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Die Macht des weissen Goldes

In jedem Menschen stecken etwa 250 Gramm Salz. Da ist es wenig erstaunlich, dass sich das Mineral auch in der Menschheitsgeschichte an allen Ecken und Enden wieder findet. Lange vor der Erfindung des Kühlschrankes bot Salz eine der wenigen Möglichkeiten, Speisen über längere Zeit hinweg haltbar zu machen. Dies ermöglichte eine verlässlichere Nahrungszufuhr, lange Schiffsreisen und brachte darüber hinaus ein immer komplexeres und dichteres Handelsnetzwerk mit sich. Salz war damit auch eine Quelle von Macht und Reichtum: Wer den Abbau und Handel von Salz kontrollierte, hatte das Diktat in der Hand. Wagen wir uns also auf eine Reise in die Vergangenheit und Zukunft, um die Macht des weissen Goldes zu verstehen.

Salz und das ewige Leben

Schon im alten Ägypten wurden Tote mithilfe von Salz dehydriert und dadurch zusammen mit weiteren chemischen Prozessen über Jahrtausende konserviert. Dieses Prozedere blieb gewöhnlich den Mächtigen und Reichen vorbehalten. Doch manchmal kamen auch gewöhnliche Arbeiter*innen in den exquisiten Genuss der Mumifizierung. So wurde 1734 in Hallstatt in der Nähe von Salzburg ein grausiger Fund gemacht. In einem verschütteten Stollen des dortigen Salzbergwerks stiess man auf einen bestens konservierten Mann aus der Eisenzeit. Es handelte sich um einen keltischen Bergarbeiter, der bei einem Unglück 2000 Jahre vorher eingeschlossen und durch das Salz im Berg mumifiziert wurde.

Dieser sogenannte «Mann im Salz» beschreibt eines der vielen Kapitel in der langen und ruhmreichen Salzgeschichte Hallstatts. Denn dort befindet sich auch das älteste Bergwerk der Welt. Schon vor über 3000 Jahren wurde von keltischen Siedler*innen das reichlich vorkommende Salz in bis zu 100 Meter tiefen Stollen abgebaut – eine gefährliche technische Meisterleistung. Das Resultat war ein Zentrum enormer Macht und unübertroffenen Reichtums. Schon bald reichte der Einfluss der dortigen eisenzeitlichen Kultur über ganz Mitteleuropa, Südengland und die iberische Halbinsel. Das hatte nicht zuletzt mit der Wichtigkeit des Rohstoffes Salz zu tun. Während es an den Meeresküsten genügend Salz gab, wurde es in Mitteleuropa nur in wenigen Zentren abgebaut.

Kriege um Salz

Natürlich ist Salz alleine kein Garant für ewiges Leben – weder für Menschen noch für Imperien. Und trotzdem sorgte das Salz aus dem Salzkammergut auch lange Zeit nach dem Untergang der Hallstätter Zivilisation nochmals für Macht und Konflikte – und zwar in Salzburg. In der Frühmoderne brachte der Salzabbau der Stadt immensen Reichtum sowie politischen und gesellschaftlichen Einfluss. Es ging um viel. So viel, dass über die Jahre mehrere Salzkriege ausgetragen wurden, um die Kontrolle über die verschiedenen Abbaugebiete und andere nötige Rohstoffe – insbesondere Holz für das Kochen der salzhaltigen Sole – zu gewinnen. Obwohl Salzburg einige davon verlor, konnten sie ihre Vormachtstellung über die Jahrhunderte bewahren.

Die konfliktträchtige Rolle von Salz war in der europäischen und amerikanischen Geschichte keine Seltenheit. Im Amerikanischen Bürgerkrieg verschafften sich die Unionsstaaten gegenüber den Konföderationsstaaten einen entscheidenden Vorteil durch die gezielte Zerstörung deren Anlagen zur Salzgewinnung. Das Resultat war eine Unterversorgung und damit eine kritische Schwächung der Streitkräfte aus dem Süden. Welche Seite diesen Konflikt schlussendlich für sich entschieden hat, ist Geschichte. Es ist nicht unwahrscheinlich, dass der Zugang zu Salz seinen Beitrag geleistet hat.

Salz prägte auch den Dauerkonflikt des 13. und 14. Jahrhunderts zwischen den Stadtstaaten Venedig und Genua. Die Kaufleute aus Venedig verstanden es gut, mit dem weissen Gold ein prächtiges Geschäft zu machen. Statt wie in Salzburg das Salz selbst abzubauen, wollte man den Handel kontrollieren. Das war weitaus profitabler, denn so konnten die Preise und die gewinnbringenden Steuern frei definiert werden. Kreta musste besonders unter dieser Strategie leiden. Nachdem Venedig die Insel ins Reich eingegliedert hatte, wurden kurzerhand alle Salzwerke geschlossen, um die Produktion tief- und den Preis hochzuhalten. Von nun an mussten Kreter*innen ihr Salz zu den von Venedig diktierten und besteuerten Preisen aus dem Ausland beziehen.

Wenn Salz die Politik lenkt

Venedig hatte beinahe die komplette Kontrolle über Salz im Mittelmeerraum. Diese Art von staatlicher Kontrolle des Salzpreises und das damit verbundene Monopol zieht sich wie ein Band durch die Geschichte. Noch heute gibt es in der Schweiz mit dem sogenannten «Salzregal» faktisch ein staatliches Monopol auf Salz. Dies widerspiegelt die Wichtigkeit der Salzversorgung. Doch weil Salz zur Grundversorgung jedes Menschen gehört, sorgte die staatliche Kontrolle immer wieder für Widerstand und zivilen Ungehorsam. Der Zugang zu Salz galt in den Köpfen vieler Menschen schon immer als Grundrecht. Der Staat agierte damit mit seiner Einmischung in einer konfliktträchtigen Zone.

Es erstaunt wenig, dass Staaten und Imperien, die den Handel mit Salz stark besteuerten, früher oder später von Kontroversen und Auseinandersetzungen heimgesucht wurden. Die Qin Dynastie von 221 bis 207 v. Chr. gilt als erstes Kaiserreich in China. Sie war geprägt von einer enorm hohen Besteuerung von Alltagsgütern wie Salz. Da alle Salz brauchten, war ein stetiges Staatseinkommen gesichert. Von diesen Steuern wurde nebst einer enormen Bürokratie und Armee auch ein Vorgänger der Chinesischen Mauer und die legendäre Terrakotta-Armee finanziert.

Die Salzpolitik der Qin Dynastie führte nicht nur zu einem riesigen Mausoleum. Sie legte auch den Grundstein für eine wegweisende staatsrechtliche Debatte, die im «Diskurs über Salz und Eisen» aus dem Jahr 81 v. Chr. gipfelte. Die Frage, die damals im Auftrag des Kaisers Han Zhaodi an alle Gelehrten des Kaiserreichs gestellt wurde: Wie sehr darf sich der Staat in den Markt einmischen? Wie üblich gab es keine klare Antwort. Erfolg und Misserfolg wechselten sich in China mit den jeweiligen Dynastien und ihren Strategien ab.

