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«Mir kam gar nie erst der Gedanke, etwas nicht machen zu können, weil ich eine Frau bin.»

In der Geschichte des Feminismus, der kritischen Analyse der Geschlechterrollen, ist Kunst nicht wegzudenken. Heute sind es Künstlerinnen wie Kiki Smith oder Jenny Holzer, die das Frauenbild thematisieren und neu darstellen. Im Deutschen sprach man bis etwa 1950 von der «Frauenemanzipation». Danach wurde der Ausdruck immer öfter durch den des «Feminismus» ersetzt. Gewichtig wie der Begriff, der die Frauenbewegung beschreibt, sind auch ihre Trägerinnen und Träger. Man misst ihnen, ob zustimmend oder ablehnend, Bedeutung bei.

Heute steigt die Präsenz der Frauen in der Kunst. Es gibt mehr Museumsdirektorinnen als früher. Auch einflussreiche Galeristinnen sind keine Seltenheit. Natürlich sind Frauen nicht plötzlich aus dem Nichts aufgetaucht, sie waren schon immer da. Eine Studie zeigt, dass Kunsthochschulen etwa zu 60 Prozent von Frauen besucht werden, bei der Verteilung von Stipendien und Preisen herrscht Gleichstand. Die Schere öffnet sich dann aber beim Einkommen: Während dieses bei Künstlerinnen stagniert, steigt es bei den Männern.

Wie ist es für Frauen, die den Eintritt in die Welt der Kunst gewagt haben und erfolgreich sind? Eine von ihnen ist Lea Wäckerlin (*1987), besser bekannt als Kooni. Die Schaffhauserin hat sich mit ihren Illustrationen einen Namen gemacht und erzählt wie es ist, sich selbst treu zu bleiben und trotzdem von der eigenen Kunst leben zu können.

Fulya: Kooni oder Lea, wer bist du?

Kooni: Ich bin Kooni, getauft auf Lea. Ich bin Illustratorin. Das habe ich studiert, aber eigentlich war ich es vorher schon. Ich mache ausserdem eigene Bilder, tätowiere und töpfere. Nebenbei arbeite ich in einem Café und wohne seit drei Jahren in Hamburg. Mein Lieblingsessen ist Butterbrot oder Pommes.

F: Du sagst, du warst schon vor dem Studium Illustratorin. Ist man das oder wird man das?

K: Ich wusste schon früh, dass ich das machen will, obwohl mir nicht ganz klar war, dass es einen solchen Beruf überhaupt gibt. Das sagt einem ja niemand in der Schule. Aber die Bilder in meinen Kinderbüchern sind mir immer noch präsent. Ich war schon sehr früh sehr fasziniert von Zeichnungen.

F: Wie viel Lea steckt in deiner Arbeit?

K: Lea steckt nicht so viel drin – auf diesen Namen empfange ich eigentlich nur noch Rechnungen. Aber von Kooni steckt sehr viel drin. Ich bin keine Zeichnerhand für Leute, die es selbst nicht können, aber genau wissen was sie auf dem Bild wollen. Meine Lieblingsaufträge sind solche, bei denen es um eine Stimmung geht. Ich habe das Glück, mir aussuchen zu können, welche Aufträge ich annehme. Ich muss dahinterstehen können.

F: Hattest du das Gefühl, dass du dich als Frau mehr beweisen musst?

K: Eigentlich nicht. Ich hatte eine ziemlich gender-neutrale Erziehung und wuchs mit Jungs auf. Daher kam mir gar nie erst der Gedanke, etwas nicht machen zu können, weil ich eine Frau bin. Ungleichbehandlung ist etwas, das in meiner Welt nie wirklich existierte. Aber man darf mich jetzt nicht falsch verstehen: Ich finde, dass das in unserer heutigen Zeit schon längst kein Thema mehr sein dürfte!

F: Von der Kunst erhoffen wir uns oftmals, dass sie die Gesellschaft sensibilisiert. Im Rahmen meiner Recherchen erzählten mir Künstlerinnen und Kulturschaffende von ihren Erfahrungen mit Diskriminierung. Vom Machogehabe von Dozenten oder Mitstudenten an Kunstakademien, von Einschüchterung und Sexismus. Von Schauspielerinnen, die nicht «schön genug» sind. Hast du auch ähnliche Erfahrungen gemacht?

