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«Shnittige» Grenzen

«The procedure»: ein abartiges Erlebnis

Die «Crossing Borders» Vorführung beginnt mit einem Haufen Ekel und der Frage: Was zum Geier war das denn? Folgendes: Ein bärtiger Mann wird auf dem Weg zu seinem Auto mit einem Pfeil in den Hals ausgeknockt. In der nächsten Einstellung liegt er gefesselt und geknebelt in einem sterilen Raum. Danach seilt sich von oben herab eine männliche Person mit entblösstem, vornübergebeugten Hinterteil ab. Zwischenzeitlich frage ich mich: Ist das jetzt ein Kunstfilm? Ein Arsch von einem Mann, der sich langsam dem Gesicht des schreienden Protagonisten nähert?

Na, man ist jedenfalls fasziniert und angeekelt zugleich. Wie kommt man auf so was, fragen sich wohl alle im Saal. Alles Geschrei des Geknebelten bringt nichts. Bald zeigt sich, welche Grenze hier überschritten wird. Hier kommt die Überschreitung in Form einer Nahaufnahme eines Anus. Offensichtliche Geräusche aus dem Hinterteil in das Gesicht des Opfers der «Prozedur» inklusive… «Iiiiiih», ertönt es neben mir. Wer lachen will, darf das. Wer davon Alpträume kriegt, sollte die «Crossing Borders»-Vorführung oder zumindest diesen Film meiden. Für mich ist es zu spät.

Sehnsucht nach nackten Brüsten in «Russian Roulette»

«Zeig mir deine Brüste!» wird die junge Frau am Computer von der Person auf ihrem Bildschirm aufgefordert. Sie surft auf der Plattform talk.roulette, wo sich offensichtlich hauptsächlich Perverse tummeln. Dabei würde die junge Londonerin nur gerne etwas Konversation führen. Schnell entwickelt man eine starke Empathie für die rothaarige Frau. Sie versucht krampfhaft, mit jemandem ins Gespräch zu kommen, und nimmt dafür viel in Kauf. Dank der starken Leistung der Schauspielerin wird die Einsamkeit fast greifbar.

Nach erfolglosen Versuchen, während derer das Mitleid als Zuschauer immer grösser wird, meldet sich ein junger Russe mit Dreitagebart. Er behauptet, er sei russischer Ingenieur und befinde sich soeben im Weltraum. Selbstbewusst im All schwebend, beeindruckt der Astronaut die Frau. Als er das bemerkt, fragt auch er sie, ob sie für ihn «blank» zieht. An dieser Stelle lacht der ganze Saal. Als sie ablehnt, begreift der Russe jedoch ihre Sehnsucht. Er zoomt mit seinem Teleskop auf ihr Haus und macht ihr klar, wie einsam man ist, wenn man drei Monate alleine auf einem Raumschiff verbringt. Er hat die Grenzen der Erde schon lange hinter sich gelassen. Als die Verbindung mit dem Astronauten abbricht, öffnet sie das Fenster, überlegt kurz; und entblösst für den Weltraumfahrer ihre Brüste. Wirklich ein süsser Film, der mit wenig Aufwand viel gute Laune erzeugt, einen richtig pointierten Humor und sogar etwas Tiefsinn zeigt.

Grenzen der Brüderlichkeit: Ennemis Intérieurs

«Was ist das Motto der Französischen Republik?»

«Was können Sie zur Republik beitragen?»

«Warum haben Sie so lange gewartet, den französischen Pass zu beantragen?»

Liberté, Freiheit: Im dunklen Verhörzimmer sitzt der jetztige Algerier dem Befrager gegenüber. Geboren wurde er in Algerien, welches aber damals noch eine Kolonie von Frankreich war: «Geboren bin ich somit als Franzose». Trotzdem muss er heute, als pensionierter Lehrer, allerhand Fragen zu «französischen Werten» und Geschichte beantworten. Mit einem Stempel entscheidet der eine über die Zukunft des andern.

Egalité, Gleichheit: Dieser Kurzfilm zieht sich fast unerträglich in die Länge. Ich bin wütend, genervt. Will aufstehen und rausgehen. Und ich merke, dies will auch der Protagonist. Doch es geht jetzt nicht mehr um eine allfällige Staatsbürgerschaft, sondern um eine drohende Abschiebung. Die Stimmung sinkt, das Machtgefälle steigt. Die Gleichheit ist ein exklusives Gut für die Franzosen. Der Algerier muss sagen, mit wem er sich wo wann über was unterhalten hat.

Fraternité, Brüderlichkeit: Der Film spielt im Frankreich von 1995, als Paris von einer Reihe von Terroranschlägen betroffen ist. Täter sind Islamisten aus Algerien. Nun will der eine wissen, wer denn die Freunde des andern sind. Freunde, ja, Brüder, mit denen er über Religion gesprochen hat, aber eigentlich bloss die gesellige, friedliche Stimmung genossen hat. «Wir Franzosen müssen wissen, wem wir vertrauen können», sagt der eine. Dafür muss der andere seine Brüder verraten. Für diese beginnt nun der gleiche Alptraum.

Würde es nicht explizit erwähnt, würde man denken, die Szene könnte sich jetzt genau so in Frankreichs Polizeistationen abspielen. Mich beschleicht das Gefühl, dass der Regisseur den Film gezielt unerträglich langatmig machte. So spüren Protagonist als auch Zuschauer die gleiche Hilflosigkeit, die gleiche Wut über die ungerechte Situation. Grenzen werden gezogen zwischen Menschen, die sich ähnlicher nicht sein könnten.

«Na Wewe» oder der Irrsinn von ethnischen Grenzen

Die Welt ist nicht teilbar in Schwarz oder Weiss, Gut oder Böse, Hutu und Tutsi. Solche Grenzen sind genauso künstlich wie jene der europäischen Kolonien in Afrika. «Na Wewe», «Du auch», spielt zwar im Bürgerkrieg in Ostafrika. Es ist aber ein Lehrstück über die Absurdität, Menschen nach Abstammung und Nationalitäten einteilen zu wollen, wenn doch die Realität ganz anders aussieht. Dies wird aber nicht mit dem moralischen Zeigefinger verdeutlicht, sondern witzig und dramatisch zugleich.

Ein vollbesetzter Reisecar wird von einer Soldatengruppe überfallen. Die Menschen sollen sich einteilen, links Hutu, rechts Tutsi. Schön blöd, dass dies gar nicht so einfach ist: «Ich weiss doch nicht. Mein Grossvater war Mulatte. Meine Mutter kommt aus Zaïre.», so die Antworten der Verängstigten. Eine junge Frau fasst aber Mut und stellt sich forsch mitten auf die Kreidelinie, welche die Welt für die Soldaten in Hutu und Tutsi einteilen soll. Trotz der düsteren Ausganglage bietet dieser Film einen der wenigen Momente, in denen man unbeschwert lachen kann. Fast schon zum Wohlfühlfilm verkommt «Na Wewe», als (natürlich, wer ist überrascht?) Weltverbesserer Bono mit U2 die letzten Grenzen einreissen kann: Der Kindersoldat übernimmt entzückt den Walkman der Überfallenen: «Ein Tutsi, der Hutu-(«U-Two»)-Musik hört, wow!»

