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«Der Wolf ist tot. Es lebe der Bock!»

Patent Ochsner, Parov Stelar, The BossHoss und viele mehr: Der dritte Tag des Open Airs Gampel war vielfältig. Auch das Komitee des Open Airs hatte etwas spezielles auf dem Programm: Das neue Logo wurde vor den Augen tausender Fans enthüllt – mit einer grossen Überraschung.

Open Season statt Sophie Hunger

Jegliche Bands, die am Samstag spielten, zeigten grossartige Shows und hätten es verdient, ein grosses Publikum zu haben, jedoch füllte erst die Ersatzband für Sophie Hunger, Open Season, den Platz vor der Bühne. Die Berner, die bereits mit dem Fussballer Guillaume Hoarau einen Song produzierten, liessen die Abwesenheit von Sophie Hunger in den Hintergrund rücken.

Es folgte das für viele Besucher beste Konzert des Open Airs: Büne Huber zeigte mit seiner Band Patent Ochsner eine Show der Extraklasse, spielte bekannte Lieder und das Publikum überfüllte das Bühnengelände bedeutend, um noch einen Blick von den Bernern zu erhaschen.

The BossHoss, eine deutsche Rockband, die schon zum dritten Mal am Open Air Gampel spielte, liess die Herzen der Konzertbesucherinnen höher schlagen. In engen Lederjacken und weissen Cowboyhüten standen sie auf der Bühne und zeigten, dass man ohne Problem eine Stunde lang herumtoben kann. Die Fans waren in bester Stimmung – vor allem nachdem der Frontsänger Alec Völkel ein Bad in der Menschenmenge nahm.

Parov Stelar mit Verspätung – grosse Freude bei der Logoenthüllung

Niemand wusste genau, wer Gerd & Da Polis genau ist; man wusste, dass der Festivalsong von ihnen stammt und dass sie um 23:15 – kurz vor Parov Stelar – auftreten sollten. Die tausendene Fans, die eigentlich auf den Act von Parov Stelar warteten, wurden aufgeklärt: «Der Wolf ist tot. Es lebe der Bock.» Der angekündigte Logowechsel mit einem Wolf hatte im Vorfeld für viel Gesprächsstoff und Shitstorms gesorgt; nun wurde das echte Logo vom Open Air Gampel enthüllt: der Gampel-Bock war zurück.

Alle waren bereit für den Auftritt des Headliners Parov Stelar. Die Österreicher konnten jedoch nicht rechtzeitig mit ihrem Konzert beginnen, da einige Bandmaterialien mit einem Bus auf dem Nufenen stecken blieben.

Als die Band auf die Bühne stand, ging die Party los. Niemand konnte bei den Electro-Swing Tönen still stehen. Parov Stelar überzog mit ihrer Show: die Leute konnten nicht genug kriegen.

Der Abend bot leider auch noch unangenehme Überraschungen: Der heftige Wind fegte auf dem Zeltplatz einige Pavillons und Zelte weg, sodass der Eine oder Andere noch spät in der Nacht bei den Nachbarn – oder auf dem Rest des Zeltplatzes – sein Material zusammensuchen musste.

Trotz den Unannehmlichkeiten ist die Stimmung am Sonntagmorgen immer noch toll und die Festivalbesucher freuen sich auf die letzten Konzerte. Es treten unter anderem Müslüm, 7 Bombay Street und Bastian Baker auf.

Heisse Konzerte am Open Air Gampel

Der Freitag am Open Air Gampel war ausserordentlich heiss: zum einen wegen der starken Sonne, zum anderen wegen der Pyrotechnik während den Shows. Die Stimmung im Wallis ist grandios, auch wenn die Wetterprognosen nicht die besten sind.

Bereits nachmittags ein volles Gelände

Im Vergleich zum Vortag füllte sich gestern das Festivalgelände bereits früh. Die altbekannte Rap-Gruppe Breitbild stand auf der Bühne. Die Bündner wussten, wie sie an diesem heissen Nachmittag das Publikum begeistern können und bieteten eine bescheidene – aber tolle – Show. Bereits vor acht Jahren trat Breitbild am Open Air Gampel auf und sie freuten sich sichtlich, wieder hier sein zu dürfen.