K: Zum Glück nicht. Ich hatte nie das Gefühl, als Frau anders zu sein, das strahle ich wohl auch so aus. Man merkt schnell, dass ich mir solche Ungerechtigkeiten gar nicht erst gefallen lasse und mich sofort wehren würde. Ausserdem empfinde ich den Illustratorenberuf als sehr ausgewogen. Es gibt viele Frauen, die in dieser Branche arbeiten. Auch das Thema des Feminismus kann mit Illustrationen sehr gut dargestellt werden. Das macht zum Beispiel Tara Booth. Sie zeichnet lustige Comics. Man sieht sie mit gespreizten Beinen auf dem Boden sitzen, auf ihrer Unterhose hat es einen roten Fleck. Ihr ist alles ziemlich scheissegal. Ich denke, das funktioniert wirklich sehr gut in der Illustration.

F: Warum?

K: Es ist dieser Hau-drauf-Humor, der Frauen wie Kerle darstellt und lustig ist. Das macht es für viele zugänglich.

F: Welche Tipps hast du an Menschen, die sich gegen Diskriminierung wehren wollen?

K: Sagt etwas und lasst es euch nicht gefallen! Klar, das ist leichter gesagt, als getan. Und die superguten Argumente fallen einem in solchen Situationen auch nicht sofort ein. Aber je öfter man sich dieser Situation stellt, desto leichter wird es.

Leben wir in schlimmen Zeiten?

«In was für schlimmen Zeiten wir doch leben!» Ein Satz, den ich in Zug, Bus, Kaffees und vielen anderen öffentlichen Orten immer wieder aufschnappe, wenn ich zum unfreiwilligen Zuhörer von lauten Konversationen werde. Die Grundlage für diese Behauptungen ist breit gefächert. Von Terroranschlägen, bewaffneten Konflikten bis hin zu Flüchtlingsströmen, ergibt sich eine bunte Palette als Ursprung für Angst und Verunsicherung. Dürfen wir aber, in der ruhigen Schweizer Alpenidylle, mit genügend Sicherheitsabstand zu obigen Problematiken, die Gegenwart überhaupt als «schlimme Zeit» betiteln? Wir leben im Herzen eines Europas, das gerade die längste Friedensphase seiner Geschichte durchlebt, auch wenn der Begriff «lang» eine fast schon zynisch kurze Zeitspanne umfasst. Der Generationenwechsel lässt die Erfahrungen und Erinnerungen an das Leid und die Entbehrungen, die während den beiden Weltkriegen durchgestanden werden mussten, langsam verschwinden. 2014 wurden die letzten Sprengstoffladungen entschärft, welche die Armee während des Kalten Krieges installiert hatte, um Strassen, Tunnels und Brücken, im damals durchaus berechtigten Szenario eines Einmarsches von Truppen des Warschauer Paktes, in die Luft jagen zu können. Auch Terroranschläge sind keineswegs ein Phänomen, mit dem sich die Schweiz erst in den letzten Jahren konfrontiert sah. So kostete beispielsweise ein Paketbombenanschlag der «Volksfront zur Befreiung Palästinas» (PFLP) auf eine Swissair-Maschine 1970 über Würenlingen 47 Menschen das Leben. Als letzter Punkt dieser tristen Aufzählung sind auch Flüchtlingsströme nicht erst seit dem Beginn des syrischen Bürgerkriegs eine Problematik. Der Jugoslawienkrieg der 1990er-Jahre, mit seinen zivilen Opfern, Massenvertreibungen, ethnischen Säuberungen, Völkermord und diversen anderen Kriegsverbrechen, der Hunderttausende zur Flucht zwang, ist der traurige Beweis dafür, dass sich die Geschichte wiederholt.

