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Massiv höheres Werbebudget bei den No-Billag-Gegnern

Die No-Billag-Initiative polarisiert: Noch nie wurde ein Abstimmungskampf derart früh gestartet und schon lange nicht mehr generierte eine Initiative ein solches Medienecho. Bereits vier Monate vor der Abstimmung verzeichnete das Kommunikationsforschungsunternehmen Media Focus an einem Tag über 500 Tweets zur Initiative und seither nahm das Niveau nur zwischenzeitlich ab. Wenige Tage vor dem Abstimmungssonntag veröffentlicht Media Focus nun erstmals Zahlen zu den Werbeaktivitäten der beiden Lager. Dabei zeigt sich, dass die Initianten in Sachen Werbung einem übermächtigen Gegner gegenüberstehen. Im Januar gingen 93 Prozent des Bruttowerbedrucks auf das Konto der No-Billag-Gegner. Ein kurzes Zahlenbeispiel veranschaulicht die Brisanz dieser Zahl: Angenommen im Januar wurden insgesamt 1’000 Franken brutto für No-Billag-Werbung ausgegeben (egal, ob für das Ja- oder Nein-Lager), dann wurden 70 Franken von den Initianten ausgegeben und satte 930 Franken von den No-Billag-Gegnern. In die Realität übertragen, müssen lediglich ein paar Nullen angehängt werden: Haben die Initianten im ganzen Monat Januar lediglich rund 70’000 Franken investiert, gaben die Gegner ca. 930’000 Franken brutto für Werbung aus. Da lediglich die Brutto-Daten ausgewiesen werden, sind die absoluten Zahlen mit Vorsicht zu geniessen und entsprechen nicht der in Tat und Wahrheit ausgegebenen Frankenbeträgen. Schaltete ein Lager beispielsweise ein Zeitungsinserat, wird der «Katalogpreis» für ein Inserat in dieser Grösse ausgewiesen. Allfällige Mengenrabatte oder besondere Konditionen werden nicht erfasst, weshalb die Bruttozahlen zu hoch sind. Die Verhältnisse bleiben aber durchaus vergleichbar und das ist entscheidend.

Kulturschaffende unter sich

Die Januarzahlen zeigen weiter, auf welchen Kanälen die beiden Lager ihre Botschaften ausspielten. Während die Initianten einzig auf Printinserate setzten, dominierte beim Nein-Lager eine Plakatkampagne, gefolgt von Printinseraten. Verhältnismässig viel Werbung wurde zudem in Kinos geschaltet, weil dort tendenziell kulturell-interessierte StimmbürgerInnen angesprochen werden können. Zusätzlich unterstützen viele Kulturschaffende den Aufruf «No Billag, No Culture», der sich für ein Nein am 4. März einsetzt. Der Schweizerische Verband für Kino und Filmverleih, ProCinema, dem weitere acht Kinoverbände und -Unternehmen angehören, ist auf der No Billag, No Culture-Webseite ebenfalls als Unterstützer aufgelistet.

«Nicht alles, was zählt, kann gezählt werden, …

… und nicht alles, was gezählt werden kann, zählt.» Das Einstein-Zitat trifft den Nagel bei der Einordnung dieser Befunde so ziemlich auf den Kopf. Obwohl die Werbeverhältnisse klarer nicht sein könnten, kann über den Einfluss und die Wirkung von Plakatkampagnen und Print-Inseraten gestritten werden. Am 4. März zählen keine Abstimmungsplakate, sondern nur Wählerstimmen. Nichtsdestotrotz, die teilweise unbewusste und wiederholte Aufnahme von Werbeslogans, kann vor allem Spontanwähler beeinflussen. Wie zahlreich diese Wählergruppe nach diesem intensiven Abstimmungskampf noch ist, bleibt vorerst offen. Dass mit teuren Kampagnen alleine aber noch keine Abstimmungen gewonnen werden, mussten zuletzt die Wirtschaftsverbände im Frühjahr 2017 schmerzlich erfahren. Gemäss Media Focus sind die Werbeverhältnisse der Unternehmenssteuerreform 3 mit den Zahlen der aktuellen No-Billag Initiative vergleichbar. In Sicherheit wähnen sollten sich die No-Billag-Gegner aufgrund dieser jüngst publizierten Zahlen also noch nicht.

