zeugnis der alliierten Besatzung erleben können. Ein blosses Denkmal der Vergangenheit ist der Teufelsberg aber trotzdem nicht. Im Gegenteil: Vieles ist hier lebendig und im Entstehen begriffen. Es gibt ein kleines Kaffeehäuschen, einen Essensstand und natürlich jede Menge zu entdecken. Im ersten Stock des Hauptgebäudes haben sich Künstler*innen in eigenen Ateliers eingerich

tet und verkaufen vor Ort ihre Werke. Nicht zuletzt zeigen die über 300 Graffiti und Kunstinstallationen wie unglaublich vielseitig und aktiv dieser Ort ist.

Natürlich gibt es auch solche, für die der Teufelsberg ein Schandfleck ist. Die ausgefallene Street Art gefällt nicht jedem und jeder. Und noch immer sind die Zeichen des Zerfalls und der jahrelangen Vernachlässigung zu sehen. Vieles ist wohl für immer zerstört. Doch vielleicht ist gerade das der grosse Reiz dieses Ortes, wo man die dicke Luft des Kalten Krieges förmlich einatmen kann.

Nächster Halt: 3 Stunden Verspätung.

9:12 Uhr: ich steige in den Bus. Heute werden Jacqueline und ich Tink.ch an der Universität Basel vorstellen. Ich freue mich, neue Schreiberlinge für unser Magazin zu gewinnen. Von Neuchâtel nach Biel, von Biel nach Basel: das ist der kinderleichte Plan. Voraussichtliche Ankunft: 10:53 Uhr. Dass ich erst um 13:55 Uhr ankommen würde, ahne ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Noch weniger ahne ich, dass dies ein faszinierendes, aber anstrengendes Abenteuer werden würde.

Wir bleiben stehen

Wie so mancher homo technologicus wische ich auf meinem Smartphone herum, so ganz geistig anwesend bin ich nicht, erst nach einer Weile merke ich, dass wir auffällig lange an diesem Bahnhof stehen. Laufen – der Name dieser Ortschaft ist so passend, dass er Teil eines Drehbuches zu sein scheint. «Problem mit den Sicherheitsanlagen in Grellingen», ertönt es vom Lautsprecher. Wir müssen aussteigen, der Zug kann nicht weiterfahren und wir müssen am Bahnhof auf weitere Informationen warten. Leute mit grossen Koffern, junge und alte Menschen, Kinder: dieses Gleis 2 ist wohl nie so dicht besiedelt gewesen wie heute. Die Ersten tippen wild auf ihrem Smartphone herum, einige telefonieren, ziemlich viele ziehen nervös an ihrer Zigarette. Die S3 nach Olten fällt aus. Unsere nächste Möglichkeit, nach Basel zu kommen, ist eine halbe Stunde später. Erst um 11:50 Uhr werde ich da sein, ich werde die erste Präsentation von Tink.ch verpassen. Schade, aber zum Glück haben wir geplant, eine zweite um 14:15 Uhr zu halten.

Mit einem Sandwich in der Hand laufe ich zurück an den Bahnhof, auf dem Gleis 4 steht bereits unser Zug. Die S3 ist klein und die Leute sind viele, das Gepäck der Passagiere, die wahrscheinlich an den Flughafen gehen, ist sperrig. Wir steigen ein, ich setze mich hin, der Zug fährt ab. «Was machst du denn hier?» – «Mein Zug ist ausgefallen, ich muss nach Basel» – «Ah, deshalb ist der Zug so voll!». Die Leute sind entspannt, erzählen einander von ihrem Tag und ihren Plänen.

Fahren oder Laufen?

«Ja hallo, entschuldigen Sie bitte, ich werde verspätet sein, der Zug ist ausgefallen», sie spricht mit einem accent francophone. Es wird ruhig: Zwingen, schon eine Weile stehen wir an diesem Bahnhof, ohne informiert zu werden, was geschehen ist. Die Stimme des Lokomotivführers ertönt, er entschuldigt sich, die Störung hält an, voraussichtlich werden wir ein paar Minuten verspätet sein. Er scheint nervös, die Situation scheint ihm hörbar unbequem zu sein. Aus ein paar Minuten wird «unbestimmte Zeit» und dann: wir müssen nach Laufen zurückfahren, da werden Ersatzbusse zur Verfügung stehen. Gelächter bricht aus, Gefluche ertönt. Ich übersetze meiner Sitznachbarin die Durchsage. Heute ist ihr Probetag für einen neuen Job, jetzt bereut sie es, nicht mit dem Auto gefahren zu sein.

Die Masse bewegt sich Richtung Busbahnhof fort, zu den bisherigen Passagieren kommen nun neue Ankömmlinge hinzu. Es werden immer mehr und die beiden Busse, die gerade anfahren, sind auch im Nu schon vollgestopft. Ein alter Mann mit Gehstöcken versucht einzusteigen, erst nachdem ich schimpfe, machen die Leute ihm Platz. Seine Frau versucht verzweifelt einzusteigen, sie schleppt zwei grosse Koffer. Ich mache ihr Platz, «Ich habe Zeit». Wie so viele stehe ich nun wieder in der warmen Sonne, die irgendwie die Stimmung trotz allem zu erhellen scheint.

Über den Röstigraben und fehlende Informationen

«On fait 5 kilomètres et on ne comprend déjà plus rien». Diese Dame ist nicht die Einzige, die sich zu beschweren scheint, dass die Durchsagen alle auf Deutsch waren. Eine zweite, ältere Dame erklärt mir, dass sie lange nicht verstand, was geschehen sei. Ein erstaunliches Vorgehen auf einer zweisprachigen Strecke, doch was mich zunehmend beeindruckt, ist, dass die Leute so ruhig und zivilisiert zu bleiben scheinen.

Ich warte. 10 Minuten, 30 Minuten. Nach ungefähr 50 Minuten ist der nächste Bus da, ich schaffe es rein. Dass die SBB jedoch keinen Plan hat, um Leuten, die schon länger warten, den Vortritt zu lassen und sicherzustellen, dass ältere Menschen und Kinder sicher reisen können, schockiert mich. So zusammengepfercht zu reisen, hat jedoch einen Vorteil: es ist fast unmöglich, in einer Kurve umzufallen. Die Fahrgäste im Bus nehmen es mit Humor. Ob jedoch diejenigen, die an den Haltestellen zwischen Laufen und dem Terminal stehen und auch in diesen Bus nicht einsteigen können, es noch mit Humor nehmen, ist unklar.

Auch der dritte Bahnersatzbus zwischen Laufen und Aesch (BL) ist überladen.

 

Am Bahnhof Aesch erscheinen die Wartenden wie eine überzählige Reisegruppe. Keine Durchsage ertönt, man ist auf sich gestellt und merkt früher oder später, dass man auf das andere Gleis muss, wenn man – wie ich zum Beispiel – nicht sieht, dass eine Zugangestellte zwischen den Leuten steht. Natürlich ist auch dieser Zug voll, natürlich müssen etliche ältere Menschen stehen und dass schon wieder nur mir und meiner Sitznachbarin in den Sinn kommt, dass man ihnen Platz machen kann, bringt mich erneut zum Kopfschütteln.

Eine überzählige Reisegruppe? Die Zugpassagiere warten auf den Ersatzbus in Aesch (BL).

 

Ein Abenteuer geht zu Ende

13:55 Uhr. Ich habe es geschafft, ich bin in Basel. Ich werde es heute noch schaffen, Tink.ch vorzustellen. Und wenigstens hat mein Abenteuer es mir erlaubt, Sonne zu tanken. Unser gemeinsames Leiden hat uns Reisende nähergebracht, ein Schwätzchen hier und da ist der positive Nebeneffekt einer aussergewöhnlichen Situation. Ich gehöre zu den über 400’000 Schweizer*innen, die ein Generalabonnement haben und von Jahr zu Jahr zahle ich mehr dafür. Diesen Luxus gönne ich mir gerne, Zugfahren ist mir wichtig, doch hat es die SBB an diesem Mittwoch geschafft, meine südamerikanischen, chaotischen Reiseerfahrungen zu übertreffen. Irgendwie habe ich es genossen, meine Mitmenschen zu beobachten und Gelassenheit zu üben. Doch dann denke ich an die junge Frau, die ihren Probetag hatte, an die älteren Menschen, die so reisen mussten und an die Leute, die wahrscheinlich ihren Flug verpasst haben und denke mir: wär’s wirklich nicht anders gegangen?

«Dr SCB isch dr geilscht Club»

Er wartet schon, an diesem Mittwochmittag, in einem Café in Bern, notabene zwei Tage nachdem sich der SCB in Zug zum zweiten Mal in Folge zum Eishockey Schweizer Meister küren lassen konnte. Von seinem Gipfeli ist schon fast nichts mehr übrig. «Tinu», stellt er sich vor. Martin Megert, wie er mit bürgerlichem Namen heisst, ist Informatiker. Neben seinem Beruf gibt es eine grosse Konstante in seinem Leben. Sie heisst SCB. Ich setzte mich ihm gegenüber hin. Wie sich herausstellt, ist Tinu genau wie ich in Burgdorf aufgewachsen. Während mich mein Vater an meinen ersten Match nach Langnau mitnahm, ging es für Tinu in die andere Richtung, nach Bern.

Das war der Beginn einer grossen Liebe. Heute ist der 56-Jährige der wahrscheinlich grösste SCB-Fan und ziemlich sicher auch der Bekannteste. Er ist Betreiber der Facebook-Seite «Hardboiled SCB», welche mittlerweile über 8000 Fans zählt. Auf dieser veröffentlicht er an jedem Spieltag spätestens eine Stunde nach dem Schlusspfiff einen Matchbericht, in dem er sich unzensiert seine Emotionen vom Leib schreibt. Diese Emotionen hat er nun auch in Buchform niedergeschrieben: «111 Gründe, den SCB zu lieben», heisst das gute Stück. Auch wenn sich Tinu für das Buch etwas zurückhalten musste, was die Sprache anging, ist sein Schreibstil deutlich erkennbar. «Ich bin wahnsinnig stolz auf das Buch, und auch auf mich», erzählt Tinu.

Seitenhiebe für Fribourg-Gottéron

«Der wichtigste Grund, den SCB zu lieben, ist ganz einfach: Der SCB ist ein geiler Club», sagt Tinu. Diesen einen, alles überspannenden Grund habe er dann, «wie ein Forensiker», aufgespalten in 111 Gründe. Drei Monate habe er jede Nacht daran geschrieben, immer mit der Deadline im Nacken. Er sei froh, dass er das Buch nicht während der Eishockeysaison schreiben musste, schmunzelt er. «Zusammen mit einem 100%-Job bin ich schon an meine Grenzen gekommen».

Das Buch ist eine Liebeserklärung an den SCB. Nicht immer sehr objektiv geschrieben, doch ausnahmslos ehrlich, interessant und auch lehrreich. Was auffällt: Gefühlt auf jeder zweiten Seite ist ein Seitenhieb gegen Fribourg-Gottéron versteckt. Diesen Club kann Tinu nicht ausstehen. «Weil es den HC Fribourg-Gottéron gibt», ist sogar der 39. Grund, den SCB zu lieben. Tinu erklärt, dass die Fribourger Fans «ekligi Cheibe» seien. Seine Erinnerungen an Fribourg seien nicht die besten, gibt er zu. Doch man könne sie auch nicht wirklich ernstnehmen, die chronisch erfolglosen Zähringer, die als einen der grössten Erfolge der Vereinsgeschichte den Vize Schweizer-Meister-Titel angeben, führt er weiter aus. Da seien ja sogar die Langnauer erfolgreicher – einen Titel gab es für die Langnauer 1976 zu feiern.

Der SCB als Kontaktbörse

Selbst der eingefleischteste SCB-Fan wird bei der Lektüre einige neue Dinge über seinen Lieblingsclub lernen. Etwa, dass die Band Europe extra für den SC Bern eine Ausnahme machte und ihren Hit «The Final Countdown», welcher nach jedem Berner Tor erklingt, zur Einweihung des neuen Stadions 2009 live spielte. Denn seit ihrem Comeback im Jahre 2004 weigerten sie sich standhaft, ihren grössten Hit live zu spielen. Auch Privates findet im Buch Platz: Martin Megert hat seine Frau an einem SCB-Spiel kennengelernt. Auch Randgeschichten von Spielern, Trainern und Schiedsrichtern finden in Tinus Werk Platz. In über 40 Jahren als SCB-Fan hat er vieles erlebt und kann so aus dem Nähkästchen plaudern. Die Liebe und Leidenschaft für den SCB ist in jeder Zeile spürbar.

Der Meisterfeier im Berner Stadion am Ostermontag blieb Tinu übrigens fern. «Bisher haben sie noch immer verloren, wenn ich an ein Public Viewing gegangen bin», so Tinu. Auch als der Titel im Trockenen war, blieb er zuhause: «Das war für mich ein schöner Abschluss der Saison». Er sei halt nicht mehr der Jüngste. Doch den Umzug durch die Berner Altstadt und die Feier auf dem Bundesplatz liess er sich nicht entgehen. «Das ist Ehrensache», meint der wohl grösste SCB-Fan, bevor er sich verabschieden muss. Er werde jetzt den Sommer geniessen.

Taktlos in Zürich

«Wann haben Sie das letzte Mal etwas zum ersten Mal gehört?», dieses Motto hat Taktlos des Ensembles Collegium Novum ausgeliehen und zu seinem gemacht. Beim Festival geht es um Musik, die fast niemand kennt und viele entdecken wollen. Die nächsten vier Tage kommen MusikerInnen aus 17 Ländern in der Roten Fabrik in Zürich zusammen, um ihre Stücke zu präsentieren. Einiges wird schräg, neu und alles bestimmt anders sein, denn genau um das geht es bei Taktlos: um Musik, die Neues wagt.

Heute Abend spielt die slowenische Komponistin Kaja Draksler mit ihrem Oktett die ersten Töne. Die multinationale Gruppe übt in Amsterdam, wo erfolgreich für Kulturförderung gekämpft wird und experimentelle Projekte unterstützt werden. In ihrem Stück «Canto XII» erklingen zu zeitgenössischer Musik Texte des chilenischen Dichters Pablo Neruda. Die acht MusikerInnen teilen sich einen klassischen-jazzigen Hintergrund und spielen mutig mit unkonventionellen Formen. Der Donnerstag wird von Amok Amor in die Dunkelheit begleitet, virtuosen Jazz, lebendige Sechziger und Furchtlosigkeit treiben die vier Männer voran.

Dieses Jahr wird es auch neben der Musik Neuheiten geben. Fredi Bosshard, der Taktlos im Jahre 1984 mit dem Verein Jazzfabrik mitgegründet hat und seit daher jedes Jahr organisiert, gibt das Projekt in neue Hände. Er ist nun 68 Jahre alt und denkt, dass dem Festival ein frischer Wind bestimmt guttun wird. Ab 2018 wird der neue, junge Verein Taktlos das Festival leiten. Fredi Bosshard hat keine Angst vor Veränderungen, im Gegenteil: «Ich hoffe schwer, dass sie neue Ideen, neue Musik und ihren Groove mitbringen.» Das Festival müsse ja ihrem Zeitgeist entsprechen. Als Bosshard das Festival in den 80er Jahren gegründet hat, war Zürich in Aufbruchstimmung, die Jugend hat für ihren Platz gekämpft. Die Musikszene war klein: «Wir haben die ersten Konzerte in der Roten Fabrik organisiert, daneben gab es noch den Plattenladen recrec und das Radio Lora. Das war’s.» Heute sei Zürich eine ganz andere Stadt mit vielen gut Ausgebildeten MusikerInnen und wahnsinnig vielen Angeboten. Und so meint Bosshard, «ist das Festival schon noch von unserer Zeit etwas geprägt». Das dürfe sich heute gerne ändern. Die Gegenwart hat wieder andere Geschichten zu erzählen.

Fredi Bosshard hat einige Kontakte in Deutschland und reist regelmässig an verschiedenste Festivals. Dort entdeckt er spannende Bands und fragt sie für Taktlos an. Wichtig ist den OrganisatorInnen so einiges, und sie halten sich streng an ihre Prinzipien: «Fünf von zehn Bands wurden von Frauen initiiert», das war Bosshard schon von Beginn ein Anliegen. Zudem möchten sie den MusikerInnen faire Löhne bezahlen, ihnen einen anständigen Rahmen bieten und das könnten sie, dank den Subventionen der Stadt Zürich. Damit würden auch überrissene Eintrittspreise vermieden. «Das mussten wir uns alles erarbeiten, mussten der Stadt beweisen, dass wir wirklich etwas Richtiges machen wollen.» In den Anfängen haben sie noch Sandwiches verkauft und wenn wenig Publikum kam, «mussten wir eine Woche nach dem Festival noch Sandwiches essen.» Nur so hätten sie gelernt, wie es funktioniert. Zudem haben sie starke Beziehungen mit der Roten Fabrik gepflegt, sich auch gegenseitig unterstützt. Genau deshalb will Bosshard dem neuen Verein Taktlos auch alle Freiheiten lassen.

Am Freitag geht es mit dem Lisa Ullén Quartett zärtlich weiter. Die Norwegerin Lisa Ullén improvisierte schon während ihres Pianostudiums mit den Innereien des Klaviers. Um 22.30 Uhr wird es dann mit dem Hedvi Mollestad Trio richtig laut. Die Band vermischt Jazz, Rock und Metal mit allem, was ihnen sonst noch in den Sinn kommt. Auch am Samstag wird ein spannendes Programm erwartet. Die Altsaxofonistin Julie Kjaer lebt seit einigen Jahren in London und hat dort mit zwei 80er-Jahre-Musikern ein Trio gegründet. Die drei sind in der «Powerhouse-Rhytmusszene» in London erfolgreich und spielen am Samstag um 20 Uhr in der Roten Fabrik. Kjaer reist danach alleine nach Japan weiter.

Fredi Bosshards «Perle» können wir am Sonntag um 17 Uhr bestaunen. Flury und die Nachgeborenen sind neun MusikerInnen, die alle aus einem anderen Bereich kommen. Da vermischen sich etwa zwei Sängerinnen, ein DJ, ein Pianist und zwei Perkussionisten und stellen den Jazz auf den Kopf. Aber das ist gut so, mein Fredi Bosshard: «wir wollen gerne aus dem Rahmen fallen.»

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YB lässt seine Fans träumen

Foto: Thomas Hodel

Viele Zweikämpfe

Die erste Halbzeit war geprägt von vielen hart geführten Zweikämpfen und zwei stark aufspielenden Abwehrketten. Nur selten konnten die Offensivspieler beider Mannschaften in eine gefährliche Position gebracht werden.

Weder Steffen beim FCB, noch Sulejmani konnten ihre Freiheiten ausnützen und so war das logische Halbzeitresultat 0-0.

Einzelleistungen entscheiden das Spiel

Das Heimteam kam stärker aus der Kabine und spielte mit viel Druck nach vorne. In der 58. Minute passte der stark aufspielende YB-Verteidiger Benito auf Yoric Ravet. Dieser lässt mit seinem Dribbling Luca Zuffi alt aussehen und schlenzt den Ball herrlich an Vaclik vorbei ins Tor. Das ausverkaufte Stade de Suisse stand kopf. Keine Minute später hatte Sulejmani das nächste Tor auf dem Fuss, doch er verzog kläglich.

In der 80. Minute besiegte Sulejmani schliesslich endgültig das FCB. Einen Freistoss aus rund 25 Metern versenkte er nahezu perfekt ins Tor.

YB-Debütant Christian Fassnacht war nach dem Spiel zufrieden: «Es ist natürlich toll, gegen den Meister zu gewinnen, aber das war bloss das erste Spiel und jetzt kommt Dynamo Kiew, dies ist noch ein härterer Brocken. Nach der zweiten Halbzeit von heute dürfen wir jedoch zuversichtlich sein.»

Gurtenfestival: Lo & Leduc besiegen Züri West

Für die Veranstalter hat sich das Festival auf jeden Fall gelohnt: Alle vier Tage des 34. Gurtenfestival waren ausverkauft. 61 Live-Acts und 63 DJs bespielten bei gutem Wetter den Berner Hausberg. Darunter auch Züri West.

Jüngeres Publikum

Diese gehören zum Gurtenfestival wie die Gurtenbahn. Auch bei ihrem diesjährigen Auftritt vor Heimpublikum war die Hauptbühne voll mit musikbegeisterten Besuchern. Wer sich in der Menge umsah, konnte sehen, dass die Masse sich auf die Berner Stammgäste freuten. Als die bekannten, älteren Lieder angespielt wurden, stimmten alle mit ein. Trotzdem konnte man eine gewisse Verhaltenheit ausmachen, welche die Gurtengänger zu bremsen schien. Um für mehr als eine Stunde zu überzeugen, dafür war der Auftritt zu wenig inspiriert. Er wirkte gewohnt, ja, routiniert.

Ein Grund für die fehlende Euphorie dürfte das Alter der Festivalbesucher sein. Die Zuhörer der neuen Alben von Züri West sind wohl eher älter als der Altersdurchschnitt der insgesamt 80’000 Festivalbesucher auf dem Berner Hausberg. Ganz anders bei Lo & Leduc: Die beiden Rapper sind ebenfalls in Bern aufgewachsen und ihr Auftritt war ein Genuss. Die grossartige Stimmung trug klar dazu bei. Sie erzeugten eine starke Dynamik und trieben die Zuschauer an. Das Publikum erklärte sie klar zum Sieger der beiden Berner Gruppen.

Antikaptialisten und einhändige Saxophonisten

Auch die bekannten zweisprachigen Antikapitalisten Irie Revolté wussten, wie man Stimmung erzeugt. Als am Freitagnachmittag die Hauptbühne noch halb leer war, halfen sie den schwächenden Festivalgängern, sich den Kater aus den Knochen zu schütteln. Immer wieder forderten sie die Leute erfolgreich zum Mitmachen auf. Auch wenn der Antifa-Auftritt mit linken Parolen etwas komisch auf einem sehr kommerziell ausgerichteten Festival wirkt, so überzeugten sie doch mit einem kurzen, aber kraftvollen Auftritt. Bei ihrem letzten Lied trat die ganze Band nach vorne und sang ohne Instrumente mehrstimmig «Merci». Das dürfte bei vielen Besuchern für einen Gänsehaut-Moment gesorgt haben.

Die vielseitige Bläserband der Lucky Chops konnte mit erfrischender Musik die Leute bei Laune halten. Mit vielen Soli- und einfallsreichen Showeinlagen gewannen sie die Herzen der Zeltbühnenbesucher. Als der Saxophonist mit einer Hand spielte und mit der anderen das Publikum zum Mitmachen einlud, wurde der Applaus hörbar lauter. Ein rundum gelungener Auftritt der New Yorker.

Die Gurtengänger zeigten sich sowieso von ihrer besten Seite: Die Security-Firma verzeichnete keinen grossen Zwischenfälle. Man darf sich schon auf nächsten Sommer freuen, wenn der Güsche erneut erbebt.

Gesund und krank spazieren Hand in Hand

In gut sichtbaren Lettern prangt auf den violett getönten Plakaten des wildwuchs Theaterfestivals das Leitmotiv der achten Ausgabe: «Wir sind viele.» Doch welche Personengruppe versteckt sich hinter dem Personalpronomen «wir»? Impliziert der Begriff des «wir» nicht immer auch die Existenz eines «anderen», welches ausserhalb des «wir» angesiedelt ist und systematisch ausgegrenzt wird? Und nach welchen Regeln wird die Zughörigkeit zu einer der beiden Gruppierungen überhaupt determiniert? Tatsächlich bildete die Frage nach der Definition von Innen und Aussen den thematischen Schwerpunkt des diesjährigen Festivals, als dessen Gastspielort neben der Kaserne und dem ROXY Birsfelden die Universitären Psychiatrischen Kliniken (UPK) dienten. Fragen der Inklusion von Menschen mit körperlicher und psychischer Beeinträchtigung sowie der gesellschaftlichen und kulturellen Heterogenität wurden während den beiden ersten Juni-Wochen in unterschiedlichen theatralen Formaten aufgegriffen.

Vertrauensgestus

Mit einem vertrauten Menschen Hand in Hand müssig durch das Stadtzentrum zu flanieren bedarf kaum grosser Überwindung. Sich jedoch einem völlig fremden Menschen anzuvertrauen, von diesem an der Hand genommen und durch die Stadt geführt zu werden schon. Händchenhalten ist eine intime Geste, die von gegenseitigem Vertrauen zeugt und zwischen zwei Menschen eine körperliche und emotionale Brücke herzustellen vermag. Das Projekt «Walking:Holding» der britischen Performance-Künstlerin Rosana Cade greift diesen Aspekt auf und erweitert ihn um ein zusätzliches Irritationsmoment: Die Begleitung ist eine völlig unbekannte Person, eine der «anderen». Es versteht sich als ein experimenteller Spaziergang, bei dem die Teilnehmer an der Hand von eigens für den jeweiligen Durchführungsort gecasteten «Handhaltern» aller Altersstufen, sozialen Gruppen und geschlechtlicher Ausprägungen durch die belebteren Basler Stadtteile schlendern.

Handhalter erzählen

Den Teilnehmern bieten sich verschiedene Möglichkeiten, um auf die befremdlich wirkende Situation zu reagieren. Die Verfasserin des Artikels entscheidet sich für den kommunikativen Austausch mit den insgesamt sieben Darstellern, welche sie im Verlauf von einer Stunde etappenweise über die Mittlere Brücke, in die Freie Strasse und zur Münsterplattform gelotst haben. Und erfährt dabei zum Teil auch sehr persönliche Anekdoten: Dass das Theaterspiel ihre Leidenschaft sei, erzählt die Schülerin mit den verheilten Ritznarben an den Armen. Dass er die kulturelle Vielfalt von Basel schätze, meint der Theater- und Filmschaffende aus Mali. Dass die Kommunikation mit englischsprachigen Teilnehmern für ihn schwierig sei, gesteht der ältere Herr mit dem Armstumpf. Dass die Paarbildung dunkelhäutiger Mann mit hellhäutiger Frau meist mehr Blicke auf sich ziehe, stellt die Frau mittleren Alters fest.

Gemischte Gefühle

Im Gespräch vergehen die 60 Minuten wie im Flug, die irritierten oder missbilligenden Blicke des Umfelds lassen sich ebenfalls leichter ausblenden. Eine grundlegende Veränderung der eigenen Wahrnehmung brachte dieses Erlebnis für die Verfasserin jedoch nicht mit sich. Das Stück hinterlässt als Plädoyer für mehr Akzeptanz gemischte Gefühle, konfrontiert es die Teilnehmer zwar mit den eigenen Vorurteilen, dies jedoch nur während kurzer Zeit und im Rahmen einer durch und durch künstlichen Situation. Es bleibt jedenfalls zweifelhaft, ob die Teilnehmer des Spaziergangs sich die Aufforderung des Programmtextes, öfter mal Hand in Hand mit jemandem spazieren zu gehen auch zu Herzen nehmen werden.

Spaziergang mit Stimmen im Ohr

Als eher konventioneller Hör-Spaziergang mit Kopfhörer präsentiert sich hingegen das Stück «Dazwischenland» des Kollektivs Firma für Zwischenbereiche. Eine souverän klingende glatte Männerstimme lotst die zeitlich versetzt startenden Teilnehmer unter häufiger Betonung, sich respektvoll zu verhalten über das weitläufige Gelände der im Basler Niemandsland kurz vor der französischen Grenze angesiedelten UPK und liefert dabei einen kurzen Abriss der Geschichte der Institution. Regelmässige dumpfe Schläge geben im Sinne eines akustischen Herzschrittmachers das ideale Schritttempo vor. Eingestreute Interviewfragmente, in denen Patientinnen und Patienten Details aus ihrer Lebensrealität und ihrem Umgang mit der Krankheit preisgeben, runden den Audiowalk ab. So weit, so unspektakulär, wäre da nicht die neckische Frauenstimme, welche den um korrektes Verhalten bemühten Sprecher immer wieder unterbricht, frech zur Missachtung seiner Anweisungen auffordert, in bewusst reisserischer Manier saftige Informationen zu der Einrichtung preisgibt und sich schliesslich gar als imaginäres Konstrukt der Männerstimme ausgibt – ein Verweis auf die bei Schizophrenie-Patienten auftretenden Halluzinationen.

Kuchen als verbindendes Element

Der Reiz dieser auditiven Führung durch die idyllische Parkanlage der Psychiatrie liegt in ihrer wiederholten spielerisch-provokanten Transgression der Realitätsebenen. Die Grenzen zwischen Krankheit und Normalität, dem «wir» und den «anderen» werden im Verlauf des Rundgangs als durchlässig entlarvt. «Psychische Erkrankungen können jeden Menschen treffen», lautet die simplizistisch anmutende, jedoch durchaus berechtigte Botschaft des Hör-Spaziergangs. Die Jurte der Mach-Bar des Kollektivs OPUS 89 bildet die Schlussstation des Audiowalks, wo schlussendlich sämtliche Fäden zusammengeführt werden. Patienten der UPK; Pflegepersonal, Theaterschaffende und Festivalbesucher statten dem kulinarischen Treffpunk auf dem Gelände der Kliniken einen Besuch ab. Allesamt vereint in der Wertschätzung des hausgemachten Kuchenbüffets.

Mehr Informationen findet ihr auf der Seite des wildwuchs Festivals.

Der nachhaltige Filmtipp – Code of Survival

«Eigentlich sollte man den besten Anzug anziehen, wenn man auf den Acker geht. Man muss Ehrfurcht vor dem Boden haben, denn er ist unsere Lebensgrundlage», sagt Bio-Bauer Franz Aunkofer im Film. Er war einer der ersten Bio-Bauern Deutschlands und erwirtschaftet inzwischen praktisch denselben Ertrag wie im konventionellen Anbau – ohne Gift und im Einklang mit der Natur. Der Alltag in der industriellen Landwirtschaft sieht anders aus. Dort bauen die Landwirte seit vielen Jahren Gentech-Pflanzen an und behandeln sie mit Glyphosat-haltigen Herbiziden wie Roundup. Die Resultate: resistentes Unkraut, das sich unkontrolliert vermehrt und harte Böden, auf denen nichts mehr wächst.

Regisseur Bertram Verhaag stellt der industriellen Landwirtschaft in den USA drei Beispiele aus Deutschland, Ägypten und Indien gegenüber. Er zeigt, wie die biologische Landwirtschaft dort aus kaputten Böden fruchtbare Äcker macht, welche hohe Qualität produzieren und die Artenvielfalt steigern. Die Formel des Überlebens – der Code of Survival – liegt in der nachhaltigen und biologischen Bewirtschaftung des Bodens, wie es Jane Goodall am Ende des Films formuliert: «Wir sollten mit der Natur zusammenarbeiten, nicht gegen sie. Nur dann können wir es schaffen, die Natur und das Land wiederherzustellen»

Dieser Film sowie weitere Filme zu diesem Thema sind auf der Filmseite Gentech + Saatgut aufgelistet.

Die DVD des Films ist hier erhältlich.

Dieser Eintrag erschien am 06.06.2017 auf dem Blog von unserem Partner Filme für die Erde.

Ein Busfahrer als «Bernmobil-Sohn»

Auch ich steige häufig in den Bus ein. Insbesondere im Winter, wenn es kalt ist und ich keine Lust habe, in der Schule halb erforen anzukommen. Mit den Busfahrern habe ich bis anhin noch nie gesprochen, zumindest in Bern nicht.

Als ich letzten Sommer in einer Kleinstadt an der Ostküste Irlands für einen Sprachaufenthalt war, benutzte ich täglich den Bus. Zur Schule gings mit dem Schulbus, in dem ich den Fahrern lediglich ein freundliches «How are you?» zurief. Am Abend benutzte ich jeweils den öffentlichen Bus. Ich bemerkte, dass die Einheimischen mit den Busfahrern immer intensive Gespräche begannen, anders als ich es von Bern kannte. Schliesslich wurden jeweils auch wir Sprachstudentinnen und Sprachstudenten in die Konversation eingebunden und diskutierten über das Wetter, über unsere Heimatländer oder über den Brexit, der damals noch ein frischer Schock für die Iren war.

Mein Gespräch mit einem Busfahrer in Bern fand nicht im Bus, sondern in der Bernmobil-Garage am Eigerplatz statt. Es war später Nachmittag und somit waren die meisten Busse auf den Strassen und Kurven Berns unterwegs. In der Garage standen einige Busse zur Reperatur bereit. Ich hatte die Gelegenheit, mit Mariano Altomonte zu sprechen. Mariano Altomonte arbeitet seit September 2012 bei Bernmobil, wo er auch seine Ausbildung gemacht hat. Er bezeichnet sich deshalb als «Bernmobil-Sohn». Die Ausbildungen für Tram, Bus und Trolley-Bus hat er bestanden und er ist jeden Tag für verschiedene Linien und an verschiedenen Uhrzeiten im Einsatz.

Weshalb es in den Berner Bussen kaum Gespräche zwischen den Busfahrern und Fahrgästen gibt, wollte ich als erstes von Mariano Altomonte wissen. Er beobachte, dass es bei diesem Thema einen Stadt-Land-Unterschied gebe: «In der Stadt steigt der Fahrgast ein, steigt aus und das war’s.» Im Aussennetz, in dem Altomonte zu Beginn arbeitete, sei es viel familiärer zu- und hergegangen. Von manchen Passagieren wisse man mit der Zeit, wer sie sind und man komme mit ihnen immer wieder ins Gespräch. In der Stadt komme das viel weniger vor. Zu Neujahr oder zum Valentinstag komme es häufig vor, dass Leute extra vorne aussteigen, kurz mit den Fahrern reden und manchmal sogar einen Schoggi als Zeichen der Dankbarkeit schenken. Das freut Altomonte jeweils ganz besonders.

Der lustigste Busfahrer-Moment für Mariano Altomonte passierte in Konolfingen, als jemand seinen vollen Migros-Wagen im Bus vergessen hatte. Ein Mitarbeiter der BLS am Bahnhof Konolfingen teilte ihm mit, dass dieser Fahrgast an einer Haltestelle auf ihn warten würde. Und tatsächlich stand der Mann an abgemachter Haltestelle zu abgemachter Uhrzeit und konnte seinen Wagen entgegennehmen. Als Dank schenkte dieser dem Busfahrer Altomonte eine Flasche Rotwein. «Das ist wirklich cool gewesen», fügte Altomonte beim Erzählen der Geschichte lachend hinzu.

Unangenehme Situationen seien vor allem auf den Verkehr zurückzuführen – zum Beispiel wenn er eine Vollbremsung machen müsse. Wenn es zu heiklen Situationen komme, etwa mit Betrunkenen, sei dies vor allem für die anderen Fahrgäste unangenehm. Für allfällige Schlichtungen seien aber nicht die Busfahrer, sondern anderes Personal zuständig.

Ich sprach den Busfahrer auf folgende Situation an, die ich schon öfter beobachtet habe oder ich gar selbst davon betroffen war: Wenn man zu spät dran ist und auf den Bus zurennt, gibt es manche Fahrer, die warten, andere fahren vorher ab. Altomonte betonte, dass dies nicht aus bösem Wille geschehe. Teilweise sei das Warten nicht möglich, insbesondere zu Stosszeiten, da zu dieser Zeit ein Bus nach dem anderen fährt und man den Fahrplan einhalten muss. Ansonsten versuche er, so oft wie möglich zu warten. Enttäuscht musste ich feststellen, dass die Busfahrer keine Wetten untereinander abschliessen, wie oft ein Busfahrer den Passagieren vor der Nase wegfährt.

Es scheint, dass für die Busfahrer trotz der Hektik immer genügend Zeit vorhanden ist, um deren Kollegen zu grüssen. Das Zeichen sei schlicht ein verbindendes Ritual, das sie vom ersten Tag an vermittelt bekämen. Von den ungefähr 600 Fahrern kennt Mariano Altomonte längst nicht alle, gegrüsst werde von ihm jedoch jeder.

Zum Schluss wollte ich noch von ihm wissen, warum er zusätzlich auch noch die Tramausbildung gemacht hat (welche er erst kurz vor unserem Interview erfolgreich absolviert hatte). Dies habe nichts damit zu tun gehabt, dass momentan immer wieder diskutiert werde, ob Bus- durch Tramlinien ersetzt werden sollen. «Ich finde es einfach gut, wenn ich die Auswahl zwischen Bus, Trolleybus und Tram habe. Tram und Bus sind zwei Paar Schuhe; man kann diese nicht vergleichen».

Mit Graffiti Freiräume schaffen

Das Wichtigste am Eingang ist die Unterschrift. Ohne einen Haftungsausschluss zu unterschreiben, kommt niemand legal aufs Gelände: Auf dem Teufelsberg mitten im Berliner Grunewald herrschen zwar eigene Regeln, doch Sicherheit muss trotzdem sein. Immerhin betreten wir hier marodes Bauwerk – original aus dem Kalten Krieg. Und dennoch geht es auf dem Teufelsberg nicht bloss um den Kult des Verlassenen, Zerfallenen und Überwucherten. Es geht auch um künstlerische und gesellschaftliche Freiheit.

Vom Trümmerberg zur Lauschstation

Den Teufelsberg gibt es erst seit dem Ende des zweiten Weltkriegs. Damals lag in der Hauptstadt jede Menge Schutt und Trümmer. Um Neuem Platz zu machen, türmte man am Rand der Stadt alles auf einen Haufen. Dieser Haufen ist jetzt 120 Meter hoch und nebst der Berliner Mauer eines der eindrücklichsten Kultur- und Zeitdenkmäler aus dem Kalten Krieg.

Lange Zeit wurde der ehemals höchste Berg Berlins durch die Alliierten als Abhörstation verwendet. Die ersten mobilen Anlagen wurden 1961 aufgefahren, ab 1963 baute man die noch heute stehenden Gebäude mitsamt den unverwechselbaren Radomen – grosse Antennenkuppeln, unter denen früher das Spionagegerät eingebaut war. Was dort oben genau gemacht wurde, weiss niemand so genau. Es ging wohl um Signalstörung und die Abhörung des sowjetischen Funkverkehrs. Vielleicht werden wir es im Jahr 2022 erfahren, wenn die Akten der Geheimdienste der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden.

Mit der deutschen Wiedervereinigung verlor man das Interesse am Abhören. Erst wurde in den Anlagen noch der zivile Luftverkehr überwacht, doch um die Jahrtausendwende wurde das ganze Gelände an private Investor*innen verkauft. Der ursprüngliche Plan, dort ein Tagungshotel, ein Spionagemuseum, Wohnungen und eine Gaststätte zu bauen, ging nicht auf. Es gab Widerstand aus der Bevölkerung und irgendwann folgten auch finanzielle Probleme. Und so stand das Gelände viele Jahre brach.

Ein Freiraum für Kunstschaffende

Es sollte bis 2010 dauern, bis sich mit Shalmon Abraham ein Pächter fand, der Besuche im mittlerweile ziemlich heruntergekommen verlassenen Ort ermöglichte. Durch die ungenutzten Jahre waren die Gebäude und die auffälligen Radome teilweise beschädigt. Noch heute ist vieles zerfetzt und zerfallen. Gleichzeitig mit dem Neustart wurde auch eine grosse Graffiti Galerie initiiert. Die hohen Räume und die vielen neu hochgezogenen Wände waren wie geschaffen für Murals und Street Art. So entwickelte sich die ehemalige Abhörstation in den letzten Jahren zu einem Freiraum der Kreativität.

 

Doch es gab auch Konflikte. Einige befürchteten, dass es mit dem verlangten Eintritt bloss ums Geld ginge. Was ehemals ein Ort der Entdeckens, der Einsamkeit und der Abenteuerlust war, drohte stattdessen im Kommerz zu versinken. Auch darum wurde Marvin Schütte – Sohn eines der Eigentümer – 2015 neuer Pächter des Teufelsbergs. Im Gegensatz zu früher sollte es nun nicht mehr um den Profit gehen. Dies entspräche auch dem Wunsch einiger aus der Bevölkerung, welche den Teufelsberg «zu einer modernen, überregionalen Austauschplattform und Denkfabrik für Kultur, Kunst, Geschichte, Technik, Natur und neue Wirtschaftsmodelle« machen möchten, wie der unabhängige Verein Initiative Kultur-DENK-MAL Berliner Teufelsberg in seinem Manifest schreibt. Trotzdem zahlen Besucher*innen auch heute noch Eintritt.

Rundgang zwischen Vergangenheit und Zukunft

Als einzigartiges historisches Kulturdenkmal hat der Teufelsberg einen grossen Wert für die allgemeine Bevölkerung. Durch die geregelte Nutzung ist es möglich, dass alle dieses Zeugnis der alliierten Besatzung erleben können. Ein blosses Denkmal der Vergangenheit ist der Teufelsberg aber trotzdem nicht. Im Gegenteil: Vieles ist hier lebendig und im Entstehen begriffen. Es gibt ein kleines Kaffeehäuschen, einen Essensstand und natürlich jede Menge zu entdecken. Im ersten Stock des Hauptgebäudes haben sich Künstler*innen in eigenen Ateliers eingerich

tet und verkaufen vor Ort ihre Werke. Nicht zuletzt zeigen die über 300 Graffiti und Kunstinstallationen wie unglaublich vielseitig und aktiv dieser Ort ist.

Natürlich gibt es auch solche, für die der Teufelsberg ein Schandfleck ist. Die ausgefallene Street Art gefällt nicht jedem und jeder. Und noch immer sind die Zeichen des Zerfalls und der jahrelangen Vernachlässigung zu sehen. Vieles ist wohl für immer zerstört. Doch vielleicht ist gerade das der grosse Reiz dieses Ortes, wo man die dicke Luft des Kalten Krieges förmlich einatmen kann.

Nächster Halt: 3 Stunden Verspätung.

9:12 Uhr: ich steige in den Bus. Heute werden Jacqueline und ich Tink.ch an der Universität Basel vorstellen. Ich freue mich, neue Schreiberlinge für unser Magazin zu gewinnen. Von Neuchâtel nach Biel, von Biel nach Basel: das ist der kinderleichte Plan. Voraussichtliche Ankunft: 10:53 Uhr. Dass ich erst um 13:55 Uhr ankommen würde, ahne ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Noch weniger ahne ich, dass dies ein faszinierendes, aber anstrengendes Abenteuer werden würde.

Wir bleiben stehen

Wie so mancher homo technologicus wische ich auf meinem Smartphone herum, so ganz geistig anwesend bin ich nicht, erst nach einer Weile merke ich, dass wir auffällig lange an diesem Bahnhof stehen. Laufen – der Name dieser Ortschaft ist so passend, dass er Teil eines Drehbuches zu sein scheint. «Problem mit den Sicherheitsanlagen in Grellingen», ertönt es vom Lautsprecher. Wir müssen aussteigen, der Zug kann nicht weiterfahren und wir müssen am Bahnhof auf weitere Informationen warten. Leute mit grossen Koffern, junge und alte Menschen, Kinder: dieses Gleis 2 ist wohl nie so dicht besiedelt gewesen wie heute. Die Ersten tippen wild auf ihrem Smartphone herum, einige telefonieren, ziemlich viele ziehen nervös an ihrer Zigarette. Die S3 nach Olten fällt aus. Unsere nächste Möglichkeit, nach Basel zu kommen, ist eine halbe Stunde später. Erst um 11:50 Uhr werde ich da sein, ich werde die erste Präsentation von Tink.ch verpassen. Schade, aber zum Glück haben wir geplant, eine zweite um 14:15 Uhr zu halten.

Mit einem Sandwich in der Hand laufe ich zurück an den Bahnhof, auf dem Gleis 4 steht bereits unser Zug. Die S3 ist klein und die Leute sind viele, das Gepäck der Passagiere, die wahrscheinlich an den Flughafen gehen, ist sperrig. Wir steigen ein, ich setze mich hin, der Zug fährt ab. «Was machst du denn hier?» – «Mein Zug ist ausgefallen, ich muss nach Basel» – «Ah, deshalb ist der Zug so voll!». Die Leute sind entspannt, erzählen einander von ihrem Tag und ihren Plänen.

Fahren oder Laufen?

«Ja hallo, entschuldigen Sie bitte, ich werde verspätet sein, der Zug ist ausgefallen», sie spricht mit einem accent francophone. Es wird ruhig: Zwingen, schon eine Weile stehen wir an diesem Bahnhof, ohne informiert zu werden, was geschehen ist. Die Stimme des Lokomotivführers ertönt, er entschuldigt sich, die Störung hält an, voraussichtlich werden wir ein paar Minuten verspätet sein. Er scheint nervös, die Situation scheint ihm hörbar unbequem zu sein. Aus ein paar Minuten wird «unbestimmte Zeit» und dann: wir müssen nach Laufen zurückfahren, da werden Ersatzbusse zur Verfügung stehen. Gelächter bricht aus, Gefluche ertönt. Ich übersetze meiner Sitznachbarin die Durchsage. Heute ist ihr Probetag für einen neuen Job, jetzt bereut sie es, nicht mit dem Auto gefahren zu sein.

Die Masse bewegt sich Richtung Busbahnhof fort, zu den bisherigen Passagieren kommen nun neue Ankömmlinge hinzu. Es werden immer mehr und die beiden Busse, die gerade anfahren, sind auch im Nu schon vollgestopft. Ein alter Mann mit Gehstöcken versucht einzusteigen, erst nachdem ich schimpfe, machen die Leute ihm Platz. Seine Frau versucht verzweifelt einzusteigen, sie schleppt zwei grosse Koffer. Ich mache ihr Platz, «Ich habe Zeit». Wie so viele stehe ich nun wieder in der warmen Sonne, die irgendwie die Stimmung trotz allem zu erhellen scheint.

Über den Röstigraben und fehlende Informationen

«On fait 5 kilomètres et on ne comprend déjà plus rien». Diese Dame ist nicht die Einzige, die sich zu beschweren scheint, dass die Durchsagen alle auf Deutsch waren. Eine zweite, ältere Dame erklärt mir, dass sie lange nicht verstand, was geschehen sei. Ein erstaunliches Vorgehen auf einer zweisprachigen Strecke, doch was mich zunehmend beeindruckt, ist, dass die Leute so ruhig und zivilisiert zu bleiben scheinen.

Ich warte. 10 Minuten, 30 Minuten. Nach ungefähr 50 Minuten ist der nächste Bus da, ich schaffe es rein. Dass die SBB jedoch keinen Plan hat, um Leuten, die schon länger warten, den Vortritt zu lassen und sicherzustellen, dass ältere Menschen und Kinder sicher reisen können, schockiert mich. So zusammengepfercht zu reisen, hat jedoch einen Vorteil: es ist fast unmöglich, in einer Kurve umzufallen. Die Fahrgäste im Bus nehmen es mit Humor. Ob jedoch diejenigen, die an den Haltestellen zwischen Laufen und dem Terminal stehen und auch in diesen Bus nicht einsteigen können, es noch mit Humor nehmen, ist unklar.

Auch der dritte Bahnersatzbus zwischen Laufen und Aesch (BL) ist überladen.

 

Am Bahnhof Aesch erscheinen die Wartenden wie eine überzählige Reisegruppe. Keine Durchsage ertönt, man ist auf sich gestellt und merkt früher oder später, dass man auf das andere Gleis muss, wenn man – wie ich zum Beispiel – nicht sieht, dass eine Zugangestellte zwischen den Leuten steht. Natürlich ist auch dieser Zug voll, natürlich müssen etliche ältere Menschen stehen und dass schon wieder nur mir und meiner Sitznachbarin in den Sinn kommt, dass man ihnen Platz machen kann, bringt mich erneut zum Kopfschütteln.

Eine überzählige Reisegruppe? Die Zugpassagiere warten auf den Ersatzbus in Aesch (BL).

 

Ein Abenteuer geht zu Ende

13:55 Uhr. Ich habe es geschafft, ich bin in Basel. Ich werde es heute noch schaffen, Tink.ch vorzustellen. Und wenigstens hat mein Abenteuer es mir erlaubt, Sonne zu tanken. Unser gemeinsames Leiden hat uns Reisende nähergebracht, ein Schwätzchen hier und da ist der positive Nebeneffekt einer aussergewöhnlichen Situation. Ich gehöre zu den über 400’000 Schweizer*innen, die ein Generalabonnement haben und von Jahr zu Jahr zahle ich mehr dafür. Diesen Luxus gönne ich mir gerne, Zugfahren ist mir wichtig, doch hat es die SBB an diesem Mittwoch geschafft, meine südamerikanischen, chaotischen Reiseerfahrungen zu übertreffen. Irgendwie habe ich es genossen, meine Mitmenschen zu beobachten und Gelassenheit zu üben. Doch dann denke ich an die junge Frau, die ihren Probetag hatte, an die älteren Menschen, die so reisen mussten und an die Leute, die wahrscheinlich ihren Flug verpasst haben und denke mir: wär’s wirklich nicht anders gegangen?

«Dr SCB isch dr geilscht Club»

Er wartet schon, an diesem Mittwochmittag, in einem Café in Bern, notabene zwei Tage nachdem sich der SCB in Zug zum zweiten Mal in Folge zum Eishockey Schweizer Meister küren lassen konnte. Von seinem Gipfeli ist schon fast nichts mehr übrig. «Tinu», stellt er sich vor. Martin Megert, wie er mit bürgerlichem Namen heisst, ist Informatiker. Neben seinem Beruf gibt es eine grosse Konstante in seinem Leben. Sie heisst SCB. Ich setzte mich ihm gegenüber hin. Wie sich herausstellt, ist Tinu genau wie ich in Burgdorf aufgewachsen. Während mich mein Vater an meinen ersten Match nach Langnau mitnahm, ging es für Tinu in die andere Richtung, nach Bern.

Das war der Beginn einer grossen Liebe. Heute ist der 56-Jährige der wahrscheinlich grösste SCB-Fan und ziemlich sicher auch der Bekannteste. Er ist Betreiber der Facebook-Seite «Hardboiled SCB», welche mittlerweile über 8000 Fans zählt. Auf dieser veröffentlicht er an jedem Spieltag spätestens eine Stunde nach dem Schlusspfiff einen Matchbericht, in dem er sich unzensiert seine Emotionen vom Leib schreibt. Diese Emotionen hat er nun auch in Buchform niedergeschrieben: «111 Gründe, den SCB zu lieben», heisst das gute Stück. Auch wenn sich Tinu für das Buch etwas zurückhalten musste, was die Sprache anging, ist sein Schreibstil deutlich erkennbar. «Ich bin wahnsinnig stolz auf das Buch, und auch auf mich», erzählt Tinu.

Seitenhiebe für Fribourg-Gottéron

«Der wichtigste Grund, den SCB zu lieben, ist ganz einfach: Der SCB ist ein geiler Club», sagt Tinu. Diesen einen, alles überspannenden Grund habe er dann, «wie ein Forensiker», aufgespalten in 111 Gründe. Drei Monate habe er jede Nacht daran geschrieben, immer mit der Deadline im Nacken. Er sei froh, dass er das Buch nicht während der Eishockeysaison schreiben musste, schmunzelt er. «Zusammen mit einem 100%-Job bin ich schon an meine Grenzen gekommen».

Das Buch ist eine Liebeserklärung an den SCB. Nicht immer sehr objektiv geschrieben, doch ausnahmslos ehrlich, interessant und auch lehrreich. Was auffällt: Gefühlt auf jeder zweiten Seite ist ein Seitenhieb gegen Fribourg-Gottéron versteckt. Diesen Club kann Tinu nicht ausstehen. «Weil es den HC Fribourg-Gottéron gibt», ist sogar der 39. Grund, den SCB zu lieben. Tinu erklärt, dass die Fribourger Fans «ekligi Cheibe» seien. Seine Erinnerungen an Fribourg seien nicht die besten, gibt er zu. Doch man könne sie auch nicht wirklich ernstnehmen, die chronisch erfolglosen Zähringer, die als einen der grössten Erfolge der Vereinsgeschichte den Vize Schweizer-Meister-Titel angeben, führt er weiter aus. Da seien ja sogar die Langnauer erfolgreicher – einen Titel gab es für die Langnauer 1976 zu feiern.

Der SCB als Kontaktbörse

Selbst der eingefleischteste SCB-Fan wird bei der Lektüre einige neue Dinge über seinen Lieblingsclub lernen. Etwa, dass die Band Europe extra für den SC Bern eine Ausnahme machte und ihren Hit «The Final Countdown», welcher nach jedem Berner Tor erklingt, zur Einweihung des neuen Stadions 2009 live spielte. Denn seit ihrem Comeback im Jahre 2004 weigerten sie sich standhaft, ihren grössten Hit live zu spielen. Auch Privates findet im Buch Platz: Martin Megert hat seine Frau an einem SCB-Spiel kennengelernt. Auch Randgeschichten von Spielern, Trainern und Schiedsrichtern finden in Tinus Werk Platz. In über 40 Jahren als SCB-Fan hat er vieles erlebt und kann so aus dem Nähkästchen plaudern. Die Liebe und Leidenschaft für den SCB ist in jeder Zeile spürbar.

Der Meisterfeier im Berner Stadion am Ostermontag blieb Tinu übrigens fern. «Bisher haben sie noch immer verloren, wenn ich an ein Public Viewing gegangen bin», so Tinu. Auch als der Titel im Trockenen war, blieb er zuhause: «Das war für mich ein schöner Abschluss der Saison». Er sei halt nicht mehr der Jüngste. Doch den Umzug durch die Berner Altstadt und die Feier auf dem Bundesplatz liess er sich nicht entgehen. «Das ist Ehrensache», meint der wohl grösste SCB-Fan, bevor er sich verabschieden muss. Er werde jetzt den Sommer geniessen.

Taktlos in Zürich

«Wann haben Sie das letzte Mal etwas zum ersten Mal gehört?», dieses Motto hat Taktlos des Ensembles Collegium Novum ausgeliehen und zu seinem gemacht. Beim Festival geht es um Musik, die fast niemand kennt und viele entdecken wollen. Die nächsten vier Tage kommen MusikerInnen aus 17 Ländern in der Roten Fabrik in Zürich zusammen, um ihre Stücke zu präsentieren. Einiges wird schräg, neu und alles bestimmt anders sein, denn genau um das geht es bei Taktlos: um Musik, die Neues wagt.

Heute Abend spielt die slowenische Komponistin Kaja Draksler mit ihrem Oktett die ersten Töne. Die multinationale Gruppe übt in Amsterdam, wo erfolgreich für Kulturförderung gekämpft wird und experimentelle Projekte unterstützt werden. In ihrem Stück «Canto XII» erklingen zu zeitgenössischer Musik Texte des chilenischen Dichters Pablo Neruda. Die acht MusikerInnen teilen sich einen klassischen-jazzigen Hintergrund und spielen mutig mit unkonventionellen Formen. Der Donnerstag wird von Amok Amor in die Dunkelheit begleitet, virtuosen Jazz, lebendige Sechziger und Furchtlosigkeit treiben die vier Männer voran.

Dieses Jahr wird es auch neben der Musik Neuheiten geben. Fredi Bosshard, der Taktlos im Jahre 1984 mit dem Verein Jazzfabrik mitgegründet hat und seit daher jedes Jahr organisiert, gibt das Projekt in neue Hände. Er ist nun 68 Jahre alt und denkt, dass dem Festival ein frischer Wind bestimmt guttun wird. Ab 2018 wird der neue, junge Verein Taktlos das Festival leiten. Fredi Bosshard hat keine Angst vor Veränderungen, im Gegenteil: «Ich hoffe schwer, dass sie neue Ideen, neue Musik und ihren Groove mitbringen.» Das Festival müsse ja ihrem Zeitgeist entsprechen. Als Bosshard das Festival in den 80er Jahren gegründet hat, war Zürich in Aufbruchstimmung, die Jugend hat für ihren Platz gekämpft. Die Musikszene war klein: «Wir haben die ersten Konzerte in der Roten Fabrik organisiert, daneben gab es noch den Plattenladen recrec und das Radio Lora. Das war’s.» Heute sei Zürich eine ganz andere Stadt mit vielen gut Ausgebildeten MusikerInnen und wahnsinnig vielen Angeboten. Und so meint Bosshard, «ist das Festival schon noch von unserer Zeit etwas geprägt». Das dürfe sich heute gerne ändern. Die Gegenwart hat wieder andere Geschichten zu erzählen.

Fredi Bosshard hat einige Kontakte in Deutschland und reist regelmässig an verschiedenste Festivals. Dort entdeckt er spannende Bands und fragt sie für Taktlos an. Wichtig ist den OrganisatorInnen so einiges, und sie halten sich streng an ihre Prinzipien: «Fünf von zehn Bands wurden von Frauen initiiert», das war Bosshard schon von Beginn ein Anliegen. Zudem möchten sie den MusikerInnen faire Löhne bezahlen, ihnen einen anständigen Rahmen bieten und das könnten sie, dank den Subventionen der Stadt Zürich. Damit würden auch überrissene Eintrittspreise vermieden. «Das mussten wir uns alles erarbeiten, mussten der Stadt beweisen, dass wir wirklich etwas Richtiges machen wollen.» In den Anfängen haben sie noch Sandwiches verkauft und wenn wenig Publikum kam, «mussten wir eine Woche nach dem Festival noch Sandwiches essen.» Nur so hätten sie gelernt, wie es funktioniert. Zudem haben sie starke Beziehungen mit der Roten Fabrik gepflegt, sich auch gegenseitig unterstützt. Genau deshalb will Bosshard dem neuen Verein Taktlos auch alle Freiheiten lassen.

Am Freitag geht es mit dem Lisa Ullén Quartett zärtlich weiter. Die Norwegerin Lisa Ullén improvisierte schon während ihres Pianostudiums mit den Innereien des Klaviers. Um 22.30 Uhr wird es dann mit dem Hedvi Mollestad Trio richtig laut. Die Band vermischt Jazz, Rock und Metal mit allem, was ihnen sonst noch in den Sinn kommt. Auch am Samstag wird ein spannendes Programm erwartet. Die Altsaxofonistin Julie Kjaer lebt seit einigen Jahren in London und hat dort mit zwei 80er-Jahre-Musikern ein Trio gegründet. Die drei sind in der «Powerhouse-Rhytmusszene» in London erfolgreich und spielen am Samstag um 20 Uhr in der Roten Fabrik. Kjaer reist danach alleine nach Japan weiter.

Fredi Bosshards «Perle» können wir am Sonntag um 17 Uhr bestaunen. Flury und die Nachgeborenen sind neun MusikerInnen, die alle aus einem anderen Bereich kommen. Da vermischen sich etwa zwei Sängerinnen, ein DJ, ein Pianist und zwei Perkussionisten und stellen den Jazz auf den Kopf. Aber das ist gut so, mein Fredi Bosshard: «wir wollen gerne aus dem Rahmen fallen.»

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YB lässt seine Fans träumen

Foto: Thomas Hodel

Viele Zweikämpfe

Die erste Halbzeit war geprägt von vielen hart geführten Zweikämpfen und zwei stark aufspielenden Abwehrketten. Nur selten konnten die Offensivspieler beider Mannschaften in eine gefährliche Position gebracht werden.

Weder Steffen beim FCB, noch Sulejmani konnten ihre Freiheiten ausnützen und so war das logische Halbzeitresultat 0-0.

Einzelleistungen entscheiden das Spiel

Das Heimteam kam stärker aus der Kabine und spielte mit viel Druck nach vorne. In der 58. Minute passte der stark aufspielende YB-Verteidiger Benito auf Yoric Ravet. Dieser lässt mit seinem Dribbling Luca Zuffi alt aussehen und schlenzt den Ball herrlich an Vaclik vorbei ins Tor. Das ausverkaufte Stade de Suisse stand kopf. Keine Minute später hatte Sulejmani das nächste Tor auf dem Fuss, doch er verzog kläglich.