Frankensteins Erben: NIFFF-Doku über Film-Monster

In Joe Dantes MATINEE von 1993 finden wir eine wunderbare Szene, in der der Horror-Regisseur Lawrence Woolsey (John Goodman) die Ursprünge seines Metiers erklärt. Demzufolge handelt es sich schon bei den ersten Mammut-Darstellungen auf Höhlenwänden um protokinematographische Monsterfilme, deren Künstler auf den grösstmöglichen Effekt zielten: «People are coming to see this”, stellt sich Woolsey den Gedankengang der Höhlenmaler vor und wirft in einer erstaunlichen Tricksequenz gleich selbst ein Mammutbild an die nächstbeste Wand (notabene die Fassade eines Kinos). «Let’s make it good. Let’s make the teeth real long, and the eyes real mean. Boom! The first monster movie.”

Diese hinreissende Fabel könnte auch am Anfang von THE FRANKENSTEIN COMPLEX stehen, den das Neuchâtel International Fantasy Film Festival im Rahmen des Dokumentarfilmprogramms aufführte. Darin erforschen die französischen Filmemacher Alexandre Poncet und Gilles Penso die Kunst des Monster- und Masken-Designs im Horrorkino. Tatsächlich beginnt der Film mit einem Verweis auf die Höhlenmalerei: Seit frühester Vorzeit stellt die Vorstellung von Monstern und Untieren eine Art anthropologische Konstante dar. Imaginäre Wesen, mit denen wir uns ein Bild von der Welt und – mehr noch – von uns selbst machen. Wie in Woolseys prähistorischem Märchen müssen Monster daher vor allem eines: gezeigt werden.

Frankensteins Erben

Der lateinische Wortsinn hinter Monster meint denn auch genau dies: «zeigen», monstrare. Das Kino hat in seiner mittlerweile 120-jährigen Geschichte Mittel und Wege gefunden, eigentlich unmögliche Kreaturen darzustellen. Denken wir nur an die ausgestorbenen Riesenechsen, die Steven Spielberg für JURASSIC PARK wieder auferstehen liess, oder an den fiktiven Monsteraffen KING KONG. Ihre schiere filmische Realisierung ist nicht weniger erstaunlich als Dr. Frankensteins Schöpfungsakt im Roman. THE FRANKENSTEIN COMPLEX lässt jene modernen Mad Scientists hinter den Kulissen zu Wort kommen, die von ihren Kreaturen partout nicht als Spezialeffekte, sondern als Charaktere sprechen wollen. Bebildert sind die Interviews mit Behind-the-Scenes-Archivalien, was die Doku teilweise wie ein überlanges DVD-Making-of wirken lässt.

Doch wie alle guten Dokumentationen über das Filmemachen destilliert auch THE FRANKENSTEIN COMPLEX einige zentrale Wahrheiten des Mediums heraus. So ist der Film ein flammendes Plädoyer für das Kino als kollaborative Kunstform. Selten gab es dafür ein anschaulicheres Bild als den elektronischen Werwolfschädel, der von drei bis vier Personen gleichzeitig ferngesteuert wird. Jeder Effekt-Artist ist für eine Gesichtspartie zuständig und nur gemeinsam ergibt sich das beeindruckende Mienenspiel, das wir im fertigen Film bestaunen.

Von Puppen zu Pixeln

Nebst den Effekt-, Masken- und Animationskünstlern treten auch prominente Genre-Regisseure wie John Landis (AN AMERICAN WEREWOLF IN LONDON), Guillermo Del Toro (HELLBOY, PANS LABYRINTH) und natürlich Joe Dante (GREMLINS) auf und vervollständigen den filmhistorischen Abriss mit persönlichen Anekdoten. So gelingt den Filmemachern ein umfassendes Bild der Monsterfilmgeschichte von den Pappmaché-Riesen in Georges Méliès‘ Stummfilmen über die legendären Stop-Motion-Animationen Ray Harryhausens bis zu den modernen Performance-Capture-Technologien in LORD OF THE RINGS oder AVATAR.

Das letzte Drittel des Films fokussiert dabei auf den Übergang von praktischen zu computergenerierten Effekten: Nebst JURASSIC PARK hatten in den 90ern auch James Camerons THE ABYSS und TERMINATOR 2: JUDGMENT DAY die Möglichkeiten digitaler Bildererzeugung aufgezeigt. Seither haben traditionelle Spezialeffekt-Künstler mit immer weniger Aufträgen, knapperen Budgets und sinkender Vorbereitungszeit zu kämpfen. Nicht nur die Produktionsrhythmen der Studios haben sich geändert, auch die Sehgewohnheiten des Publikums sind längst dem digitalen Standard angepasst. Gerade unter diesen Umständen eröffnen sich aber neue Möglichkeiten für die haptischen Filmmonster – so hat etwa der jüngste STAR WARS-Film gezielt auf den nostalgischen Charme handgemachter Puppen, Masken und Roboter gesetzt.

Bewegung und Belebung

Del Toro, der unlängst in PACIFIC RIM und CRIMSON PEAK die Symbiose von praktischen und computergenerierten Monster-Effekten vorgeführt hat, möchte denn auch die alten und neuen Technologien nicht gegeneinander ausgespielt wissen. Animation, ob in der Puppenwerkstatt oder am Computerbildschirm, folge stets demselben Prinzip: die Belebung von Unbelebtem durch Bewegung. Und ist das letztlich nicht das Wunder der Filmkunst selbst? Die Illusion von Leben auf der Leinwand – zugleich unheimlich, faszinierend und wunderschön.

10 Jahre Tink.ch: Ein Jubiläum bringt Veränderungen mit sich

Tink.ch, das grösste Schweizer Online-Magazin für Jugendliche, wurde am 1. April 2016 schon 10 Jahre alt. Dies wurde mit redaktionellen Inhalten über die Personen hinter dem Verein gefeiert, so zum Beispiel Vivienne, BasilSofiya oder Carlo.

Neugierig? Schau doch einfach mal rein.

Ein Magazin, für das Jugendliche und junge Erwachsene zwischen 15 und 30 Jahren schreiben und das journalistische Handwerk erlernen dürfen: Mit dieser Idee startete Andreas Renggli am 1. April 2006 das Onlinemagazin Tink.ch, basierend auf der Berner Stadtagenda Youthguide. Dieser freut sich, dass sich Tink.ch über 10 Jahre gehalten hat: «Es ist erstaunlich, dass sich immer wieder engagierte junge Menschen finden lassen. Ich hätte mir nie erträumt, dass sowas möglich ist», so der heutige Geschäftsführer der Kommunikationsagentur Polarstern. Das komplette Interview lässt sich übrigens hier finden.

Inzwischen ist dieses Jahr so einiges passiert, wir konnten einige engagierte Tinkler für uns gewinnen. So führt seit März der 15-jährige Ben Bronzstein das Finanzressort, im Tessin ist nun Giulia Petralli für den Aufbau des Marketing verantwortlich und auch das Präsidium ist neu besetzt: Anita Béguelin und Olivia Borer führen den «Chefposten» gemeinsam, Selver Kabacalman amtiert als Vizepräsidentin. Auch bei den Redaktionen sind neue Namen zu nennen: Die neue Chefredaktorin der Deutschschweiz heisst Mélanie Baierlé, und in Zürich ist neu Auline Sanchez Co-Redaktionsleiterin.