Salz als Symbol für Grundrechte

Nicht immer jedoch finden die Konflikte bloss im Kopf von gelehrten Menschen statt. Manchmal braucht es engagierte Menschen, die auf der Strasse ihre Rechte erkämpfen. Der sogenannte Salzmarsch Gandhis ist ein bekanntes Beispiel für die grosse Strahlkraft und Bedeutung von Salz. Die Unabhängigkeit Indiens wurde durch den zivilen Ungehorsam Gandhis wesentlich beschleunigt und schliesslich erzwungen. Seit jeher hatte die britische Kolonialmacht ein Monopol auf die Gewinnung, den Transport und den Handel mit Salz in Indien. Die lokale Produktion wurde verboten, weil man lieber das eigene Salz aus Liverpool überteuert an Inder*innen verkaufen wollte. Als Gandhi symbolträchtig und verbotenerweise Salz aufsammelte, war dies ein entscheidender Moment in der Kampagne.

Doch warum wählte Gandhi ausgerechnet Salz als Stein des Anstosses? Sicherlich gab es genügend andere Aufhänger für den Widerstand, denn die koloniale Unterdrückung zeigte sich an vielen anderen Ungerechtigkeiten. Der Grund war einfach: Salz ging jede und jeden etwas an. «Nebst Luft und Wasser ist Salz vermutlich die grösste Notwendigkeit des Lebens», meinte Gandhi. Salz hatte das Potential, alle Gesellschaftsschichten zu erreichen, seien es Hindus oder Muslime, egal welcher Kaste oder welchem Geschlecht sie angehören. Damit war der Zugang zu Salz auch ein Symbol für alle möglichen Grundrechte, die im Kampf um Unabhängigkeit eingefordert wurden.

Die Kehrseite des Salzes

Salz hat Gesellschaften nachhaltig verändert. Sei dies durch Städte, deren Reichtum fast ausschliesslich darauf zurückzuführen ist, durch die Inspiration staatspolitischer Theorien oder als Auslöser von gesellschaftlichem Widerstand und der Einforderung von Grundrechten. Doch der menschliche Umgang mit Salz hat auch unseren Planeten vielerorts für immer verändert. Die allgegenwärtigen gewaltigen Monokulturen wären ohne Salz nicht möglich. Denn es dient als wesentliche Grundlage für die synthetischen Agrardünger, ohne die eine hochindustrialisierte Landwirtschaft nicht möglich wäre.

Das Schürfen nach Salz hat auch ganz direkte Folgen. Wo Menschen der Erde mit Baggern und Stollen auf den Leib rücken, entstehen oftmals auch an der Oberfläche sichtbare Narben. In Cheshire im Nordwesten Englands wurde Jahrhunderte lang Salz abgebaut. Die salzhaltige Sole wurde aus den unterirdischen Salzseen abgepumpt, was riesige Hohlräume zurückliess. Das Resultat: Überall öffneten sich an der Oberfläche Sinklöcher. Felder, Strassen und Häuser wurden verschluckt und forderten einen unberechenbaren Tribut für die menschliche Nutzung der immensen Salzdepots.

Vor diesem Hintergrund ist es erstaunlich, dass ehemalige Salzminen immer wieder als Kandidatinnen für eines der grössten Langzeitprobleme der Menschheit gehandelt werden: der Endlagerung von Atommüll. Die dafür benötigten Anlagen müssen mehrere hunderttausend Jahre hermetisch dicht sein. Salz bietet sich hier theoretisch an, da es Hohlräume durch die Bildung von Salzkristallen selbst verschliesst und damit Risse selbstständig «heilen» könnte. Doch verschiedene Versuchslager lassen Zweifel an diesem Vorhaben aufkommen: Im Deutschen Asse II dringt zum Beispiel laufend Wasser ein, welches Radioaktivität nach aussen transportieren könnte. Erwünscht ist das Gegenteil.

So wird uns Salz auch in Zukunft begleiten. Denn ohne Salz gäbe es nichts. Es steckt in unseren Feldern, in unseren Verfassungen, in unseren Prunksälen, auf unseren Strassen und natürlich in unserem Essen. Das ist die Macht des weissen Goldes.

Durch den Berg rutschen

Vor uns tut sich ein schmales dunkles Loch auf. Langsam nimmt die sogenannte Grubenbahn Fahrt auf und transportiert uns ins Innere des Berges. Während es draussen schwül und heiss ist, wird es immer kühler, je tiefer wir in den Berg fahren. An hölzernen Stützen hängen in regelmässigen Abständen Lampen, die ein wenig Licht spenden und gleichzeitig gespenstische Schatten in den Stollen werfen. Die Gänsehaut kommt daher wenig überraschend. Wir befinden uns im alten Salzbergwerk Hallein etwa 120 Meter unter der Erdoberfläche.

Hallein liegt zwischen dem Fluss Salzach und dem Dürrnberg etwa 20 Kilometer südlich von Salzburg. Hier wird seit über 2500 Jahren Salz abgebaut. Anfangs waren es keltische Siedelnde, die nach dem weissen Gold schürften und dazu gefährliche Stollen 300 Meter tief in den Berg gruben. Das mit Salz angereicherte Gestein wurde mit Werkzeugen herausgemeisselt und dann weiter verarbeitet. Eine gefährliche Arbeit, bezeugt durch mehrere auf natürliche Weise mumifizierte keltische Bergleute, die im 16. Jahrhundert in verschütteten Stollen entdeckt wurden. Aber auch eine notwendige Arbeit. Denn Salz bedeutete die Konservierung von Lebensmitteln und Reichtum.

Tourismus seit 400 Jahren

Die Grubenbahn rattert noch ein letztes Mal, bevor wir anhalten und zu Fuss weiter gehen. Der Stollen ist hier gut ausgebaut und etwas mehr als einen Meter breit. Am Boden verlaufen schmale rostige Schienen, auf denen früher die Bahn noch fuhr. Wände und Decke werden durch dicke Baumstämme gestützt. Ein gewaltiger Druck wirkt hier unter der Erdoberfläche – unvorstellbare zwei Tonnen pro Quadratzentimeter sollen es an manchen Stellen sein. Jedes Jahr wird der Stollen deswegen um einige Millimeter zusammengequetscht. Das lässt sich an den gebrochenen Stützen in einem kleinen Seitengang eindrücklich beobachten. Dies ist einer der Gründe, weshalb nach wie vor vierzehn Bergleute hier arbeiten. Sie kontrollieren die Bewegungen des Berges, ersetzen Stützen und nehmen Ausbesserungen vor.