In der 80. Minute besiegte Sulejmani schliesslich endgültig das FCB. Einen Freistoss aus rund 25 Metern versenkte er nahezu perfekt ins Tor.

YB-Debütant Christian Fassnacht war nach dem Spiel zufrieden: «Es ist natürlich toll, gegen den Meister zu gewinnen, aber das war bloss das erste Spiel und jetzt kommt Dynamo Kiew, dies ist noch ein härterer Brocken. Nach der zweiten Halbzeit von heute dürfen wir jedoch zuversichtlich sein.»

Gurtenfestival: Lo & Leduc besiegen Züri West

Für die Veranstalter hat sich das Festival auf jeden Fall gelohnt: Alle vier Tage des 34. Gurtenfestival waren ausverkauft. 61 Live-Acts und 63 DJs bespielten bei gutem Wetter den Berner Hausberg. Darunter auch Züri West.

Jüngeres Publikum

Diese gehören zum Gurtenfestival wie die Gurtenbahn. Auch bei ihrem diesjährigen Auftritt vor Heimpublikum war die Hauptbühne voll mit musikbegeisterten Besuchern. Wer sich in der Menge umsah, konnte sehen, dass die Masse sich auf die Berner Stammgäste freuten. Als die bekannten, älteren Lieder angespielt wurden, stimmten alle mit ein. Trotzdem konnte man eine gewisse Verhaltenheit ausmachen, welche die Gurtengänger zu bremsen schien. Um für mehr als eine Stunde zu überzeugen, dafür war der Auftritt zu wenig inspiriert. Er wirkte gewohnt, ja, routiniert.

Ein Grund für die fehlende Euphorie dürfte das Alter der Festivalbesucher sein. Die Zuhörer der neuen Alben von Züri West sind wohl eher älter als der Altersdurchschnitt der insgesamt 80’000 Festivalbesucher auf dem Berner Hausberg. Ganz anders bei Lo & Leduc: Die beiden Rapper sind ebenfalls in Bern aufgewachsen und ihr Auftritt war ein Genuss. Die grossartige Stimmung trug klar dazu bei. Sie erzeugten eine starke Dynamik und trieben die Zuschauer an. Das Publikum erklärte sie klar zum Sieger der beiden Berner Gruppen.

Antikaptialisten und einhändige Saxophonisten

Auch die bekannten zweisprachigen Antikapitalisten Irie Revolté wussten, wie man Stimmung erzeugt. Als am Freitagnachmittag die Hauptbühne noch halb leer war, halfen sie den schwächenden Festivalgängern, sich den Kater aus den Knochen zu schütteln. Immer wieder forderten sie die Leute erfolgreich zum Mitmachen auf. Auch wenn der Antifa-Auftritt mit linken Parolen etwas komisch auf einem sehr kommerziell ausgerichteten Festival wirkt, so überzeugten sie doch mit einem kurzen, aber kraftvollen Auftritt. Bei ihrem letzten Lied trat die ganze Band nach vorne und sang ohne Instrumente mehrstimmig «Merci». Das dürfte bei vielen Besuchern für einen Gänsehaut-Moment gesorgt haben.

Die vielseitige Bläserband der Lucky Chops konnte mit erfrischender Musik die Leute bei Laune halten. Mit vielen Soli- und einfallsreichen Showeinlagen gewannen sie die Herzen der Zeltbühnenbesucher. Als der Saxophonist mit einer Hand spielte und mit der anderen das Publikum zum Mitmachen einlud, wurde der Applaus hörbar lauter. Ein rundum gelungener Auftritt der New Yorker.

Die Gurtengänger zeigten sich sowieso von ihrer besten Seite: Die Security-Firma verzeichnete keinen grossen Zwischenfälle. Man darf sich schon auf nächsten Sommer freuen, wenn der Güsche erneut erbebt.

Gesund und krank spazieren Hand in Hand

In gut sichtbaren Lettern prangt auf den violett getönten Plakaten des wildwuchs Theaterfestivals das Leitmotiv der achten Ausgabe: «Wir sind viele.» Doch welche Personengruppe versteckt sich hinter dem Personalpronomen «wir»? Impliziert der Begriff des «wir» nicht immer auch die Existenz eines «anderen», welches ausserhalb des «wir» angesiedelt ist und systematisch ausgegrenzt wird? Und nach welchen Regeln wird die Zughörigkeit zu einer der beiden Gruppierungen überhaupt determiniert? Tatsächlich bildete die Frage nach der Definition von Innen und Aussen den thematischen Schwerpunkt des diesjährigen Festivals, als dessen Gastspielort neben der Kaserne und dem ROXY Birsfelden die Universitären Psychiatrischen Kliniken (UPK) dienten. Fragen der Inklusion von Menschen mit körperlicher und psychischer Beeinträchtigung sowie der gesellschaftlichen und kulturellen Heterogenität wurden während den beiden ersten Juni-Wochen in unterschiedlichen theatralen Formaten aufgegriffen.

Vertrauensgestus

Mit einem vertrauten Menschen Hand in Hand müssig durch das Stadtzentrum zu flanieren bedarf kaum grosser Überwindung. Sich jedoch einem völlig fremden Menschen anzuvertrauen, von diesem an der Hand genommen und durch die Stadt geführt zu werden schon. Händchenhalten ist eine intime Geste, die von gegenseitigem Vertrauen zeugt und zwischen zwei Menschen eine körperliche und emotionale Brücke herzustellen vermag. Das Projekt «Walking:Holding» der britischen Performance-Künstlerin Rosana Cade greift diesen Aspekt auf und erweitert ihn um ein zusätzliches Irritationsmoment: Die Begleitung ist eine völlig unbekannte Person, eine der «anderen». Es versteht sich als ein experimenteller Spaziergang, bei dem die Teilnehmer an der Hand von eigens für den jeweiligen Durchführungsort gecasteten «Handhaltern» aller Altersstufen, sozialen Gruppen und geschlechtlicher Ausprägungen durch die belebteren Basler Stadtteile schlendern.

Handhalter erzählen

Den Teilnehmern bieten sich verschiedene Möglichkeiten, um auf die befremdlich wirkende Situation zu reagieren. Die Verfasserin des Artikels entscheidet sich für den kommunikativen Austausch mit den insgesamt sieben Darstellern, welche sie im Verlauf von einer Stunde etappenweise über die Mittlere Brücke, in die Freie Strasse und zur Münsterplattform gelotst haben. Und erfährt dabei zum Teil auch sehr persönliche Anekdoten: Dass das Theaterspiel ihre Leidenschaft sei, erzählt die Schülerin mit den verheilten Ritznarben an den Armen. Dass er die kulturelle Vielfalt von Basel schätze, meint der Theater- und Filmschaffende aus Mali. Dass die Kommunikation mit englischsprachigen Teilnehmern für ihn schwierig sei, gesteht der ältere Herr mit dem Armstumpf. Dass die Paarbildung dunkelhäutiger Mann mit hellhäutiger Frau meist mehr Blicke auf sich ziehe, stellt die Frau mittleren Alters fest.

Gemischte Gefühle

Im Gespräch vergehen die 60 Minuten wie im Flug, die irritierten oder missbilligenden Blicke des Umfelds lassen sich ebenfalls leichter ausblenden. Eine grundlegende Veränderung der eigenen Wahrnehmung brachte dieses Erlebnis für die Verfasserin jedoch nicht mit sich. Das Stück hinterlässt als Plädoyer für mehr Akzeptanz gemischte Gefühle, konfrontiert es die Teilnehmer zwar mit den eigenen Vorurteilen, dies jedoch nur während kurzer Zeit und im Rahmen einer durch und durch künstlichen Situation. Es bleibt jedenfalls zweifelhaft, ob die Teilnehmer des Spaziergangs sich die Aufforderung des Programmtextes, öfter mal Hand in Hand mit jemandem spazieren zu gehen auch zu Herzen nehmen werden.

Spaziergang mit Stimmen im Ohr

Als eher konventioneller Hör-Spaziergang mit Kopfhörer präsentiert sich hingegen das Stück «Dazwischenland» des Kollektivs Firma für Zwischenbereiche. Eine souverän klingende glatte Männerstimme lotst die zeitlich versetzt startenden Teilnehmer unter häufiger Betonung, sich respektvoll zu verhalten über das weitläufige Gelände der im Basler Niemandsland kurz vor der französischen Grenze angesiedelten UPK und liefert dabei einen kurzen Abriss der Geschichte der Institution. Regelmässige dumpfe Schläge geben im Sinne eines akustischen Herzschrittmachers das ideale Schritttempo vor. Eingestreute Interviewfragmente, in denen Patientinnen und Patienten Details aus ihrer Lebensrealität und ihrem Umgang mit der Krankheit preisgeben, runden den Audiowalk ab. So weit, so unspektakulär, wäre da nicht die neckische Frauenstimme, welche den um korrektes Verhalten bemühten Sprecher immer wieder unterbricht, frech zur Missachtung seiner Anweisungen auffordert, in bewusst reisserischer Manier saftige Informationen zu der Einrichtung preisgibt und sich schliesslich gar als imaginäres Konstrukt der Männerstimme ausgibt – ein Verweis auf die bei Schizophrenie-Patienten auftretenden Halluzinationen.

Kuchen als verbindendes Element

Der Reiz dieser auditiven Führung durch die idyllische Parkanlage der Psychiatrie liegt in ihrer wiederholten spielerisch-provokanten Transgression der Realitätsebenen. Die Grenzen zwischen Krankheit und Normalität, dem «wir» und den «anderen» werden im Verlauf des Rundgangs als durchlässig entlarvt. «Psychische Erkrankungen können jeden Menschen treffen», lautet die simplizistisch anmutende, jedoch durchaus berechtigte Botschaft des Hör-Spaziergangs. Die Jurte der Mach-Bar des Kollektivs OPUS 89 bildet die Schlussstation des Audiowalks, wo schlussendlich sämtliche Fäden zusammengeführt werden. Patienten der UPK; Pflegepersonal, Theaterschaffende und Festivalbesucher statten dem kulinarischen Treffpunk auf dem Gelände der Kliniken einen Besuch ab. Allesamt vereint in der Wertschätzung des hausgemachten Kuchenbüffets.

Mehr Informationen findet ihr auf der Seite des wildwuchs Festivals.

Der nachhaltige Filmtipp – Code of Survival

«Eigentlich sollte man den besten Anzug anziehen, wenn man auf den Acker geht. Man muss Ehrfurcht vor dem Boden haben, denn er ist unsere Lebensgrundlage», sagt Bio-Bauer Franz Aunkofer im Film. Er war einer der ersten Bio-Bauern Deutschlands und erwirtschaftet inzwischen praktisch denselben Ertrag wie im konventionellen Anbau – ohne Gift und im Einklang mit der Natur. Der Alltag in der industriellen Landwirtschaft sieht anders aus. Dort bauen die Landwirte seit vielen Jahren Gentech-Pflanzen an und behandeln sie mit Glyphosat-haltigen Herbiziden wie Roundup. Die Resultate: resistentes Unkraut, das sich unkontrolliert vermehrt und harte Böden, auf denen nichts mehr wächst.

Regisseur Bertram Verhaag stellt der industriellen Landwirtschaft in den USA drei Beispiele aus Deutschland, Ägypten und Indien gegenüber. Er zeigt, wie die biologische Landwirtschaft dort aus kaputten Böden fruchtbare Äcker macht, welche hohe Qualität produzieren und die Artenvielfalt steigern. Die Formel des Überlebens – der Code of Survival – liegt in der nachhaltigen und biologischen Bewirtschaftung des Bodens, wie es Jane Goodall am Ende des Films formuliert: «Wir sollten mit der Natur zusammenarbeiten, nicht gegen sie. Nur dann können wir es schaffen, die Natur und das Land wiederherzustellen»

Dieser Film sowie weitere Filme zu diesem Thema sind auf der Filmseite Gentech + Saatgut aufgelistet.

Die DVD des Films ist hier erhältlich.

Dieser Eintrag erschien am 06.06.2017 auf dem Blog von unserem Partner Filme für die Erde.

Ein Busfahrer als «Bernmobil-Sohn»

Auch ich steige häufig in den Bus ein. Insbesondere im Winter, wenn es kalt ist und ich keine Lust habe, in der Schule halb erforen anzukommen. Mit den Busfahrern habe ich bis anhin noch nie gesprochen, zumindest in Bern nicht.

Als ich letzten Sommer in einer Kleinstadt an der Ostküste Irlands für einen Sprachaufenthalt war, benutzte ich täglich den Bus. Zur Schule gings mit dem Schulbus, in dem ich den Fahrern lediglich ein freundliches «How are you?» zurief. Am Abend benutzte ich jeweils den öffentlichen Bus. Ich bemerkte, dass die Einheimischen mit den Busfahrern immer intensive Gespräche begannen, anders als ich es von Bern kannte. Schliesslich wurden jeweils auch wir Sprachstudentinnen und Sprachstudenten in die Konversation eingebunden und diskutierten über das Wetter, über unsere Heimatländer oder über den Brexit, der damals noch ein frischer Schock für die Iren war.

Mein Gespräch mit einem Busfahrer in Bern fand nicht im Bus, sondern in der Bernmobil-Garage am Eigerplatz statt. Es war später Nachmittag und somit waren die meisten Busse auf den Strassen und Kurven Berns unterwegs. In der Garage standen einige Busse zur Reperatur bereit. Ich hatte die Gelegenheit, mit Mariano Altomonte zu sprechen. Mariano Altomonte arbeitet seit September 2012 bei Bernmobil, wo er auch seine Ausbildung gemacht hat. Er bezeichnet sich deshalb als «Bernmobil-Sohn». Die Ausbildungen für Tram, Bus und Trolley-Bus hat er bestanden und er ist jeden Tag für verschiedene Linien und an verschiedenen Uhrzeiten im Einsatz.

Weshalb es in den Berner Bussen kaum Gespräche zwischen den Busfahrern und Fahrgästen gibt, wollte ich als erstes von Mariano Altomonte wissen. Er beobachte, dass es bei diesem Thema einen Stadt-Land-Unterschied gebe: «In der Stadt steigt der Fahrgast ein, steigt aus und das war’s.» Im Aussennetz, in dem Altomonte zu Beginn arbeitete, sei es viel familiärer zu- und hergegangen. Von manchen Passagieren wisse man mit der Zeit, wer sie sind und man komme mit ihnen immer wieder ins Gespräch. In der Stadt komme das viel weniger vor. Zu Neujahr oder zum Valentinstag komme es häufig vor, dass Leute extra vorne aussteigen, kurz mit den Fahrern reden und manchmal sogar einen Schoggi als Zeichen der Dankbarkeit schenken. Das freut Altomonte jeweils ganz besonders.

Der lustigste Busfahrer-Moment für Mariano Altomonte passierte in Konolfingen, als jemand seinen vollen Migros-Wagen im Bus vergessen hatte. Ein Mitarbeiter der BLS am Bahnhof Konolfingen teilte ihm mit, dass dieser Fahrgast an einer Haltestelle auf ihn warten würde. Und tatsächlich stand der Mann an abgemachter Haltestelle zu abgemachter Uhrzeit und konnte seinen Wagen entgegennehmen. Als Dank schenkte dieser dem Busfahrer Altomonte eine Flasche Rotwein. «Das ist wirklich cool gewesen», fügte Altomonte beim Erzählen der Geschichte lachend hinzu.

Unangenehme Situationen seien vor allem auf den Verkehr zurückzuführen – zum Beispiel wenn er eine Vollbremsung machen müsse. Wenn es zu heiklen Situationen komme, etwa mit Betrunkenen, sei dies vor allem für die anderen Fahrgäste unangenehm. Für allfällige Schlichtungen seien aber nicht die Busfahrer, sondern anderes Personal zuständig.

Ich sprach den Busfahrer auf folgende Situation an, die ich schon öfter beobachtet habe oder ich gar selbst davon betroffen war: Wenn man zu spät dran ist und auf den Bus zurennt, gibt es manche Fahrer, die warten, andere fahren vorher ab. Altomonte betonte, dass dies nicht aus bösem Wille geschehe. Teilweise sei das Warten nicht möglich, insbesondere zu Stosszeiten, da zu dieser Zeit ein Bus nach dem anderen fährt und man den Fahrplan einhalten muss. Ansonsten versuche er, so oft wie möglich zu warten. Enttäuscht musste ich feststellen, dass die Busfahrer keine Wetten untereinander abschliessen, wie oft ein Busfahrer den Passagieren vor der Nase wegfährt.

Es scheint, dass für die Busfahrer trotz der Hektik immer genügend Zeit vorhanden ist, um deren Kollegen zu grüssen. Das Zeichen sei schlicht ein verbindendes Ritual, das sie vom ersten Tag an vermittelt bekämen. Von den ungefähr 600 Fahrern kennt Mariano Altomonte längst nicht alle, gegrüsst werde von ihm jedoch jeder.

Zum Schluss wollte ich noch von ihm wissen, warum er zusätzlich auch noch die Tramausbildung gemacht hat (welche er erst kurz vor unserem Interview erfolgreich absolviert hatte). Dies habe nichts damit zu tun gehabt, dass momentan immer wieder diskutiert werde, ob Bus- durch Tramlinien ersetzt werden sollen. «Ich finde es einfach gut, wenn ich die Auswahl zwischen Bus, Trolleybus und Tram habe. Tram und Bus sind zwei Paar Schuhe; man kann diese nicht vergleichen».

Mit Graffiti Freiräume schaffen

Das Wichtigste am Eingang ist die Unterschrift. Ohne einen Haftungsausschluss zu unterschreiben, kommt niemand legal aufs Gelände: Auf dem Teufelsberg mitten im Berliner Grunewald herrschen zwar eigene Regeln, doch Sicherheit muss trotzdem sein. Immerhin betreten wir hier marodes Bauwerk – original aus dem Kalten Krieg. Und dennoch geht es auf dem Teufelsberg nicht bloss um den Kult des Verlassenen, Zerfallenen und Überwucherten. Es geht auch um künstlerische und gesellschaftliche Freiheit.

Vom Trümmerberg zur Lauschstation

Den Teufelsberg gibt es erst seit dem Ende des zweiten Weltkriegs. Damals lag in der Hauptstadt jede Menge Schutt und Trümmer. Um Neuem Platz zu machen, türmte man am Rand der Stadt alles auf einen Haufen. Dieser Haufen ist jetzt 120 Meter hoch und nebst der Berliner Mauer eines der eindrücklichsten Kultur- und Zeitdenkmäler aus dem Kalten Krieg.

Lange Zeit wurde der ehemals höchste Berg Berlins durch die Alliierten als Abhörstation verwendet. Die ersten mobilen Anlagen wurden 1961 aufgefahren, ab 1963 baute man die noch heute stehenden Gebäude mitsamt den unverwechselbaren Radomen – grosse Antennenkuppeln, unter denen früher das Spionagegerät eingebaut war. Was dort oben genau gemacht wurde, weiss niemand so genau. Es ging wohl um Signalstörung und die Abhörung des sowjetischen Funkverkehrs. Vielleicht werden wir es im Jahr 2022 erfahren, wenn die Akten der Geheimdienste der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden.

Mit der deutschen Wiedervereinigung verlor man das Interesse am Abhören. Erst wurde in den Anlagen noch der zivile Luftverkehr überwacht, doch um die Jahrtausendwende wurde das ganze Gelände an private Investor*innen verkauft. Der ursprüngliche Plan, dort ein Tagungshotel, ein Spionagemuseum, Wohnungen und eine Gaststätte zu bauen, ging nicht auf. Es gab Widerstand aus der Bevölkerung und irgendwann folgten auch finanzielle Probleme. Und so stand das Gelände viele Jahre brach.

Ein Freiraum für Kunstschaffende

Es sollte bis 2010 dauern, bis sich mit Shalmon Abraham ein Pächter fand, der Besuche im mittlerweile ziemlich heruntergekommen verlassenen Ort ermöglichte. Durch die ungenutzten Jahre waren die Gebäude und die auffälligen Radome teilweise beschädigt. Noch heute ist vieles zerfetzt und zerfallen. Gleichzeitig mit dem Neustart wurde auch eine grosse Graffiti Galerie initiiert. Die hohen Räume und die vielen neu hochgezogenen Wände waren wie geschaffen für Murals und Street Art. So entwickelte sich die ehemalige Abhörstation in den letzten Jahren zu einem Freiraum der Kreativität.

 

Doch es gab auch Konflikte. Einige befürchteten, dass es mit dem verlangten Eintritt bloss ums Geld ginge. Was ehemals ein Ort der Entdeckens, der Einsamkeit und der Abenteuerlust war, drohte stattdessen im Kommerz zu versinken. Auch darum wurde Marvin Schütte – Sohn eines der Eigentümer – 2015 neuer Pächter des Teufelsbergs. Im Gegensatz zu früher sollte es nun nicht mehr um den Profit gehen. Dies entspräche auch dem Wunsch einiger aus der Bevölkerung, welche den Teufelsberg «zu einer modernen, überregionalen Austauschplattform und Denkfabrik für Kultur, Kunst, Geschichte, Technik, Natur und neue Wirtschaftsmodelle« machen möchten, wie der unabhängige Verein Initiative Kultur-DENK-MAL Berliner Teufelsberg in seinem Manifest schreibt. Trotzdem zahlen Besucher*innen auch heute noch Eintritt.

Rundgang zwischen Vergangenheit und Zukunft

Als einzigartiges historisches Kulturdenkmal hat der Teufelsberg einen grossen Wert für die allgemeine Bevölkerung. Durch die geregelte Nutzung ist es möglich, dass alle dieses Zeugnis der alliierten Besatzung erleben können. Ein blosses Denkmal der Vergangenheit ist der Teufelsberg aber trotzdem nicht. Im Gegenteil: Vieles ist hier lebendig und im Entstehen begriffen. Es gibt ein kleines Kaffeehäuschen, einen Essensstand und natürlich jede Menge zu entdecken. Im ersten Stock des Hauptgebäudes haben sich Künstler*innen in eigenen Ateliers eingerich

tet und verkaufen vor Ort ihre Werke. Nicht zuletzt zeigen die über 300 Graffiti und Kunstinstallationen wie unglaublich vielseitig und aktiv dieser Ort ist.

Natürlich gibt es auch solche, für die der Teufelsberg ein Schandfleck ist. Die ausgefallene Street Art gefällt nicht jedem und jeder. Und noch immer sind die Zeichen des Zerfalls und der jahrelangen Vernachlässigung zu sehen. Vieles ist wohl für immer zerstört. Doch vielleicht ist gerade das der grosse Reiz dieses Ortes, wo man die dicke Luft des Kalten Krieges förmlich einatmen kann.

Nächster Halt: 3 Stunden Verspätung.

9:12 Uhr: ich steige in den Bus. Heute werden Jacqueline und ich Tink.ch an der Universität Basel vorstellen. Ich freue mich, neue Schreiberlinge für unser Magazin zu gewinnen. Von Neuchâtel nach Biel, von Biel nach Basel: das ist der kinderleichte Plan. Voraussichtliche Ankunft: 10:53 Uhr. Dass ich erst um 13:55 Uhr ankommen würde, ahne ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Noch weniger ahne ich, dass dies ein faszinierendes, aber anstrengendes Abenteuer werden würde.

Wir bleiben stehen

Wie so mancher homo technologicus wische ich auf meinem Smartphone herum, so ganz geistig anwesend bin ich nicht, erst nach einer Weile merke ich, dass wir auffällig lange an diesem Bahnhof stehen. Laufen – der Name dieser Ortschaft ist so passend, dass er Teil eines Drehbuches zu sein scheint. «Problem mit den Sicherheitsanlagen in Grellingen», ertönt es vom Lautsprecher. Wir müssen aussteigen, der Zug kann nicht weiterfahren und wir müssen am Bahnhof auf weitere Informationen warten. Leute mit grossen Koffern, junge und alte Menschen, Kinder: dieses Gleis 2 ist wohl nie so dicht besiedelt gewesen wie heute. Die Ersten tippen wild auf ihrem Smartphone herum, einige telefonieren, ziemlich viele ziehen nervös an ihrer Zigarette. Die S3 nach Olten fällt aus. Unsere nächste Möglichkeit, nach Basel zu kommen, ist eine halbe Stunde später. Erst um 11:50 Uhr werde ich da sein, ich werde die erste Präsentation von Tink.ch verpassen. Schade, aber zum Glück haben wir geplant, eine zweite um 14:15 Uhr zu halten.

Mit einem Sandwich in der Hand laufe ich zurück an den Bahnhof, auf dem Gleis 4 steht bereits unser Zug. Die S3 ist klein und die Leute sind viele, das Gepäck der Passagiere, die wahrscheinlich an den Flughafen gehen, ist sperrig. Wir steigen ein, ich setze mich hin, der Zug fährt ab. «Was machst du denn hier?» – «Mein Zug ist ausgefallen, ich muss nach Basel» – «Ah, deshalb ist der Zug so voll!». Die Leute sind entspannt, erzählen einander von ihrem Tag und ihren Plänen.

Fahren oder Laufen?

«Ja hallo, entschuldigen Sie bitte, ich werde verspätet sein, der Zug ist ausgefallen», sie spricht mit einem accent francophone. Es wird ruhig: Zwingen, schon eine Weile stehen wir an diesem Bahnhof, ohne informiert zu werden, was geschehen ist. Die Stimme des Lokomotivführers ertönt, er entschuldigt sich, die Störung hält an, voraussichtlich werden wir ein paar Minuten verspätet sein. Er scheint nervös, die Situation scheint ihm hörbar unbequem zu sein. Aus ein paar Minuten wird «unbestimmte Zeit» und dann: wir müssen nach Laufen zurückfahren, da werden Ersatzbusse zur Verfügung stehen. Gelächter bricht aus, Gefluche ertönt. Ich übersetze meiner Sitznachbarin die Durchsage. Heute ist ihr Probetag für einen neuen Job, jetzt bereut sie es, nicht mit dem Auto gefahren zu sein.

Die Masse bewegt sich Richtung Busbahnhof fort, zu den bisherigen Passagieren kommen nun neue Ankömmlinge hinzu. Es werden immer mehr und die beiden Busse, die gerade anfahren, sind auch im Nu schon vollgestopft. Ein alter Mann mit Gehstöcken versucht einzusteigen, erst nachdem ich schimpfe, machen die Leute ihm Platz. Seine Frau versucht verzweifelt einzusteigen, sie schleppt zwei grosse Koffer. Ich mache ihr Platz, «Ich habe Zeit». Wie so viele stehe ich nun wieder in der warmen Sonne, die irgendwie die Stimmung trotz allem zu erhellen scheint.

Über den Röstigraben und fehlende Informationen

«On fait 5 kilomètres et on ne comprend déjà plus rien». Diese Dame ist nicht die Einzige, die sich zu beschweren scheint, dass die Durchsagen alle auf Deutsch waren. Eine zweite, ältere Dame erklärt mir, dass sie lange nicht verstand, was geschehen sei. Ein erstaunliches Vorgehen auf einer zweisprachigen Strecke, doch was mich zunehmend beeindruckt, ist, dass die Leute so ruhig und zivilisiert zu bleiben scheinen.

Ich warte. 10 Minuten, 30 Minuten. Nach ungefähr 50 Minuten ist der nächste Bus da, ich schaffe es rein. Dass die SBB jedoch keinen Plan hat, um Leuten, die schon länger warten, den Vortritt zu lassen und sicherzustellen, dass ältere Menschen und Kinder sicher reisen können, schockiert mich. So zusammengepfercht zu reisen, hat jedoch einen Vorteil: es ist fast unmöglich, in einer Kurve umzufallen. Die Fahrgäste im Bus nehmen es mit Humor. Ob jedoch diejenigen, die an den Haltestellen zwischen Laufen und dem Terminal stehen und auch in diesen Bus nicht einsteigen können, es noch mit Humor nehmen, ist unklar.

Auch der dritte Bahnersatzbus zwischen Laufen und Aesch (BL) ist überladen.

 

Am Bahnhof Aesch erscheinen die Wartenden wie eine überzählige Reisegruppe. Keine Durchsage ertönt, man ist auf sich gestellt und merkt früher oder später, dass man auf das andere Gleis muss, wenn man – wie ich zum Beispiel – nicht sieht, dass eine Zugangestellte zwischen den Leuten steht. Natürlich ist auch dieser Zug voll, natürlich müssen etliche ältere Menschen stehen und dass schon wieder nur mir und meiner Sitznachbarin in den Sinn kommt, dass man ihnen Platz machen kann, bringt mich erneut zum Kopfschütteln.

Eine überzählige Reisegruppe? Die Zugpassagiere warten auf den Ersatzbus in Aesch (BL).

 

Ein Abenteuer geht zu Ende

13:55 Uhr. Ich habe es geschafft, ich bin in Basel. Ich werde es heute noch schaffen, Tink.ch vorzustellen. Und wenigstens hat mein Abenteuer es mir erlaubt, Sonne zu tanken. Unser gemeinsames Leiden hat uns Reisende nähergebracht, ein Schwätzchen hier und da ist der positive Nebeneffekt einer aussergewöhnlichen Situation. Ich gehöre zu den über 400’000 Schweizer*innen, die ein Generalabonnement haben und von Jahr zu Jahr zahle ich mehr dafür. Diesen Luxus gönne ich mir gerne, Zugfahren ist mir wichtig, doch hat es die SBB an diesem Mittwoch geschafft, meine südamerikanischen, chaotischen Reiseerfahrungen zu übertreffen. Irgendwie habe ich es genossen, meine Mitmenschen zu beobachten und Gelassenheit zu üben. Doch dann denke ich an die junge Frau, die ihren Probetag hatte, an die älteren Menschen, die so reisen mussten und an die Leute, die wahrscheinlich ihren Flug verpasst haben und denke mir: wär’s wirklich nicht anders gegangen?

«Dr SCB isch dr geilscht Club»

Er wartet schon, an diesem Mittwochmittag, in einem Café in Bern, notabene zwei Tage nachdem sich der SCB in Zug zum zweiten Mal in Folge zum Eishockey Schweizer Meister küren lassen konnte. Von seinem Gipfeli ist schon fast nichts mehr übrig. «Tinu», stellt er sich vor. Martin Megert, wie er mit bürgerlichem Namen heisst, ist Informatiker. Neben seinem Beruf gibt es eine grosse Konstante in seinem Leben. Sie heisst SCB. Ich setzte mich ihm gegenüber hin. Wie sich herausstellt, ist Tinu genau wie ich in Burgdorf aufgewachsen. Während mich mein Vater an meinen ersten Match nach Langnau mitnahm, ging es für Tinu in die andere Richtung, nach Bern.

Das war der Beginn einer grossen Liebe. Heute ist der 56-Jährige der wahrscheinlich grösste SCB-Fan und ziemlich sicher auch der Bekannteste. Er ist Betreiber der Facebook-Seite «Hardboiled SCB», welche mittlerweile über 8000 Fans zählt. Auf dieser veröffentlicht er an jedem Spieltag spätestens eine Stunde nach dem Schlusspfiff einen Matchbericht, in dem er sich unzensiert seine Emotionen vom Leib schreibt. Diese Emotionen hat er nun auch in Buchform niedergeschrieben: «111 Gründe, den SCB zu lieben», heisst das gute Stück. Auch wenn sich Tinu für das Buch etwas zurückhalten musste, was die Sprache anging, ist sein Schreibstil deutlich erkennbar. «Ich bin wahnsinnig stolz auf das Buch, und auch auf mich», erzählt Tinu.

Seitenhiebe für Fribourg-Gottéron

«Der wichtigste Grund, den SCB zu lieben, ist ganz einfach: Der SCB ist ein geiler Club», sagt Tinu. Diesen einen, alles überspannenden Grund habe er dann, «wie ein Forensiker», aufgespalten in 111 Gründe. Drei Monate habe er jede Nacht daran geschrieben, immer mit der Deadline im Nacken. Er sei froh, dass er das Buch nicht während der Eishockeysaison schreiben musste, schmunzelt er. «Zusammen mit einem 100%-Job bin ich schon an meine Grenzen gekommen».

Das Buch ist eine Liebeserklärung an den SCB. Nicht immer sehr objektiv geschrieben, doch ausnahmslos ehrlich, interessant und auch lehrreich. Was auffällt: Gefühlt auf jeder zweiten Seite ist ein Seitenhieb gegen Fribourg-Gottéron versteckt. Diesen Club kann Tinu nicht ausstehen. «Weil es den HC Fribourg-Gottéron gibt», ist sogar der 39. Grund, den SCB zu lieben. Tinu erklärt, dass die Fribourger Fans «ekligi Cheibe» seien. Seine Erinnerungen an Fribourg seien nicht die besten, gibt er zu. Doch man könne sie auch nicht wirklich ernstnehmen, die chronisch erfolglosen Zähringer, die als einen der grössten Erfolge der Vereinsgeschichte den Vize Schweizer-Meister-Titel angeben, führt er weiter aus. Da seien ja sogar die Langnauer erfolgreicher – einen Titel gab es für die Langnauer 1976 zu feiern.

Der SCB als Kontaktbörse

Selbst der eingefleischteste SCB-Fan wird bei der Lektüre einige neue Dinge über seinen Lieblingsclub lernen. Etwa, dass die Band Europe extra für den SC Bern eine Ausnahme machte und ihren Hit «The Final Countdown», welcher nach jedem Berner Tor erklingt, zur Einweihung des neuen Stadions 2009 live spielte. Denn seit ihrem Comeback im Jahre 2004 weigerten sie sich standhaft, ihren grössten Hit live zu spielen. Auch Privates findet im Buch Platz: Martin Megert hat seine Frau an einem SCB-Spiel kennengelernt. Auch Randgeschichten von Spielern, Trainern und Schiedsrichtern finden in Tinus Werk Platz. In über 40 Jahren als SCB-Fan hat er vieles erlebt und kann so aus dem Nähkästchen plaudern. Die Liebe und Leidenschaft für den SCB ist in jeder Zeile spürbar.

Der Meisterfeier im Berner Stadion am Ostermontag blieb Tinu übrigens fern. «Bisher haben sie noch immer verloren, wenn ich an ein Public Viewing gegangen bin», so Tinu. Auch als der Titel im Trockenen war, blieb er zuhause: «Das war für mich ein schöner Abschluss der Saison». Er sei halt nicht mehr der Jüngste. Doch den Umzug durch die Berner Altstadt und die Feier auf dem Bundesplatz liess er sich nicht entgehen. «Das ist Ehrensache», meint der wohl grösste SCB-Fan, bevor er sich verabschieden muss. Er werde jetzt den Sommer geniessen.

Taktlos in Zürich

«Wann haben Sie das letzte Mal etwas zum ersten Mal gehört?», dieses Motto hat Taktlos des Ensembles Collegium Novum ausgeliehen und zu seinem gemacht. Beim Festival geht es um Musik, die fast niemand kennt und viele entdecken wollen. Die nächsten vier Tage kommen MusikerInnen aus 17 Ländern in der Roten Fabrik in Zürich zusammen, um ihre Stücke zu präsentieren. Einiges wird schräg, neu und alles bestimmt anders sein, denn genau um das geht es bei Taktlos: um Musik, die Neues wagt.

Heute Abend spielt die slowenische Komponistin Kaja Draksler mit ihrem Oktett die ersten Töne. Die multinationale Gruppe übt in Amsterdam, wo erfolgreich für Kulturförderung gekämpft wird und experimentelle Projekte unterstützt werden. In ihrem Stück «Canto XII» erklingen zu zeitgenössischer Musik Texte des chilenischen Dichters Pablo Neruda. Die acht MusikerInnen teilen sich einen klassischen-jazzigen Hintergrund und spielen mutig mit unkonventionellen Formen. Der Donnerstag wird von Amok Amor in die Dunkelheit begleitet, virtuosen Jazz, lebendige Sechziger und Furchtlosigkeit treiben die vier Männer voran.

Dieses Jahr wird es auch neben der Musik Neuheiten geben. Fredi Bosshard, der Taktlos im Jahre 1984 mit dem Verein Jazzfabrik mitgegründet hat und seit daher jedes Jahr organisiert, gibt das Projekt in neue Hände. Er ist nun 68 Jahre alt und denkt, dass dem Festival ein frischer Wind bestimmt guttun wird. Ab 2018 wird der neue, junge Verein Taktlos das Festival leiten. Fredi Bosshard hat keine Angst vor Veränderungen, im Gegenteil: «Ich hoffe schwer, dass sie neue Ideen, neue Musik und ihren Groove mitbringen.» Das Festival müsse ja ihrem Zeitgeist entsprechen. Als Bosshard das Festival in den 80er Jahren gegründet hat, war Zürich in Aufbruchstimmung, die Jugend hat für ihren Platz gekämpft. Die Musikszene war klein: «Wir haben die ersten Konzerte in der Roten Fabrik organisiert, daneben gab es noch den Plattenladen recrec und das Radio Lora. Das war’s.» Heute sei Zürich eine ganz andere Stadt mit vielen gut Ausgebildeten MusikerInnen und wahnsinnig vielen Angeboten. Und so meint Bosshard, «ist das Festival schon noch von unserer Zeit etwas geprägt». Das dürfe sich heute gerne ändern. Die Gegenwart hat wieder andere Geschichten zu erzählen.

Fredi Bosshard hat einige Kontakte in Deutschland und reist regelmässig an verschiedenste Festivals. Dort entdeckt er spannende Bands und fragt sie für Taktlos an. Wichtig ist den OrganisatorInnen so einiges, und sie halten sich streng an ihre Prinzipien: «Fünf von zehn Bands wurden von Frauen initiiert», das war Bosshard schon von Beginn ein Anliegen. Zudem möchten sie den MusikerInnen faire Löhne bezahlen, ihnen einen anständigen Rahmen bieten und das könnten sie, dank den Subventionen der Stadt Zürich. Damit würden auch überrissene Eintrittspreise vermieden. «Das mussten wir uns alles erarbeiten, mussten der Stadt beweisen, dass wir wirklich etwas Richtiges machen wollen.» In den Anfängen haben sie noch Sandwiches verkauft und wenn wenig Publikum kam, «mussten wir eine Woche nach dem Festival noch Sandwiches essen.» Nur so hätten sie gelernt, wie es funktioniert. Zudem haben sie starke Beziehungen mit der Roten Fabrik gepflegt, sich auch gegenseitig unterstützt. Genau deshalb will Bosshard dem neuen Verein Taktlos auch alle Freiheiten lassen.

Am Freitag geht es mit dem Lisa Ullén Quartett zärtlich weiter. Die Norwegerin Lisa Ullén improvisierte schon während ihres Pianostudiums mit den Innereien des Klaviers. Um 22.30 Uhr wird es dann mit dem Hedvi Mollestad Trio richtig laut. Die Band vermischt Jazz, Rock und Metal mit allem, was ihnen sonst noch in den Sinn kommt. Auch am Samstag wird ein spannendes Programm erwartet. Die Altsaxofonistin Julie Kjaer lebt seit einigen Jahren in London und hat dort mit zwei 80er-Jahre-Musikern ein Trio gegründet. Die drei sind in der «Powerhouse-Rhytmusszene» in London erfolgreich und spielen am Samstag um 20 Uhr in der Roten Fabrik. Kjaer reist danach alleine nach Japan weiter.

Fredi Bosshards «Perle» können wir am Sonntag um 17 Uhr bestaunen. Flury und die Nachgeborenen sind neun MusikerInnen, die alle aus einem anderen Bereich kommen. Da vermischen sich etwa zwei Sängerinnen, ein DJ, ein Pianist und zwei Perkussionisten und stellen den Jazz auf den Kopf. Aber das ist gut so, mein Fredi Bosshard: «wir wollen gerne aus dem Rahmen fallen.»

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YB lässt seine Fans träumen

Foto: Thomas Hodel

Viele Zweikämpfe

Die erste Halbzeit war geprägt von vielen hart geführten Zweikämpfen und zwei stark aufspielenden Abwehrketten. Nur selten konnten die Offensivspieler beider Mannschaften in eine gefährliche Position gebracht werden.

Weder Steffen beim FCB, noch Sulejmani konnten ihre Freiheiten ausnützen und so war das logische Halbzeitresultat 0-0.

Einzelleistungen entscheiden das Spiel

Das Heimteam kam stärker aus der Kabine und spielte mit viel Druck nach vorne. In der 58. Minute passte der stark aufspielende YB-Verteidiger Benito auf Yoric Ravet. Dieser lässt mit seinem Dribbling Luca Zuffi alt aussehen und schlenzt den Ball herrlich an Vaclik vorbei ins Tor. Das ausverkaufte Stade de Suisse stand kopf. Keine Minute später hatte Sulejmani das nächste Tor auf dem Fuss, doch er verzog kläglich.

In der 80. Minute besiegte Sulejmani schliesslich endgültig das FCB. Einen Freistoss aus rund 25 Metern versenkte er nahezu perfekt ins Tor.

YB-Debütant Christian Fassnacht war nach dem Spiel zufrieden: «Es ist natürlich toll, gegen den Meister zu gewinnen, aber das war bloss das erste Spiel und jetzt kommt Dynamo Kiew, dies ist noch ein härterer Brocken. Nach der zweiten Halbzeit von heute dürfen wir jedoch zuversichtlich sein.»

Gurtenfestival: Lo & Leduc besiegen Züri West

Für die Veranstalter hat sich das Festival auf jeden Fall gelohnt: Alle vier Tage des 34. Gurtenfestival waren ausverkauft. 61 Live-Acts und 63 DJs bespielten bei gutem Wetter den Berner Hausberg. Darunter auch Züri West.

Jüngeres Publikum

Diese gehören zum Gurtenfestival wie die Gurtenbahn. Auch bei ihrem diesjährigen Auftritt vor Heimpublikum war die Hauptbühne voll mit musikbegeisterten Besuchern. Wer sich in der Menge umsah, konnte sehen, dass die Masse sich auf die Berner Stammgäste freuten. Als die bekannten, älteren Lieder angespielt wurden, stimmten alle mit ein. Trotzdem konnte man eine gewisse Verhaltenheit ausmachen, welche die Gurtengänger zu bremsen schien. Um für mehr als eine Stunde zu überzeugen, dafür war der Auftritt zu wenig inspiriert. Er wirkte gewohnt, ja, routiniert.

Ein Grund für die fehlende Euphorie dürfte das Alter der Festivalbesucher sein. Die Zuhörer der neuen Alben von Züri West sind wohl eher älter als der Altersdurchschnitt der insgesamt 80’000 Festivalbesucher auf dem Berner Hausberg. Ganz anders bei Lo & Leduc: Die beiden Rapper sind ebenfalls in Bern aufgewachsen und ihr Auftritt war ein Genuss. Die grossartige Stimmung trug klar dazu bei. Sie erzeugten eine starke Dynamik und trieben die Zuschauer an. Das Publikum erklärte sie klar zum Sieger der beiden Berner Gruppen.

Antikaptialisten und einhändige Saxophonisten

Auch die bekannten zweisprachigen Antikapitalisten Irie Revolté wussten, wie man Stimmung erzeugt. Als am Freitagnachmittag die Hauptbühne noch halb leer war, halfen sie den schwächenden Festivalgängern, sich den Kater aus den Knochen zu schütteln. Immer wieder forderten sie die Leute erfolgreich zum Mitmachen auf. Auch wenn der Antifa-Auftritt mit linken Parolen etwas komisch auf einem sehr kommerziell ausgerichteten Festival wirkt, so überzeugten sie doch mit einem kurzen, aber kraftvollen Auftritt. Bei ihrem letzten Lied trat die ganze Band nach vorne und sang ohne Instrumente mehrstimmig «Merci». Das dürfte bei vielen Besuchern für einen Gänsehaut-Moment gesorgt haben.

Die vielseitige Bläserband der Lucky Chops konnte mit erfrischender Musik die Leute bei Laune halten. Mit vielen Soli- und einfallsreichen Showeinlagen gewannen sie die Herzen der Zeltbühnenbesucher. Als der Saxophonist mit einer Hand spielte und mit der anderen das Publikum zum Mitmachen einlud, wurde der Applaus hörbar lauter. Ein rundum gelungener Auftritt der New Yorker.

Die Gurtengänger zeigten sich sowieso von ihrer besten Seite: Die Security-Firma verzeichnete keinen grossen Zwischenfälle. Man darf sich schon auf nächsten Sommer freuen, wenn der Güsche erneut erbebt.

Gesund und krank spazieren Hand in Hand

In gut sichtbaren Lettern prangt auf den violett getönten Plakaten des wildwuchs Theaterfestivals das Leitmotiv der achten Ausgabe: «Wir sind viele.» Doch welche Personengruppe versteckt sich hinter dem Personalpronomen «wir»? Impliziert der Begriff des «wir» nicht immer auch die Existenz eines «anderen», welches ausserhalb des «wir» angesiedelt ist und systematisch ausgegrenzt wird? Und nach welchen Regeln wird die Zughörigkeit zu einer der beiden Gruppierungen überhaupt determiniert? Tatsächlich bildete die Frage nach der Definition von Innen und Aussen den thematischen Schwerpunkt des diesjährigen Festivals, als dessen Gastspielort neben der Kaserne und dem ROXY Birsfelden die Universitären Psychiatrischen Kliniken (UPK) dienten. Fragen der Inklusion von Menschen mit körperlicher und psychischer Beeinträchtigung sowie der gesellschaftlichen und kulturellen Heterogenität wurden während den beiden ersten Juni-Wochen in unterschiedlichen theatralen Formaten aufgegriffen.

Vertrauensgestus

Mit einem vertrauten Menschen Hand in Hand müssig durch das Stadtzentrum zu flanieren bedarf kaum grosser Überwindung. Sich jedoch einem völlig fremden Menschen anzuvertrauen, von diesem an der Hand genommen und durch die Stadt geführt zu werden schon. Händchenhalten ist eine intime Geste, die von gegenseitigem Vertrauen zeugt und zwischen zwei Menschen eine körperliche und emotionale Brücke herzustellen vermag. Das Projekt «Walking:Holding» der britischen Performance-Künstlerin Rosana Cade greift diesen Aspekt auf und erweitert ihn um ein zusätzliches Irritationsmoment: Die Begleitung ist eine völlig unbekannte Person, eine der «anderen». Es versteht sich als ein experimenteller Spaziergang, bei dem die Teilnehmer an der Hand von eigens für den jeweiligen Durchführungsort gecasteten «Handhaltern» aller Altersstufen, sozialen Gruppen und geschlechtlicher Ausprägungen durch die belebteren Basler Stadtteile schlendern.

Handhalter erzählen

Den Teilnehmern bieten sich verschiedene Möglichkeiten, um auf die befremdlich wirkende Situation zu reagieren. Die Verfasserin des Artikels entscheidet sich für den kommunikativen Austausch mit den insgesamt sieben Darstellern, welche sie im Verlauf von einer Stunde etappenweise über die Mittlere Brücke, in die Freie Strasse und zur Münsterplattform gelotst haben. Und erfährt dabei zum Teil auch sehr persönliche Anekdoten: Dass das Theaterspiel ihre Leidenschaft sei, erzählt die Schülerin mit den verheilten Ritznarben an den Armen. Dass er die kulturelle Vielfalt von Basel schätze, meint der Theater- und Filmschaffende aus Mali. Dass die Kommunikation mit englischsprachigen Teilnehmern für ihn schwierig sei, gesteht der ältere Herr mit dem Armstumpf. Dass die Paarbildung dunkelhäutiger Mann mit hellhäutiger Frau meist mehr Blicke auf sich ziehe, stellt die Frau mittleren Alters fest.

Gemischte Gefühle

Im Gespräch vergehen die 60 Minuten wie im Flug, die irritierten oder missbilligenden Blicke des Umfelds lassen sich ebenfalls leichter ausblenden. Eine grundlegende Veränderung der eigenen Wahrnehmung brachte dieses Erlebnis für die Verfasserin jedoch nicht mit sich. Das Stück hinterlässt als Plädoyer für mehr Akzeptanz gemischte Gefühle, konfrontiert es die Teilnehmer zwar mit den eigenen Vorurteilen, dies jedoch nur während kurzer Zeit und im Rahmen einer durch und durch künstlichen Situation. Es bleibt jedenfalls zweifelhaft, ob die Teilnehmer des Spaziergangs sich die Aufforderung des Programmtextes, öfter mal Hand in Hand mit jemandem spazieren zu gehen auch zu Herzen nehmen werden.

Spaziergang mit Stimmen im Ohr

Als eher konventioneller Hör-Spaziergang mit Kopfhörer präsentiert sich hingegen das Stück «Dazwischenland» des Kollektivs Firma für Zwischenbereiche. Eine souverän klingende glatte Männerstimme lotst die zeitlich versetzt startenden Teilnehmer unter häufiger Betonung, sich respektvoll zu verhalten über das weitläufige Gelände der im Basler Niemandsland kurz vor der französischen Grenze angesiedelten UPK und liefert dabei einen kurzen Abriss der Geschichte der Institution. Regelmässige dumpfe Schläge geben im Sinne eines akustischen Herzschrittmachers das ideale Schritttempo vor. Eingestreute Interviewfragmente, in denen Patientinnen und Patienten Details aus ihrer Lebensrealität und ihrem Umgang mit der Krankheit preisgeben, runden den Audiowalk ab. So weit, so unspektakulär, wäre da nicht die neckische Frauenstimme, welche den um korrektes Verhalten bemühten Sprecher immer wieder unterbricht, frech zur Missachtung seiner Anweisungen auffordert, in bewusst reisserischer Manier saftige Informationen zu der Einrichtung preisgibt und sich schliesslich gar als imaginäres Konstrukt der Männerstimme ausgibt – ein Verweis auf die bei Schizophrenie-Patienten auftretenden Halluzinationen.

Kuchen als verbindendes Element

Der Reiz dieser auditiven Führung durch die idyllische Parkanlage der Psychiatrie liegt in ihrer wiederholten spielerisch-provokanten Transgression der Realitätsebenen. Die Grenzen zwischen Krankheit und Normalität, dem «wir» und den «anderen» werden im Verlauf des Rundgangs als durchlässig entlarvt. «Psychische Erkrankungen können jeden Menschen treffen», lautet die simplizistisch anmutende, jedoch durchaus berechtigte Botschaft des Hör-Spaziergangs. Die Jurte der Mach-Bar des Kollektivs OPUS 89 bildet die Schlussstation des Audiowalks, wo schlussendlich sämtliche Fäden zusammengeführt werden. Patienten der UPK; Pflegepersonal, Theaterschaffende und Festivalbesucher statten dem kulinarischen Treffpunk auf dem Gelände der Kliniken einen Besuch ab. Allesamt vereint in der Wertschätzung des hausgemachten Kuchenbüffets.

Mehr Informationen findet ihr auf der Seite des wildwuchs Festivals.

Der nachhaltige Filmtipp – Code of Survival

«Eigentlich sollte man den besten Anzug anziehen, wenn man auf den Acker geht. Man muss Ehrfurcht vor dem Boden haben, denn er ist unsere Lebensgrundlage», sagt Bio-Bauer Franz Aunkofer im Film. Er war einer der ersten Bio-Bauern Deutschlands und erwirtschaftet inzwischen praktisch denselben Ertrag wie im konventionellen Anbau – ohne Gift und im Einklang mit der Natur. Der Alltag in der industriellen Landwirtschaft sieht anders aus. Dort bauen die Landwirte seit vielen Jahren Gentech-Pflanzen an und behandeln sie mit Glyphosat-haltigen Herbiziden wie Roundup. Die Resultate: resistentes Unkraut, das sich unkontrolliert vermehrt und harte Böden, auf denen nichts mehr wächst.

Regisseur Bertram Verhaag stellt der industriellen Landwirtschaft in den USA drei Beispiele aus Deutschland, Ägypten und Indien gegenüber. Er zeigt, wie die biologische Landwirtschaft dort aus kaputten Böden fruchtbare Äcker macht, welche hohe Qualität produzieren und die Artenvielfalt steigern. Die Formel des Überlebens – der Code of Survival – liegt in der nachhaltigen und biologischen Bewirtschaftung des Bodens, wie es Jane Goodall am Ende des Films formuliert: «Wir sollten mit der Natur zusammenarbeiten, nicht gegen sie. Nur dann können wir es schaffen, die Natur und das Land wiederherzustellen»

Dieser Film sowie weitere Filme zu diesem Thema sind auf der Filmseite Gentech + Saatgut aufgelistet.

Die DVD des Films ist hier erhältlich.

Dieser Eintrag erschien am 06.06.2017 auf dem Blog von unserem Partner Filme für die Erde.

Ein Busfahrer als «Bernmobil-Sohn»

Auch ich steige häufig in den Bus ein. Insbesondere im Winter, wenn es kalt ist und ich keine Lust habe, in der Schule halb erforen anzukommen. Mit den Busfahrern habe ich bis anhin noch nie gesprochen, zumindest in Bern nicht.

Als ich letzten Sommer in einer Kleinstadt an der Ostküste Irlands für einen Sprachaufenthalt war, benutzte ich täglich den Bus. Zur Schule gings mit dem Schulbus, in dem ich den Fahrern lediglich ein freundliches «How are you?» zurief. Am Abend benutzte ich jeweils den öffentlichen Bus. Ich bemerkte, dass die Einheimischen mit den Busfahrern immer intensive Gespräche begannen, anders als ich es von Bern kannte. Schliesslich wurden jeweils auch wir Sprachstudentinnen und Sprachstudenten in die Konversation eingebunden und diskutierten über das Wetter, über unsere Heimatländer oder über den Brexit, der damals noch ein frischer Schock für die Iren war.

Mein Gespräch mit einem Busfahrer in Bern fand nicht im Bus, sondern in der Bernmobil-Garage am Eigerplatz statt. Es war später Nachmittag und somit waren die meisten Busse auf den Strassen und Kurven Berns unterwegs. In der Garage standen einige Busse zur Reperatur bereit. Ich hatte die Gelegenheit, mit Mariano Altomonte zu sprechen. Mariano Altomonte arbeitet seit September 2012 bei Bernmobil, wo er auch seine Ausbildung gemacht hat. Er bezeichnet sich deshalb als «Bernmobil-Sohn». Die Ausbildungen für Tram, Bus und Trolley-Bus hat er bestanden und er ist jeden Tag für verschiedene Linien und an verschiedenen Uhrzeiten im Einsatz.

Weshalb es in den Berner Bussen kaum Gespräche zwischen den Busfahrern und Fahrgästen gibt, wollte ich als erstes von Mariano Altomonte wissen. Er beobachte, dass es bei diesem Thema einen Stadt-Land-Unterschied gebe: «In der Stadt steigt der Fahrgast ein, steigt aus und das war’s.» Im Aussennetz, in dem Altomonte zu Beginn arbeitete, sei es viel familiärer zu- und hergegangen. Von manchen Passagieren wisse man mit der Zeit, wer sie sind und man komme mit ihnen immer wieder ins Gespräch. In der Stadt komme das viel weniger vor. Zu Neujahr oder zum Valentinstag komme es häufig vor, dass Leute extra vorne aussteigen, kurz mit den Fahrern reden und manchmal sogar einen Schoggi als Zeichen der Dankbarkeit schenken. Das freut Altomonte jeweils ganz besonders.

Der lustigste Busfahrer-Moment für Mariano Altomonte passierte in Konolfingen, als jemand seinen vollen Migros-Wagen im Bus vergessen hatte. Ein Mitarbeiter der BLS am Bahnhof Konolfingen teilte ihm mit, dass dieser Fahrgast an einer Haltestelle auf ihn warten würde. Und tatsächlich stand der Mann an abgemachter Haltestelle zu abgemachter Uhrzeit und konnte seinen Wagen entgegennehmen. Als Dank schenkte dieser dem Busfahrer Altomonte eine Flasche Rotwein. «Das ist wirklich cool gewesen», fügte Altomonte beim Erzählen der Geschichte lachend hinzu.

Unangenehme Situationen seien vor allem auf den Verkehr zurückzuführen – zum Beispiel wenn er eine Vollbremsung machen müsse. Wenn es zu heiklen Situationen komme, etwa mit Betrunkenen, sei dies vor allem für die anderen Fahrgäste unangenehm. Für allfällige Schlichtungen seien aber nicht die Busfahrer, sondern anderes Personal zuständig.

Ich sprach den Busfahrer auf folgende Situation an, die ich schon öfter beobachtet habe oder ich gar selbst davon betroffen war: Wenn man zu spät dran ist und auf den Bus zurennt, gibt es manche Fahrer, die warten, andere fahren vorher ab. Altomonte betonte, dass dies nicht aus bösem Wille geschehe. Teilweise sei das Warten nicht möglich, insbesondere zu Stosszeiten, da zu dieser Zeit ein Bus nach dem anderen fährt und man den Fahrplan einhalten muss. Ansonsten versuche er, so oft wie möglich zu warten. Enttäuscht musste ich feststellen, dass die Busfahrer keine Wetten untereinander abschliessen, wie oft ein Busfahrer den Passagieren vor der Nase wegfährt.

Es scheint, dass für die Busfahrer trotz der Hektik immer genügend Zeit vorhanden ist, um deren Kollegen zu grüssen. Das Zeichen sei schlicht ein verbindendes Ritual, das sie vom ersten Tag an vermittelt bekämen. Von den ungefähr 600 Fahrern kennt Mariano Altomonte längst nicht alle, gegrüsst werde von ihm jedoch jeder.

Zum Schluss wollte ich noch von ihm wissen, warum er zusätzlich auch noch die Tramausbildung gemacht hat (welche er erst kurz vor unserem Interview erfolgreich absolviert hatte). Dies habe nichts damit zu tun gehabt, dass momentan immer wieder diskutiert werde, ob Bus- durch Tramlinien ersetzt werden sollen. «Ich finde es einfach gut, wenn ich die Auswahl zwischen Bus, Trolleybus und Tram habe. Tram und Bus sind zwei Paar Schuhe; man kann diese nicht vergleichen».

Mit Graffiti Freiräume schaffen

Das Wichtigste am Eingang ist die Unterschrift. Ohne einen Haftungsausschluss zu unterschreiben, kommt niemand legal aufs Gelände: Auf dem Teufelsberg mitten im Berliner Grunewald herrschen zwar eigene Regeln, doch Sicherheit muss trotzdem sein. Immerhin betreten wir hier marodes Bauwerk – original aus dem Kalten Krieg. Und dennoch geht es auf dem Teufelsberg nicht bloss um den Kult des Verlassenen, Zerfallenen und Überwucherten. Es geht auch um künstlerische und gesellschaftliche Freiheit.

Vom Trümmerberg zur Lauschstation

Den Teufelsberg gibt es erst seit dem Ende des zweiten Weltkriegs. Damals lag in der Hauptstadt jede Menge Schutt und Trümmer. Um Neuem Platz zu machen, türmte man am Rand der Stadt alles auf einen Haufen. Dieser Haufen ist jetzt 120 Meter hoch und nebst der Berliner Mauer eines der eindrücklichsten Kultur- und Zeitdenkmäler aus dem Kalten Krieg.

Lange Zeit wurde der ehemals höchste Berg Berlins durch die Alliierten als Abhörstation verwendet. Die ersten mobilen Anlagen wurden 1961 aufgefahren, ab 1963 baute man die noch heute stehenden Gebäude mitsamt den unverwechselbaren Radomen – grosse Antennenkuppeln, unter denen früher das Spionagegerät eingebaut war. Was dort oben genau gemacht wurde, weiss niemand so genau. Es ging wohl um Signalstörung und die Abhörung des sowjetischen Funkverkehrs. Vielleicht werden wir es im Jahr 2022 erfahren, wenn die Akten der Geheimdienste der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden.