Dieser Vergleich der Vergangenheit mit der Gegenwart bedarf einer Anmerkung: Keineswegs soll aktuelles Leid und die damit verbundenen Opfer relativiert werden. Vielmehr bedarf es einer Klärung der Frage, was uns dazu bewegt gerade unsere Gegenwart so pessimistisch und bedrohlich wahrzunehmen. Eine mögliche Erklärung findet sich dabei in der veränderten Art und Weise wie wir uns informieren. Während sich Tragödien und Katastrophen vor wenigen Jahrzehnten für viele nur in Druckertinte und auf Papier widerspiegelten, bieten uns heute die Errungenschaften der Digitalisierung die Möglichkeit audiovisuell und in Echtzeit Geschehnisse mitzuerleben. Livestreams mit Bildern von blutüberströmten Opfern des Terroranschlags am Flughafen Brüssel-Zavantem oder der tote syrische Flüchtlingsjunge am Strand der die sozialen Medien bewegt, sind nur einige Beispiele wie sehr sich der technologische Fortschritt auf unsere Wahrnehmung auswirkt. Auch unsere ursprüngliche Rolle als passiver Informationskonsument hat sich radikal verändert. Smartphones ermöglichen jeder und jedem Video- und Bildmaterial aufzunehmen um dieses via Internet und sozialen Medien in kürzester Zeit einem riesigen Publikum zugänglich zu machen. Die Funktion das Geschehene dann gleich auch noch mit einer riesigen Community zu diskutieren, fördert das Empfinden der direkten Betroffenheit.

Die Gegenwart verdient die Bezeichnung als «schlimme Zeit» nicht. Die Menschheit, mit ihrer dünnen Gradwanderung von Genie und Wahnsinn, hat die Geschichte zu jedem Zeitpunkt mit selbstgeschaffenem Leid und Elend geprägt, wobei die Gegenwart keinesfalls eines ihrer dunkelsten Kapitel ist. Schon vor 400 Jahren bei der Urraufführung von «Wie es euch gefällt», lässt Shakespeare einen seiner Protagonisten nüchtern feststellen, dass die ganze Welt nichts als eine Bühne ist und alle Frauen und Männer blosse Schauspieler. Das Körnchen Wahrheit in dieser Aussage trifft auch heute noch zu, mit dem feinen Unterschied, dass der Rest der Menschheit, der gerade nicht für die aktuell aufgeführte Tragödie auf der Bühne steht, mit bester Aussicht in der ersten Reihe sitzt.

Rootwords: Der Genfer Hip-Hopper

Tink: Wer ist Rootwords eigentlich?

Rootwords: Ich bin Künstler, Schriftsteller und Poet. Ich mag es mich auszudrücken, zuzuhören und mich mitzuteilen.

T: Was willst du mit deiner Musik erreichen? Was ist deine «Message»?

R: Mit meiner Musik will ich den Leuten eine andere Perspektive verschaffen, denn jede und jeder ist einzigartig. Ich teile meine Gedanken und meine Sicht auf die Welt durch die Musik mit, die ich produziere. Lieder können die unterschiedlichsten Gefühle auslösen. Deshalb hoffe ich, dass auch ich etwas in den Menschen auslösen kann.

T: Hast du ein Idol, das dich inspiriert?

R: Ich idealisiere ungern jemanden, weil ich das Gefühl habe, dass es eher etwas Negatives ist. Man kann so schnell enttäuscht werden und dies kann ziemlich runterziehen.

T: Was ist dein grösster Traum, den du erreichen möchtest?

R: Ich möchte eine Familie gründen und diese so gut es geht unterstützen. Ich möchte meinen Kindern ein besseres Leben geben, als ich es hatte. Auch der Welt möchte ich gute Menschen hinterlassen. Menschen, die geschätzt werden und Gutes tun.

T: Wo hat deine Liebe zur Musik ihren Ursprung?

R: Es hat sich irgendwie so ergeben. Als ich ein Kind war, hatte mein Vater eine riesen CD-Kollektion. Als ich angefangen habe die Musik für mich selber zu finden, war es dann hauptsächlich Hip-Hop. Damals spielte ich viel Basketball und in dieser Szene hört man meistens Hip-Hop. So begeisterte ich mich mehr und mehr für das Genre. Irgendwann habe ich angefangen die Reime dieser Künstler zu kopieren und nachzurappen. Ich durfte eine Boarding School in England besuchen, an der es einen Typen gab, der selber rappte. Er organisierte Freestyle-Veranstaltungen und fragte mich, ob ich interessiert wäre. Nach kurzer Zeit sprach er mich darauf an, dass ich doch selber Texte schreiben solle, da er mich ziemlich gut fand. So hat es irgendwie angefangen.

T: Hast du ein Ritual, das du vor jeder Show wiederholst?