Seit 400 Jahren kommen Besucher*innen nach Hallein, um die Welt der Bergleute zu erkunden und zu erleben. Damit ist das Salzbergwerk Hallein das älteste Schaubergwerk Europas. Anfangs wurden die Führungen noch parallel zum regulären Bergbau durchgeführt. «Früher waren diese höher gestellten Persönlichkeiten vorbehalten. Irgendwann ist man darauf gekommen, dass das eine lukrative Sache ist», erklärt Standortleiter Rudolf Meisl. Als die Salzförderung 1989 aufgegeben werden musste, stieg man darum voll auf Erlebnistourismus um. Seither erhalten Schulklassen, Reisegruppen und andere einen eindrücklichen Einblick in das Leben unter dem Berg.

Untergang einer wegweisenden Tradition

Doch warum steht die Produktion heute still? Die Geschichte der Schliessung des Salzbergwerks vor fast 30 Jahren liest sich wie ein Fallbeispiel der Ökonomie. Im Salzkammergut rund um Salzburg gab es immer schon viel vom namengebendem Salz in den Bergen. An mehreren Orten entstanden über die Jahrhunderte kleinere und grössere Bergwerke und dazugehörige Salinen. In den Bergwerken wurde meist in unterirdischen Seen Wasser mit dem im Stein gebundenen Salz zu Sole angereichert und hinausgepumpt. In den Salinen wurde diese Sole dann in riesigen Pfannen verkocht und das uns bekannte Kristallsalz hergestellt.

Das Salzbergwerk in Hallein war dabei hauptverantwortlich für den Reichtum der Stadt Salzburg. «Salzburg würde ohne das Salz vom Dürrnberg in dieser Pracht nicht bestehen», weiss Meisl. In der Tat war das Salz derart wichtig, dass deswegen mehrere Kriege mit dem benachbarten Bayern ausgefochten wurden. Doch die moderne Zentralisierung und Rationalisierung holt auch traditionsreiche Orte irgendwann ein. Im Jahr 1979 wurde etwa 70 km östlich von Salzburg eine neue, grosse Saline in Ebensee gebaut. In deren unmittelbarer Nähe liegen die Salzbergwerke Bad Ischl, Hallstatt und Altaussee – nicht aber Hallein. Die Transportwege waren zu gross und die Erträge zu klein. Hallein wurde wirtschaftlich abgehängt und musste aufgeben. Mit der unvermeidlichen Schliessung ging auch eine jahrtausende alte Tradition verloren.

Magische Welten entdecken

Seither setzt man stark auf den Faktor Spass. Viele Menschen kommen hauptsächlich aufgrund des ungewöhnlichen Erlebnisses hierher. Auf unserer Führung erreichen wir dann auch bald das erste Highlight. Eine traditionelle Bergleuterutsche führt uns in rasantem Tempo eine Ebene tiefer. Dort wartet eine multimedial aufbereitete Flossfahrt über einen der unterirdischen Salzseen. Von Musik und einer Lichtshow untermalt gleiten wir in einem hölzernen Floss über den unterirdischen Salzsee. Die Decke ist so tief, dass wir sie problemlos anfassen können.

Für eine Lehrperson aus Dornbirn im Vorarlberg und die Schüler*innen ist das Rutschen das Beste am Bergwerk. Natürlich sollen die Schüler*innen auch etwas lernen. Denn das Salzbergwerk ist kein reiner Vergnügungspark. «Bei uns gibt es auch Bereiche, wo man den Wissensdurst stillen kann», meint Meisl. Dieses Wissen wird jedoch allenfalls nebenbei vermittelt. Es ist ein Wissen über die geheimen Welten, die sich in den Bergen dieser Welt befinden, wo Menschen in der Dunkelheit nach Schätzen graben. So begleitet uns auch das Gefühl der Einsamkeit und Abschottung im Dunkeln der Stollen auf Schritt und Tritt. Und auch ein Wissen über die geschichtsträchtige Vergangenheit, die man hier «hautnah erleben» könne.

Am Ende unseres etwa eineinhalb Kilometer langen Marsches durch verschiedene Stollen und Kammern haben wir die Orientierung komplett verloren. Wären wir auf uns alleine gestellt, kämen wir wohl nie wieder ans Tageslicht. Jeder Stollen sieht wie der letzte aus. Sie winden sich im Dunkel dieser Erde durch den Berg und verlaufen mal auf österreichischem mal auf deutschem Boden. Doch irgendwann holt uns die Zivilisation wieder ein. Mitten im Berg bringt uns eine gute alte Rolltreppe wieder zurück zur Grubenbahn, die gerade die nächste Besuchsgruppe abgeladen hat. Und so fahren wir wieder mit einigem Gerumpel dem Ausgang und dem Licht entgegen.

Alchemie am Dürrnberg

Fernab der geschäftigen Salzburger Altstadt gibt es einen Ort, wo die Zeit ein bisschen stehen geblieben ist. Es ist ein Ort, wo sich das traditionelle Handwerk der industriellen Massenproduktion widersetzt. Dieser Ort ist die Siedehütte im Garten der Familie Brudl. Einem magischen Prozess gleich verwandelt sich hier klare Sole aus dem benachbarten Dürrnberg in weisses Gold – das uns allen bekannte Speisesalz.

Auf den ersten Blick ist alles unscheinbar. Am Rande des kleinen Dorfes Oberalm – rund 20 Kilometer südlich von Salzburg gelegen – stehen einsam zwischen zwei Bächen und der Autobahn zwei Häuser und eine Scheune. Die Brudls wohnen hier in einem Mehrgenerationenhaushalt: Grosseltern, Eltern und Kinder wohnen alle unter einem Dach. Denn die Familie hat hier einen besonderen Stellenwert. «Das Salz soll rein familiär hergestellt werden», meint Eva Brudl.

Die Weisheit der Bergleute

Die Magie selbst findet in einer kleinen Holzhütte statt. In einer zwei Quadratmeter grossen Pfanne werden jeweils etwa 120 Liter Sole über mehrere Wochen hinweg über offener Flamme bei etwa 60 bis 70 °C eingekocht. Am Schluss können dann die kunstvollen und filigran anmutenden Salzkristalle geerntet werden. «Je niedriger die Temperatur, desto schöner werden die Kristalle. Ich finde es wichtig, dass es auch optisch schön ist», erklärt Eva Brudl. Für das Sieden ist ihr Mann Helmuth zuständig, der sich das Handwerk selbst beigebracht hat.

Ein Salzrechen

 

Im Gespräch mit ehemaligen Bergleuten sowie aus Büchern hat er sich das nötige Wissen angeeignet. Er tüftelte und experimentierte bis alles stimmte: erst am eigenen Küchenherd, später in einer eigens dafür geschaffenen grösseren Pfanne. Ohne Leidenschaft und Vision wäre das wohl nie möglich gewesen. Denn Problemquellen gibt es zuhauf. Die Temperatur muss wochenlang gleichmässig sein, was mit der Holzfeuerung am Anfang schwierig war. Irgendwann stieg man auf das verlässlichere Gas um. Und auch das Siedematerial wurde in Mitleidenschaft gezogen. Das Salz korrodierte die Metallpfannen. Es gab immer wieder Löcher und Rost. Mittlerweile hat man eine Lösung, die sich hoffentlich bewährt.

