Gesellschaft | 20.07.2018

«Eine Provokation könnte die Versöhnungsprozesse erschüttern»

Text von Laura Dick | Bilder von Wikimedia
Wie viel wissen wir wirklich über die albanische Kultur und die kosovarische Geschichte? Wir sprechen darüber mit der Diplomassistentin Cecile Blaser in Europastudien der Universität Freiburg.
Bild: Wikimedia

Die Vergangenheit jagt uns immer. Einigen mehr als anderen, wie das albanische (historische und persönliche) Gedächtnis. Im Zuge der Kontroverse während der Weltmeisterschaft hat der Sekretär des Schweizerischen Fussballverbandes, Alex Miescher, erklärt, dass man die doppelte Staatsbürgerschaft für die Spitzensportler verboten sollte. Nationalität. Nationalismus. Nation. Der Wortschatz steht gerade auf dem Spiel. Die Versöhnung (vor allem aus Europa auf den juristische Ebene gefahren, wie zum Beispiel der Internationalen Strafgerichtshof für das ehemalige Jugoslawien, geschlossen in 2017, oder das Eulex-Programm) ist schon seit Jahren auf den Weg; aber welche Erinnerung an den Krieg im Kosovo bleibt? Wir haben versucht, eine Bilanz der Situation mit Cecile Blaser, Doktorandin an den Europastudien Departement der Universität Freiburg, zu ziehen, die derzeit den Begriff der Versöhnung in dieser Region in Vergleich zu dem Bespiel der deutsch-französischen Jugendwerks studiert.

Warum war Shaqiris Geste eine Beleidigung für das serbische Team?

Es handelt sich dabei um eine nationalistische Geste. Shaqiri, Xhaka und Lichtsteiner haben den Doppeladler gezeigt, welcher das Wappentier der Albaner und somit auch der Kosovoalbaner ist. Aufgrund des Konfliktes zwischen Serbien und Kosovo – wobei auch ein Teil von Kosovo von Serben und ein Teil von Serbien von einer albanischen Minderheit bevölkert ist – führt jede provokative Geste zu einer möglichen Eskalation/Erwärmung der noch nicht gelösten politischen, ethnischen und nationalistischen Auseinandersetzung. Insofern und aus Sicht der Serben, war die Geste der schweizerischen Nationalspieler eine nicht hinnehmbare Provokation, die auf einem Fussballplatz nichts zu suchen hat. Dass die schweizerisch-kosovarischen Nationalspieler, die traditionell sehr stark mit dem Kosovo verbunden sind, in einem Moment der Entspannung und des Triumphes diese Geste zeigen, ist zwar nachvollziehen, gerade wenn man sich der starken albanischen Kultur und des Stolzes bewusst ist. Die Geste ist dennoch zu verurteilen, unter anderem auch, da in der Schweizer Nationalmannschaft sowie in der Schweizer Bevölkerung und somit unter den Fans der Schweizer Nationalmannschaft einige Menschen mit serbischem Hintergrund sind. Die Schweiz steht nicht für den Kosovo, sondern für viel mehr. Zudem ist daran zu erinnern, dass bereits 2014, bei einem Qualifikationsspiel zwischen Serbien und Albanien für die Europameisterschaft 2016, in der 42. Minute mit einer Drohne die albanische Flagge ins Fussballstadion in Belgrad geflogen wurde. Dies führte zu heftigen Protesten. Die Schweizer Nationalmannschaft sollte nicht als Plattform für diesen Konflikt missbraucht werden.

Sollte die internationale Gemeinschaft Identitätsgesten in Bezug auf eine Vergangenheit von Konflikten, Kriegen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit verbieten?

Die Frage mag mit Ja beantwortet werden. Jedoch gilt es sich zu fragen, wer genau die «internationale Gemeinschaft « ist. Wer soll das verbieten? Durch welche Instanz? Mit welchen Druckmitteln? Auf diese Fragen gibt es keine eindeutigen Antworten.