Mit der deutschen Wiedervereinigung verlor man das Interesse am Abhören. Erst wurde in den Anlagen noch der zivile Luftverkehr überwacht, doch um die Jahrtausendwende wurde das ganze Gelände an private Investor*innen verkauft. Der ursprüngliche Plan, dort ein Tagungshotel, ein Spionagemuseum, Wohnungen und eine Gaststätte zu bauen, ging nicht auf. Es gab Widerstand aus der Bevölkerung und irgendwann folgten auch finanzielle Probleme. Und so stand das Gelände viele Jahre brach.

Ein Freiraum für Kunstschaffende

Es sollte bis 2010 dauern, bis sich mit Shalmon Abraham ein Pächter fand, der Besuche im mittlerweile ziemlich heruntergekommen verlassenen Ort ermöglichte. Durch die ungenutzten Jahre waren die Gebäude und die auffälligen Radome teilweise beschädigt. Noch heute ist vieles zerfetzt und zerfallen. Gleichzeitig mit dem Neustart wurde auch eine grosse Graffiti Galerie initiiert. Die hohen Räume und die vielen neu hochgezogenen Wände waren wie geschaffen für Murals und Street Art. So entwickelte sich die ehemalige Abhörstation in den letzten Jahren zu einem Freiraum der Kreativität.

 

Doch es gab auch Konflikte. Einige befürchteten, dass es mit dem verlangten Eintritt bloss ums Geld ginge. Was ehemals ein Ort der Entdeckens, der Einsamkeit und der Abenteuerlust war, drohte stattdessen im Kommerz zu versinken. Auch darum wurde Marvin Schütte – Sohn eines der Eigentümer – 2015 neuer Pächter des Teufelsbergs. Im Gegensatz zu früher sollte es nun nicht mehr um den Profit gehen. Dies entspräche auch dem Wunsch einiger aus der Bevölkerung, welche den Teufelsberg «zu einer modernen, überregionalen Austauschplattform und Denkfabrik für Kultur, Kunst, Geschichte, Technik, Natur und neue Wirtschaftsmodelle« machen möchten, wie der unabhängige Verein Initiative Kultur-DENK-MAL Berliner Teufelsberg in seinem Manifest schreibt. Trotzdem zahlen Besucher*innen auch heute noch Eintritt.

Rundgang zwischen Vergangenheit und Zukunft

Als einzigartiges historisches Kulturdenkmal hat der Teufelsberg einen grossen Wert für die allgemeine Bevölkerung. Durch die geregelte Nutzung ist es möglich, dass alle dieses Zeugnis der alliierten Besatzung erleben können. Ein blosses Denkmal der Vergangenheit ist der Teufelsberg aber trotzdem nicht. Im Gegenteil: Vieles ist hier lebendig und im Entstehen begriffen. Es gibt ein kleines Kaffeehäuschen, einen Essensstand und natürlich jede Menge zu entdecken. Im ersten Stock des Hauptgebäudes haben sich Künstler*innen in eigenen Ateliers eingerich

tet und verkaufen vor Ort ihre Werke. Nicht zuletzt zeigen die über 300 Graffiti und Kunstinstallationen wie unglaublich vielseitig und aktiv dieser Ort ist.

Natürlich gibt es auch solche, für die der Teufelsberg ein Schandfleck ist. Die ausgefallene Street Art gefällt nicht jedem und jeder. Und noch immer sind die Zeichen des Zerfalls und der jahrelangen Vernachlässigung zu sehen. Vieles ist wohl für immer zerstört. Doch vielleicht ist gerade das der grosse Reiz dieses Ortes, wo man die dicke Luft des Kalten Krieges förmlich einatmen kann.

Nächster Halt: 3 Stunden Verspätung.

9:12 Uhr: ich steige in den Bus. Heute werden Jacqueline und ich Tink.ch an der Universität Basel vorstellen. Ich freue mich, neue Schreiberlinge für unser Magazin zu gewinnen. Von Neuchâtel nach Biel, von Biel nach Basel: das ist der kinderleichte Plan. Voraussichtliche Ankunft: 10:53 Uhr. Dass ich erst um 13:55 Uhr ankommen würde, ahne ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Noch weniger ahne ich, dass dies ein faszinierendes, aber anstrengendes Abenteuer werden würde.

Wir bleiben stehen

Wie so mancher homo technologicus wische ich auf meinem Smartphone herum, so ganz geistig anwesend bin ich nicht, erst nach einer Weile merke ich, dass wir auffällig lange an diesem Bahnhof stehen. Laufen – der Name dieser Ortschaft ist so passend, dass er Teil eines Drehbuches zu sein scheint. «Problem mit den Sicherheitsanlagen in Grellingen», ertönt es vom Lautsprecher. Wir müssen aussteigen, der Zug kann nicht weiterfahren und wir müssen am Bahnhof auf weitere Informationen warten. Leute mit grossen Koffern, junge und alte Menschen, Kinder: dieses Gleis 2 ist wohl nie so dicht besiedelt gewesen wie heute. Die Ersten tippen wild auf ihrem Smartphone herum, einige telefonieren, ziemlich viele ziehen nervös an ihrer Zigarette. Die S3 nach Olten fällt aus. Unsere nächste Möglichkeit, nach Basel zu kommen, ist eine halbe Stunde später. Erst um 11:50 Uhr werde ich da sein, ich werde die erste Präsentation von Tink.ch verpassen. Schade, aber zum Glück haben wir geplant, eine zweite um 14:15 Uhr zu halten.

Mit einem Sandwich in der Hand laufe ich zurück an den Bahnhof, auf dem Gleis 4 steht bereits unser Zug. Die S3 ist klein und die Leute sind viele, das Gepäck der Passagiere, die wahrscheinlich an den Flughafen gehen, ist sperrig. Wir steigen ein, ich setze mich hin, der Zug fährt ab. «Was machst du denn hier?» – «Mein Zug ist ausgefallen, ich muss nach Basel» – «Ah, deshalb ist der Zug so voll!». Die Leute sind entspannt, erzählen einander von ihrem Tag und ihren Plänen.

Fahren oder Laufen?

«Ja hallo, entschuldigen Sie bitte, ich werde verspätet sein, der Zug ist ausgefallen», sie spricht mit einem accent francophone. Es wird ruhig: Zwingen, schon eine Weile stehen wir an diesem Bahnhof, ohne informiert zu werden, was geschehen ist. Die Stimme des Lokomotivführers ertönt, er entschuldigt sich, die Störung hält an, voraussichtlich werden wir ein paar Minuten verspätet sein. Er scheint nervös, die Situation scheint ihm hörbar unbequem zu sein. Aus ein paar Minuten wird «unbestimmte Zeit» und dann: wir müssen nach Laufen zurückfahren, da werden Ersatzbusse zur Verfügung stehen. Gelächter bricht aus, Gefluche ertönt. Ich übersetze meiner Sitznachbarin die Durchsage. Heute ist ihr Probetag für einen neuen Job, jetzt bereut sie es, nicht mit dem Auto gefahren zu sein.

Die Masse bewegt sich Richtung Busbahnhof fort, zu den bisherigen Passagieren kommen nun neue Ankömmlinge hinzu. Es werden immer mehr und die beiden Busse, die gerade anfahren, sind auch im Nu schon vollgestopft. Ein alter Mann mit Gehstöcken versucht einzusteigen, erst nachdem ich schimpfe, machen die Leute ihm Platz. Seine Frau versucht verzweifelt einzusteigen, sie schleppt zwei grosse Koffer. Ich mache ihr Platz, «Ich habe Zeit». Wie so viele stehe ich nun wieder in der warmen Sonne, die irgendwie die Stimmung trotz allem zu erhellen scheint.

Über den Röstigraben und fehlende Informationen

«On fait 5 kilomètres et on ne comprend déjà plus rien». Diese Dame ist nicht die Einzige, die sich zu beschweren scheint, dass die Durchsagen alle auf Deutsch waren. Eine zweite, ältere Dame erklärt mir, dass sie lange nicht verstand, was geschehen sei. Ein erstaunliches Vorgehen auf einer zweisprachigen Strecke, doch was mich zunehmend beeindruckt, ist, dass die Leute so ruhig und zivilisiert zu bleiben scheinen.

Ich warte. 10 Minuten, 30 Minuten. Nach ungefähr 50 Minuten ist der nächste Bus da, ich schaffe es rein. Dass die SBB jedoch keinen Plan hat, um Leuten, die schon länger warten, den Vortritt zu lassen und sicherzustellen, dass ältere Menschen und Kinder sicher reisen können, schockiert mich. So zusammengepfercht zu reisen, hat jedoch einen Vorteil: es ist fast unmöglich, in einer Kurve umzufallen. Die Fahrgäste im Bus nehmen es mit Humor. Ob jedoch diejenigen, die an den Haltestellen zwischen Laufen und dem Terminal stehen und auch in diesen Bus nicht einsteigen können, es noch mit Humor nehmen, ist unklar.

Auch der dritte Bahnersatzbus zwischen Laufen und Aesch (BL) ist überladen.

 

Am Bahnhof Aesch erscheinen die Wartenden wie eine überzählige Reisegruppe. Keine Durchsage ertönt, man ist auf sich gestellt und merkt früher oder später, dass man auf das andere Gleis muss, wenn man – wie ich zum Beispiel – nicht sieht, dass eine Zugangestellte zwischen den Leuten steht. Natürlich ist auch dieser Zug voll, natürlich müssen etliche ältere Menschen stehen und dass schon wieder nur mir und meiner Sitznachbarin in den Sinn kommt, dass man ihnen Platz machen kann, bringt mich erneut zum Kopfschütteln.

Eine überzählige Reisegruppe? Die Zugpassagiere warten auf den Ersatzbus in Aesch (BL).

 

Ein Abenteuer geht zu Ende

13:55 Uhr. Ich habe es geschafft, ich bin in Basel. Ich werde es heute noch schaffen, Tink.ch vorzustellen. Und wenigstens hat mein Abenteuer es mir erlaubt, Sonne zu tanken. Unser gemeinsames Leiden hat uns Reisende nähergebracht, ein Schwätzchen hier und da ist der positive Nebeneffekt einer aussergewöhnlichen Situation. Ich gehöre zu den über 400’000 Schweizer*innen, die ein Generalabonnement haben und von Jahr zu Jahr zahle ich mehr dafür. Diesen Luxus gönne ich mir gerne, Zugfahren ist mir wichtig, doch hat es die SBB an diesem Mittwoch geschafft, meine südamerikanischen, chaotischen Reiseerfahrungen zu übertreffen. Irgendwie habe ich es genossen, meine Mitmenschen zu beobachten und Gelassenheit zu üben. Doch dann denke ich an die junge Frau, die ihren Probetag hatte, an die älteren Menschen, die so reisen mussten und an die Leute, die wahrscheinlich ihren Flug verpasst haben und denke mir: wär’s wirklich nicht anders gegangen?

«Dr SCB isch dr geilscht Club»

Er wartet schon, an diesem Mittwochmittag, in einem Café in Bern, notabene zwei Tage nachdem sich der SCB in Zug zum zweiten Mal in Folge zum Eishockey Schweizer Meister küren lassen konnte. Von seinem Gipfeli ist schon fast nichts mehr übrig. «Tinu», stellt er sich vor. Martin Megert, wie er mit bürgerlichem Namen heisst, ist Informatiker. Neben seinem Beruf gibt es eine grosse Konstante in seinem Leben. Sie heisst SCB. Ich setzte mich ihm gegenüber hin. Wie sich herausstellt, ist Tinu genau wie ich in Burgdorf aufgewachsen. Während mich mein Vater an meinen ersten Match nach Langnau mitnahm, ging es für Tinu in die andere Richtung, nach Bern.

Das war der Beginn einer grossen Liebe. Heute ist der 56-Jährige der wahrscheinlich grösste SCB-Fan und ziemlich sicher auch der Bekannteste. Er ist Betreiber der Facebook-Seite «Hardboiled SCB», welche mittlerweile über 8000 Fans zählt. Auf dieser veröffentlicht er an jedem Spieltag spätestens eine Stunde nach dem Schlusspfiff einen Matchbericht, in dem er sich unzensiert seine Emotionen vom Leib schreibt. Diese Emotionen hat er nun auch in Buchform niedergeschrieben: «111 Gründe, den SCB zu lieben», heisst das gute Stück. Auch wenn sich Tinu für das Buch etwas zurückhalten musste, was die Sprache anging, ist sein Schreibstil deutlich erkennbar. «Ich bin wahnsinnig stolz auf das Buch, und auch auf mich», erzählt Tinu.

Seitenhiebe für Fribourg-Gottéron

«Der wichtigste Grund, den SCB zu lieben, ist ganz einfach: Der SCB ist ein geiler Club», sagt Tinu. Diesen einen, alles überspannenden Grund habe er dann, «wie ein Forensiker», aufgespalten in 111 Gründe. Drei Monate habe er jede Nacht daran geschrieben, immer mit der Deadline im Nacken. Er sei froh, dass er das Buch nicht während der Eishockeysaison schreiben musste, schmunzelt er. «Zusammen mit einem 100%-Job bin ich schon an meine Grenzen gekommen».

Das Buch ist eine Liebeserklärung an den SCB. Nicht immer sehr objektiv geschrieben, doch ausnahmslos ehrlich, interessant und auch lehrreich. Was auffällt: Gefühlt auf jeder zweiten Seite ist ein Seitenhieb gegen Fribourg-Gottéron versteckt. Diesen Club kann Tinu nicht ausstehen. «Weil es den HC Fribourg-Gottéron gibt», ist sogar der 39. Grund, den SCB zu lieben. Tinu erklärt, dass die Fribourger Fans «ekligi Cheibe» seien. Seine Erinnerungen an Fribourg seien nicht die besten, gibt er zu. Doch man könne sie auch nicht wirklich ernstnehmen, die chronisch erfolglosen Zähringer, die als einen der grössten Erfolge der Vereinsgeschichte den Vize Schweizer-Meister-Titel angeben, führt er weiter aus. Da seien ja sogar die Langnauer erfolgreicher – einen Titel gab es für die Langnauer 1976 zu feiern.

Der SCB als Kontaktbörse

Selbst der eingefleischteste SCB-Fan wird bei der Lektüre einige neue Dinge über seinen Lieblingsclub lernen. Etwa, dass die Band Europe extra für den SC Bern eine Ausnahme machte und ihren Hit «The Final Countdown», welcher nach jedem Berner Tor erklingt, zur Einweihung des neuen Stadions 2009 live spielte. Denn seit ihrem Comeback im Jahre 2004 weigerten sie sich standhaft, ihren grössten Hit live zu spielen. Auch Privates findet im Buch Platz: Martin Megert hat seine Frau an einem SCB-Spiel kennengelernt. Auch Randgeschichten von Spielern, Trainern und Schiedsrichtern finden in Tinus Werk Platz. In über 40 Jahren als SCB-Fan hat er vieles erlebt und kann so aus dem Nähkästchen plaudern. Die Liebe und Leidenschaft für den SCB ist in jeder Zeile spürbar.

Der Meisterfeier im Berner Stadion am Ostermontag blieb Tinu übrigens fern. «Bisher haben sie noch immer verloren, wenn ich an ein Public Viewing gegangen bin», so Tinu. Auch als der Titel im Trockenen war, blieb er zuhause: «Das war für mich ein schöner Abschluss der Saison». Er sei halt nicht mehr der Jüngste. Doch den Umzug durch die Berner Altstadt und die Feier auf dem Bundesplatz liess er sich nicht entgehen. «Das ist Ehrensache», meint der wohl grösste SCB-Fan, bevor er sich verabschieden muss. Er werde jetzt den Sommer geniessen.

Taktlos in Zürich

«Wann haben Sie das letzte Mal etwas zum ersten Mal gehört?», dieses Motto hat Taktlos des Ensembles Collegium Novum ausgeliehen und zu seinem gemacht. Beim Festival geht es um Musik, die fast niemand kennt und viele entdecken wollen. Die nächsten vier Tage kommen MusikerInnen aus 17 Ländern in der Roten Fabrik in Zürich zusammen, um ihre Stücke zu präsentieren. Einiges wird schräg, neu und alles bestimmt anders sein, denn genau um das geht es bei Taktlos: um Musik, die Neues wagt.

Heute Abend spielt die slowenische Komponistin Kaja Draksler mit ihrem Oktett die ersten Töne. Die multinationale Gruppe übt in Amsterdam, wo erfolgreich für Kulturförderung gekämpft wird und experimentelle Projekte unterstützt werden. In ihrem Stück «Canto XII» erklingen zu zeitgenössischer Musik Texte des chilenischen Dichters Pablo Neruda. Die acht MusikerInnen teilen sich einen klassischen-jazzigen Hintergrund und spielen mutig mit unkonventionellen Formen. Der Donnerstag wird von Amok Amor in die Dunkelheit begleitet, virtuosen Jazz, lebendige Sechziger und Furchtlosigkeit treiben die vier Männer voran.

Dieses Jahr wird es auch neben der Musik Neuheiten geben. Fredi Bosshard, der Taktlos im Jahre 1984 mit dem Verein Jazzfabrik mitgegründet hat und seit daher jedes Jahr organisiert, gibt das Projekt in neue Hände. Er ist nun 68 Jahre alt und denkt, dass dem Festival ein frischer Wind bestimmt guttun wird. Ab 2018 wird der neue, junge Verein Taktlos das Festival leiten. Fredi Bosshard hat keine Angst vor Veränderungen, im Gegenteil: «Ich hoffe schwer, dass sie neue Ideen, neue Musik und ihren Groove mitbringen.» Das Festival müsse ja ihrem Zeitgeist entsprechen. Als Bosshard das Festival in den 80er Jahren gegründet hat, war Zürich in Aufbruchstimmung, die Jugend hat für ihren Platz gekämpft. Die Musikszene war klein: «Wir haben die ersten Konzerte in der Roten Fabrik organisiert, daneben gab es noch den Plattenladen recrec und das Radio Lora. Das war’s.» Heute sei Zürich eine ganz andere Stadt mit vielen gut Ausgebildeten MusikerInnen und wahnsinnig vielen Angeboten. Und so meint Bosshard, «ist das Festival schon noch von unserer Zeit etwas geprägt». Das dürfe sich heute gerne ändern. Die Gegenwart hat wieder andere Geschichten zu erzählen.

Fredi Bosshard hat einige Kontakte in Deutschland und reist regelmässig an verschiedenste Festivals. Dort entdeckt er spannende Bands und fragt sie für Taktlos an. Wichtig ist den OrganisatorInnen so einiges, und sie halten sich streng an ihre Prinzipien: «Fünf von zehn Bands wurden von Frauen initiiert», das war Bosshard schon von Beginn ein Anliegen. Zudem möchten sie den MusikerInnen faire Löhne bezahlen, ihnen einen anständigen Rahmen bieten und das könnten sie, dank den Subventionen der Stadt Zürich. Damit würden auch überrissene Eintrittspreise vermieden. «Das mussten wir uns alles erarbeiten, mussten der Stadt beweisen, dass wir wirklich etwas Richtiges machen wollen.» In den Anfängen haben sie noch Sandwiches verkauft und wenn wenig Publikum kam, «mussten wir eine Woche nach dem Festival noch Sandwiches essen.» Nur so hätten sie gelernt, wie es funktioniert. Zudem haben sie starke Beziehungen mit der Roten Fabrik gepflegt, sich auch gegenseitig unterstützt. Genau deshalb will Bosshard dem neuen Verein Taktlos auch alle Freiheiten lassen.

Am Freitag geht es mit dem Lisa Ullén Quartett zärtlich weiter. Die Norwegerin Lisa Ullén improvisierte schon während ihres Pianostudiums mit den Innereien des Klaviers. Um 22.30 Uhr wird es dann mit dem Hedvi Mollestad Trio richtig laut. Die Band vermischt Jazz, Rock und Metal mit allem, was ihnen sonst noch in den Sinn kommt. Auch am Samstag wird ein spannendes Programm erwartet. Die Altsaxofonistin Julie Kjaer lebt seit einigen Jahren in London und hat dort mit zwei 80er-Jahre-Musikern ein Trio gegründet. Die drei sind in der «Powerhouse-Rhytmusszene» in London erfolgreich und spielen am Samstag um 20 Uhr in der Roten Fabrik. Kjaer reist danach alleine nach Japan weiter.

Fredi Bosshards «Perle» können wir am Sonntag um 17 Uhr bestaunen. Flury und die Nachgeborenen sind neun MusikerInnen, die alle aus einem anderen Bereich kommen. Da vermischen sich etwa zwei Sängerinnen, ein DJ, ein Pianist und zwei Perkussionisten und stellen den Jazz auf den Kopf. Aber das ist gut so, mein Fredi Bosshard: «wir wollen gerne aus dem Rahmen fallen.»

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YB lässt seine Fans träumen

Foto: Thomas Hodel

Viele Zweikämpfe

Die erste Halbzeit war geprägt von vielen hart geführten Zweikämpfen und zwei stark aufspielenden Abwehrketten. Nur selten konnten die Offensivspieler beider Mannschaften in eine gefährliche Position gebracht werden.

Weder Steffen beim FCB, noch Sulejmani konnten ihre Freiheiten ausnützen und so war das logische Halbzeitresultat 0-0.

Einzelleistungen entscheiden das Spiel

Das Heimteam kam stärker aus der Kabine und spielte mit viel Druck nach vorne. In der 58. Minute passte der stark aufspielende YB-Verteidiger Benito auf Yoric Ravet. Dieser lässt mit seinem Dribbling Luca Zuffi alt aussehen und schlenzt den Ball herrlich an Vaclik vorbei ins Tor. Das ausverkaufte Stade de Suisse stand kopf. Keine Minute später hatte Sulejmani das nächste Tor auf dem Fuss, doch er verzog kläglich.

In der 80. Minute besiegte Sulejmani schliesslich endgültig das FCB. Einen Freistoss aus rund 25 Metern versenkte er nahezu perfekt ins Tor.

YB-Debütant Christian Fassnacht war nach dem Spiel zufrieden: «Es ist natürlich toll, gegen den Meister zu gewinnen, aber das war bloss das erste Spiel und jetzt kommt Dynamo Kiew, dies ist noch ein härterer Brocken. Nach der zweiten Halbzeit von heute dürfen wir jedoch zuversichtlich sein.»

Gurtenfestival: Lo & Leduc besiegen Züri West

Für die Veranstalter hat sich das Festival auf jeden Fall gelohnt: Alle vier Tage des 34. Gurtenfestival waren ausverkauft. 61 Live-Acts und 63 DJs bespielten bei gutem Wetter den Berner Hausberg. Darunter auch Züri West.

Jüngeres Publikum

Diese gehören zum Gurtenfestival wie die Gurtenbahn. Auch bei ihrem diesjährigen Auftritt vor Heimpublikum war die Hauptbühne voll mit musikbegeisterten Besuchern. Wer sich in der Menge umsah, konnte sehen, dass die Masse sich auf die Berner Stammgäste freuten. Als die bekannten, älteren Lieder angespielt wurden, stimmten alle mit ein. Trotzdem konnte man eine gewisse Verhaltenheit ausmachen, welche die Gurtengänger zu bremsen schien. Um für mehr als eine Stunde zu überzeugen, dafür war der Auftritt zu wenig inspiriert. Er wirkte gewohnt, ja, routiniert.

Ein Grund für die fehlende Euphorie dürfte das Alter der Festivalbesucher sein. Die Zuhörer der neuen Alben von Züri West sind wohl eher älter als der Altersdurchschnitt der insgesamt 80’000 Festivalbesucher auf dem Berner Hausberg. Ganz anders bei Lo & Leduc: Die beiden Rapper sind ebenfalls in Bern aufgewachsen und ihr Auftritt war ein Genuss. Die grossartige Stimmung trug klar dazu bei. Sie erzeugten eine starke Dynamik und trieben die Zuschauer an. Das Publikum erklärte sie klar zum Sieger der beiden Berner Gruppen.

Antikaptialisten und einhändige Saxophonisten

Auch die bekannten zweisprachigen Antikapitalisten Irie Revolté wussten, wie man Stimmung erzeugt. Als am Freitagnachmittag die Hauptbühne noch halb leer war, halfen sie den schwächenden Festivalgängern, sich den Kater aus den Knochen zu schütteln. Immer wieder forderten sie die Leute erfolgreich zum Mitmachen auf. Auch wenn der Antifa-Auftritt mit linken Parolen etwas komisch auf einem sehr kommerziell ausgerichteten Festival wirkt, so überzeugten sie doch mit einem kurzen, aber kraftvollen Auftritt. Bei ihrem letzten Lied trat die ganze Band nach vorne und sang ohne Instrumente mehrstimmig «Merci». Das dürfte bei vielen Besuchern für einen Gänsehaut-Moment gesorgt haben.

Die vielseitige Bläserband der Lucky Chops konnte mit erfrischender Musik die Leute bei Laune halten. Mit vielen Soli- und einfallsreichen Showeinlagen gewannen sie die Herzen der Zeltbühnenbesucher. Als der Saxophonist mit einer Hand spielte und mit der anderen das Publikum zum Mitmachen einlud, wurde der Applaus hörbar lauter. Ein rundum gelungener Auftritt der New Yorker.

Die Gurtengänger zeigten sich sowieso von ihrer besten Seite: Die Security-Firma verzeichnete keinen grossen Zwischenfälle. Man darf sich schon auf nächsten Sommer freuen, wenn der Güsche erneut erbebt.

Gesund und krank spazieren Hand in Hand

In gut sichtbaren Lettern prangt auf den violett getönten Plakaten des wildwuchs Theaterfestivals das Leitmotiv der achten Ausgabe: «Wir sind viele.» Doch welche Personengruppe versteckt sich hinter dem Personalpronomen «wir»? Impliziert der Begriff des «wir» nicht immer auch die Existenz eines «anderen», welches ausserhalb des «wir» angesiedelt ist und systematisch ausgegrenzt wird? Und nach welchen Regeln wird die Zughörigkeit zu einer der beiden Gruppierungen überhaupt determiniert? Tatsächlich bildete die Frage nach der Definition von Innen und Aussen den thematischen Schwerpunkt des diesjährigen Festivals, als dessen Gastspielort neben der Kaserne und dem ROXY Birsfelden die Universitären Psychiatrischen Kliniken (UPK) dienten. Fragen der Inklusion von Menschen mit körperlicher und psychischer Beeinträchtigung sowie der gesellschaftlichen und kulturellen Heterogenität wurden während den beiden ersten Juni-Wochen in unterschiedlichen theatralen Formaten aufgegriffen.

Vertrauensgestus

Mit einem vertrauten Menschen Hand in Hand müssig durch das Stadtzentrum zu flanieren bedarf kaum grosser Überwindung. Sich jedoch einem völlig fremden Menschen anzuvertrauen, von diesem an der Hand genommen und durch die Stadt geführt zu werden schon. Händchenhalten ist eine intime Geste, die von gegenseitigem Vertrauen zeugt und zwischen zwei Menschen eine körperliche und emotionale Brücke herzustellen vermag. Das Projekt «Walking:Holding» der britischen Performance-Künstlerin Rosana Cade greift diesen Aspekt auf und erweitert ihn um ein zusätzliches Irritationsmoment: Die Begleitung ist eine völlig unbekannte Person, eine der «anderen». Es versteht sich als ein experimenteller Spaziergang, bei dem die Teilnehmer an der Hand von eigens für den jeweiligen Durchführungsort gecasteten «Handhaltern» aller Altersstufen, sozialen Gruppen und geschlechtlicher Ausprägungen durch die belebteren Basler Stadtteile schlendern.

Handhalter erzählen

Den Teilnehmern bieten sich verschiedene Möglichkeiten, um auf die befremdlich wirkende Situation zu reagieren. Die Verfasserin des Artikels entscheidet sich für den kommunikativen Austausch mit den insgesamt sieben Darstellern, welche sie im Verlauf von einer Stunde etappenweise über die Mittlere Brücke, in die Freie Strasse und zur Münsterplattform gelotst haben. Und erfährt dabei zum Teil auch sehr persönliche Anekdoten: Dass das Theaterspiel ihre Leidenschaft sei, erzählt die Schülerin mit den verheilten Ritznarben an den Armen. Dass er die kulturelle Vielfalt von Basel schätze, meint der Theater- und Filmschaffende aus Mali. Dass die Kommunikation mit englischsprachigen Teilnehmern für ihn schwierig sei, gesteht der ältere Herr mit dem Armstumpf. Dass die Paarbildung dunkelhäutiger Mann mit hellhäutiger Frau meist mehr Blicke auf sich ziehe, stellt die Frau mittleren Alters fest.

Gemischte Gefühle

Im Gespräch vergehen die 60 Minuten wie im Flug, die irritierten oder missbilligenden Blicke des Umfelds lassen sich ebenfalls leichter ausblenden. Eine grundlegende Veränderung der eigenen Wahrnehmung brachte dieses Erlebnis für die Verfasserin jedoch nicht mit sich. Das Stück hinterlässt als Plädoyer für mehr Akzeptanz gemischte Gefühle, konfrontiert es die Teilnehmer zwar mit den eigenen Vorurteilen, dies jedoch nur während kurzer Zeit und im Rahmen einer durch und durch künstlichen Situation. Es bleibt jedenfalls zweifelhaft, ob die Teilnehmer des Spaziergangs sich die Aufforderung des Programmtextes, öfter mal Hand in Hand mit jemandem spazieren zu gehen auch zu Herzen nehmen werden.

Spaziergang mit Stimmen im Ohr

Als eher konventioneller Hör-Spaziergang mit Kopfhörer präsentiert sich hingegen das Stück «Dazwischenland» des Kollektivs Firma für Zwischenbereiche. Eine souverän klingende glatte Männerstimme lotst die zeitlich versetzt startenden Teilnehmer unter häufiger Betonung, sich respektvoll zu verhalten über das weitläufige Gelände der im Basler Niemandsland kurz vor der französischen Grenze angesiedelten UPK und liefert dabei einen kurzen Abriss der Geschichte der Institution. Regelmässige dumpfe Schläge geben im Sinne eines akustischen Herzschrittmachers das ideale Schritttempo vor. Eingestreute Interviewfragmente, in denen Patientinnen und Patienten Details aus ihrer Lebensrealität und ihrem Umgang mit der Krankheit preisgeben, runden den Audiowalk ab. So weit, so unspektakulär, wäre da nicht die neckische Frauenstimme, welche den um korrektes Verhalten bemühten Sprecher immer wieder unterbricht, frech zur Missachtung seiner Anweisungen auffordert, in bewusst reisserischer Manier saftige Informationen zu der Einrichtung preisgibt und sich schliesslich gar als imaginäres Konstrukt der Männerstimme ausgibt – ein Verweis auf die bei Schizophrenie-Patienten auftretenden Halluzinationen.

Kuchen als verbindendes Element

Der Reiz dieser auditiven Führung durch die idyllische Parkanlage der Psychiatrie liegt in ihrer wiederholten spielerisch-provokanten Transgression der Realitätsebenen. Die Grenzen zwischen Krankheit und Normalität, dem «wir» und den «anderen» werden im Verlauf des Rundgangs als durchlässig entlarvt. «Psychische Erkrankungen können jeden Menschen treffen», lautet die simplizistisch anmutende, jedoch durchaus berechtigte Botschaft des Hör-Spaziergangs. Die Jurte der Mach-Bar des Kollektivs OPUS 89 bildet die Schlussstation des Audiowalks, wo schlussendlich sämtliche Fäden zusammengeführt werden. Patienten der UPK; Pflegepersonal, Theaterschaffende und Festivalbesucher statten dem kulinarischen Treffpunk auf dem Gelände der Kliniken einen Besuch ab. Allesamt vereint in der Wertschätzung des hausgemachten Kuchenbüffets.

Mehr Informationen findet ihr auf der Seite des wildwuchs Festivals.

Der nachhaltige Filmtipp – Code of Survival

«Eigentlich sollte man den besten Anzug anziehen, wenn man auf den Acker geht. Man muss Ehrfurcht vor dem Boden haben, denn er ist unsere Lebensgrundlage», sagt Bio-Bauer Franz Aunkofer im Film. Er war einer der ersten Bio-Bauern Deutschlands und erwirtschaftet inzwischen praktisch denselben Ertrag wie im konventionellen Anbau – ohne Gift und im Einklang mit der Natur. Der Alltag in der industriellen Landwirtschaft sieht anders aus. Dort bauen die Landwirte seit vielen Jahren Gentech-Pflanzen an und behandeln sie mit Glyphosat-haltigen Herbiziden wie Roundup. Die Resultate: resistentes Unkraut, das sich unkontrolliert vermehrt und harte Böden, auf denen nichts mehr wächst.

Regisseur Bertram Verhaag stellt der industriellen Landwirtschaft in den USA drei Beispiele aus Deutschland, Ägypten und Indien gegenüber. Er zeigt, wie die biologische Landwirtschaft dort aus kaputten Böden fruchtbare Äcker macht, welche hohe Qualität produzieren und die Artenvielfalt steigern. Die Formel des Überlebens – der Code of Survival – liegt in der nachhaltigen und biologischen Bewirtschaftung des Bodens, wie es Jane Goodall am Ende des Films formuliert: «Wir sollten mit der Natur zusammenarbeiten, nicht gegen sie. Nur dann können wir es schaffen, die Natur und das Land wiederherzustellen»

Dieser Film sowie weitere Filme zu diesem Thema sind auf der Filmseite Gentech + Saatgut aufgelistet.

Die DVD des Films ist hier erhältlich.

Dieser Eintrag erschien am 06.06.2017 auf dem Blog von unserem Partner Filme für die Erde.

Ein Busfahrer als «Bernmobil-Sohn»

Auch ich steige häufig in den Bus ein. Insbesondere im Winter, wenn es kalt ist und ich keine Lust habe, in der Schule halb erforen anzukommen. Mit den Busfahrern habe ich bis anhin noch nie gesprochen, zumindest in Bern nicht.

Als ich letzten Sommer in einer Kleinstadt an der Ostküste Irlands für einen Sprachaufenthalt war, benutzte ich täglich den Bus. Zur Schule gings mit dem Schulbus, in dem ich den Fahrern lediglich ein freundliches «How are you?» zurief. Am Abend benutzte ich jeweils den öffentlichen Bus. Ich bemerkte, dass die Einheimischen mit den Busfahrern immer intensive Gespräche begannen, anders als ich es von Bern kannte. Schliesslich wurden jeweils auch wir Sprachstudentinnen und Sprachstudenten in die Konversation eingebunden und diskutierten über das Wetter, über unsere Heimatländer oder über den Brexit, der damals noch ein frischer Schock für die Iren war.

Mein Gespräch mit einem Busfahrer in Bern fand nicht im Bus, sondern in der Bernmobil-Garage am Eigerplatz statt. Es war später Nachmittag und somit waren die meisten Busse auf den Strassen und Kurven Berns unterwegs. In der Garage standen einige Busse zur Reperatur bereit. Ich hatte die Gelegenheit, mit Mariano Altomonte zu sprechen. Mariano Altomonte arbeitet seit September 2012 bei Bernmobil, wo er auch seine Ausbildung gemacht hat. Er bezeichnet sich deshalb als «Bernmobil-Sohn». Die Ausbildungen für Tram, Bus und Trolley-Bus hat er bestanden und er ist jeden Tag für verschiedene Linien und an verschiedenen Uhrzeiten im Einsatz.

Weshalb es in den Berner Bussen kaum Gespräche zwischen den Busfahrern und Fahrgästen gibt, wollte ich als erstes von Mariano Altomonte wissen. Er beobachte, dass es bei diesem Thema einen Stadt-Land-Unterschied gebe: «In der Stadt steigt der Fahrgast ein, steigt aus und das war’s.» Im Aussennetz, in dem Altomonte zu Beginn arbeitete, sei es viel familiärer zu- und hergegangen. Von manchen Passagieren wisse man mit der Zeit, wer sie sind und man komme mit ihnen immer wieder ins Gespräch. In der Stadt komme das viel weniger vor. Zu Neujahr oder zum Valentinstag komme es häufig vor, dass Leute extra vorne aussteigen, kurz mit den Fahrern reden und manchmal sogar einen Schoggi als Zeichen der Dankbarkeit schenken. Das freut Altomonte jeweils ganz besonders.

Der lustigste Busfahrer-Moment für Mariano Altomonte passierte in Konolfingen, als jemand seinen vollen Migros-Wagen im Bus vergessen hatte. Ein Mitarbeiter der BLS am Bahnhof Konolfingen teilte ihm mit, dass dieser Fahrgast an einer Haltestelle auf ihn warten würde. Und tatsächlich stand der Mann an abgemachter Haltestelle zu abgemachter Uhrzeit und konnte seinen Wagen entgegennehmen. Als Dank schenkte dieser dem Busfahrer Altomonte eine Flasche Rotwein. «Das ist wirklich cool gewesen», fügte Altomonte beim Erzählen der Geschichte lachend hinzu.

Unangenehme Situationen seien vor allem auf den Verkehr zurückzuführen – zum Beispiel wenn er eine Vollbremsung machen müsse. Wenn es zu heiklen Situationen komme, etwa mit Betrunkenen, sei dies vor allem für die anderen Fahrgäste unangenehm. Für allfällige Schlichtungen seien aber nicht die Busfahrer, sondern anderes Personal zuständig.

Ich sprach den Busfahrer auf folgende Situation an, die ich schon öfter beobachtet habe oder ich gar selbst davon betroffen war: Wenn man zu spät dran ist und auf den Bus zurennt, gibt es manche Fahrer, die warten, andere fahren vorher ab. Altomonte betonte, dass dies nicht aus bösem Wille geschehe. Teilweise sei das Warten nicht möglich, insbesondere zu Stosszeiten, da zu dieser Zeit ein Bus nach dem anderen fährt und man den Fahrplan einhalten muss. Ansonsten versuche er, so oft wie möglich zu warten. Enttäuscht musste ich feststellen, dass die Busfahrer keine Wetten untereinander abschliessen, wie oft ein Busfahrer den Passagieren vor der Nase wegfährt.

Es scheint, dass für die Busfahrer trotz der Hektik immer genügend Zeit vorhanden ist, um deren Kollegen zu grüssen. Das Zeichen sei schlicht ein verbindendes Ritual, das sie vom ersten Tag an vermittelt bekämen. Von den ungefähr 600 Fahrern kennt Mariano Altomonte längst nicht alle, gegrüsst werde von ihm jedoch jeder.

Zum Schluss wollte ich noch von ihm wissen, warum er zusätzlich auch noch die Tramausbildung gemacht hat (welche er erst kurz vor unserem Interview erfolgreich absolviert hatte). Dies habe nichts damit zu tun gehabt, dass momentan immer wieder diskutiert werde, ob Bus- durch Tramlinien ersetzt werden sollen. «Ich finde es einfach gut, wenn ich die Auswahl zwischen Bus, Trolleybus und Tram habe. Tram und Bus sind zwei Paar Schuhe; man kann diese nicht vergleichen».

Mit Graffiti Freiräume schaffen

Das Wichtigste am Eingang ist die Unterschrift. Ohne einen Haftungsausschluss zu unterschreiben, kommt niemand legal aufs Gelände: Auf dem Teufelsberg mitten im Berliner Grunewald herrschen zwar eigene Regeln, doch Sicherheit muss trotzdem sein. Immerhin betreten wir hier marodes Bauwerk – original aus dem Kalten Krieg. Und dennoch geht es auf dem Teufelsberg nicht bloss um den Kult des Verlassenen, Zerfallenen und Überwucherten. Es geht auch um künstlerische und gesellschaftliche Freiheit.

Vom Trümmerberg zur Lauschstation

Den Teufelsberg gibt es erst seit dem Ende des zweiten Weltkriegs. Damals lag in der Hauptstadt jede Menge Schutt und Trümmer. Um Neuem Platz zu machen, türmte man am Rand der Stadt alles auf einen Haufen. Dieser Haufen ist jetzt 120 Meter hoch und nebst der Berliner Mauer eines der eindrücklichsten Kultur- und Zeitdenkmäler aus dem Kalten Krieg.

Lange Zeit wurde der ehemals höchste Berg Berlins durch die Alliierten als Abhörstation verwendet. Die ersten mobilen Anlagen wurden 1961 aufgefahren, ab 1963 baute man die noch heute stehenden Gebäude mitsamt den unverwechselbaren Radomen – grosse Antennenkuppeln, unter denen früher das Spionagegerät eingebaut war. Was dort oben genau gemacht wurde, weiss niemand so genau. Es ging wohl um Signalstörung und die Abhörung des sowjetischen Funkverkehrs. Vielleicht werden wir es im Jahr 2022 erfahren, wenn die Akten der Geheimdienste der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden.

Mit der deutschen Wiedervereinigung verlor man das Interesse am Abhören. Erst wurde in den Anlagen noch der zivile Luftverkehr überwacht, doch um die Jahrtausendwende wurde das ganze Gelände an private Investor*innen verkauft. Der ursprüngliche Plan, dort ein Tagungshotel, ein Spionagemuseum, Wohnungen und eine Gaststätte zu bauen, ging nicht auf. Es gab Widerstand aus der Bevölkerung und irgendwann folgten auch finanzielle Probleme. Und so stand das Gelände viele Jahre brach.

Ein Freiraum für Kunstschaffende

Es sollte bis 2010 dauern, bis sich mit Shalmon Abraham ein Pächter fand, der Besuche im mittlerweile ziemlich heruntergekommen verlassenen Ort ermöglichte. Durch die ungenutzten Jahre waren die Gebäude und die auffälligen Radome teilweise beschädigt. Noch heute ist vieles zerfetzt und zerfallen. Gleichzeitig mit dem Neustart wurde auch eine grosse Graffiti Galerie initiiert. Die hohen Räume und die vielen neu hochgezogenen Wände waren wie geschaffen für Murals und Street Art. So entwickelte sich die ehemalige Abhörstation in den letzten Jahren zu einem Freiraum der Kreativität.

 

Doch es gab auch Konflikte. Einige befürchteten, dass es mit dem verlangten Eintritt bloss ums Geld ginge. Was ehemals ein Ort der Entdeckens, der Einsamkeit und der Abenteuerlust war, drohte stattdessen im Kommerz zu versinken. Auch darum wurde Marvin Schütte – Sohn eines der Eigentümer – 2015 neuer Pächter des Teufelsbergs. Im Gegensatz zu früher sollte es nun nicht mehr um den Profit gehen. Dies entspräche auch dem Wunsch einiger aus der Bevölkerung, welche den Teufelsberg «zu einer modernen, überregionalen Austauschplattform und Denkfabrik für Kultur, Kunst, Geschichte, Technik, Natur und neue Wirtschaftsmodelle« machen möchten, wie der unabhängige Verein Initiative Kultur-DENK-MAL Berliner Teufelsberg in seinem Manifest schreibt. Trotzdem zahlen Besucher*innen auch heute noch Eintritt.

Rundgang zwischen Vergangenheit und Zukunft

Als einzigartiges historisches Kulturdenkmal hat der Teufelsberg einen grossen Wert für die allgemeine Bevölkerung. Durch die geregelte Nutzung ist es möglich, dass alle dieses Zeugnis der alliierten Besatzung erleben können. Ein blosses Denkmal der Vergangenheit ist der Teufelsberg aber trotzdem nicht. Im Gegenteil: Vieles ist hier lebendig und im Entstehen begriffen. Es gibt ein kleines Kaffeehäuschen, einen Essensstand und natürlich jede Menge zu entdecken. Im ersten Stock des Hauptgebäudes haben sich Künstler*innen in eigenen Ateliers eingerich

tet und verkaufen vor Ort ihre Werke. Nicht zuletzt zeigen die über 300 Graffiti und Kunstinstallationen wie unglaublich vielseitig und aktiv dieser Ort ist.

Natürlich gibt es auch solche, für die der Teufelsberg ein Schandfleck ist. Die ausgefallene Street Art gefällt nicht jedem und jeder. Und noch immer sind die Zeichen des Zerfalls und der jahrelangen Vernachlässigung zu sehen. Vieles ist wohl für immer zerstört. Doch vielleicht ist gerade das der grosse Reiz dieses Ortes, wo man die dicke Luft des Kalten Krieges förmlich einatmen kann.

Nächster Halt: 3 Stunden Verspätung.

9:12 Uhr: ich steige in den Bus. Heute werden Jacqueline und ich Tink.ch an der Universität Basel vorstellen. Ich freue mich, neue Schreiberlinge für unser Magazin zu gewinnen. Von Neuchâtel nach Biel, von Biel nach Basel: das ist der kinderleichte Plan. Voraussichtliche Ankunft: 10:53 Uhr. Dass ich erst um 13:55 Uhr ankommen würde, ahne ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Noch weniger ahne ich, dass dies ein faszinierendes, aber anstrengendes Abenteuer werden würde.

Wir bleiben stehen

Wie so mancher homo technologicus wische ich auf meinem Smartphone herum, so ganz geistig anwesend bin ich nicht, erst nach einer Weile merke ich, dass wir auffällig lange an diesem Bahnhof stehen. Laufen – der Name dieser Ortschaft ist so passend, dass er Teil eines Drehbuches zu sein scheint. «Problem mit den Sicherheitsanlagen in Grellingen», ertönt es vom Lautsprecher. Wir müssen aussteigen, der Zug kann nicht weiterfahren und wir müssen am Bahnhof auf weitere Informationen warten. Leute mit grossen Koffern, junge und alte Menschen, Kinder: dieses Gleis 2 ist wohl nie so dicht besiedelt gewesen wie heute. Die Ersten tippen wild auf ihrem Smartphone herum, einige telefonieren, ziemlich viele ziehen nervös an ihrer Zigarette. Die S3 nach Olten fällt aus. Unsere nächste Möglichkeit, nach Basel zu kommen, ist eine halbe Stunde später. Erst um 11:50 Uhr werde ich da sein, ich werde die erste Präsentation von Tink.ch verpassen. Schade, aber zum Glück haben wir geplant, eine zweite um 14:15 Uhr zu halten.

Mit einem Sandwich in der Hand laufe ich zurück an den Bahnhof, auf dem Gleis 4 steht bereits unser Zug. Die S3 ist klein und die Leute sind viele, das Gepäck der Passagiere, die wahrscheinlich an den Flughafen gehen, ist sperrig. Wir steigen ein, ich setze mich hin, der Zug fährt ab. «Was machst du denn hier?» – «Mein Zug ist ausgefallen, ich muss nach Basel» – «Ah, deshalb ist der Zug so voll!». Die Leute sind entspannt, erzählen einander von ihrem Tag und ihren Plänen.

Fahren oder Laufen?

«Ja hallo, entschuldigen Sie bitte, ich werde verspätet sein, der Zug ist ausgefallen», sie spricht mit einem accent francophone. Es wird ruhig: Zwingen, schon eine Weile stehen wir an diesem Bahnhof, ohne informiert zu werden, was geschehen ist. Die Stimme des Lokomotivführers ertönt, er entschuldigt sich, die Störung hält an, voraussichtlich werden wir ein paar Minuten verspätet sein. Er scheint nervös, die Situation scheint ihm hörbar unbequem zu sein. Aus ein paar Minuten wird «unbestimmte Zeit» und dann: wir müssen nach Laufen zurückfahren, da werden Ersatzbusse zur Verfügung stehen. Gelächter bricht aus, Gefluche ertönt. Ich übersetze meiner Sitznachbarin die Durchsage. Heute ist ihr Probetag für einen neuen Job, jetzt bereut sie es, nicht mit dem Auto gefahren zu sein.

Die Masse bewegt sich Richtung Busbahnhof fort, zu den bisherigen Passagieren kommen nun neue Ankömmlinge hinzu. Es werden immer mehr und die beiden Busse, die gerade anfahren, sind auch im Nu schon vollgestopft. Ein alter Mann mit Gehstöcken versucht einzusteigen, erst nachdem ich schimpfe, machen die Leute ihm Platz. Seine Frau versucht verzweifelt einzusteigen, sie schleppt zwei grosse Koffer. Ich mache ihr Platz, «Ich habe Zeit». Wie so viele stehe ich nun wieder in der warmen Sonne, die irgendwie die Stimmung trotz allem zu erhellen scheint.

Über den Röstigraben und fehlende Informationen

«On fait 5 kilomètres et on ne comprend déjà plus rien». Diese Dame ist nicht die Einzige, die sich zu beschweren scheint, dass die Durchsagen alle auf Deutsch waren. Eine zweite, ältere Dame erklärt mir, dass sie lange nicht verstand, was geschehen sei. Ein erstaunliches Vorgehen auf einer zweisprachigen Strecke, doch was mich zunehmend beeindruckt, ist, dass die Leute so ruhig und zivilisiert zu bleiben scheinen.

Ich warte. 10 Minuten, 30 Minuten. Nach ungefähr 50 Minuten ist der nächste Bus da, ich schaffe es rein. Dass die SBB jedoch keinen Plan hat, um Leuten, die schon länger warten, den Vortritt zu lassen und sicherzustellen, dass ältere Menschen und Kinder sicher reisen können, schockiert mich. So zusammengepfercht zu reisen, hat jedoch einen Vorteil: es ist fast unmöglich, in einer Kurve umzufallen. Die Fahrgäste im Bus nehmen es mit Humor. Ob jedoch diejenigen, die an den Haltestellen zwischen Laufen und dem Terminal stehen und auch in diesen Bus nicht einsteigen können, es noch mit Humor nehmen, ist unklar.

Auch der dritte Bahnersatzbus zwischen Laufen und Aesch (BL) ist überladen.

 

Am Bahnhof Aesch erscheinen die Wartenden wie eine überzählige Reisegruppe. Keine Durchsage ertönt, man ist auf sich gestellt und merkt früher oder später, dass man auf das andere Gleis muss, wenn man – wie ich zum Beispiel – nicht sieht, dass eine Zugangestellte zwischen den Leuten steht. Natürlich ist auch dieser Zug voll, natürlich müssen etliche ältere Menschen stehen und dass schon wieder nur mir und meiner Sitznachbarin in den Sinn kommt, dass man ihnen Platz machen kann, bringt mich erneut zum Kopfschütteln.

Eine überzählige Reisegruppe? Die Zugpassagiere warten auf den Ersatzbus in Aesch (BL).

 

Ein Abenteuer geht zu Ende

13:55 Uhr. Ich habe es geschafft, ich bin in Basel. Ich werde es heute noch schaffen, Tink.ch vorzustellen. Und wenigstens hat mein Abenteuer es mir erlaubt, Sonne zu tanken. Unser gemeinsames Leiden hat uns Reisende nähergebracht, ein Schwätzchen hier und da ist der positive Nebeneffekt einer aussergewöhnlichen Situation. Ich gehöre zu den über 400’000 Schweizer*innen, die ein Generalabonnement haben und von Jahr zu Jahr zahle ich mehr dafür. Diesen Luxus gönne ich mir gerne, Zugfahren ist mir wichtig, doch hat es die SBB an diesem Mittwoch geschafft, meine südamerikanischen, chaotischen Reiseerfahrungen zu übertreffen. Irgendwie habe ich es genossen, meine Mitmenschen zu beobachten und Gelassenheit zu üben. Doch dann denke ich an die junge Frau, die ihren Probetag hatte, an die älteren Menschen, die so reisen mussten und an die Leute, die wahrscheinlich ihren Flug verpasst haben und denke mir: wär’s wirklich nicht anders gegangen?

«Dr SCB isch dr geilscht Club»

Er wartet schon, an diesem Mittwochmittag, in einem Café in Bern, notabene zwei Tage nachdem sich der SCB in Zug zum zweiten Mal in Folge zum Eishockey Schweizer Meister küren lassen konnte. Von seinem Gipfeli ist schon fast nichts mehr übrig. «Tinu», stellt er sich vor. Martin Megert, wie er mit bürgerlichem Namen heisst, ist Informatiker. Neben seinem Beruf gibt es eine grosse Konstante in seinem Leben. Sie heisst SCB. Ich setzte mich ihm gegenüber hin. Wie sich herausstellt, ist Tinu genau wie ich in Burgdorf aufgewachsen. Während mich mein Vater an meinen ersten Match nach Langnau mitnahm, ging es für Tinu in die andere Richtung, nach Bern.

Das war der Beginn einer grossen Liebe. Heute ist der 56-Jährige der wahrscheinlich grösste SCB-Fan und ziemlich sicher auch der Bekannteste. Er ist Betreiber der Facebook-Seite «Hardboiled SCB», welche mittlerweile über 8000 Fans zählt. Auf dieser veröffentlicht er an jedem Spieltag spätestens eine Stunde nach dem Schlusspfiff einen Matchbericht, in dem er sich unzensiert seine Emotionen vom Leib schreibt. Diese Emotionen hat er nun auch in Buchform niedergeschrieben: «111 Gründe, den SCB zu lieben», heisst das gute Stück. Auch wenn sich Tinu für das Buch etwas zurückhalten musste, was die Sprache anging, ist sein Schreibstil deutlich erkennbar. «Ich bin wahnsinnig stolz auf das Buch, und auch auf mich», erzählt Tinu.

Seitenhiebe für Fribourg-Gottéron

«Der wichtigste Grund, den SCB zu lieben, ist ganz einfach: Der SCB ist ein geiler Club», sagt Tinu. Diesen einen, alles überspannenden Grund habe er dann, «wie ein Forensiker», aufgespalten in 111 Gründe. Drei Monate habe er jede Nacht daran geschrieben, immer mit der Deadline im Nacken. Er sei froh, dass er das Buch nicht während der Eishockeysaison schreiben musste, schmunzelt er. «Zusammen mit einem 100%-Job bin ich schon an meine Grenzen gekommen».

Das Buch ist eine Liebeserklärung an den SCB. Nicht immer sehr objektiv geschrieben, doch ausnahmslos ehrlich, interessant und auch lehrreich. Was auffällt: Gefühlt auf jeder zweiten Seite ist ein Seitenhieb gegen Fribourg-Gottéron versteckt. Diesen Club kann Tinu nicht ausstehen. «Weil es den HC Fribourg-Gottéron gibt», ist sogar der 39. Grund, den SCB zu lieben. Tinu erklärt, dass die Fribourger Fans «ekligi Cheibe» seien. Seine Erinnerungen an Fribourg seien nicht die besten, gibt er zu. Doch man könne sie auch nicht wirklich ernstnehmen, die chronisch erfolglosen Zähringer, die als einen der grössten Erfolge der Vereinsgeschichte den Vize Schweizer-Meister-Titel angeben, führt er weiter aus. Da seien ja sogar die Langnauer erfolgreicher – einen Titel gab es für die Langnauer 1976 zu feiern.

Der SCB als Kontaktbörse

Selbst der eingefleischteste SCB-Fan wird bei der Lektüre einige neue Dinge über seinen Lieblingsclub lernen. Etwa, dass die Band Europe extra für den SC Bern eine Ausnahme machte und ihren Hit «The Final Countdown», welcher nach jedem Berner Tor erklingt, zur Einweihung des neuen Stadions 2009 live spielte. Denn seit ihrem Comeback im Jahre 2004 weigerten sie sich standhaft, ihren grössten Hit live zu spielen. Auch Privates findet im Buch Platz: Martin Megert hat seine Frau an einem SCB-Spiel kennengelernt. Auch Randgeschichten von Spielern, Trainern und Schiedsrichtern finden in Tinus Werk Platz. In über 40 Jahren als SCB-Fan hat er vieles erlebt und kann so aus dem Nähkästchen plaudern. Die Liebe und Leidenschaft für den SCB ist in jeder Zeile spürbar.

Der Meisterfeier im Berner Stadion am Ostermontag blieb Tinu übrigens fern. «Bisher haben sie noch immer verloren, wenn ich an ein Public Viewing gegangen bin», so Tinu. Auch als der Titel im Trockenen war, blieb er zuhause: «Das war für mich ein schöner Abschluss der Saison». Er sei halt nicht mehr der Jüngste. Doch den Umzug durch die Berner Altstadt und die Feier auf dem Bundesplatz liess er sich nicht entgehen. «Das ist Ehrensache», meint der wohl grösste SCB-Fan, bevor er sich verabschieden muss. Er werde jetzt den Sommer geniessen.

Taktlos in Zürich

«Wann haben Sie das letzte Mal etwas zum ersten Mal gehört?», dieses Motto hat Taktlos des Ensembles Collegium Novum ausgeliehen und zu seinem gemacht. Beim Festival geht es um Musik, die fast niemand kennt und viele entdecken wollen. Die nächsten vier Tage kommen MusikerInnen aus 17 Ländern in der Roten Fabrik in Zürich zusammen, um ihre Stücke zu präsentieren. Einiges wird schräg, neu und alles bestimmt anders sein, denn genau um das geht es bei Taktlos: um Musik, die Neues wagt.

Heute Abend spielt die slowenische Komponistin Kaja Draksler mit ihrem Oktett die ersten Töne. Die multinationale Gruppe übt in Amsterdam, wo erfolgreich für Kulturförderung gekämpft wird und experimentelle Projekte unterstützt werden. In ihrem Stück «Canto XII» erklingen zu zeitgenössischer Musik Texte des chilenischen Dichters Pablo Neruda. Die acht MusikerInnen teilen sich einen klassischen-jazzigen Hintergrund und spielen mutig mit unkonventionellen Formen. Der Donnerstag wird von Amok Amor in die Dunkelheit begleitet, virtuosen Jazz, lebendige Sechziger und Furchtlosigkeit treiben die vier Männer voran.

Dieses Jahr wird es auch neben der Musik Neuheiten geben. Fredi Bosshard, der Taktlos im Jahre 1984 mit dem Verein Jazzfabrik mitgegründet hat und seit daher jedes Jahr organisiert, gibt das Projekt in neue Hände. Er ist nun 68 Jahre alt und denkt, dass dem Festival ein frischer Wind bestimmt guttun wird. Ab 2018 wird der neue, junge Verein Taktlos das Festival leiten. Fredi Bosshard hat keine Angst vor Veränderungen, im Gegenteil: «Ich hoffe schwer, dass sie neue Ideen, neue Musik und ihren Groove mitbringen.» Das Festival müsse ja ihrem Zeitgeist entsprechen. Als Bosshard das Festival in den 80er Jahren gegründet hat, war Zürich in Aufbruchstimmung, die Jugend hat für ihren Platz gekämpft. Die Musikszene war klein: «Wir haben die ersten Konzerte in der Roten Fabrik organisiert, daneben gab es noch den Plattenladen recrec und das Radio Lora. Das war’s.» Heute sei Zürich eine ganz andere Stadt mit vielen gut Ausgebildeten MusikerInnen und wahnsinnig vielen Angeboten. Und so meint Bosshard, «ist das Festival schon noch von unserer Zeit etwas geprägt». Das dürfe sich heute gerne ändern. Die Gegenwart hat wieder andere Geschichten zu erzählen.

Fredi Bosshard hat einige Kontakte in Deutschland und reist regelmässig an verschiedenste Festivals. Dort entdeckt er spannende Bands und fragt sie für Taktlos an. Wichtig ist den OrganisatorInnen so einiges, und sie halten sich streng an ihre Prinzipien: «Fünf von zehn Bands wurden von Frauen initiiert», das war Bosshard schon von Beginn ein Anliegen. Zudem möchten sie den MusikerInnen faire Löhne bezahlen, ihnen einen anständigen Rahmen bieten und das könnten sie, dank den Subventionen der Stadt Zürich. Damit würden auch überrissene Eintrittspreise vermieden. «Das mussten wir uns alles erarbeiten, mussten der Stadt beweisen, dass wir wirklich etwas Richtiges machen wollen.» In den Anfängen haben sie noch Sandwiches verkauft und wenn wenig Publikum kam, «mussten wir eine Woche nach dem Festival noch Sandwiches essen.» Nur so hätten sie gelernt, wie es funktioniert. Zudem haben sie starke Beziehungen mit der Roten Fabrik gepflegt, sich auch gegenseitig unterstützt. Genau deshalb will Bosshard dem neuen Verein Taktlos auch alle Freiheiten lassen.