Ein Stück Heimat in der Dose

Warum tut sich das jemand an? Am Anfang stand der einfache Wunsch, den Gästen des eigenen Kaffeehauses Salitri in Hallein echtes lokales Salz zu schenken. Das führte zu einer kleinen Reise in die Vergangenheit. Denn am Dürrnberg gibt es eine Tradition der Salzgewinnung, die bereits vor über 2500 Jahren ihren Anfang und mit der Schliessung der Saline 1989 ein abruptes Ende nahm. Das Salzsieden der Brudls ist also auch eine Besinnung auf die eigene Heimat, die eigene Herkunft. Denn «ohne das Salz würde Salzburg in dieser Form nicht stehen», weiss Eva Brudl.

Das fertige Salz

 

Als kondensierte Heimat geht das Halleiner Salz auch auf Weltreise. Bei den vielen Tourist*innen in Salzburg ist es als Andenken oder Mitbringsel sehr beliebt. Die Brudls schätzen das. Und trotzdem möchten sie sich nicht dem Gebot des Wachstums unterwerfen, um möglichst viele Menschen mit Salz zu versorgen. Es wird genau so viel produziert, wie sie selbst erledigen können. Dann ist Schluss. Wichtiger als Expansion ist ihnen die Qualität und das Handwerk an sich. So entsteht etwas, was bleibt, auch wenn es sich im Essen auflöst: die Erinnerung an eine scheinbar längst verflossene Welt.

Was passiert im Osten Europas?

Was passiert gerade in der Ukraine? Wie geht es der Bevölkerung und dem Staat selbst? Was denkt die Bevölkerung über die Besatzung der russischen Separatisten und der Propaganda beider Seiten? Diese Fragen stellte sich Tink.ch und befragte Sofiya Miroshnyk zur aktuellen Lage im fernen Land. Sofiya Miroshnyk reiste vergangenes Jahr zusammen mit Matthias Käser, der Fotograf beim Bielertagblatt ist, in die vom Krieg erschütterte Ukraine und wurde selbst auch dort geboren, genauer in Swetlovotsk.

Aus welchen Gründen seid ihr in die Ukraine gereist, um über das Land zu berichten?

Die Idee selbst kam von Matthias Käser, da er auch schon einmal in der Ukraine war und auch gewusst hat, dass ich von dort komme. Unseren Artikel veröffentlichten wir im Bieler Tagblatt.

Ein Jahr lang haben wir das Vorhaben aufgeschoben, in die Ukraine zu reisen da wir unter anderem dachten, der Krieg wäre bald vorbei. Letztes Jahr merkten wir dann, dass von den Medien nichts mehr über den Krieg berichtet wird, obwohl sich dieser gerade enorm wieder entfachte. Deshalb haben wir dann auch beschlossen, uns selber ein Bild davon zu machen.

Ihr habt dort viel mit den Menschen geredet und viel gesehen. Wie geht es aktuell den Menschen und dem Land selber?

Sehr viele Leute sind enorm enttäuscht, besonders diejenigen, die sich von der Maidanbewegung viel erhofft haben, da nur wenige von den Visionen, das Land umzukrempeln, Wirklichkeit wurden. Hingegen ist zu beobachten, dass sehr viele Leute beginnen, sich für das Land einzusetzen. Seien es ältere Damen, die Militäruniformen reparieren oder Popmusiker, die sich für gute Zwecke einsetzen. Auf dem Land selbst ist die Szenerie sehr trostlos, während in der Hauptstadt Kiev alles recht europäisch, modern und friedlich wirkt.

Weshalb kam es überhaupt zur Maidanbewegung?

Viktor Janukowytsch, ehemaliger Präsident der Ukraine, schoss das Assoziierungsabkommen mit der Europäischen Union in den Wind. Dieses Abkommen hätte zu einer Annäherung zwischen der Ukraine und der EU geführt. Nachdem Janukowytsch das Abkommen ablehnte, ging die Bevölkerung auf die Strasse.

Wie kam es dann zur Eskalation?

Darauf reagierte die Regierung mit dem Einsatz von Militär, wobei es zu Strassenschlachten kam. Dies führte zu einer Kettenreaktion mit der Besetzung der Krim und den Kämpfen im Osten.

Was haben die Menschen gesagt, die eher Russland unterstützen und auf der anderen Seite die, die ihr eigenes Land unterstützen?

Menschen, die sich als Befürworter Russlands betitelten, haben wir nicht getroffen. Es gab niemanden der sagte, Russland hätte das volle Recht, die Krim zu besetzen. Für viele gelten Russland, aber auch die Ukraine, als Schuldige an der Situation. Indirekt erkennt man aber auch den Aufschwung des nationalistischen Denkens.

Beispielsweise bei einer Politikwissenschaftlerin, die wir interviewt haben. Sie kam uns vorerst wie jemand mit einer neutralen Position vor, redete aber plötzlich während des Gespräches davon, wie viele Russen bereits getötet wurden, in einer schon fast prahlerischen Stimme. Auch beim Interview mit der Schwester eines Soldaten von der ukrainischen Armee, bemerkten wir dies. Sie sprach während der Aufnahme Ukrainisch, wechselte aber auf Russisch, als die Aufnahme nicht lief.
Auch habe ich gehört, dass Menschen in manchen Orten, die nicht Ukrainisch sprechen, von faschistischen Gruppierungen zusammengeschlagen werden. Ich kann dies aber nicht zu 100% bestätigen.

Was tut die neue Regierung, um die Situation in der Ukraine zu verbessern?

Dazu muss ich sagen, dass ich seither nicht mehr auf dem neuesten Stand bin. Ich kann nur bezeugen, was ich gesehen habe, den Antikorruptionskampf etwa, oder das Erreichen der Visafreiheit für Ukrainer.

Warum denkst du, hört und liest man in letzter Zeit so selten vom Bürgerkrieg in der Ukraine?

Das hat mit der Nachrichten-Wert-Theorie zu tun und bedeutet, dass vor allem über die Ereignisse berichtet wird, die am nächsten sind. Die Ukraine ist zwar, verglichen mit anderen Kriegsgebieten, nah, jedoch eskaliert der Krieg nie richtig, weshalb das Thema für die Medien schnell mal an Wert verliert. Die gefährlichsten Kriege sind jedoch gerade die, die sich jahrelang hinziehen.Hinzu kommen die vielen anderen Aktualitäten, die für die Medien wichtiger sind, wie beispielsweise Donald Trump, über den man jederzeit etwas Neues liest oder hört.

Was denkst du, wie wird sich die Lage in der Ukraine verändern, jetzt mit Donald Trump als Präsident der USA, der ja enger mit Russland zusammenarbeiten will?

Ich denke, dass sich die Lage in der Ukraine in nächster Zeit kaum verändern wird. Vielleicht ist der Kampf der Ukrainer um den Osten ihres Landes aber auch schon längst verloren. Nicht wenige, die wir befragten meinten, man solle den Teil einfach Russland überlassen, um den Krieg zu beenden.