An dieser Stelle wollen wir uns auch herzlich bedanken bei unserer ehemaligen Co-Präsidentin Ursina Ghilardi und den Chefredaktorinnen Sofiya Miroshnyk und Julia Neudert, die uns im Laufe dieses Jahres für neue Herausforderungen verlassen haben beziehungsweise verlassen werden. Ihr habt alle eine wunderbare Arbeit geleistet und das Team auf wunderbare Weise bereichert.

Auch aktuell sind immer noch verschiedene Stellen ausgeschrieben, die du hier finden kannst. Wir suchen stets nach motivierten Gspändli, die sich für den Journalismus einsetzen und hinter den Kulissen von Tink.ch arbeiten wollen. Wenn du aber lieber noch etwas lernen willst, komm doch zum Reporter-Workshop von Martin Sturzenegger. Der Züri-Journalist beim «Tages-Anzeiger» startete übrigens auch bei Tink.ch und freut sich, die nächste Generation zu unterstützen.

Und neben der Arbeit kommt das Vergnügen natürlich auch nicht zu kurz: Am 24. September feiern wir unser grosses Jubiläum! Alle Tink.ch-ler und Begeistere sind herzlich eingeladen – wir freuen uns auf dich.

Strassenmusik statt Street-Parade

Endlose Auswahl

Wer Live-Musik schätzt, sollte die Street-Parade das nächste Mal sausen lassen und sich in Bern die Vorstellungen der unterschiedlichsten Richtungen ansehen und -hören. Bei 150 KünstlerInnnen aus rund 20 Nationen dürfte auch der Wählerischste etwas nach seinem Geschmack finden. Ob gefühlvoller Indie-Pop von der Bielerin Marey oder doch lieber harter Punk-Rock von der Luzerner Band Blind Butcher? Oder da wären ja noch die schottischen Folk-Rocker, bei denen sich das Publikum automatisch zu bewegen beginnt. Aber auch die bunte Chanson-Truppe der aus Frankreich angereisten Band Fatras ist nicht zu verachten… Ja, die Liste könnte noch lange so weitergehen. Selbst wer alle drei Tage von Anfang 18 Uhr bis Ende 24 Uhr anwesend war, wird wohl kaum alle Bands gesehen haben.

Zufriedenes Publikum

Das Buskers Bern ist in vollem Gang. Ein Musiker mit Zylinder versucht, mit seinem rollenden Equipment durch die enge Gasse zu kommen. «Achtung, meine Damen und Herren! Deplacez- vous!» hallt es durch die Lauben. Unzählige ZuschauerInnen bilden in der Marktgasse eine beachtliche Traube um die Ska-Truppe King Porter Stomp aus Grossbritannien. Ratsam ist, nicht erst anzukommen, wenn die Künstler schon spielen, sondern sich den Platz schon jeweils vor dem Beginn der Konzerte zu sichern.

Die Leute lächeln, Kinder sitzen auf den Schultern ihrer Eltern, um einen besseren Blick zu erhaschen. Es scheinen am frühen Samstagabend alle Altersgruppen vertreten zu sein. Wer sich zwischendurch verpflegen will, kann dies an einem der unzähligen Stände tun. Von Indisch bis Mexikanisch oder einfach nur regionale Gerichte. Wer die Wahl hat, hat auch die Qual.

Mit einem Fischernetz bewaffnet sammeln Bandmitglieder das nötige Kleingeld von den Zuschauern ein, welches die alleinige Gage der Künstler darstellt. Deshalb raten die Organisatoren, spendabel Münzen zu verteilen. Auch wenn der Zugang zum Festival theoretisch gratis ist, werden Bändeli verkauft, um die Kosten der Organisation zu decken. Damit auch nächstes Jahr wieder Strassenmusik durch das Unesco-Weltkulturerbe schallt!

Hiltl, das Vegi-Restaurant schlechthin

Der Hauptstandort befindet sich an der Sihlstrasse 28 in Zürich und verfügt über ein reichhaltiges Buffet, welches über 100 heisse und kalte vegetarische und vegane Spezialitäten aus der Schweiz und aller Welt im Angebot hat. Die frisch gepressten Säfte sowie die erstklassigen Kaffee- und Teespezialitäten runden das vielfältige Angebot perfekt ab. Abgesehen vom Selbstbedienungsbereich verfügt der Hauptstandort sowohl im Parterre als auch im 1. Stock über ein bedientes «À la Carte»-Restaurant. Das «Riz Colonial» zählt zu seinen Klassikern: Reis trifft auf eine süsse Currysauce, Pilze und Cashews – garniert mit diversen Früchten und Rahmhaube, ein «Gedicht». Ein zusätzlicher Klassiker, der im Übrigen nach dem Original benannt wurde, ist das legendäre «Züri Geschnetzeltes», welches anstelle von Fleisch mit Bio-Seitan zubereitet wird. Kaum zu glauben, aber wahr: Seit einigen Jahren steht auch ein Tatar auf der Menükarte. Das Rezept beruht auf einem Geheimrezept. Doch einige Hiltl-Gerichte können in den trauten vier Wänden nachgekocht werden: «Hiltl. Vegetarisch. Die Welt zu Gast.», «Hiltl. Vegetarisch nach Lust und Laune.», «Vegan Love Story by tibits & Hiltl» und «Meat the Green»  lüften so manch Geheimnis um traditionelle Hiltl-Gerichte. Inspiration für die Gerichte seien Reisen, andere Kochbücher, Social Media und Gäste, so Rolf Hiltl. Doch der gesunde Genuss hat auch seinen Preis.

Altbewährtes trifft auf saisonale Gerichte

Früher war dieses Restaurant unter dem Namen «Wurzelbunker» bekannt. 1951 begab sich Margrith Hiltl, die Grossmutter von Rolf Hiltl, zum Welt-Vegetarierkongress in Delhi. Ab diesem Zeitpunkt wurde die indische Küche eingeführt. Noch heute ist diese ein wichtiger Bestandteil der Menükarte.

Mit Sicherheit liegt ein wesentlicher Teil des Erfolges dieses Familienimperiums wohl darin, dass die meisten Menüs und auch Säfte beständig geblieben sind. Im Gespräch mit Rolf Hiltl kristallisiert sich heraus, dass er, der mit Erfolg ein Unternehmen führt, auf Tradition und Innovation Wert legt und dies eine Art Grundlage für sein Schaffen bildet. Dementsprechend entstehen kontinuierlich neue Gerichte.

Schlüpfen wir in die Rolle des Gastes, der einen hektischen (Arbeits-)Tag im Hiltl ausklingen lässt. An dieser Stelle sei noch erwähnt, dass die Einrichtung ein bunter Mix zwischen modern und antik ist: ein Ort des Wohlfühlens. Wobei die Mitarbeitenden, von denen einige schon über zwanzig Jahre mit an Bord sind, eine entscheidende Rolle spielen.

«All in one»

Die Lokalität transformiert sich nachts in den Hiltl Club. Seitwärts des Hauptstandortes befindet sich der Hiltl Laden mit der ersten Vegi-Metzgerei der Schweiz, die im Jahr 2013 eröffnet wurde. Im Angebot stehen etwa vegetarische und vegane Delikatessen für zu Hause, auserlesene Gewürze und Chutneys. Ausserdem können im Hiltl-Laden zudem Hiltl-Kochbücher sowie Küchenutensilien erworben werden.