Der Klick in die falsche Richtung

Ein Klick auf ein sehr buntes Werbebild mit Fotos von zwei lachenden Kindern und ihren Eltern. Dazu der Text: «Iranians, we will never bomb your country / We ♥ You Iranians». Weiss und Blau, die Farben Israels. Grün und Weiss für den Iran. Dazu noch Rosa und Orange. Das Bild fällt sofort auf, weil es so einfach gemacht ist und die Farben nicht so recht zu einander passen wollen.
Bis vor Kurzem führte ein Klick darauf direkt auf eine Pornoseite. Na und? Schliesslich ist mehr als die Hälfte des Internets sexualisiert. Ein normaler Tag im verrückten Netz .Nicht ganz.

Zeitsprung ins Jahr 2012

Der Israelische Grafikdesigner Ronny Edry will ein Zeichen gegen den Hass setzten. Auslöser dafür ist der Konflikt zwischen Israel und dem Iran wegen dessen Atomprogramm. Viele Israelis fühlen sich bedroht. Die israelfeindliche Stimmung im Iran nimmt stark zu, befeuert vom damaligen Präsidenten Mahmud Ahmadinedschad. Ronny und seine Frau machen Fotos von sich und ihren Kindern. Damit entwerfen entwerfen sie bunte, fröhliche Poster, die sie bald darauf auf Facebook teilen. Auf der Internetseite Israelovesiran.com können Israelis und Iraner ihre eigenen Bilder für die Aktion einsenden. Der Aufruf wird international wahrgenommen (www.stern.de).

Die Dynamik des Internets

Genau dieses erste Bild von Ronny und seiner Familie findet sich heute auf der Seite www.info8.ch. Die ist laut eigenen Angaben ein «investigatives, unabhängiges Internetmedium aus dem Kanton Luzern, im Herzen der Schweiz». Betreiber ist der Luzerner Politiker und ehemalige Präsident der JSVP-Luzern, Anian Liebrand. Laut ihm ist «info8.ch» stillgelegt. Es seien auch nie Werbegelder geflossen. Das Banner sei wohl wegen eines Vortrags geschaltet worden, dessen Thema der Iran war. Man habe damals auf diese Aktion aufmerksam machen wollen.

Bunt und fröhlich: Das Banner (rechts) auf info8.ch.

Dieses eigentlich harmlose Bild verlinkt auf zwielichtige Erotik. Wieso? Die Antwort ist: das Internet gleicht einem Marktplatz. Domains, also die Namen und somit Adressen von Seiten, werden von zahllosen Firmen global gehandelt. Eine Domain ist – je nach Namen – für sehr wenig Geld zu haben. Auch der Name israelovesiran.com wurde gekauft und für einen anderen Zweck gebraucht.

Das Problem im freien Netz

An sich wäre dies kein Problem. Allerdings bleiben alte Links weiterhin intakt. Jeder Blog, jede Website, die bisher auf die «originiale» Seite von Israelovesiran.com verlinkt hat, tut das auch weiterhin. Vom Bild mit Kindergesichtern zum Porno. Nicht gerade passend. Das betrifft die, die eine eigene Seite betreiben und alle die einen Blog haben. Jeden geteilten Link auf Facebook.
Auch Anian Liebrand betont, dieses Beispiel zeige genau die Problematik des Netztes auf. Da könne irgendjemand eine Domain ändern. Wenn man diese Links nicht anpasse, verlinke man dann immer noch drauf.
Mittlerweile lässt sich die URL israelovesiran.com nicht mehr aufrufen. Gibt man sie heute im Browser ein, wird man neu auf eine andere Seite namens lokth.net. Die neue Seite ist weniger pikant bebildert. Wer allerdings kurz mit dem Google-Übersetzer spielt (oder Arabisch versteht), merkt, auch hier geht es am Ende wieder um das Eine.

Alles beginnt mit einem Kinderwunsch

Immer wieder wird über das Adoptionsrecht gesprochen und über Veränderungen debattiert. Aber wie verlief eine Adoption vor knapp einem halben Jahrhundert Jahren? Desirée und ihr mittlerweile verstorbener Mann haben vor 47 Jahren ein Kind adoptiert. Desirée erzählt.