Vielen Dank Sofiya, für das spannende Interview.

Gesund und krank spazieren Hand in Hand

In gut sichtbaren Lettern prangt auf den violett getönten Plakaten des wildwuchs Theaterfestivals das Leitmotiv der achten Ausgabe: «Wir sind viele.» Doch welche Personengruppe versteckt sich hinter dem Personalpronomen «wir»? Impliziert der Begriff des «wir» nicht immer auch die Existenz eines «anderen», welches ausserhalb des «wir» angesiedelt ist und systematisch ausgegrenzt wird? Und nach welchen Regeln wird die Zughörigkeit zu einer der beiden Gruppierungen überhaupt determiniert? Tatsächlich bildete die Frage nach der Definition von Innen und Aussen den thematischen Schwerpunkt des diesjährigen Festivals, als dessen Gastspielort neben der Kaserne und dem ROXY Birsfelden die Universitären Psychiatrischen Kliniken (UPK) dienten. Fragen der Inklusion von Menschen mit körperlicher und psychischer Beeinträchtigung sowie der gesellschaftlichen und kulturellen Heterogenität wurden während den beiden ersten Juni-Wochen in unterschiedlichen theatralen Formaten aufgegriffen.

Vertrauensgestus

Mit einem vertrauten Menschen Hand in Hand müssig durch das Stadtzentrum zu flanieren bedarf kaum grosser Überwindung. Sich jedoch einem völlig fremden Menschen anzuvertrauen, von diesem an der Hand genommen und durch die Stadt geführt zu werden schon. Händchenhalten ist eine intime Geste, die von gegenseitigem Vertrauen zeugt und zwischen zwei Menschen eine körperliche und emotionale Brücke herzustellen vermag. Das Projekt «Walking:Holding» der britischen Performance-Künstlerin Rosana Cade greift diesen Aspekt auf und erweitert ihn um ein zusätzliches Irritationsmoment: Die Begleitung ist eine völlig unbekannte Person, eine der «anderen». Es versteht sich als ein experimenteller Spaziergang, bei dem die Teilnehmer an der Hand von eigens für den jeweiligen Durchführungsort gecasteten «Handhaltern» aller Altersstufen, sozialen Gruppen und geschlechtlicher Ausprägungen durch die belebteren Basler Stadtteile schlendern.

Handhalter erzählen

Den Teilnehmern bieten sich verschiedene Möglichkeiten, um auf die befremdlich wirkende Situation zu reagieren. Die Verfasserin des Artikels entscheidet sich für den kommunikativen Austausch mit den insgesamt sieben Darstellern, welche sie im Verlauf von einer Stunde etappenweise über die Mittlere Brücke, in die Freie Strasse und zur Münsterplattform gelotst haben. Und erfährt dabei zum Teil auch sehr persönliche Anekdoten: Dass das Theaterspiel ihre Leidenschaft sei, erzählt die Schülerin mit den verheilten Ritznarben an den Armen. Dass er die kulturelle Vielfalt von Basel schätze, meint der Theater- und Filmschaffende aus Mali. Dass die Kommunikation mit englischsprachigen Teilnehmern für ihn schwierig sei, gesteht der ältere Herr mit dem Armstumpf. Dass die Paarbildung dunkelhäutiger Mann mit hellhäutiger Frau meist mehr Blicke auf sich ziehe, stellt die Frau mittleren Alters fest.

Gemischte Gefühle

Im Gespräch vergehen die 60 Minuten wie im Flug, die irritierten oder missbilligenden Blicke des Umfelds lassen sich ebenfalls leichter ausblenden. Eine grundlegende Veränderung der eigenen Wahrnehmung brachte dieses Erlebnis für die Verfasserin jedoch nicht mit sich. Das Stück hinterlässt als Plädoyer für mehr Akzeptanz gemischte Gefühle, konfrontiert es die Teilnehmer zwar mit den eigenen Vorurteilen, dies jedoch nur während kurzer Zeit und im Rahmen einer durch und durch künstlichen Situation. Es bleibt jedenfalls zweifelhaft, ob die Teilnehmer des Spaziergangs sich die Aufforderung des Programmtextes, öfter mal Hand in Hand mit jemandem spazieren zu gehen auch zu Herzen nehmen werden.

Spaziergang mit Stimmen im Ohr

Als eher konventioneller Hör-Spaziergang mit Kopfhörer präsentiert sich hingegen das Stück «Dazwischenland» des Kollektivs Firma für Zwischenbereiche. Eine souverän klingende glatte Männerstimme lotst die zeitlich versetzt startenden Teilnehmer unter häufiger Betonung, sich respektvoll zu verhalten über das weitläufige Gelände der im Basler Niemandsland kurz vor der französischen Grenze angesiedelten UPK und liefert dabei einen kurzen Abriss der Geschichte der Institution. Regelmässige dumpfe Schläge geben im Sinne eines akustischen Herzschrittmachers das ideale Schritttempo vor. Eingestreute Interviewfragmente, in denen Patientinnen und Patienten Details aus ihrer Lebensrealität und ihrem Umgang mit der Krankheit preisgeben, runden den Audiowalk ab. So weit, so unspektakulär, wäre da nicht die neckische Frauenstimme, welche den um korrektes Verhalten bemühten Sprecher immer wieder unterbricht, frech zur Missachtung seiner Anweisungen auffordert, in bewusst reisserischer Manier saftige Informationen zu der Einrichtung preisgibt und sich schliesslich gar als imaginäres Konstrukt der Männerstimme ausgibt – ein Verweis auf die bei Schizophrenie-Patienten auftretenden Halluzinationen.

Kuchen als verbindendes Element

Der Reiz dieser auditiven Führung durch die idyllische Parkanlage der Psychiatrie liegt in ihrer wiederholten spielerisch-provokanten Transgression der Realitätsebenen. Die Grenzen zwischen Krankheit und Normalität, dem «wir» und den «anderen» werden im Verlauf des Rundgangs als durchlässig entlarvt. «Psychische Erkrankungen können jeden Menschen treffen», lautet die simplizistisch anmutende, jedoch durchaus berechtigte Botschaft des Hör-Spaziergangs. Die Jurte der Mach-Bar des Kollektivs OPUS 89 bildet die Schlussstation des Audiowalks, wo schlussendlich sämtliche Fäden zusammengeführt werden. Patienten der UPK; Pflegepersonal, Theaterschaffende und Festivalbesucher statten dem kulinarischen Treffpunk auf dem Gelände der Kliniken einen Besuch ab. Allesamt vereint in der Wertschätzung des hausgemachten Kuchenbüffets.

Mehr Informationen findet ihr auf der Seite des wildwuchs Festivals.

Nächster Halt: 3 Stunden Verspätung.