Welche Erinnerung an den Krieg im Kosovo steht heute in Europa?

Es hängt sehr von den jeweiligen Ländern ab. In der Schweiz ist der Kosovo-Konflikt mit der Einwanderung vieler Kosovoalbaner verbunden, deswegen ist die Schweiz der Geschichte der Unabhängigkeit Kosovos sehr nahe. Es sei dabei an die Vorreiterrolle von der ehemaligen EDA-Chefin Micheline Calmy-Rey zu erinnern. In Deutschland geht der Kosovo-Konflikt auf eine prägende Entscheidung der damaligen rot-grünen Regierung zurück, als die grüne, traditionell pazifistische Partei mit ihrem amtierenden Aussenminister Joschka Fischer den historischen Beschluss fasste, die Bombardierung serbischer Militärziele mit deutscher Beteiligung zu billigen. In anderen europäischen Ländern ist die Erinnerung an den Kosovo-Krieg weniger präsent im Vergleich zu den Jugoslavienkriegen der Jahre 1992-1995.

Welche Erinnerung an den Krieg im Kosovo steht heute in Kosovo, Serbien und Albanien?

Die Wunden sind weitgehend noch nicht geheilt. Serbien steht vor der Türe zur EU und Albanien wurde gleichzeitig mit Mazedonien vor einigen Wochen – anlässlich des EU-Gipfels unter bulgarischer Ratspräsidentschaft – als Beitrittskandidat von der EU aufgenommen. Das Hauptproblem liegt in der ungelösten und heiklen Frage eines Grossalbaniens, das nicht nur aus serbischer Sicht als nicht wünschenswert angesehen wird – ein Grossalbanien könnte die ohnehin sehr fragile Lage in dieser Region aus der Balance bringen.

In welchem Stadium ist die Versöhnung heute?

«Der politische Willen zu Versöhnungsprozessen mag zwar vorhanden sein, bleibt aber von vielen Komponenten und Ereignissen abhängig, wie beispielsweise nationalistische Provokationen, die das ohnehin sehr wacklige Gerüst dieser eben genannten Versöhnungsprozesse ins Wanken bringen können. Deswegen ist bei dieser Frage Vorsicht geboten, um nicht zu optimistische Rückschlüsse zu ziehen. » Das Eulex-Programm der EU beispielsweise war ein europäisches Programm, das dem neu ausgerufenen unabhängigen Staat Kosovo helfen sollte, eine Rechtsstaatlichkeit zu schaffen. «Ich möchte nicht zu viel zu Eulex sagen, da die EU-Kosovo-Mission gerade erst zu einem Ende kam und noch offen ist, was sie der Region tatsächlich gebracht hat», sagt Cecile. «Eulex sollte als Garantie für einen rechtlichen Rahmen im Kosovo dienen, damit die Sicherheit der Bevölkerung und des Territoriums gewährleistet ist. Eulex war als Instrument, nicht als Endziel gedacht und sollte dem vorhandenen Frieden dienen und nicht als Modell für eine Friedenslösung.»

Was denkst du persönlich über das Gewissen des Konflikts?

Im Allgemeinen wird in Serbien und besonders im Kosovo die Geschichte des Konflikts in den Schulen nicht gelernt. Die Erinnerung daran wird von Generation zu Generation durch Familienbanden weitergegeben. Auch wenn in Europa immer wieder vergessen geht, dass nach 1945 nochmals sehr blutige Kriege auf unseren Kontinenten getobt haben, hat sich die die Forschung in den letzten fünf Jahren mehr und mehr den Jugoslawienkriegen angenommen. Mich überrascht aber immer wieder, wie wenig Wissen über die serbokroatische oder albanische Kultur und Vergangenheit in der Schweiz vorhanden ist, obwohl wir in unserem Alltag doch so stark mit Menschen aus dieser Region verbunden sind.