Am Freitag geht es mit dem Lisa Ullén Quartett zärtlich weiter. Die Norwegerin Lisa Ullén improvisierte schon während ihres Pianostudiums mit den Innereien des Klaviers. Um 22.30 Uhr wird es dann mit dem Hedvi Mollestad Trio richtig laut. Die Band vermischt Jazz, Rock und Metal mit allem, was ihnen sonst noch in den Sinn kommt. Auch am Samstag wird ein spannendes Programm erwartet. Die Altsaxofonistin Julie Kjaer lebt seit einigen Jahren in London und hat dort mit zwei 80er-Jahre-Musikern ein Trio gegründet. Die drei sind in der «Powerhouse-Rhytmusszene» in London erfolgreich und spielen am Samstag um 20 Uhr in der Roten Fabrik. Kjaer reist danach alleine nach Japan weiter.

Fredi Bosshards «Perle» können wir am Sonntag um 17 Uhr bestaunen. Flury und die Nachgeborenen sind neun MusikerInnen, die alle aus einem anderen Bereich kommen. Da vermischen sich etwa zwei Sängerinnen, ein DJ, ein Pianist und zwei Perkussionisten und stellen den Jazz auf den Kopf. Aber das ist gut so, mein Fredi Bosshard: «wir wollen gerne aus dem Rahmen fallen.»

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YB lässt seine Fans träumen

Foto: Thomas Hodel

Viele Zweikämpfe

Die erste Halbzeit war geprägt von vielen hart geführten Zweikämpfen und zwei stark aufspielenden Abwehrketten. Nur selten konnten die Offensivspieler beider Mannschaften in eine gefährliche Position gebracht werden.

Weder Steffen beim FCB, noch Sulejmani konnten ihre Freiheiten ausnützen und so war das logische Halbzeitresultat 0-0.

Einzelleistungen entscheiden das Spiel

Das Heimteam kam stärker aus der Kabine und spielte mit viel Druck nach vorne. In der 58. Minute passte der stark aufspielende YB-Verteidiger Benito auf Yoric Ravet. Dieser lässt mit seinem Dribbling Luca Zuffi alt aussehen und schlenzt den Ball herrlich an Vaclik vorbei ins Tor. Das ausverkaufte Stade de Suisse stand kopf. Keine Minute später hatte Sulejmani das nächste Tor auf dem Fuss, doch er verzog kläglich.

In der 80. Minute besiegte Sulejmani schliesslich endgültig das FCB. Einen Freistoss aus rund 25 Metern versenkte er nahezu perfekt ins Tor.

YB-Debütant Christian Fassnacht war nach dem Spiel zufrieden: «Es ist natürlich toll, gegen den Meister zu gewinnen, aber das war bloss das erste Spiel und jetzt kommt Dynamo Kiew, dies ist noch ein härterer Brocken. Nach der zweiten Halbzeit von heute dürfen wir jedoch zuversichtlich sein.»

Gurtenfestival: Lo & Leduc besiegen Züri West

Für die Veranstalter hat sich das Festival auf jeden Fall gelohnt: Alle vier Tage des 34. Gurtenfestival waren ausverkauft. 61 Live-Acts und 63 DJs bespielten bei gutem Wetter den Berner Hausberg. Darunter auch Züri West.

Jüngeres Publikum

Diese gehören zum Gurtenfestival wie die Gurtenbahn. Auch bei ihrem diesjährigen Auftritt vor Heimpublikum war die Hauptbühne voll mit musikbegeisterten Besuchern. Wer sich in der Menge umsah, konnte sehen, dass die Masse sich auf die Berner Stammgäste freuten. Als die bekannten, älteren Lieder angespielt wurden, stimmten alle mit ein. Trotzdem konnte man eine gewisse Verhaltenheit ausmachen, welche die Gurtengänger zu bremsen schien. Um für mehr als eine Stunde zu überzeugen, dafür war der Auftritt zu wenig inspiriert. Er wirkte gewohnt, ja, routiniert.

Ein Grund für die fehlende Euphorie dürfte das Alter der Festivalbesucher sein. Die Zuhörer der neuen Alben von Züri West sind wohl eher älter als der Altersdurchschnitt der insgesamt 80’000 Festivalbesucher auf dem Berner Hausberg. Ganz anders bei Lo & Leduc: Die beiden Rapper sind ebenfalls in Bern aufgewachsen und ihr Auftritt war ein Genuss. Die grossartige Stimmung trug klar dazu bei. Sie erzeugten eine starke Dynamik und trieben die Zuschauer an. Das Publikum erklärte sie klar zum Sieger der beiden Berner Gruppen.

Antikaptialisten und einhändige Saxophonisten

Auch die bekannten zweisprachigen Antikapitalisten Irie Revolté wussten, wie man Stimmung erzeugt. Als am Freitagnachmittag die Hauptbühne noch halb leer war, halfen sie den schwächenden Festivalgängern, sich den Kater aus den Knochen zu schütteln. Immer wieder forderten sie die Leute erfolgreich zum Mitmachen auf. Auch wenn der Antifa-Auftritt mit linken Parolen etwas komisch auf einem sehr kommerziell ausgerichteten Festival wirkt, so überzeugten sie doch mit einem kurzen, aber kraftvollen Auftritt. Bei ihrem letzten Lied trat die ganze Band nach vorne und sang ohne Instrumente mehrstimmig «Merci». Das dürfte bei vielen Besuchern für einen Gänsehaut-Moment gesorgt haben.

Die vielseitige Bläserband der Lucky Chops konnte mit erfrischender Musik die Leute bei Laune halten. Mit vielen Soli- und einfallsreichen Showeinlagen gewannen sie die Herzen der Zeltbühnenbesucher. Als der Saxophonist mit einer Hand spielte und mit der anderen das Publikum zum Mitmachen einlud, wurde der Applaus hörbar lauter. Ein rundum gelungener Auftritt der New Yorker.

Die Gurtengänger zeigten sich sowieso von ihrer besten Seite: Die Security-Firma verzeichnete keinen grossen Zwischenfälle. Man darf sich schon auf nächsten Sommer freuen, wenn der Güsche erneut erbebt.

Gesund und krank spazieren Hand in Hand

In gut sichtbaren Lettern prangt auf den violett getönten Plakaten des wildwuchs Theaterfestivals das Leitmotiv der achten Ausgabe: «Wir sind viele.» Doch welche Personengruppe versteckt sich hinter dem Personalpronomen «wir»? Impliziert der Begriff des «wir» nicht immer auch die Existenz eines «anderen», welches ausserhalb des «wir» angesiedelt ist und systematisch ausgegrenzt wird? Und nach welchen Regeln wird die Zughörigkeit zu einer der beiden Gruppierungen überhaupt determiniert? Tatsächlich bildete die Frage nach der Definition von Innen und Aussen den thematischen Schwerpunkt des diesjährigen Festivals, als dessen Gastspielort neben der Kaserne und dem ROXY Birsfelden die Universitären Psychiatrischen Kliniken (UPK) dienten. Fragen der Inklusion von Menschen mit körperlicher und psychischer Beeinträchtigung sowie der gesellschaftlichen und kulturellen Heterogenität wurden während den beiden ersten Juni-Wochen in unterschiedlichen theatralen Formaten aufgegriffen.

Vertrauensgestus

Mit einem vertrauten Menschen Hand in Hand müssig durch das Stadtzentrum zu flanieren bedarf kaum grosser Überwindung. Sich jedoch einem völlig fremden Menschen anzuvertrauen, von diesem an der Hand genommen und durch die Stadt geführt zu werden schon. Händchenhalten ist eine intime Geste, die von gegenseitigem Vertrauen zeugt und zwischen zwei Menschen eine körperliche und emotionale Brücke herzustellen vermag. Das Projekt «Walking:Holding» der britischen Performance-Künstlerin Rosana Cade greift diesen Aspekt auf und erweitert ihn um ein zusätzliches Irritationsmoment: Die Begleitung ist eine völlig unbekannte Person, eine der «anderen». Es versteht sich als ein experimenteller Spaziergang, bei dem die Teilnehmer an der Hand von eigens für den jeweiligen Durchführungsort gecasteten «Handhaltern» aller Altersstufen, sozialen Gruppen und geschlechtlicher Ausprägungen durch die belebteren Basler Stadtteile schlendern.

Handhalter erzählen

Den Teilnehmern bieten sich verschiedene Möglichkeiten, um auf die befremdlich wirkende Situation zu reagieren. Die Verfasserin des Artikels entscheidet sich für den kommunikativen Austausch mit den insgesamt sieben Darstellern, welche sie im Verlauf von einer Stunde etappenweise über die Mittlere Brücke, in die Freie Strasse und zur Münsterplattform gelotst haben. Und erfährt dabei zum Teil auch sehr persönliche Anekdoten: Dass das Theaterspiel ihre Leidenschaft sei, erzählt die Schülerin mit den verheilten Ritznarben an den Armen. Dass er die kulturelle Vielfalt von Basel schätze, meint der Theater- und Filmschaffende aus Mali. Dass die Kommunikation mit englischsprachigen Teilnehmern für ihn schwierig sei, gesteht der ältere Herr mit dem Armstumpf. Dass die Paarbildung dunkelhäutiger Mann mit hellhäutiger Frau meist mehr Blicke auf sich ziehe, stellt die Frau mittleren Alters fest.

Gemischte Gefühle

Im Gespräch vergehen die 60 Minuten wie im Flug, die irritierten oder missbilligenden Blicke des Umfelds lassen sich ebenfalls leichter ausblenden. Eine grundlegende Veränderung der eigenen Wahrnehmung brachte dieses Erlebnis für die Verfasserin jedoch nicht mit sich. Das Stück hinterlässt als Plädoyer für mehr Akzeptanz gemischte Gefühle, konfrontiert es die Teilnehmer zwar mit den eigenen Vorurteilen, dies jedoch nur während kurzer Zeit und im Rahmen einer durch und durch künstlichen Situation. Es bleibt jedenfalls zweifelhaft, ob die Teilnehmer des Spaziergangs sich die Aufforderung des Programmtextes, öfter mal Hand in Hand mit jemandem spazieren zu gehen auch zu Herzen nehmen werden.

Spaziergang mit Stimmen im Ohr

Als eher konventioneller Hör-Spaziergang mit Kopfhörer präsentiert sich hingegen das Stück «Dazwischenland» des Kollektivs Firma für Zwischenbereiche. Eine souverän klingende glatte Männerstimme lotst die zeitlich versetzt startenden Teilnehmer unter häufiger Betonung, sich respektvoll zu verhalten über das weitläufige Gelände der im Basler Niemandsland kurz vor der französischen Grenze angesiedelten UPK und liefert dabei einen kurzen Abriss der Geschichte der Institution. Regelmässige dumpfe Schläge geben im Sinne eines akustischen Herzschrittmachers das ideale Schritttempo vor. Eingestreute Interviewfragmente, in denen Patientinnen und Patienten Details aus ihrer Lebensrealität und ihrem Umgang mit der Krankheit preisgeben, runden den Audiowalk ab. So weit, so unspektakulär, wäre da nicht die neckische Frauenstimme, welche den um korrektes Verhalten bemühten Sprecher immer wieder unterbricht, frech zur Missachtung seiner Anweisungen auffordert, in bewusst reisserischer Manier saftige Informationen zu der Einrichtung preisgibt und sich schliesslich gar als imaginäres Konstrukt der Männerstimme ausgibt – ein Verweis auf die bei Schizophrenie-Patienten auftretenden Halluzinationen.

Kuchen als verbindendes Element

Der Reiz dieser auditiven Führung durch die idyllische Parkanlage der Psychiatrie liegt in ihrer wiederholten spielerisch-provokanten Transgression der Realitätsebenen. Die Grenzen zwischen Krankheit und Normalität, dem «wir» und den «anderen» werden im Verlauf des Rundgangs als durchlässig entlarvt. «Psychische Erkrankungen können jeden Menschen treffen», lautet die simplizistisch anmutende, jedoch durchaus berechtigte Botschaft des Hör-Spaziergangs. Die Jurte der Mach-Bar des Kollektivs OPUS 89 bildet die Schlussstation des Audiowalks, wo schlussendlich sämtliche Fäden zusammengeführt werden. Patienten der UPK; Pflegepersonal, Theaterschaffende und Festivalbesucher statten dem kulinarischen Treffpunk auf dem Gelände der Kliniken einen Besuch ab. Allesamt vereint in der Wertschätzung des hausgemachten Kuchenbüffets.

Mehr Informationen findet ihr auf der Seite des wildwuchs Festivals.

Der nachhaltige Filmtipp – Code of Survival

«Eigentlich sollte man den besten Anzug anziehen, wenn man auf den Acker geht. Man muss Ehrfurcht vor dem Boden haben, denn er ist unsere Lebensgrundlage», sagt Bio-Bauer Franz Aunkofer im Film. Er war einer der ersten Bio-Bauern Deutschlands und erwirtschaftet inzwischen praktisch denselben Ertrag wie im konventionellen Anbau – ohne Gift und im Einklang mit der Natur. Der Alltag in der industriellen Landwirtschaft sieht anders aus. Dort bauen die Landwirte seit vielen Jahren Gentech-Pflanzen an und behandeln sie mit Glyphosat-haltigen Herbiziden wie Roundup. Die Resultate: resistentes Unkraut, das sich unkontrolliert vermehrt und harte Böden, auf denen nichts mehr wächst.

Regisseur Bertram Verhaag stellt der industriellen Landwirtschaft in den USA drei Beispiele aus Deutschland, Ägypten und Indien gegenüber. Er zeigt, wie die biologische Landwirtschaft dort aus kaputten Böden fruchtbare Äcker macht, welche hohe Qualität produzieren und die Artenvielfalt steigern. Die Formel des Überlebens – der Code of Survival – liegt in der nachhaltigen und biologischen Bewirtschaftung des Bodens, wie es Jane Goodall am Ende des Films formuliert: «Wir sollten mit der Natur zusammenarbeiten, nicht gegen sie. Nur dann können wir es schaffen, die Natur und das Land wiederherzustellen»

Dieser Film sowie weitere Filme zu diesem Thema sind auf der Filmseite Gentech + Saatgut aufgelistet.

Die DVD des Films ist hier erhältlich.

Dieser Eintrag erschien am 06.06.2017 auf dem Blog von unserem Partner Filme für die Erde.

Ein Busfahrer als «Bernmobil-Sohn»

Auch ich steige häufig in den Bus ein. Insbesondere im Winter, wenn es kalt ist und ich keine Lust habe, in der Schule halb erforen anzukommen. Mit den Busfahrern habe ich bis anhin noch nie gesprochen, zumindest in Bern nicht.

Als ich letzten Sommer in einer Kleinstadt an der Ostküste Irlands für einen Sprachaufenthalt war, benutzte ich täglich den Bus. Zur Schule gings mit dem Schulbus, in dem ich den Fahrern lediglich ein freundliches «How are you?» zurief. Am Abend benutzte ich jeweils den öffentlichen Bus. Ich bemerkte, dass die Einheimischen mit den Busfahrern immer intensive Gespräche begannen, anders als ich es von Bern kannte. Schliesslich wurden jeweils auch wir Sprachstudentinnen und Sprachstudenten in die Konversation eingebunden und diskutierten über das Wetter, über unsere Heimatländer oder über den Brexit, der damals noch ein frischer Schock für die Iren war.

Mein Gespräch mit einem Busfahrer in Bern fand nicht im Bus, sondern in der Bernmobil-Garage am Eigerplatz statt. Es war später Nachmittag und somit waren die meisten Busse auf den Strassen und Kurven Berns unterwegs. In der Garage standen einige Busse zur Reperatur bereit. Ich hatte die Gelegenheit, mit Mariano Altomonte zu sprechen. Mariano Altomonte arbeitet seit September 2012 bei Bernmobil, wo er auch seine Ausbildung gemacht hat. Er bezeichnet sich deshalb als «Bernmobil-Sohn». Die Ausbildungen für Tram, Bus und Trolley-Bus hat er bestanden und er ist jeden Tag für verschiedene Linien und an verschiedenen Uhrzeiten im Einsatz.

Weshalb es in den Berner Bussen kaum Gespräche zwischen den Busfahrern und Fahrgästen gibt, wollte ich als erstes von Mariano Altomonte wissen. Er beobachte, dass es bei diesem Thema einen Stadt-Land-Unterschied gebe: «In der Stadt steigt der Fahrgast ein, steigt aus und das war’s.» Im Aussennetz, in dem Altomonte zu Beginn arbeitete, sei es viel familiärer zu- und hergegangen. Von manchen Passagieren wisse man mit der Zeit, wer sie sind und man komme mit ihnen immer wieder ins Gespräch. In der Stadt komme das viel weniger vor. Zu Neujahr oder zum Valentinstag komme es häufig vor, dass Leute extra vorne aussteigen, kurz mit den Fahrern reden und manchmal sogar einen Schoggi als Zeichen der Dankbarkeit schenken. Das freut Altomonte jeweils ganz besonders.

Der lustigste Busfahrer-Moment für Mariano Altomonte passierte in Konolfingen, als jemand seinen vollen Migros-Wagen im Bus vergessen hatte. Ein Mitarbeiter der BLS am Bahnhof Konolfingen teilte ihm mit, dass dieser Fahrgast an einer Haltestelle auf ihn warten würde. Und tatsächlich stand der Mann an abgemachter Haltestelle zu abgemachter Uhrzeit und konnte seinen Wagen entgegennehmen. Als Dank schenkte dieser dem Busfahrer Altomonte eine Flasche Rotwein. «Das ist wirklich cool gewesen», fügte Altomonte beim Erzählen der Geschichte lachend hinzu.

Unangenehme Situationen seien vor allem auf den Verkehr zurückzuführen – zum Beispiel wenn er eine Vollbremsung machen müsse. Wenn es zu heiklen Situationen komme, etwa mit Betrunkenen, sei dies vor allem für die anderen Fahrgäste unangenehm. Für allfällige Schlichtungen seien aber nicht die Busfahrer, sondern anderes Personal zuständig.

Ich sprach den Busfahrer auf folgende Situation an, die ich schon öfter beobachtet habe oder ich gar selbst davon betroffen war: Wenn man zu spät dran ist und auf den Bus zurennt, gibt es manche Fahrer, die warten, andere fahren vorher ab. Altomonte betonte, dass dies nicht aus bösem Wille geschehe. Teilweise sei das Warten nicht möglich, insbesondere zu Stosszeiten, da zu dieser Zeit ein Bus nach dem anderen fährt und man den Fahrplan einhalten muss. Ansonsten versuche er, so oft wie möglich zu warten. Enttäuscht musste ich feststellen, dass die Busfahrer keine Wetten untereinander abschliessen, wie oft ein Busfahrer den Passagieren vor der Nase wegfährt.

Es scheint, dass für die Busfahrer trotz der Hektik immer genügend Zeit vorhanden ist, um deren Kollegen zu grüssen. Das Zeichen sei schlicht ein verbindendes Ritual, das sie vom ersten Tag an vermittelt bekämen. Von den ungefähr 600 Fahrern kennt Mariano Altomonte längst nicht alle, gegrüsst werde von ihm jedoch jeder.

Zum Schluss wollte ich noch von ihm wissen, warum er zusätzlich auch noch die Tramausbildung gemacht hat (welche er erst kurz vor unserem Interview erfolgreich absolviert hatte). Dies habe nichts damit zu tun gehabt, dass momentan immer wieder diskutiert werde, ob Bus- durch Tramlinien ersetzt werden sollen. «Ich finde es einfach gut, wenn ich die Auswahl zwischen Bus, Trolleybus und Tram habe. Tram und Bus sind zwei Paar Schuhe; man kann diese nicht vergleichen».

Mit Graffiti Freiräume schaffen

Das Wichtigste am Eingang ist die Unterschrift. Ohne einen Haftungsausschluss zu unterschreiben, kommt niemand legal aufs Gelände: Auf dem Teufelsberg mitten im Berliner Grunewald herrschen zwar eigene Regeln, doch Sicherheit muss trotzdem sein. Immerhin betreten wir hier marodes Bauwerk – original aus dem Kalten Krieg. Und dennoch geht es auf dem Teufelsberg nicht bloss um den Kult des Verlassenen, Zerfallenen und Überwucherten. Es geht auch um künstlerische und gesellschaftliche Freiheit.

Vom Trümmerberg zur Lauschstation

Den Teufelsberg gibt es erst seit dem Ende des zweiten Weltkriegs. Damals lag in der Hauptstadt jede Menge Schutt und Trümmer. Um Neuem Platz zu machen, türmte man am Rand der Stadt alles auf einen Haufen. Dieser Haufen ist jetzt 120 Meter hoch und nebst der Berliner Mauer eines der eindrücklichsten Kultur- und Zeitdenkmäler aus dem Kalten Krieg.

Lange Zeit wurde der ehemals höchste Berg Berlins durch die Alliierten als Abhörstation verwendet. Die ersten mobilen Anlagen wurden 1961 aufgefahren, ab 1963 baute man die noch heute stehenden Gebäude mitsamt den unverwechselbaren Radomen – grosse Antennenkuppeln, unter denen früher das Spionagegerät eingebaut war. Was dort oben genau gemacht wurde, weiss niemand so genau. Es ging wohl um Signalstörung und die Abhörung des sowjetischen Funkverkehrs. Vielleicht werden wir es im Jahr 2022 erfahren, wenn die Akten der Geheimdienste der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden.

Mit der deutschen Wiedervereinigung verlor man das Interesse am Abhören. Erst wurde in den Anlagen noch der zivile Luftverkehr überwacht, doch um die Jahrtausendwende wurde das ganze Gelände an private Investor*innen verkauft. Der ursprüngliche Plan, dort ein Tagungshotel, ein Spionagemuseum, Wohnungen und eine Gaststätte zu bauen, ging nicht auf. Es gab Widerstand aus der Bevölkerung und irgendwann folgten auch finanzielle Probleme. Und so stand das Gelände viele Jahre brach.

Ein Freiraum für Kunstschaffende

Es sollte bis 2010 dauern, bis sich mit Shalmon Abraham ein Pächter fand, der Besuche im mittlerweile ziemlich heruntergekommen verlassenen Ort ermöglichte. Durch die ungenutzten Jahre waren die Gebäude und die auffälligen Radome teilweise beschädigt. Noch heute ist vieles zerfetzt und zerfallen. Gleichzeitig mit dem Neustart wurde auch eine grosse Graffiti Galerie initiiert. Die hohen Räume und die vielen neu hochgezogenen Wände waren wie geschaffen für Murals und Street Art. So entwickelte sich die ehemalige Abhörstation in den letzten Jahren zu einem Freiraum der Kreativität.

 

Doch es gab auch Konflikte. Einige befürchteten, dass es mit dem verlangten Eintritt bloss ums Geld ginge. Was ehemals ein Ort der Entdeckens, der Einsamkeit und der Abenteuerlust war, drohte stattdessen im Kommerz zu versinken. Auch darum wurde Marvin Schütte – Sohn eines der Eigentümer – 2015 neuer Pächter des Teufelsbergs. Im Gegensatz zu früher sollte es nun nicht mehr um den Profit gehen. Dies entspräche auch dem Wunsch einiger aus der Bevölkerung, welche den Teufelsberg «zu einer modernen, überregionalen Austauschplattform und Denkfabrik für Kultur, Kunst, Geschichte, Technik, Natur und neue Wirtschaftsmodelle« machen möchten, wie der unabhängige Verein Initiative Kultur-DENK-MAL Berliner Teufelsberg in seinem Manifest schreibt. Trotzdem zahlen Besucher*innen auch heute noch Eintritt.

Rundgang zwischen Vergangenheit und Zukunft

Als einzigartiges historisches Kulturdenkmal hat der Teufelsberg einen grossen Wert für die allgemeine Bevölkerung. Durch die geregelte Nutzung ist es möglich, dass alle dieses Zeugnis der alliierten Besatzung erleben können. Ein blosses Denkmal der Vergangenheit ist der Teufelsberg aber trotzdem nicht. Im Gegenteil: Vieles ist hier lebendig und im Entstehen begriffen. Es gibt ein kleines Kaffeehäuschen, einen Essensstand und natürlich jede Menge zu entdecken. Im ersten Stock des Hauptgebäudes haben sich Künstler*innen in eigenen Ateliers eingerich

tet und verkaufen vor Ort ihre Werke. Nicht zuletzt zeigen die über 300 Graffiti und Kunstinstallationen wie unglaublich vielseitig und aktiv dieser Ort ist.

Natürlich gibt es auch solche, für die der Teufelsberg ein Schandfleck ist. Die ausgefallene Street Art gefällt nicht jedem und jeder. Und noch immer sind die Zeichen des Zerfalls und der jahrelangen Vernachlässigung zu sehen. Vieles ist wohl für immer zerstört. Doch vielleicht ist gerade das der grosse Reiz dieses Ortes, wo man die dicke Luft des Kalten Krieges förmlich einatmen kann.

Nächster Halt: 3 Stunden Verspätung.

9:12 Uhr: ich steige in den Bus. Heute werden Jacqueline und ich Tink.ch an der Universität Basel vorstellen. Ich freue mich, neue Schreiberlinge für unser Magazin zu gewinnen. Von Neuchâtel nach Biel, von Biel nach Basel: das ist der kinderleichte Plan. Voraussichtliche Ankunft: 10:53 Uhr. Dass ich erst um 13:55 Uhr ankommen würde, ahne ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Noch weniger ahne ich, dass dies ein faszinierendes, aber anstrengendes Abenteuer werden würde.

Wir bleiben stehen

Wie so mancher homo technologicus wische ich auf meinem Smartphone herum, so ganz geistig anwesend bin ich nicht, erst nach einer Weile merke ich, dass wir auffällig lange an diesem Bahnhof stehen. Laufen – der Name dieser Ortschaft ist so passend, dass er Teil eines Drehbuches zu sein scheint. «Problem mit den Sicherheitsanlagen in Grellingen», ertönt es vom Lautsprecher. Wir müssen aussteigen, der Zug kann nicht weiterfahren und wir müssen am Bahnhof auf weitere Informationen warten. Leute mit grossen Koffern, junge und alte Menschen, Kinder: dieses Gleis 2 ist wohl nie so dicht besiedelt gewesen wie heute. Die Ersten tippen wild auf ihrem Smartphone herum, einige telefonieren, ziemlich viele ziehen nervös an ihrer Zigarette. Die S3 nach Olten fällt aus. Unsere nächste Möglichkeit, nach Basel zu kommen, ist eine halbe Stunde später. Erst um 11:50 Uhr werde ich da sein, ich werde die erste Präsentation von Tink.ch verpassen. Schade, aber zum Glück haben wir geplant, eine zweite um 14:15 Uhr zu halten.

Mit einem Sandwich in der Hand laufe ich zurück an den Bahnhof, auf dem Gleis 4 steht bereits unser Zug. Die S3 ist klein und die Leute sind viele, das Gepäck der Passagiere, die wahrscheinlich an den Flughafen gehen, ist sperrig. Wir steigen ein, ich setze mich hin, der Zug fährt ab. «Was machst du denn hier?» – «Mein Zug ist ausgefallen, ich muss nach Basel» – «Ah, deshalb ist der Zug so voll!». Die Leute sind entspannt, erzählen einander von ihrem Tag und ihren Plänen.

Fahren oder Laufen?

«Ja hallo, entschuldigen Sie bitte, ich werde verspätet sein, der Zug ist ausgefallen», sie spricht mit einem accent francophone. Es wird ruhig: Zwingen, schon eine Weile stehen wir an diesem Bahnhof, ohne informiert zu werden, was geschehen ist. Die Stimme des Lokomotivführers ertönt, er entschuldigt sich, die Störung hält an, voraussichtlich werden wir ein paar Minuten verspätet sein. Er scheint nervös, die Situation scheint ihm hörbar unbequem zu sein. Aus ein paar Minuten wird «unbestimmte Zeit» und dann: wir müssen nach Laufen zurückfahren, da werden Ersatzbusse zur Verfügung stehen. Gelächter bricht aus, Gefluche ertönt. Ich übersetze meiner Sitznachbarin die Durchsage. Heute ist ihr Probetag für einen neuen Job, jetzt bereut sie es, nicht mit dem Auto gefahren zu sein.

Die Masse bewegt sich Richtung Busbahnhof fort, zu den bisherigen Passagieren kommen nun neue Ankömmlinge hinzu. Es werden immer mehr und die beiden Busse, die gerade anfahren, sind auch im Nu schon vollgestopft. Ein alter Mann mit Gehstöcken versucht einzusteigen, erst nachdem ich schimpfe, machen die Leute ihm Platz. Seine Frau versucht verzweifelt einzusteigen, sie schleppt zwei grosse Koffer. Ich mache ihr Platz, «Ich habe Zeit». Wie so viele stehe ich nun wieder in der warmen Sonne, die irgendwie die Stimmung trotz allem zu erhellen scheint.

Über den Röstigraben und fehlende Informationen

«On fait 5 kilomètres et on ne comprend déjà plus rien». Diese Dame ist nicht die Einzige, die sich zu beschweren scheint, dass die Durchsagen alle auf Deutsch waren. Eine zweite, ältere Dame erklärt mir, dass sie lange nicht verstand, was geschehen sei. Ein erstaunliches Vorgehen auf einer zweisprachigen Strecke, doch was mich zunehmend beeindruckt, ist, dass die Leute so ruhig und zivilisiert zu bleiben scheinen.

Ich warte. 10 Minuten, 30 Minuten. Nach ungefähr 50 Minuten ist der nächste Bus da, ich schaffe es rein. Dass die SBB jedoch keinen Plan hat, um Leuten, die schon länger warten, den Vortritt zu lassen und sicherzustellen, dass ältere Menschen und Kinder sicher reisen können, schockiert mich. So zusammengepfercht zu reisen, hat jedoch einen Vorteil: es ist fast unmöglich, in einer Kurve umzufallen. Die Fahrgäste im Bus nehmen es mit Humor. Ob jedoch diejenigen, die an den Haltestellen zwischen Laufen und dem Terminal stehen und auch in diesen Bus nicht einsteigen können, es noch mit Humor nehmen, ist unklar.

Auch der dritte Bahnersatzbus zwischen Laufen und Aesch (BL) ist überladen.

 

Am Bahnhof Aesch erscheinen die Wartenden wie eine überzählige Reisegruppe. Keine Durchsage ertönt, man ist auf sich gestellt und merkt früher oder später, dass man auf das andere Gleis muss, wenn man – wie ich zum Beispiel – nicht sieht, dass eine Zugangestellte zwischen den Leuten steht. Natürlich ist auch dieser Zug voll, natürlich müssen etliche ältere Menschen stehen und dass schon wieder nur mir und meiner Sitznachbarin in den Sinn kommt, dass man ihnen Platz machen kann, bringt mich erneut zum Kopfschütteln.

Eine überzählige Reisegruppe? Die Zugpassagiere warten auf den Ersatzbus in Aesch (BL).

 

Ein Abenteuer geht zu Ende

13:55 Uhr. Ich habe es geschafft, ich bin in Basel. Ich werde es heute noch schaffen, Tink.ch vorzustellen. Und wenigstens hat mein Abenteuer es mir erlaubt, Sonne zu tanken. Unser gemeinsames Leiden hat uns Reisende nähergebracht, ein Schwätzchen hier und da ist der positive Nebeneffekt einer aussergewöhnlichen Situation. Ich gehöre zu den über 400’000 Schweizer*innen, die ein Generalabonnement haben und von Jahr zu Jahr zahle ich mehr dafür. Diesen Luxus gönne ich mir gerne, Zugfahren ist mir wichtig, doch hat es die SBB an diesem Mittwoch geschafft, meine südamerikanischen, chaotischen Reiseerfahrungen zu übertreffen. Irgendwie habe ich es genossen, meine Mitmenschen zu beobachten und Gelassenheit zu üben. Doch dann denke ich an die junge Frau, die ihren Probetag hatte, an die älteren Menschen, die so reisen mussten und an die Leute, die wahrscheinlich ihren Flug verpasst haben und denke mir: wär’s wirklich nicht anders gegangen?

«Dr SCB isch dr geilscht Club»

Er wartet schon, an diesem Mittwochmittag, in einem Café in Bern, notabene zwei Tage nachdem sich der SCB in Zug zum zweiten Mal in Folge zum Eishockey Schweizer Meister küren lassen konnte. Von seinem Gipfeli ist schon fast nichts mehr übrig. «Tinu», stellt er sich vor. Martin Megert, wie er mit bürgerlichem Namen heisst, ist Informatiker. Neben seinem Beruf gibt es eine grosse Konstante in seinem Leben. Sie heisst SCB. Ich setzte mich ihm gegenüber hin. Wie sich herausstellt, ist Tinu genau wie ich in Burgdorf aufgewachsen. Während mich mein Vater an meinen ersten Match nach Langnau mitnahm, ging es für Tinu in die andere Richtung, nach Bern.

Das war der Beginn einer grossen Liebe. Heute ist der 56-Jährige der wahrscheinlich grösste SCB-Fan und ziemlich sicher auch der Bekannteste. Er ist Betreiber der Facebook-Seite «Hardboiled SCB», welche mittlerweile über 8000 Fans zählt. Auf dieser veröffentlicht er an jedem Spieltag spätestens eine Stunde nach dem Schlusspfiff einen Matchbericht, in dem er sich unzensiert seine Emotionen vom Leib schreibt. Diese Emotionen hat er nun auch in Buchform niedergeschrieben: «111 Gründe, den SCB zu lieben», heisst das gute Stück. Auch wenn sich Tinu für das Buch etwas zurückhalten musste, was die Sprache anging, ist sein Schreibstil deutlich erkennbar. «Ich bin wahnsinnig stolz auf das Buch, und auch auf mich», erzählt Tinu.

Seitenhiebe für Fribourg-Gottéron

«Der wichtigste Grund, den SCB zu lieben, ist ganz einfach: Der SCB ist ein geiler Club», sagt Tinu. Diesen einen, alles überspannenden Grund habe er dann, «wie ein Forensiker», aufgespalten in 111 Gründe. Drei Monate habe er jede Nacht daran geschrieben, immer mit der Deadline im Nacken. Er sei froh, dass er das Buch nicht während der Eishockeysaison schreiben musste, schmunzelt er. «Zusammen mit einem 100%-Job bin ich schon an meine Grenzen gekommen».

Das Buch ist eine Liebeserklärung an den SCB. Nicht immer sehr objektiv geschrieben, doch ausnahmslos ehrlich, interessant und auch lehrreich. Was auffällt: Gefühlt auf jeder zweiten Seite ist ein Seitenhieb gegen Fribourg-Gottéron versteckt. Diesen Club kann Tinu nicht ausstehen. «Weil es den HC Fribourg-Gottéron gibt», ist sogar der 39. Grund, den SCB zu lieben. Tinu erklärt, dass die Fribourger Fans «ekligi Cheibe» seien. Seine Erinnerungen an Fribourg seien nicht die besten, gibt er zu. Doch man könne sie auch nicht wirklich ernstnehmen, die chronisch erfolglosen Zähringer, die als einen der grössten Erfolge der Vereinsgeschichte den Vize Schweizer-Meister-Titel angeben, führt er weiter aus. Da seien ja sogar die Langnauer erfolgreicher – einen Titel gab es für die Langnauer 1976 zu feiern.

Der SCB als Kontaktbörse

Selbst der eingefleischteste SCB-Fan wird bei der Lektüre einige neue Dinge über seinen Lieblingsclub lernen. Etwa, dass die Band Europe extra für den SC Bern eine Ausnahme machte und ihren Hit «The Final Countdown», welcher nach jedem Berner Tor erklingt, zur Einweihung des neuen Stadions 2009 live spielte. Denn seit ihrem Comeback im Jahre 2004 weigerten sie sich standhaft, ihren grössten Hit live zu spielen. Auch Privates findet im Buch Platz: Martin Megert hat seine Frau an einem SCB-Spiel kennengelernt. Auch Randgeschichten von Spielern, Trainern und Schiedsrichtern finden in Tinus Werk Platz. In über 40 Jahren als SCB-Fan hat er vieles erlebt und kann so aus dem Nähkästchen plaudern. Die Liebe und Leidenschaft für den SCB ist in jeder Zeile spürbar.

Der Meisterfeier im Berner Stadion am Ostermontag blieb Tinu übrigens fern. «Bisher haben sie noch immer verloren, wenn ich an ein Public Viewing gegangen bin», so Tinu. Auch als der Titel im Trockenen war, blieb er zuhause: «Das war für mich ein schöner Abschluss der Saison». Er sei halt nicht mehr der Jüngste. Doch den Umzug durch die Berner Altstadt und die Feier auf dem Bundesplatz liess er sich nicht entgehen. «Das ist Ehrensache», meint der wohl grösste SCB-Fan, bevor er sich verabschieden muss. Er werde jetzt den Sommer geniessen.

Taktlos in Zürich

«Wann haben Sie das letzte Mal etwas zum ersten Mal gehört?», dieses Motto hat Taktlos des Ensembles Collegium Novum ausgeliehen und zu seinem gemacht. Beim Festival geht es um Musik, die fast niemand kennt und viele entdecken wollen. Die nächsten vier Tage kommen MusikerInnen aus 17 Ländern in der Roten Fabrik in Zürich zusammen, um ihre Stücke zu präsentieren. Einiges wird schräg, neu und alles bestimmt anders sein, denn genau um das geht es bei Taktlos: um Musik, die Neues wagt.

Heute Abend spielt die slowenische Komponistin Kaja Draksler mit ihrem Oktett die ersten Töne. Die multinationale Gruppe übt in Amsterdam, wo erfolgreich für Kulturförderung gekämpft wird und experimentelle Projekte unterstützt werden. In ihrem Stück «Canto XII» erklingen zu zeitgenössischer Musik Texte des chilenischen Dichters Pablo Neruda. Die acht MusikerInnen teilen sich einen klassischen-jazzigen Hintergrund und spielen mutig mit unkonventionellen Formen. Der Donnerstag wird von Amok Amor in die Dunkelheit begleitet, virtuosen Jazz, lebendige Sechziger und Furchtlosigkeit treiben die vier Männer voran.

Dieses Jahr wird es auch neben der Musik Neuheiten geben. Fredi Bosshard, der Taktlos im Jahre 1984 mit dem Verein Jazzfabrik mitgegründet hat und seit daher jedes Jahr organisiert, gibt das Projekt in neue Hände. Er ist nun 68 Jahre alt und denkt, dass dem Festival ein frischer Wind bestimmt guttun wird. Ab 2018 wird der neue, junge Verein Taktlos das Festival leiten. Fredi Bosshard hat keine Angst vor Veränderungen, im Gegenteil: «Ich hoffe schwer, dass sie neue Ideen, neue Musik und ihren Groove mitbringen.» Das Festival müsse ja ihrem Zeitgeist entsprechen. Als Bosshard das Festival in den 80er Jahren gegründet hat, war Zürich in Aufbruchstimmung, die Jugend hat für ihren Platz gekämpft. Die Musikszene war klein: «Wir haben die ersten Konzerte in der Roten Fabrik organisiert, daneben gab es noch den Plattenladen recrec und das Radio Lora. Das war’s.» Heute sei Zürich eine ganz andere Stadt mit vielen gut Ausgebildeten MusikerInnen und wahnsinnig vielen Angeboten. Und so meint Bosshard, «ist das Festival schon noch von unserer Zeit etwas geprägt». Das dürfe sich heute gerne ändern. Die Gegenwart hat wieder andere Geschichten zu erzählen.

Fredi Bosshard hat einige Kontakte in Deutschland und reist regelmässig an verschiedenste Festivals. Dort entdeckt er spannende Bands und fragt sie für Taktlos an. Wichtig ist den OrganisatorInnen so einiges, und sie halten sich streng an ihre Prinzipien: «Fünf von zehn Bands wurden von Frauen initiiert», das war Bosshard schon von Beginn ein Anliegen. Zudem möchten sie den MusikerInnen faire Löhne bezahlen, ihnen einen anständigen Rahmen bieten und das könnten sie, dank den Subventionen der Stadt Zürich. Damit würden auch überrissene Eintrittspreise vermieden. «Das mussten wir uns alles erarbeiten, mussten der Stadt beweisen, dass wir wirklich etwas Richtiges machen wollen.» In den Anfängen haben sie noch Sandwiches verkauft und wenn wenig Publikum kam, «mussten wir eine Woche nach dem Festival noch Sandwiches essen.» Nur so hätten sie gelernt, wie es funktioniert. Zudem haben sie starke Beziehungen mit der Roten Fabrik gepflegt, sich auch gegenseitig unterstützt. Genau deshalb will Bosshard dem neuen Verein Taktlos auch alle Freiheiten lassen.

Am Freitag geht es mit dem Lisa Ullén Quartett zärtlich weiter. Die Norwegerin Lisa Ullén improvisierte schon während ihres Pianostudiums mit den Innereien des Klaviers. Um 22.30 Uhr wird es dann mit dem Hedvi Mollestad Trio richtig laut. Die Band vermischt Jazz, Rock und Metal mit allem, was ihnen sonst noch in den Sinn kommt. Auch am Samstag wird ein spannendes Programm erwartet. Die Altsaxofonistin Julie Kjaer lebt seit einigen Jahren in London und hat dort mit zwei 80er-Jahre-Musikern ein Trio gegründet. Die drei sind in der «Powerhouse-Rhytmusszene» in London erfolgreich und spielen am Samstag um 20 Uhr in der Roten Fabrik. Kjaer reist danach alleine nach Japan weiter.

Fredi Bosshards «Perle» können wir am Sonntag um 17 Uhr bestaunen. Flury und die Nachgeborenen sind neun MusikerInnen, die alle aus einem anderen Bereich kommen. Da vermischen sich etwa zwei Sängerinnen, ein DJ, ein Pianist und zwei Perkussionisten und stellen den Jazz auf den Kopf. Aber das ist gut so, mein Fredi Bosshard: «wir wollen gerne aus dem Rahmen fallen.»

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YB lässt seine Fans träumen

Foto: Thomas Hodel

Viele Zweikämpfe

Die erste Halbzeit war geprägt von vielen hart geführten Zweikämpfen und zwei stark aufspielenden Abwehrketten. Nur selten konnten die Offensivspieler beider Mannschaften in eine gefährliche Position gebracht werden.

Weder Steffen beim FCB, noch Sulejmani konnten ihre Freiheiten ausnützen und so war das logische Halbzeitresultat 0-0.

Einzelleistungen entscheiden das Spiel

Das Heimteam kam stärker aus der Kabine und spielte mit viel Druck nach vorne. In der 58. Minute passte der stark aufspielende YB-Verteidiger Benito auf Yoric Ravet. Dieser lässt mit seinem Dribbling Luca Zuffi alt aussehen und schlenzt den Ball herrlich an Vaclik vorbei ins Tor. Das ausverkaufte Stade de Suisse stand kopf. Keine Minute später hatte Sulejmani das nächste Tor auf dem Fuss, doch er verzog kläglich.

In der 80. Minute besiegte Sulejmani schliesslich endgültig das FCB. Einen Freistoss aus rund 25 Metern versenkte er nahezu perfekt ins Tor.

YB-Debütant Christian Fassnacht war nach dem Spiel zufrieden: «Es ist natürlich toll, gegen den Meister zu gewinnen, aber das war bloss das erste Spiel und jetzt kommt Dynamo Kiew, dies ist noch ein härterer Brocken. Nach der zweiten Halbzeit von heute dürfen wir jedoch zuversichtlich sein.»

Gurtenfestival: Lo & Leduc besiegen Züri West

Für die Veranstalter hat sich das Festival auf jeden Fall gelohnt: Alle vier Tage des 34. Gurtenfestival waren ausverkauft. 61 Live-Acts und 63 DJs bespielten bei gutem Wetter den Berner Hausberg. Darunter auch Züri West.

Jüngeres Publikum

Diese gehören zum Gurtenfestival wie die Gurtenbahn. Auch bei ihrem diesjährigen Auftritt vor Heimpublikum war die Hauptbühne voll mit musikbegeisterten Besuchern. Wer sich in der Menge umsah, konnte sehen, dass die Masse sich auf die Berner Stammgäste freuten. Als die bekannten, älteren Lieder angespielt wurden, stimmten alle mit ein. Trotzdem konnte man eine gewisse Verhaltenheit ausmachen, welche die Gurtengänger zu bremsen schien. Um für mehr als eine Stunde zu überzeugen, dafür war der Auftritt zu wenig inspiriert. Er wirkte gewohnt, ja, routiniert.

Ein Grund für die fehlende Euphorie dürfte das Alter der Festivalbesucher sein. Die Zuhörer der neuen Alben von Züri West sind wohl eher älter als der Altersdurchschnitt der insgesamt 80’000 Festivalbesucher auf dem Berner Hausberg. Ganz anders bei Lo & Leduc: Die beiden Rapper sind ebenfalls in Bern aufgewachsen und ihr Auftritt war ein Genuss. Die grossartige Stimmung trug klar dazu bei. Sie erzeugten eine starke Dynamik und trieben die Zuschauer an. Das Publikum erklärte sie klar zum Sieger der beiden Berner Gruppen.

Antikaptialisten und einhändige Saxophonisten

Auch die bekannten zweisprachigen Antikapitalisten Irie Revolté wussten, wie man Stimmung erzeugt. Als am Freitagnachmittag die Hauptbühne noch halb leer war, halfen sie den schwächenden Festivalgängern, sich den Kater aus den Knochen zu schütteln. Immer wieder forderten sie die Leute erfolgreich zum Mitmachen auf. Auch wenn der Antifa-Auftritt mit linken Parolen etwas komisch auf einem sehr kommerziell ausgerichteten Festival wirkt, so überzeugten sie doch mit einem kurzen, aber kraftvollen Auftritt. Bei ihrem letzten Lied trat die ganze Band nach vorne und sang ohne Instrumente mehrstimmig «Merci». Das dürfte bei vielen Besuchern für einen Gänsehaut-Moment gesorgt haben.

Die vielseitige Bläserband der Lucky Chops konnte mit erfrischender Musik die Leute bei Laune halten. Mit vielen Soli- und einfallsreichen Showeinlagen gewannen sie die Herzen der Zeltbühnenbesucher. Als der Saxophonist mit einer Hand spielte und mit der anderen das Publikum zum Mitmachen einlud, wurde der Applaus hörbar lauter. Ein rundum gelungener Auftritt der New Yorker.

Die Gurtengänger zeigten sich sowieso von ihrer besten Seite: Die Security-Firma verzeichnete keinen grossen Zwischenfälle. Man darf sich schon auf nächsten Sommer freuen, wenn der Güsche erneut erbebt.

Gesund und krank spazieren Hand in Hand

In gut sichtbaren Lettern prangt auf den violett getönten Plakaten des wildwuchs Theaterfestivals das Leitmotiv der achten Ausgabe: «Wir sind viele.» Doch welche Personengruppe versteckt sich hinter dem Personalpronomen «wir»? Impliziert der Begriff des «wir» nicht immer auch die Existenz eines «anderen», welches ausserhalb des «wir» angesiedelt ist und systematisch ausgegrenzt wird? Und nach welchen Regeln wird die Zughörigkeit zu einer der beiden Gruppierungen überhaupt determiniert? Tatsächlich bildete die Frage nach der Definition von Innen und Aussen den thematischen Schwerpunkt des diesjährigen Festivals, als dessen Gastspielort neben der Kaserne und dem ROXY Birsfelden die Universitären Psychiatrischen Kliniken (UPK) dienten. Fragen der Inklusion von Menschen mit körperlicher und psychischer Beeinträchtigung sowie der gesellschaftlichen und kulturellen Heterogenität wurden während den beiden ersten Juni-Wochen in unterschiedlichen theatralen Formaten aufgegriffen.

Vertrauensgestus

Mit einem vertrauten Menschen Hand in Hand müssig durch das Stadtzentrum zu flanieren bedarf kaum grosser Überwindung. Sich jedoch einem völlig fremden Menschen anzuvertrauen, von diesem an der Hand genommen und durch die Stadt geführt zu werden schon. Händchenhalten ist eine intime Geste, die von gegenseitigem Vertrauen zeugt und zwischen zwei Menschen eine körperliche und emotionale Brücke herzustellen vermag. Das Projekt «Walking:Holding» der britischen Performance-Künstlerin Rosana Cade greift diesen Aspekt auf und erweitert ihn um ein zusätzliches Irritationsmoment: Die Begleitung ist eine völlig unbekannte Person, eine der «anderen». Es versteht sich als ein experimenteller Spaziergang, bei dem die Teilnehmer an der Hand von eigens für den jeweiligen Durchführungsort gecasteten «Handhaltern» aller Altersstufen, sozialen Gruppen und geschlechtlicher Ausprägungen durch die belebteren Basler Stadtteile schlendern.

Handhalter erzählen

Den Teilnehmern bieten sich verschiedene Möglichkeiten, um auf die befremdlich wirkende Situation zu reagieren. Die Verfasserin des Artikels entscheidet sich für den kommunikativen Austausch mit den insgesamt sieben Darstellern, welche sie im Verlauf von einer Stunde etappenweise über die Mittlere Brücke, in die Freie Strasse und zur Münsterplattform gelotst haben. Und erfährt dabei zum Teil auch sehr persönliche Anekdoten: Dass das Theaterspiel ihre Leidenschaft sei, erzählt die Schülerin mit den verheilten Ritznarben an den Armen. Dass er die kulturelle Vielfalt von Basel schätze, meint der Theater- und Filmschaffende aus Mali. Dass die Kommunikation mit englischsprachigen Teilnehmern für ihn schwierig sei, gesteht der ältere Herr mit dem Armstumpf. Dass die Paarbildung dunkelhäutiger Mann mit hellhäutiger Frau meist mehr Blicke auf sich ziehe, stellt die Frau mittleren Alters fest.

Gemischte Gefühle

Im Gespräch vergehen die 60 Minuten wie im Flug, die irritierten oder missbilligenden Blicke des Umfelds lassen sich ebenfalls leichter ausblenden. Eine grundlegende Veränderung der eigenen Wahrnehmung brachte dieses Erlebnis für die Verfasserin jedoch nicht mit sich. Das Stück hinterlässt als Plädoyer für mehr Akzeptanz gemischte Gefühle, konfrontiert es die Teilnehmer zwar mit den eigenen Vorurteilen, dies jedoch nur während kurzer Zeit und im Rahmen einer durch und durch künstlichen Situation. Es bleibt jedenfalls zweifelhaft, ob die Teilnehmer des Spaziergangs sich die Aufforderung des Programmtextes, öfter mal Hand in Hand mit jemandem spazieren zu gehen auch zu Herzen nehmen werden.

Spaziergang mit Stimmen im Ohr

Als eher konventioneller Hör-Spaziergang mit Kopfhörer präsentiert sich hingegen das Stück «Dazwischenland» des Kollektivs Firma für Zwischenbereiche. Eine souverän klingende glatte Männerstimme lotst die zeitlich versetzt startenden Teilnehmer unter häufiger Betonung, sich respektvoll zu verhalten über das weitläufige Gelände der im Basler Niemandsland kurz vor der französischen Grenze angesiedelten UPK und liefert dabei einen kurzen Abriss der Geschichte der Institution. Regelmässige dumpfe Schläge geben im Sinne eines akustischen Herzschrittmachers das ideale Schritttempo vor. Eingestreute Interviewfragmente, in denen Patientinnen und Patienten Details aus ihrer Lebensrealität und ihrem Umgang mit der Krankheit preisgeben, runden den Audiowalk ab. So weit, so unspektakulär, wäre da nicht die neckische Frauenstimme, welche den um korrektes Verhalten bemühten Sprecher immer wieder unterbricht, frech zur Missachtung seiner Anweisungen auffordert, in bewusst reisserischer Manier saftige Informationen zu der Einrichtung preisgibt und sich schliesslich gar als imaginäres Konstrukt der Männerstimme ausgibt – ein Verweis auf die bei Schizophrenie-Patienten auftretenden Halluzinationen.

Kuchen als verbindendes Element

Der Reiz dieser auditiven Führung durch die idyllische Parkanlage der Psychiatrie liegt in ihrer wiederholten spielerisch-provokanten Transgression der Realitätsebenen. Die Grenzen zwischen Krankheit und Normalität, dem «wir» und den «anderen» werden im Verlauf des Rundgangs als durchlässig entlarvt. «Psychische Erkrankungen können jeden Menschen treffen», lautet die simplizistisch anmutende, jedoch durchaus berechtigte Botschaft des Hör-Spaziergangs. Die Jurte der Mach-Bar des Kollektivs OPUS 89 bildet die Schlussstation des Audiowalks, wo schlussendlich sämtliche Fäden zusammengeführt werden. Patienten der UPK; Pflegepersonal, Theaterschaffende und Festivalbesucher statten dem kulinarischen Treffpunk auf dem Gelände der Kliniken einen Besuch ab. Allesamt vereint in der Wertschätzung des hausgemachten Kuchenbüffets.

Mehr Informationen findet ihr auf der Seite des wildwuchs Festivals.

Der nachhaltige Filmtipp – Code of Survival

«Eigentlich sollte man den besten Anzug anziehen, wenn man auf den Acker geht. Man muss Ehrfurcht vor dem Boden haben, denn er ist unsere Lebensgrundlage», sagt Bio-Bauer Franz Aunkofer im Film. Er war einer der ersten Bio-Bauern Deutschlands und erwirtschaftet inzwischen praktisch denselben Ertrag wie im konventionellen Anbau – ohne Gift und im Einklang mit der Natur. Der Alltag in der industriellen Landwirtschaft sieht anders aus. Dort bauen die Landwirte seit vielen Jahren Gentech-Pflanzen an und behandeln sie mit Glyphosat-haltigen Herbiziden wie Roundup. Die Resultate: resistentes Unkraut, das sich unkontrolliert vermehrt und harte Böden, auf denen nichts mehr wächst.

Regisseur Bertram Verhaag stellt der industriellen Landwirtschaft in den USA drei Beispiele aus Deutschland, Ägypten und Indien gegenüber. Er zeigt, wie die biologische Landwirtschaft dort aus kaputten Böden fruchtbare Äcker macht, welche hohe Qualität produzieren und die Artenvielfalt steigern. Die Formel des Überlebens – der Code of Survival – liegt in der nachhaltigen und biologischen Bewirtschaftung des Bodens, wie es Jane Goodall am Ende des Films formuliert: «Wir sollten mit der Natur zusammenarbeiten, nicht gegen sie. Nur dann können wir es schaffen, die Natur und das Land wiederherzustellen»

Dieser Film sowie weitere Filme zu diesem Thema sind auf der Filmseite Gentech + Saatgut aufgelistet.

Die DVD des Films ist hier erhältlich.

Dieser Eintrag erschien am 06.06.2017 auf dem Blog von unserem Partner Filme für die Erde.

Ein Busfahrer als «Bernmobil-Sohn»

Auch ich steige häufig in den Bus ein. Insbesondere im Winter, wenn es kalt ist und ich keine Lust habe, in der Schule halb erforen anzukommen. Mit den Busfahrern habe ich bis anhin noch nie gesprochen, zumindest in Bern nicht.

Als ich letzten Sommer in einer Kleinstadt an der Ostküste Irlands für einen Sprachaufenthalt war, benutzte ich täglich den Bus. Zur Schule gings mit dem Schulbus, in dem ich den Fahrern lediglich ein freundliches «How are you?» zurief. Am Abend benutzte ich jeweils den öffentlichen Bus. Ich bemerkte, dass die Einheimischen mit den Busfahrern immer intensive Gespräche begannen, anders als ich es von Bern kannte. Schliesslich wurden jeweils auch wir Sprachstudentinnen und Sprachstudenten in die Konversation eingebunden und diskutierten über das Wetter, über unsere Heimatländer oder über den Brexit, der damals noch ein frischer Schock für die Iren war.

Mein Gespräch mit einem Busfahrer in Bern fand nicht im Bus, sondern in der Bernmobil-Garage am Eigerplatz statt. Es war später Nachmittag und somit waren die meisten Busse auf den Strassen und Kurven Berns unterwegs. In der Garage standen einige Busse zur Reperatur bereit. Ich hatte die Gelegenheit, mit Mariano Altomonte zu sprechen. Mariano Altomonte arbeitet seit September 2012 bei Bernmobil, wo er auch seine Ausbildung gemacht hat. Er bezeichnet sich deshalb als «Bernmobil-Sohn». Die Ausbildungen für Tram, Bus und Trolley-Bus hat er bestanden und er ist jeden Tag für verschiedene Linien und an verschiedenen Uhrzeiten im Einsatz.

Weshalb es in den Berner Bussen kaum Gespräche zwischen den Busfahrern und Fahrgästen gibt, wollte ich als erstes von Mariano Altomonte wissen. Er beobachte, dass es bei diesem Thema einen Stadt-Land-Unterschied gebe: «In der Stadt steigt der Fahrgast ein, steigt aus und das war’s.» Im Aussennetz, in dem Altomonte zu Beginn arbeitete, sei es viel familiärer zu- und hergegangen. Von manchen Passagieren wisse man mit der Zeit, wer sie sind und man komme mit ihnen immer wieder ins Gespräch. In der Stadt komme das viel weniger vor. Zu Neujahr oder zum Valentinstag komme es häufig vor, dass Leute extra vorne aussteigen, kurz mit den Fahrern reden und manchmal sogar einen Schoggi als Zeichen der Dankbarkeit schenken. Das freut Altomonte jeweils ganz besonders.

Der lustigste Busfahrer-Moment für Mariano Altomonte passierte in Konolfingen, als jemand seinen vollen Migros-Wagen im Bus vergessen hatte. Ein Mitarbeiter der BLS am Bahnhof Konolfingen teilte ihm mit, dass dieser Fahrgast an einer Haltestelle auf ihn warten würde. Und tatsächlich stand der Mann an abgemachter Haltestelle zu abgemachter Uhrzeit und konnte seinen Wagen entgegennehmen. Als Dank schenkte dieser dem Busfahrer Altomonte eine Flasche Rotwein. «Das ist wirklich cool gewesen», fügte Altomonte beim Erzählen der Geschichte lachend hinzu.

Unangenehme Situationen seien vor allem auf den Verkehr zurückzuführen – zum Beispiel wenn er eine Vollbremsung machen müsse. Wenn es zu heiklen Situationen komme, etwa mit Betrunkenen, sei dies vor allem für die anderen Fahrgäste unangenehm. Für allfällige Schlichtungen seien aber nicht die Busfahrer, sondern anderes Personal zuständig.

Ich sprach den Busfahrer auf folgende Situation an, die ich schon öfter beobachtet habe oder ich gar selbst davon betroffen war: Wenn man zu spät dran ist und auf den Bus zurennt, gibt es manche Fahrer, die warten, andere fahren vorher ab. Altomonte betonte, dass dies nicht aus bösem Wille geschehe. Teilweise sei das Warten nicht möglich, insbesondere zu Stosszeiten, da zu dieser Zeit ein Bus nach dem anderen fährt und man den Fahrplan einhalten muss. Ansonsten versuche er, so oft wie möglich zu warten. Enttäuscht musste ich feststellen, dass die Busfahrer keine Wetten untereinander abschliessen, wie oft ein Busfahrer den Passagieren vor der Nase wegfährt.

Es scheint, dass für die Busfahrer trotz der Hektik immer genügend Zeit vorhanden ist, um deren Kollegen zu grüssen. Das Zeichen sei schlicht ein verbindendes Ritual, das sie vom ersten Tag an vermittelt bekämen. Von den ungefähr 600 Fahrern kennt Mariano Altomonte längst nicht alle, gegrüsst werde von ihm jedoch jeder.