Erzähl mir von eurer Entscheidung, ein Kind zu adoptieren.

Es stand schon früh fest, dass ich und mein Partner keine eigenen Kinder bekommen konnten. Wir wollten aber unbedingt ein Kind. So war für uns klar, dass wir ein Kind adoptieren möchten.

Was geschah bis zum ersten Treffen?

Zuerst haben wir uns beim entsprechenden Amt in Zürich angemeldet. Nach etwa zwei Jahren haben wir durch Zufall erfahren, dass unser Antrag beiseitegelegt wurde, da mein Mann katholisch und ich reformiert war. Das sah man im Jahr 1970 nicht gerne. Da es seinerzeit so war, dass auf ein Kind fünf Ehepaare fallen, dauerte die Adoption in unserem Fall viel länger. Das Amt hat unsere Akte schliesslich doch wieder hervorgeholt und dann hiess es plötzlich, dass wir unser Kind besuchen gehen können.

Was waren die Schritte bis zur Adoption?

Nach dem Treffen konnten wir entscheiden, ob wir Cyril adoptieren möchten. Wir fanden es gut. Wir haben Cyril so aufgenommen, als wäre er unser leiblicher Sohn. Es ist eigenartig, wir hatten beide keine Probleme damit. Damals war er bei Pflegeeltern untergebracht. Wir haben Cyril mit zwei Monaten kennengelernt. Wir, also vor allem ich, haben ihn jeden Tag besucht, gewickelt, gefüttert und so weiter, damit wir uns kennenlernen konnten. Als künftige Eltern wurden wir auf Herz und Nieren geprüft, ob wir fähig sind, ein Kind zu erziehen. Mein Mann und ich mussten viele schriftliche Fragen beantworten, und wir wurden ständig kontrolliert, bis die Adoption zustande gekommen ist. Nach etwa vier Monaten konnten wir unseren Sohn zu uns nach Hause holen. Es lief von Anfang an sehr gut, aber wir hatten zwischendurch auch harte Zeiten.

Sollten die Eltern bei einer Adoption ein gewisses Alter haben?

Wir waren damals seit fünf Jahren verheiratet. Ich war 32 Jahre alt und mein Mann 39 Jahre alt. Ein gewisses Alter ist sicher eine gute Voraussetzung. Aber meiner Meinung nach kann man auch mit 30 Jahren ein Kind adoptieren. Diese Adoption hatte uns nicht nur einen Sohn gebracht, sondern auch eine grosse Erfahrung.

Tinkjunior dankt Desirée für das Gespräch.


Adoption- noch ein Trend?

Die Adoptionsanfrage geht stark zurück zum Vergleich von den letzten Jahren- Schweizer adoptieren immer weniger.

Voraussetzungen für eine Adoption in der Schweiz:

  • Adoptionsinteressierte müssen mindestens 28 Jahre alt sein sowie 16 Jahre älter als das zu adoptierende Kind.
  • Ehegatten können nur gemeinschaftlich adoptieren.
  • Sie müssen seit mindestens drei Jahren einen gemeinsamen Haushalt führen. Geschwistern ist die gemeinschaftliche Adoption nicht erlaubt.
  • Gleichgeschlechtlichen Paaren ist in der Schweiz nur die Stiefkindadoption erlaubt.

Der nachhaltige Filmtipp – Minimalism

Die heutige Gesellschaft ist ständig auf der Jagd. Auf der Jagd nach dem neuesten Smartphone, dem neuen Paar Nikes, dem grösseren Auto. Viel Zeit wird damit verbracht, Produkten nachzujagen, in der Hoffnung, dass sie zu einem glücklicheren Leben führen. Das Problem ist nur, wir ertrinken in unseren Besitztümern und streben trotzdem ständig nach mehr. Es entsteht ein Teufelskreis aus Arbeit und sinnlosem Konsum. Wie kann man es schaffen aus diesem Sog auszubrechen?