Seit Ende Oktober 2015 gibt es ausserdem die Hiltl Akademie, die ebenfalls in den Hauptstandort integriert wurde, sie befindet sich unterhalb des Daches. Mit der Hiltl Akademie hat Rolf Hiltl einen Ort geschaffen, welcher unter anderem Kochkursen und Kochevents dient. Hiltl ist des Weiteren in auserlesenen Badeanstalten der Stadt Zürich sowie im Gebäude des PKZ Woman zu finden.


Wo ist das neueste Lokal in Zürich zu finden? Hier geht die Post ab!

Rot, tot, lebendig.

Zarte Gestalt in starker Farbe. Wachsende Ambivalenz, auf Getreidefeldern, Schutt, an Wegen. Mittelpunkt auf Äckern und Brachen, leuchtend auf Ödland, an Böschungen.

Sucht sich der Protagonist mit Absicht die Einöde aus, um zu glänzen, oder mag nur sie ihn erdulden?

Eine simple Blume, auf Feldern daheim, und doch orchideenhaft empfindlich. Wer sie versetzt, wird im Gegenzug enttäuscht. Wer sie mitnimmt, behalten will, bereut. Fremdeigentum, das sich nicht aneignen lässt, das Untröstlichkeit überträgt. Hoffnungslos hängen die Blütenblätter hinab, und keine Vase mit Wasser verlängert Leben.

Der starke Stiel ist borstig behaart, steht ab und hält seine Blüte gut fest. Bis sie einmal fällt, braucht es lange. Doch Festigkeit entpuppt Empfindsamkeit, Power schwindet der Erschlaffung. Kurzer Moment, und Blüten sind trostlose Tränen. Sie haben den Rückweg, den Heimweg ins Haus nicht überlebt. Nur einmal nimmt man so ein Kraut mit, um es auch daheim zu betrachten. Der Liebhaber muss zum Feld, der Berg zum Propheten.

Vor Diebstahl und Pflücken also sicher. Ein Fehler, den keiner zweimal macht, den sich jeder merkt. Nochmals wird man den Stängel nicht zupfen. Blumenstraußunfähig und ausreißunnütz. Die Schwäche der Blume will keiner provozieren. Raubuntauglich, stehlverfehlt. Die Entbehrung des Schönen ist in jenem Kraut verpflanzlicht. Und es gibt kein Exemplar, das für den Spaziergänger eine Ausnahme machen würde. Der Spazierende muss die Massen zurücklassen.

Doch die Reue des Räubers ist nicht so groß wie der Unglaube darüber, dass es kein Mittel geben soll, das lebenserhaltend wirkt. Immerhin existiert noch ein Feld voll Kraut, doch das menschliche Nicht-Hinreichen lässt erstaunen. Ohnmacht und Aufgeben? Die Gepflückte, die Flamme vergessen.

Bei Wind regeneriert sich die biegsame Form des Blütenblattes ja auf’s Neue. In der Ferne malt die Fragilität der Blüte dann einen beweglichen Klecks. Verschwimmendes Rot und flammendes Feld. Für das Auge lebende Röte, für die Kamera Superobjekt. Rot ohne Abweichungen, ein Rot ohne Nuancen. Außen- und Innenseite des Blütenblattes scheinen gleich. Anzufühlen wie haftende Seide, anzuschauen indifferent. Rot so aus allen Richtungen. Zwar sind es bei genauerem Hinsehen nur vier Kronblätter, die die rote Blütenfülle ausmachen.

Auch nach einem Blinzeln ändert sich nichts an der Farbe, nach keiner Sehschärfe tritt Schattierung ein. Das Rot bleibt tot lebendig. Doch kontrastreich ist die Blume vor fadem Hintergrund, emporgehoben durch Leuchten und Feuer. Ein Beet von roten Klonen, von sich aus, natürlich erzeugt.

Ein Foto ermöglicht dem Passanten, die Pflanze auch daheim beschauen zu können. Die Kamera verlängert den Moment. Das Bild verstärkt den Eindruck. Die Lochbildkamera verlängert das Blinzeln. Sie nimmt sich die Zeit, so viel, bis das Objekt keine Lust mehr hat und sich auflöst. Es flattert weg. Flattrigkeit verstärkt, Verfließen des Rots über die Enden.

Doch nicht beim Knicken des Stiels weht das Blütenblatt weiter. Bei Unterbruch des weißen Milchsaftflusses zittert es aus. Verkapptes Edelweiß, pflückgeschützt. Nur nicht weiß, sondern rot. Rot wie Blut in Wasser. Lebenskraft verdünnt.

Aus dem Saft der unreifen Kapseln wird Opium gewonnen. An der Luft trocknet er zu einer plastischen Masse. Durch Anritzen des Stängels tritt er aus. So stirbt die Blume dahin, wie wenn sie unter ihrem eigenen Gift leiden würde. Dabei kann sie giftfrei nicht leben. Umgekrempeltes Geschick.

Doch vielleicht ist die Pflanze auch Heilpflanze. Deren Wirksamkeit ist unbelegt. Tee aus den Blütenblättern gegen Schmerzen und Schlafstörungen? Sirup aus denselben gegen Husten? Wegen des Gifts wird von Selbstbehandlung abgeraten. Aber was kann schon passieren? Bauchschmerzen, Erbrechen, Unruhe. Raserei, Krämpfe, Bewusstlosigkeit. Weidende Tiere können sterben. Aber man traut es der Pflanze zu. Wie ein Fliegenpilz, nur Blume und ohne Punkte.

Doch die reifen und blauen, die alkaloidfreien Samen können ohne Bedenken verwendet werden. Als Würze für Brote, als kugelig kleiner Kontrast auf dem hellen Mehl. Gebäckbestreuung, Füllung, auch Zutat im Obstsalat. Nussiger und herber, interessanter gestalten. Minimaler Rausch und nur Ansatz der Unruhe.

Zur Gewinnung die Pflanzenkapseln an einem luftigen, schattigen Platz zum Trocknen und Nachreifen auslegen. Schließlich öffnen sich die reifen Kapseln, und die runzligen Sämchen fallen heraus. Aber wirklich nur diejenigen Samen verwenden, die tatsächlich reif sind, die von selbst aus der Kapsel fallen. Oder die sich leicht aus ihr ausklopfen lassen. Sie sind nicht diejenigen des Mohnbrötchens, des Schlafmohns. Aber sie gleichen jenen auf Anhieb sehr.

Dem Blütenblatt bleibt nur das Pressen, das Trocknen nach richtigem Legen. Doch die rote Farbe der Blüte wird dunkler und trüber. Graubraun. Nicht roter als die Tinte der Blüten auch. Das Rot wird nicht erhalten.

Für die Tinte die Blütenblätter dicht in ein Schraubdeckelglas verpacken. Essig mit Wasser verdünnen und das Glas bis zum Rand damit füllen. Verschließen und einige Tage an der Sonne stehen lassen. Von Zeit zu Zeit schütteln. Die Blütenblätter verwandeln den Essig in tiefrote Tinte, die Lösung in roten Matsch. Dann abseihen durch ein feines Sieb. Doch geschrieben sieht die Tinte nur rötlich aus. Alarm und Signal ermatten. Kraft und Leben vergehen. Es scheint nur eine Lebensform zu geben: die gesetzte und geerdete.

