Gesellschaft | 10.09.2018

Autisten, die Genies der Wissenschaft?

Text von Melanie Schmidt | Bilder von Pixabay
In Filmen und Serien werden Autistinnen und Autisten oft als Hochbegabte dargestellt. Nicht so in der Netflix-Produktion «Atypical» und dem Film «Please Stand By».
Autisten, die Genies der Wissenschaft?
Bild: Pixabay

Autismus ist eine Störung, die Menschen vor verschiedene Herausforderungen im Leben stellen kann. Es gibt unterschiedliche Formen von Autismus, wobei die «vier klassischen» Symptome bei allen vorkommen. Autistinnen und Autisten haben Schwierigkeiten zwischenmenschliche Beziehungen aufzubauen, zeigen immer wieder sich selbst angeeignete Verhaltensmuster auf, haben wenige Interessen und sind in ihrer Kommunikation mit anderen beeinträchtigt. Doch nicht alle sind gleichermassen auf Hilfe angewiesen: Während manche lebenslang Unterstützung brauchen, sind andere in der Lage ein weitegehend selbstständiges Leben zu führen.

In Filmen und Serien werden Autistinnen und Autisten oft als Hochbegabte oder Genies dargestellt, die sich mit zwischenmenschlichen Beziehungen schwer tun. Auffällig ist daran, dass sie oftmals Interesse an der Wissenschaft haben oder in diesem Bereich arbeiten. In «The Accountant» gibt sich ein mathematisches Genie als Steuerberater aus, arbeitet in Wahrheit jedoch für eine gefährliche Unterweltorganisation. In «Mercury Rising» knackt ein neunjähriger Junge einen scheinbar unlösbaren Code des Geheimdienstes. In «Rain Man» entdeckt ein Mann nach und nach die genialen Fähigkeiten seines autistischen Bruders und versucht diese auszunutzen.

Ausserdem wird in der Populärkultur oft eine Eigenschaft hervorgehoben, die als Inselbegabung bezeichnet wird, die bei Menschen mit Autismus mit erhöhter Wahrscheinlichkeit auftritt. Eine Inselbegabung bezeichnet eine aussergewöhnliche Fähigkeit in einem Teilbereich. Im Film «Rain Man» zeigt sich eine überdurchschnittliche Rechenbegabung des autistischen Protagonisten darin, dass er sogleich erkennt, dass nach dem Fall einer Packung Zahnstocher nun 46 Stück am Boden liegen.

Doch in der Netflix-Produktion «Atypical» und dem kürzlich auf Deutsch erschienenen Film «Please Stand By», wird dem Publikum ein anderes Bild von Autismus vermittelt. In der achtteiligen Netflix-Serie geht es um einen autistischen Teenager, der mit Mädchen ausgehen möchte. Immer wieder tritt er dabei in Fettnäpfchen und hat neben den alltäglichen Schwierigkeiten als Autist auch mit anderen typischen Teenagerproblemen, wie der Liebe oder dem Abschlussball, zu kämpfen. Ausnahmsweise wird ein Autist also nicht als Genie dargestellt, sondern als ganz normaler Teenager, der mit denselben Problemen zu kämpfen hat wie andere Jugendliche in seinem Alter.

Im Film «Please Stand By» begibt sich die Autistin Wendy auf den Weg nach Los Angeles, um ihr eigens geschriebenes Star Trek-Drehbuch bei einem Wettbewerb einzureichen. Der Haken daran: Wendy war noch nie alleine auf Reisen. Dass nicht alles so läuft, wie sie sich das vorstellt, wird schnell ersichtlich. Sei es als ihr Hund in den Bus uriniert und die Busfahrerin sie daraufhin rausschmeisst oder ein Pärchen ihr ganzes Geld und ihren iPod stiehlt.

In beiden Produktionen wird den Zuschauerinnen und Zuschauern ein Bild vermittelt von Menschen mit Autismus, die ihr Leben selbst in die Hand nehmen und versuchen über ihre eigenen Grenzen hinauszuwachsen. Sei es beim Versuch die Liebe zu finden oder bei einer Reise ganz auf sich alleine gestellt zu sein. Eine willkommene Abwechslung zu den gängigen Klischees. Denn Genies hin oder her: Autistinnen und Autisten haben letztendlich mit denselben Alltagsprobleme zu kämpfen wie Menschen, die nicht an der Störung leiden.