Stell dir ein Leben vor mit weniger Stress, weniger Ablenkung, weniger Gegenständen. Ein Leben mit mehr Leidenschaft, mehr Beziehungen, mehr Zeit für die wesentlichen Dinge im Leben. Die beiden Amerikaner Joshua Fields Millburn und Ryan Nicodemus haben sich von fast all ihrem Besitz getrennt, um ein einfacheres, minimalistisches Leben zu führen. Ihre Erfahrungen haben sie im Dokumentarfilm «Minimalism» festgehalten. Dieser wurde zurecht als bester Indiefilm 2016 ausgezeichnet.

Ungestilltes Verlangen

Die meisten Menschen haben eine Vorstellung davon oder glauben zu wissen, wie ihr Leben sein sollte und was sie glücklich macht. Geprägt werden wir alle durch Filme, Bücher und aus der Werbung, der wir uns nur schwer entziehen können. Die Werbeindustrie sorgt dafür, dass wir immer mehr wollen und das Verlangen nach mehr nie aufhört. Und der ganze Konsum ist nicht ohne verheerende Folgen, denn ein Amerikaner produziert durchschnittlich zwei Kilogramm Abfall pro Tag.

Weniger ist Mehr

«Minimalism» nimmt die Zuschauer mit auf eine Reise zu Menschen, welche mit wenig Besitz und wenig Platz auskommen. Der Film inspiriert, sich von Dingen zu trennen, die man nicht braucht und herauszufinden, was das Leben wirklich bereichert. Ein starker und mutmachender Film, der lange nachhallt und uns daran erinnert, was wirklich wichtig ist. Denn weniger ist mehr.


Dieser Artikel wurde verfassung von Filme für die Erde.

Der Film kann als Video on Demand auf der Filmseite Minimalism angeschaut werden.

Überleben in der Hölle

Ismail Alabdullah ist Weisshelm in Aleppo. In einer Live-Schaltung erzählte er über seine Arbeit.

Die direkte Verbindung nach Aleppo brachte das Geschehen im Bürgerkriegsland Syrien in eine greifbare Nähe und man brauchteeinen Moment, um die Eindrücke zu verarbeiten und über das Gehörte nachzudenken. Ein interessanter, wenn auch zugleich sehr aufwühlender Abend.

Die Helden in Weiss

Die Weisshelme sind eine private Zivilschutzorganisation, die 2013 von 3000 Freiwilligen ins Leben gerufen wurde. Freiwillige Männer, welche in Syrien helfen wo sie können und somit an ihre Grenzen gehen.

Ihr Ziel ist es kurzfristig so viele Leben wie möglich zu retten und langfristig Syrien als ehemals friedliches, stabiles und wohlhabendes Land wieder aufzubauen. Sie gehören weder dem Assad – Regime noch der Opposition an, sind also nach eigener Aussage politisch neutral und es ist ihnen auch egal, auf welcher Seite die von ihnen geretteten Menschen stehen.

Die Zivilschutzorganisation dokumentiert alle Verbrechen des Regimes und hat somit Assad schnell gegen sich aufgebracht.

Hinzu kommt, dass sie von westlichen Ländern wie den USA, Grossbritannien, Japan und den Niedrlanden finanziert werden. Somit dürfen sie nur in den von den Rebellen kontrollierten Gebieten aktiv sein und es werden oft gezielt Anschläge auf sie verübt. Anschläge von Seiten des Regimes oder der Terrororganisation Islamischer Staat (IS).

Beinahe 100’000 gerettete Leben…

Seit 2013 haben sie, nach eigenen Angaben, bereits über 99’000 Leben gerettet, darunter sehr viele Kinder. Doch nach wie vor gibt es unzählige Opfer, die meisten davon getötet durch die von Flugzeugen abgeworfenen Fassbomben des Regimes. Diese sind billig herzustellen und bestehen zum einen aus Sprengstoff, zum anderen aus Metallteilen. Sie zerfetzen alles, was sich in ihrer Nähe befindet.

Auch andere international geächtete Waffen kommen zum Einsatz, wie der Chemiewaffenangriff am 4. April 2017 in der Stadt Chan Schaichun zeigt. Wer den Angriff verübt hat, ist nach wie vor umstritten.

..und noch mehr Tote

Schätzungsweise über 400’000 Menschen wurden in dem sechsjährigen Krieg bereits getötet.