Ihren Namen erhielt die giftige Pflanze vom Klatschen mit den Blütenblättern durch Kinder. Das Geräusch beim Schlagen auf ein zusammengefaltetes Blütenblatt, oder mit einem solchen auf Haut, glich einst einem Klatschen. Dies kann heute nicht überprüft werden, da es niemand mehr macht. In Gräser pfeifen, aus Kastanien Tiere basteln, aus Blütenblättern Püppchenkleider. «Die Kinder haben jre kurtzweil mit diesen Blumen dan sie mit den blettern schnallen in der handt oder stirn machen/daher würdt diß kraut Klapperroß oder Hirnschnall genent», äußerte Botaniker und Mediziner Leonhart Fuchs im Jahre 1543.

Junge Burschen zum Beispiel verwandten in naturverbundenen Zeiten die Blüten der Pflanze als Liebes-Orakel. Die Lautstärke beim Klatschen verhieß zarte oder leidenschaftliche Liebes-Ereignisse. Einen Kuss und dergleichen oder mehr.

Einst aus der asiatischen Steppe eingewandert und dann Europa mit wenigen Mitteln verschreckt. Nicht immer nur verzaubert. Ein flammendes Feld mit mächtiger Wirkung. Von Mai bis August und ziemlich hoch. So gab es einst den Glauben, dass die Blumen dem Blut der Gefallenen entsprossen seien. Im ersten Weltkrieg erschien das Kraut auf vielen Schlachtfeldern und in großer Menge. Darstellung der Qual in Blütenform. Verkehrung des Unglücks in Schmuck. Oder Rot sucht sich die Öde aus, weil Blässe am besten errötet.

Post skriptum stellt die Verfasserin nochmals ein Exemplar in eine Vase, denn im Sommer sind die Blumen überall. Selbst in der Stadt an Straßen, zwischen Belägen. Mischen sich in Büsche und topfen sich in Blumentöpfe ein. Kleiner Wink vom Wegrand, der um Augenmerk blinkt. Roter Gruß vom Balkon, keckes Kuckucksei im zweiten Stock. Oder stiellos wie ein Plastikpapier rot am Boden.

Doch diesmal lebt das rote Kraut im Glas für eine ganze Weile weiter. Blüht schön und schöne Tage nach den vier Himmelsrichtungen seiner Blüten. Prächtig, kräftig, fest. Und lacht die Verfasserin aus. Rote Clown-Nase am Fenstersims. Drückt sich gegen die Scheibe. Was soll das denn jetzt.


Literaturnachweis:

Scherf, Gertrud: Alte Nutzpflanzen wieder entdeckt. Färberginster, Pfeifengras, Seifenkraut & Co., München: BLV 2008, S. 114.

Die Verantwortung einer Whistleblowerin

«FEAR LESS LOVE» lautet das Motto der diesjährigen Ausgabe des Berner Theaterfestivals Auawirleben, ein Aufforderung zu Toleranz, gegenseitigem Respekt und der Verbreitung von einem Quantum Liebe im Alltag. Sei dies durch grosszügiges Verteilen von «free hugs» oder durch im Akkord veröffentlichte Tweets mit Bildern feliner Internetstars, die dem Empfänger ein Lächeln auf die Lippen zaubern. Dabei sollte die augenfällige Abbildung der ballistischen Katze auf der Website des Festivalzentrums nicht über die Qualität der diesjährigen Programmpunkte hinwegtäuschen, denn auch hinter einer vordergründig zelebrierten Niedlichkeit kann eine ernste Botschaft versteckt sein. 13 Produktionen aus acht Ländern verarbeiteten auf manchmal heitere, manchmal nachdenkliche oder gar verstörende Weise aktuelle Themenzusammenhänge. Diese reichen von der Frage nach Sinn, Unsinn und Grenzen der Demokratie, über die Verantwortung einer Whistleblowerin bis hin zu tänzerischen Formen der Koexistenz von Arabern und Israeli.

Partizipatives Computerspiel-Theater

Mit im Programm ist auch das neue «theatrale Game» »Lessons of Leaking» des Berliner Kollektivs machina eX, welches für kongeniale Produktionen, die sich an der Schnittstelle von Computerspiel und Theaterpraxis bewegen, bekannt ist. Es handelt sich um partizipativ ausgerichtete Stücke, bei denen das Publikum in der Rolle von Mitspielern wie bei einem Point ‘n‘ Click Adventure Rätsel lösen, Aufgaben ausführen und damit den Verlauf der Handlung und sogar deren Ausgang beeinflussen kann. Je nach Format des Stücks agieren die Zuschauer oder Spieler entweder selbst als Protagonisten des «Games» oder sind in der Lage, die Aktionen bestimmter spielbarer Figuren zu steuern. Die zweite Möglichkeit ist, in »Lessons of Leaking» gegeben. Die Spieler unterstützen als Gruppe die Protagonistin Clara auf ihrer gefährlichen Mission, ohne selber die Rolle von Spielcharakteren zu übernehmen.

Ver- oder Enthüllung, das ist hier die Frage

Die Handlung des Spiels bewegt sich thematisch irgendwo zwischen Politthriller und Spionagefilm. Das Geschehen setzt im Jahr 2021 ein, wenige Tage vor einer gewichtigen Volksabstimmung, bei der die Bürger über den Verbleib von Deutschland in der EU entscheiden. Es ist eine in politischer Hinsicht zutiefst gespaltene Gesellschaft, in der sich zwar das generische Femininum durchgesetzt hat, die Bundeskanzlerin jedoch dem nationalkonservativen Lager angehört. Als Gegenspieler der Kanzlerin gilt der undurchsichtige European Protection Service, kurz EPS, der versucht, die Ergebnisse der anstehenden Wahl zugunsten der EU zu manipulieren. Unter mysteriösen Umständen gelangt die dauergestresste PR-Agentin Clara in den Besitz sensibler Daten, welche die Machenschaften des EPS offenlegen. Es liegt nun an den Spielern, über den Fortgang der Geschichte zu entscheiden: Ob sich Clara aus moralischen Gründen für oder aus taktischen Gründen gegen eine Veröffentlichung des Datenmaterials ausspricht, da diese zwangsweise einen erneuten Rechtsrutsch in der Regierung und einen noch grösseren Vertrauensverlust in die EU nach sich ziehen würde. Wofür sich die Spieler schlussendlich auch entscheiden, to leak or not to leak, das Ergebnis hinterlässt einen schalen Nachgeschmack im Mund.

Teamarbeit ist Trumpf

Das Game funktioniert am besten, wenn die Spieler im Team die aufgegebenen Rätsel lösen. Wobei es laut machina eX-Mitglied Mathias Prinz durchaus möglich sei, das Stück auch zu sabotieren, zum Beispiel durch Verstecken von Objekten, die für die Lösung eines Rätsels zentral wäre. Bisher habe jedoch noch kein Spieler versucht, die Grenzen des Games auszuloten. Der Schwierigkeitsgrad der Aufgaben wird jeweils von Etappe zu Etappe höher. Erweist sich das Auffinden der Batterie für Claras Fernbedienung noch als vergleichsweise einfach, so entpuppt sich das hacken des Sicherheitssystems des EPS als eine nervliche Zerreissprobe, bei der die Spieler Informationen auf vier Computerbildschirmen gleichzeitig verarbeiten müssen.

