Gesellschaft | 13.11.2018

Die Relevanz des einzelnen Menschenlebens

Text von Kristina Kraft
Noch bis am 27. Dezember kann man im Theater Basel die Aufführung des Romans «Der Mensch erscheint im Holozän» sehen. Interpretiert wurde das Stück von Regisseur Thom Luz, der diese einfache Erzählung in ihrer inhaltlichen Komplexität entfaltete.

Was ist das einzelne Menschenleben wert im Verlauf einer Erdgeschichte? Diese Frage holt einen ein – spätestens am Lebensende, wenn die Erinnerung langsam erlischt und man sich überlegt, was man eigentlich hinterlässt. Das Bedürfnis auch nach dem Tod zu wirken, einen relevanten Beitrag für die Menschheit geleistet zu haben und das krampfhafte Festhalten an Fähigkeiten und Wissen, die man sich über Jahrzehnte angeeignet hat, sind Themen, die das Werk von Max Frisch zeitlos machen.

Herr Geiser, ein 73-jähriger Rentner aus Basel, verwitwet, wohnhaft in einem Tal im Tessin, erlebt einen nicht enden wollenden Regenfall. Er schaut aus dem Fenster, schneidet wissenswerte Passagen aus einer Enzyklopädie und heftet diese an die Wand. Hin und wieder getraut er sich aus dem Haus ins Dorf oder unternimmt eine Wanderung, bekommt kurze Gesellschaft von einem Nachbarn, einer Katze und einem Lurch, sowie zuletzt von der Tochter. Erinnerungen an seine Familie, Gedanken über das Tal und den Alltag, Kalkulationen zu seinem Essensvorrat beschäftigen ihn. Max Frisch thematisiert den Sinn des Lebens und die Auseinandersetzung mit dem Tod über Motive der Banalität, Monotonie und Einsamkeit, sodass die Zeit während der Lektüre still zu stehen scheint.

Dem Regisseur Thom Luz gelang es, alle Erwartungen an eine Inszenierung des Buches zu brechen und die vorgegebenen stilistischen Mittel Max Frischs – namentlich die Singularität oder Reduktion von Rollen, Räumen und Handlungssträngen – in ihrer expliziten Nichtverwendung zuzuspitzen.

Das Publikum erlebt eine atemberaubende Vielfalt an szenischer Darstellung: 13 Schauspielende und zwei Pianisten vertonen auf vier sich drehenden Klavieren die Ereignisse sprachlich als auch musikalisch, während das Spiel mit Licht und Dunkelheit auf einer Drehbühne die wirre Gedankenwelt des Protagonisten entfalten.

Eine traurige und gleichzeitig komödiantische Stimmung zieht sich durch das Stück; Dynamik in Sprache, Musik und Licht halten die Zuschauerinnen und Zuschauer in Atem. Klaviermusik untermalt die Ereignisse; mal dramatisch, mal verspielt, hier und da monoton oder dissonant, dort und hier mit italienischer Lebenslust, bis hin zu dramatischem Chorgesang. Immer schneller sprechende Stimmen, hastiges Erzählen, Vorlesen, Einprägen von Lexikoneinträgen, bis hin zu Angst, Aggression, Resignation und schliesslich Frieden, hinterlassen beim Publikum ein Gefühlschaos; zeigen die Absurdität und Irrelevanz des einzelnen Lebens und stellen Fragen nach dessen Sinn.

Was (auf der Bühne) bleibt, sind die Hinterbliebenen, während ein Netzvorhang nach dem anderen die einzelne Person, ihre Erinnerung, ihr Wirken und Leben nach und nach verschleiert und so verblassen lässt.


‹Der Mensch erscheint im Holozän› ist bis am 27. Dezember 2018 im Theater Basel zu sehen.