Dabei ging es Anfangs darum, friedlich zu protestieren, um die Forderung, Syrien zu einer Demokratie zu machen und ein menschenwürdiges Leben für alle zu erreichen. Ohne Unterdrückung, Angst und Diktatur.

Sehr umstritten

Es ist jedoch nicht alles Gold was glänzt – die hehre Absicht der Weisshelme wird von Kritikern auch stark bezweifelt. Es wird ihnen vorgeworfen, der Terrororganisation Al-Kaida nahe zu stehen und Propaganda der westlichen Länder gegen Russland und das syrische Regime zu betreiben. Tatsächlich wurde im Film ausschliesslich von russischen Fluzeugen gesprochen, wenn irgendwo eine Bombe fiel und wie oben bereits erwähnt, wird die Organisation durch den Westen mit Millionenbeträgen «gesponsert». Es gibt also doch so einige kritische Stimmen über die Helden von Syrien.

Wir hatten die Möglichkeit, Ismail ein paar Fragen zu stellen, welche er uns beantwortete. Während des Gesprächs wurde mir bewusst, dass wir wirklich keine Vorstellungen vom Leid dieser Menschen haben. Manche der Fragen erschienen sehr naiv. Wir wissen nicht, wie es in diesem Land wirklich aussieht und was dort tagtäglich geschieht. Das Einizige, dass wir wissen ist, was uns die Medien präsentieren.

Ismail, was ist deine Motivation und wie behältst du die Hoffnung?
Meine Motivation erhalte ich durch das Helfen, ich werde gebraucht. Die Bevölkerung Syriens benötigt meine Hilfe, ich kann das Leiden meiner Mitmenschen lindern. Durch jedes einzelne Leben das ich retten kann, behalte ich auch die Hoffnung. Jeder Mensch, den wir lebend bergen können gibt mir neue Zuversicht und stärkt den Glauben an einen zukünftigen Frieden.

Was hält deine Familie davon, dass du tagtäglich dein Leben riskierst?
Meine Familie ist stolz auf mich und auf das, was ich mache. Klar machen sie sich alle Sorgen, da es sehr gefährlich ist – aber im Moment ist es in Syrien überall gefährlich.

Warum flüchtest du nicht und wie überlebt ihr ohne Einkommen?
Es war und ist meine Entscheidung, hier zu bleiben und zu helfen, wo ich kann. Es ist das, was meine Menschlichkeit ausmacht. Ich kann die Menschen nicht leiden sehen und hätte wohl das Gefühl, sie im Stich zu lassen. Wir schauen alle aufeinander. Es ist nicht immer leicht, aber wir leben noch.

Erhaltet ihr psychologische Hilfe?
Nein! Wie auch?Unsere Hilfe ist die Hoffnung, die Menschen leben und lächeln zu sehen. So etwas wie psychologische Hilfe braucht und gibt es nicht, denn wir werden mehr gebraucht den je.

Wo erhaltet ihr medizinische Hilfe her?
Meist aus der Türkei, dort wurden wir auch ausgebildet und in unseren Fähigkeiten als Rettungskräfte geschult.

Ist ein normales Leben überhaupt noch möglich?
(lacht) Nein, das ist es nicht. Mütter lassen ihre Kinder nicht mehr zur Schule und viele gehen auch nicht in die Spitäler, sie haben Angst vor Bombenangriffen. Viele Krankenhäuser waren Ziel von Anschlägen.

Was war dein eindrücklichstes Erlebnis?
Einmal gab es eine Explosion in einem Haus. Eine alte Frau war noch in dem Gebäude. Wir arbeiteten Stunden um Stunden um den Schutt weg zu tragen und sie auszugraben. Nach mehr als fünfzehn Stunden hatten wir es endlich geschafft. Die Frau war noch am Leben! Das war echt ein Wunder!

Wieso sind bei den Weisshelmen nur Männer und keine Frauen?
Die Frauen sind eher bei der Ambulanz oder leisten Erste Hilfe. Viele kümmern sich um das seelische Wohl der Menschen.