Die Lust am Spiel

Das auch in technischer Hinsicht ausgeklügelte Bühnenbild trägt viel dazu bei, den Effekt der Illusion im Stück aufrecht zu erhalten. Für einmal ist Anfassen unbedingt erlaubt: Es darf dabei nach Herzenslust in den gestapelten Umzugskisten gewühlt, auf dem Sofa gefläzt, auf der Computertastatur herumgetippt und am Safe herumgedreht werden. Das mag Neueinsteiger, die mit dem Konzept von machina eX nicht vertraut sind, erst einige Überwindung kosten. Ebenso mag die körperliche Nähe der Schauspieler befremden, mit denen man als Mitspieler zwar denselben Bühnenraum teilt, jedoch nicht interagieren kann. Nach einer kurzen Eingewöhnungsphase wird jedoch klar: Die sind harmlos, die wollen nur spielen. Und die Zuschauer spielen mit.


Weitere Informationen und Einblicke unter folgenden links:

http://auawirleben.ch/de

http://machinaex.de/

Theorie als ästhetisches Erlebnis

In seiner Ideenreportage Der lange Sommer der Theorie schildert der Historiker und Kulturwissenschaftler Philipp Felsch aus Sicht des Berliner Merve Verlags den in den sechziger Jahren einsetzenden Siegeszug der Theorie in der deutschen Bundesrepublik. Als Quelle diente ihm dabei die Korrespondenz zwischen Verlagsgründer Peter Gente und den zahlreichen Merve-Autoren, darunter Michel Foucault, Gilles Deleuze, Félix Guattari oder Jean Baudrillard. Felschs Analyse einer Verknüpfung des Gedachten mit dem tatsächlich Geschehenen richtet ihren Fokus dabei auf die Lesarten und Gebrauchsweisen der publizierten Theorie – und weniger auf deren Inhalt. Theorie als ästhetisches Erlebnis: Schon in der Einleitung hebt Felsch hervor, dass der Suggestivkraft bestimmter Texte wohl grösseres Gewicht beikam als ihrem systematischen Zusammenhang.

Damit ist ein Punkt angesprochen, den ich im vorliegenden Essay aufgreifen möchte und den Felsch in seinem Buch, etwa im Kapitel zur «Wilden Akademie», weiter ausführt: Die Art und Weise, wie aufgrund von scheinbar irrelevanten Begleitumständen Theorie ganz unterschiedlich rezipiert, diskutiert und neu aufbereitet wird.

Im Anschluss an den RAF-Terror im Deutschen Herbst von 1977 wandte sich die westdeutsche Intellektuellen-Szene rund um das Merve-Kollektiv mehr und mehr von der Öffentlichkeit ab: «Nach dem Deutschen Herbst zogen sich die Erben der Studentenbewegung aus dem sogenannten Diskussionszusammenhang zurück». Die verlockende Alternative war die Abschaffung von Hierarchie und Repräsentation: Es sollten Theorien propagiert werden, die nicht im Namen von anderen sprechen. So gelangte Peter Gente im Lauf der achtziger Jahre zur Einsicht, die Merve-Bücher in erster Linie für sich selber zu machen. Der vom Verlag vorangetriebene Theoriediskurs hat sich indes schon immer durch seine Distanzierung vom Common Sense, vom Denken für jedermann, definiert: «Denken, das den Status quo überschreiten wollte, musste – spätestens seit Adorno – schwierig sein».

Doch fortan sollte sich der Intellektuelle nicht mehr als Vordenker einer besseren Zukunft, sondern vielmehr als Geheimniskrämer, der dem öffentlichen Diskurs den Rücken kehrt, verstehen. Weg vom öffentlichen Diskurs, hin zum Kunstbetrieb, lautete die Devise. Felsch stellt sich in diesem Kontext die Frage, ob eine solche Entwicklung nicht zwangsläufig zur Herausbildung einer sektiererischen, möglichst geheimnisvoll gehaltenen Bewegung geführt haben musste: «In West-Berlin, der Hauptstadt des Posthistoire, wurde Theorie in den achtziger Jahren als Verrätselung gepflegt».

Die Antwort liefert der Autor gleich selbst, wenn er auf die vom Erziehungswissenschaftler Dietmar Kamper 1983 ins Leben gerufene Wilde Akademie überleitet: Eine Akademie ohne konkretes Programm, «eine Institution des coolen Zeitgeists», in der in opulenten Symposien sowohl Texte, Fotos oder Filme besprochen als auch reichlich gutes Essen und Getränke konsumiert wurden. Schauplatz: Das Luxushotel Kempinksi. Mit der Wilden Akademie, so Felsch, hielt der Hedonismus Einzug in den Theoriebetrieb. Eine Entwicklung, die sogleich auch Kritiker auf den Plan rief: Etwa den Germanisten Klaus Laermann, notabene ein Intimfeind von Kamper, der dessen Gründung der Wilden Akademie angesichts von mehr als zwei Millionen Arbeitslosen bei einer gleichzeitig abgesicherten Beamtenbesoldung als «peinlich» und «zynisch» diskreditierte, auch darum, weil er die Hauptaufgabe der Wilden Akadamie einzig in der blossen «Verbreitung höheren Blödsinns» ausmachte. «In einer Zeit, ‚in der die meisten Doktoranden nicht wissen, wie sie ihre Kohlen bezahlen sollen’, hielt er [Laermann] solche ‚Schicky-Micky-Tagungen» für ein Skandalon».

Ganz allgemein übt Laermann in einem 1986 publizierten Artikel in der Zeit mit dem Titel Lacancan und Derridada Kritik an einem selbstgefälligen Theoriediskurs, der jeden Anspruch, verstanden zu werden, als Zumutung abwehrt. Als «Frankolatrie» bezeichnet Laermann darin die vorbehaltlose, unkritische Anpassung an französische Theorien, die er im damaligen Wissenschaftsbetrieb der Bundesrepublik auszumachen glaubte: «Jedes Begreifen scheint ihnen [den Adepten der Frankolatrie] von Übel. Sie wittern darin den verfugenden Zugriff einer allgegenwärtigen Macht, der sie sich um keinen Preis aussetzen wollen». Als Bemühen, eigentlichen «Trivialitäten autoritativ Geltung zu verschaffen», als «Begriffsfetischismus» und «Wortgläubigkeit», als «Absturz von Marx zu Murks» – so beschreibt Laermann das Vorgehen dieser Frankolatrie, die insbesondere vom Überraschungseffekt lebt, «den die ostentative Beherrschung einer neuen Sprachform bei denen auslöst, die ihr zunächst einigermassen verständnislos gegenüberstehen».

Als besonders hervorstechendes Merkmal erkennt Laermann ein gesteigertes Bedürfnis nach Andersartigkeit, indem von den Diskursen der Alltags- und Wissenschaftssprache Abstand genommen wird – ein Motiv, ähnlich demjenigen, welches nach Felsch zur Herausbildung der «Wilden Akademie» und ihrer ganz eigenen Art und Weise des Theoriediskurses geführt hat. «Viele deutsche Modeschüler haben eine fatale Neigung, sich als Geheimnisträger ihrer Meister zu begreifen. […] Was sie dagegen zu Papier bringen, überbietet an Dunkelheit häufig jene Autoren, die sie nachahmen». Mehrdeutige Begriffe, der Hang zur Beliebigkeit, die Metaphorisierung von allem zu jedem: Allesamt Faktoren, die nach Laermann der Fähigkeit zur unverblümten Aussage, dem Blick auf die Realität, abträglich sind: «Wie langweilig aber ist dies Spiel mit der Mehrdeutigkeit, wenn in ihm kein Gedanke aufblitzt!» Ziel ist nicht mehr die Information, die argumentierende Überredung oder gar die emotionale Erschütterung des Lesers, sondern eine «geradezu frenetische Gegenstandsverflüchtigung». Was Laermann hier kritisiert, ist nicht die Theoriearbeit französischer Denker, sondern die Art und Weise, wie deren Theorien aufgenommen, diskutiert und neu aufbereitet werden: «Mit Poesie hat sie [die Sprache der Frankolatrie] nur so viel gemein, dass auch sie durchgängige Fiktionalisierung der Welt im Medium von Texten betreibt und nicht in erster Linie Informationen übermitteln oder gar eine Argumentation entfalten will.»