Nach dem Auftritt von Breitbild wechselte die Musikrichtung krass: Asking Alexandria rockte die Hauptbühne. Die britische Metalcore-Band, die seit 2015 einen neuen Sänger hat, überzeugte mit harten Tönen und hochmelodischen Gitarrenriffs zugleich.

Mit den zwei nächsten Bands nahm die Härte der Musik ab, doch Clutch und Eagles Of Death Metal wussten das Publikum mit solidem Rock zu begeistern.

Es wurde heisser

Die australische Metalcore-Gruppe Parkway Drive war überwältigt vom Publikum und von der Landschaft des Open Airs Gampel: für den Frontsänger, Winston McCall, der schönste Auftrittsort ihrer Bandkarriere.

Sie belohnten den Einsatz des Publikums mit einer sensationellen Pyroshow. Das Publikum war begeistert und als mit Blumentopf noch eine grossartige Hip-Hop Band aus Deutschland auftrat, waren die Festivalgänger definitiv in Ekstase. Für ihre Abschiedstour feierte das Publikum die Deutschen regelrecht.

Robin Schulz, der zweite weltbekannte DJ am diesjährigen Open Air, legte um 23:00 auf. Im Gegensatz zu Alan Walker, der am Donnerstag auftrat, riss Robin Schulz das Publikum mit und nutzte die Pyrotechnik grosszügig aus.

Am Samstagmorgen war das Festivalgelände länger geschlossen als geplant, da das Gelände an das Wetter angepasst werden musste. Die Prognosen für heute versprechen zwar nicht das beste Wetter, aber die Zuschauer werden sich nicht aufhalten lassen, bei Acts wie Patent Ochsner, Parov Stelar, oder The BossHoss lautstark mitzusingen.

Das Open Air Gampel hat begonnen: zuerst gemütlich – dann kam Sum 41.

Es ist bereits die 31. Ausgabe des Open Airs Gampel und das Line-Up hat für beinahe jeden Musikgeschmack etwas zu bieten: Gestern reichte das Programm von Walliser Seema über Sum 41 bis zu Alan Walker.

Gemütlicher Beginn

Das erste Konzert ging um 14:30 auf der Hauptbühne los: Die Musik der Band Model Aeroplanes aus Dundee, Schottland, war gemütlich und das Publikum, das langsam das Gelände füllte, liess sich noch nicht mitreissen.

Als um 18:15 Sum 41 auftrat, ging das Festival richtig los. Die kanadische Band hat bereits über 12 Millionen Alben verkauft und trat schon an über 300 Konzerten in einem Jahr auf. Zum ersten Mal wurde das Publikum einbezogen – einige Zuschauer durften sogar auf die Bühne.

Die Masse tobte und als die bekannten Titel wie «Still Waiting» oder «Fat Lips» spielten, kamen bei einigen Zuschauern Jugendgefühle auf: «Letztes Jahr spielte Simpleplan und bereits da kamen Erinnerungen an meine Jugend auf. Dieses Jahr Sum 41 – einfach genial!», erzählte ein munterer Festivalbesucher.

Pyros bei KIZ

Am Abend durften sich die Rap-Fans freuen: Mit KIZ wurde der White-Stage durch eine bekannte deutsche Rapper-Gruppe belebt. Tiefgründige Texte waren nicht die Stärke von KIZ und das Publikum liess sich anfänglich nicht begeistern. Als aber bekannte Titel wie «Ein Affe und ein Pferd» durch die Boxen hallten, brach der Bann – einige Zuschauer zündeten sogar Pyros. Die Fans schienen sehr zufrieden mit der Show.

Mit Biffy Clyro stand um 23:00 Uhr eine schottische Rockband auf dem Programm. Der strömende Regen liess das Publikum nicht zurückschrecken. Die Rock-Magier beeindruckten mit ihren ständigen Rhythmuswechseln.

Alan Walker machte den Abschluss eines tollen Festivaltages. Aus unerklärlichen Gründen war die Show bereits nach 50 Minuten zu Ende – und nicht nach den geplanten 75 Minuten.