9:12 Uhr: ich steige in den Bus. Heute werden Jacqueline und ich Tink.ch an der Universität Basel vorstellen. Ich freue mich, neue Schreiberlinge für unser Magazin zu gewinnen. Von Neuchâtel nach Biel, von Biel nach Basel: das ist der kinderleichte Plan. Voraussichtliche Ankunft: 10:53 Uhr. Dass ich erst um 13:55 Uhr ankommen würde, ahne ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Noch weniger ahne ich, dass dies ein faszinierendes, aber anstrengendes Abenteuer werden würde.

Wir bleiben stehen

Wie so mancher homo technologicus wische ich auf meinem Smartphone herum, so ganz geistig anwesend bin ich nicht, erst nach einer Weile merke ich, dass wir auffällig lange an diesem Bahnhof stehen. Laufen – der Name dieser Ortschaft ist so passend, dass er Teil eines Drehbuches zu sein scheint. «Problem mit den Sicherheitsanlagen in Grellingen», ertönt es vom Lautsprecher. Wir müssen aussteigen, der Zug kann nicht weiterfahren und wir müssen am Bahnhof auf weitere Informationen warten. Leute mit grossen Koffern, junge und alte Menschen, Kinder: dieses Gleis 2 ist wohl nie so dicht besiedelt gewesen wie heute. Die Ersten tippen wild auf ihrem Smartphone herum, einige telefonieren, ziemlich viele ziehen nervös an ihrer Zigarette. Die S3 nach Olten fällt aus. Unsere nächste Möglichkeit, nach Basel zu kommen, ist eine halbe Stunde später. Erst um 11:50 Uhr werde ich da sein, ich werde die erste Präsentation von Tink.ch verpassen. Schade, aber zum Glück haben wir geplant, eine zweite um 14:15 Uhr zu halten.

Mit einem Sandwich in der Hand laufe ich zurück an den Bahnhof, auf dem Gleis 4 steht bereits unser Zug. Die S3 ist klein und die Leute sind viele, das Gepäck der Passagiere, die wahrscheinlich an den Flughafen gehen, ist sperrig. Wir steigen ein, ich setze mich hin, der Zug fährt ab. «Was machst du denn hier?» – «Mein Zug ist ausgefallen, ich muss nach Basel» – «Ah, deshalb ist der Zug so voll!». Die Leute sind entspannt, erzählen einander von ihrem Tag und ihren Plänen.

Fahren oder Laufen?

«Ja hallo, entschuldigen Sie bitte, ich werde verspätet sein, der Zug ist ausgefallen», sie spricht mit einem accent francophone. Es wird ruhig: Zwingen, schon eine Weile stehen wir an diesem Bahnhof, ohne informiert zu werden, was geschehen ist. Die Stimme des Lokomotivführers ertönt, er entschuldigt sich, die Störung hält an, voraussichtlich werden wir ein paar Minuten verspätet sein. Er scheint nervös, die Situation scheint ihm hörbar unbequem zu sein. Aus ein paar Minuten wird «unbestimmte Zeit» und dann: wir müssen nach Laufen zurückfahren, da werden Ersatzbusse zur Verfügung stehen. Gelächter bricht aus, Gefluche ertönt. Ich übersetze meiner Sitznachbarin die Durchsage. Heute ist ihr Probetag für einen neuen Job, jetzt bereut sie es, nicht mit dem Auto gefahren zu sein.

Die Masse bewegt sich Richtung Busbahnhof fort, zu den bisherigen Passagieren kommen nun neue Ankömmlinge hinzu. Es werden immer mehr und die beiden Busse, die gerade anfahren, sind auch im Nu schon vollgestopft. Ein alter Mann mit Gehstöcken versucht einzusteigen, erst nachdem ich schimpfe, machen die Leute ihm Platz. Seine Frau versucht verzweifelt einzusteigen, sie schleppt zwei grosse Koffer. Ich mache ihr Platz, «Ich habe Zeit». Wie so viele stehe ich nun wieder in der warmen Sonne, die irgendwie die Stimmung trotz allem zu erhellen scheint.

Über den Röstigraben und fehlende Informationen

«On fait 5 kilomètres et on ne comprend déjà plus rien». Diese Dame ist nicht die Einzige, die sich zu beschweren scheint, dass die Durchsagen alle auf Deutsch waren. Eine zweite, ältere Dame erklärt mir, dass sie lange nicht verstand, was geschehen sei. Ein erstaunliches Vorgehen auf einer zweisprachigen Strecke, doch was mich zunehmend beeindruckt, ist, dass die Leute so ruhig und zivilisiert zu bleiben scheinen.

Ich warte. 10 Minuten, 30 Minuten. Nach ungefähr 50 Minuten ist der nächste Bus da, ich schaffe es rein. Dass die SBB jedoch keinen Plan hat, um Leuten, die schon länger warten, den Vortritt zu lassen und sicherzustellen, dass ältere Menschen und Kinder sicher reisen können, schockiert mich. So zusammengepfercht zu reisen, hat jedoch einen Vorteil: es ist fast unmöglich, in einer Kurve umzufallen. Die Fahrgäste im Bus nehmen es mit Humor. Ob jedoch diejenigen, die an den Haltestellen zwischen Laufen und dem Terminal stehen und auch in diesen Bus nicht einsteigen können, es noch mit Humor nehmen, ist unklar.

Auch der dritte Bahnersatzbus zwischen Laufen und Aesch (BL) ist überladen.

 

Am Bahnhof Aesch erscheinen die Wartenden wie eine überzählige Reisegruppe. Keine Durchsage ertönt, man ist auf sich gestellt und merkt früher oder später, dass man auf das andere Gleis muss, wenn man – wie ich zum Beispiel – nicht sieht, dass eine Zugangestellte zwischen den Leuten steht. Natürlich ist auch dieser Zug voll, natürlich müssen etliche ältere Menschen stehen und dass schon wieder nur mir und meiner Sitznachbarin in den Sinn kommt, dass man ihnen Platz machen kann, bringt mich erneut zum Kopfschütteln.

Eine überzählige Reisegruppe? Die Zugpassagiere warten auf den Ersatzbus in Aesch (BL).

 

Ein Abenteuer geht zu Ende

13:55 Uhr. Ich habe es geschafft, ich bin in Basel. Ich werde es heute noch schaffen, Tink.ch vorzustellen. Und wenigstens hat mein Abenteuer es mir erlaubt, Sonne zu tanken. Unser gemeinsames Leiden hat uns Reisende nähergebracht, ein Schwätzchen hier und da ist der positive Nebeneffekt einer aussergewöhnlichen Situation. Ich gehöre zu den über 400’000 Schweizer*innen, die ein Generalabonnement haben und von Jahr zu Jahr zahle ich mehr dafür. Diesen Luxus gönne ich mir gerne, Zugfahren ist mir wichtig, doch hat es die SBB an diesem Mittwoch geschafft, meine südamerikanischen, chaotischen Reiseerfahrungen zu übertreffen. Irgendwie habe ich es genossen, meine Mitmenschen zu beobachten und Gelassenheit zu üben. Doch dann denke ich an die junge Frau, die ihren Probetag hatte, an die älteren Menschen, die so reisen mussten und an die Leute, die wahrscheinlich ihren Flug verpasst haben und denke mir: wär’s wirklich nicht anders gegangen?