R: Meistens nehme ich ein paar tiefe Atemzüge und geniesse die Möglichkeit auftreten zu dürfen. Ich bin immer nervös kurz vor der Show. Zusätzlich habe ich einen Glücksbringer, den ich immer mit auf die Bühne nehme. Dies ist mein Mikrofon, das Mos Def auch hat und zwar genau das gleiche. Mos Def hat mich schon in jungen Jahren inspiriert und zählt bis heute zu meinen Lieblingskünstlern.

T: Was für Musik hörst du privat?

R: Ziemlich viel Hip-Hop. Jedoch weniger die neuen Sachen, denn ich habe das Gefühl, dass in der heutigen Szene sehr viel Dummheit dahintersteckt. Ich probiere bis heute noch die Message darin zu finden.

T: Momentan ist ja der Mix zwischen Dancehall und Hip-Hop ein grosser Hype. Denkst du, dass du auch in diese Richtung was machen willst? Oder willst du lieber bei deinem jetzigen Stil bleiben?

R: Ich will einfach das weitermachen, was ich bis jetzt kreiert habe. Zwar gibt es auch Songs von mir, die ich mit Bastian Baker aufgenommen habe, was ja auch nicht zu hundert Prozent Hip-Hop ist. Es gab auch schon R’n’B- und Trap-Produktionen von mir. Falls der Grund richtig ist und ich mir trotzdem treu bleiben kann, werde ich vermutlich auch etwas anderes ausprobieren. Als Künstler will man schliesslich herausgefordert werden. Wenn jedoch jemand zu mir sagt: «Mach das, weil es besser ankommt», dann werde ich vermutlich ablehnen. Ich muss doch irgendwo mir selber treu bleiben. Nicht einmal ein Trend sollte die Möglichkeit haben mir zu sagen, wie ich meine Musik machen soll. Du existierst wegen dir selber und was du machst, sollte deine eigene Kreation sein. Bleib dir treu.

Aglaya – Das aussergewöhnliche Hochhaus

Nahe dem Bahnhof Rotkreuz im Kanton Zug und nur einige Fahrminuten von der Autobahn entfernt, befindet sich die Suurstoffi. Es ist ein Dorf im Dorf. Man kann darin wohnen, arbeiten und studieren. In der Suurstoffi findet man vielfältige Architektur, umgeben von einer grünen, autofreien Umgebung. Dabei wird die Energieversorgung möglichst ohne Kohlenstoffdioxid produziert. Der Strom wird mit Hilfe von Solaranlagen hergestellt. Um Serviceleistungen zu organisieren und den Bewohnerinnen und Bewohnern beispielsweise mit den Einkäufen, der Spitex und der Kinderbetreuung zu helfen, gibt es im Haus Aglaya eine Concierge für das gesamte Areal. Aglaya ist ein 70 Meter hohes Gebäude mit vertikaler Begrünung. In den unteren Etagen werden Büro- und Gewerbeflächen untergebracht, auf den restlichen Stockwerken bieten 85 Eigentumswohnungen Platz zum Leben. Der Grundriss ähnelt der Ziffer 8, wodurch jede der sechs Wohnungen pro Etage eine Eckposition mit zwei Blickrichtungen erhält. Die Idee von begrünten Häusern kommt langsam immer mehr auf. Das Projekt Aglaya ist das erste dieser Art in der Schweiz. Das Haus orientiert sich an der Umgebung und nimmt diese in Form der Begrünung auf. So wird das Wohnen in der Höhe mit dem Besitz eines eigenen Hauses mit Garten kombiniert. Durch grosse Fenster mit Panoramablick werden die Grenzen von innen und aussen soweit als möglich aufgelöst. Das Interieur ist dabei möglichst naturbelassen, es wurden für die Möbel, Böden und Wände verschiedene grün-und brauntöne gewählt. Im 17. Obergeschoss gibt es einen Dachgarten zur Nutzung durch die Wohnungseigentümer des Gebäudes. Das Erdgeschoss bietet ein Restaurant sowie Büro- und Nebenflächen. Dadurch entsteht eine weitere Begegnungszone. Von innen und aussen kann man den saisonalen Wandel der Pflanzen gut beobachten. In die fest installierten Tröge sind kleine bis mittelgrosse Bäume und Sträucher, Stauden sowie Kletterpflanzen gesetzt, sie sind dabei aufeinander abgestimmt. Die Bepflanzungen der einzelnen Fassaden sind trotzdem unterschiedlich. Der Unterhalt der Begrünung wird von einem Gärtner fachmännisch in die Hand genommen. Diese Arbeit ist in den Nebenkosten inbegriffen. Auch die Bewässerung läuft automatisch. Dafür wird das Regenwasser auf dem Dach gesammelt. Mit diesem Wasser werden die Pflanzen über eine Bewässerungsanlage gegossen.
Anfangs bis Mitte des 20. Jahrhunderts hatte der Schweizer Architekt Le Corbusier bereits eine sehr ähnliche Projektidee, die er schliesslich mit dem Bau der «Unité d’Habitation» in Marseille endgültig verwirklichte. Das Konzept des Hochhauses war eine vertikale Stadt mit einem naturnahen Landschaftsraum und einer Dachterrasse für alle Bewohnerinnen und Bewohner. Da nach dem zweiten Weltkrieg Wohnungsmangel herrschte, versuchte Le Corbusier das Problem mit diesem Bau zu lindern. Die Aglaya in der Suurstoffi hat sich an diesem Konzept ein Beispiel genommen. Das Gebäude ist noch im Bau, wird aber voraussichtlich im Sommer 2019 fertiggestellt.