Am Freitag wird es das Gampel sehr hitzig und mit Robin Schulz steht ein weiterer Headliner auf dem Programm.

Am Ende gewann der Effizientere

Vor 30’224 Zuschauern zeigte YB eine sehr starke Leistung gegen den Favoriten aus Gladbach. Die Atmosphäre im beinahe ausverkauften Stade de Suisse war grandios, dies auch dank den vielen Fans, die aus Deutschland angereist sind. Erst am Ende des Spieles konnten die Gäste dank einem Doppelschlag den Sack zumachen.

YB hält frech dagegen

Es war alles angerichtet für einen perfekten Fussballabend. Die Affiche stimmte und die Mannschaft von Adi Hütter war heiss auf das Hinspiel gegen den letztjährigen Vierten der deutschen Bundesliga.

Die Gäste dominierten das Spiel und versuchten mit einem schnellen Umschaltspiel die Verteidigung zu durchbrechen. Der stark aufspielende Traoré war oft der gesuchte Mann und in der 11. Minute war der Flügelspieler zu schnell für Lecjaks, er flankte scharf zur Mitte, wo der ex-FCZ Spieler Raffael wartete. Dieser vernaschte die YB-Abwehr und schoss seine Borussen mit einem herrlichen Flachschuss in Führung.

Die Berner hielten aber nach wie vor gut dagegen und hatten in der 45. Minute auch eine gute Möglichkeit zum Ausgleich. Hoaraus Versuch zischte aber knapp am Tor von Yann Sommer vorbei.

YB mit Chancenplus – Gladbach effizient

Nach der Pause kamen die Berner zunehmend besser ins Spiel und arbeiteten gut nach vorne, doch der letzte Pass fand nicht seinen Empfänger. Anders in der 56. Minute: als Sutter Ravet lancierte und der Franzose zur Mitte flankte. Für einmal stand dort Sulejmani ohne Verteidiger und nutzte dies dankend aus.

Das Spiel war neu lanciert und als in der 65. Minute Hoaraus Kopfball den Pfosten streifte, hätten die Berner die Führung nun definitiv verdient.

Wie aus heiterem Himmel schoss in der 67. Minute der eingewechselte André Hahn die erneute Führung für die Gäste aus dem Ruhrgebiet. YB brachte den Ball nicht aus der gefährlichen Zone, Bertone wurde noch hart angegangen, bevor der Ball zu Hahn sprang, der sich nicht zweimal bitten liess – bitter für die Berner.

Als in der 69. Minute Raffaels Volley-Versuch noch unhaltbar von Rochat ins eigene Tor abgelenkt wurde, waren die Hauptstädter definitiv am Ende. Die Gladbacher spielten die 3-1 Führung routiniert runter und gehen nun mit einem sehr dicken Polster ins Rückspiel von nächster Woche.

Zirkuläres Wissen und die Besonderheiten des Feuilletons

Zeitungsschaffende sowie Journalistinnen und Journalisten aus anderen Nachrichtenmedien müssen sich ständig mit der Frage auseinander setzen, welche Neuigkeiten sie in der nächsten Ausgabe ihres Mediums präsentieren möchten. Mehr noch, sie müssen sich auch überlegen, in welcher Form die Neuigkeiten zu überbringen sind. Die Art und Weise, wie die Materie aufgegriffen und verarbeitet wird, hat entscheidenden Einfluss auf die Rezeption der Lesenden. Nicht umsonst heisst es, dass Medien meinungsbildend sind.