Im Anschluss an Laermann sei darum die Frage aufgeworfen, wie und in welcher Absicht in einem entsprechenden (universitären) Kontext Theorie betrieben wird: Allein um der Theorie willen? Um Theorie ästhetisch erlebbar zu machen? Oder doch, um zu neuen, mitunter öffentlich relevanten Erkenntnissen zu gelangen? Die Lektüre von Felschs Buch Der lange Sommer der Theorie jedenfalls vermag auf eindrückliche Art und Weise aufzuzeigen, wie sich scheinbar sekundäre Gegebenheiten – etwa die sich stetig wandelnden Intentionen der Verleger und die daraus folgenden Veränderungen im Verlagsprogramm, aber auch die Art und Weise des Buchvertriebs – auf den zu gegebener Zeit gerade vorherrschenden Theorie-Kanon sowie den daraus entstehenden theoretischen Diskurs auswirken: War dieser Diskurs beispielsweise vor dem Deutschen Herbst, in einer Zeit, als vorwiegend Marx rezipiert wurde, noch ein kritisch-gesellschaftstheoretischer, so wurde er im Anschluss an den RAF-Terror und die Einsicht in dessen Scheitern vorwiegend in der Kunstwelt heimisch, was schliesslich zu einer Symbiose von Theorie und Kunst führte. War dieser Diskurs vor dem Aufkommen des Taschenbuchs vornehmlich einer bürgerlichen Hochkultur vorbehalten, wurden nach der sogenannten «Taschenbuchrevolution» die Theorien von Adorno oder Hegel – zumindest als Artefakt – für jedermann zugänglich.

Was kommt als nächstes? Felsch schreibt von der «Herrschaft der gut abgesicherten Fallstudien». Ob allein solche Fallstudien zur von Laermann herbeigesehnten Rückkehr zur Wirklichkeit führen, ist eine andere Frage.


Literaturhinweis:

Felsch, Philipp (2015): Der lange Sommer der Theorie. Geschichte einer Revolte. 1960–1990. München: C.H. Beck.

Laermann, Klaus (1986): «Lacancan und Derridada». In: Zeit Online. URL: http://www.zeit.de/1986/23/lacancan-und-derridada

BITNIK Calling!

Seit den 1960er Jahren verstehen sich wichtige Positionen und Bewegungen der Kunst als «politisch” und «kritisch” gegenüber Kunstinstitutionen und gesellschaftlichen Machtverhältnissen. Dazu zählen auch viele KünstlerInnen, die mit avancierten Technologien arbeiten. Gleichzeitig differenzierte sich das System Kunst weiter aus. Politische Inhalte stehen heute einer erfolgreichen Karriere nicht mehr im Wege, ganz im Gegenteil, sie sind immer öfter Teil einer strategischen Positionierung auf dem Markt. Wie kam es dazu, und was kann Kritik als Kunstpraxis heute noch bedeuten?

Die !Mediengruppe Bitnik ist eine Kunstgruppe aus vier Personen. Seit zehn Jahren befassen sie sich sehr stark mit dem Netz. Sie sehen nicht Malerei oder Bilder, sondern das Internet als ihrer Medium. Dabei rückt Überwachung schnell in den Interessenfokus.

Sie interessiert sich in ihren Arbeiten für mediatisierte Wirklichkeiten, die durch die Verschränkung von online und offline Netzwerken entstehen. Im Zentrum ihrer Arbeit steht die Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen und politischen Themen die sich mit der Digitalisierung zahlreicher Lebensbereiche stellen: so etwa Privatsphäre und Öffentlichkeit, Informationsfreiheit oder Urheberrecht. Den Kern der Arbeiten bilden Interventionen in digitale und urbane Räume und Kommunikationswege, die stets als Experimente mit offenem Ausgang angelegt sind. Sie finden in der Regel ausserhalb der Kunsträume und im Internet statt, sind jedoch meist verbunden mit installativen Ausstellungen, die die Aktionen in Echtzeit begleiten oder durch narrative Verdichtung des gesammelten Materials nachträglich dokumentieren.

Sie nennen das Internet als «künstlerische Heimat» und versuchen seit zehn Jahren die digitale Räume thematisieren. Sie nehmen ein System persönlich und bringen es dazu, in ihrem Sinne zu funktionieren. Sie wollen ein System stören, um zu sehen, was passiert. Kontrollverlust ist ein sehr wichtiger Moment bei ihnen. Zum Beispiel hat der «Random Darknet Shopper» etwa völlig autark funktioniert. Sie hatten keine Kontrolle darüber, was aus dem Darknet in den Ausstellungsraum transportiert wird. Und das Paket für Julian Assange wurde ins Postsystem eingespeist. Sie konnten nur noch zuschauen, was damit geschieht. Ihre Arbeiten lösen keine Umschichtung herrschender Systeme aus. Sie öffnen allenfalls temporäre Handlungsräume. Sie zeigen auf, dass diese scheinbar starren Systeme, die uns umgeben, mitgestaltet werden können. Die heutige Kontrollgesellschaft sagt uns, dass es nur noch eine Version gibt. Dagegen wehren sie sich. Jede Technologie birgt unterschiedliche Potenziale.

Viele ihren Arbeiten setzen stark auf einen Livemoment, das ist spannend für die Zuschauer. Als ihrer Paket für Julian Assange unterwegs war, hat es über Stunden nur schwarze Bilder gesendet. Dennoch haben Tausende Leute zugeschaut. Das Potenzial einer solchen Situation ist riesig, es kann jeden Moment praktisch alles passieren. Wird das Paket vom Geheimdienst abgefangen und zerstört? Blickt Assange gleich grinsend in die Kamera? Diesen Moment wollen sie rauskitzeln. Eine solche Situation generiert eine Hyperrealität, in der plötzlich mehr möglich ist als sonst. Es ist eine Situation, die aus dem Alltag ragt. Das finden die Leute interessant. Sie schaffen Situationen, die eine Diskussion über Themen erlauben. Bei ihnen ist das Scheitern eine von vielen Möglichkeiten. Ein Aktivist will das Scheitern möglichst ausmerzen.

Die Themen der digitalen Gesellschaft, wie Urheberrecht, Privatsphäre, Illegalität und Widerstand, sind in ihrem Werk eingeschrieben – the Medium ist the Message. Ein ähnlich großes Aufsehen erregte die Gruppe im Januar 2013 mit ihrer Kunstaktion «Delivery for Mr. Assange». Wikileaks-Gründer Julian Assange, einer der bestbewachten Männer der Welt, erhielt von der Mediengruppe ein Päckchen in die ekuadorianische Botschaft in London zugestellt. In dem Paket dokumentierte eine Kamera den Postweg durch ein Loch in der Verpackung und übertrug die Bilder in Echtzeit ins Internet. Tatsächlich kam die Sendung sogar an und wurde damit zu Live Mail Art und Systemtest in einem. Und London als Ziel bot sich mit seiner höchsten Dichte an CCTV-Kameras im öffentlichen Raum als Spielwiese geradezu an. Zuvor hatte das Künstlerduo in ihrer Arbeit «Surveillance Chess» im Überwachungsraum interveniert, indem sie den Feed einer Überwachungskamera mit einer Aufforderung zum Schachspiel ersetzten. Die Überwacher wurden zu Akteuren in ihrem eigenen Spiel, es verkehrten sich die Rollen.