Paralympisches Gold

Während zwei Wochen war ich fast jede Nacht wach, habe mitgefiebert, mitgejubelt, mitgeweint. Jede Medaille, die ein Athlet für die Schweiz holen konnte, war eine Freude. Sport war das Zentrum meines Alltags: Dieser war geprägt von schlafen im Unterricht, unzählige Tassen Kaffee und dunklen Augenringen. Die olympischen Spiele in Pyeongchang zogen mich völlig in ihren Bann. Und dann, vom einen Tag auf den andern, war alles vorbei.
Olympia ist zu Ende, die Athletinnen und Athleten kehren zurück in ihre Heimat. Das Wintersporthighlight 2018 scheint vorbei zu sein. Alle, mich eingeschlossen, konzentrieren sich wieder auf den üblichen Alltag. Das Olympische Feuer ist wortwörtlich erloschen. Nicht erloschen ist jedoch meine Leidenschaft für den Sport und mein Drang, sportlich immer auf dem neuesten Stand zu sein. Dies führte mich auf die Spuren der noch nicht vergebenen Medaillen. Auf die Spuren des Olympischen Feuers, das zwei Wochen später noch einmal voller Ehrfurcht brennt.
Die traurige Wahrheit ist jedoch, dass ich zu einer erschreckenden Minderheit gehöre. Was ich meine? Die breite Öffentlichkeit denkt, Olympia ist vorbei. Doch das ist nicht wahr! Beat Feuz ist nicht mehr der einzige Schweizer Skifahrer, der in der Königsdisziplin eine Medaille holen konnte: Theo Gmür ist Abfahrtsolympiasieger in der Kategorie stehend! Sie kennen ihn nicht? Dies erstaunt mich nicht.
Denn Theo Gmür wird nicht jede Woche im Fernsehen gezeigt, und dies trotz seines grossen Erfolges in der Kategorie stehend im Behinderten-Weltcup. Er reiste als Gesamtweltcupsieger nach Pyeongchang und niemand wusste es.
Das Thema Paralympics wird in unserer Gesellschaft so gut wie gar nicht behandelt. Es steht am Rande der Gesellschaft, wie auch die Behinderten selbst. Ich bitte euch, liebe Leserinnen und Leser, schaut nicht nur zweimal hin, wenn euch im Alltag eine behinderte Person begegnet, schaut auch zweimal hin wenn eine behinderte Person eine sportliche Glanzleistung vollbringt.

Kolumne: Leben mit Omi

Seit gut eineinhalb Jahren lebe ich Teilzeit bei meiner Oma in Luzern. Einerseits aus praktischen Gründen und andererseits aus dem Grund, dass ich Omi ziemlich mag. Sie hat diese gewissen Eigenschaften, die fast alle Omis haben: Sie kocht unheimlich gut, ist wohlwollend, kann nicht nein sagen und pflegt eine vorzügliche Ironie. Sie wäscht auch ziemlich gerne und hasst ihre Hörgeräte, die sie oft als Radios bezeichnet. Ich selbst habe natürlich auch so meine Eigenheiten. Das Zusammentreffen ihrer Generation und Meinung mit meiner, bringt allerlei Absurdes mit sich. Die Begebenheiten sind teilweise so kurios, dass ich mich entschieden habe, ihnen eine Kolumne zu widmen. Omi schafft es, aus den banalsten, alltäglichsten Dingen eine Story zu machen. So entstehen Konflikte die sich von den Themen Nachhaltigkeit bis hin zu den 20 Rappenstücken für die Waschmaschine erstrecken.