Zum Schluss wollte ich noch von ihm wissen, warum er zusätzlich auch noch die Tramausbildung gemacht hat (welche er erst kurz vor unserem Interview erfolgreich absolviert hatte). Dies habe nichts damit zu tun gehabt, dass momentan immer wieder diskutiert werde, ob Bus- durch Tramlinien ersetzt werden sollen. «Ich finde es einfach gut, wenn ich die Auswahl zwischen Bus, Trolleybus und Tram habe. Tram und Bus sind zwei Paar Schuhe; man kann diese nicht vergleichen».

Mit Graffiti Freiräume schaffen

Das Wichtigste am Eingang ist die Unterschrift. Ohne einen Haftungsausschluss zu unterschreiben, kommt niemand legal aufs Gelände: Auf dem Teufelsberg mitten im Berliner Grunewald herrschen zwar eigene Regeln, doch Sicherheit muss trotzdem sein. Immerhin betreten wir hier marodes Bauwerk – original aus dem Kalten Krieg. Und dennoch geht es auf dem Teufelsberg nicht bloss um den Kult des Verlassenen, Zerfallenen und Überwucherten. Es geht auch um künstlerische und gesellschaftliche Freiheit.

Vom Trümmerberg zur Lauschstation

Den Teufelsberg gibt es erst seit dem Ende des zweiten Weltkriegs. Damals lag in der Hauptstadt jede Menge Schutt und Trümmer. Um Neuem Platz zu machen, türmte man am Rand der Stadt alles auf einen Haufen. Dieser Haufen ist jetzt 120 Meter hoch und nebst der Berliner Mauer eines der eindrücklichsten Kultur- und Zeitdenkmäler aus dem Kalten Krieg.

Lange Zeit wurde der ehemals höchste Berg Berlins durch die Alliierten als Abhörstation verwendet. Die ersten mobilen Anlagen wurden 1961 aufgefahren, ab 1963 baute man die noch heute stehenden Gebäude mitsamt den unverwechselbaren Radomen – grosse Antennenkuppeln, unter denen früher das Spionagegerät eingebaut war. Was dort oben genau gemacht wurde, weiss niemand so genau. Es ging wohl um Signalstörung und die Abhörung des sowjetischen Funkverkehrs. Vielleicht werden wir es im Jahr 2022 erfahren, wenn die Akten der Geheimdienste der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden.

Mit der deutschen Wiedervereinigung verlor man das Interesse am Abhören. Erst wurde in den Anlagen noch der zivile Luftverkehr überwacht, doch um die Jahrtausendwende wurde das ganze Gelände an private Investor*innen verkauft. Der ursprüngliche Plan, dort ein Tagungshotel, ein Spionagemuseum, Wohnungen und eine Gaststätte zu bauen, ging nicht auf. Es gab Widerstand aus der Bevölkerung und irgendwann folgten auch finanzielle Probleme. Und so stand das Gelände viele Jahre brach.

Ein Freiraum für Kunstschaffende

Es sollte bis 2010 dauern, bis sich mit Shalmon Abraham ein Pächter fand, der Besuche im mittlerweile ziemlich heruntergekommen verlassenen Ort ermöglichte. Durch die ungenutzten Jahre waren die Gebäude und die auffälligen Radome teilweise beschädigt. Noch heute ist vieles zerfetzt und zerfallen. Gleichzeitig mit dem Neustart wurde auch eine grosse Graffiti Galerie initiiert. Die hohen Räume und die vielen neu hochgezogenen Wände waren wie geschaffen für Murals und Street Art. So entwickelte sich die ehemalige Abhörstation in den letzten Jahren zu einem Freiraum der Kreativität.

 

Doch es gab auch Konflikte. Einige befürchteten, dass es mit dem verlangten Eintritt bloss ums Geld ginge. Was ehemals ein Ort der Entdeckens, der Einsamkeit und der Abenteuerlust war, drohte stattdessen im Kommerz zu versinken. Auch darum wurde Marvin Schütte – Sohn eines der Eigentümer – 2015 neuer Pächter des Teufelsbergs. Im Gegensatz zu früher sollte es nun nicht mehr um den Profit gehen. Dies entspräche auch dem Wunsch einiger aus der Bevölkerung, welche den Teufelsberg «zu einer modernen, überregionalen Austauschplattform und Denkfabrik für Kultur, Kunst, Geschichte, Technik, Natur und neue Wirtschaftsmodelle« machen möchten, wie der unabhängige Verein Initiative Kultur-DENK-MAL Berliner Teufelsberg in seinem Manifest schreibt. Trotzdem zahlen Besucher*innen auch heute noch Eintritt.

Rundgang zwischen Vergangenheit und Zukunft

Als einzigartiges historisches Kulturdenkmal hat der Teufelsberg einen grossen Wert für die allgemeine Bevölkerung. Durch die geregelte Nutzung ist es möglich, dass alle dieses Zeugnis der alliierten Besatzung erleben können. Ein blosses Denkmal der Vergangenheit ist der Teufelsberg aber trotzdem nicht. Im Gegenteil: Vieles ist hier lebendig und im Entstehen begriffen. Es gibt ein kleines Kaffeehäuschen, einen Essensstand und natürlich jede Menge zu entdecken. Im ersten Stock des Hauptgebäudes haben sich Künstler*innen in eigenen Ateliers eingerich

tet und verkaufen vor Ort ihre Werke. Nicht zuletzt zeigen die über 300 Graffiti und Kunstinstallationen wie unglaublich vielseitig und aktiv dieser Ort ist.

Natürlich gibt es auch solche, für die der Teufelsberg ein Schandfleck ist. Die ausgefallene Street Art gefällt nicht jedem und jeder. Und noch immer sind die Zeichen des Zerfalls und der jahrelangen Vernachlässigung zu sehen. Vieles ist wohl für immer zerstört. Doch vielleicht ist gerade das der grosse Reiz dieses Ortes, wo man die dicke Luft des Kalten Krieges förmlich einatmen kann.

Nächster Halt: 3 Stunden Verspätung.

9:12 Uhr: ich steige in den Bus. Heute werden Jacqueline und ich Tink.ch an der Universität Basel vorstellen. Ich freue mich, neue Schreiberlinge für unser Magazin zu gewinnen. Von Neuchâtel nach Biel, von Biel nach Basel: das ist der kinderleichte Plan. Voraussichtliche Ankunft: 10:53 Uhr. Dass ich erst um 13:55 Uhr ankommen würde, ahne ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Noch weniger ahne ich, dass dies ein faszinierendes, aber anstrengendes Abenteuer werden würde.

Wir bleiben stehen

Wie so mancher homo technologicus wische ich auf meinem Smartphone herum, so ganz geistig anwesend bin ich nicht, erst nach einer Weile merke ich, dass wir auffällig lange an diesem Bahnhof stehen. Laufen – der Name dieser Ortschaft ist so passend, dass er Teil eines Drehbuches zu sein scheint. «Problem mit den Sicherheitsanlagen in Grellingen», ertönt es vom Lautsprecher. Wir müssen aussteigen, der Zug kann nicht weiterfahren und wir müssen am Bahnhof auf weitere Informationen warten. Leute mit grossen Koffern, junge und alte Menschen, Kinder: dieses Gleis 2 ist wohl nie so dicht besiedelt gewesen wie heute. Die Ersten tippen wild auf ihrem Smartphone herum, einige telefonieren, ziemlich viele ziehen nervös an ihrer Zigarette. Die S3 nach Olten fällt aus. Unsere nächste Möglichkeit, nach Basel zu kommen, ist eine halbe Stunde später. Erst um 11:50 Uhr werde ich da sein, ich werde die erste Präsentation von Tink.ch verpassen. Schade, aber zum Glück haben wir geplant, eine zweite um 14:15 Uhr zu halten.

Mit einem Sandwich in der Hand laufe ich zurück an den Bahnhof, auf dem Gleis 4 steht bereits unser Zug. Die S3 ist klein und die Leute sind viele, das Gepäck der Passagiere, die wahrscheinlich an den Flughafen gehen, ist sperrig. Wir steigen ein, ich setze mich hin, der Zug fährt ab. «Was machst du denn hier?» – «Mein Zug ist ausgefallen, ich muss nach Basel» – «Ah, deshalb ist der Zug so voll!». Die Leute sind entspannt, erzählen einander von ihrem Tag und ihren Plänen.

Fahren oder Laufen?

«Ja hallo, entschuldigen Sie bitte, ich werde verspätet sein, der Zug ist ausgefallen», sie spricht mit einem accent francophone. Es wird ruhig: Zwingen, schon eine Weile stehen wir an diesem Bahnhof, ohne informiert zu werden, was geschehen ist. Die Stimme des Lokomotivführers ertönt, er entschuldigt sich, die Störung hält an, voraussichtlich werden wir ein paar Minuten verspätet sein. Er scheint nervös, die Situation scheint ihm hörbar unbequem zu sein. Aus ein paar Minuten wird «unbestimmte Zeit» und dann: wir müssen nach Laufen zurückfahren, da werden Ersatzbusse zur Verfügung stehen. Gelächter bricht aus, Gefluche ertönt. Ich übersetze meiner Sitznachbarin die Durchsage. Heute ist ihr Probetag für einen neuen Job, jetzt bereut sie es, nicht mit dem Auto gefahren zu sein.

Die Masse bewegt sich Richtung Busbahnhof fort, zu den bisherigen Passagieren kommen nun neue Ankömmlinge hinzu. Es werden immer mehr und die beiden Busse, die gerade anfahren, sind auch im Nu schon vollgestopft. Ein alter Mann mit Gehstöcken versucht einzusteigen, erst nachdem ich schimpfe, machen die Leute ihm Platz. Seine Frau versucht verzweifelt einzusteigen, sie schleppt zwei grosse Koffer. Ich mache ihr Platz, «Ich habe Zeit». Wie so viele stehe ich nun wieder in der warmen Sonne, die irgendwie die Stimmung trotz allem zu erhellen scheint.

Über den Röstigraben und fehlende Informationen

«On fait 5 kilomètres et on ne comprend déjà plus rien». Diese Dame ist nicht die Einzige, die sich zu beschweren scheint, dass die Durchsagen alle auf Deutsch waren. Eine zweite, ältere Dame erklärt mir, dass sie lange nicht verstand, was geschehen sei. Ein erstaunliches Vorgehen auf einer zweisprachigen Strecke, doch was mich zunehmend beeindruckt, ist, dass die Leute so ruhig und zivilisiert zu bleiben scheinen.

Ich warte. 10 Minuten, 30 Minuten. Nach ungefähr 50 Minuten ist der nächste Bus da, ich schaffe es rein. Dass die SBB jedoch keinen Plan hat, um Leuten, die schon länger warten, den Vortritt zu lassen und sicherzustellen, dass ältere Menschen und Kinder sicher reisen können, schockiert mich. So zusammengepfercht zu reisen, hat jedoch einen Vorteil: es ist fast unmöglich, in einer Kurve umzufallen. Die Fahrgäste im Bus nehmen es mit Humor. Ob jedoch diejenigen, die an den Haltestellen zwischen Laufen und dem Terminal stehen und auch in diesen Bus nicht einsteigen können, es noch mit Humor nehmen, ist unklar.

Auch der dritte Bahnersatzbus zwischen Laufen und Aesch (BL) ist überladen.

 

Am Bahnhof Aesch erscheinen die Wartenden wie eine überzählige Reisegruppe. Keine Durchsage ertönt, man ist auf sich gestellt und merkt früher oder später, dass man auf das andere Gleis muss, wenn man – wie ich zum Beispiel – nicht sieht, dass eine Zugangestellte zwischen den Leuten steht. Natürlich ist auch dieser Zug voll, natürlich müssen etliche ältere Menschen stehen und dass schon wieder nur mir und meiner Sitznachbarin in den Sinn kommt, dass man ihnen Platz machen kann, bringt mich erneut zum Kopfschütteln.

Eine überzählige Reisegruppe? Die Zugpassagiere warten auf den Ersatzbus in Aesch (BL).

 

Ein Abenteuer geht zu Ende

13:55 Uhr. Ich habe es geschafft, ich bin in Basel. Ich werde es heute noch schaffen, Tink.ch vorzustellen. Und wenigstens hat mein Abenteuer es mir erlaubt, Sonne zu tanken. Unser gemeinsames Leiden hat uns Reisende nähergebracht, ein Schwätzchen hier und da ist der positive Nebeneffekt einer aussergewöhnlichen Situation. Ich gehöre zu den über 400’000 Schweizer*innen, die ein Generalabonnement haben und von Jahr zu Jahr zahle ich mehr dafür. Diesen Luxus gönne ich mir gerne, Zugfahren ist mir wichtig, doch hat es die SBB an diesem Mittwoch geschafft, meine südamerikanischen, chaotischen Reiseerfahrungen zu übertreffen. Irgendwie habe ich es genossen, meine Mitmenschen zu beobachten und Gelassenheit zu üben. Doch dann denke ich an die junge Frau, die ihren Probetag hatte, an die älteren Menschen, die so reisen mussten und an die Leute, die wahrscheinlich ihren Flug verpasst haben und denke mir: wär’s wirklich nicht anders gegangen?

«Dr SCB isch dr geilscht Club»

Er wartet schon, an diesem Mittwochmittag, in einem Café in Bern, notabene zwei Tage nachdem sich der SCB in Zug zum zweiten Mal in Folge zum Eishockey Schweizer Meister küren lassen konnte. Von seinem Gipfeli ist schon fast nichts mehr übrig. «Tinu», stellt er sich vor. Martin Megert, wie er mit bürgerlichem Namen heisst, ist Informatiker. Neben seinem Beruf gibt es eine grosse Konstante in seinem Leben. Sie heisst SCB. Ich setzte mich ihm gegenüber hin. Wie sich herausstellt, ist Tinu genau wie ich in Burgdorf aufgewachsen. Während mich mein Vater an meinen ersten Match nach Langnau mitnahm, ging es für Tinu in die andere Richtung, nach Bern.

Das war der Beginn einer grossen Liebe. Heute ist der 56-Jährige der wahrscheinlich grösste SCB-Fan und ziemlich sicher auch der Bekannteste. Er ist Betreiber der Facebook-Seite «Hardboiled SCB», welche mittlerweile über 8000 Fans zählt. Auf dieser veröffentlicht er an jedem Spieltag spätestens eine Stunde nach dem Schlusspfiff einen Matchbericht, in dem er sich unzensiert seine Emotionen vom Leib schreibt. Diese Emotionen hat er nun auch in Buchform niedergeschrieben: «111 Gründe, den SCB zu lieben», heisst das gute Stück. Auch wenn sich Tinu für das Buch etwas zurückhalten musste, was die Sprache anging, ist sein Schreibstil deutlich erkennbar. «Ich bin wahnsinnig stolz auf das Buch, und auch auf mich», erzählt Tinu.

Seitenhiebe für Fribourg-Gottéron

«Der wichtigste Grund, den SCB zu lieben, ist ganz einfach: Der SCB ist ein geiler Club», sagt Tinu. Diesen einen, alles überspannenden Grund habe er dann, «wie ein Forensiker», aufgespalten in 111 Gründe. Drei Monate habe er jede Nacht daran geschrieben, immer mit der Deadline im Nacken. Er sei froh, dass er das Buch nicht während der Eishockeysaison schreiben musste, schmunzelt er. «Zusammen mit einem 100%-Job bin ich schon an meine Grenzen gekommen».

Das Buch ist eine Liebeserklärung an den SCB. Nicht immer sehr objektiv geschrieben, doch ausnahmslos ehrlich, interessant und auch lehrreich. Was auffällt: Gefühlt auf jeder zweiten Seite ist ein Seitenhieb gegen Fribourg-Gottéron versteckt. Diesen Club kann Tinu nicht ausstehen. «Weil es den HC Fribourg-Gottéron gibt», ist sogar der 39. Grund, den SCB zu lieben. Tinu erklärt, dass die Fribourger Fans «ekligi Cheibe» seien. Seine Erinnerungen an Fribourg seien nicht die besten, gibt er zu. Doch man könne sie auch nicht wirklich ernstnehmen, die chronisch erfolglosen Zähringer, die als einen der grössten Erfolge der Vereinsgeschichte den Vize Schweizer-Meister-Titel angeben, führt er weiter aus. Da seien ja sogar die Langnauer erfolgreicher – einen Titel gab es für die Langnauer 1976 zu feiern.

Der SCB als Kontaktbörse

Selbst der eingefleischteste SCB-Fan wird bei der Lektüre einige neue Dinge über seinen Lieblingsclub lernen. Etwa, dass die Band Europe extra für den SC Bern eine Ausnahme machte und ihren Hit «The Final Countdown», welcher nach jedem Berner Tor erklingt, zur Einweihung des neuen Stadions 2009 live spielte. Denn seit ihrem Comeback im Jahre 2004 weigerten sie sich standhaft, ihren grössten Hit live zu spielen. Auch Privates findet im Buch Platz: Martin Megert hat seine Frau an einem SCB-Spiel kennengelernt. Auch Randgeschichten von Spielern, Trainern und Schiedsrichtern finden in Tinus Werk Platz. In über 40 Jahren als SCB-Fan hat er vieles erlebt und kann so aus dem Nähkästchen plaudern. Die Liebe und Leidenschaft für den SCB ist in jeder Zeile spürbar.

Der Meisterfeier im Berner Stadion am Ostermontag blieb Tinu übrigens fern. «Bisher haben sie noch immer verloren, wenn ich an ein Public Viewing gegangen bin», so Tinu. Auch als der Titel im Trockenen war, blieb er zuhause: «Das war für mich ein schöner Abschluss der Saison». Er sei halt nicht mehr der Jüngste. Doch den Umzug durch die Berner Altstadt und die Feier auf dem Bundesplatz liess er sich nicht entgehen. «Das ist Ehrensache», meint der wohl grösste SCB-Fan, bevor er sich verabschieden muss. Er werde jetzt den Sommer geniessen.

Taktlos in Zürich

«Wann haben Sie das letzte Mal etwas zum ersten Mal gehört?», dieses Motto hat Taktlos des Ensembles Collegium Novum ausgeliehen und zu seinem gemacht. Beim Festival geht es um Musik, die fast niemand kennt und viele entdecken wollen. Die nächsten vier Tage kommen MusikerInnen aus 17 Ländern in der Roten Fabrik in Zürich zusammen, um ihre Stücke zu präsentieren. Einiges wird schräg, neu und alles bestimmt anders sein, denn genau um das geht es bei Taktlos: um Musik, die Neues wagt.

Heute Abend spielt die slowenische Komponistin Kaja Draksler mit ihrem Oktett die ersten Töne. Die multinationale Gruppe übt in Amsterdam, wo erfolgreich für Kulturförderung gekämpft wird und experimentelle Projekte unterstützt werden. In ihrem Stück «Canto XII» erklingen zu zeitgenössischer Musik Texte des chilenischen Dichters Pablo Neruda. Die acht MusikerInnen teilen sich einen klassischen-jazzigen Hintergrund und spielen mutig mit unkonventionellen Formen. Der Donnerstag wird von Amok Amor in die Dunkelheit begleitet, virtuosen Jazz, lebendige Sechziger und Furchtlosigkeit treiben die vier Männer voran.

Dieses Jahr wird es auch neben der Musik Neuheiten geben. Fredi Bosshard, der Taktlos im Jahre 1984 mit dem Verein Jazzfabrik mitgegründet hat und seit daher jedes Jahr organisiert, gibt das Projekt in neue Hände. Er ist nun 68 Jahre alt und denkt, dass dem Festival ein frischer Wind bestimmt guttun wird. Ab 2018 wird der neue, junge Verein Taktlos das Festival leiten. Fredi Bosshard hat keine Angst vor Veränderungen, im Gegenteil: «Ich hoffe schwer, dass sie neue Ideen, neue Musik und ihren Groove mitbringen.» Das Festival müsse ja ihrem Zeitgeist entsprechen. Als Bosshard das Festival in den 80er Jahren gegründet hat, war Zürich in Aufbruchstimmung, die Jugend hat für ihren Platz gekämpft. Die Musikszene war klein: «Wir haben die ersten Konzerte in der Roten Fabrik organisiert, daneben gab es noch den Plattenladen recrec und das Radio Lora. Das war’s.» Heute sei Zürich eine ganz andere Stadt mit vielen gut Ausgebildeten MusikerInnen und wahnsinnig vielen Angeboten. Und so meint Bosshard, «ist das Festival schon noch von unserer Zeit etwas geprägt». Das dürfe sich heute gerne ändern. Die Gegenwart hat wieder andere Geschichten zu erzählen.

Fredi Bosshard hat einige Kontakte in Deutschland und reist regelmässig an verschiedenste Festivals. Dort entdeckt er spannende Bands und fragt sie für Taktlos an. Wichtig ist den OrganisatorInnen so einiges, und sie halten sich streng an ihre Prinzipien: «Fünf von zehn Bands wurden von Frauen initiiert», das war Bosshard schon von Beginn ein Anliegen. Zudem möchten sie den MusikerInnen faire Löhne bezahlen, ihnen einen anständigen Rahmen bieten und das könnten sie, dank den Subventionen der Stadt Zürich. Damit würden auch überrissene Eintrittspreise vermieden. «Das mussten wir uns alles erarbeiten, mussten der Stadt beweisen, dass wir wirklich etwas Richtiges machen wollen.» In den Anfängen haben sie noch Sandwiches verkauft und wenn wenig Publikum kam, «mussten wir eine Woche nach dem Festival noch Sandwiches essen.» Nur so hätten sie gelernt, wie es funktioniert. Zudem haben sie starke Beziehungen mit der Roten Fabrik gepflegt, sich auch gegenseitig unterstützt. Genau deshalb will Bosshard dem neuen Verein Taktlos auch alle Freiheiten lassen.

Am Freitag geht es mit dem Lisa Ullén Quartett zärtlich weiter. Die Norwegerin Lisa Ullén improvisierte schon während ihres Pianostudiums mit den Innereien des Klaviers. Um 22.30 Uhr wird es dann mit dem Hedvi Mollestad Trio richtig laut. Die Band vermischt Jazz, Rock und Metal mit allem, was ihnen sonst noch in den Sinn kommt. Auch am Samstag wird ein spannendes Programm erwartet. Die Altsaxofonistin Julie Kjaer lebt seit einigen Jahren in London und hat dort mit zwei 80er-Jahre-Musikern ein Trio gegründet. Die drei sind in der «Powerhouse-Rhytmusszene» in London erfolgreich und spielen am Samstag um 20 Uhr in der Roten Fabrik. Kjaer reist danach alleine nach Japan weiter.

Fredi Bosshards «Perle» können wir am Sonntag um 17 Uhr bestaunen. Flury und die Nachgeborenen sind neun MusikerInnen, die alle aus einem anderen Bereich kommen. Da vermischen sich etwa zwei Sängerinnen, ein DJ, ein Pianist und zwei Perkussionisten und stellen den Jazz auf den Kopf. Aber das ist gut so, mein Fredi Bosshard: «wir wollen gerne aus dem Rahmen fallen.»

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YB lässt seine Fans träumen

Foto: Thomas Hodel

Viele Zweikämpfe

Die erste Halbzeit war geprägt von vielen hart geführten Zweikämpfen und zwei stark aufspielenden Abwehrketten. Nur selten konnten die Offensivspieler beider Mannschaften in eine gefährliche Position gebracht werden.

Weder Steffen beim FCB, noch Sulejmani konnten ihre Freiheiten ausnützen und so war das logische Halbzeitresultat 0-0.

Einzelleistungen entscheiden das Spiel

Das Heimteam kam stärker aus der Kabine und spielte mit viel Druck nach vorne. In der 58. Minute passte der stark aufspielende YB-Verteidiger Benito auf Yoric Ravet. Dieser lässt mit seinem Dribbling Luca Zuffi alt aussehen und schlenzt den Ball herrlich an Vaclik vorbei ins Tor. Das ausverkaufte Stade de Suisse stand kopf. Keine Minute später hatte Sulejmani das nächste Tor auf dem Fuss, doch er verzog kläglich.

In der 80. Minute besiegte Sulejmani schliesslich endgültig das FCB. Einen Freistoss aus rund 25 Metern versenkte er nahezu perfekt ins Tor.

YB-Debütant Christian Fassnacht war nach dem Spiel zufrieden: «Es ist natürlich toll, gegen den Meister zu gewinnen, aber das war bloss das erste Spiel und jetzt kommt Dynamo Kiew, dies ist noch ein härterer Brocken. Nach der zweiten Halbzeit von heute dürfen wir jedoch zuversichtlich sein.»

Gurtenfestival: Lo & Leduc besiegen Züri West

Für die Veranstalter hat sich das Festival auf jeden Fall gelohnt: Alle vier Tage des 34. Gurtenfestival waren ausverkauft. 61 Live-Acts und 63 DJs bespielten bei gutem Wetter den Berner Hausberg. Darunter auch Züri West.

Jüngeres Publikum

Diese gehören zum Gurtenfestival wie die Gurtenbahn. Auch bei ihrem diesjährigen Auftritt vor Heimpublikum war die Hauptbühne voll mit musikbegeisterten Besuchern. Wer sich in der Menge umsah, konnte sehen, dass die Masse sich auf die Berner Stammgäste freuten. Als die bekannten, älteren Lieder angespielt wurden, stimmten alle mit ein. Trotzdem konnte man eine gewisse Verhaltenheit ausmachen, welche die Gurtengänger zu bremsen schien. Um für mehr als eine Stunde zu überzeugen, dafür war der Auftritt zu wenig inspiriert. Er wirkte gewohnt, ja, routiniert.

Ein Grund für die fehlende Euphorie dürfte das Alter der Festivalbesucher sein. Die Zuhörer der neuen Alben von Züri West sind wohl eher älter als der Altersdurchschnitt der insgesamt 80’000 Festivalbesucher auf dem Berner Hausberg. Ganz anders bei Lo & Leduc: Die beiden Rapper sind ebenfalls in Bern aufgewachsen und ihr Auftritt war ein Genuss. Die grossartige Stimmung trug klar dazu bei. Sie erzeugten eine starke Dynamik und trieben die Zuschauer an. Das Publikum erklärte sie klar zum Sieger der beiden Berner Gruppen.

Antikaptialisten und einhändige Saxophonisten

Auch die bekannten zweisprachigen Antikapitalisten Irie Revolté wussten, wie man Stimmung erzeugt. Als am Freitagnachmittag die Hauptbühne noch halb leer war, halfen sie den schwächenden Festivalgängern, sich den Kater aus den Knochen zu schütteln. Immer wieder forderten sie die Leute erfolgreich zum Mitmachen auf. Auch wenn der Antifa-Auftritt mit linken Parolen etwas komisch auf einem sehr kommerziell ausgerichteten Festival wirkt, so überzeugten sie doch mit einem kurzen, aber kraftvollen Auftritt. Bei ihrem letzten Lied trat die ganze Band nach vorne und sang ohne Instrumente mehrstimmig «Merci». Das dürfte bei vielen Besuchern für einen Gänsehaut-Moment gesorgt haben.

Die vielseitige Bläserband der Lucky Chops konnte mit erfrischender Musik die Leute bei Laune halten. Mit vielen Soli- und einfallsreichen Showeinlagen gewannen sie die Herzen der Zeltbühnenbesucher. Als der Saxophonist mit einer Hand spielte und mit der anderen das Publikum zum Mitmachen einlud, wurde der Applaus hörbar lauter. Ein rundum gelungener Auftritt der New Yorker.

Die Gurtengänger zeigten sich sowieso von ihrer besten Seite: Die Security-Firma verzeichnete keinen grossen Zwischenfälle. Man darf sich schon auf nächsten Sommer freuen, wenn der Güsche erneut erbebt.

Gesund und krank spazieren Hand in Hand

In gut sichtbaren Lettern prangt auf den violett getönten Plakaten des wildwuchs Theaterfestivals das Leitmotiv der achten Ausgabe: «Wir sind viele.» Doch welche Personengruppe versteckt sich hinter dem Personalpronomen «wir»? Impliziert der Begriff des «wir» nicht immer auch die Existenz eines «anderen», welches ausserhalb des «wir» angesiedelt ist und systematisch ausgegrenzt wird? Und nach welchen Regeln wird die Zughörigkeit zu einer der beiden Gruppierungen überhaupt determiniert? Tatsächlich bildete die Frage nach der Definition von Innen und Aussen den thematischen Schwerpunkt des diesjährigen Festivals, als dessen Gastspielort neben der Kaserne und dem ROXY Birsfelden die Universitären Psychiatrischen Kliniken (UPK) dienten. Fragen der Inklusion von Menschen mit körperlicher und psychischer Beeinträchtigung sowie der gesellschaftlichen und kulturellen Heterogenität wurden während den beiden ersten Juni-Wochen in unterschiedlichen theatralen Formaten aufgegriffen.

Vertrauensgestus

Mit einem vertrauten Menschen Hand in Hand müssig durch das Stadtzentrum zu flanieren bedarf kaum grosser Überwindung. Sich jedoch einem völlig fremden Menschen anzuvertrauen, von diesem an der Hand genommen und durch die Stadt geführt zu werden schon. Händchenhalten ist eine intime Geste, die von gegenseitigem Vertrauen zeugt und zwischen zwei Menschen eine körperliche und emotionale Brücke herzustellen vermag. Das Projekt «Walking:Holding» der britischen Performance-Künstlerin Rosana Cade greift diesen Aspekt auf und erweitert ihn um ein zusätzliches Irritationsmoment: Die Begleitung ist eine völlig unbekannte Person, eine der «anderen». Es versteht sich als ein experimenteller Spaziergang, bei dem die Teilnehmer an der Hand von eigens für den jeweiligen Durchführungsort gecasteten «Handhaltern» aller Altersstufen, sozialen Gruppen und geschlechtlicher Ausprägungen durch die belebteren Basler Stadtteile schlendern.

Handhalter erzählen

Den Teilnehmern bieten sich verschiedene Möglichkeiten, um auf die befremdlich wirkende Situation zu reagieren. Die Verfasserin des Artikels entscheidet sich für den kommunikativen Austausch mit den insgesamt sieben Darstellern, welche sie im Verlauf von einer Stunde etappenweise über die Mittlere Brücke, in die Freie Strasse und zur Münsterplattform gelotst haben. Und erfährt dabei zum Teil auch sehr persönliche Anekdoten: Dass das Theaterspiel ihre Leidenschaft sei, erzählt die Schülerin mit den verheilten Ritznarben an den Armen. Dass er die kulturelle Vielfalt von Basel schätze, meint der Theater- und Filmschaffende aus Mali. Dass die Kommunikation mit englischsprachigen Teilnehmern für ihn schwierig sei, gesteht der ältere Herr mit dem Armstumpf. Dass die Paarbildung dunkelhäutiger Mann mit hellhäutiger Frau meist mehr Blicke auf sich ziehe, stellt die Frau mittleren Alters fest.

Gemischte Gefühle

Im Gespräch vergehen die 60 Minuten wie im Flug, die irritierten oder missbilligenden Blicke des Umfelds lassen sich ebenfalls leichter ausblenden. Eine grundlegende Veränderung der eigenen Wahrnehmung brachte dieses Erlebnis für die Verfasserin jedoch nicht mit sich. Das Stück hinterlässt als Plädoyer für mehr Akzeptanz gemischte Gefühle, konfrontiert es die Teilnehmer zwar mit den eigenen Vorurteilen, dies jedoch nur während kurzer Zeit und im Rahmen einer durch und durch künstlichen Situation. Es bleibt jedenfalls zweifelhaft, ob die Teilnehmer des Spaziergangs sich die Aufforderung des Programmtextes, öfter mal Hand in Hand mit jemandem spazieren zu gehen auch zu Herzen nehmen werden.

Spaziergang mit Stimmen im Ohr

Als eher konventioneller Hör-Spaziergang mit Kopfhörer präsentiert sich hingegen das Stück «Dazwischenland» des Kollektivs Firma für Zwischenbereiche. Eine souverän klingende glatte Männerstimme lotst die zeitlich versetzt startenden Teilnehmer unter häufiger Betonung, sich respektvoll zu verhalten über das weitläufige Gelände der im Basler Niemandsland kurz vor der französischen Grenze angesiedelten UPK und liefert dabei einen kurzen Abriss der Geschichte der Institution. Regelmässige dumpfe Schläge geben im Sinne eines akustischen Herzschrittmachers das ideale Schritttempo vor. Eingestreute Interviewfragmente, in denen Patientinnen und Patienten Details aus ihrer Lebensrealität und ihrem Umgang mit der Krankheit preisgeben, runden den Audiowalk ab. So weit, so unspektakulär, wäre da nicht die neckische Frauenstimme, welche den um korrektes Verhalten bemühten Sprecher immer wieder unterbricht, frech zur Missachtung seiner Anweisungen auffordert, in bewusst reisserischer Manier saftige Informationen zu der Einrichtung preisgibt und sich schliesslich gar als imaginäres Konstrukt der Männerstimme ausgibt – ein Verweis auf die bei Schizophrenie-Patienten auftretenden Halluzinationen.

Kuchen als verbindendes Element

Der Reiz dieser auditiven Führung durch die idyllische Parkanlage der Psychiatrie liegt in ihrer wiederholten spielerisch-provokanten Transgression der Realitätsebenen. Die Grenzen zwischen Krankheit und Normalität, dem «wir» und den «anderen» werden im Verlauf des Rundgangs als durchlässig entlarvt. «Psychische Erkrankungen können jeden Menschen treffen», lautet die simplizistisch anmutende, jedoch durchaus berechtigte Botschaft des Hör-Spaziergangs. Die Jurte der Mach-Bar des Kollektivs OPUS 89 bildet die Schlussstation des Audiowalks, wo schlussendlich sämtliche Fäden zusammengeführt werden. Patienten der UPK; Pflegepersonal, Theaterschaffende und Festivalbesucher statten dem kulinarischen Treffpunk auf dem Gelände der Kliniken einen Besuch ab. Allesamt vereint in der Wertschätzung des hausgemachten Kuchenbüffets.

Mehr Informationen findet ihr auf der Seite des wildwuchs Festivals.

Der nachhaltige Filmtipp – Code of Survival

«Eigentlich sollte man den besten Anzug anziehen, wenn man auf den Acker geht. Man muss Ehrfurcht vor dem Boden haben, denn er ist unsere Lebensgrundlage», sagt Bio-Bauer Franz Aunkofer im Film. Er war einer der ersten Bio-Bauern Deutschlands und erwirtschaftet inzwischen praktisch denselben Ertrag wie im konventionellen Anbau – ohne Gift und im Einklang mit der Natur. Der Alltag in der industriellen Landwirtschaft sieht anders aus. Dort bauen die Landwirte seit vielen Jahren Gentech-Pflanzen an und behandeln sie mit Glyphosat-haltigen Herbiziden wie Roundup. Die Resultate: resistentes Unkraut, das sich unkontrolliert vermehrt und harte Böden, auf denen nichts mehr wächst.

Regisseur Bertram Verhaag stellt der industriellen Landwirtschaft in den USA drei Beispiele aus Deutschland, Ägypten und Indien gegenüber. Er zeigt, wie die biologische Landwirtschaft dort aus kaputten Böden fruchtbare Äcker macht, welche hohe Qualität produzieren und die Artenvielfalt steigern. Die Formel des Überlebens – der Code of Survival – liegt in der nachhaltigen und biologischen Bewirtschaftung des Bodens, wie es Jane Goodall am Ende des Films formuliert: «Wir sollten mit der Natur zusammenarbeiten, nicht gegen sie. Nur dann können wir es schaffen, die Natur und das Land wiederherzustellen»

Dieser Film sowie weitere Filme zu diesem Thema sind auf der Filmseite Gentech + Saatgut aufgelistet.

Die DVD des Films ist hier erhältlich.

Dieser Eintrag erschien am 06.06.2017 auf dem Blog von unserem Partner Filme für die Erde.

Ein Busfahrer als «Bernmobil-Sohn»

Auch ich steige häufig in den Bus ein. Insbesondere im Winter, wenn es kalt ist und ich keine Lust habe, in der Schule halb erforen anzukommen. Mit den Busfahrern habe ich bis anhin noch nie gesprochen, zumindest in Bern nicht.

Als ich letzten Sommer in einer Kleinstadt an der Ostküste Irlands für einen Sprachaufenthalt war, benutzte ich täglich den Bus. Zur Schule gings mit dem Schulbus, in dem ich den Fahrern lediglich ein freundliches «How are you?» zurief. Am Abend benutzte ich jeweils den öffentlichen Bus. Ich bemerkte, dass die Einheimischen mit den Busfahrern immer intensive Gespräche begannen, anders als ich es von Bern kannte. Schliesslich wurden jeweils auch wir Sprachstudentinnen und Sprachstudenten in die Konversation eingebunden und diskutierten über das Wetter, über unsere Heimatländer oder über den Brexit, der damals noch ein frischer Schock für die Iren war.

Mein Gespräch mit einem Busfahrer in Bern fand nicht im Bus, sondern in der Bernmobil-Garage am Eigerplatz statt. Es war später Nachmittag und somit waren die meisten Busse auf den Strassen und Kurven Berns unterwegs. In der Garage standen einige Busse zur Reperatur bereit. Ich hatte die Gelegenheit, mit Mariano Altomonte zu sprechen. Mariano Altomonte arbeitet seit September 2012 bei Bernmobil, wo er auch seine Ausbildung gemacht hat. Er bezeichnet sich deshalb als «Bernmobil-Sohn». Die Ausbildungen für Tram, Bus und Trolley-Bus hat er bestanden und er ist jeden Tag für verschiedene Linien und an verschiedenen Uhrzeiten im Einsatz.

Weshalb es in den Berner Bussen kaum Gespräche zwischen den Busfahrern und Fahrgästen gibt, wollte ich als erstes von Mariano Altomonte wissen. Er beobachte, dass es bei diesem Thema einen Stadt-Land-Unterschied gebe: «In der Stadt steigt der Fahrgast ein, steigt aus und das war’s.» Im Aussennetz, in dem Altomonte zu Beginn arbeitete, sei es viel familiärer zu- und hergegangen. Von manchen Passagieren wisse man mit der Zeit, wer sie sind und man komme mit ihnen immer wieder ins Gespräch. In der Stadt komme das viel weniger vor. Zu Neujahr oder zum Valentinstag komme es häufig vor, dass Leute extra vorne aussteigen, kurz mit den Fahrern reden und manchmal sogar einen Schoggi als Zeichen der Dankbarkeit schenken. Das freut Altomonte jeweils ganz besonders.

Der lustigste Busfahrer-Moment für Mariano Altomonte passierte in Konolfingen, als jemand seinen vollen Migros-Wagen im Bus vergessen hatte. Ein Mitarbeiter der BLS am Bahnhof Konolfingen teilte ihm mit, dass dieser Fahrgast an einer Haltestelle auf ihn warten würde. Und tatsächlich stand der Mann an abgemachter Haltestelle zu abgemachter Uhrzeit und konnte seinen Wagen entgegennehmen. Als Dank schenkte dieser dem Busfahrer Altomonte eine Flasche Rotwein. «Das ist wirklich cool gewesen», fügte Altomonte beim Erzählen der Geschichte lachend hinzu.

Unangenehme Situationen seien vor allem auf den Verkehr zurückzuführen – zum Beispiel wenn er eine Vollbremsung machen müsse. Wenn es zu heiklen Situationen komme, etwa mit Betrunkenen, sei dies vor allem für die anderen Fahrgäste unangenehm. Für allfällige Schlichtungen seien aber nicht die Busfahrer, sondern anderes Personal zuständig.

Ich sprach den Busfahrer auf folgende Situation an, die ich schon öfter beobachtet habe oder ich gar selbst davon betroffen war: Wenn man zu spät dran ist und auf den Bus zurennt, gibt es manche Fahrer, die warten, andere fahren vorher ab. Altomonte betonte, dass dies nicht aus bösem Wille geschehe. Teilweise sei das Warten nicht möglich, insbesondere zu Stosszeiten, da zu dieser Zeit ein Bus nach dem anderen fährt und man den Fahrplan einhalten muss. Ansonsten versuche er, so oft wie möglich zu warten. Enttäuscht musste ich feststellen, dass die Busfahrer keine Wetten untereinander abschliessen, wie oft ein Busfahrer den Passagieren vor der Nase wegfährt.

Es scheint, dass für die Busfahrer trotz der Hektik immer genügend Zeit vorhanden ist, um deren Kollegen zu grüssen. Das Zeichen sei schlicht ein verbindendes Ritual, das sie vom ersten Tag an vermittelt bekämen. Von den ungefähr 600 Fahrern kennt Mariano Altomonte längst nicht alle, gegrüsst werde von ihm jedoch jeder.

Zum Schluss wollte ich noch von ihm wissen, warum er zusätzlich auch noch die Tramausbildung gemacht hat (welche er erst kurz vor unserem Interview erfolgreich absolviert hatte). Dies habe nichts damit zu tun gehabt, dass momentan immer wieder diskutiert werde, ob Bus- durch Tramlinien ersetzt werden sollen. «Ich finde es einfach gut, wenn ich die Auswahl zwischen Bus, Trolleybus und Tram habe. Tram und Bus sind zwei Paar Schuhe; man kann diese nicht vergleichen».

Mit Graffiti Freiräume schaffen

Das Wichtigste am Eingang ist die Unterschrift. Ohne einen Haftungsausschluss zu unterschreiben, kommt niemand legal aufs Gelände: Auf dem Teufelsberg mitten im Berliner Grunewald herrschen zwar eigene Regeln, doch Sicherheit muss trotzdem sein. Immerhin betreten wir hier marodes Bauwerk – original aus dem Kalten Krieg. Und dennoch geht es auf dem Teufelsberg nicht bloss um den Kult des Verlassenen, Zerfallenen und Überwucherten. Es geht auch um künstlerische und gesellschaftliche Freiheit.

Vom Trümmerberg zur Lauschstation

Den Teufelsberg gibt es erst seit dem Ende des zweiten Weltkriegs. Damals lag in der Hauptstadt jede Menge Schutt und Trümmer. Um Neuem Platz zu machen, türmte man am Rand der Stadt alles auf einen Haufen. Dieser Haufen ist jetzt 120 Meter hoch und nebst der Berliner Mauer eines der eindrücklichsten Kultur- und Zeitdenkmäler aus dem Kalten Krieg.

Lange Zeit wurde der ehemals höchste Berg Berlins durch die Alliierten als Abhörstation verwendet. Die ersten mobilen Anlagen wurden 1961 aufgefahren, ab 1963 baute man die noch heute stehenden Gebäude mitsamt den unverwechselbaren Radomen – grosse Antennenkuppeln, unter denen früher das Spionagegerät eingebaut war. Was dort oben genau gemacht wurde, weiss niemand so genau. Es ging wohl um Signalstörung und die Abhörung des sowjetischen Funkverkehrs. Vielleicht werden wir es im Jahr 2022 erfahren, wenn die Akten der Geheimdienste der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden.

Mit der deutschen Wiedervereinigung verlor man das Interesse am Abhören. Erst wurde in den Anlagen noch der zivile Luftverkehr überwacht, doch um die Jahrtausendwende wurde das ganze Gelände an private Investor*innen verkauft. Der ursprüngliche Plan, dort ein Tagungshotel, ein Spionagemuseum, Wohnungen und eine Gaststätte zu bauen, ging nicht auf. Es gab Widerstand aus der Bevölkerung und irgendwann folgten auch finanzielle Probleme. Und so stand das Gelände viele Jahre brach.

Ein Freiraum für Kunstschaffende

Es sollte bis 2010 dauern, bis sich mit Shalmon Abraham ein Pächter fand, der Besuche im mittlerweile ziemlich heruntergekommen verlassenen Ort ermöglichte. Durch die ungenutzten Jahre waren die Gebäude und die auffälligen Radome teilweise beschädigt. Noch heute ist vieles zerfetzt und zerfallen. Gleichzeitig mit dem Neustart wurde auch eine grosse Graffiti Galerie initiiert. Die hohen Räume und die vielen neu hochgezogenen Wände waren wie geschaffen für Murals und Street Art. So entwickelte sich die ehemalige Abhörstation in den letzten Jahren zu einem Freiraum der Kreativität.

 

Doch es gab auch Konflikte. Einige befürchteten, dass es mit dem verlangten Eintritt bloss ums Geld ginge. Was ehemals ein Ort der Entdeckens, der Einsamkeit und der Abenteuerlust war, drohte stattdessen im Kommerz zu versinken. Auch darum wurde Marvin Schütte – Sohn eines der Eigentümer – 2015 neuer Pächter des Teufelsbergs. Im Gegensatz zu früher sollte es nun nicht mehr um den Profit gehen. Dies entspräche auch dem Wunsch einiger aus der Bevölkerung, welche den Teufelsberg «zu einer modernen, überregionalen Austauschplattform und Denkfabrik für Kultur, Kunst, Geschichte, Technik, Natur und neue Wirtschaftsmodelle« machen möchten, wie der unabhängige Verein Initiative Kultur-DENK-MAL Berliner Teufelsberg in seinem Manifest schreibt. Trotzdem zahlen Besucher*innen auch heute noch Eintritt.

Rundgang zwischen Vergangenheit und Zukunft

Als einzigartiges historisches Kulturdenkmal hat der Teufelsberg einen grossen Wert für die allgemeine Bevölkerung. Durch die geregelte Nutzung ist es möglich, dass alle dieses Zeugnis der alliierten Besatzung erleben können. Ein blosses Denkmal der Vergangenheit ist der Teufelsberg aber trotzdem nicht. Im Gegenteil: Vieles ist hier lebendig und im Entstehen begriffen. Es gibt ein kleines Kaffeehäuschen, einen Essensstand und natürlich jede Menge zu entdecken. Im ersten Stock des Hauptgebäudes haben sich Künstler*innen in eigenen Ateliers eingerich

tet und verkaufen vor Ort ihre Werke. Nicht zuletzt zeigen die über 300 Graffiti und Kunstinstallationen wie unglaublich vielseitig und aktiv dieser Ort ist.

Natürlich gibt es auch solche, für die der Teufelsberg ein Schandfleck ist. Die ausgefallene Street Art gefällt nicht jedem und jeder. Und noch immer sind die Zeichen des Zerfalls und der jahrelangen Vernachlässigung zu sehen. Vieles ist wohl für immer zerstört. Doch vielleicht ist gerade das der grosse Reiz dieses Ortes, wo man die dicke Luft des Kalten Krieges förmlich einatmen kann.

Nächster Halt: 3 Stunden Verspätung.

9:12 Uhr: ich steige in den Bus. Heute werden Jacqueline und ich Tink.ch an der Universität Basel vorstellen. Ich freue mich, neue Schreiberlinge für unser Magazin zu gewinnen. Von Neuchâtel nach Biel, von Biel nach Basel: das ist der kinderleichte Plan. Voraussichtliche Ankunft: 10:53 Uhr. Dass ich erst um 13:55 Uhr ankommen würde, ahne ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Noch weniger ahne ich, dass dies ein faszinierendes, aber anstrengendes Abenteuer werden würde.

Wir bleiben stehen

Wie so mancher homo technologicus wische ich auf meinem Smartphone herum, so ganz geistig anwesend bin ich nicht, erst nach einer Weile merke ich, dass wir auffällig lange an diesem Bahnhof stehen. Laufen – der Name dieser Ortschaft ist so passend, dass er Teil eines Drehbuches zu sein scheint. «Problem mit den Sicherheitsanlagen in Grellingen», ertönt es vom Lautsprecher. Wir müssen aussteigen, der Zug kann nicht weiterfahren und wir müssen am Bahnhof auf weitere Informationen warten. Leute mit grossen Koffern, junge und alte Menschen, Kinder: dieses Gleis 2 ist wohl nie so dicht besiedelt gewesen wie heute. Die Ersten tippen wild auf ihrem Smartphone herum, einige telefonieren, ziemlich viele ziehen nervös an ihrer Zigarette. Die S3 nach Olten fällt aus. Unsere nächste Möglichkeit, nach Basel zu kommen, ist eine halbe Stunde später. Erst um 11:50 Uhr werde ich da sein, ich werde die erste Präsentation von Tink.ch verpassen. Schade, aber zum Glück haben wir geplant, eine zweite um 14:15 Uhr zu halten.

Mit einem Sandwich in der Hand laufe ich zurück an den Bahnhof, auf dem Gleis 4 steht bereits unser Zug. Die S3 ist klein und die Leute sind viele, das Gepäck der Passagiere, die wahrscheinlich an den Flughafen gehen, ist sperrig. Wir steigen ein, ich setze mich hin, der Zug fährt ab. «Was machst du denn hier?» – «Mein Zug ist ausgefallen, ich muss nach Basel» – «Ah, deshalb ist der Zug so voll!». Die Leute sind entspannt, erzählen einander von ihrem Tag und ihren Plänen.

Fahren oder Laufen?

«Ja hallo, entschuldigen Sie bitte, ich werde verspätet sein, der Zug ist ausgefallen», sie spricht mit einem accent francophone. Es wird ruhig: Zwingen, schon eine Weile stehen wir an diesem Bahnhof, ohne informiert zu werden, was geschehen ist. Die Stimme des Lokomotivführers ertönt, er entschuldigt sich, die Störung hält an, voraussichtlich werden wir ein paar Minuten verspätet sein. Er scheint nervös, die Situation scheint ihm hörbar unbequem zu sein. Aus ein paar Minuten wird «unbestimmte Zeit» und dann: wir müssen nach Laufen zurückfahren, da werden Ersatzbusse zur Verfügung stehen. Gelächter bricht aus, Gefluche ertönt. Ich übersetze meiner Sitznachbarin die Durchsage. Heute ist ihr Probetag für einen neuen Job, jetzt bereut sie es, nicht mit dem Auto gefahren zu sein.

Die Masse bewegt sich Richtung Busbahnhof fort, zu den bisherigen Passagieren kommen nun neue Ankömmlinge hinzu. Es werden immer mehr und die beiden Busse, die gerade anfahren, sind auch im Nu schon vollgestopft. Ein alter Mann mit Gehstöcken versucht einzusteigen, erst nachdem ich schimpfe, machen die Leute ihm Platz. Seine Frau versucht verzweifelt einzusteigen, sie schleppt zwei grosse Koffer. Ich mache ihr Platz, «Ich habe Zeit». Wie so viele stehe ich nun wieder in der warmen Sonne, die irgendwie die Stimmung trotz allem zu erhellen scheint.

Über den Röstigraben und fehlende Informationen

«On fait 5 kilomètres et on ne comprend déjà plus rien». Diese Dame ist nicht die Einzige, die sich zu beschweren scheint, dass die Durchsagen alle auf Deutsch waren. Eine zweite, ältere Dame erklärt mir, dass sie lange nicht verstand, was geschehen sei. Ein erstaunliches Vorgehen auf einer zweisprachigen Strecke, doch was mich zunehmend beeindruckt, ist, dass die Leute so ruhig und zivilisiert zu bleiben scheinen.

Ich warte. 10 Minuten, 30 Minuten. Nach ungefähr 50 Minuten ist der nächste Bus da, ich schaffe es rein. Dass die SBB jedoch keinen Plan hat, um Leuten, die schon länger warten, den Vortritt zu lassen und sicherzustellen, dass ältere Menschen und Kinder sicher reisen können, schockiert mich. So zusammengepfercht zu reisen, hat jedoch einen Vorteil: es ist fast unmöglich, in einer Kurve umzufallen. Die Fahrgäste im Bus nehmen es mit Humor. Ob jedoch diejenigen, die an den Haltestellen zwischen Laufen und dem Terminal stehen und auch in diesen Bus nicht einsteigen können, es noch mit Humor nehmen, ist unklar.

Auch der dritte Bahnersatzbus zwischen Laufen und Aesch (BL) ist überladen.

 

Am Bahnhof Aesch erscheinen die Wartenden wie eine überzählige Reisegruppe. Keine Durchsage ertönt, man ist auf sich gestellt und merkt früher oder später, dass man auf das andere Gleis muss, wenn man – wie ich zum Beispiel – nicht sieht, dass eine Zugangestellte zwischen den Leuten steht. Natürlich ist auch dieser Zug voll, natürlich müssen etliche ältere Menschen stehen und dass schon wieder nur mir und meiner Sitznachbarin in den Sinn kommt, dass man ihnen Platz machen kann, bringt mich erneut zum Kopfschütteln.

Eine überzählige Reisegruppe? Die Zugpassagiere warten auf den Ersatzbus in Aesch (BL).

 

Ein Abenteuer geht zu Ende

13:55 Uhr. Ich habe es geschafft, ich bin in Basel. Ich werde es heute noch schaffen, Tink.ch vorzustellen. Und wenigstens hat mein Abenteuer es mir erlaubt, Sonne zu tanken. Unser gemeinsames Leiden hat uns Reisende nähergebracht, ein Schwätzchen hier und da ist der positive Nebeneffekt einer aussergewöhnlichen Situation. Ich gehöre zu den über 400’000 Schweizer*innen, die ein Generalabonnement haben und von Jahr zu Jahr zahle ich mehr dafür. Diesen Luxus gönne ich mir gerne, Zugfahren ist mir wichtig, doch hat es die SBB an diesem Mittwoch geschafft, meine südamerikanischen, chaotischen Reiseerfahrungen zu übertreffen. Irgendwie habe ich es genossen, meine Mitmenschen zu beobachten und Gelassenheit zu üben. Doch dann denke ich an die junge Frau, die ihren Probetag hatte, an die älteren Menschen, die so reisen mussten und an die Leute, die wahrscheinlich ihren Flug verpasst haben und denke mir: wär’s wirklich nicht anders gegangen?

«Dr SCB isch dr geilscht Club»

Er wartet schon, an diesem Mittwochmittag, in einem Café in Bern, notabene zwei Tage nachdem sich der SCB in Zug zum zweiten Mal in Folge zum Eishockey Schweizer Meister küren lassen konnte. Von seinem Gipfeli ist schon fast nichts mehr übrig. «Tinu», stellt er sich vor. Martin Megert, wie er mit bürgerlichem Namen heisst, ist Informatiker. Neben seinem Beruf gibt es eine grosse Konstante in seinem Leben. Sie heisst SCB. Ich setzte mich ihm gegenüber hin. Wie sich herausstellt, ist Tinu genau wie ich in Burgdorf aufgewachsen. Während mich mein Vater an meinen ersten Match nach Langnau mitnahm, ging es für Tinu in die andere Richtung, nach Bern.

Das war der Beginn einer grossen Liebe. Heute ist der 56-Jährige der wahrscheinlich grösste SCB-Fan und ziemlich sicher auch der Bekannteste. Er ist Betreiber der Facebook-Seite «Hardboiled SCB», welche mittlerweile über 8000 Fans zählt. Auf dieser veröffentlicht er an jedem Spieltag spätestens eine Stunde nach dem Schlusspfiff einen Matchbericht, in dem er sich unzensiert seine Emotionen vom Leib schreibt. Diese Emotionen hat er nun auch in Buchform niedergeschrieben: «111 Gründe, den SCB zu lieben», heisst das gute Stück. Auch wenn sich Tinu für das Buch etwas zurückhalten musste, was die Sprache anging, ist sein Schreibstil deutlich erkennbar. «Ich bin wahnsinnig stolz auf das Buch, und auch auf mich», erzählt Tinu.

Seitenhiebe für Fribourg-Gottéron

«Der wichtigste Grund, den SCB zu lieben, ist ganz einfach: Der SCB ist ein geiler Club», sagt Tinu. Diesen einen, alles überspannenden Grund habe er dann, «wie ein Forensiker», aufgespalten in 111 Gründe. Drei Monate habe er jede Nacht daran geschrieben, immer mit der Deadline im Nacken. Er sei froh, dass er das Buch nicht während der Eishockeysaison schreiben musste, schmunzelt er. «Zusammen mit einem 100%-Job bin ich schon an meine Grenzen gekommen».

Das Buch ist eine Liebeserklärung an den SCB. Nicht immer sehr objektiv geschrieben, doch ausnahmslos ehrlich, interessant und auch lehrreich. Was auffällt: Gefühlt auf jeder zweiten Seite ist ein Seitenhieb gegen Fribourg-Gottéron versteckt. Diesen Club kann Tinu nicht ausstehen. «Weil es den HC Fribourg-Gottéron gibt», ist sogar der 39. Grund, den SCB zu lieben. Tinu erklärt, dass die Fribourger Fans «ekligi Cheibe» seien. Seine Erinnerungen an Fribourg seien nicht die besten, gibt er zu. Doch man könne sie auch nicht wirklich ernstnehmen, die chronisch erfolglosen Zähringer, die als einen der grössten Erfolge der Vereinsgeschichte den Vize Schweizer-Meister-Titel angeben, führt er weiter aus. Da seien ja sogar die Langnauer erfolgreicher – einen Titel gab es für die Langnauer 1976 zu feiern.

Der SCB als Kontaktbörse

Selbst der eingefleischteste SCB-Fan wird bei der Lektüre einige neue Dinge über seinen Lieblingsclub lernen. Etwa, dass die Band Europe extra für den SC Bern eine Ausnahme machte und ihren Hit «The Final Countdown», welcher nach jedem Berner Tor erklingt, zur Einweihung des neuen Stadions 2009 live spielte. Denn seit ihrem Comeback im Jahre 2004 weigerten sie sich standhaft, ihren grössten Hit live zu spielen. Auch Privates findet im Buch Platz: Martin Megert hat seine Frau an einem SCB-Spiel kennengelernt. Auch Randgeschichten von Spielern, Trainern und Schiedsrichtern finden in Tinus Werk Platz. In über 40 Jahren als SCB-Fan hat er vieles erlebt und kann so aus dem Nähkästchen plaudern. Die Liebe und Leidenschaft für den SCB ist in jeder Zeile spürbar.

Der Meisterfeier im Berner Stadion am Ostermontag blieb Tinu übrigens fern. «Bisher haben sie noch immer verloren, wenn ich an ein Public Viewing gegangen bin», so Tinu. Auch als der Titel im Trockenen war, blieb er zuhause: «Das war für mich ein schöner Abschluss der Saison». Er sei halt nicht mehr der Jüngste. Doch den Umzug durch die Berner Altstadt und die Feier auf dem Bundesplatz liess er sich nicht entgehen. «Das ist Ehrensache», meint der wohl grösste SCB-Fan, bevor er sich verabschieden muss. Er werde jetzt den Sommer geniessen.

Taktlos in Zürich

«Wann haben Sie das letzte Mal etwas zum ersten Mal gehört?», dieses Motto hat Taktlos des Ensembles Collegium Novum ausgeliehen und zu seinem gemacht. Beim Festival geht es um Musik, die fast niemand kennt und viele entdecken wollen. Die nächsten vier Tage kommen MusikerInnen aus 17 Ländern in der Roten Fabrik in Zürich zusammen, um ihre Stücke zu präsentieren. Einiges wird schräg, neu und alles bestimmt anders sein, denn genau um das geht es bei Taktlos: um Musik, die Neues wagt.

Heute Abend spielt die slowenische Komponistin Kaja Draksler mit ihrem Oktett die ersten Töne. Die multinationale Gruppe übt in Amsterdam, wo erfolgreich für Kulturförderung gekämpft wird und experimentelle Projekte unterstützt werden. In ihrem Stück «Canto XII» erklingen zu zeitgenössischer Musik Texte des chilenischen Dichters Pablo Neruda. Die acht MusikerInnen teilen sich einen klassischen-jazzigen Hintergrund und spielen mutig mit unkonventionellen Formen. Der Donnerstag wird von Amok Amor in die Dunkelheit begleitet, virtuosen Jazz, lebendige Sechziger und Furchtlosigkeit treiben die vier Männer voran.