Bei einem anderen Projekt kreiert die !Mediengruppe Bitnik einen Einkaufsroboter, der wöchentlich im Darknet – jener nur über den Browser Tor zugänglichen Netzunterwelt – nach dem Zufallsprinzip im Wert von 100 US-Dollar einkauft. Die gekauften Artikel ließen sie in die Kunsthalle St. Gallen schicken und stellten sie dort in seriell an der Wand montierten Schaukästen aus. So kaufte die Software unter anderem MDMA-Pillen, gefälschte Jeans und den Scan eines ungarischen Passes – geliefert frei Haus. Der Erwerb von Ecstasy führte wenige Tage vor dem offiziellen Ausstellungsende zu deren polizeilich forcierter Schließung. Also doch: Störung, Kollision der Systeme. Obwohl das Darknet von Bitnik als rechtsfreier Raum eingeführt wird, der ansatzweise an die euphorischen Anfänge des Internets erinnert, bleibt die vorgeführte Tätigkeit der ernüchternde Akt simplen Konsumierens. Das digitale Kunstwerk erforscht und dokumentiert mehrere Aspekte: die Automatisierung unserer Arbeitswelt durch Computerprogramme, das Angebot und Schaffen von Vertrauen in illegale Märkte im Internet sowie das Darknet als überwachungsfreier Raum im Negativen wie im Positiven. Bitnik rekontextualisieren Vertrautes, um eine Neubewertung etablierter Strukturen und Mechanismen zu ermöglichen. Hacking ist dabei eine ihrer zentralen künstlerischen Strategien.

Die spannendsten Arbeiten heute sind die, bei denen mittels interventionistischer Eingriffe unmittelbar «Realität geschieht», bei denen manipulative Vorgänge ans Licht geholt oder auswertbare Handlungen verdunkelt werden. Kurzum, bei denen der reibungslose Ablauf «gestört» wird. Grundsätzlich sind künstlerische Projekte, die das Data Mining nachverfolgen oder stören, noch rar, hier würde man sich für die Zukunft mehr Engagement wünschen. Während sich die NetzkünstlerInnen vor zehn Jahren auf den virtuellen Raum konzentrierten und sich kaum auf herkömmliche Kunstdiskurse bezogen, spielen heutige KünstlerInnen nicht nur mit den Überlappungen von Realraum, virtuellem Raum und Kunstraum, sondern setzen auch auf die Ebene der Symbolpolitik.

«Das Lachen der Kinder ist die grösste Belohnung»

Tink.ch: Claudia, die Gesichtsmalerei ist nicht gerade ein gängiges Hobby. Wie bist du darauf gekommen?

Sieben Jahre lang habe ich gesucht, was ich in meinem Leben machen möchte. Ich hatte Büro-Jobs, arbeitete im Eventmanagement und wirkte bei Filmproduktionen mit. Doch all diese Tätigkeiten haben mich nicht erfüllt, da ich etwas wirklich Bedeutsames machen wollte. Etwas, das anderen Menschen hilft.

Tink.ch: Und die Gesichtsmalerei ist dieses bedeutsame Etwas?

Ich denke schon, das habe ich schon beim ersten Mal gemerkt. Das war vor ein paar Jahren, als mich eine Freundin gefragt hat, ob ich den Kindern an einer Osterparty Hasengesichter aufmalen möchte. Dies, weil ich schon immer gezeichnet und gemalt habe, bisher aber nur auf Papier und auf Keilrahmen. Die Begeisterung und Freude der Kleinen hat mich sehr berührt. Es war unglaublich inspirierend und ermutigend.

Tink.ch: War es eine Herausforderung, erstmals auf «lebender Fläche» zu malen?

Ja, denn man muss spontan und schnell sein, um die Kinder zu unterhalten. Genau das hat mir aber gefallen. Denn oft war ich bei meiner normalen Kunst blockiert. Das kann hier nicht passieren.

Tink.ch: Mittlerweile hast du dieses Hobby beinahe schon zum Beruf gemacht.

Stimmt, doch neben bezahlten Ateliers für Geburtstage, Events und Messen ist der wichtigste Teil meiner Arbeit unentgeltlich oder für wohltätige Zwecke. So auch meine Reise nach Jamaika in ein paar Tagen.

Tink.ch: Dein Jamaika-Trip ist die erste Reise, die du im Rahmen deines neuen Gesichtsbemalungs-Projekts «Kibi Kibira» machst. Was bedeutet dieser Name?

Kibi Kibira bedeutet «kleine Ameise» in Tupí, der Sprache der «Tupinamba». Das ist ein einheimisches Volk aus dem Nordosten Brasiliens. Es war der Name eines kleinen Mädchens, das ich während dem Statisten-Casting für den Film «Babysitting 2» fotografiert habe.

Tink.ch: Und welche Bedeutung hat der Name für dein Projekt?

Ameisen sind die besten! Sie verkörpern Geduld, Teamwork und sind eine Einheit. Sie bringen uns bei, gemeinsam für das Wohl der Gemeinschaft zu arbeiten. Denn nichts von Dauer kann ohne die Zusammenarbeit mit anderen erreicht werden. Und dies ist die kleine Geschichte, welche die Kernidee meines Projekts hervorgerufen hat. Die Menschen von morgen auf der ganzen Welt durch Gesichtsbemalung zu verbinden.

Tink.ch: In wenigen Tagen wirst du nach Jamaika reisen. Ist es das erste Mal, dass du in anderen Ländern Kindergesichter bemalen wirst?

Nein, bereits vor dem besagten Filmjob habe ich einmal die jungen Gesichter einer Favela bemalt. Dort war ich von gut fünfzig Kindern umgeben. Ich malte farbige Schmetterlinge auf die Gesichter der Mädchen, als einige der Jungs mich baten, ihnen Totenköpfe, Messer und Pistolen aufzumalen. Ich bot ihnen an, stattdessen kleine Tiere zu malen. Erst waren sie skeptisch, da sie das für mädchenhaft hielten. Doch nachdem der erste es mir erlaubte, wollten danach alle anderen auch ein süsses Tier. In diesem Moment habe ich gemerkt, dass die Gesichtsmalerei Kinder nicht nur glücklich macht, sondern auch die Kraft hat, ihre unschuldige Seite hervorzubringen.

Tink.ch: Wirst du das auch noch in zwanzig, dreissig Jahren machen?

Soweit plane ich nicht voraus. Doch solange es die Kinder und mich erfüllt, würde ich es auch noch in 95 Jahren machen. In jedem Fall ist die Gesichtsmalerei eine äussert lohnende Aktivität. Ich liebe es, von Kindern umgeben zu sein, die es kaum erwarten können, bemalt zu werden. Es macht mich glücklich, ihnen für einen Moment Aufmerksamkeit zu schenken, sie ihren Alltag vergessen zu lassen und sie strahlen zu sehen, wenn sie im Spiegel ihr Make-up bewundern.