Bei ihr einzuziehen war wohl für beide ziemlich gewöhnungsbedürftig. So erlitt Oma zu Beginn beispielsweise unzählige mini-Herzinfarkte und ich gleichzeitig reversible Hörschäden just, weil sie mich nicht kommen hörte und plötzlich hinter ihr in der Küche stand. Sei‘s drum, wir leben noch und haben den Rank anscheinend doch noch gefunden.

Kolumne: Fragen wagen

Liebe Auline

Für unser erstes Frage-Antwort-Spiel habe ich gleich eine schwierige Frage für dich. Darf ein Mann eigentlich über Frauenrechte schreiben? Zum Beispiel eine Kolumne in der er sagt, dass er die aktuelle #metoo -Bewegung ganz toll findet oder eben dann doch nicht so? Ist er dann nicht viel angreifbarer als eine Frau, die über dieses Thema schreibt? Meiner Meinung nach lehne ich mich schon mit dieser Frage weit aus dem Fenster. Es geht mir hier aber nicht darum, irgendeine weibliche Bewegung oder Errungenschaft schlecht zu machen, oder zu sagen, dass «Frauen zwar weniger verdienen, dafür müssen sie ja auch nicht ins Militär». Solche klischierten Aussagen entsprechen nicht meiner Meinung. Meine genauen Ansichten zu diesem Thema möchte ich aber trotzdem eben nicht öffentlich machen, denn, Hand aufs Herz: Wenn ich etwas über die Rechte der Frau schreibe, denkt sich ein Grossteil der weiblichen Leserschaft doch direkt: «Er hat doch keine Ahnung, schliesslich ist er ein Mann und hat dieses oder jenes noch nie erleben müssen.» Vielleicht haben sie damit ja auch Recht. Möglicherweise kannst du mir mit deiner Antwort etwas die Unsicherheit nehmen oder sie eben für immer zementieren, damit ich das Thema abhaken kann.

Liebe Grüsse
Carlo


Lieber Carlo

Vielen Dank für deine wichtige Frage. Ich hoffe fest, dass du das Thema Feminismus bitte nicht für immer abhakst, sondern dich mehr und mehr damit auseinandersetzt. Denn im Feminismus geht es sowohl um die Frau, als auch um den Mann und im Übrigen auch um alle anderen Geschlechter. Wenn du «als Mann» Mühe hast, deine Meinung kundzutun, so kann ich nur sagen, dass ich auch «als Frau» Schwierigkeiten damit habe. Denn wir sprechen jeweils nicht im Namen unseres ganzen Geschlechts, sondern vor allem als Individuum. Ich finde es extrem wichtig, dass wir alle unsere Anliegen, Fragen, Unsicherheiten aber auch Aussagen zu diesem wirklich wichtigen Thema miteinander teilen können und somit weiterkommen und irgendwann vielleicht an einem Punkt angelangen, an dem wir nicht mehr «als Frau» oder «als Mann» darüber sprechen müssen. Um auf deine Frage zurückzukommen; ja klar kannst du über Frauenrechte und den Feminismus schreiben, du sollst sogar! Offenbar fühlst du dich jedoch eher unwohl darin, und das ist meiner Meinung nach das Problem. Wenn du eine gute Art hast darüber zu diskutieren, und du dir bewusst bist, dass du über einige Dinge nicht aus Erfahrung sprechen kannst, und an diesen Punkten voller Respekt zuhören kannst, dann hast du meiner Meinung nach die richtigen Voraussetzungen mitzureden. Angreifbar sind wir doch alle, immerhin kann jeder und jede alles anonym kommentieren. Doch davor sollten wir uns nun wirklich nicht abschrecken lassen über solch wichtige Dinge zu sprechen, wie die Befreiung von stereotypischen Geschlechterrollen, die uns übrigens allen dienen soll.