Ukraine – Wie kam es zur Gewalt?

Der noch relativ neue, seit 1991 offiziell existierende Staat der Ukraine, wird seit der Maidanbewegung im Jahre 2014 von kriegerischen Unruhen erschüttert. Vor dem Beginn des Krieges, im Jahre 2013, als Präsident Janukowytsch das Freihandelsabkommen mit der EU in den Wind schoss, strömten Tausende Ukrainer auf die Strassen und lösten die Maidanbewegung aus. Nun kämpft auf der einen Seite die ukrainische Armee gegen die auf der anderen Seite liegenden prorussischen Rebellen, welche von den Russen in Form von militärischer Ausrüstung unterstützt werden und die Unabhängigkeit der östlichen Landesteile Donezk und Lugansk fordern. Es ist kein Konflikt, der im Frühjahr 2014 aus dem Nichts aufkam. Die seit damals herrschende Gewalt in der Ukraine hat eine lange und verstrickte Vorgeschichte.

Früh geprägter Sinn für Widerstand

In der Zeit des sowjetischen Sozialismus kannte man den Staat der Ukraine noch als Ukrainische Sozialistische Sowjetrepublik. Während des Zweiten Weltkrieges verbündeten sich viele aufständische West-Ukrainer gegen die Rote Armee, als die Nationalsozialisten in die Ukraine einmarschierten. Sie wollten nicht mehr in einem Staat leben, der kommunistisch von Joseph Stalin regiert wurde. An diesem Punkt begannen die Menschen, sowie die Kultur im Westen und im Osten des Landes, voneinander abzudriften. Die Menschen im Westen wollten so wenig wie nur möglich mit der russischen Kultur in Verbindung gebracht werden, auch wenn sie dafür mit den Nationalsozialisten kooperieren mussten. Anders hingegen im Osten der Ukraine. Dort begrüsste man die russische Kultur, auch weil viele russische Arbeiter dorthin zogen, um in den grossen Kohlewerken zu arbeiten.

Streitpunkt Halbinsel Krim

2014 marschierte das russische Militär auf der Krim ein und annektierte sie, was zum Höhepunkt des anhaltenden Konflikts führte. Russland annektierte die Halbinsel unter dem Vorwand, dass über die Hälfte der dort lebenden Bürger Russen sind und dass die Krim früher immer zu Russland gehörte. Die umstrittene Aussage, dass mehrheitlich Russen auf der Krim leben, ist nicht frei erfunden, sondern statistisch belegt. Gemäss Statista sind 60 % der Bevölkerung auf der Krim Russen, unter anderem weil die Krim seit der Entstehung des Russischen Reiches bis in die 1950er Jahre zu Russland gehörte.

1954 schenkte Nikita Chruschtschow (damaliger Staatschef der UdSSR) die Halbinsel der Ukraine. Dieses Geschenk wurde genau siebzig Jahre später von Russland zurückgenommen. Auch wenn es noch im selben Jahre der Annexion eine Abstimmung über die Zukunft der Krim gegeben hat und zum grössten Teil dafür gestimmt wurde, bleibt die Frage offen: Darf man einfach so mit dem Militär auf eine Halbinsel marschieren, die man vor siebzig Jahren einem anderen Land schenkte?

Hinter den Linien

Seit den Streitigkeiten, den brisanten Diskussionen, den Sanktionen zwischen dem Westen (EU und USA) und Russland, hat sich ein politischer, sowie kultureller Graben inmitten der Ukraine gebildet, dem Donbass. Hier kämpft das ukrainische Militär gegen die prorussischen Separatisten. Was aber in den Hintergrund gerät: Nicht nur das ukrainische Militär kämpft gegen die Prorussen. Neonazigruppierungen wie etwa das «Azov Battalion» nutzen den aufkommenden Hass auf den Kreml, Putin und Russland aus und beteiligen sich im Kampf gegen prorussische Kräfte. Doch diese Gruppen kämpfen nicht nur für ihr Heimatland. Auch hinter den Kampflinien, wo noch vieles vom zentralen und westlichen Teil des Landes verschont blieb, kämpfen sie gegen das «Russische», wie beispielsweise bei der Beteiligung an der Anschlagsserie in Odessa.

Die Ukraine und die Zukunft

Es ist kaum einschätzbar, wie sich der Krieg in den nächsten Wochen, Monaten, vielleicht sogar Jahren entwickelt. Die Informationen zu diesem Bürgerkrieg sind so rar und vor allem so unübersichtlich, dass es fast nicht möglich ist, sich von diesem Konflikt ein genaueres Bild verschaffen zu können. Klar ist, dass, wenn der Westen und Russland nicht offener miteinander über den weiteren Status des Landes kommunizieren , wohl noch lange kein Weg gefunden werden kann, den Konflikt zu lösen.

Hauptquelle für diesen Artikel ist das Buch «Testfall Ukraine: Europa und seine Werte», herausgegeben von Katharina Raabe und Manfred Sapper.

Antirassismuswoche: Linke Alibiveranstaltung?

«Ich bin kein Rassist, aber…» So lautet der Aufhänger der Berner Aktionswoche gegen Rassismus. Auf diese Ankündigung folge oft trotz Verneinung eine rassistische Aussage. Die Aktionswoche wird von der Stadt Bern gemeinsam mit verschiedenen Organisationen veranstaltet. Unter den Organisationen sind vor allem Gemeindevereine, Kirchen und Gewerkschaften zu finden. Die Woche findet vom 21. bis 27. März statt und steht dieses Jahr unter dem Motto, dass es «kein Aber» beim Thema Rassismus gibt.

Auf Woche sieben

Die Antirassismuswoche findet bereits zum siebten Mal statt. Während die Woche früher mit allgemeinen Aussagen wie «In der Stadt Bern hat es keinen Platz für Rassismus» warb, spricht sie heute konkret Alltagsrassimus an. Darauf antwortet die Projektleiterin der Aktionswoche, Marianne Helfer, auf Anfrage von Tink.ch: «Ich sehe da keinen Wandel. Das Thema ist das gleiche, lediglich der Aufhänger ist anders.» In den letzten Jahren haben deutlich mehr Menschen an der Woche teilgenommen als noch zu Beginn. Die Aktionswoche sei bekannter und etablierter geworden. Ein weiterer wichtiger Faktor für die Zunahme sei gemäss Marianne Helfer auch der aktuelle politische Diskurs: «Populismus ist sicherlich nichts Neues, jedoch sind die Diskussionen in letzter Zeit härter und rassistischer geworden, was zur Folge hat, dass sich wieder mehr Menschen mit dem Thema Rassismus auseinandersetzen.»