Dieses Jahr wird es auch neben der Musik Neuheiten geben. Fredi Bosshard, der Taktlos im Jahre 1984 mit dem Verein Jazzfabrik mitgegründet hat und seit daher jedes Jahr organisiert, gibt das Projekt in neue Hände. Er ist nun 68 Jahre alt und denkt, dass dem Festival ein frischer Wind bestimmt guttun wird. Ab 2018 wird der neue, junge Verein Taktlos das Festival leiten. Fredi Bosshard hat keine Angst vor Veränderungen, im Gegenteil: «Ich hoffe schwer, dass sie neue Ideen, neue Musik und ihren Groove mitbringen.» Das Festival müsse ja ihrem Zeitgeist entsprechen. Als Bosshard das Festival in den 80er Jahren gegründet hat, war Zürich in Aufbruchstimmung, die Jugend hat für ihren Platz gekämpft. Die Musikszene war klein: «Wir haben die ersten Konzerte in der Roten Fabrik organisiert, daneben gab es noch den Plattenladen recrec und das Radio Lora. Das war’s.» Heute sei Zürich eine ganz andere Stadt mit vielen gut Ausgebildeten MusikerInnen und wahnsinnig vielen Angeboten. Und so meint Bosshard, «ist das Festival schon noch von unserer Zeit etwas geprägt». Das dürfe sich heute gerne ändern. Die Gegenwart hat wieder andere Geschichten zu erzählen.

Fredi Bosshard hat einige Kontakte in Deutschland und reist regelmässig an verschiedenste Festivals. Dort entdeckt er spannende Bands und fragt sie für Taktlos an. Wichtig ist den OrganisatorInnen so einiges, und sie halten sich streng an ihre Prinzipien: «Fünf von zehn Bands wurden von Frauen initiiert», das war Bosshard schon von Beginn ein Anliegen. Zudem möchten sie den MusikerInnen faire Löhne bezahlen, ihnen einen anständigen Rahmen bieten und das könnten sie, dank den Subventionen der Stadt Zürich. Damit würden auch überrissene Eintrittspreise vermieden. «Das mussten wir uns alles erarbeiten, mussten der Stadt beweisen, dass wir wirklich etwas Richtiges machen wollen.» In den Anfängen haben sie noch Sandwiches verkauft und wenn wenig Publikum kam, «mussten wir eine Woche nach dem Festival noch Sandwiches essen.» Nur so hätten sie gelernt, wie es funktioniert. Zudem haben sie starke Beziehungen mit der Roten Fabrik gepflegt, sich auch gegenseitig unterstützt. Genau deshalb will Bosshard dem neuen Verein Taktlos auch alle Freiheiten lassen.

Am Freitag geht es mit dem Lisa Ullén Quartett zärtlich weiter. Die Norwegerin Lisa Ullén improvisierte schon während ihres Pianostudiums mit den Innereien des Klaviers. Um 22.30 Uhr wird es dann mit dem Hedvi Mollestad Trio richtig laut. Die Band vermischt Jazz, Rock und Metal mit allem, was ihnen sonst noch in den Sinn kommt. Auch am Samstag wird ein spannendes Programm erwartet. Die Altsaxofonistin Julie Kjaer lebt seit einigen Jahren in London und hat dort mit zwei 80er-Jahre-Musikern ein Trio gegründet. Die drei sind in der «Powerhouse-Rhytmusszene» in London erfolgreich und spielen am Samstag um 20 Uhr in der Roten Fabrik. Kjaer reist danach alleine nach Japan weiter.

Fredi Bosshards «Perle» können wir am Sonntag um 17 Uhr bestaunen. Flury und die Nachgeborenen sind neun MusikerInnen, die alle aus einem anderen Bereich kommen. Da vermischen sich etwa zwei Sängerinnen, ein DJ, ein Pianist und zwei Perkussionisten und stellen den Jazz auf den Kopf. Aber das ist gut so, mein Fredi Bosshard: «wir wollen gerne aus dem Rahmen fallen.»

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YB lässt seine Fans träumen

Foto: Thomas Hodel

Viele Zweikämpfe

Die erste Halbzeit war geprägt von vielen hart geführten Zweikämpfen und zwei stark aufspielenden Abwehrketten. Nur selten konnten die Offensivspieler beider Mannschaften in eine gefährliche Position gebracht werden.

Weder Steffen beim FCB, noch Sulejmani konnten ihre Freiheiten ausnützen und so war das logische Halbzeitresultat 0-0.

Einzelleistungen entscheiden das Spiel

Das Heimteam kam stärker aus der Kabine und spielte mit viel Druck nach vorne. In der 58. Minute passte der stark aufspielende YB-Verteidiger Benito auf Yoric Ravet. Dieser lässt mit seinem Dribbling Luca Zuffi alt aussehen und schlenzt den Ball herrlich an Vaclik vorbei ins Tor. Das ausverkaufte Stade de Suisse stand kopf. Keine Minute später hatte Sulejmani das nächste Tor auf dem Fuss, doch er verzog kläglich.

In der 80. Minute besiegte Sulejmani schliesslich endgültig das FCB. Einen Freistoss aus rund 25 Metern versenkte er nahezu perfekt ins Tor.

YB-Debütant Christian Fassnacht war nach dem Spiel zufrieden: «Es ist natürlich toll, gegen den Meister zu gewinnen, aber das war bloss das erste Spiel und jetzt kommt Dynamo Kiew, dies ist noch ein härterer Brocken. Nach der zweiten Halbzeit von heute dürfen wir jedoch zuversichtlich sein.»

Gurtenfestival: Lo & Leduc besiegen Züri West

Für die Veranstalter hat sich das Festival auf jeden Fall gelohnt: Alle vier Tage des 34. Gurtenfestival waren ausverkauft. 61 Live-Acts und 63 DJs bespielten bei gutem Wetter den Berner Hausberg. Darunter auch Züri West.

Jüngeres Publikum

Diese gehören zum Gurtenfestival wie die Gurtenbahn. Auch bei ihrem diesjährigen Auftritt vor Heimpublikum war die Hauptbühne voll mit musikbegeisterten Besuchern. Wer sich in der Menge umsah, konnte sehen, dass die Masse sich auf die Berner Stammgäste freuten. Als die bekannten, älteren Lieder angespielt wurden, stimmten alle mit ein. Trotzdem konnte man eine gewisse Verhaltenheit ausmachen, welche die Gurtengänger zu bremsen schien. Um für mehr als eine Stunde zu überzeugen, dafür war der Auftritt zu wenig inspiriert. Er wirkte gewohnt, ja, routiniert.

Ein Grund für die fehlende Euphorie dürfte das Alter der Festivalbesucher sein. Die Zuhörer der neuen Alben von Züri West sind wohl eher älter als der Altersdurchschnitt der insgesamt 80’000 Festivalbesucher auf dem Berner Hausberg. Ganz anders bei Lo & Leduc: Die beiden Rapper sind ebenfalls in Bern aufgewachsen und ihr Auftritt war ein Genuss. Die grossartige Stimmung trug klar dazu bei. Sie erzeugten eine starke Dynamik und trieben die Zuschauer an. Das Publikum erklärte sie klar zum Sieger der beiden Berner Gruppen.

Antikaptialisten und einhändige Saxophonisten

Auch die bekannten zweisprachigen Antikapitalisten Irie Revolté wussten, wie man Stimmung erzeugt. Als am Freitagnachmittag die Hauptbühne noch halb leer war, halfen sie den schwächenden Festivalgängern, sich den Kater aus den Knochen zu schütteln. Immer wieder forderten sie die Leute erfolgreich zum Mitmachen auf. Auch wenn der Antifa-Auftritt mit linken Parolen etwas komisch auf einem sehr kommerziell ausgerichteten Festival wirkt, so überzeugten sie doch mit einem kurzen, aber kraftvollen Auftritt. Bei ihrem letzten Lied trat die ganze Band nach vorne und sang ohne Instrumente mehrstimmig «Merci». Das dürfte bei vielen Besuchern für einen Gänsehaut-Moment gesorgt haben.

Die vielseitige Bläserband der Lucky Chops konnte mit erfrischender Musik die Leute bei Laune halten. Mit vielen Soli- und einfallsreichen Showeinlagen gewannen sie die Herzen der Zeltbühnenbesucher. Als der Saxophonist mit einer Hand spielte und mit der anderen das Publikum zum Mitmachen einlud, wurde der Applaus hörbar lauter. Ein rundum gelungener Auftritt der New Yorker.

Die Gurtengänger zeigten sich sowieso von ihrer besten Seite: Die Security-Firma verzeichnete keinen grossen Zwischenfälle. Man darf sich schon auf nächsten Sommer freuen, wenn der Güsche erneut erbebt.

Gesund und krank spazieren Hand in Hand

In gut sichtbaren Lettern prangt auf den violett getönten Plakaten des wildwuchs Theaterfestivals das Leitmotiv der achten Ausgabe: «Wir sind viele.» Doch welche Personengruppe versteckt sich hinter dem Personalpronomen «wir»? Impliziert der Begriff des «wir» nicht immer auch die Existenz eines «anderen», welches ausserhalb des «wir» angesiedelt ist und systematisch ausgegrenzt wird? Und nach welchen Regeln wird die Zughörigkeit zu einer der beiden Gruppierungen überhaupt determiniert? Tatsächlich bildete die Frage nach der Definition von Innen und Aussen den thematischen Schwerpunkt des diesjährigen Festivals, als dessen Gastspielort neben der Kaserne und dem ROXY Birsfelden die Universitären Psychiatrischen Kliniken (UPK) dienten. Fragen der Inklusion von Menschen mit körperlicher und psychischer Beeinträchtigung sowie der gesellschaftlichen und kulturellen Heterogenität wurden während den beiden ersten Juni-Wochen in unterschiedlichen theatralen Formaten aufgegriffen.

Vertrauensgestus

Mit einem vertrauten Menschen Hand in Hand müssig durch das Stadtzentrum zu flanieren bedarf kaum grosser Überwindung. Sich jedoch einem völlig fremden Menschen anzuvertrauen, von diesem an der Hand genommen und durch die Stadt geführt zu werden schon. Händchenhalten ist eine intime Geste, die von gegenseitigem Vertrauen zeugt und zwischen zwei Menschen eine körperliche und emotionale Brücke herzustellen vermag. Das Projekt «Walking:Holding» der britischen Performance-Künstlerin Rosana Cade greift diesen Aspekt auf und erweitert ihn um ein zusätzliches Irritationsmoment: Die Begleitung ist eine völlig unbekannte Person, eine der «anderen». Es versteht sich als ein experimenteller Spaziergang, bei dem die Teilnehmer an der Hand von eigens für den jeweiligen Durchführungsort gecasteten «Handhaltern» aller Altersstufen, sozialen Gruppen und geschlechtlicher Ausprägungen durch die belebteren Basler Stadtteile schlendern.

Handhalter erzählen

Den Teilnehmern bieten sich verschiedene Möglichkeiten, um auf die befremdlich wirkende Situation zu reagieren. Die Verfasserin des Artikels entscheidet sich für den kommunikativen Austausch mit den insgesamt sieben Darstellern, welche sie im Verlauf von einer Stunde etappenweise über die Mittlere Brücke, in die Freie Strasse und zur Münsterplattform gelotst haben. Und erfährt dabei zum Teil auch sehr persönliche Anekdoten: Dass das Theaterspiel ihre Leidenschaft sei, erzählt die Schülerin mit den verheilten Ritznarben an den Armen. Dass er die kulturelle Vielfalt von Basel schätze, meint der Theater- und Filmschaffende aus Mali. Dass die Kommunikation mit englischsprachigen Teilnehmern für ihn schwierig sei, gesteht der ältere Herr mit dem Armstumpf. Dass die Paarbildung dunkelhäutiger Mann mit hellhäutiger Frau meist mehr Blicke auf sich ziehe, stellt die Frau mittleren Alters fest.

Gemischte Gefühle

Im Gespräch vergehen die 60 Minuten wie im Flug, die irritierten oder missbilligenden Blicke des Umfelds lassen sich ebenfalls leichter ausblenden. Eine grundlegende Veränderung der eigenen Wahrnehmung brachte dieses Erlebnis für die Verfasserin jedoch nicht mit sich. Das Stück hinterlässt als Plädoyer für mehr Akzeptanz gemischte Gefühle, konfrontiert es die Teilnehmer zwar mit den eigenen Vorurteilen, dies jedoch nur während kurzer Zeit und im Rahmen einer durch und durch künstlichen Situation. Es bleibt jedenfalls zweifelhaft, ob die Teilnehmer des Spaziergangs sich die Aufforderung des Programmtextes, öfter mal Hand in Hand mit jemandem spazieren zu gehen auch zu Herzen nehmen werden.

Spaziergang mit Stimmen im Ohr

Als eher konventioneller Hör-Spaziergang mit Kopfhörer präsentiert sich hingegen das Stück «Dazwischenland» des Kollektivs Firma für Zwischenbereiche. Eine souverän klingende glatte Männerstimme lotst die zeitlich versetzt startenden Teilnehmer unter häufiger Betonung, sich respektvoll zu verhalten über das weitläufige Gelände der im Basler Niemandsland kurz vor der französischen Grenze angesiedelten UPK und liefert dabei einen kurzen Abriss der Geschichte der Institution. Regelmässige dumpfe Schläge geben im Sinne eines akustischen Herzschrittmachers das ideale Schritttempo vor. Eingestreute Interviewfragmente, in denen Patientinnen und Patienten Details aus ihrer Lebensrealität und ihrem Umgang mit der Krankheit preisgeben, runden den Audiowalk ab. So weit, so unspektakulär, wäre da nicht die neckische Frauenstimme, welche den um korrektes Verhalten bemühten Sprecher immer wieder unterbricht, frech zur Missachtung seiner Anweisungen auffordert, in bewusst reisserischer Manier saftige Informationen zu der Einrichtung preisgibt und sich schliesslich gar als imaginäres Konstrukt der Männerstimme ausgibt – ein Verweis auf die bei Schizophrenie-Patienten auftretenden Halluzinationen.

Kuchen als verbindendes Element

Der Reiz dieser auditiven Führung durch die idyllische Parkanlage der Psychiatrie liegt in ihrer wiederholten spielerisch-provokanten Transgression der Realitätsebenen. Die Grenzen zwischen Krankheit und Normalität, dem «wir» und den «anderen» werden im Verlauf des Rundgangs als durchlässig entlarvt. «Psychische Erkrankungen können jeden Menschen treffen», lautet die simplizistisch anmutende, jedoch durchaus berechtigte Botschaft des Hör-Spaziergangs. Die Jurte der Mach-Bar des Kollektivs OPUS 89 bildet die Schlussstation des Audiowalks, wo schlussendlich sämtliche Fäden zusammengeführt werden. Patienten der UPK; Pflegepersonal, Theaterschaffende und Festivalbesucher statten dem kulinarischen Treffpunk auf dem Gelände der Kliniken einen Besuch ab. Allesamt vereint in der Wertschätzung des hausgemachten Kuchenbüffets.

Mehr Informationen findet ihr auf der Seite des wildwuchs Festivals.

Der nachhaltige Filmtipp – Code of Survival

«Eigentlich sollte man den besten Anzug anziehen, wenn man auf den Acker geht. Man muss Ehrfurcht vor dem Boden haben, denn er ist unsere Lebensgrundlage», sagt Bio-Bauer Franz Aunkofer im Film. Er war einer der ersten Bio-Bauern Deutschlands und erwirtschaftet inzwischen praktisch denselben Ertrag wie im konventionellen Anbau – ohne Gift und im Einklang mit der Natur. Der Alltag in der industriellen Landwirtschaft sieht anders aus. Dort bauen die Landwirte seit vielen Jahren Gentech-Pflanzen an und behandeln sie mit Glyphosat-haltigen Herbiziden wie Roundup. Die Resultate: resistentes Unkraut, das sich unkontrolliert vermehrt und harte Böden, auf denen nichts mehr wächst.

Regisseur Bertram Verhaag stellt der industriellen Landwirtschaft in den USA drei Beispiele aus Deutschland, Ägypten und Indien gegenüber. Er zeigt, wie die biologische Landwirtschaft dort aus kaputten Böden fruchtbare Äcker macht, welche hohe Qualität produzieren und die Artenvielfalt steigern. Die Formel des Überlebens – der Code of Survival – liegt in der nachhaltigen und biologischen Bewirtschaftung des Bodens, wie es Jane Goodall am Ende des Films formuliert: «Wir sollten mit der Natur zusammenarbeiten, nicht gegen sie. Nur dann können wir es schaffen, die Natur und das Land wiederherzustellen»

Dieser Film sowie weitere Filme zu diesem Thema sind auf der Filmseite Gentech + Saatgut aufgelistet.

Die DVD des Films ist hier erhältlich.

Dieser Eintrag erschien am 06.06.2017 auf dem Blog von unserem Partner Filme für die Erde.

Ein Busfahrer als «Bernmobil-Sohn»

Auch ich steige häufig in den Bus ein. Insbesondere im Winter, wenn es kalt ist und ich keine Lust habe, in der Schule halb erforen anzukommen. Mit den Busfahrern habe ich bis anhin noch nie gesprochen, zumindest in Bern nicht.

Als ich letzten Sommer in einer Kleinstadt an der Ostküste Irlands für einen Sprachaufenthalt war, benutzte ich täglich den Bus. Zur Schule gings mit dem Schulbus, in dem ich den Fahrern lediglich ein freundliches «How are you?» zurief. Am Abend benutzte ich jeweils den öffentlichen Bus. Ich bemerkte, dass die Einheimischen mit den Busfahrern immer intensive Gespräche begannen, anders als ich es von Bern kannte. Schliesslich wurden jeweils auch wir Sprachstudentinnen und Sprachstudenten in die Konversation eingebunden und diskutierten über das Wetter, über unsere Heimatländer oder über den Brexit, der damals noch ein frischer Schock für die Iren war.

Mein Gespräch mit einem Busfahrer in Bern fand nicht im Bus, sondern in der Bernmobil-Garage am Eigerplatz statt. Es war später Nachmittag und somit waren die meisten Busse auf den Strassen und Kurven Berns unterwegs. In der Garage standen einige Busse zur Reperatur bereit. Ich hatte die Gelegenheit, mit Mariano Altomonte zu sprechen. Mariano Altomonte arbeitet seit September 2012 bei Bernmobil, wo er auch seine Ausbildung gemacht hat. Er bezeichnet sich deshalb als «Bernmobil-Sohn». Die Ausbildungen für Tram, Bus und Trolley-Bus hat er bestanden und er ist jeden Tag für verschiedene Linien und an verschiedenen Uhrzeiten im Einsatz.

Weshalb es in den Berner Bussen kaum Gespräche zwischen den Busfahrern und Fahrgästen gibt, wollte ich als erstes von Mariano Altomonte wissen. Er beobachte, dass es bei diesem Thema einen Stadt-Land-Unterschied gebe: «In der Stadt steigt der Fahrgast ein, steigt aus und das war’s.» Im Aussennetz, in dem Altomonte zu Beginn arbeitete, sei es viel familiärer zu- und hergegangen. Von manchen Passagieren wisse man mit der Zeit, wer sie sind und man komme mit ihnen immer wieder ins Gespräch. In der Stadt komme das viel weniger vor. Zu Neujahr oder zum Valentinstag komme es häufig vor, dass Leute extra vorne aussteigen, kurz mit den Fahrern reden und manchmal sogar einen Schoggi als Zeichen der Dankbarkeit schenken. Das freut Altomonte jeweils ganz besonders.

Der lustigste Busfahrer-Moment für Mariano Altomonte passierte in Konolfingen, als jemand seinen vollen Migros-Wagen im Bus vergessen hatte. Ein Mitarbeiter der BLS am Bahnhof Konolfingen teilte ihm mit, dass dieser Fahrgast an einer Haltestelle auf ihn warten würde. Und tatsächlich stand der Mann an abgemachter Haltestelle zu abgemachter Uhrzeit und konnte seinen Wagen entgegennehmen. Als Dank schenkte dieser dem Busfahrer Altomonte eine Flasche Rotwein. «Das ist wirklich cool gewesen», fügte Altomonte beim Erzählen der Geschichte lachend hinzu.

Unangenehme Situationen seien vor allem auf den Verkehr zurückzuführen – zum Beispiel wenn er eine Vollbremsung machen müsse. Wenn es zu heiklen Situationen komme, etwa mit Betrunkenen, sei dies vor allem für die anderen Fahrgäste unangenehm. Für allfällige Schlichtungen seien aber nicht die Busfahrer, sondern anderes Personal zuständig.

Ich sprach den Busfahrer auf folgende Situation an, die ich schon öfter beobachtet habe oder ich gar selbst davon betroffen war: Wenn man zu spät dran ist und auf den Bus zurennt, gibt es manche Fahrer, die warten, andere fahren vorher ab. Altomonte betonte, dass dies nicht aus bösem Wille geschehe. Teilweise sei das Warten nicht möglich, insbesondere zu Stosszeiten, da zu dieser Zeit ein Bus nach dem anderen fährt und man den Fahrplan einhalten muss. Ansonsten versuche er, so oft wie möglich zu warten. Enttäuscht musste ich feststellen, dass die Busfahrer keine Wetten untereinander abschliessen, wie oft ein Busfahrer den Passagieren vor der Nase wegfährt.

Es scheint, dass für die Busfahrer trotz der Hektik immer genügend Zeit vorhanden ist, um deren Kollegen zu grüssen. Das Zeichen sei schlicht ein verbindendes Ritual, das sie vom ersten Tag an vermittelt bekämen. Von den ungefähr 600 Fahrern kennt Mariano Altomonte längst nicht alle, gegrüsst werde von ihm jedoch jeder.

Zum Schluss wollte ich noch von ihm wissen, warum er zusätzlich auch noch die Tramausbildung gemacht hat (welche er erst kurz vor unserem Interview erfolgreich absolviert hatte). Dies habe nichts damit zu tun gehabt, dass momentan immer wieder diskutiert werde, ob Bus- durch Tramlinien ersetzt werden sollen. «Ich finde es einfach gut, wenn ich die Auswahl zwischen Bus, Trolleybus und Tram habe. Tram und Bus sind zwei Paar Schuhe; man kann diese nicht vergleichen».

Mit Graffiti Freiräume schaffen

Das Wichtigste am Eingang ist die Unterschrift. Ohne einen Haftungsausschluss zu unterschreiben, kommt niemand legal aufs Gelände: Auf dem Teufelsberg mitten im Berliner Grunewald herrschen zwar eigene Regeln, doch Sicherheit muss trotzdem sein. Immerhin betreten wir hier marodes Bauwerk – original aus dem Kalten Krieg. Und dennoch geht es auf dem Teufelsberg nicht bloss um den Kult des Verlassenen, Zerfallenen und Überwucherten. Es geht auch um künstlerische und gesellschaftliche Freiheit.

Vom Trümmerberg zur Lauschstation

Den Teufelsberg gibt es erst seit dem Ende des zweiten Weltkriegs. Damals lag in der Hauptstadt jede Menge Schutt und Trümmer. Um Neuem Platz zu machen, türmte man am Rand der Stadt alles auf einen Haufen. Dieser Haufen ist jetzt 120 Meter hoch und nebst der Berliner Mauer eines der eindrücklichsten Kultur- und Zeitdenkmäler aus dem Kalten Krieg.

Lange Zeit wurde der ehemals höchste Berg Berlins durch die Alliierten als Abhörstation verwendet. Die ersten mobilen Anlagen wurden 1961 aufgefahren, ab 1963 baute man die noch heute stehenden Gebäude mitsamt den unverwechselbaren Radomen – grosse Antennenkuppeln, unter denen früher das Spionagegerät eingebaut war. Was dort oben genau gemacht wurde, weiss niemand so genau. Es ging wohl um Signalstörung und die Abhörung des sowjetischen Funkverkehrs. Vielleicht werden wir es im Jahr 2022 erfahren, wenn die Akten der Geheimdienste der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden.

Mit der deutschen Wiedervereinigung verlor man das Interesse am Abhören. Erst wurde in den Anlagen noch der zivile Luftverkehr überwacht, doch um die Jahrtausendwende wurde das ganze Gelände an private Investor*innen verkauft. Der ursprüngliche Plan, dort ein Tagungshotel, ein Spionagemuseum, Wohnungen und eine Gaststätte zu bauen, ging nicht auf. Es gab Widerstand aus der Bevölkerung und irgendwann folgten auch finanzielle Probleme. Und so stand das Gelände viele Jahre brach.

Ein Freiraum für Kunstschaffende

Es sollte bis 2010 dauern, bis sich mit Shalmon Abraham ein Pächter fand, der Besuche im mittlerweile ziemlich heruntergekommen verlassenen Ort ermöglichte. Durch die ungenutzten Jahre waren die Gebäude und die auffälligen Radome teilweise beschädigt. Noch heute ist vieles zerfetzt und zerfallen. Gleichzeitig mit dem Neustart wurde auch eine grosse Graffiti Galerie initiiert. Die hohen Räume und die vielen neu hochgezogenen Wände waren wie geschaffen für Murals und Street Art. So entwickelte sich die ehemalige Abhörstation in den letzten Jahren zu einem Freiraum der Kreativität.

 

Doch es gab auch Konflikte. Einige befürchteten, dass es mit dem verlangten Eintritt bloss ums Geld ginge. Was ehemals ein Ort der Entdeckens, der Einsamkeit und der Abenteuerlust war, drohte stattdessen im Kommerz zu versinken. Auch darum wurde Marvin Schütte – Sohn eines der Eigentümer – 2015 neuer Pächter des Teufelsbergs. Im Gegensatz zu früher sollte es nun nicht mehr um den Profit gehen. Dies entspräche auch dem Wunsch einiger aus der Bevölkerung, welche den Teufelsberg «zu einer modernen, überregionalen Austauschplattform und Denkfabrik für Kultur, Kunst, Geschichte, Technik, Natur und neue Wirtschaftsmodelle« machen möchten, wie der unabhängige Verein Initiative Kultur-DENK-MAL Berliner Teufelsberg in seinem Manifest schreibt. Trotzdem zahlen Besucher*innen auch heute noch Eintritt.

Rundgang zwischen Vergangenheit und Zukunft

Als einzigartiges historisches Kulturdenkmal hat der Teufelsberg einen grossen Wert für die allgemeine Bevölkerung. Durch die geregelte Nutzung ist es möglich, dass alle dieses Zeugnis der alliierten Besatzung erleben können. Ein blosses Denkmal der Vergangenheit ist der Teufelsberg aber trotzdem nicht. Im Gegenteil: Vieles ist hier lebendig und im Entstehen begriffen. Es gibt ein kleines Kaffeehäuschen, einen Essensstand und natürlich jede Menge zu entdecken. Im ersten Stock des Hauptgebäudes haben sich Künstler*innen in eigenen Ateliers eingerich

tet und verkaufen vor Ort ihre Werke. Nicht zuletzt zeigen die über 300 Graffiti und Kunstinstallationen wie unglaublich vielseitig und aktiv dieser Ort ist.

Natürlich gibt es auch solche, für die der Teufelsberg ein Schandfleck ist. Die ausgefallene Street Art gefällt nicht jedem und jeder. Und noch immer sind die Zeichen des Zerfalls und der jahrelangen Vernachlässigung zu sehen. Vieles ist wohl für immer zerstört. Doch vielleicht ist gerade das der grosse Reiz dieses Ortes, wo man die dicke Luft des Kalten Krieges förmlich einatmen kann.

Nächster Halt: 3 Stunden Verspätung.

9:12 Uhr: ich steige in den Bus. Heute werden Jacqueline und ich Tink.ch an der Universität Basel vorstellen. Ich freue mich, neue Schreiberlinge für unser Magazin zu gewinnen. Von Neuchâtel nach Biel, von Biel nach Basel: das ist der kinderleichte Plan. Voraussichtliche Ankunft: 10:53 Uhr. Dass ich erst um 13:55 Uhr ankommen würde, ahne ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Noch weniger ahne ich, dass dies ein faszinierendes, aber anstrengendes Abenteuer werden würde.

Wir bleiben stehen

Wie so mancher homo technologicus wische ich auf meinem Smartphone herum, so ganz geistig anwesend bin ich nicht, erst nach einer Weile merke ich, dass wir auffällig lange an diesem Bahnhof stehen. Laufen – der Name dieser Ortschaft ist so passend, dass er Teil eines Drehbuches zu sein scheint. «Problem mit den Sicherheitsanlagen in Grellingen», ertönt es vom Lautsprecher. Wir müssen aussteigen, der Zug kann nicht weiterfahren und wir müssen am Bahnhof auf weitere Informationen warten. Leute mit grossen Koffern, junge und alte Menschen, Kinder: dieses Gleis 2 ist wohl nie so dicht besiedelt gewesen wie heute. Die Ersten tippen wild auf ihrem Smartphone herum, einige telefonieren, ziemlich viele ziehen nervös an ihrer Zigarette. Die S3 nach Olten fällt aus. Unsere nächste Möglichkeit, nach Basel zu kommen, ist eine halbe Stunde später. Erst um 11:50 Uhr werde ich da sein, ich werde die erste Präsentation von Tink.ch verpassen. Schade, aber zum Glück haben wir geplant, eine zweite um 14:15 Uhr zu halten.

Mit einem Sandwich in der Hand laufe ich zurück an den Bahnhof, auf dem Gleis 4 steht bereits unser Zug. Die S3 ist klein und die Leute sind viele, das Gepäck der Passagiere, die wahrscheinlich an den Flughafen gehen, ist sperrig. Wir steigen ein, ich setze mich hin, der Zug fährt ab. «Was machst du denn hier?» – «Mein Zug ist ausgefallen, ich muss nach Basel» – «Ah, deshalb ist der Zug so voll!». Die Leute sind entspannt, erzählen einander von ihrem Tag und ihren Plänen.

Fahren oder Laufen?

«Ja hallo, entschuldigen Sie bitte, ich werde verspätet sein, der Zug ist ausgefallen», sie spricht mit einem accent francophone. Es wird ruhig: Zwingen, schon eine Weile stehen wir an diesem Bahnhof, ohne informiert zu werden, was geschehen ist. Die Stimme des Lokomotivführers ertönt, er entschuldigt sich, die Störung hält an, voraussichtlich werden wir ein paar Minuten verspätet sein. Er scheint nervös, die Situation scheint ihm hörbar unbequem zu sein. Aus ein paar Minuten wird «unbestimmte Zeit» und dann: wir müssen nach Laufen zurückfahren, da werden Ersatzbusse zur Verfügung stehen. Gelächter bricht aus, Gefluche ertönt. Ich übersetze meiner Sitznachbarin die Durchsage. Heute ist ihr Probetag für einen neuen Job, jetzt bereut sie es, nicht mit dem Auto gefahren zu sein.

Die Masse bewegt sich Richtung Busbahnhof fort, zu den bisherigen Passagieren kommen nun neue Ankömmlinge hinzu. Es werden immer mehr und die beiden Busse, die gerade anfahren, sind auch im Nu schon vollgestopft. Ein alter Mann mit Gehstöcken versucht einzusteigen, erst nachdem ich schimpfe, machen die Leute ihm Platz. Seine Frau versucht verzweifelt einzusteigen, sie schleppt zwei grosse Koffer. Ich mache ihr Platz, «Ich habe Zeit». Wie so viele stehe ich nun wieder in der warmen Sonne, die irgendwie die Stimmung trotz allem zu erhellen scheint.

Über den Röstigraben und fehlende Informationen

«On fait 5 kilomètres et on ne comprend déjà plus rien». Diese Dame ist nicht die Einzige, die sich zu beschweren scheint, dass die Durchsagen alle auf Deutsch waren. Eine zweite, ältere Dame erklärt mir, dass sie lange nicht verstand, was geschehen sei. Ein erstaunliches Vorgehen auf einer zweisprachigen Strecke, doch was mich zunehmend beeindruckt, ist, dass die Leute so ruhig und zivilisiert zu bleiben scheinen.

Ich warte. 10 Minuten, 30 Minuten. Nach ungefähr 50 Minuten ist der nächste Bus da, ich schaffe es rein. Dass die SBB jedoch keinen Plan hat, um Leuten, die schon länger warten, den Vortritt zu lassen und sicherzustellen, dass ältere Menschen und Kinder sicher reisen können, schockiert mich. So zusammengepfercht zu reisen, hat jedoch einen Vorteil: es ist fast unmöglich, in einer Kurve umzufallen. Die Fahrgäste im Bus nehmen es mit Humor. Ob jedoch diejenigen, die an den Haltestellen zwischen Laufen und dem Terminal stehen und auch in diesen Bus nicht einsteigen können, es noch mit Humor nehmen, ist unklar.

Auch der dritte Bahnersatzbus zwischen Laufen und Aesch (BL) ist überladen.

 

Am Bahnhof Aesch erscheinen die Wartenden wie eine überzählige Reisegruppe. Keine Durchsage ertönt, man ist auf sich gestellt und merkt früher oder später, dass man auf das andere Gleis muss, wenn man – wie ich zum Beispiel – nicht sieht, dass eine Zugangestellte zwischen den Leuten steht. Natürlich ist auch dieser Zug voll, natürlich müssen etliche ältere Menschen stehen und dass schon wieder nur mir und meiner Sitznachbarin in den Sinn kommt, dass man ihnen Platz machen kann, bringt mich erneut zum Kopfschütteln.

Eine überzählige Reisegruppe? Die Zugpassagiere warten auf den Ersatzbus in Aesch (BL).

 

Ein Abenteuer geht zu Ende

13:55 Uhr. Ich habe es geschafft, ich bin in Basel. Ich werde es heute noch schaffen, Tink.ch vorzustellen. Und wenigstens hat mein Abenteuer es mir erlaubt, Sonne zu tanken. Unser gemeinsames Leiden hat uns Reisende nähergebracht, ein Schwätzchen hier und da ist der positive Nebeneffekt einer aussergewöhnlichen Situation. Ich gehöre zu den über 400’000 Schweizer*innen, die ein Generalabonnement haben und von Jahr zu Jahr zahle ich mehr dafür. Diesen Luxus gönne ich mir gerne, Zugfahren ist mir wichtig, doch hat es die SBB an diesem Mittwoch geschafft, meine südamerikanischen, chaotischen Reiseerfahrungen zu übertreffen. Irgendwie habe ich es genossen, meine Mitmenschen zu beobachten und Gelassenheit zu üben. Doch dann denke ich an die junge Frau, die ihren Probetag hatte, an die älteren Menschen, die so reisen mussten und an die Leute, die wahrscheinlich ihren Flug verpasst haben und denke mir: wär’s wirklich nicht anders gegangen?

«Dr SCB isch dr geilscht Club»

Er wartet schon, an diesem Mittwochmittag, in einem Café in Bern, notabene zwei Tage nachdem sich der SCB in Zug zum zweiten Mal in Folge zum Eishockey Schweizer Meister küren lassen konnte. Von seinem Gipfeli ist schon fast nichts mehr übrig. «Tinu», stellt er sich vor. Martin Megert, wie er mit bürgerlichem Namen heisst, ist Informatiker. Neben seinem Beruf gibt es eine grosse Konstante in seinem Leben. Sie heisst SCB. Ich setzte mich ihm gegenüber hin. Wie sich herausstellt, ist Tinu genau wie ich in Burgdorf aufgewachsen. Während mich mein Vater an meinen ersten Match nach Langnau mitnahm, ging es für Tinu in die andere Richtung, nach Bern.

Das war der Beginn einer grossen Liebe. Heute ist der 56-Jährige der wahrscheinlich grösste SCB-Fan und ziemlich sicher auch der Bekannteste. Er ist Betreiber der Facebook-Seite «Hardboiled SCB», welche mittlerweile über 8000 Fans zählt. Auf dieser veröffentlicht er an jedem Spieltag spätestens eine Stunde nach dem Schlusspfiff einen Matchbericht, in dem er sich unzensiert seine Emotionen vom Leib schreibt. Diese Emotionen hat er nun auch in Buchform niedergeschrieben: «111 Gründe, den SCB zu lieben», heisst das gute Stück. Auch wenn sich Tinu für das Buch etwas zurückhalten musste, was die Sprache anging, ist sein Schreibstil deutlich erkennbar. «Ich bin wahnsinnig stolz auf das Buch, und auch auf mich», erzählt Tinu.

Seitenhiebe für Fribourg-Gottéron

«Der wichtigste Grund, den SCB zu lieben, ist ganz einfach: Der SCB ist ein geiler Club», sagt Tinu. Diesen einen, alles überspannenden Grund habe er dann, «wie ein Forensiker», aufgespalten in 111 Gründe. Drei Monate habe er jede Nacht daran geschrieben, immer mit der Deadline im Nacken. Er sei froh, dass er das Buch nicht während der Eishockeysaison schreiben musste, schmunzelt er. «Zusammen mit einem 100%-Job bin ich schon an meine Grenzen gekommen».

Das Buch ist eine Liebeserklärung an den SCB. Nicht immer sehr objektiv geschrieben, doch ausnahmslos ehrlich, interessant und auch lehrreich. Was auffällt: Gefühlt auf jeder zweiten Seite ist ein Seitenhieb gegen Fribourg-Gottéron versteckt. Diesen Club kann Tinu nicht ausstehen. «Weil es den HC Fribourg-Gottéron gibt», ist sogar der 39. Grund, den SCB zu lieben. Tinu erklärt, dass die Fribourger Fans «ekligi Cheibe» seien. Seine Erinnerungen an Fribourg seien nicht die besten, gibt er zu. Doch man könne sie auch nicht wirklich ernstnehmen, die chronisch erfolglosen Zähringer, die als einen der grössten Erfolge der Vereinsgeschichte den Vize Schweizer-Meister-Titel angeben, führt er weiter aus. Da seien ja sogar die Langnauer erfolgreicher – einen Titel gab es für die Langnauer 1976 zu feiern.

Der SCB als Kontaktbörse

Selbst der eingefleischteste SCB-Fan wird bei der Lektüre einige neue Dinge über seinen Lieblingsclub lernen. Etwa, dass die Band Europe extra für den SC Bern eine Ausnahme machte und ihren Hit «The Final Countdown», welcher nach jedem Berner Tor erklingt, zur Einweihung des neuen Stadions 2009 live spielte. Denn seit ihrem Comeback im Jahre 2004 weigerten sie sich standhaft, ihren grössten Hit live zu spielen. Auch Privates findet im Buch Platz: Martin Megert hat seine Frau an einem SCB-Spiel kennengelernt. Auch Randgeschichten von Spielern, Trainern und Schiedsrichtern finden in Tinus Werk Platz. In über 40 Jahren als SCB-Fan hat er vieles erlebt und kann so aus dem Nähkästchen plaudern. Die Liebe und Leidenschaft für den SCB ist in jeder Zeile spürbar.

Der Meisterfeier im Berner Stadion am Ostermontag blieb Tinu übrigens fern. «Bisher haben sie noch immer verloren, wenn ich an ein Public Viewing gegangen bin», so Tinu. Auch als der Titel im Trockenen war, blieb er zuhause: «Das war für mich ein schöner Abschluss der Saison». Er sei halt nicht mehr der Jüngste. Doch den Umzug durch die Berner Altstadt und die Feier auf dem Bundesplatz liess er sich nicht entgehen. «Das ist Ehrensache», meint der wohl grösste SCB-Fan, bevor er sich verabschieden muss. Er werde jetzt den Sommer geniessen.

Taktlos in Zürich

«Wann haben Sie das letzte Mal etwas zum ersten Mal gehört?», dieses Motto hat Taktlos des Ensembles Collegium Novum ausgeliehen und zu seinem gemacht. Beim Festival geht es um Musik, die fast niemand kennt und viele entdecken wollen. Die nächsten vier Tage kommen MusikerInnen aus 17 Ländern in der Roten Fabrik in Zürich zusammen, um ihre Stücke zu präsentieren. Einiges wird schräg, neu und alles bestimmt anders sein, denn genau um das geht es bei Taktlos: um Musik, die Neues wagt.

Heute Abend spielt die slowenische Komponistin Kaja Draksler mit ihrem Oktett die ersten Töne. Die multinationale Gruppe übt in Amsterdam, wo erfolgreich für Kulturförderung gekämpft wird und experimentelle Projekte unterstützt werden. In ihrem Stück «Canto XII» erklingen zu zeitgenössischer Musik Texte des chilenischen Dichters Pablo Neruda. Die acht MusikerInnen teilen sich einen klassischen-jazzigen Hintergrund und spielen mutig mit unkonventionellen Formen. Der Donnerstag wird von Amok Amor in die Dunkelheit begleitet, virtuosen Jazz, lebendige Sechziger und Furchtlosigkeit treiben die vier Männer voran.

Dieses Jahr wird es auch neben der Musik Neuheiten geben. Fredi Bosshard, der Taktlos im Jahre 1984 mit dem Verein Jazzfabrik mitgegründet hat und seit daher jedes Jahr organisiert, gibt das Projekt in neue Hände. Er ist nun 68 Jahre alt und denkt, dass dem Festival ein frischer Wind bestimmt guttun wird. Ab 2018 wird der neue, junge Verein Taktlos das Festival leiten. Fredi Bosshard hat keine Angst vor Veränderungen, im Gegenteil: «Ich hoffe schwer, dass sie neue Ideen, neue Musik und ihren Groove mitbringen.» Das Festival müsse ja ihrem Zeitgeist entsprechen. Als Bosshard das Festival in den 80er Jahren gegründet hat, war Zürich in Aufbruchstimmung, die Jugend hat für ihren Platz gekämpft. Die Musikszene war klein: «Wir haben die ersten Konzerte in der Roten Fabrik organisiert, daneben gab es noch den Plattenladen recrec und das Radio Lora. Das war’s.» Heute sei Zürich eine ganz andere Stadt mit vielen gut Ausgebildeten MusikerInnen und wahnsinnig vielen Angeboten. Und so meint Bosshard, «ist das Festival schon noch von unserer Zeit etwas geprägt». Das dürfe sich heute gerne ändern. Die Gegenwart hat wieder andere Geschichten zu erzählen.

Fredi Bosshard hat einige Kontakte in Deutschland und reist regelmässig an verschiedenste Festivals. Dort entdeckt er spannende Bands und fragt sie für Taktlos an. Wichtig ist den OrganisatorInnen so einiges, und sie halten sich streng an ihre Prinzipien: «Fünf von zehn Bands wurden von Frauen initiiert», das war Bosshard schon von Beginn ein Anliegen. Zudem möchten sie den MusikerInnen faire Löhne bezahlen, ihnen einen anständigen Rahmen bieten und das könnten sie, dank den Subventionen der Stadt Zürich. Damit würden auch überrissene Eintrittspreise vermieden. «Das mussten wir uns alles erarbeiten, mussten der Stadt beweisen, dass wir wirklich etwas Richtiges machen wollen.» In den Anfängen haben sie noch Sandwiches verkauft und wenn wenig Publikum kam, «mussten wir eine Woche nach dem Festival noch Sandwiches essen.» Nur so hätten sie gelernt, wie es funktioniert. Zudem haben sie starke Beziehungen mit der Roten Fabrik gepflegt, sich auch gegenseitig unterstützt. Genau deshalb will Bosshard dem neuen Verein Taktlos auch alle Freiheiten lassen.

Am Freitag geht es mit dem Lisa Ullén Quartett zärtlich weiter. Die Norwegerin Lisa Ullén improvisierte schon während ihres Pianostudiums mit den Innereien des Klaviers. Um 22.30 Uhr wird es dann mit dem Hedvi Mollestad Trio richtig laut. Die Band vermischt Jazz, Rock und Metal mit allem, was ihnen sonst noch in den Sinn kommt. Auch am Samstag wird ein spannendes Programm erwartet. Die Altsaxofonistin Julie Kjaer lebt seit einigen Jahren in London und hat dort mit zwei 80er-Jahre-Musikern ein Trio gegründet. Die drei sind in der «Powerhouse-Rhytmusszene» in London erfolgreich und spielen am Samstag um 20 Uhr in der Roten Fabrik. Kjaer reist danach alleine nach Japan weiter.

Fredi Bosshards «Perle» können wir am Sonntag um 17 Uhr bestaunen. Flury und die Nachgeborenen sind neun MusikerInnen, die alle aus einem anderen Bereich kommen. Da vermischen sich etwa zwei Sängerinnen, ein DJ, ein Pianist und zwei Perkussionisten und stellen den Jazz auf den Kopf. Aber das ist gut so, mein Fredi Bosshard: «wir wollen gerne aus dem Rahmen fallen.»

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YB lässt seine Fans träumen

Foto: Thomas Hodel

Viele Zweikämpfe

Die erste Halbzeit war geprägt von vielen hart geführten Zweikämpfen und zwei stark aufspielenden Abwehrketten. Nur selten konnten die Offensivspieler beider Mannschaften in eine gefährliche Position gebracht werden.

Weder Steffen beim FCB, noch Sulejmani konnten ihre Freiheiten ausnützen und so war das logische Halbzeitresultat 0-0.

Einzelleistungen entscheiden das Spiel

Das Heimteam kam stärker aus der Kabine und spielte mit viel Druck nach vorne. In der 58. Minute passte der stark aufspielende YB-Verteidiger Benito auf Yoric Ravet. Dieser lässt mit seinem Dribbling Luca Zuffi alt aussehen und schlenzt den Ball herrlich an Vaclik vorbei ins Tor. Das ausverkaufte Stade de Suisse stand kopf. Keine Minute später hatte Sulejmani das nächste Tor auf dem Fuss, doch er verzog kläglich.

In der 80. Minute besiegte Sulejmani schliesslich endgültig das FCB. Einen Freistoss aus rund 25 Metern versenkte er nahezu perfekt ins Tor.

YB-Debütant Christian Fassnacht war nach dem Spiel zufrieden: «Es ist natürlich toll, gegen den Meister zu gewinnen, aber das war bloss das erste Spiel und jetzt kommt Dynamo Kiew, dies ist noch ein härterer Brocken. Nach der zweiten Halbzeit von heute dürfen wir jedoch zuversichtlich sein.»

Gurtenfestival: Lo & Leduc besiegen Züri West

Für die Veranstalter hat sich das Festival auf jeden Fall gelohnt: Alle vier Tage des 34. Gurtenfestival waren ausverkauft. 61 Live-Acts und 63 DJs bespielten bei gutem Wetter den Berner Hausberg. Darunter auch Züri West.

Jüngeres Publikum

Diese gehören zum Gurtenfestival wie die Gurtenbahn. Auch bei ihrem diesjährigen Auftritt vor Heimpublikum war die Hauptbühne voll mit musikbegeisterten Besuchern. Wer sich in der Menge umsah, konnte sehen, dass die Masse sich auf die Berner Stammgäste freuten. Als die bekannten, älteren Lieder angespielt wurden, stimmten alle mit ein. Trotzdem konnte man eine gewisse Verhaltenheit ausmachen, welche die Gurtengänger zu bremsen schien. Um für mehr als eine Stunde zu überzeugen, dafür war der Auftritt zu wenig inspiriert. Er wirkte gewohnt, ja, routiniert.

Ein Grund für die fehlende Euphorie dürfte das Alter der Festivalbesucher sein. Die Zuhörer der neuen Alben von Züri West sind wohl eher älter als der Altersdurchschnitt der insgesamt 80’000 Festivalbesucher auf dem Berner Hausberg. Ganz anders bei Lo & Leduc: Die beiden Rapper sind ebenfalls in Bern aufgewachsen und ihr Auftritt war ein Genuss. Die grossartige Stimmung trug klar dazu bei. Sie erzeugten eine starke Dynamik und trieben die Zuschauer an. Das Publikum erklärte sie klar zum Sieger der beiden Berner Gruppen.

Antikaptialisten und einhändige Saxophonisten

Auch die bekannten zweisprachigen Antikapitalisten Irie Revolté wussten, wie man Stimmung erzeugt. Als am Freitagnachmittag die Hauptbühne noch halb leer war, halfen sie den schwächenden Festivalgängern, sich den Kater aus den Knochen zu schütteln. Immer wieder forderten sie die Leute erfolgreich zum Mitmachen auf. Auch wenn der Antifa-Auftritt mit linken Parolen etwas komisch auf einem sehr kommerziell ausgerichteten Festival wirkt, so überzeugten sie doch mit einem kurzen, aber kraftvollen Auftritt. Bei ihrem letzten Lied trat die ganze Band nach vorne und sang ohne Instrumente mehrstimmig «Merci». Das dürfte bei vielen Besuchern für einen Gänsehaut-Moment gesorgt haben.

Die vielseitige Bläserband der Lucky Chops konnte mit erfrischender Musik die Leute bei Laune halten. Mit vielen Soli- und einfallsreichen Showeinlagen gewannen sie die Herzen der Zeltbühnenbesucher. Als der Saxophonist mit einer Hand spielte und mit der anderen das Publikum zum Mitmachen einlud, wurde der Applaus hörbar lauter. Ein rundum gelungener Auftritt der New Yorker.

Die Gurtengänger zeigten sich sowieso von ihrer besten Seite: Die Security-Firma verzeichnete keinen grossen Zwischenfälle. Man darf sich schon auf nächsten Sommer freuen, wenn der Güsche erneut erbebt.

Gesund und krank spazieren Hand in Hand

In gut sichtbaren Lettern prangt auf den violett getönten Plakaten des wildwuchs Theaterfestivals das Leitmotiv der achten Ausgabe: «Wir sind viele.» Doch welche Personengruppe versteckt sich hinter dem Personalpronomen «wir»? Impliziert der Begriff des «wir» nicht immer auch die Existenz eines «anderen», welches ausserhalb des «wir» angesiedelt ist und systematisch ausgegrenzt wird? Und nach welchen Regeln wird die Zughörigkeit zu einer der beiden Gruppierungen überhaupt determiniert? Tatsächlich bildete die Frage nach der Definition von Innen und Aussen den thematischen Schwerpunkt des diesjährigen Festivals, als dessen Gastspielort neben der Kaserne und dem ROXY Birsfelden die Universitären Psychiatrischen Kliniken (UPK) dienten. Fragen der Inklusion von Menschen mit körperlicher und psychischer Beeinträchtigung sowie der gesellschaftlichen und kulturellen Heterogenität wurden während den beiden ersten Juni-Wochen in unterschiedlichen theatralen Formaten aufgegriffen.

Vertrauensgestus

Mit einem vertrauten Menschen Hand in Hand müssig durch das Stadtzentrum zu flanieren bedarf kaum grosser Überwindung. Sich jedoch einem völlig fremden Menschen anzuvertrauen, von diesem an der Hand genommen und durch die Stadt geführt zu werden schon. Händchenhalten ist eine intime Geste, die von gegenseitigem Vertrauen zeugt und zwischen zwei Menschen eine körperliche und emotionale Brücke herzustellen vermag. Das Projekt «Walking:Holding» der britischen Performance-Künstlerin Rosana Cade greift diesen Aspekt auf und erweitert ihn um ein zusätzliches Irritationsmoment: Die Begleitung ist eine völlig unbekannte Person, eine der «anderen». Es versteht sich als ein experimenteller Spaziergang, bei dem die Teilnehmer an der Hand von eigens für den jeweiligen Durchführungsort gecasteten «Handhaltern» aller Altersstufen, sozialen Gruppen und geschlechtlicher Ausprägungen durch die belebteren Basler Stadtteile schlendern.

Handhalter erzählen

Den Teilnehmern bieten sich verschiedene Möglichkeiten, um auf die befremdlich wirkende Situation zu reagieren. Die Verfasserin des Artikels entscheidet sich für den kommunikativen Austausch mit den insgesamt sieben Darstellern, welche sie im Verlauf von einer Stunde etappenweise über die Mittlere Brücke, in die Freie Strasse und zur Münsterplattform gelotst haben. Und erfährt dabei zum Teil auch sehr persönliche Anekdoten: Dass das Theaterspiel ihre Leidenschaft sei, erzählt die Schülerin mit den verheilten Ritznarben an den Armen. Dass er die kulturelle Vielfalt von Basel schätze, meint der Theater- und Filmschaffende aus Mali. Dass die Kommunikation mit englischsprachigen Teilnehmern für ihn schwierig sei, gesteht der ältere Herr mit dem Armstumpf. Dass die Paarbildung dunkelhäutiger Mann mit hellhäutiger Frau meist mehr Blicke auf sich ziehe, stellt die Frau mittleren Alters fest.

Gemischte Gefühle

Im Gespräch vergehen die 60 Minuten wie im Flug, die irritierten oder missbilligenden Blicke des Umfelds lassen sich ebenfalls leichter ausblenden. Eine grundlegende Veränderung der eigenen Wahrnehmung brachte dieses Erlebnis für die Verfasserin jedoch nicht mit sich. Das Stück hinterlässt als Plädoyer für mehr Akzeptanz gemischte Gefühle, konfrontiert es die Teilnehmer zwar mit den eigenen Vorurteilen, dies jedoch nur während kurzer Zeit und im Rahmen einer durch und durch künstlichen Situation. Es bleibt jedenfalls zweifelhaft, ob die Teilnehmer des Spaziergangs sich die Aufforderung des Programmtextes, öfter mal Hand in Hand mit jemandem spazieren zu gehen auch zu Herzen nehmen werden.

Spaziergang mit Stimmen im Ohr

Als eher konventioneller Hör-Spaziergang mit Kopfhörer präsentiert sich hingegen das Stück «Dazwischenland» des Kollektivs Firma für Zwischenbereiche. Eine souverän klingende glatte Männerstimme lotst die zeitlich versetzt startenden Teilnehmer unter häufiger Betonung, sich respektvoll zu verhalten über das weitläufige Gelände der im Basler Niemandsland kurz vor der französischen Grenze angesiedelten UPK und liefert dabei einen kurzen Abriss der Geschichte der Institution. Regelmässige dumpfe Schläge geben im Sinne eines akustischen Herzschrittmachers das ideale Schritttempo vor. Eingestreute Interviewfragmente, in denen Patientinnen und Patienten Details aus ihrer Lebensrealität und ihrem Umgang mit der Krankheit preisgeben, runden den Audiowalk ab. So weit, so unspektakulär, wäre da nicht die neckische Frauenstimme, welche den um korrektes Verhalten bemühten Sprecher immer wieder unterbricht, frech zur Missachtung seiner Anweisungen auffordert, in bewusst reisserischer Manier saftige Informationen zu der Einrichtung preisgibt und sich schliesslich gar als imaginäres Konstrukt der Männerstimme ausgibt – ein Verweis auf die bei Schizophrenie-Patienten auftretenden Halluzinationen.

Kuchen als verbindendes Element

Der Reiz dieser auditiven Führung durch die idyllische Parkanlage der Psychiatrie liegt in ihrer wiederholten spielerisch-provokanten Transgression der Realitätsebenen. Die Grenzen zwischen Krankheit und Normalität, dem «wir» und den «anderen» werden im Verlauf des Rundgangs als durchlässig entlarvt. «Psychische Erkrankungen können jeden Menschen treffen», lautet die simplizistisch anmutende, jedoch durchaus berechtigte Botschaft des Hör-Spaziergangs. Die Jurte der Mach-Bar des Kollektivs OPUS 89 bildet die Schlussstation des Audiowalks, wo schlussendlich sämtliche Fäden zusammengeführt werden. Patienten der UPK; Pflegepersonal, Theaterschaffende und Festivalbesucher statten dem kulinarischen Treffpunk auf dem Gelände der Kliniken einen Besuch ab. Allesamt vereint in der Wertschätzung des hausgemachten Kuchenbüffets.

Mehr Informationen findet ihr auf der Seite des wildwuchs Festivals.

Der nachhaltige Filmtipp – Code of Survival

«Eigentlich sollte man den besten Anzug anziehen, wenn man auf den Acker geht. Man muss Ehrfurcht vor dem Boden haben, denn er ist unsere Lebensgrundlage», sagt Bio-Bauer Franz Aunkofer im Film. Er war einer der ersten Bio-Bauern Deutschlands und erwirtschaftet inzwischen praktisch denselben Ertrag wie im konventionellen Anbau – ohne Gift und im Einklang mit der Natur. Der Alltag in der industriellen Landwirtschaft sieht anders aus. Dort bauen die Landwirte seit vielen Jahren Gentech-Pflanzen an und behandeln sie mit Glyphosat-haltigen Herbiziden wie Roundup. Die Resultate: resistentes Unkraut, das sich unkontrolliert vermehrt und harte Böden, auf denen nichts mehr wächst.

Regisseur Bertram Verhaag stellt der industriellen Landwirtschaft in den USA drei Beispiele aus Deutschland, Ägypten und Indien gegenüber. Er zeigt, wie die biologische Landwirtschaft dort aus kaputten Böden fruchtbare Äcker macht, welche hohe Qualität produzieren und die Artenvielfalt steigern. Die Formel des Überlebens – der Code of Survival – liegt in der nachhaltigen und biologischen Bewirtschaftung des Bodens, wie es Jane Goodall am Ende des Films formuliert: «Wir sollten mit der Natur zusammenarbeiten, nicht gegen sie. Nur dann können wir es schaffen, die Natur und das Land wiederherzustellen»

Dieser Film sowie weitere Filme zu diesem Thema sind auf der Filmseite Gentech + Saatgut aufgelistet.

Die DVD des Films ist hier erhältlich.

Dieser Eintrag erschien am 06.06.2017 auf dem Blog von unserem Partner Filme für die Erde.

Ein Busfahrer als «Bernmobil-Sohn»

Auch ich steige häufig in den Bus ein. Insbesondere im Winter, wenn es kalt ist und ich keine Lust habe, in der Schule halb erforen anzukommen. Mit den Busfahrern habe ich bis anhin noch nie gesprochen, zumindest in Bern nicht.

Als ich letzten Sommer in einer Kleinstadt an der Ostküste Irlands für einen Sprachaufenthalt war, benutzte ich täglich den Bus. Zur Schule gings mit dem Schulbus, in dem ich den Fahrern lediglich ein freundliches «How are you?» zurief. Am Abend benutzte ich jeweils den öffentlichen Bus. Ich bemerkte, dass die Einheimischen mit den Busfahrern immer intensive Gespräche begannen, anders als ich es von Bern kannte. Schliesslich wurden jeweils auch wir Sprachstudentinnen und Sprachstudenten in die Konversation eingebunden und diskutierten über das Wetter, über unsere Heimatländer oder über den Brexit, der damals noch ein frischer Schock für die Iren war.

Mein Gespräch mit einem Busfahrer in Bern fand nicht im Bus, sondern in der Bernmobil-Garage am Eigerplatz statt. Es war später Nachmittag und somit waren die meisten Busse auf den Strassen und Kurven Berns unterwegs. In der Garage standen einige Busse zur Reperatur bereit. Ich hatte die Gelegenheit, mit Mariano Altomonte zu sprechen. Mariano Altomonte arbeitet seit September 2012 bei Bernmobil, wo er auch seine Ausbildung gemacht hat. Er bezeichnet sich deshalb als «Bernmobil-Sohn». Die Ausbildungen für Tram, Bus und Trolley-Bus hat er bestanden und er ist jeden Tag für verschiedene Linien und an verschiedenen Uhrzeiten im Einsatz.

Weshalb es in den Berner Bussen kaum Gespräche zwischen den Busfahrern und Fahrgästen gibt, wollte ich als erstes von Mariano Altomonte wissen. Er beobachte, dass es bei diesem Thema einen Stadt-Land-Unterschied gebe: «In der Stadt steigt der Fahrgast ein, steigt aus und das war’s.» Im Aussennetz, in dem Altomonte zu Beginn arbeitete, sei es viel familiärer zu- und hergegangen. Von manchen Passagieren wisse man mit der Zeit, wer sie sind und man komme mit ihnen immer wieder ins Gespräch. In der Stadt komme das viel weniger vor. Zu Neujahr oder zum Valentinstag komme es häufig vor, dass Leute extra vorne aussteigen, kurz mit den Fahrern reden und manchmal sogar einen Schoggi als Zeichen der Dankbarkeit schenken. Das freut Altomonte jeweils ganz besonders.