Liebe Grüsse
Auline

Ökumenischer Orden vereint Jugendliche

Besonders ruhig ist es nicht an diesem Mittwochabend in der vollen St. Jakobshalle während des christlichen Taizé-Jugendtreffens. Mitten im Winter, wenn alle erkältet sind, kann eine stille Zeit wohl nicht so andächtig sein, wie man sie gerne hätte. Immer wieder husten vereinzelt Leute in der Menge, bemüht unterdrückt, aber so konstant, dass man sich bald auf nichts Anderes mehr konzentrieren kann. Auf einmal ertönt ein besonders lauter Huster aus einer Ecke. Das Geschmunzel und der darauffolgende Schwall an absichtlich kreativen Geräuschen will kaum mehr aufhören.

Ich bin mit meiner Kollegin Karina in Basel am europäischen Taizé-Jugendtreffen, das vom 28. Dezember 2017 bis Neujahr 2018 stattfindet (siehe Infobox). Wieso nicht hingehen, fand sie, die sich gerne mit religiösen Themen auseinandersetzt, wenn das jährliche Treffen schon mal in der Schweiz stattfindet?

Ja, wenn Menschen aus der ganzen Welt, aus den verschiedensten Kulturen, für fünf Tage zusammen kommen, ihre Gedanken austauschen und gemeinsam ihre Lieder singen, dann, glaube ich, sollte man sich das wirklich nicht entgehen lassen.

Zwischen Theorie und Besinnlichkeit

Das Programm an dem Treffen ist vielfältig. An den Vormittagen finden in den verschiedenen Basler Kirchgemeinden Gruppendiskussionen zu theologischen Themen statt. An den Nachmittagen gibt es Thementreffen mit gesellschaftlichen und kulturellen Inhalten, organisiert von den Brüdern des Ordens, Theologen, Vertretern anderer Religionen, Wissenschaftlern, Politikern oder sozial engagierten Leuten. Projekte im Umgang mit der Flüchtlingskrise werden vorgestellt oder Führungen im Basler Kunstmuseum oder in der Altstadt gegeben. Doch das Herzstück des internationalen Treffens bilden die Abendgebete in der St. Jakobshalle, an denen die unter Kirchengängern bekannten Taizé-Lieder gesungen werden. Übernachten können die etwa 15’000 Leute aus aller Welt bei freiwilligen Gastgebern aus Basel. Die meisten Besucher sind zwischen 20 und 30 Jahre alt.

Das Thementreffen in der Johanneskirche, das Karina und ich an diesem Freitagnachmittag als erstes besuchen, behandelt den Dialog zwischen den drei Religionen Christentum, Judentum und Islam. Im Anschluss diskutiert man in Kleingruppen. Sollte man den interreligiösen Austausch bereits bei Kindern und Jugendlichen fördern, oder hindert es diese daran, ihre Haltung zuerst gegenüber der eigenen Glaubensrichtung zu finden? Kann dieser Austausch überhaupt zu hundert Prozent funktionieren, wenn doch jede Religion schlussendlich auf der eigenen Wahrheit beharrt? Dabei lernen wir Piet, einen jungen Deutschen kennen. Da Karina und ich nicht genau wissen, wo wir jetzt hin müssen, bietet er uns an, gleich mitzukommen. Auf der Fahrt zur St. Jakobshalle erzählt er uns, dass ihm bei Taizé vor allem die Einstellung zur Einfachheit gefalle. Im Vergleich zu anderen christlichen Jugendanlässen, wie zum Beispiel der Explo in Luzern, habe man hier zwar viel weniger Luxus, dafür würden durch die niedrigen Lagerkosten aber viel mehr Menschen einen Zugang dazu erhalten.

Inmitten einer gewaltigen, in allen möglichen Sprachen plappernden Menschenmasse, nähern wir drei uns Stück für Stück einem grossen Zelt, das hinter der Halle aufgebaut ist. Drinnen angelangt erhalten wir eine Tüte mit warmer Dosensuppe, Brot und – wie könnte es in der Schweiz anders sein – Schokolade. Wenig später sitzen wir auch schon mit den anderen Leuten auf dem Boden des extra für den Anlass leerstehen Parkhauses bei unserem Abendessen.