Doch um die Neuigkeiten aufbereiten zu können steht zunächst ein anderes Problem im Raum: Welches sind denn eigentlich die Neuigkeiten? Wie es sich eben feststellen liess, können und müssen die Medien die Form ihrer Nachricht selbst bestimmen. Daraus kann man ableiten, dass die Medien auch bestimmen, welches die Neuigkeiten oder Nachrichten sind. Die Schlussfolgerung daraus wäre, dass sich Neuigkeiten ‘machen’ liessen und ihnen somit nicht etwas wie eine inhärente ‘Neuartigkeit’ anhafte. Die Dinge an sich liessen sich damit alle auf eine gleichförmige, stromlinienartige Bewegungslosigkeit zurückführen. Handlungskonstrukte wie ‘Prioritäten’ oder das ‘Unerwartete’ fielen in sich zusammen und der Mensch wäre mit einem Mal vor ein Fliessen von Ähnlichkeit, Gleichheit und ‘Unhaftigkeit’ gestellt; vor die Unhaftigkeit, das gänzliche Fehlen einer Eigenschaft im Sinne eines erkennbar anhaftenden und damit unterscheidenden Merkmals überhaupt. Weder spektakulär noch unspektakulär wären die Dinge, eben die Frage danach liesse sich gar nicht stellen, geschähe doch das eine genau so wie das andere und haben sie einander nichts an. Welches davon nun das Berichtenswerte für den/die Zeitungsjournalisten/ -in sei, gelte es letztlich zu entscheiden. Ebenjene Prioritäten müsste er/sie setzen, die den Dingen soeben in Abrede gestellt wurden.