Was die Woche bringen soll

Die Aktionswoche gegen Rassismus richte sich an eine möglichst breite Masse der Bevölkerung. Marianne Helfer meint dazu: «Die Aktionswoche hat da eine grosse Stärke. Da sich viele verschiedene Organisationen mit je verschiedenen Zielgruppen beteiligen, können wir ein vielfältiges Publikum ansprechen.»

Rassisten zu sensibilisieren sei «wahnsinnig schwierig». Bei der Aktionswoche gehe es vielmehr darum, dass die Teilnehmenden sich mit dem Rassismus und seinen Folgen ernsthaft auseinandersetzen. «Rassismus kommt auch in einer weltoffenen, linksliberalen Stadt Bern vor», so Helfer. Auch in linken Kreisen existiere Rassismus und diese seien somit auch Teil des Problems, so ihre Erfahrungen. Ein weiteres Ziel der Woche sei das gegenseitige Kennenlernen von Teilnehmenden. Somit würden neue, wichtige Netzwerke geschaffen.

Konservative, rechtsgesinnte Personen werden wohl eher weniger anzutreffen sein. Bei einem Blick ins Programmheft fällt insbesondere der Workshop «Argumentieren gegen Rechts» auf, der von der Jugendgruppe der Gewerkschaft Unia organisiert wird. In der Ausschreibung wird von rechts(radikalen) Parolen gesprochen, denen etwas entgegengesetzt werden müsse. Im Workshop solle dann gelernt werden, wie gegen solche Positionen argumentiert werden kann. Beim Durchlesen stellt sich die Frage, wie neutral dabei eine Veranstaltung sein sollte, welche einen Teil eines steuerfinanzierten Formates wie der Aktionswoche darstellt. Marianne Helfer stellt klar: «Es gibt keine neutrale Haltung gegenüber Rassismus». Von Diffamierung gegenüber rechtsbürgerlich Gesinnten will sie nichts wissen. Den Vorwurf, dass die Ausschreibung «rechts» mit «rechtsradikal» gleichsetzt, nehme sie zur Kenntnis. Dennoch weist sie darauf hin, dass rechte Parolen oft auch rassistische Stereotypen beinhalten.

Marianne Helfer weist zudem darauf hin, dass die teilnehmenden Organisationen nicht auf ihre politische Haltung geprüft werden. «Rechte Organisationen zeigten jedenfalls kein Interesse an einer Teilnahme.» Selbstverständlicherweise seien aber auch Rechte willkommen. Wie jeder, der Interesse zeige, sich mit Rassismus auseinanderzusetzen.

Projektleiterin Marianne Helfer glaubt nicht, dass Rassismus jemals gänzlich verschwinden wird. Ob es eine achte Aktionswoche geben wird, entscheide sich nach der Evaluation, bei der die Rückmeldungen der jeweiligen Veranstaltenden einbezogen werden. Zudem werde auch berücksichtigt, wie viele an den Veranstaltungen teilgenommen haben werden.

Als «linke Alibiveranstaltung» kann die Woche mit einem vielfältigen und aktuellen Programm sicherlich nicht abgetan werden. Aus den Aussagen von Marianne Helfer geht jedoch auch hervor, dass die Woche es noch nicht schafft, politisch konservative Spektren in die antirassistische Arbeit einzubinden. Mit Blick auf die aktuellen, teils populistischen Debatten wäre eine Sensibilisierung für das Problem Rassismus wohl dort am nötigsten. Verständlicherweise kann die Aktionswoche alleine nicht den Rassismus bekämpfen. Dafür braucht es das ganze Jahr über Engagement von allen Seiten.

Mehr Informationen und das Programm zur Antirassismuswoche der Stadt Bern findest du auf www.berngegenrassismus.ch. Das Team von Tink.ch wird im Verlaufe der Woche über einige Veranstaltungen berichten.

+++ BREAKING: REISSACK IN JAPAN UMGEFALLEN +++

Klicks sind im Online-Journalismus derzeit das A und O zur Reichweitenmessung. Leider gilt für die Reichweitenmessung, was stellvertretend für viele Dinge in diesem Journalismusfeld gilt: Quantität vor Qualität. So kann beispielsweise noch nicht unterschieden werden, ob ein User aus Versehen auf einen Artikel klickt und diesen gar nicht liest, oder ob ein Text minutiös gelesen wird. Unter dem Strich zählen die Klicks, egal was danach geschieht.

Klicks implizieren also die Anzahl «Leser», welche wiederum die Preise von Werbeanzeigen mitbeeinflussen – DIE Einnahmequelle privater Medien schlechthin. Wenig verwunderlich, setzen Onlineredaktionen hier den Hebel an.

«Ein paar hundert Franken»

Der grösste Schweizer Verlag Tamedia (20 Minuten, Tages-Anzeiger, Der Bund, Bernerzeitung etc.) geht nun im Kampf um Klicks einen Schritt weiter. Journalisten, die damit beauftragt sind, Agenturmeldungen aufzubereiten, können sich künftig einen Zustupf verdienen. Voraussetzung dafür sind Artikel, die «bei den Lesern gut ankommen» oder – korrekt formuliert – von vielen Usern angeklickt werden.

Mit dieser Massnahme soll unter anderem die Kreativität der Mitarbeiter gefördert und Themen, die auf den ersten Blick trocken erscheinen, spannender präsentiert werden, sagt Peter Wälty, Leiter des Bereichs Digital News und Development bei Tamedia gegenüber persoenlich.com. Den besten und kreativsten Mitarbeitern winkt ein Bonus von ein paar hundert Franken pro Quartal. Klingt nach einem tollen Lohnmodell, wo ist also der Haken?

Qualitative Kreativität?

Bereits heute gibt es unzählige Artikel, die sich während dem Lesen als regelrechte «Zeitrauber» entpuppen. Die Rede ist von Artikeln, bei welchen man Reue empfindet, zwei Minuten seines Lebens mit solchem Nonsense verschwendet zu haben. Sie sind oft durch einen schnittigen Titel, eine vielversprechende Einleitung und ein packendes Bildchen darunter gekennzeichnet. Ungefähr ab Zeile drei stürzt das Niveau oftmals ins Bodenlose ab oder die eingangs gestellten Fragen bleiben bis zum Schluss unbeantwortet. Diese Artikelgattung dürfte durch das neue Lohnmodell regen Zulauf erhalten. Die Journalisten erhalten Anreize, noch zugespitzter, noch pointierter und noch etwas näher an den Grenzen der Wahrheit zu schreiben. Fliegen werden zu Elefanten und umfallende Reissäcke zu Breaking-News. Kreativität in Ehren, aber ob Herr Wälty diese Art von Kreativität fördern will, ist zu bezweifeln.

Bei aller Kritik muss dem neuen Lohnmodell aber eines zugutegehalten werden: Wann immer Sie das nächste Mal einen «Zeitrauber» lesen, denken Sie daran: Soeben haben Sie mit Ihrem Klick einem Tamedia-Journalisten zu etwas mehr Lohn verholfen.