Der lustigste Busfahrer-Moment für Mariano Altomonte passierte in Konolfingen, als jemand seinen vollen Migros-Wagen im Bus vergessen hatte. Ein Mitarbeiter der BLS am Bahnhof Konolfingen teilte ihm mit, dass dieser Fahrgast an einer Haltestelle auf ihn warten würde. Und tatsächlich stand der Mann an abgemachter Haltestelle zu abgemachter Uhrzeit und konnte seinen Wagen entgegennehmen. Als Dank schenkte dieser dem Busfahrer Altomonte eine Flasche Rotwein. «Das ist wirklich cool gewesen», fügte Altomonte beim Erzählen der Geschichte lachend hinzu.

Unangenehme Situationen seien vor allem auf den Verkehr zurückzuführen – zum Beispiel wenn er eine Vollbremsung machen müsse. Wenn es zu heiklen Situationen komme, etwa mit Betrunkenen, sei dies vor allem für die anderen Fahrgäste unangenehm. Für allfällige Schlichtungen seien aber nicht die Busfahrer, sondern anderes Personal zuständig.

Ich sprach den Busfahrer auf folgende Situation an, die ich schon öfter beobachtet habe oder ich gar selbst davon betroffen war: Wenn man zu spät dran ist und auf den Bus zurennt, gibt es manche Fahrer, die warten, andere fahren vorher ab. Altomonte betonte, dass dies nicht aus bösem Wille geschehe. Teilweise sei das Warten nicht möglich, insbesondere zu Stosszeiten, da zu dieser Zeit ein Bus nach dem anderen fährt und man den Fahrplan einhalten muss. Ansonsten versuche er, so oft wie möglich zu warten. Enttäuscht musste ich feststellen, dass die Busfahrer keine Wetten untereinander abschliessen, wie oft ein Busfahrer den Passagieren vor der Nase wegfährt.

Es scheint, dass für die Busfahrer trotz der Hektik immer genügend Zeit vorhanden ist, um deren Kollegen zu grüssen. Das Zeichen sei schlicht ein verbindendes Ritual, das sie vom ersten Tag an vermittelt bekämen. Von den ungefähr 600 Fahrern kennt Mariano Altomonte längst nicht alle, gegrüsst werde von ihm jedoch jeder.

Zum Schluss wollte ich noch von ihm wissen, warum er zusätzlich auch noch die Tramausbildung gemacht hat (welche er erst kurz vor unserem Interview erfolgreich absolviert hatte). Dies habe nichts damit zu tun gehabt, dass momentan immer wieder diskutiert werde, ob Bus- durch Tramlinien ersetzt werden sollen. «Ich finde es einfach gut, wenn ich die Auswahl zwischen Bus, Trolleybus und Tram habe. Tram und Bus sind zwei Paar Schuhe; man kann diese nicht vergleichen».

Mit Graffiti Freiräume schaffen

Das Wichtigste am Eingang ist die Unterschrift. Ohne einen Haftungsausschluss zu unterschreiben, kommt niemand legal aufs Gelände: Auf dem Teufelsberg mitten im Berliner Grunewald herrschen zwar eigene Regeln, doch Sicherheit muss trotzdem sein. Immerhin betreten wir hier marodes Bauwerk – original aus dem Kalten Krieg. Und dennoch geht es auf dem Teufelsberg nicht bloss um den Kult des Verlassenen, Zerfallenen und Überwucherten. Es geht auch um künstlerische und gesellschaftliche Freiheit.

Vom Trümmerberg zur Lauschstation

Den Teufelsberg gibt es erst seit dem Ende des zweiten Weltkriegs. Damals lag in der Hauptstadt jede Menge Schutt und Trümmer. Um Neuem Platz zu machen, türmte man am Rand der Stadt alles auf einen Haufen. Dieser Haufen ist jetzt 120 Meter hoch und nebst der Berliner Mauer eines der eindrücklichsten Kultur- und Zeitdenkmäler aus dem Kalten Krieg.

Lange Zeit wurde der ehemals höchste Berg Berlins durch die Alliierten als Abhörstation verwendet. Die ersten mobilen Anlagen wurden 1961 aufgefahren, ab 1963 baute man die noch heute stehenden Gebäude mitsamt den unverwechselbaren Radomen – grosse Antennenkuppeln, unter denen früher das Spionagegerät eingebaut war. Was dort oben genau gemacht wurde, weiss niemand so genau. Es ging wohl um Signalstörung und die Abhörung des sowjetischen Funkverkehrs. Vielleicht werden wir es im Jahr 2022 erfahren, wenn die Akten der Geheimdienste der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden.

Mit der deutschen Wiedervereinigung verlor man das Interesse am Abhören. Erst wurde in den Anlagen noch der zivile Luftverkehr überwacht, doch um die Jahrtausendwende wurde das ganze Gelände an private Investor*innen verkauft. Der ursprüngliche Plan, dort ein Tagungshotel, ein Spionagemuseum, Wohnungen und eine Gaststätte zu bauen, ging nicht auf. Es gab Widerstand aus der Bevölkerung und irgendwann folgten auch finanzielle Probleme. Und so stand das Gelände viele Jahre brach.

Ein Freiraum für Kunstschaffende

Es sollte bis 2010 dauern, bis sich mit Shalmon Abraham ein Pächter fand, der Besuche im mittlerweile ziemlich heruntergekommen verlassenen Ort ermöglichte. Durch die ungenutzten Jahre waren die Gebäude und die auffälligen Radome teilweise beschädigt. Noch heute ist vieles zerfetzt und zerfallen. Gleichzeitig mit dem Neustart wurde auch eine grosse Graffiti Galerie initiiert. Die hohen Räume und die vielen neu hochgezogenen Wände waren wie geschaffen für Murals und Street Art. So entwickelte sich die ehemalige Abhörstation in den letzten Jahren zu einem Freiraum der Kreativität.

 

Doch es gab auch Konflikte. Einige befürchteten, dass es mit dem verlangten Eintritt bloss ums Geld ginge. Was ehemals ein Ort der Entdeckens, der Einsamkeit und der Abenteuerlust war, drohte stattdessen im Kommerz zu versinken. Auch darum wurde Marvin Schütte – Sohn eines der Eigentümer – 2015 neuer Pächter des Teufelsbergs. Im Gegensatz zu früher sollte es nun nicht mehr um den Profit gehen. Dies entspräche auch dem Wunsch einiger aus der Bevölkerung, welche den Teufelsberg «zu einer modernen, überregionalen Austauschplattform und Denkfabrik für Kultur, Kunst, Geschichte, Technik, Natur und neue Wirtschaftsmodelle« machen möchten, wie der unabhängige Verein Initiative Kultur-DENK-MAL Berliner Teufelsberg in seinem Manifest schreibt. Trotzdem zahlen Besucher*innen auch heute noch Eintritt.

Rundgang zwischen Vergangenheit und Zukunft

Als einzigartiges historisches Kulturdenkmal hat der Teufelsberg einen grossen Wert für die allgemeine Bevölkerung. Durch die geregelte Nutzung ist es möglich, dass alle dieses Zeugnis der alliierten Besatzung erleben können. Ein blosses Denkmal der Vergangenheit ist der Teufelsberg aber trotzdem nicht. Im Gegenteil: Vieles ist hier lebendig und im Entstehen begriffen. Es gibt ein kleines Kaffeehäuschen, einen Essensstand und natürlich jede Menge zu entdecken. Im ersten Stock des Hauptgebäudes haben sich Künstler*innen in eigenen Ateliers eingerich

tet und verkaufen vor Ort ihre Werke. Nicht zuletzt zeigen die über 300 Graffiti und Kunstinstallationen wie unglaublich vielseitig und aktiv dieser Ort ist.

Natürlich gibt es auch solche, für die der Teufelsberg ein Schandfleck ist. Die ausgefallene Street Art gefällt nicht jedem und jeder. Und noch immer sind die Zeichen des Zerfalls und der jahrelangen Vernachlässigung zu sehen. Vieles ist wohl für immer zerstört. Doch vielleicht ist gerade das der grosse Reiz dieses Ortes, wo man die dicke Luft des Kalten Krieges förmlich einatmen kann.

Nächster Halt: 3 Stunden Verspätung.

9:12 Uhr: ich steige in den Bus. Heute werden Jacqueline und ich Tink.ch an der Universität Basel vorstellen. Ich freue mich, neue Schreiberlinge für unser Magazin zu gewinnen. Von Neuchâtel nach Biel, von Biel nach Basel: das ist der kinderleichte Plan. Voraussichtliche Ankunft: 10:53 Uhr. Dass ich erst um 13:55 Uhr ankommen würde, ahne ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Noch weniger ahne ich, dass dies ein faszinierendes, aber anstrengendes Abenteuer werden würde.

Wir bleiben stehen

Wie so mancher homo technologicus wische ich auf meinem Smartphone herum, so ganz geistig anwesend bin ich nicht, erst nach einer Weile merke ich, dass wir auffällig lange an diesem Bahnhof stehen. Laufen – der Name dieser Ortschaft ist so passend, dass er Teil eines Drehbuches zu sein scheint. «Problem mit den Sicherheitsanlagen in Grellingen», ertönt es vom Lautsprecher. Wir müssen aussteigen, der Zug kann nicht weiterfahren und wir müssen am Bahnhof auf weitere Informationen warten. Leute mit grossen Koffern, junge und alte Menschen, Kinder: dieses Gleis 2 ist wohl nie so dicht besiedelt gewesen wie heute. Die Ersten tippen wild auf ihrem Smartphone herum, einige telefonieren, ziemlich viele ziehen nervös an ihrer Zigarette. Die S3 nach Olten fällt aus. Unsere nächste Möglichkeit, nach Basel zu kommen, ist eine halbe Stunde später. Erst um 11:50 Uhr werde ich da sein, ich werde die erste Präsentation von Tink.ch verpassen. Schade, aber zum Glück haben wir geplant, eine zweite um 14:15 Uhr zu halten.

Mit einem Sandwich in der Hand laufe ich zurück an den Bahnhof, auf dem Gleis 4 steht bereits unser Zug. Die S3 ist klein und die Leute sind viele, das Gepäck der Passagiere, die wahrscheinlich an den Flughafen gehen, ist sperrig. Wir steigen ein, ich setze mich hin, der Zug fährt ab. «Was machst du denn hier?» – «Mein Zug ist ausgefallen, ich muss nach Basel» – «Ah, deshalb ist der Zug so voll!». Die Leute sind entspannt, erzählen einander von ihrem Tag und ihren Plänen.

Fahren oder Laufen?

«Ja hallo, entschuldigen Sie bitte, ich werde verspätet sein, der Zug ist ausgefallen», sie spricht mit einem accent francophone. Es wird ruhig: Zwingen, schon eine Weile stehen wir an diesem Bahnhof, ohne informiert zu werden, was geschehen ist. Die Stimme des Lokomotivführers ertönt, er entschuldigt sich, die Störung hält an, voraussichtlich werden wir ein paar Minuten verspätet sein. Er scheint nervös, die Situation scheint ihm hörbar unbequem zu sein. Aus ein paar Minuten wird «unbestimmte Zeit» und dann: wir müssen nach Laufen zurückfahren, da werden Ersatzbusse zur Verfügung stehen. Gelächter bricht aus, Gefluche ertönt. Ich übersetze meiner Sitznachbarin die Durchsage. Heute ist ihr Probetag für einen neuen Job, jetzt bereut sie es, nicht mit dem Auto gefahren zu sein.

Die Masse bewegt sich Richtung Busbahnhof fort, zu den bisherigen Passagieren kommen nun neue Ankömmlinge hinzu. Es werden immer mehr und die beiden Busse, die gerade anfahren, sind auch im Nu schon vollgestopft. Ein alter Mann mit Gehstöcken versucht einzusteigen, erst nachdem ich schimpfe, machen die Leute ihm Platz. Seine Frau versucht verzweifelt einzusteigen, sie schleppt zwei grosse Koffer. Ich mache ihr Platz, «Ich habe Zeit». Wie so viele stehe ich nun wieder in der warmen Sonne, die irgendwie die Stimmung trotz allem zu erhellen scheint.

Über den Röstigraben und fehlende Informationen

«On fait 5 kilomètres et on ne comprend déjà plus rien». Diese Dame ist nicht die Einzige, die sich zu beschweren scheint, dass die Durchsagen alle auf Deutsch waren. Eine zweite, ältere Dame erklärt mir, dass sie lange nicht verstand, was geschehen sei. Ein erstaunliches Vorgehen auf einer zweisprachigen Strecke, doch was mich zunehmend beeindruckt, ist, dass die Leute so ruhig und zivilisiert zu bleiben scheinen.

Ich warte. 10 Minuten, 30 Minuten. Nach ungefähr 50 Minuten ist der nächste Bus da, ich schaffe es rein. Dass die SBB jedoch keinen Plan hat, um Leuten, die schon länger warten, den Vortritt zu lassen und sicherzustellen, dass ältere Menschen und Kinder sicher reisen können, schockiert mich. So zusammengepfercht zu reisen, hat jedoch einen Vorteil: es ist fast unmöglich, in einer Kurve umzufallen. Die Fahrgäste im Bus nehmen es mit Humor. Ob jedoch diejenigen, die an den Haltestellen zwischen Laufen und dem Terminal stehen und auch in diesen Bus nicht einsteigen können, es noch mit Humor nehmen, ist unklar.

Auch der dritte Bahnersatzbus zwischen Laufen und Aesch (BL) ist überladen.

 

Am Bahnhof Aesch erscheinen die Wartenden wie eine überzählige Reisegruppe. Keine Durchsage ertönt, man ist auf sich gestellt und merkt früher oder später, dass man auf das andere Gleis muss, wenn man – wie ich zum Beispiel – nicht sieht, dass eine Zugangestellte zwischen den Leuten steht. Natürlich ist auch dieser Zug voll, natürlich müssen etliche ältere Menschen stehen und dass schon wieder nur mir und meiner Sitznachbarin in den Sinn kommt, dass man ihnen Platz machen kann, bringt mich erneut zum Kopfschütteln.

Eine überzählige Reisegruppe? Die Zugpassagiere warten auf den Ersatzbus in Aesch (BL).

 

Ein Abenteuer geht zu Ende

13:55 Uhr. Ich habe es geschafft, ich bin in Basel. Ich werde es heute noch schaffen, Tink.ch vorzustellen. Und wenigstens hat mein Abenteuer es mir erlaubt, Sonne zu tanken. Unser gemeinsames Leiden hat uns Reisende nähergebracht, ein Schwätzchen hier und da ist der positive Nebeneffekt einer aussergewöhnlichen Situation. Ich gehöre zu den über 400’000 Schweizer*innen, die ein Generalabonnement haben und von Jahr zu Jahr zahle ich mehr dafür. Diesen Luxus gönne ich mir gerne, Zugfahren ist mir wichtig, doch hat es die SBB an diesem Mittwoch geschafft, meine südamerikanischen, chaotischen Reiseerfahrungen zu übertreffen. Irgendwie habe ich es genossen, meine Mitmenschen zu beobachten und Gelassenheit zu üben. Doch dann denke ich an die junge Frau, die ihren Probetag hatte, an die älteren Menschen, die so reisen mussten und an die Leute, die wahrscheinlich ihren Flug verpasst haben und denke mir: wär’s wirklich nicht anders gegangen?

«Dr SCB isch dr geilscht Club»

Er wartet schon, an diesem Mittwochmittag, in einem Café in Bern, notabene zwei Tage nachdem sich der SCB in Zug zum zweiten Mal in Folge zum Eishockey Schweizer Meister küren lassen konnte. Von seinem Gipfeli ist schon fast nichts mehr übrig. «Tinu», stellt er sich vor. Martin Megert, wie er mit bürgerlichem Namen heisst, ist Informatiker. Neben seinem Beruf gibt es eine grosse Konstante in seinem Leben. Sie heisst SCB. Ich setzte mich ihm gegenüber hin. Wie sich herausstellt, ist Tinu genau wie ich in Burgdorf aufgewachsen. Während mich mein Vater an meinen ersten Match nach Langnau mitnahm, ging es für Tinu in die andere Richtung, nach Bern.

Das war der Beginn einer grossen Liebe. Heute ist der 56-Jährige der wahrscheinlich grösste SCB-Fan und ziemlich sicher auch der Bekannteste. Er ist Betreiber der Facebook-Seite «Hardboiled SCB», welche mittlerweile über 8000 Fans zählt. Auf dieser veröffentlicht er an jedem Spieltag spätestens eine Stunde nach dem Schlusspfiff einen Matchbericht, in dem er sich unzensiert seine Emotionen vom Leib schreibt. Diese Emotionen hat er nun auch in Buchform niedergeschrieben: «111 Gründe, den SCB zu lieben», heisst das gute Stück. Auch wenn sich Tinu für das Buch etwas zurückhalten musste, was die Sprache anging, ist sein Schreibstil deutlich erkennbar. «Ich bin wahnsinnig stolz auf das Buch, und auch auf mich», erzählt Tinu.

Seitenhiebe für Fribourg-Gottéron

«Der wichtigste Grund, den SCB zu lieben, ist ganz einfach: Der SCB ist ein geiler Club», sagt Tinu. Diesen einen, alles überspannenden Grund habe er dann, «wie ein Forensiker», aufgespalten in 111 Gründe. Drei Monate habe er jede Nacht daran geschrieben, immer mit der Deadline im Nacken. Er sei froh, dass er das Buch nicht während der Eishockeysaison schreiben musste, schmunzelt er. «Zusammen mit einem 100%-Job bin ich schon an meine Grenzen gekommen».

Das Buch ist eine Liebeserklärung an den SCB. Nicht immer sehr objektiv geschrieben, doch ausnahmslos ehrlich, interessant und auch lehrreich. Was auffällt: Gefühlt auf jeder zweiten Seite ist ein Seitenhieb gegen Fribourg-Gottéron versteckt. Diesen Club kann Tinu nicht ausstehen. «Weil es den HC Fribourg-Gottéron gibt», ist sogar der 39. Grund, den SCB zu lieben. Tinu erklärt, dass die Fribourger Fans «ekligi Cheibe» seien. Seine Erinnerungen an Fribourg seien nicht die besten, gibt er zu. Doch man könne sie auch nicht wirklich ernstnehmen, die chronisch erfolglosen Zähringer, die als einen der grössten Erfolge der Vereinsgeschichte den Vize Schweizer-Meister-Titel angeben, führt er weiter aus. Da seien ja sogar die Langnauer erfolgreicher – einen Titel gab es für die Langnauer 1976 zu feiern.

Der SCB als Kontaktbörse

Selbst der eingefleischteste SCB-Fan wird bei der Lektüre einige neue Dinge über seinen Lieblingsclub lernen. Etwa, dass die Band Europe extra für den SC Bern eine Ausnahme machte und ihren Hit «The Final Countdown», welcher nach jedem Berner Tor erklingt, zur Einweihung des neuen Stadions 2009 live spielte. Denn seit ihrem Comeback im Jahre 2004 weigerten sie sich standhaft, ihren grössten Hit live zu spielen. Auch Privates findet im Buch Platz: Martin Megert hat seine Frau an einem SCB-Spiel kennengelernt. Auch Randgeschichten von Spielern, Trainern und Schiedsrichtern finden in Tinus Werk Platz. In über 40 Jahren als SCB-Fan hat er vieles erlebt und kann so aus dem Nähkästchen plaudern. Die Liebe und Leidenschaft für den SCB ist in jeder Zeile spürbar.

Der Meisterfeier im Berner Stadion am Ostermontag blieb Tinu übrigens fern. «Bisher haben sie noch immer verloren, wenn ich an ein Public Viewing gegangen bin», so Tinu. Auch als der Titel im Trockenen war, blieb er zuhause: «Das war für mich ein schöner Abschluss der Saison». Er sei halt nicht mehr der Jüngste. Doch den Umzug durch die Berner Altstadt und die Feier auf dem Bundesplatz liess er sich nicht entgehen. «Das ist Ehrensache», meint der wohl grösste SCB-Fan, bevor er sich verabschieden muss. Er werde jetzt den Sommer geniessen.

Taktlos in Zürich

«Wann haben Sie das letzte Mal etwas zum ersten Mal gehört?», dieses Motto hat Taktlos des Ensembles Collegium Novum ausgeliehen und zu seinem gemacht. Beim Festival geht es um Musik, die fast niemand kennt und viele entdecken wollen. Die nächsten vier Tage kommen MusikerInnen aus 17 Ländern in der Roten Fabrik in Zürich zusammen, um ihre Stücke zu präsentieren. Einiges wird schräg, neu und alles bestimmt anders sein, denn genau um das geht es bei Taktlos: um Musik, die Neues wagt.

Heute Abend spielt die slowenische Komponistin Kaja Draksler mit ihrem Oktett die ersten Töne. Die multinationale Gruppe übt in Amsterdam, wo erfolgreich für Kulturförderung gekämpft wird und experimentelle Projekte unterstützt werden. In ihrem Stück «Canto XII» erklingen zu zeitgenössischer Musik Texte des chilenischen Dichters Pablo Neruda. Die acht MusikerInnen teilen sich einen klassischen-jazzigen Hintergrund und spielen mutig mit unkonventionellen Formen. Der Donnerstag wird von Amok Amor in die Dunkelheit begleitet, virtuosen Jazz, lebendige Sechziger und Furchtlosigkeit treiben die vier Männer voran.

Dieses Jahr wird es auch neben der Musik Neuheiten geben. Fredi Bosshard, der Taktlos im Jahre 1984 mit dem Verein Jazzfabrik mitgegründet hat und seit daher jedes Jahr organisiert, gibt das Projekt in neue Hände. Er ist nun 68 Jahre alt und denkt, dass dem Festival ein frischer Wind bestimmt guttun wird. Ab 2018 wird der neue, junge Verein Taktlos das Festival leiten. Fredi Bosshard hat keine Angst vor Veränderungen, im Gegenteil: «Ich hoffe schwer, dass sie neue Ideen, neue Musik und ihren Groove mitbringen.» Das Festival müsse ja ihrem Zeitgeist entsprechen. Als Bosshard das Festival in den 80er Jahren gegründet hat, war Zürich in Aufbruchstimmung, die Jugend hat für ihren Platz gekämpft. Die Musikszene war klein: «Wir haben die ersten Konzerte in der Roten Fabrik organisiert, daneben gab es noch den Plattenladen recrec und das Radio Lora. Das war’s.» Heute sei Zürich eine ganz andere Stadt mit vielen gut Ausgebildeten MusikerInnen und wahnsinnig vielen Angeboten. Und so meint Bosshard, «ist das Festival schon noch von unserer Zeit etwas geprägt». Das dürfe sich heute gerne ändern. Die Gegenwart hat wieder andere Geschichten zu erzählen.

Fredi Bosshard hat einige Kontakte in Deutschland und reist regelmässig an verschiedenste Festivals. Dort entdeckt er spannende Bands und fragt sie für Taktlos an. Wichtig ist den OrganisatorInnen so einiges, und sie halten sich streng an ihre Prinzipien: «Fünf von zehn Bands wurden von Frauen initiiert», das war Bosshard schon von Beginn ein Anliegen. Zudem möchten sie den MusikerInnen faire Löhne bezahlen, ihnen einen anständigen Rahmen bieten und das könnten sie, dank den Subventionen der Stadt Zürich. Damit würden auch überrissene Eintrittspreise vermieden. «Das mussten wir uns alles erarbeiten, mussten der Stadt beweisen, dass wir wirklich etwas Richtiges machen wollen.» In den Anfängen haben sie noch Sandwiches verkauft und wenn wenig Publikum kam, «mussten wir eine Woche nach dem Festival noch Sandwiches essen.» Nur so hätten sie gelernt, wie es funktioniert. Zudem haben sie starke Beziehungen mit der Roten Fabrik gepflegt, sich auch gegenseitig unterstützt. Genau deshalb will Bosshard dem neuen Verein Taktlos auch alle Freiheiten lassen.

Am Freitag geht es mit dem Lisa Ullén Quartett zärtlich weiter. Die Norwegerin Lisa Ullén improvisierte schon während ihres Pianostudiums mit den Innereien des Klaviers. Um 22.30 Uhr wird es dann mit dem Hedvi Mollestad Trio richtig laut. Die Band vermischt Jazz, Rock und Metal mit allem, was ihnen sonst noch in den Sinn kommt. Auch am Samstag wird ein spannendes Programm erwartet. Die Altsaxofonistin Julie Kjaer lebt seit einigen Jahren in London und hat dort mit zwei 80er-Jahre-Musikern ein Trio gegründet. Die drei sind in der «Powerhouse-Rhytmusszene» in London erfolgreich und spielen am Samstag um 20 Uhr in der Roten Fabrik. Kjaer reist danach alleine nach Japan weiter.

Fredi Bosshards «Perle» können wir am Sonntag um 17 Uhr bestaunen. Flury und die Nachgeborenen sind neun MusikerInnen, die alle aus einem anderen Bereich kommen. Da vermischen sich etwa zwei Sängerinnen, ein DJ, ein Pianist und zwei Perkussionisten und stellen den Jazz auf den Kopf. Aber das ist gut so, mein Fredi Bosshard: «wir wollen gerne aus dem Rahmen fallen.»

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YB lässt seine Fans träumen

Foto: Thomas Hodel

Viele Zweikämpfe

Die erste Halbzeit war geprägt von vielen hart geführten Zweikämpfen und zwei stark aufspielenden Abwehrketten. Nur selten konnten die Offensivspieler beider Mannschaften in eine gefährliche Position gebracht werden.

Weder Steffen beim FCB, noch Sulejmani konnten ihre Freiheiten ausnützen und so war das logische Halbzeitresultat 0-0.

Einzelleistungen entscheiden das Spiel

Das Heimteam kam stärker aus der Kabine und spielte mit viel Druck nach vorne. In der 58. Minute passte der stark aufspielende YB-Verteidiger Benito auf Yoric Ravet. Dieser lässt mit seinem Dribbling Luca Zuffi alt aussehen und schlenzt den Ball herrlich an Vaclik vorbei ins Tor. Das ausverkaufte Stade de Suisse stand kopf. Keine Minute später hatte Sulejmani das nächste Tor auf dem Fuss, doch er verzog kläglich.

In der 80. Minute besiegte Sulejmani schliesslich endgültig das FCB. Einen Freistoss aus rund 25 Metern versenkte er nahezu perfekt ins Tor.

YB-Debütant Christian Fassnacht war nach dem Spiel zufrieden: «Es ist natürlich toll, gegen den Meister zu gewinnen, aber das war bloss das erste Spiel und jetzt kommt Dynamo Kiew, dies ist noch ein härterer Brocken. Nach der zweiten Halbzeit von heute dürfen wir jedoch zuversichtlich sein.»

Gurtenfestival: Lo & Leduc besiegen Züri West

Für die Veranstalter hat sich das Festival auf jeden Fall gelohnt: Alle vier Tage des 34. Gurtenfestival waren ausverkauft. 61 Live-Acts und 63 DJs bespielten bei gutem Wetter den Berner Hausberg. Darunter auch Züri West.

Jüngeres Publikum

Diese gehören zum Gurtenfestival wie die Gurtenbahn. Auch bei ihrem diesjährigen Auftritt vor Heimpublikum war die Hauptbühne voll mit musikbegeisterten Besuchern. Wer sich in der Menge umsah, konnte sehen, dass die Masse sich auf die Berner Stammgäste freuten. Als die bekannten, älteren Lieder angespielt wurden, stimmten alle mit ein. Trotzdem konnte man eine gewisse Verhaltenheit ausmachen, welche die Gurtengänger zu bremsen schien. Um für mehr als eine Stunde zu überzeugen, dafür war der Auftritt zu wenig inspiriert. Er wirkte gewohnt, ja, routiniert.

Ein Grund für die fehlende Euphorie dürfte das Alter der Festivalbesucher sein. Die Zuhörer der neuen Alben von Züri West sind wohl eher älter als der Altersdurchschnitt der insgesamt 80’000 Festivalbesucher auf dem Berner Hausberg. Ganz anders bei Lo & Leduc: Die beiden Rapper sind ebenfalls in Bern aufgewachsen und ihr Auftritt war ein Genuss. Die grossartige Stimmung trug klar dazu bei. Sie erzeugten eine starke Dynamik und trieben die Zuschauer an. Das Publikum erklärte sie klar zum Sieger der beiden Berner Gruppen.

Antikaptialisten und einhändige Saxophonisten

Auch die bekannten zweisprachigen Antikapitalisten Irie Revolté wussten, wie man Stimmung erzeugt. Als am Freitagnachmittag die Hauptbühne noch halb leer war, halfen sie den schwächenden Festivalgängern, sich den Kater aus den Knochen zu schütteln. Immer wieder forderten sie die Leute erfolgreich zum Mitmachen auf. Auch wenn der Antifa-Auftritt mit linken Parolen etwas komisch auf einem sehr kommerziell ausgerichteten Festival wirkt, so überzeugten sie doch mit einem kurzen, aber kraftvollen Auftritt. Bei ihrem letzten Lied trat die ganze Band nach vorne und sang ohne Instrumente mehrstimmig «Merci». Das dürfte bei vielen Besuchern für einen Gänsehaut-Moment gesorgt haben.

Die vielseitige Bläserband der Lucky Chops konnte mit erfrischender Musik die Leute bei Laune halten. Mit vielen Soli- und einfallsreichen Showeinlagen gewannen sie die Herzen der Zeltbühnenbesucher. Als der Saxophonist mit einer Hand spielte und mit der anderen das Publikum zum Mitmachen einlud, wurde der Applaus hörbar lauter. Ein rundum gelungener Auftritt der New Yorker.

Die Gurtengänger zeigten sich sowieso von ihrer besten Seite: Die Security-Firma verzeichnete keinen grossen Zwischenfälle. Man darf sich schon auf nächsten Sommer freuen, wenn der Güsche erneut erbebt.

Gesund und krank spazieren Hand in Hand

In gut sichtbaren Lettern prangt auf den violett getönten Plakaten des wildwuchs Theaterfestivals das Leitmotiv der achten Ausgabe: «Wir sind viele.» Doch welche Personengruppe versteckt sich hinter dem Personalpronomen «wir»? Impliziert der Begriff des «wir» nicht immer auch die Existenz eines «anderen», welches ausserhalb des «wir» angesiedelt ist und systematisch ausgegrenzt wird? Und nach welchen Regeln wird die Zughörigkeit zu einer der beiden Gruppierungen überhaupt determiniert? Tatsächlich bildete die Frage nach der Definition von Innen und Aussen den thematischen Schwerpunkt des diesjährigen Festivals, als dessen Gastspielort neben der Kaserne und dem ROXY Birsfelden die Universitären Psychiatrischen Kliniken (UPK) dienten. Fragen der Inklusion von Menschen mit körperlicher und psychischer Beeinträchtigung sowie der gesellschaftlichen und kulturellen Heterogenität wurden während den beiden ersten Juni-Wochen in unterschiedlichen theatralen Formaten aufgegriffen.

Vertrauensgestus

Mit einem vertrauten Menschen Hand in Hand müssig durch das Stadtzentrum zu flanieren bedarf kaum grosser Überwindung. Sich jedoch einem völlig fremden Menschen anzuvertrauen, von diesem an der Hand genommen und durch die Stadt geführt zu werden schon. Händchenhalten ist eine intime Geste, die von gegenseitigem Vertrauen zeugt und zwischen zwei Menschen eine körperliche und emotionale Brücke herzustellen vermag. Das Projekt «Walking:Holding» der britischen Performance-Künstlerin Rosana Cade greift diesen Aspekt auf und erweitert ihn um ein zusätzliches Irritationsmoment: Die Begleitung ist eine völlig unbekannte Person, eine der «anderen». Es versteht sich als ein experimenteller Spaziergang, bei dem die Teilnehmer an der Hand von eigens für den jeweiligen Durchführungsort gecasteten «Handhaltern» aller Altersstufen, sozialen Gruppen und geschlechtlicher Ausprägungen durch die belebteren Basler Stadtteile schlendern.

Handhalter erzählen

Den Teilnehmern bieten sich verschiedene Möglichkeiten, um auf die befremdlich wirkende Situation zu reagieren. Die Verfasserin des Artikels entscheidet sich für den kommunikativen Austausch mit den insgesamt sieben Darstellern, welche sie im Verlauf von einer Stunde etappenweise über die Mittlere Brücke, in die Freie Strasse und zur Münsterplattform gelotst haben. Und erfährt dabei zum Teil auch sehr persönliche Anekdoten: Dass das Theaterspiel ihre Leidenschaft sei, erzählt die Schülerin mit den verheilten Ritznarben an den Armen. Dass er die kulturelle Vielfalt von Basel schätze, meint der Theater- und Filmschaffende aus Mali. Dass die Kommunikation mit englischsprachigen Teilnehmern für ihn schwierig sei, gesteht der ältere Herr mit dem Armstumpf. Dass die Paarbildung dunkelhäutiger Mann mit hellhäutiger Frau meist mehr Blicke auf sich ziehe, stellt die Frau mittleren Alters fest.

Gemischte Gefühle

Im Gespräch vergehen die 60 Minuten wie im Flug, die irritierten oder missbilligenden Blicke des Umfelds lassen sich ebenfalls leichter ausblenden. Eine grundlegende Veränderung der eigenen Wahrnehmung brachte dieses Erlebnis für die Verfasserin jedoch nicht mit sich. Das Stück hinterlässt als Plädoyer für mehr Akzeptanz gemischte Gefühle, konfrontiert es die Teilnehmer zwar mit den eigenen Vorurteilen, dies jedoch nur während kurzer Zeit und im Rahmen einer durch und durch künstlichen Situation. Es bleibt jedenfalls zweifelhaft, ob die Teilnehmer des Spaziergangs sich die Aufforderung des Programmtextes, öfter mal Hand in Hand mit jemandem spazieren zu gehen auch zu Herzen nehmen werden.

Spaziergang mit Stimmen im Ohr

Als eher konventioneller Hör-Spaziergang mit Kopfhörer präsentiert sich hingegen das Stück «Dazwischenland» des Kollektivs Firma für Zwischenbereiche. Eine souverän klingende glatte Männerstimme lotst die zeitlich versetzt startenden Teilnehmer unter häufiger Betonung, sich respektvoll zu verhalten über das weitläufige Gelände der im Basler Niemandsland kurz vor der französischen Grenze angesiedelten UPK und liefert dabei einen kurzen Abriss der Geschichte der Institution. Regelmässige dumpfe Schläge geben im Sinne eines akustischen Herzschrittmachers das ideale Schritttempo vor. Eingestreute Interviewfragmente, in denen Patientinnen und Patienten Details aus ihrer Lebensrealität und ihrem Umgang mit der Krankheit preisgeben, runden den Audiowalk ab. So weit, so unspektakulär, wäre da nicht die neckische Frauenstimme, welche den um korrektes Verhalten bemühten Sprecher immer wieder unterbricht, frech zur Missachtung seiner Anweisungen auffordert, in bewusst reisserischer Manier saftige Informationen zu der Einrichtung preisgibt und sich schliesslich gar als imaginäres Konstrukt der Männerstimme ausgibt – ein Verweis auf die bei Schizophrenie-Patienten auftretenden Halluzinationen.

Kuchen als verbindendes Element

Der Reiz dieser auditiven Führung durch die idyllische Parkanlage der Psychiatrie liegt in ihrer wiederholten spielerisch-provokanten Transgression der Realitätsebenen. Die Grenzen zwischen Krankheit und Normalität, dem «wir» und den «anderen» werden im Verlauf des Rundgangs als durchlässig entlarvt. «Psychische Erkrankungen können jeden Menschen treffen», lautet die simplizistisch anmutende, jedoch durchaus berechtigte Botschaft des Hör-Spaziergangs. Die Jurte der Mach-Bar des Kollektivs OPUS 89 bildet die Schlussstation des Audiowalks, wo schlussendlich sämtliche Fäden zusammengeführt werden. Patienten der UPK; Pflegepersonal, Theaterschaffende und Festivalbesucher statten dem kulinarischen Treffpunk auf dem Gelände der Kliniken einen Besuch ab. Allesamt vereint in der Wertschätzung des hausgemachten Kuchenbüffets.

Mehr Informationen findet ihr auf der Seite des wildwuchs Festivals.

Der nachhaltige Filmtipp – Code of Survival

«Eigentlich sollte man den besten Anzug anziehen, wenn man auf den Acker geht. Man muss Ehrfurcht vor dem Boden haben, denn er ist unsere Lebensgrundlage», sagt Bio-Bauer Franz Aunkofer im Film. Er war einer der ersten Bio-Bauern Deutschlands und erwirtschaftet inzwischen praktisch denselben Ertrag wie im konventionellen Anbau – ohne Gift und im Einklang mit der Natur. Der Alltag in der industriellen Landwirtschaft sieht anders aus. Dort bauen die Landwirte seit vielen Jahren Gentech-Pflanzen an und behandeln sie mit Glyphosat-haltigen Herbiziden wie Roundup. Die Resultate: resistentes Unkraut, das sich unkontrolliert vermehrt und harte Böden, auf denen nichts mehr wächst.

Regisseur Bertram Verhaag stellt der industriellen Landwirtschaft in den USA drei Beispiele aus Deutschland, Ägypten und Indien gegenüber. Er zeigt, wie die biologische Landwirtschaft dort aus kaputten Böden fruchtbare Äcker macht, welche hohe Qualität produzieren und die Artenvielfalt steigern. Die Formel des Überlebens – der Code of Survival – liegt in der nachhaltigen und biologischen Bewirtschaftung des Bodens, wie es Jane Goodall am Ende des Films formuliert: «Wir sollten mit der Natur zusammenarbeiten, nicht gegen sie. Nur dann können wir es schaffen, die Natur und das Land wiederherzustellen»

Dieser Film sowie weitere Filme zu diesem Thema sind auf der Filmseite Gentech + Saatgut aufgelistet.

Die DVD des Films ist hier erhältlich.

Dieser Eintrag erschien am 06.06.2017 auf dem Blog von unserem Partner Filme für die Erde.

Ein Busfahrer als «Bernmobil-Sohn»

Auch ich steige häufig in den Bus ein. Insbesondere im Winter, wenn es kalt ist und ich keine Lust habe, in der Schule halb erforen anzukommen. Mit den Busfahrern habe ich bis anhin noch nie gesprochen, zumindest in Bern nicht.

Als ich letzten Sommer in einer Kleinstadt an der Ostküste Irlands für einen Sprachaufenthalt war, benutzte ich täglich den Bus. Zur Schule gings mit dem Schulbus, in dem ich den Fahrern lediglich ein freundliches «How are you?» zurief. Am Abend benutzte ich jeweils den öffentlichen Bus. Ich bemerkte, dass die Einheimischen mit den Busfahrern immer intensive Gespräche begannen, anders als ich es von Bern kannte. Schliesslich wurden jeweils auch wir Sprachstudentinnen und Sprachstudenten in die Konversation eingebunden und diskutierten über das Wetter, über unsere Heimatländer oder über den Brexit, der damals noch ein frischer Schock für die Iren war.

Mein Gespräch mit einem Busfahrer in Bern fand nicht im Bus, sondern in der Bernmobil-Garage am Eigerplatz statt. Es war später Nachmittag und somit waren die meisten Busse auf den Strassen und Kurven Berns unterwegs. In der Garage standen einige Busse zur Reperatur bereit. Ich hatte die Gelegenheit, mit Mariano Altomonte zu sprechen. Mariano Altomonte arbeitet seit September 2012 bei Bernmobil, wo er auch seine Ausbildung gemacht hat. Er bezeichnet sich deshalb als «Bernmobil-Sohn». Die Ausbildungen für Tram, Bus und Trolley-Bus hat er bestanden und er ist jeden Tag für verschiedene Linien und an verschiedenen Uhrzeiten im Einsatz.

Weshalb es in den Berner Bussen kaum Gespräche zwischen den Busfahrern und Fahrgästen gibt, wollte ich als erstes von Mariano Altomonte wissen. Er beobachte, dass es bei diesem Thema einen Stadt-Land-Unterschied gebe: «In der Stadt steigt der Fahrgast ein, steigt aus und das war’s.» Im Aussennetz, in dem Altomonte zu Beginn arbeitete, sei es viel familiärer zu- und hergegangen. Von manchen Passagieren wisse man mit der Zeit, wer sie sind und man komme mit ihnen immer wieder ins Gespräch. In der Stadt komme das viel weniger vor. Zu Neujahr oder zum Valentinstag komme es häufig vor, dass Leute extra vorne aussteigen, kurz mit den Fahrern reden und manchmal sogar einen Schoggi als Zeichen der Dankbarkeit schenken. Das freut Altomonte jeweils ganz besonders.

Der lustigste Busfahrer-Moment für Mariano Altomonte passierte in Konolfingen, als jemand seinen vollen Migros-Wagen im Bus vergessen hatte. Ein Mitarbeiter der BLS am Bahnhof Konolfingen teilte ihm mit, dass dieser Fahrgast an einer Haltestelle auf ihn warten würde. Und tatsächlich stand der Mann an abgemachter Haltestelle zu abgemachter Uhrzeit und konnte seinen Wagen entgegennehmen. Als Dank schenkte dieser dem Busfahrer Altomonte eine Flasche Rotwein. «Das ist wirklich cool gewesen», fügte Altomonte beim Erzählen der Geschichte lachend hinzu.

Unangenehme Situationen seien vor allem auf den Verkehr zurückzuführen – zum Beispiel wenn er eine Vollbremsung machen müsse. Wenn es zu heiklen Situationen komme, etwa mit Betrunkenen, sei dies vor allem für die anderen Fahrgäste unangenehm. Für allfällige Schlichtungen seien aber nicht die Busfahrer, sondern anderes Personal zuständig.

Ich sprach den Busfahrer auf folgende Situation an, die ich schon öfter beobachtet habe oder ich gar selbst davon betroffen war: Wenn man zu spät dran ist und auf den Bus zurennt, gibt es manche Fahrer, die warten, andere fahren vorher ab. Altomonte betonte, dass dies nicht aus bösem Wille geschehe. Teilweise sei das Warten nicht möglich, insbesondere zu Stosszeiten, da zu dieser Zeit ein Bus nach dem anderen fährt und man den Fahrplan einhalten muss. Ansonsten versuche er, so oft wie möglich zu warten. Enttäuscht musste ich feststellen, dass die Busfahrer keine Wetten untereinander abschliessen, wie oft ein Busfahrer den Passagieren vor der Nase wegfährt.

Es scheint, dass für die Busfahrer trotz der Hektik immer genügend Zeit vorhanden ist, um deren Kollegen zu grüssen. Das Zeichen sei schlicht ein verbindendes Ritual, das sie vom ersten Tag an vermittelt bekämen. Von den ungefähr 600 Fahrern kennt Mariano Altomonte längst nicht alle, gegrüsst werde von ihm jedoch jeder.

Zum Schluss wollte ich noch von ihm wissen, warum er zusätzlich auch noch die Tramausbildung gemacht hat (welche er erst kurz vor unserem Interview erfolgreich absolviert hatte). Dies habe nichts damit zu tun gehabt, dass momentan immer wieder diskutiert werde, ob Bus- durch Tramlinien ersetzt werden sollen. «Ich finde es einfach gut, wenn ich die Auswahl zwischen Bus, Trolleybus und Tram habe. Tram und Bus sind zwei Paar Schuhe; man kann diese nicht vergleichen».

Mit Graffiti Freiräume schaffen

Das Wichtigste am Eingang ist die Unterschrift. Ohne einen Haftungsausschluss zu unterschreiben, kommt niemand legal aufs Gelände: Auf dem Teufelsberg mitten im Berliner Grunewald herrschen zwar eigene Regeln, doch Sicherheit muss trotzdem sein. Immerhin betreten wir hier marodes Bauwerk – original aus dem Kalten Krieg. Und dennoch geht es auf dem Teufelsberg nicht bloss um den Kult des Verlassenen, Zerfallenen und Überwucherten. Es geht auch um künstlerische und gesellschaftliche Freiheit.

Vom Trümmerberg zur Lauschstation

Den Teufelsberg gibt es erst seit dem Ende des zweiten Weltkriegs. Damals lag in der Hauptstadt jede Menge Schutt und Trümmer. Um Neuem Platz zu machen, türmte man am Rand der Stadt alles auf einen Haufen. Dieser Haufen ist jetzt 120 Meter hoch und nebst der Berliner Mauer eines der eindrücklichsten Kultur- und Zeitdenkmäler aus dem Kalten Krieg.

Lange Zeit wurde der ehemals höchste Berg Berlins durch die Alliierten als Abhörstation verwendet. Die ersten mobilen Anlagen wurden 1961 aufgefahren, ab 1963 baute man die noch heute stehenden Gebäude mitsamt den unverwechselbaren Radomen – grosse Antennenkuppeln, unter denen früher das Spionagegerät eingebaut war. Was dort oben genau gemacht wurde, weiss niemand so genau. Es ging wohl um Signalstörung und die Abhörung des sowjetischen Funkverkehrs. Vielleicht werden wir es im Jahr 2022 erfahren, wenn die Akten der Geheimdienste der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden.

Mit der deutschen Wiedervereinigung verlor man das Interesse am Abhören. Erst wurde in den Anlagen noch der zivile Luftverkehr überwacht, doch um die Jahrtausendwende wurde das ganze Gelände an private Investor*innen verkauft. Der ursprüngliche Plan, dort ein Tagungshotel, ein Spionagemuseum, Wohnungen und eine Gaststätte zu bauen, ging nicht auf. Es gab Widerstand aus der Bevölkerung und irgendwann folgten auch finanzielle Probleme. Und so stand das Gelände viele Jahre brach.

Ein Freiraum für Kunstschaffende

Es sollte bis 2010 dauern, bis sich mit Shalmon Abraham ein Pächter fand, der Besuche im mittlerweile ziemlich heruntergekommen verlassenen Ort ermöglichte. Durch die ungenutzten Jahre waren die Gebäude und die auffälligen Radome teilweise beschädigt. Noch heute ist vieles zerfetzt und zerfallen. Gleichzeitig mit dem Neustart wurde auch eine grosse Graffiti Galerie initiiert. Die hohen Räume und die vielen neu hochgezogenen Wände waren wie geschaffen für Murals und Street Art. So entwickelte sich die ehemalige Abhörstation in den letzten Jahren zu einem Freiraum der Kreativität.

 

Doch es gab auch Konflikte. Einige befürchteten, dass es mit dem verlangten Eintritt bloss ums Geld ginge. Was ehemals ein Ort der Entdeckens, der Einsamkeit und der Abenteuerlust war, drohte stattdessen im Kommerz zu versinken. Auch darum wurde Marvin Schütte – Sohn eines der Eigentümer – 2015 neuer Pächter des Teufelsbergs. Im Gegensatz zu früher sollte es nun nicht mehr um den Profit gehen. Dies entspräche auch dem Wunsch einiger aus der Bevölkerung, welche den Teufelsberg «zu einer modernen, überregionalen Austauschplattform und Denkfabrik für Kultur, Kunst, Geschichte, Technik, Natur und neue Wirtschaftsmodelle« machen möchten, wie der unabhängige Verein Initiative Kultur-DENK-MAL Berliner Teufelsberg in seinem Manifest schreibt. Trotzdem zahlen Besucher*innen auch heute noch Eintritt.

Rundgang zwischen Vergangenheit und Zukunft

Als einzigartiges historisches Kulturdenkmal hat der Teufelsberg einen grossen Wert für die allgemeine Bevölkerung. Durch die geregelte Nutzung ist es möglich, dass alle dieses Zeugnis der alliierten Besatzung erleben können. Ein blosses Denkmal der Vergangenheit ist der Teufelsberg aber trotzdem nicht. Im Gegenteil: Vieles ist hier lebendig und im Entstehen begriffen. Es gibt ein kleines Kaffeehäuschen, einen Essensstand und natürlich jede Menge zu entdecken. Im ersten Stock des Hauptgebäudes haben sich Künstler*innen in eigenen Ateliers eingerich

tet und verkaufen vor Ort ihre Werke. Nicht zuletzt zeigen die über 300 Graffiti und Kunstinstallationen wie unglaublich vielseitig und aktiv dieser Ort ist.

Natürlich gibt es auch solche, für die der Teufelsberg ein Schandfleck ist. Die ausgefallene Street Art gefällt nicht jedem und jeder. Und noch immer sind die Zeichen des Zerfalls und der jahrelangen Vernachlässigung zu sehen. Vieles ist wohl für immer zerstört. Doch vielleicht ist gerade das der grosse Reiz dieses Ortes, wo man die dicke Luft des Kalten Krieges förmlich einatmen kann.

Nächster Halt: 3 Stunden Verspätung.

9:12 Uhr: ich steige in den Bus. Heute werden Jacqueline und ich Tink.ch an der Universität Basel vorstellen. Ich freue mich, neue Schreiberlinge für unser Magazin zu gewinnen. Von Neuchâtel nach Biel, von Biel nach Basel: das ist der kinderleichte Plan. Voraussichtliche Ankunft: 10:53 Uhr. Dass ich erst um 13:55 Uhr ankommen würde, ahne ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Noch weniger ahne ich, dass dies ein faszinierendes, aber anstrengendes Abenteuer werden würde.

Wir bleiben stehen

Wie so mancher homo technologicus wische ich auf meinem Smartphone herum, so ganz geistig anwesend bin ich nicht, erst nach einer Weile merke ich, dass wir auffällig lange an diesem Bahnhof stehen. Laufen – der Name dieser Ortschaft ist so passend, dass er Teil eines Drehbuches zu sein scheint. «Problem mit den Sicherheitsanlagen in Grellingen», ertönt es vom Lautsprecher. Wir müssen aussteigen, der Zug kann nicht weiterfahren und wir müssen am Bahnhof auf weitere Informationen warten. Leute mit grossen Koffern, junge und alte Menschen, Kinder: dieses Gleis 2 ist wohl nie so dicht besiedelt gewesen wie heute. Die Ersten tippen wild auf ihrem Smartphone herum, einige telefonieren, ziemlich viele ziehen nervös an ihrer Zigarette. Die S3 nach Olten fällt aus. Unsere nächste Möglichkeit, nach Basel zu kommen, ist eine halbe Stunde später. Erst um 11:50 Uhr werde ich da sein, ich werde die erste Präsentation von Tink.ch verpassen. Schade, aber zum Glück haben wir geplant, eine zweite um 14:15 Uhr zu halten.

Mit einem Sandwich in der Hand laufe ich zurück an den Bahnhof, auf dem Gleis 4 steht bereits unser Zug. Die S3 ist klein und die Leute sind viele, das Gepäck der Passagiere, die wahrscheinlich an den Flughafen gehen, ist sperrig. Wir steigen ein, ich setze mich hin, der Zug fährt ab. «Was machst du denn hier?» – «Mein Zug ist ausgefallen, ich muss nach Basel» – «Ah, deshalb ist der Zug so voll!». Die Leute sind entspannt, erzählen einander von ihrem Tag und ihren Plänen.

Fahren oder Laufen?

«Ja hallo, entschuldigen Sie bitte, ich werde verspätet sein, der Zug ist ausgefallen», sie spricht mit einem accent francophone. Es wird ruhig: Zwingen, schon eine Weile stehen wir an diesem Bahnhof, ohne informiert zu werden, was geschehen ist. Die Stimme des Lokomotivführers ertönt, er entschuldigt sich, die Störung hält an, voraussichtlich werden wir ein paar Minuten verspätet sein. Er scheint nervös, die Situation scheint ihm hörbar unbequem zu sein. Aus ein paar Minuten wird «unbestimmte Zeit» und dann: wir müssen nach Laufen zurückfahren, da werden Ersatzbusse zur Verfügung stehen. Gelächter bricht aus, Gefluche ertönt. Ich übersetze meiner Sitznachbarin die Durchsage. Heute ist ihr Probetag für einen neuen Job, jetzt bereut sie es, nicht mit dem Auto gefahren zu sein.

Die Masse bewegt sich Richtung Busbahnhof fort, zu den bisherigen Passagieren kommen nun neue Ankömmlinge hinzu. Es werden immer mehr und die beiden Busse, die gerade anfahren, sind auch im Nu schon vollgestopft. Ein alter Mann mit Gehstöcken versucht einzusteigen, erst nachdem ich schimpfe, machen die Leute ihm Platz. Seine Frau versucht verzweifelt einzusteigen, sie schleppt zwei grosse Koffer. Ich mache ihr Platz, «Ich habe Zeit». Wie so viele stehe ich nun wieder in der warmen Sonne, die irgendwie die Stimmung trotz allem zu erhellen scheint.

Über den Röstigraben und fehlende Informationen

«On fait 5 kilomètres et on ne comprend déjà plus rien». Diese Dame ist nicht die Einzige, die sich zu beschweren scheint, dass die Durchsagen alle auf Deutsch waren. Eine zweite, ältere Dame erklärt mir, dass sie lange nicht verstand, was geschehen sei. Ein erstaunliches Vorgehen auf einer zweisprachigen Strecke, doch was mich zunehmend beeindruckt, ist, dass die Leute so ruhig und zivilisiert zu bleiben scheinen.

Ich warte. 10 Minuten, 30 Minuten. Nach ungefähr 50 Minuten ist der nächste Bus da, ich schaffe es rein. Dass die SBB jedoch keinen Plan hat, um Leuten, die schon länger warten, den Vortritt zu lassen und sicherzustellen, dass ältere Menschen und Kinder sicher reisen können, schockiert mich. So zusammengepfercht zu reisen, hat jedoch einen Vorteil: es ist fast unmöglich, in einer Kurve umzufallen. Die Fahrgäste im Bus nehmen es mit Humor. Ob jedoch diejenigen, die an den Haltestellen zwischen Laufen und dem Terminal stehen und auch in diesen Bus nicht einsteigen können, es noch mit Humor nehmen, ist unklar.

Auch der dritte Bahnersatzbus zwischen Laufen und Aesch (BL) ist überladen.

 

Am Bahnhof Aesch erscheinen die Wartenden wie eine überzählige Reisegruppe. Keine Durchsage ertönt, man ist auf sich gestellt und merkt früher oder später, dass man auf das andere Gleis muss, wenn man – wie ich zum Beispiel – nicht sieht, dass eine Zugangestellte zwischen den Leuten steht. Natürlich ist auch dieser Zug voll, natürlich müssen etliche ältere Menschen stehen und dass schon wieder nur mir und meiner Sitznachbarin in den Sinn kommt, dass man ihnen Platz machen kann, bringt mich erneut zum Kopfschütteln.

Eine überzählige Reisegruppe? Die Zugpassagiere warten auf den Ersatzbus in Aesch (BL).

 

Ein Abenteuer geht zu Ende

13:55 Uhr. Ich habe es geschafft, ich bin in Basel. Ich werde es heute noch schaffen, Tink.ch vorzustellen. Und wenigstens hat mein Abenteuer es mir erlaubt, Sonne zu tanken. Unser gemeinsames Leiden hat uns Reisende nähergebracht, ein Schwätzchen hier und da ist der positive Nebeneffekt einer aussergewöhnlichen Situation. Ich gehöre zu den über 400’000 Schweizer*innen, die ein Generalabonnement haben und von Jahr zu Jahr zahle ich mehr dafür. Diesen Luxus gönne ich mir gerne, Zugfahren ist mir wichtig, doch hat es die SBB an diesem Mittwoch geschafft, meine südamerikanischen, chaotischen Reiseerfahrungen zu übertreffen. Irgendwie habe ich es genossen, meine Mitmenschen zu beobachten und Gelassenheit zu üben. Doch dann denke ich an die junge Frau, die ihren Probetag hatte, an die älteren Menschen, die so reisen mussten und an die Leute, die wahrscheinlich ihren Flug verpasst haben und denke mir: wär’s wirklich nicht anders gegangen?

«Dr SCB isch dr geilscht Club»

Er wartet schon, an diesem Mittwochmittag, in einem Café in Bern, notabene zwei Tage nachdem sich der SCB in Zug zum zweiten Mal in Folge zum Eishockey Schweizer Meister küren lassen konnte. Von seinem Gipfeli ist schon fast nichts mehr übrig. «Tinu», stellt er sich vor. Martin Megert, wie er mit bürgerlichem Namen heisst, ist Informatiker. Neben seinem Beruf gibt es eine grosse Konstante in seinem Leben. Sie heisst SCB. Ich setzte mich ihm gegenüber hin. Wie sich herausstellt, ist Tinu genau wie ich in Burgdorf aufgewachsen. Während mich mein Vater an meinen ersten Match nach Langnau mitnahm, ging es für Tinu in die andere Richtung, nach Bern.

Das war der Beginn einer grossen Liebe. Heute ist der 56-Jährige der wahrscheinlich grösste SCB-Fan und ziemlich sicher auch der Bekannteste. Er ist Betreiber der Facebook-Seite «Hardboiled SCB», welche mittlerweile über 8000 Fans zählt. Auf dieser veröffentlicht er an jedem Spieltag spätestens eine Stunde nach dem Schlusspfiff einen Matchbericht, in dem er sich unzensiert seine Emotionen vom Leib schreibt. Diese Emotionen hat er nun auch in Buchform niedergeschrieben: «111 Gründe, den SCB zu lieben», heisst das gute Stück. Auch wenn sich Tinu für das Buch etwas zurückhalten musste, was die Sprache anging, ist sein Schreibstil deutlich erkennbar. «Ich bin wahnsinnig stolz auf das Buch, und auch auf mich», erzählt Tinu.

Seitenhiebe für Fribourg-Gottéron

«Der wichtigste Grund, den SCB zu lieben, ist ganz einfach: Der SCB ist ein geiler Club», sagt Tinu. Diesen einen, alles überspannenden Grund habe er dann, «wie ein Forensiker», aufgespalten in 111 Gründe. Drei Monate habe er jede Nacht daran geschrieben, immer mit der Deadline im Nacken. Er sei froh, dass er das Buch nicht während der Eishockeysaison schreiben musste, schmunzelt er. «Zusammen mit einem 100%-Job bin ich schon an meine Grenzen gekommen».

Das Buch ist eine Liebeserklärung an den SCB. Nicht immer sehr objektiv geschrieben, doch ausnahmslos ehrlich, interessant und auch lehrreich. Was auffällt: Gefühlt auf jeder zweiten Seite ist ein Seitenhieb gegen Fribourg-Gottéron versteckt. Diesen Club kann Tinu nicht ausstehen. «Weil es den HC Fribourg-Gottéron gibt», ist sogar der 39. Grund, den SCB zu lieben. Tinu erklärt, dass die Fribourger Fans «ekligi Cheibe» seien. Seine Erinnerungen an Fribourg seien nicht die besten, gibt er zu. Doch man könne sie auch nicht wirklich ernstnehmen, die chronisch erfolglosen Zähringer, die als einen der grössten Erfolge der Vereinsgeschichte den Vize Schweizer-Meister-Titel angeben, führt er weiter aus. Da seien ja sogar die Langnauer erfolgreicher – einen Titel gab es für die Langnauer 1976 zu feiern.