Nun ist es doch so, dass die Medien zwar meinungsbildend sind, jedoch zu einem nicht unerheblichen Masse eine Empfindsamkeit für die Gemüter des Publikums besitzen müssen und entsprechende Themenfelder aufgreifen sollten. Die Leserschaft möchte dort abgeholt werden, wo sie bewegt wird. Damit wären also die Dinge keineswegs gleichförmig und ein Teil der Entscheidungsarbeit für Medienschaffende den Lesenden in die Hände gelegt. So lassen sich bestehende Lesende binden und unter Umständen auch neue Lesende anwerben, deren Interessen in Medienbeiträgen geweckt oder bestärkt wurden. Wofür interessiert sich denn die Leserschaft und was sind die Neuigkeiten, welche sie sich wünscht? Für die folgenden Betrachtungen soll das Zeitungsmedium als Beispiel dienen. Die Zeitung ist laut Herrn Kaube ein Organisationsapparat und so ist das Zeitungsmedium selbst auch durchorganisiert: Die Nachrichten und Neuigkeiten sind in Rubriken untergebracht, um die einzelnen Vorkommnisse sinnhaft einem entsprechenden übergeordneten Bezugsfeld zuzuweisen. Dies erleichtert unter anderem das systematische Durchlesen der Zeitung. Als Rubriken finden sich zum Beispiel «International», «Politik», «Schweiz», «Feuilleton», «Wirtschaft» oder «Sport». Der Feuilletonteil ist ein besonderes Feld. Welche Neuigkeiten dort hineingehören, darauf möchte ich später in diesem Essay zurückkommen. Im Folgenden sind vor allem die anderen oben genannten Rubriken interessant. Diese müssen nun mit Nachrichten vervollständigt und das unbeschriebene Blatt der Zeitungsseite gefüllt werden. Die wichtigsten Vorkommnisse aus den Bereichen Politik oder Gesellschaft finden Eingang in die aktuelle Zeitungsausgabe. Dabei sind diese jeden Tag neu und doch in gewisser Form gleich: Staatsoberhäupter verabschieden neue Gesetze, wirtschaftliche Krisen werden diskutiert, aber auch Kriege, terroristische Anschläge, Mord- und Raubüberfälle gehören zu den regelmässigen Berichterstattungen. Der eigentliche Fall ist jeden Tag ein neuer, doch seine Form verändert sich im Wesentlichen nicht. Er bleibt eben ein Fall von Wirtschaftskrise oder politischen Ausnahmezustandes. Die Lesenden erfahren die ‘Neuigkeiten’ des Tages, die einer Rubrik zugeordnet sind, und bewerten sie damit automatisch als wissenswert. Doch was ist mit dem Rest? Da der Platz in einer Zeitung begrenzt ist, können nie alle Vorkommnisse der Welt darin Erwähnung finden und es muss zwangsläufig eine Auswahl getroffen werden. In der Auswahl befinden sich dann die ‘wissenswerten’ Neuigkeiten, denen die nicht abgedruckten Geschehnisse in Aktualität aber wohl in keiner Weise nachstehen. Den Zugang zur tagesaktuellen Zeitungsausgabe finden sie trotzdem nicht. Über das eine hat ein anderes, gleiches an Priorität gewonnen. Doch wie kommt es dazu? Wie es eingangs in diesem Essay erwähnt wurde, ist die Neuartigkeit eines zur Nachricht gemachten Vorkommnisses keine diesem genuin anhaftende Eigenschaft, sondern sie wird von den Zeitungsschaffenden erst gemacht. Natürlich muss für die Lesenden aber auch eine Regelhaftigkeit erkennbar werden, mit welcher Geschehnisse an Wichtigkeit gewinnen. So ist es beispielsweise nachvollziehbar, wenn eine Zeitung in der Wirtschaftsrubrik einen Artikel über einen vergleichsweise wenig gewichtigen Handlungsablauf veröffentlicht, der im Zusammenhang mit einem grösseren Themenkomplex steht und bereits während der letzten Tage immer wieder aufgegriffen wurde. Ebenso ist es nachvollziehbar, ja auch erwartenswert, die Entscheide eines international wirkungsmächtigen politischen Organs in die Zeitungsseite miteinzubeziehen, da in der Vergangenheit schon über vergleichbare Vorkommnisse berichtet wurde. Die Lesenden wünschen sich Nachrichten, die unmittelbar oder mittelbar wichtig für ihre eigenen Lebensumstände sind und nehmen diese Zuordnung unter anderem aufgrund der vorhergehenden Prioritätensetzung in der Zeitung vor. Damit lässt sich eine Gesetzmässigkeit festhalten: Das, was schon einmal an Priorität gewonnen hat und in der Zeitung erschienen ist, wird mit höherer Wahrscheinlichkeit als andere Ereignisse wieder zur Zeitungsnachricht werden. Doch was ist dann daran das Neue? Wenn die Neuigkeiten von heute nur wiederaufgegriffene Formen von gestern sind, dann unterscheiden sie sich voneinander nur in den Einzelheiten des jeweiligen Falles. Hier hat man es mit einer seltsamen Dichotomie von Gleichförmigkeit und Neuheit zu tun. Von Gleichförmigkeit lässt sich deshalb sprechen, da die Nachricht von heute in einem Bezug zur Nachricht von vorangehenden Ausgaben steht und die gleiche oder eine ähnliche Form im Sinne von Rubrikzugehörigkeit besitzt. Die Neuheit der Nachricht liegt in den Einzelheiten ihres Inhalts. So gesehen tauchen die gleichen oder ähnlichen Nachrichten immer wieder in den Zeitungen auf. Dies führt zu einer nächsten Frage neben jener nach dem Wesen der Neuigkeit: Ist Wissen zirkulär? Die Zeitungen berichten gemeinhin nichts, was nicht eigentlich bekannt wäre. Jürgen Kaube spricht davon, dass ‘Kennen’ wie ein Zirkel angelegt sei und dass es schwierig werde, da noch etwas Überraschendes reinzubringen. Diese Schwierigkeit und die ständigen Überlegungen, welche sie mit sich zieht, machen eine Nervosität innerhalb des Zeitungsorgans aus. Um unsere Wissensgesellschaft noch fesseln zu können, sehen sich die Zeitungsschaffenden vor die Aufgabe gestellt, Unbekanntes aufzugreifen und die bekannten Dinge wieder interessant zu machen, indem Thesen und Phrasen kritisiert werden. Inmitten der Gewohnheiten der Medienlandschaft versuche sich die Zeitung, so Kaube, als Überraschungsei zu platzieren.

Gerade im Feuilletonteil wird das Überraschungsmoment entscheidend. Die Frage danach, was hier hinein gehört, stellt sich in dieser Rubrik stärker als in den anderen. Denn anders als Politik oder Wirtschaft weckt das Feuilleton bei den Lesenden eine weniger spezifische Erwartungshaltung und die Auswahl aus möglichen Neuigkeiten wird umso schwieriger. Was kann warten und was ist zur Zeit dringlicher und interessanter? Die Entscheidung fällt zugunsten von A oder B und dafür muss es auf jeden Fall auf der Seite der Zeitungsschaffenden ein Argument geben. Wenn das Ereignis, das im Feuilleton als Neuigkeit auftaucht, zeitlich bereits vergangen ist, bedarf es eines ‘Jetzt’-Hinweises für die Lesenden, um sich gegenüber der Konkurrenz abzusetzen. Dieser Hinweis lässt sich laut Herrn Kaube durch Konkretisierung anführen in Form von Aufdeckung von Konflikten oder durch Angabe von Zahlen, die eine Tatsächlichkeits- und Wichtigkeitswirkung haben. Die Lesenden kann man so «darauf hinweisen, woran sich die Aktualität der Welt festmacht und was die Welt ist.»