Um 19 Uhr ist Zeit fürs Abendgebet und die Leute versammeln sich in der riesigen St. Jakobshalle, deren Dunkelheit uns verschluckt, sobald wir sie betreten. Der gesamte Hallenboden ist mit kauernden und sitzenden Menschen bedeckt, die flüstern, lachen und in ihren Gesangsheftern blättern. In der Mitte der Halle knien die in weiss gekleideten Brüder aus Taizé und schauen still nach vorne, wo unzählige Kerzen um ein grosses Marienbild mit Jesuskind flackern. Die ersten Klänge ertönen, ein Chor beginnt zu singen und die Menschen um mich herum stimmen mit ein. Viele Anwesende kennen die Musik aus Taizé bereits: Es sind mehrstimmige, harmonische Lieder, die in vielen Sprachen gesungen werden können. Gebete werden von Frauen und Männern in mehrerern Sprachen laut gelesen und von den Zuhörerinnen und Zuhörern mitgemurmelt. Wer selbst nicht betet, wird still und horcht in sich hinein. Nach der Andacht und den Abschlussworten von Ordensbruder Alois, löst sich die Gemeinschaft zwei Stunden später langsam auf. Danach treten Karina und ich die Heimreise an – erschöpft, aber voll neuer Eindrücke.

Die Ökumene – ideologisch oder ganz praktisch?

Karina ist leider verhindert, aber ich kann nicht widerstehen und fahre am nächsten Tag erneut nach Basel. In meinem heutigen Thementreffen geht es um moderne Sklaverei. Zwei betroffene Leute erzählen ihre Lebensgeschichte. Viele aus dem Publikum sind bestürzt. Ich sehe, wie das Mädchen neben mir den Kopf senkt und weint. Die Organisatoren rufen dazu auf, mit offenen Augen durch das Leben zu gehen, um Ungerechtigkeiten zu erkennen.

Abends bin ich mit Seraina, meiner Bekannten aus Basel, verabredet und irgendwie findet sie mich in dem Getümmel vor der Halle. Sie lacht, als ich ihr von den mit Taizé-Besuchern überfüllten Trams berichte, und meint, die Basler würden das schon ein Weilchen aushalten. Dass sich die Stadt in diesen Tagen für so viele Leute öffnet, findet sie toll, und darum sei sie auch im Organisationsteam mit dabei.

Fürs Abendgebet finden wir Platz auf der Tribüne in der Halle. Der Abend verläuft so feierlich wie der vergangene. Bruder Alois spricht heute einprägsame Worte: Orthodoxe, Katholiken und Protestanten sollen sich zusammenfinden und den Prozess der wiedervereinten Kirche vorantreiben. Das ist ein zentrales Anliegen der ökumenischen Kommunität. Er sagt nicht, wie er sich das genau vorstellt und ich frage mich, ob das so endgültig möglich sein kann. Das diskutieren Seraina und ich auch mit Piet, der uns nach dem Gebet in der Menge entdeckt hat. Er und auch Seraina sind skeptisch der Umsetzung gegenüber, aber wir sind uns einig, dass ja schon ein Anlass wie dieses Jugendtreffen zeigt, dass ein Miteinander zumindest in diesem Rahmen funktionieren kann.

Nachdem sich Seraina verabschiedet hat, um einen ihrer Gäste zu suchen, stellt mir Piet seine Mitbewohner vor, Maxime aus Lille und James aus Seattle. Da keiner von uns Lust hat, schon nach Hause zu gehen, lassen wir den Abend noch bei einem Schlummertrunk ausklingen. Ich merke, wie gut einem ein wenig Internationalität tun kann, mal Leuten aus anderen Gegenden zuzuhören und ihnen von sich zu erzählen und mal wieder ein wenig Englisch oder Französisch zu sprechen… Um genau diesen zwischenmenschlichen Austausch geht es neben den religiösen Inhalten wohl auch. Denn egal ob gläubig oder nicht, in diesen Tagen haben wohl die meisten irgendeinen gemeinsamen Nenner gefunden.

Die Kommunität Taizé


Die Communité de Taizé ist ein internationaler, ökumenischer Orden in Frankreich. Sein Markenzeichen sind vor allem die mehrstimmigen und -sprachigen Kirchenlieder und die seit den Siebzigerjahren regelmässig organisierten Jugendtreffen in verschiedenen Metropolen de Welt. Als Teil der ökumenischen Bewegung setzt sich die Kommunität für den Dialog und die Einigung der verschiedenen christlichen Konfessionen ein.