Der SCB als Kontaktbörse

Selbst der eingefleischteste SCB-Fan wird bei der Lektüre einige neue Dinge über seinen Lieblingsclub lernen. Etwa, dass die Band Europe extra für den SC Bern eine Ausnahme machte und ihren Hit «The Final Countdown», welcher nach jedem Berner Tor erklingt, zur Einweihung des neuen Stadions 2009 live spielte. Denn seit ihrem Comeback im Jahre 2004 weigerten sie sich standhaft, ihren grössten Hit live zu spielen. Auch Privates findet im Buch Platz: Martin Megert hat seine Frau an einem SCB-Spiel kennengelernt. Auch Randgeschichten von Spielern, Trainern und Schiedsrichtern finden in Tinus Werk Platz. In über 40 Jahren als SCB-Fan hat er vieles erlebt und kann so aus dem Nähkästchen plaudern. Die Liebe und Leidenschaft für den SCB ist in jeder Zeile spürbar.

Der Meisterfeier im Berner Stadion am Ostermontag blieb Tinu übrigens fern. «Bisher haben sie noch immer verloren, wenn ich an ein Public Viewing gegangen bin», so Tinu. Auch als der Titel im Trockenen war, blieb er zuhause: «Das war für mich ein schöner Abschluss der Saison». Er sei halt nicht mehr der Jüngste. Doch den Umzug durch die Berner Altstadt und die Feier auf dem Bundesplatz liess er sich nicht entgehen. «Das ist Ehrensache», meint der wohl grösste SCB-Fan, bevor er sich verabschieden muss. Er werde jetzt den Sommer geniessen.

Taktlos in Zürich

«Wann haben Sie das letzte Mal etwas zum ersten Mal gehört?», dieses Motto hat Taktlos des Ensembles Collegium Novum ausgeliehen und zu seinem gemacht. Beim Festival geht es um Musik, die fast niemand kennt und viele entdecken wollen. Die nächsten vier Tage kommen MusikerInnen aus 17 Ländern in der Roten Fabrik in Zürich zusammen, um ihre Stücke zu präsentieren. Einiges wird schräg, neu und alles bestimmt anders sein, denn genau um das geht es bei Taktlos: um Musik, die Neues wagt.

Heute Abend spielt die slowenische Komponistin Kaja Draksler mit ihrem Oktett die ersten Töne. Die multinationale Gruppe übt in Amsterdam, wo erfolgreich für Kulturförderung gekämpft wird und experimentelle Projekte unterstützt werden. In ihrem Stück «Canto XII» erklingen zu zeitgenössischer Musik Texte des chilenischen Dichters Pablo Neruda. Die acht MusikerInnen teilen sich einen klassischen-jazzigen Hintergrund und spielen mutig mit unkonventionellen Formen. Der Donnerstag wird von Amok Amor in die Dunkelheit begleitet, virtuosen Jazz, lebendige Sechziger und Furchtlosigkeit treiben die vier Männer voran.

Dieses Jahr wird es auch neben der Musik Neuheiten geben. Fredi Bosshard, der Taktlos im Jahre 1984 mit dem Verein Jazzfabrik mitgegründet hat und seit daher jedes Jahr organisiert, gibt das Projekt in neue Hände. Er ist nun 68 Jahre alt und denkt, dass dem Festival ein frischer Wind bestimmt guttun wird. Ab 2018 wird der neue, junge Verein Taktlos das Festival leiten. Fredi Bosshard hat keine Angst vor Veränderungen, im Gegenteil: «Ich hoffe schwer, dass sie neue Ideen, neue Musik und ihren Groove mitbringen.» Das Festival müsse ja ihrem Zeitgeist entsprechen. Als Bosshard das Festival in den 80er Jahren gegründet hat, war Zürich in Aufbruchstimmung, die Jugend hat für ihren Platz gekämpft. Die Musikszene war klein: «Wir haben die ersten Konzerte in der Roten Fabrik organisiert, daneben gab es noch den Plattenladen recrec und das Radio Lora. Das war’s.» Heute sei Zürich eine ganz andere Stadt mit vielen gut Ausgebildeten MusikerInnen und wahnsinnig vielen Angeboten. Und so meint Bosshard, «ist das Festival schon noch von unserer Zeit etwas geprägt». Das dürfe sich heute gerne ändern. Die Gegenwart hat wieder andere Geschichten zu erzählen.

Fredi Bosshard hat einige Kontakte in Deutschland und reist regelmässig an verschiedenste Festivals. Dort entdeckt er spannende Bands und fragt sie für Taktlos an. Wichtig ist den OrganisatorInnen so einiges, und sie halten sich streng an ihre Prinzipien: «Fünf von zehn Bands wurden von Frauen initiiert», das war Bosshard schon von Beginn ein Anliegen. Zudem möchten sie den MusikerInnen faire Löhne bezahlen, ihnen einen anständigen Rahmen bieten und das könnten sie, dank den Subventionen der Stadt Zürich. Damit würden auch überrissene Eintrittspreise vermieden. «Das mussten wir uns alles erarbeiten, mussten der Stadt beweisen, dass wir wirklich etwas Richtiges machen wollen.» In den Anfängen haben sie noch Sandwiches verkauft und wenn wenig Publikum kam, «mussten wir eine Woche nach dem Festival noch Sandwiches essen.» Nur so hätten sie gelernt, wie es funktioniert. Zudem haben sie starke Beziehungen mit der Roten Fabrik gepflegt, sich auch gegenseitig unterstützt. Genau deshalb will Bosshard dem neuen Verein Taktlos auch alle Freiheiten lassen.

Am Freitag geht es mit dem Lisa Ullén Quartett zärtlich weiter. Die Norwegerin Lisa Ullén improvisierte schon während ihres Pianostudiums mit den Innereien des Klaviers. Um 22.30 Uhr wird es dann mit dem Hedvi Mollestad Trio richtig laut. Die Band vermischt Jazz, Rock und Metal mit allem, was ihnen sonst noch in den Sinn kommt. Auch am Samstag wird ein spannendes Programm erwartet. Die Altsaxofonistin Julie Kjaer lebt seit einigen Jahren in London und hat dort mit zwei 80er-Jahre-Musikern ein Trio gegründet. Die drei sind in der «Powerhouse-Rhytmusszene» in London erfolgreich und spielen am Samstag um 20 Uhr in der Roten Fabrik. Kjaer reist danach alleine nach Japan weiter.

Fredi Bosshards «Perle» können wir am Sonntag um 17 Uhr bestaunen. Flury und die Nachgeborenen sind neun MusikerInnen, die alle aus einem anderen Bereich kommen. Da vermischen sich etwa zwei Sängerinnen, ein DJ, ein Pianist und zwei Perkussionisten und stellen den Jazz auf den Kopf. Aber das ist gut so, mein Fredi Bosshard: «wir wollen gerne aus dem Rahmen fallen.»

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YB lässt seine Fans träumen

Foto: Thomas Hodel

Viele Zweikämpfe

Die erste Halbzeit war geprägt von vielen hart geführten Zweikämpfen und zwei stark aufspielenden Abwehrketten. Nur selten konnten die Offensivspieler beider Mannschaften in eine gefährliche Position gebracht werden.

Weder Steffen beim FCB, noch Sulejmani konnten ihre Freiheiten ausnützen und so war das logische Halbzeitresultat 0-0.

Einzelleistungen entscheiden das Spiel

Das Heimteam kam stärker aus der Kabine und spielte mit viel Druck nach vorne. In der 58. Minute passte der stark aufspielende YB-Verteidiger Benito auf Yoric Ravet. Dieser lässt mit seinem Dribbling Luca Zuffi alt aussehen und schlenzt den Ball herrlich an Vaclik vorbei ins Tor. Das ausverkaufte Stade de Suisse stand kopf. Keine Minute später hatte Sulejmani das nächste Tor auf dem Fuss, doch er verzog kläglich.

In der 80. Minute besiegte Sulejmani schliesslich endgültig das FCB. Einen Freistoss aus rund 25 Metern versenkte er nahezu perfekt ins Tor.

YB-Debütant Christian Fassnacht war nach dem Spiel zufrieden: «Es ist natürlich toll, gegen den Meister zu gewinnen, aber das war bloss das erste Spiel und jetzt kommt Dynamo Kiew, dies ist noch ein härterer Brocken. Nach der zweiten Halbzeit von heute dürfen wir jedoch zuversichtlich sein.»

Gurtenfestival: Lo & Leduc besiegen Züri West

Für die Veranstalter hat sich das Festival auf jeden Fall gelohnt: Alle vier Tage des 34. Gurtenfestival waren ausverkauft. 61 Live-Acts und 63 DJs bespielten bei gutem Wetter den Berner Hausberg. Darunter auch Züri West.

Jüngeres Publikum

Diese gehören zum Gurtenfestival wie die Gurtenbahn. Auch bei ihrem diesjährigen Auftritt vor Heimpublikum war die Hauptbühne voll mit musikbegeisterten Besuchern. Wer sich in der Menge umsah, konnte sehen, dass die Masse sich auf die Berner Stammgäste freuten. Als die bekannten, älteren Lieder angespielt wurden, stimmten alle mit ein. Trotzdem konnte man eine gewisse Verhaltenheit ausmachen, welche die Gurtengänger zu bremsen schien. Um für mehr als eine Stunde zu überzeugen, dafür war der Auftritt zu wenig inspiriert. Er wirkte gewohnt, ja, routiniert.

Ein Grund für die fehlende Euphorie dürfte das Alter der Festivalbesucher sein. Die Zuhörer der neuen Alben von Züri West sind wohl eher älter als der Altersdurchschnitt der insgesamt 80’000 Festivalbesucher auf dem Berner Hausberg. Ganz anders bei Lo & Leduc: Die beiden Rapper sind ebenfalls in Bern aufgewachsen und ihr Auftritt war ein Genuss. Die grossartige Stimmung trug klar dazu bei. Sie erzeugten eine starke Dynamik und trieben die Zuschauer an. Das Publikum erklärte sie klar zum Sieger der beiden Berner Gruppen.

Antikaptialisten und einhändige Saxophonisten

Auch die bekannten zweisprachigen Antikapitalisten Irie Revolté wussten, wie man Stimmung erzeugt. Als am Freitagnachmittag die Hauptbühne noch halb leer war, halfen sie den schwächenden Festivalgängern, sich den Kater aus den Knochen zu schütteln. Immer wieder forderten sie die Leute erfolgreich zum Mitmachen auf. Auch wenn der Antifa-Auftritt mit linken Parolen etwas komisch auf einem sehr kommerziell ausgerichteten Festival wirkt, so überzeugten sie doch mit einem kurzen, aber kraftvollen Auftritt. Bei ihrem letzten Lied trat die ganze Band nach vorne und sang ohne Instrumente mehrstimmig «Merci». Das dürfte bei vielen Besuchern für einen Gänsehaut-Moment gesorgt haben.

Die vielseitige Bläserband der Lucky Chops konnte mit erfrischender Musik die Leute bei Laune halten. Mit vielen Soli- und einfallsreichen Showeinlagen gewannen sie die Herzen der Zeltbühnenbesucher. Als der Saxophonist mit einer Hand spielte und mit der anderen das Publikum zum Mitmachen einlud, wurde der Applaus hörbar lauter. Ein rundum gelungener Auftritt der New Yorker.

Die Gurtengänger zeigten sich sowieso von ihrer besten Seite: Die Security-Firma verzeichnete keinen grossen Zwischenfälle. Man darf sich schon auf nächsten Sommer freuen, wenn der Güsche erneut erbebt.

Gesund und krank spazieren Hand in Hand

In gut sichtbaren Lettern prangt auf den violett getönten Plakaten des wildwuchs Theaterfestivals das Leitmotiv der achten Ausgabe: «Wir sind viele.» Doch welche Personengruppe versteckt sich hinter dem Personalpronomen «wir»? Impliziert der Begriff des «wir» nicht immer auch die Existenz eines «anderen», welches ausserhalb des «wir» angesiedelt ist und systematisch ausgegrenzt wird? Und nach welchen Regeln wird die Zughörigkeit zu einer der beiden Gruppierungen überhaupt determiniert? Tatsächlich bildete die Frage nach der Definition von Innen und Aussen den thematischen Schwerpunkt des diesjährigen Festivals, als dessen Gastspielort neben der Kaserne und dem ROXY Birsfelden die Universitären Psychiatrischen Kliniken (UPK) dienten. Fragen der Inklusion von Menschen mit körperlicher und psychischer Beeinträchtigung sowie der gesellschaftlichen und kulturellen Heterogenität wurden während den beiden ersten Juni-Wochen in unterschiedlichen theatralen Formaten aufgegriffen.

Vertrauensgestus

Mit einem vertrauten Menschen Hand in Hand müssig durch das Stadtzentrum zu flanieren bedarf kaum grosser Überwindung. Sich jedoch einem völlig fremden Menschen anzuvertrauen, von diesem an der Hand genommen und durch die Stadt geführt zu werden schon. Händchenhalten ist eine intime Geste, die von gegenseitigem Vertrauen zeugt und zwischen zwei Menschen eine körperliche und emotionale Brücke herzustellen vermag. Das Projekt «Walking:Holding» der britischen Performance-Künstlerin Rosana Cade greift diesen Aspekt auf und erweitert ihn um ein zusätzliches Irritationsmoment: Die Begleitung ist eine völlig unbekannte Person, eine der «anderen». Es versteht sich als ein experimenteller Spaziergang, bei dem die Teilnehmer an der Hand von eigens für den jeweiligen Durchführungsort gecasteten «Handhaltern» aller Altersstufen, sozialen Gruppen und geschlechtlicher Ausprägungen durch die belebteren Basler Stadtteile schlendern.

Handhalter erzählen

Den Teilnehmern bieten sich verschiedene Möglichkeiten, um auf die befremdlich wirkende Situation zu reagieren. Die Verfasserin des Artikels entscheidet sich für den kommunikativen Austausch mit den insgesamt sieben Darstellern, welche sie im Verlauf von einer Stunde etappenweise über die Mittlere Brücke, in die Freie Strasse und zur Münsterplattform gelotst haben. Und erfährt dabei zum Teil auch sehr persönliche Anekdoten: Dass das Theaterspiel ihre Leidenschaft sei, erzählt die Schülerin mit den verheilten Ritznarben an den Armen. Dass er die kulturelle Vielfalt von Basel schätze, meint der Theater- und Filmschaffende aus Mali. Dass die Kommunikation mit englischsprachigen Teilnehmern für ihn schwierig sei, gesteht der ältere Herr mit dem Armstumpf. Dass die Paarbildung dunkelhäutiger Mann mit hellhäutiger Frau meist mehr Blicke auf sich ziehe, stellt die Frau mittleren Alters fest.

Gemischte Gefühle

Im Gespräch vergehen die 60 Minuten wie im Flug, die irritierten oder missbilligenden Blicke des Umfelds lassen sich ebenfalls leichter ausblenden. Eine grundlegende Veränderung der eigenen Wahrnehmung brachte dieses Erlebnis für die Verfasserin jedoch nicht mit sich. Das Stück hinterlässt als Plädoyer für mehr Akzeptanz gemischte Gefühle, konfrontiert es die Teilnehmer zwar mit den eigenen Vorurteilen, dies jedoch nur während kurzer Zeit und im Rahmen einer durch und durch künstlichen Situation. Es bleibt jedenfalls zweifelhaft, ob die Teilnehmer des Spaziergangs sich die Aufforderung des Programmtextes, öfter mal Hand in Hand mit jemandem spazieren zu gehen auch zu Herzen nehmen werden.

Spaziergang mit Stimmen im Ohr

Als eher konventioneller Hör-Spaziergang mit Kopfhörer präsentiert sich hingegen das Stück «Dazwischenland» des Kollektivs Firma für Zwischenbereiche. Eine souverän klingende glatte Männerstimme lotst die zeitlich versetzt startenden Teilnehmer unter häufiger Betonung, sich respektvoll zu verhalten über das weitläufige Gelände der im Basler Niemandsland kurz vor der französischen Grenze angesiedelten UPK und liefert dabei einen kurzen Abriss der Geschichte der Institution. Regelmässige dumpfe Schläge geben im Sinne eines akustischen Herzschrittmachers das ideale Schritttempo vor. Eingestreute Interviewfragmente, in denen Patientinnen und Patienten Details aus ihrer Lebensrealität und ihrem Umgang mit der Krankheit preisgeben, runden den Audiowalk ab. So weit, so unspektakulär, wäre da nicht die neckische Frauenstimme, welche den um korrektes Verhalten bemühten Sprecher immer wieder unterbricht, frech zur Missachtung seiner Anweisungen auffordert, in bewusst reisserischer Manier saftige Informationen zu der Einrichtung preisgibt und sich schliesslich gar als imaginäres Konstrukt der Männerstimme ausgibt – ein Verweis auf die bei Schizophrenie-Patienten auftretenden Halluzinationen.

Kuchen als verbindendes Element

Der Reiz dieser auditiven Führung durch die idyllische Parkanlage der Psychiatrie liegt in ihrer wiederholten spielerisch-provokanten Transgression der Realitätsebenen. Die Grenzen zwischen Krankheit und Normalität, dem «wir» und den «anderen» werden im Verlauf des Rundgangs als durchlässig entlarvt. «Psychische Erkrankungen können jeden Menschen treffen», lautet die simplizistisch anmutende, jedoch durchaus berechtigte Botschaft des Hör-Spaziergangs. Die Jurte der Mach-Bar des Kollektivs OPUS 89 bildet die Schlussstation des Audiowalks, wo schlussendlich sämtliche Fäden zusammengeführt werden. Patienten der UPK; Pflegepersonal, Theaterschaffende und Festivalbesucher statten dem kulinarischen Treffpunk auf dem Gelände der Kliniken einen Besuch ab. Allesamt vereint in der Wertschätzung des hausgemachten Kuchenbüffets.

Mehr Informationen findet ihr auf der Seite des wildwuchs Festivals.

Der nachhaltige Filmtipp – Code of Survival

«Eigentlich sollte man den besten Anzug anziehen, wenn man auf den Acker geht. Man muss Ehrfurcht vor dem Boden haben, denn er ist unsere Lebensgrundlage», sagt Bio-Bauer Franz Aunkofer im Film. Er war einer der ersten Bio-Bauern Deutschlands und erwirtschaftet inzwischen praktisch denselben Ertrag wie im konventionellen Anbau – ohne Gift und im Einklang mit der Natur. Der Alltag in der industriellen Landwirtschaft sieht anders aus. Dort bauen die Landwirte seit vielen Jahren Gentech-Pflanzen an und behandeln sie mit Glyphosat-haltigen Herbiziden wie Roundup. Die Resultate: resistentes Unkraut, das sich unkontrolliert vermehrt und harte Böden, auf denen nichts mehr wächst.

Regisseur Bertram Verhaag stellt der industriellen Landwirtschaft in den USA drei Beispiele aus Deutschland, Ägypten und Indien gegenüber. Er zeigt, wie die biologische Landwirtschaft dort aus kaputten Böden fruchtbare Äcker macht, welche hohe Qualität produzieren und die Artenvielfalt steigern. Die Formel des Überlebens – der Code of Survival – liegt in der nachhaltigen und biologischen Bewirtschaftung des Bodens, wie es Jane Goodall am Ende des Films formuliert: «Wir sollten mit der Natur zusammenarbeiten, nicht gegen sie. Nur dann können wir es schaffen, die Natur und das Land wiederherzustellen»

Dieser Film sowie weitere Filme zu diesem Thema sind auf der Filmseite Gentech + Saatgut aufgelistet.

Die DVD des Films ist hier erhältlich.

Dieser Eintrag erschien am 06.06.2017 auf dem Blog von unserem Partner Filme für die Erde.

Ein Busfahrer als «Bernmobil-Sohn»

Auch ich steige häufig in den Bus ein. Insbesondere im Winter, wenn es kalt ist und ich keine Lust habe, in der Schule halb erforen anzukommen. Mit den Busfahrern habe ich bis anhin noch nie gesprochen, zumindest in Bern nicht.

Als ich letzten Sommer in einer Kleinstadt an der Ostküste Irlands für einen Sprachaufenthalt war, benutzte ich täglich den Bus. Zur Schule gings mit dem Schulbus, in dem ich den Fahrern lediglich ein freundliches «How are you?» zurief. Am Abend benutzte ich jeweils den öffentlichen Bus. Ich bemerkte, dass die Einheimischen mit den Busfahrern immer intensive Gespräche begannen, anders als ich es von Bern kannte. Schliesslich wurden jeweils auch wir Sprachstudentinnen und Sprachstudenten in die Konversation eingebunden und diskutierten über das Wetter, über unsere Heimatländer oder über den Brexit, der damals noch ein frischer Schock für die Iren war.

Mein Gespräch mit einem Busfahrer in Bern fand nicht im Bus, sondern in der Bernmobil-Garage am Eigerplatz statt. Es war später Nachmittag und somit waren die meisten Busse auf den Strassen und Kurven Berns unterwegs. In der Garage standen einige Busse zur Reperatur bereit. Ich hatte die Gelegenheit, mit Mariano Altomonte zu sprechen. Mariano Altomonte arbeitet seit September 2012 bei Bernmobil, wo er auch seine Ausbildung gemacht hat. Er bezeichnet sich deshalb als «Bernmobil-Sohn». Die Ausbildungen für Tram, Bus und Trolley-Bus hat er bestanden und er ist jeden Tag für verschiedene Linien und an verschiedenen Uhrzeiten im Einsatz.

Weshalb es in den Berner Bussen kaum Gespräche zwischen den Busfahrern und Fahrgästen gibt, wollte ich als erstes von Mariano Altomonte wissen. Er beobachte, dass es bei diesem Thema einen Stadt-Land-Unterschied gebe: «In der Stadt steigt der Fahrgast ein, steigt aus und das war’s.» Im Aussennetz, in dem Altomonte zu Beginn arbeitete, sei es viel familiärer zu- und hergegangen. Von manchen Passagieren wisse man mit der Zeit, wer sie sind und man komme mit ihnen immer wieder ins Gespräch. In der Stadt komme das viel weniger vor. Zu Neujahr oder zum Valentinstag komme es häufig vor, dass Leute extra vorne aussteigen, kurz mit den Fahrern reden und manchmal sogar einen Schoggi als Zeichen der Dankbarkeit schenken. Das freut Altomonte jeweils ganz besonders.

Der lustigste Busfahrer-Moment für Mariano Altomonte passierte in Konolfingen, als jemand seinen vollen Migros-Wagen im Bus vergessen hatte. Ein Mitarbeiter der BLS am Bahnhof Konolfingen teilte ihm mit, dass dieser Fahrgast an einer Haltestelle auf ihn warten würde. Und tatsächlich stand der Mann an abgemachter Haltestelle zu abgemachter Uhrzeit und konnte seinen Wagen entgegennehmen. Als Dank schenkte dieser dem Busfahrer Altomonte eine Flasche Rotwein. «Das ist wirklich cool gewesen», fügte Altomonte beim Erzählen der Geschichte lachend hinzu.

Unangenehme Situationen seien vor allem auf den Verkehr zurückzuführen – zum Beispiel wenn er eine Vollbremsung machen müsse. Wenn es zu heiklen Situationen komme, etwa mit Betrunkenen, sei dies vor allem für die anderen Fahrgäste unangenehm. Für allfällige Schlichtungen seien aber nicht die Busfahrer, sondern anderes Personal zuständig.

Ich sprach den Busfahrer auf folgende Situation an, die ich schon öfter beobachtet habe oder ich gar selbst davon betroffen war: Wenn man zu spät dran ist und auf den Bus zurennt, gibt es manche Fahrer, die warten, andere fahren vorher ab. Altomonte betonte, dass dies nicht aus bösem Wille geschehe. Teilweise sei das Warten nicht möglich, insbesondere zu Stosszeiten, da zu dieser Zeit ein Bus nach dem anderen fährt und man den Fahrplan einhalten muss. Ansonsten versuche er, so oft wie möglich zu warten. Enttäuscht musste ich feststellen, dass die Busfahrer keine Wetten untereinander abschliessen, wie oft ein Busfahrer den Passagieren vor der Nase wegfährt.

Es scheint, dass für die Busfahrer trotz der Hektik immer genügend Zeit vorhanden ist, um deren Kollegen zu grüssen. Das Zeichen sei schlicht ein verbindendes Ritual, das sie vom ersten Tag an vermittelt bekämen. Von den ungefähr 600 Fahrern kennt Mariano Altomonte längst nicht alle, gegrüsst werde von ihm jedoch jeder.

Zum Schluss wollte ich noch von ihm wissen, warum er zusätzlich auch noch die Tramausbildung gemacht hat (welche er erst kurz vor unserem Interview erfolgreich absolviert hatte). Dies habe nichts damit zu tun gehabt, dass momentan immer wieder diskutiert werde, ob Bus- durch Tramlinien ersetzt werden sollen. «Ich finde es einfach gut, wenn ich die Auswahl zwischen Bus, Trolleybus und Tram habe. Tram und Bus sind zwei Paar Schuhe; man kann diese nicht vergleichen».

Mit Graffiti Freiräume schaffen

Das Wichtigste am Eingang ist die Unterschrift. Ohne einen Haftungsausschluss zu unterschreiben, kommt niemand legal aufs Gelände: Auf dem Teufelsberg mitten im Berliner Grunewald herrschen zwar eigene Regeln, doch Sicherheit muss trotzdem sein. Immerhin betreten wir hier marodes Bauwerk – original aus dem Kalten Krieg. Und dennoch geht es auf dem Teufelsberg nicht bloss um den Kult des Verlassenen, Zerfallenen und Überwucherten. Es geht auch um künstlerische und gesellschaftliche Freiheit.

Vom Trümmerberg zur Lauschstation

Den Teufelsberg gibt es erst seit dem Ende des zweiten Weltkriegs. Damals lag in der Hauptstadt jede Menge Schutt und Trümmer. Um Neuem Platz zu machen, türmte man am Rand der Stadt alles auf einen Haufen. Dieser Haufen ist jetzt 120 Meter hoch und nebst der Berliner Mauer eines der eindrücklichsten Kultur- und Zeitdenkmäler aus dem Kalten Krieg.

Lange Zeit wurde der ehemals höchste Berg Berlins durch die Alliierten als Abhörstation verwendet. Die ersten mobilen Anlagen wurden 1961 aufgefahren, ab 1963 baute man die noch heute stehenden Gebäude mitsamt den unverwechselbaren Radomen – grosse Antennenkuppeln, unter denen früher das Spionagegerät eingebaut war. Was dort oben genau gemacht wurde, weiss niemand so genau. Es ging wohl um Signalstörung und die Abhörung des sowjetischen Funkverkehrs. Vielleicht werden wir es im Jahr 2022 erfahren, wenn die Akten der Geheimdienste der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden.

Mit der deutschen Wiedervereinigung verlor man das Interesse am Abhören. Erst wurde in den Anlagen noch der zivile Luftverkehr überwacht, doch um die Jahrtausendwende wurde das ganze Gelände an private Investor*innen verkauft. Der ursprüngliche Plan, dort ein Tagungshotel, ein Spionagemuseum, Wohnungen und eine Gaststätte zu bauen, ging nicht auf. Es gab Widerstand aus der Bevölkerung und irgendwann folgten auch finanzielle Probleme. Und so stand das Gelände viele Jahre brach.

Ein Freiraum für Kunstschaffende

Es sollte bis 2010 dauern, bis sich mit Shalmon Abraham ein Pächter fand, der Besuche im mittlerweile ziemlich heruntergekommen verlassenen Ort ermöglichte. Durch die ungenutzten Jahre waren die Gebäude und die auffälligen Radome teilweise beschädigt. Noch heute ist vieles zerfetzt und zerfallen. Gleichzeitig mit dem Neustart wurde auch eine grosse Graffiti Galerie initiiert. Die hohen Räume und die vielen neu hochgezogenen Wände waren wie geschaffen für Murals und Street Art. So entwickelte sich die ehemalige Abhörstation in den letzten Jahren zu einem Freiraum der Kreativität.

 

Doch es gab auch Konflikte. Einige befürchteten, dass es mit dem verlangten Eintritt bloss ums Geld ginge. Was ehemals ein Ort der Entdeckens, der Einsamkeit und der Abenteuerlust war, drohte stattdessen im Kommerz zu versinken. Auch darum wurde Marvin Schütte – Sohn eines der Eigentümer – 2015 neuer Pächter des Teufelsbergs. Im Gegensatz zu früher sollte es nun nicht mehr um den Profit gehen. Dies entspräche auch dem Wunsch einiger aus der Bevölkerung, welche den Teufelsberg «zu einer modernen, überregionalen Austauschplattform und Denkfabrik für Kultur, Kunst, Geschichte, Technik, Natur und neue Wirtschaftsmodelle« machen möchten, wie der unabhängige Verein Initiative Kultur-DENK-MAL Berliner Teufelsberg in seinem Manifest schreibt. Trotzdem zahlen Besucher*innen auch heute noch Eintritt.

Rundgang zwischen Vergangenheit und Zukunft

Als einzigartiges historisches Kulturdenkmal hat der Teufelsberg einen grossen Wert für die allgemeine Bevölkerung. Durch die geregelte Nutzung ist es möglich, dass alle dieses Zeugnis der alliierten Besatzung erleben können. Ein blosses Denkmal der Vergangenheit ist der Teufelsberg aber trotzdem nicht. Im Gegenteil: Vieles ist hier lebendig und im Entstehen begriffen. Es gibt ein kleines Kaffeehäuschen, einen Essensstand und natürlich jede Menge zu entdecken. Im ersten Stock des Hauptgebäudes haben sich Künstler*innen in eigenen Ateliers eingerich

tet und verkaufen vor Ort ihre Werke. Nicht zuletzt zeigen die über 300 Graffiti und Kunstinstallationen wie unglaublich vielseitig und aktiv dieser Ort ist.

Natürlich gibt es auch solche, für die der Teufelsberg ein Schandfleck ist. Die ausgefallene Street Art gefällt nicht jedem und jeder. Und noch immer sind die Zeichen des Zerfalls und der jahrelangen Vernachlässigung zu sehen. Vieles ist wohl für immer zerstört. Doch vielleicht ist gerade das der grosse Reiz dieses Ortes, wo man die dicke Luft des Kalten Krieges förmlich einatmen kann.

Nächster Halt: 3 Stunden Verspätung.

9:12 Uhr: ich steige in den Bus. Heute werden Jacqueline und ich Tink.ch an der Universität Basel vorstellen. Ich freue mich, neue Schreiberlinge für unser Magazin zu gewinnen. Von Neuchâtel nach Biel, von Biel nach Basel: das ist der kinderleichte Plan. Voraussichtliche Ankunft: 10:53 Uhr. Dass ich erst um 13:55 Uhr ankommen würde, ahne ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Noch weniger ahne ich, dass dies ein faszinierendes, aber anstrengendes Abenteuer werden würde.

Wir bleiben stehen

Wie so mancher homo technologicus wische ich auf meinem Smartphone herum, so ganz geistig anwesend bin ich nicht, erst nach einer Weile merke ich, dass wir auffällig lange an diesem Bahnhof stehen. Laufen – der Name dieser Ortschaft ist so passend, dass er Teil eines Drehbuches zu sein scheint. «Problem mit den Sicherheitsanlagen in Grellingen», ertönt es vom Lautsprecher. Wir müssen aussteigen, der Zug kann nicht weiterfahren und wir müssen am Bahnhof auf weitere Informationen warten. Leute mit grossen Koffern, junge und alte Menschen, Kinder: dieses Gleis 2 ist wohl nie so dicht besiedelt gewesen wie heute. Die Ersten tippen wild auf ihrem Smartphone herum, einige telefonieren, ziemlich viele ziehen nervös an ihrer Zigarette. Die S3 nach Olten fällt aus. Unsere nächste Möglichkeit, nach Basel zu kommen, ist eine halbe Stunde später. Erst um 11:50 Uhr werde ich da sein, ich werde die erste Präsentation von Tink.ch verpassen. Schade, aber zum Glück haben wir geplant, eine zweite um 14:15 Uhr zu halten.

Mit einem Sandwich in der Hand laufe ich zurück an den Bahnhof, auf dem Gleis 4 steht bereits unser Zug. Die S3 ist klein und die Leute sind viele, das Gepäck der Passagiere, die wahrscheinlich an den Flughafen gehen, ist sperrig. Wir steigen ein, ich setze mich hin, der Zug fährt ab. «Was machst du denn hier?» – «Mein Zug ist ausgefallen, ich muss nach Basel» – «Ah, deshalb ist der Zug so voll!». Die Leute sind entspannt, erzählen einander von ihrem Tag und ihren Plänen.

Fahren oder Laufen?

«Ja hallo, entschuldigen Sie bitte, ich werde verspätet sein, der Zug ist ausgefallen», sie spricht mit einem accent francophone. Es wird ruhig: Zwingen, schon eine Weile stehen wir an diesem Bahnhof, ohne informiert zu werden, was geschehen ist. Die Stimme des Lokomotivführers ertönt, er entschuldigt sich, die Störung hält an, voraussichtlich werden wir ein paar Minuten verspätet sein. Er scheint nervös, die Situation scheint ihm hörbar unbequem zu sein. Aus ein paar Minuten wird «unbestimmte Zeit» und dann: wir müssen nach Laufen zurückfahren, da werden Ersatzbusse zur Verfügung stehen. Gelächter bricht aus, Gefluche ertönt. Ich übersetze meiner Sitznachbarin die Durchsage. Heute ist ihr Probetag für einen neuen Job, jetzt bereut sie es, nicht mit dem Auto gefahren zu sein.

Die Masse bewegt sich Richtung Busbahnhof fort, zu den bisherigen Passagieren kommen nun neue Ankömmlinge hinzu. Es werden immer mehr und die beiden Busse, die gerade anfahren, sind auch im Nu schon vollgestopft. Ein alter Mann mit Gehstöcken versucht einzusteigen, erst nachdem ich schimpfe, machen die Leute ihm Platz. Seine Frau versucht verzweifelt einzusteigen, sie schleppt zwei grosse Koffer. Ich mache ihr Platz, «Ich habe Zeit». Wie so viele stehe ich nun wieder in der warmen Sonne, die irgendwie die Stimmung trotz allem zu erhellen scheint.

Über den Röstigraben und fehlende Informationen

«On fait 5 kilomètres et on ne comprend déjà plus rien». Diese Dame ist nicht die Einzige, die sich zu beschweren scheint, dass die Durchsagen alle auf Deutsch waren. Eine zweite, ältere Dame erklärt mir, dass sie lange nicht verstand, was geschehen sei. Ein erstaunliches Vorgehen auf einer zweisprachigen Strecke, doch was mich zunehmend beeindruckt, ist, dass die Leute so ruhig und zivilisiert zu bleiben scheinen.

Ich warte. 10 Minuten, 30 Minuten. Nach ungefähr 50 Minuten ist der nächste Bus da, ich schaffe es rein. Dass die SBB jedoch keinen Plan hat, um Leuten, die schon länger warten, den Vortritt zu lassen und sicherzustellen, dass ältere Menschen und Kinder sicher reisen können, schockiert mich. So zusammengepfercht zu reisen, hat jedoch einen Vorteil: es ist fast unmöglich, in einer Kurve umzufallen. Die Fahrgäste im Bus nehmen es mit Humor. Ob jedoch diejenigen, die an den Haltestellen zwischen Laufen und dem Terminal stehen und auch in diesen Bus nicht einsteigen können, es noch mit Humor nehmen, ist unklar.

Auch der dritte Bahnersatzbus zwischen Laufen und Aesch (BL) ist überladen.

 

Am Bahnhof Aesch erscheinen die Wartenden wie eine überzählige Reisegruppe. Keine Durchsage ertönt, man ist auf sich gestellt und merkt früher oder später, dass man auf das andere Gleis muss, wenn man – wie ich zum Beispiel – nicht sieht, dass eine Zugangestellte zwischen den Leuten steht. Natürlich ist auch dieser Zug voll, natürlich müssen etliche ältere Menschen stehen und dass schon wieder nur mir und meiner Sitznachbarin in den Sinn kommt, dass man ihnen Platz machen kann, bringt mich erneut zum Kopfschütteln.

Eine überzählige Reisegruppe? Die Zugpassagiere warten auf den Ersatzbus in Aesch (BL).

 

Ein Abenteuer geht zu Ende

13:55 Uhr. Ich habe es geschafft, ich bin in Basel. Ich werde es heute noch schaffen, Tink.ch vorzustellen. Und wenigstens hat mein Abenteuer es mir erlaubt, Sonne zu tanken. Unser gemeinsames Leiden hat uns Reisende nähergebracht, ein Schwätzchen hier und da ist der positive Nebeneffekt einer aussergewöhnlichen Situation. Ich gehöre zu den über 400’000 Schweizer*innen, die ein Generalabonnement haben und von Jahr zu Jahr zahle ich mehr dafür. Diesen Luxus gönne ich mir gerne, Zugfahren ist mir wichtig, doch hat es die SBB an diesem Mittwoch geschafft, meine südamerikanischen, chaotischen Reiseerfahrungen zu übertreffen. Irgendwie habe ich es genossen, meine Mitmenschen zu beobachten und Gelassenheit zu üben. Doch dann denke ich an die junge Frau, die ihren Probetag hatte, an die älteren Menschen, die so reisen mussten und an die Leute, die wahrscheinlich ihren Flug verpasst haben und denke mir: wär’s wirklich nicht anders gegangen?

«Dr SCB isch dr geilscht Club»

Er wartet schon, an diesem Mittwochmittag, in einem Café in Bern, notabene zwei Tage nachdem sich der SCB in Zug zum zweiten Mal in Folge zum Eishockey Schweizer Meister küren lassen konnte. Von seinem Gipfeli ist schon fast nichts mehr übrig. «Tinu», stellt er sich vor. Martin Megert, wie er mit bürgerlichem Namen heisst, ist Informatiker. Neben seinem Beruf gibt es eine grosse Konstante in seinem Leben. Sie heisst SCB. Ich setzte mich ihm gegenüber hin. Wie sich herausstellt, ist Tinu genau wie ich in Burgdorf aufgewachsen. Während mich mein Vater an meinen ersten Match nach Langnau mitnahm, ging es für Tinu in die andere Richtung, nach Bern.

Das war der Beginn einer grossen Liebe. Heute ist der 56-Jährige der wahrscheinlich grösste SCB-Fan und ziemlich sicher auch der Bekannteste. Er ist Betreiber der Facebook-Seite «Hardboiled SCB», welche mittlerweile über 8000 Fans zählt. Auf dieser veröffentlicht er an jedem Spieltag spätestens eine Stunde nach dem Schlusspfiff einen Matchbericht, in dem er sich unzensiert seine Emotionen vom Leib schreibt. Diese Emotionen hat er nun auch in Buchform niedergeschrieben: «111 Gründe, den SCB zu lieben», heisst das gute Stück. Auch wenn sich Tinu für das Buch etwas zurückhalten musste, was die Sprache anging, ist sein Schreibstil deutlich erkennbar. «Ich bin wahnsinnig stolz auf das Buch, und auch auf mich», erzählt Tinu.

Seitenhiebe für Fribourg-Gottéron

«Der wichtigste Grund, den SCB zu lieben, ist ganz einfach: Der SCB ist ein geiler Club», sagt Tinu. Diesen einen, alles überspannenden Grund habe er dann, «wie ein Forensiker», aufgespalten in 111 Gründe. Drei Monate habe er jede Nacht daran geschrieben, immer mit der Deadline im Nacken. Er sei froh, dass er das Buch nicht während der Eishockeysaison schreiben musste, schmunzelt er. «Zusammen mit einem 100%-Job bin ich schon an meine Grenzen gekommen».

Das Buch ist eine Liebeserklärung an den SCB. Nicht immer sehr objektiv geschrieben, doch ausnahmslos ehrlich, interessant und auch lehrreich. Was auffällt: Gefühlt auf jeder zweiten Seite ist ein Seitenhieb gegen Fribourg-Gottéron versteckt. Diesen Club kann Tinu nicht ausstehen. «Weil es den HC Fribourg-Gottéron gibt», ist sogar der 39. Grund, den SCB zu lieben. Tinu erklärt, dass die Fribourger Fans «ekligi Cheibe» seien. Seine Erinnerungen an Fribourg seien nicht die besten, gibt er zu. Doch man könne sie auch nicht wirklich ernstnehmen, die chronisch erfolglosen Zähringer, die als einen der grössten Erfolge der Vereinsgeschichte den Vize Schweizer-Meister-Titel angeben, führt er weiter aus. Da seien ja sogar die Langnauer erfolgreicher – einen Titel gab es für die Langnauer 1976 zu feiern.

Der SCB als Kontaktbörse

Selbst der eingefleischteste SCB-Fan wird bei der Lektüre einige neue Dinge über seinen Lieblingsclub lernen. Etwa, dass die Band Europe extra für den SC Bern eine Ausnahme machte und ihren Hit «The Final Countdown», welcher nach jedem Berner Tor erklingt, zur Einweihung des neuen Stadions 2009 live spielte. Denn seit ihrem Comeback im Jahre 2004 weigerten sie sich standhaft, ihren grössten Hit live zu spielen. Auch Privates findet im Buch Platz: Martin Megert hat seine Frau an einem SCB-Spiel kennengelernt. Auch Randgeschichten von Spielern, Trainern und Schiedsrichtern finden in Tinus Werk Platz. In über 40 Jahren als SCB-Fan hat er vieles erlebt und kann so aus dem Nähkästchen plaudern. Die Liebe und Leidenschaft für den SCB ist in jeder Zeile spürbar.

Der Meisterfeier im Berner Stadion am Ostermontag blieb Tinu übrigens fern. «Bisher haben sie noch immer verloren, wenn ich an ein Public Viewing gegangen bin», so Tinu. Auch als der Titel im Trockenen war, blieb er zuhause: «Das war für mich ein schöner Abschluss der Saison». Er sei halt nicht mehr der Jüngste. Doch den Umzug durch die Berner Altstadt und die Feier auf dem Bundesplatz liess er sich nicht entgehen. «Das ist Ehrensache», meint der wohl grösste SCB-Fan, bevor er sich verabschieden muss. Er werde jetzt den Sommer geniessen.

Taktlos in Zürich

«Wann haben Sie das letzte Mal etwas zum ersten Mal gehört?», dieses Motto hat Taktlos des Ensembles Collegium Novum ausgeliehen und zu seinem gemacht. Beim Festival geht es um Musik, die fast niemand kennt und viele entdecken wollen. Die nächsten vier Tage kommen MusikerInnen aus 17 Ländern in der Roten Fabrik in Zürich zusammen, um ihre Stücke zu präsentieren. Einiges wird schräg, neu und alles bestimmt anders sein, denn genau um das geht es bei Taktlos: um Musik, die Neues wagt.

Heute Abend spielt die slowenische Komponistin Kaja Draksler mit ihrem Oktett die ersten Töne. Die multinationale Gruppe übt in Amsterdam, wo erfolgreich für Kulturförderung gekämpft wird und experimentelle Projekte unterstützt werden. In ihrem Stück «Canto XII» erklingen zu zeitgenössischer Musik Texte des chilenischen Dichters Pablo Neruda. Die acht MusikerInnen teilen sich einen klassischen-jazzigen Hintergrund und spielen mutig mit unkonventionellen Formen. Der Donnerstag wird von Amok Amor in die Dunkelheit begleitet, virtuosen Jazz, lebendige Sechziger und Furchtlosigkeit treiben die vier Männer voran.

Dieses Jahr wird es auch neben der Musik Neuheiten geben. Fredi Bosshard, der Taktlos im Jahre 1984 mit dem Verein Jazzfabrik mitgegründet hat und seit daher jedes Jahr organisiert, gibt das Projekt in neue Hände. Er ist nun 68 Jahre alt und denkt, dass dem Festival ein frischer Wind bestimmt guttun wird. Ab 2018 wird der neue, junge Verein Taktlos das Festival leiten. Fredi Bosshard hat keine Angst vor Veränderungen, im Gegenteil: «Ich hoffe schwer, dass sie neue Ideen, neue Musik und ihren Groove mitbringen.» Das Festival müsse ja ihrem Zeitgeist entsprechen. Als Bosshard das Festival in den 80er Jahren gegründet hat, war Zürich in Aufbruchstimmung, die Jugend hat für ihren Platz gekämpft. Die Musikszene war klein: «Wir haben die ersten Konzerte in der Roten Fabrik organisiert, daneben gab es noch den Plattenladen recrec und das Radio Lora. Das war’s.» Heute sei Zürich eine ganz andere Stadt mit vielen gut Ausgebildeten MusikerInnen und wahnsinnig vielen Angeboten. Und so meint Bosshard, «ist das Festival schon noch von unserer Zeit etwas geprägt». Das dürfe sich heute gerne ändern. Die Gegenwart hat wieder andere Geschichten zu erzählen.

Fredi Bosshard hat einige Kontakte in Deutschland und reist regelmässig an verschiedenste Festivals. Dort entdeckt er spannende Bands und fragt sie für Taktlos an. Wichtig ist den OrganisatorInnen so einiges, und sie halten sich streng an ihre Prinzipien: «Fünf von zehn Bands wurden von Frauen initiiert», das war Bosshard schon von Beginn ein Anliegen. Zudem möchten sie den MusikerInnen faire Löhne bezahlen, ihnen einen anständigen Rahmen bieten und das könnten sie, dank den Subventionen der Stadt Zürich. Damit würden auch überrissene Eintrittspreise vermieden. «Das mussten wir uns alles erarbeiten, mussten der Stadt beweisen, dass wir wirklich etwas Richtiges machen wollen.» In den Anfängen haben sie noch Sandwiches verkauft und wenn wenig Publikum kam, «mussten wir eine Woche nach dem Festival noch Sandwiches essen.» Nur so hätten sie gelernt, wie es funktioniert. Zudem haben sie starke Beziehungen mit der Roten Fabrik gepflegt, sich auch gegenseitig unterstützt. Genau deshalb will Bosshard dem neuen Verein Taktlos auch alle Freiheiten lassen.

Am Freitag geht es mit dem Lisa Ullén Quartett zärtlich weiter. Die Norwegerin Lisa Ullén improvisierte schon während ihres Pianostudiums mit den Innereien des Klaviers. Um 22.30 Uhr wird es dann mit dem Hedvi Mollestad Trio richtig laut. Die Band vermischt Jazz, Rock und Metal mit allem, was ihnen sonst noch in den Sinn kommt. Auch am Samstag wird ein spannendes Programm erwartet. Die Altsaxofonistin Julie Kjaer lebt seit einigen Jahren in London und hat dort mit zwei 80er-Jahre-Musikern ein Trio gegründet. Die drei sind in der «Powerhouse-Rhytmusszene» in London erfolgreich und spielen am Samstag um 20 Uhr in der Roten Fabrik. Kjaer reist danach alleine nach Japan weiter.

Fredi Bosshards «Perle» können wir am Sonntag um 17 Uhr bestaunen. Flury und die Nachgeborenen sind neun MusikerInnen, die alle aus einem anderen Bereich kommen. Da vermischen sich etwa zwei Sängerinnen, ein DJ, ein Pianist und zwei Perkussionisten und stellen den Jazz auf den Kopf. Aber das ist gut so, mein Fredi Bosshard: «wir wollen gerne aus dem Rahmen fallen.»

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YB lässt seine Fans träumen

Foto: Thomas Hodel

Viele Zweikämpfe

Die erste Halbzeit war geprägt von vielen hart geführten Zweikämpfen und zwei stark aufspielenden Abwehrketten. Nur selten konnten die Offensivspieler beider Mannschaften in eine gefährliche Position gebracht werden.

Weder Steffen beim FCB, noch Sulejmani konnten ihre Freiheiten ausnützen und so war das logische Halbzeitresultat 0-0.

Einzelleistungen entscheiden das Spiel

Das Heimteam kam stärker aus der Kabine und spielte mit viel Druck nach vorne. In der 58. Minute passte der stark aufspielende YB-Verteidiger Benito auf Yoric Ravet. Dieser lässt mit seinem Dribbling Luca Zuffi alt aussehen und schlenzt den Ball herrlich an Vaclik vorbei ins Tor. Das ausverkaufte Stade de Suisse stand kopf. Keine Minute später hatte Sulejmani das nächste Tor auf dem Fuss, doch er verzog kläglich.

In der 80. Minute besiegte Sulejmani schliesslich endgültig das FCB. Einen Freistoss aus rund 25 Metern versenkte er nahezu perfekt ins Tor.

YB-Debütant Christian Fassnacht war nach dem Spiel zufrieden: «Es ist natürlich toll, gegen den Meister zu gewinnen, aber das war bloss das erste Spiel und jetzt kommt Dynamo Kiew, dies ist noch ein härterer Brocken. Nach der zweiten Halbzeit von heute dürfen wir jedoch zuversichtlich sein.»

Gurtenfestival: Lo & Leduc besiegen Züri West

Für die Veranstalter hat sich das Festival auf jeden Fall gelohnt: Alle vier Tage des 34. Gurtenfestival waren ausverkauft. 61 Live-Acts und 63 DJs bespielten bei gutem Wetter den Berner Hausberg. Darunter auch Züri West.

Jüngeres Publikum

Diese gehören zum Gurtenfestival wie die Gurtenbahn. Auch bei ihrem diesjährigen Auftritt vor Heimpublikum war die Hauptbühne voll mit musikbegeisterten Besuchern. Wer sich in der Menge umsah, konnte sehen, dass die Masse sich auf die Berner Stammgäste freuten. Als die bekannten, älteren Lieder angespielt wurden, stimmten alle mit ein. Trotzdem konnte man eine gewisse Verhaltenheit ausmachen, welche die Gurtengänger zu bremsen schien. Um für mehr als eine Stunde zu überzeugen, dafür war der Auftritt zu wenig inspiriert. Er wirkte gewohnt, ja, routiniert.

Ein Grund für die fehlende Euphorie dürfte das Alter der Festivalbesucher sein. Die Zuhörer der neuen Alben von Züri West sind wohl eher älter als der Altersdurchschnitt der insgesamt 80’000 Festivalbesucher auf dem Berner Hausberg. Ganz anders bei Lo & Leduc: Die beiden Rapper sind ebenfalls in Bern aufgewachsen und ihr Auftritt war ein Genuss. Die grossartige Stimmung trug klar dazu bei. Sie erzeugten eine starke Dynamik und trieben die Zuschauer an. Das Publikum erklärte sie klar zum Sieger der beiden Berner Gruppen.

Antikaptialisten und einhändige Saxophonisten

Auch die bekannten zweisprachigen Antikapitalisten Irie Revolté wussten, wie man Stimmung erzeugt. Als am Freitagnachmittag die Hauptbühne noch halb leer war, halfen sie den schwächenden Festivalgängern, sich den Kater aus den Knochen zu schütteln. Immer wieder forderten sie die Leute erfolgreich zum Mitmachen auf. Auch wenn der Antifa-Auftritt mit linken Parolen etwas komisch auf einem sehr kommerziell ausgerichteten Festival wirkt, so überzeugten sie doch mit einem kurzen, aber kraftvollen Auftritt. Bei ihrem letzten Lied trat die ganze Band nach vorne und sang ohne Instrumente mehrstimmig «Merci». Das dürfte bei vielen Besuchern für einen Gänsehaut-Moment gesorgt haben.

Die vielseitige Bläserband der Lucky Chops konnte mit erfrischender Musik die Leute bei Laune halten. Mit vielen Soli- und einfallsreichen Showeinlagen gewannen sie die Herzen der Zeltbühnenbesucher. Als der Saxophonist mit einer Hand spielte und mit der anderen das Publikum zum Mitmachen einlud, wurde der Applaus hörbar lauter. Ein rundum gelungener Auftritt der New Yorker.

Die Gurtengänger zeigten sich sowieso von ihrer besten Seite: Die Security-Firma verzeichnete keinen grossen Zwischenfälle. Man darf sich schon auf nächsten Sommer freuen, wenn der Güsche erneut erbebt.

Gesund und krank spazieren Hand in Hand

In gut sichtbaren Lettern prangt auf den violett getönten Plakaten des wildwuchs Theaterfestivals das Leitmotiv der achten Ausgabe: «Wir sind viele.» Doch welche Personengruppe versteckt sich hinter dem Personalpronomen «wir»? Impliziert der Begriff des «wir» nicht immer auch die Existenz eines «anderen», welches ausserhalb des «wir» angesiedelt ist und systematisch ausgegrenzt wird? Und nach welchen Regeln wird die Zughörigkeit zu einer der beiden Gruppierungen überhaupt determiniert? Tatsächlich bildete die Frage nach der Definition von Innen und Aussen den thematischen Schwerpunkt des diesjährigen Festivals, als dessen Gastspielort neben der Kaserne und dem ROXY Birsfelden die Universitären Psychiatrischen Kliniken (UPK) dienten. Fragen der Inklusion von Menschen mit körperlicher und psychischer Beeinträchtigung sowie der gesellschaftlichen und kulturellen Heterogenität wurden während den beiden ersten Juni-Wochen in unterschiedlichen theatralen Formaten aufgegriffen.

Vertrauensgestus

Mit einem vertrauten Menschen Hand in Hand müssig durch das Stadtzentrum zu flanieren bedarf kaum grosser Überwindung. Sich jedoch einem völlig fremden Menschen anzuvertrauen, von diesem an der Hand genommen und durch die Stadt geführt zu werden schon. Händchenhalten ist eine intime Geste, die von gegenseitigem Vertrauen zeugt und zwischen zwei Menschen eine körperliche und emotionale Brücke herzustellen vermag. Das Projekt «Walking:Holding» der britischen Performance-Künstlerin Rosana Cade greift diesen Aspekt auf und erweitert ihn um ein zusätzliches Irritationsmoment: Die Begleitung ist eine völlig unbekannte Person, eine der «anderen». Es versteht sich als ein experimenteller Spaziergang, bei dem die Teilnehmer an der Hand von eigens für den jeweiligen Durchführungsort gecasteten «Handhaltern» aller Altersstufen, sozialen Gruppen und geschlechtlicher Ausprägungen durch die belebteren Basler Stadtteile schlendern.

Handhalter erzählen

Den Teilnehmern bieten sich verschiedene Möglichkeiten, um auf die befremdlich wirkende Situation zu reagieren. Die Verfasserin des Artikels entscheidet sich für den kommunikativen Austausch mit den insgesamt sieben Darstellern, welche sie im Verlauf von einer Stunde etappenweise über die Mittlere Brücke, in die Freie Strasse und zur Münsterplattform gelotst haben. Und erfährt dabei zum Teil auch sehr persönliche Anekdoten: Dass das Theaterspiel ihre Leidenschaft sei, erzählt die Schülerin mit den verheilten Ritznarben an den Armen. Dass er die kulturelle Vielfalt von Basel schätze, meint der Theater- und Filmschaffende aus Mali. Dass die Kommunikation mit englischsprachigen Teilnehmern für ihn schwierig sei, gesteht der ältere Herr mit dem Armstumpf. Dass die Paarbildung dunkelhäutiger Mann mit hellhäutiger Frau meist mehr Blicke auf sich ziehe, stellt die Frau mittleren Alters fest.

Gemischte Gefühle

Im Gespräch vergehen die 60 Minuten wie im Flug, die irritierten oder missbilligenden Blicke des Umfelds lassen sich ebenfalls leichter ausblenden. Eine grundlegende Veränderung der eigenen Wahrnehmung brachte dieses Erlebnis für die Verfasserin jedoch nicht mit sich. Das Stück hinterlässt als Plädoyer für mehr Akzeptanz gemischte Gefühle, konfrontiert es die Teilnehmer zwar mit den eigenen Vorurteilen, dies jedoch nur während kurzer Zeit und im Rahmen einer durch und durch künstlichen Situation. Es bleibt jedenfalls zweifelhaft, ob die Teilnehmer des Spaziergangs sich die Aufforderung des Programmtextes, öfter mal Hand in Hand mit jemandem spazieren zu gehen auch zu Herzen nehmen werden.

Spaziergang mit Stimmen im Ohr

Als eher konventioneller Hör-Spaziergang mit Kopfhörer präsentiert sich hingegen das Stück «Dazwischenland» des Kollektivs Firma für Zwischenbereiche. Eine souverän klingende glatte Männerstimme lotst die zeitlich versetzt startenden Teilnehmer unter häufiger Betonung, sich respektvoll zu verhalten über das weitläufige Gelände der im Basler Niemandsland kurz vor der französischen Grenze angesiedelten UPK und liefert dabei einen kurzen Abriss der Geschichte der Institution. Regelmässige dumpfe Schläge geben im Sinne eines akustischen Herzschrittmachers das ideale Schritttempo vor. Eingestreute Interviewfragmente, in denen Patientinnen und Patienten Details aus ihrer Lebensrealität und ihrem Umgang mit der Krankheit preisgeben, runden den Audiowalk ab. So weit, so unspektakulär, wäre da nicht die neckische Frauenstimme, welche den um korrektes Verhalten bemühten Sprecher immer wieder unterbricht, frech zur Missachtung seiner Anweisungen auffordert, in bewusst reisserischer Manier saftige Informationen zu der Einrichtung preisgibt und sich schliesslich gar als imaginäres Konstrukt der Männerstimme ausgibt – ein Verweis auf die bei Schizophrenie-Patienten auftretenden Halluzinationen.

Kuchen als verbindendes Element

Der Reiz dieser auditiven Führung durch die idyllische Parkanlage der Psychiatrie liegt in ihrer wiederholten spielerisch-provokanten Transgression der Realitätsebenen. Die Grenzen zwischen Krankheit und Normalität, dem «wir» und den «anderen» werden im Verlauf des Rundgangs als durchlässig entlarvt. «Psychische Erkrankungen können jeden Menschen treffen», lautet die simplizistisch anmutende, jedoch durchaus berechtigte Botschaft des Hör-Spaziergangs. Die Jurte der Mach-Bar des Kollektivs OPUS 89 bildet die Schlussstation des Audiowalks, wo schlussendlich sämtliche Fäden zusammengeführt werden. Patienten der UPK; Pflegepersonal, Theaterschaffende und Festivalbesucher statten dem kulinarischen Treffpunk auf dem Gelände der Kliniken einen Besuch ab. Allesamt vereint in der Wertschätzung des hausgemachten Kuchenbüffets.

Mehr Informationen findet ihr auf der Seite des wildwuchs Festivals.

Der nachhaltige Filmtipp – Code of Survival

«Eigentlich sollte man den besten Anzug anziehen, wenn man auf den Acker geht. Man muss Ehrfurcht vor dem Boden haben, denn er ist unsere Lebensgrundlage», sagt Bio-Bauer Franz Aunkofer im Film. Er war einer der ersten Bio-Bauern Deutschlands und erwirtschaftet inzwischen praktisch denselben Ertrag wie im konventionellen Anbau – ohne Gift und im Einklang mit der Natur. Der Alltag in der industriellen Landwirtschaft sieht anders aus. Dort bauen die Landwirte seit vielen Jahren Gentech-Pflanzen an und behandeln sie mit Glyphosat-haltigen Herbiziden wie Roundup. Die Resultate: resistentes Unkraut, das sich unkontrolliert vermehrt und harte Böden, auf denen nichts mehr wächst.

Regisseur Bertram Verhaag stellt der industriellen Landwirtschaft in den USA drei Beispiele aus Deutschland, Ägypten und Indien gegenüber. Er zeigt, wie die biologische Landwirtschaft dort aus kaputten Böden fruchtbare Äcker macht, welche hohe Qualität produzieren und die Artenvielfalt steigern. Die Formel des Überlebens – der Code of Survival – liegt in der nachhaltigen und biologischen Bewirtschaftung des Bodens, wie es Jane Goodall am Ende des Films formuliert: «Wir sollten mit der Natur zusammenarbeiten, nicht gegen sie. Nur dann können wir es schaffen, die Natur und das Land wiederherzustellen»

Dieser Film sowie weitere Filme zu diesem Thema sind auf der Filmseite Gentech + Saatgut aufgelistet.

Die DVD des Films ist hier erhältlich.

Dieser Eintrag erschien am 06.06.2017 auf dem Blog von unserem Partner Filme für die Erde.