Die Besonderheit des Feuilletons macht sich nicht zuletzt an den Mitwirkenden bemerkbar. Auf der Suche nach Beiträgen, die dem Lesenden das Gefühl von Aktualität vermitteln und sich gleichzeitig von anderen Zeitungsmedien unterscheiden, können sich die Zeitungsschaffenden mit ihrem persönlichen Spezialwissen unterbringen. So wird es möglich, auftretende Ereignisse, zu denen niemand wirklich etwas weiss, dennoch im Feuilleton aufnehmen zu können indem sie mit dem vorhandenen Wissen eines der Feuilletonredakteurinnen und -redakteure angereichert werden. Fragmentarisches und Halbwissen wird mit besonderem Überraschungswissen zu einem vollständigen Artikel synthetisiert, der wichtig und wissenswert ist. Das Feuilleton ist die Kunst, das, wie es Herr Kaube ausdrückt «immer schon Dagewesene» aufzugreifen und ihm eine besondere Priorität gegenüber der Gleichförmigkeit der eigenschaftslosen Vorkommnisse der Zeit zu verleihen. Die Auswahl eines Geschehnisses für einen Artikel macht es aktuell und der anschliessende Bericht über das Aktuelle ist eine Neuigkeit. Die Neuigkeit erscheint den Lesenden in der Form einer Nachricht, wodurch der Inhalt der Neuigkeit wissenswert wird.

Zusammenfassend betrachtet kann man vorhandenes Wissen neu aufbereiten, um es als Neuigkeit an die Leserschaft zu transportieren. Wissen ist dann in gewisser Weise tatsächlich zirkulär. Oder man hat die Möglichkeit, das gänzlich Unbekannte aufzugreifen und zur Neuigkeit zu machen, sofern ergänzendes Wissen eines/-r Einzelnen vorhanden ist. Jürgen Kaube drückt es so aus, dass das alt Bekannte zu ‘guten’ Nachrichten gemacht werde. Auf die Frage, was denn die gute Nachricht ausmache, meint er, dass man im Artikel zunächst auf einer Sachebene starten könne. Die Krisenstellung im Artikel könne man dann überführen – von einem vorhandenen Problem, das bereits verhandelten Problemen gleicht, in ein neues, überraschend aktuelles: «Wusste ich gar nicht.»

Dieser Essay möchte eigene Gedanken aus dem Vortrag Jürgen Kaubes «Zeitung als Organisation», der am 26.10.2015 an der Universität Basel stattfand, aufgreifen.

Die ewige Rechtfertigung der Geisteswissenschaften

Jedes Jahr ist es dasselbe. Einige frisch gebackene Maturandinnen und Maturanden müssen sich zu ihrem nächsten Schritt entschliessen: Gehe ich an die Uni? An eine Fachhochschule? Oder mache ich doch lieber eine Lehre? Die wenigsten entscheiden sich für Letzteres, die meisten für ein Studium an einer universitären Hochschule. So waren im Herbstsemester 2014/15 gemäss Bundesamt für Statistik (BfS) fast 144‘000 Personen an den Schweizer Universitäten immatrikuliert, eine leichte Steigerung gegenüber dem Vorjahr (+1,3%). Zur selben Zeit waren an den Fachhochschulen und den Pädagogischen Hochschulen fast 90‘000 Personen eingeschrieben – 10‘000 mehr als drei Jahre zuvor.