Der Dokumentarfilm «Die Weisshelme» erzählte 2015 von euren Einsätzen. Was haltet ihr von dem Film und wie ist die Lage jetzt im Gegensatz zu damals?
Wir waren ehrlich gesagt etwas enttäuscht. Der Film zeigte nur einen Teil der Realität, denn in Wirklichkeit war es sehr viel schlimmer. Es war die Hölle. Nun ist es ganz anders als noch im 2015. Es ist ruhiger und die Bombenanschläge haben etwas abgenommen. Aber es gibt Gerüchte über Kämpfe auf dem Land, also warten wir. Wir sind uns fast sicher, dass es noch weitere Anschläge geben wird.

Es heisst, ihr dokumentiert alles, was die Regierung an Verbrechen ausübt. Wie macht ihr das?
Wir versuchen, einfach alles zu dokumentieren. Alle Namen, die Anzahl Opfer, die Zahl der Luftangriffe und aller Angriffe überhaupt.

Ismail verabschiedete sich von uns und wir blieben mit unseren Gedanken in Bern zurück. Einig darüber, dass es unglaublich ist, was die Menschen in Syrien und anderswo täglich leisten. Es ist tragisch, dulden wir solche Kriege weiterhin. Mittlerweile geht es nicht mehr darum, eine Demokratie zu errichten, mittlerweile ist der Krieg zu einem internationalen Politikum geworden, zu einem Machtspiel zahlreicher Nationen. Tragisch, dulden wir solchen Hass und solche Habgier auf der Welt. Tragisch, verlieren wir unsere Menschlichkeit Tag für Tag ein Stück mehr. Werden wir Tag für Tag ein Stück gleichgültiger.

Integration funktioniert nicht über Regeln

Das Stück war ein hübscher Erfolg. Das Publikum liess nicht auf sich warten und füllte den Theatersaal über drei Vorstellungen hinweg. Das war «Zeitwerk» am Theater Käfigturm.

Mehr noch aber als die Zahl der Zuschauer*innen oder die Darbietung der Schauspieler*innen war es die Idee von Graziella Cisternino, die das Projekt zum Erfolg geführt hatte. Cisterninos Ziel: Minoritäten, Migrant*innen, Personen mit einer Behinderung, aus unterschiedlichen Kulturen oder mit verschiedenen sexuellen Orientierungen mittels Theater zu unterstützen.

So hatten mehr als die Hälfte der Schauspieler*innen einen Migrationshintergrund oder sind Doppelbürger*innen. Auch ihr Alter und soziale Herkunft schien sehr unterschiedlich.

«Am Anfang war das eine grosse Herausforderung für mich, vor allem wegen der Sprache», erklärt Priscila, die vor einigen Jahren aus Spanien in die Schweiz gekommen ist und schon seit drei Jahren bei «Zeitwerk» mitwirkt. «Aber gerade das Theater hat mir geholfen, viel schneller Deutsch zu lernen.» Das Projekt sei super, weil alle in die Entscheidungen miteinbezogen würden, weil alles sehr offen und flexibel sei, so Priscila.

«Alles hat extrem gut funktioniert», freut sich Graziella. «Die Integration ist hier von selbst passiert.» Die Teilnehmer*innen hätten viele Aktivitäten gar ausserhalb der Proben organisiert und sich gelegentlich zu Anlässen wie einer Geburtstagsfeier getroffen. Eine junge syrische Migrantin habe vor zwei Wochen dank ihrer neuen Freunde das Raclette entdeckt.

Ein Jahr harte Arbeit, die letztes Wochenende schliesslich ihre Früchte trug. Am Anfang stand jedoch die Rekrutierung der Schauspieler*innen. Das war alles andere als einfach. Die Schwierigkeit: Unterschiedliche Profile von Personen zu finden. Denn einige Migrant*innen getrauten sich aus Schüchternheit nicht mitzumachen oder weil sie nicht genügend in ihre eigenen Deutschkenntnisse vertrauten. Doch die Offenheit der Schauspieler*innen hat sich schliesslich ausbezahlt.

«Es ist nicht notwendig, die Sprache zu beherrschen», merkt Cisternino an. «Einige Rollen beinhalten fast keinen Dialog, leben hingegen von der Mimik. Wir hatten einen solchen Fall mit einer jungen Flüchtlingsfrau.» Schliesslich habe sie das ganze Jahr aber solche Fortschritte gemacht, dass man ihre Figur sprechen machen konnte.