Obwohl die Unis bei den Studierenden nach wie vor beliebt sind und ein hohes Prestige geniessen, gewinnen Fachhochschulen steigend an Sympathie. Das BfS beobachtet eine tendierende Hinwendung zur Fachhochschule: So prognostiziert es eine generelle Zunahme an Studierenden, allerdings fast doppelt so viele für die Fachhochschulen und Pädagogischen Hochschulen als für die Universitäten. Gründe dafür sind vorstellbar: Fachhochschulen vermitteln nicht nur theoretisches Wissen, sondern praktische Kompetenzen, die greifbar und klar auf das Berufsleben ausgerichtet sind. Die Figur des Akademikers und Intellektuellen hat an Ansehen eingebüsst, gilt als elitär und realitätsfern.

Weltfremd und unpraktisch?

Hannes Klöpper, Redaktor des «Tagesspiegels», stellt eine intellektuelle Krise fest und fragt nach den Aufgaben der Hochschullehre: Wozu braucht es Universitäten, wenn Fachhochschulen und Berufsschulen bereits die ideale Mitte zwischen Theorie und Praxis gefunden haben? Die meisten Studiengänge bereiten nicht auf ein bestimmtes Berufsfeld vor, und praktische Erfahrungen (abgesehen von der Forschung) werden kaum gesammelt. So sind die meisten Studierenden später in Berufen tätig, die mit den Inhalten ihres Studiums nur wenig bis gar nichts zu tun haben. Dies trifft vor allem auf Studierende der Geisteswissenschaften zu – die «Denk- und Grübelfächer», wie sie Der Spiegel zynisch humorvoll umschreibt. Auch wenn die Geistes- und Sozialwissenschaften bei den Studierenden nach wie vor am beliebtesten sind, hat ihr Anteil seit 2000 leicht abgenommen, vor allem zugunsten der praxisnäheren Wirtschaftswissenschaften und Technischen Wissenschaften.

Zunehmend haben Geistes- und Sozialwissenschaften mit dem Vorurteil zu kämpfen, weltfremd und unpraktisch zu sein – «unpraktisch» im Sinne von übertheoretisiert und im Berufsalltag unbrauchbar. Ist es wirklich nötig, hundert Seiten über das Thema des Staunens in der modernen Französischen Literatur zu schreiben? Worin liegt der Sinn, alte Schriftstücke zu erforschen? Und spielt es wirklich eine Rolle, ob das «u» in Bern anders ausgesprochen wird als in Zürich? Es heisst, Geistes- und Sozialwissenschaften beschäftigten sich nur mit esoterischen und philosophischen Nebensächlichkeiten, die keinen direkten Nutzen bringen. Wozu die ganzen Theorien, das abstrakte Geschwätz, in einer Zeit, in der man handfeste Fakten und tatkräftige Problemlöser braucht?

Der deutsche Wissenschaftler Marcus Beiner bezeichnet in seinem Buch «Humanities» die Geisteswissenschaften als «Navigatorinnen durch die Welt der Kultur». Da sie sich mit allem beschäftigen, was der menschliche Geist hervorgebracht hat und noch hervorbringt, sieht er in ihnen das Potenzial einer Leitwissenschaft des 21. Jahrhunderts. Für die amerikanische Philosophin Martha Nussbaum sind die Geisteswissenschaften eminent für die Formierung der Zivilgesellschaft. Sie warnt davor, dass in unserem System nur noch Nutzen und Profit im Vordergrund stehen, weshalb keine «ganzen Bürger» mehr ausgebildet würden, die über die «Fähigkeit des Fragens und Immer-wieder-Weiterfrangens» verfügten.

Genau darin liegt der Punkt: Geisteswissenschaften sind per Definition selbstkritisch und (meta)reflexiv – eine der wichtigsten Eigenschaften unserer Kulturgeschichte. Erst aus dem Denken über sich selbst heraus hat sich der moderne Mensch entwickelt. Ein Geisteswissenschaftler stellt Theorien auf, nur um sie im nächsten Nebensatz wieder zu relativieren. In keiner anderen Disziplin wird so viel hinterfragt, kritisiert und theoretisiert. Das hat auch seine Gründe: Keine andere Disziplin muss sich so oft und immer wieder aufs Neue für ihre Existenz rechtfertigen. Theorien sind die Basis jeder geisteswissenschaftlichen Forschung.

Ruf nach mehr Praxis

Diesbezüglich hatten es die Geistes- und Sozialwissenschaften in den 70er und 80er Jahren vermutlich leichter. Der deutsche Professor Philipp Felsch beschreibt in seinem kürzlich erschienenen Buch «Der lange Sommer der Theorie» die Geschichte der Theorie anhand ihres Gebrauchs. Während drei Jahrzehnten erlebten «theoretische Bleiwüsten» einen Aufschwung: Adorno, Foucault, Bettelheim und Barthes «gehörten in jede Manteltasche». Die Ästhetik der Poesie wurde plötzlich zweitrangig, das Genre der Theorie entfaltete sich zwischen der Apokalypse einer alten und der Entstehung einer neuen Buchkultur.

Diese theoretische Gegenbewegung erlebte ihren Höhepunkt in den 1975er Jahren, um dann langsam überzugleiten in eine Art des «material turns». Die Form rückte ins Zentrum des Interesses: Magazine experimentierten mit neuem Layout, Bildern und Collagen. Abstrakte Ideen wurden immer häufiger ins Materielle und Fassbare transferiert: Die Dinge wurden stärker.

Und wie sieht es heute aus? Nach wie vor ist die Theorie Bestandteil geisteswissenschaftlicher Forschung. Doch – um auf das Ursprungsthema zurückzukommen – an Universitäten wird der Ruf nach mehr Praxis immer lauter. Nicht umsonst werden Vorlesungen angeboten wie «Gender in der Gleichstellungspraxis» (Gender Studies), «Guillaume de Machaut: Hermeneutik und Aufführungspraxis» (Musikwissenschaft), « Archiv und Depot in zeitgenössischer Kunst- und Ausstellungspraxis» (Kunstgeschichte) und  «Kulturwissenschaften im Praxistest» (Medienwissenschaften).

So vermischen sich die Grenzen zwischen verschiedenen Hochschultypen immer mehr, und vielleicht ist es auch wirklich das, was es braucht, damit sich Theorie und Praxis annähern, damit Theorie wieder theoretisierte Praxis und Praxis die praktizierte Theorie wird. Im digitalen Zeitalter stellt sich ausserdem eine interessante Frage: Wo ist die Theorie in neuen Medien zu finden? Noch nie wurde so viel gelesen, so viel geschrieben wie im 21. Jahrhundert. Massenweise kursieren Geschichten, Kommentare und auch theoretische Abhandlungen im Internet, schweben in einem virtuellen Raum, unfassbar und doch global lesbar. Theorie ist allen zugänglich. Daraus resultiert, dass das geschriebene Wort kaum mehr Wert als eine mündliche Bemerkung besitzt, zu schnell und zu einfach ist es in die Welt gesetzt. Und an dieser Stelle sind es die Geisteswissenschaften, die mahnend den Zeigefinger heben und daran erinnern, alles Gelesene beziehungsweise Gehörte stets zu hinterfragen. Es ist ihre Aufgabe, das Misstrauen, dass sie über Jahrhunderte kennen und entwickelt haben, weiterzugeben und in den alltäglichen Gebrauch mit den Medien einfliessen zu lassen.


Literaturnachweis

Bundesamt für Statistik, Szenarien für das Bildungssystem – Analysen.

http://www.bfs.admin.ch/bfs/portal/de/index/themen/15/08/dos/blank/15/07.html [17.10.2015].

Felsch, Philipp: Der lange Sommer der Theorie. Geschichte einer Revolte 1960-1990, München 2015.

Hinrichs, Per: «Geisteswissenschaften: Die Dickbrettbohrer», in: Spiegel Online (Unispiegel), 03.07.2007.

http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/geisteswissenschaften-die-dickbrettbohrer-a-483979.html [17.10.2015].

Klöpper, Hannes: «Ein gutes Studium prägt ein Weltbild», in: Der Tagesspiegel, 24.01.2013.

http://www.tagesspiegel.de/wissen/was-die-moderne-uni-ausmacht-ein-gutes-studium-praegt-ein-weltbild/7677670.html [17.10.2015].

Roeck, Bernd: «Fragen und Weiterfragen», in: Neue Zürcher Zeitung, 23.04.2011.

http://www.nzz.ch/fragen-und-weiterfragen-1.10353293 [17.10.2015].