Dank ihrer Ausbildung im sozialen Bereich hat Cisterno gemerkt, dass die Integration von Minderheiten und das Zusammenfinden von Leuten verschiedener Herkunft weit besser über Kreativität passiert als über Regeln. Diese Einsicht wollte sie deshalb mit dem Projekt «Interperfekt» in die Tat umsetzen. Das Theater erlaubt ihr nun, das Publikum zu berühren und mit der Gesellschaft zu kommunizieren.

Und die Schauspieler*innen, welche den Kontakt aufrecht erhalten wollen, beweisen, dass die Integrations-Wagnis von Cisternino tatsächlich aufgegangen ist.

Übersetzt aus dem Französischen von Michael Scheurer. Hier findest du den Originaltext.

Der nachhaltige Filmtipp – A Plastic Ocean

Als sich Craig Leeson, preisgekrönter Journalist, Fernsehmoderator und Filmemacher, auf die Suche nach Blauwalen macht, findet er nicht nur unberührte Natur, sondern überall herumschwimmendes Plastik. Er ist fassungslos und geht gemeinsam mit einem Team von Wissenschaftlern und Aktivisten auf Expedition rund um die Erde, um den Zustand unserer Ozeane zu zeigen. Über fünf Jahre hinweg recherchierte und filmte das Team an 20 verschiedenen Orten rund um die Erde. Das Ergebnis sind eindrucksvolle Aufnahmen, welche die globalen Effekte der Plastikverschmutzung dokumentieren.
Über 8 Millionen Tonnen Plastik gelangt jedes Jahr in unsere Ozeane. Sogar noch auf 1600 Metern Meerestiefe liegen gut erhaltene Plastikflaschen. Wissenschaftler schätzen, dass mittlerweile 5 Trillionen Plastikteilchen in den Weltmeeren schwimmen. Sobald Plastik in Meer landet, zerfällt es in immer kleinere Partikel und gelangt so automatisch in die Nahrungskette der Bewohner.
„A Plastic Ocean“ zeigt aber auch schon funktionierende Lösungen wie zum Beispiel das Verbot von Plastiktüten in Ruanda oder die Plastik Bank, die soziale Recyclingsysteme in Entwicklungsländern einführt.

„From knowing comes caring and from caring comes change“ (Craig Leeson)


Dieser Artikel wurde verfasst von Filme für die Erde.

Filme für die Erde stellt diesen Film exklusiv als Weihnachtsgeschenk allen Leser/Innen in der Schweiz und Liechtenstein online zur Verfügung. Einloggen, den Film gratis anschauen und weitergeben unter www.FILMEfürdieERDE.org/plastic.

«Als würde die Welt brechen»

Mexico City. «Stark und vereinigt», so beschreibt die Mexikanerin Naima (15) die Hauptstadt von Mexico nach dem Erdbeben.

«Ich hatte Englischunterricht und schrieb gerade meine Antworten im Buch auf, als alles begann», antwortet Naima auf die Frage, wo sie war, als die Erde zu zittern begann. Am 19. September verursachte ein Erdbeben der Stärke 7,1 grosse Schäden in Zentralmexico. Am stärksten traf es die Hauptstadt, Mexico City. Nach Angaben der Regierung starben mehr als 220 Menschen. Darunter gehören etwa auch 20 Schüler*Innen, die in einem eingestürzten Schulhaus starben. Naima erzählt: «Ich blieb zwei Wochen zu Hause, danach konnte ich endlich wieder in die Schule». Tausende Gebäude stürzten ein. Immer wieder wurde Mexico von Nachbeben heimgesucht. Das stärkste Nachbeben wurde mit 4,9 gemessen. Zwei Stunden vor dem ersten Erdbeben hatte es noch eine große Katastrophenübung mit Evakuierungen gegeben, um das Verhalten für den Fall eines erneuten Erdbebens zu trainieren.

Freiwillige Helfer suchten mit blossen Händen oder Schaufeln nach lebendigen Personen. Nach Gehör versuchten sie, Vermisste ausfindig zu machen. Es wurden Scheinwerfer aufgestellt, damit Einwohner und Hilfskräfte aus der ganze Welt, auch wenn es dunkel wird, weitersuchen können. Jede Sekunde zählt für ein Menschenleben. «Unsere Prioritäten sind, vermisste Personen zu finden und medizinische Vorsorge für Verletzte zu erhalten» verkündigte der Präsident von Mexico. Mit unter den Helfern war Frida.

Such Frida, such!

Die Labradorhündin kämpfte zwischen Trümmer und Schutt in Mexico um Menschenleben. Mit Aussicht auf Erfolg! In ihrem kurzen Leben hat sie bereits 52 Menschen aus den Trümmern in Mexico City das Leben gerettet. Sie suchte dort, wo die menschlichen Retter nicht hinkommen. Wegen ihres guten Spürsinnes werden Hunde oft bei solchen Naturkatastrophen eingesetzt. Mit speziell angefertigten Schutzbrillen und kleinen Schuhen machte Frida sich auf, Leben zu retten. Die Hündin wurde von der mexikanischen Marine ausgebildet. Wie viele Menschen sie bei diesem Katastrophenerdbeben gerettet hat, ist noch unklar. Im Netz ist sie bereits eine grosse Heldin. Frida bekam nicht nur von den Mexikaner ein Dankeschön, sondern sogar von dem Präsident.

Enrique Peña Nieto bedankte sich auf Twitter bei Frida. Ausserdem fordert der Präsident von Mexico in einer Videobotschaft: «Sofern die Häuser sicher sind, ist es wichtig, dass die Bevölkerung drinnen bleibt, um die Straßen für Krankenwagen freizuhalten und die Arbeit der Rettungshelfer zu erleichtern». Mexico City ist eine der grössten Städte der Welt und hat entsprechend viel Verkehr. Zu dem Verkehr gehört natürlich auch der Flughafen. Der Flugverkehr wurde eingestellt und es wurde von der Regierung davor gewarnt, Aufzüge zu gebrauchen.

Wiederholung der Geschichte

Exakt am selben Tag vor 32 Jahren, im Jahr 1985, wurde das Land von einem noch stärkeren Erdbeben erschüttert. Damals kamen 10’000 Menschen ums Leben. Das erste Erdbeben wurde mit der Stärke 8, 1 gemessen und das Erdbeben 36 Stunden später mit 7,5. Seit diesem Tag wurden die Bauvorschriften verschärft. «Ich konnte mir gut vorstellen, dass die Menschen sehr verängstigt waren. Meine Mutter erlebte das Erdbeben damals. Es gab kein Licht, kein Wasser und kein Telefon», meint Naima.

Zwölf Tage vor dem diesjährigen Erdbeben, am 7. September 2017, wurde bereits ein Gebiet 700 Kilometer von der Hauptstadt entfernt erschüttert. Dabei wurden mehr als 90 Menschen getötet. Die Stärke betrug sogar 8,2. «Ich erlebte bisher einmal ein kleineres Erdbeben. Wir haben in Mexico viele Erdbeben», sagt Naima. Aber warum wird Mexico oft von Erdbeben heimgesucht?

Grund der Katastrophen

Mexico hat weltweit die aktivsten Erdbebenzonen. Aber weswegen? Der Großteil des Landes liegt auf der sich westwärts bewegenden nordamerikanischen Erdplatte. Unter diese schiebt sich die langsam nach Nordosten wandernde Cocosplatte. Der Boden des Pazifischen Ozeans taucht so unter die mexikanische Landmasse ab. Das führt zu Reibungen und damit immer wieder zu Erschütterungen an der Südküste Mexikos.


Wie kann ich helfen?

Von Sachspenden direkt an betroffene Familien wird aufgrund von Diebstählen und Gewalttaten abgeraten. Aber Mexico braucht trotzdem Wasser, Essen und Medizin. Deshalb haben viele Organisationen Freiwillige, die am Einsatzort helfen. Auch www.savethechildren.ch oder www.cruzrojamexicana.org.mx sind angewiesen auf Spenden. Helft mit, Mexico zu helfen.

Das Interview wurde von unserer Tinkjunior-Reporterin auf Englisch geführt, mit Hilfe von Übersetzerin Alexandra Tellenbach.