23.04.2018

Leben wir in schlimmen Zeiten?

Text von Joel Zimmerli | Bilder von Gerd Altmann
Wer die weltpolitischen Geschehnisse der letzten Tage mitverfolgt ist schnell dazu geneigt ein düsteres Bild unserer Gegenwart zu zeichnen. Ein Blick in die Vergangenheit kann helfen Schwarzmalerei und den vorherrschenden Gegenwartspessimismus zu relativieren.
Bild: Gerd Altmann

«In was für schlimmen Zeiten wir doch leben!» Ein Satz, den ich in Zug, Bus, Kaffees und vielen anderen öffentlichen Orten immer wieder aufschnappe, wenn ich zum unfreiwilligen Zuhörer von lauten Konversationen werde. Die Grundlage für diese Behauptungen ist breit gefächert. Von Terroranschlägen, bewaffneten Konflikten bis hin zu Flüchtlingsströmen, ergibt sich eine bunte Palette als Ursprung für Angst und Verunsicherung. Dürfen wir aber, in der ruhigen Schweizer Alpenidylle, mit genügend Sicherheitsabstand zu obigen Problematiken, die Gegenwart überhaupt als «schlimme Zeit» betiteln? Wir leben im Herzen eines Europas, das gerade die längste Friedensphase seiner Geschichte durchlebt, auch wenn der Begriff «lang» eine fast schon zynisch kurze Zeitspanne umfasst. Der Generationenwechsel lässt die Erfahrungen und Erinnerungen an das Leid und die Entbehrungen, die während den beiden Weltkriegen durchgestanden werden mussten, langsam verschwinden. 2014 wurden die letzten Sprengstoffladungen entschärft, welche die Armee während des Kalten Krieges installiert hatte, um Strassen, Tunnels und Brücken, im damals durchaus berechtigten Szenario eines Einmarsches von Truppen des Warschauer Paktes, in die Luft jagen zu können. Auch Terroranschläge sind keineswegs ein Phänomen, mit dem sich die Schweiz erst in den letzten Jahren konfrontiert sah. So kostete beispielsweise ein Paketbombenanschlag der «Volksfront zur Befreiung Palästinas» (PFLP) auf eine Swissair-Maschine 1970 über Würenlingen 47 Menschen das Leben. Als letzter Punkt dieser tristen Aufzählung sind auch Flüchtlingsströme nicht erst seit dem Beginn des syrischen Bürgerkriegs eine Problematik. Der Jugoslawienkrieg der 1990er-Jahre, mit seinen zivilen Opfern, Massenvertreibungen, ethnischen Säuberungen, Völkermord und diversen anderen Kriegsverbrechen, der Hunderttausende zur Flucht zwang, ist der traurige Beweis dafür, dass sich die Geschichte wiederholt.

Dieser Vergleich der Vergangenheit mit der Gegenwart bedarf einer Anmerkung: Keineswegs soll aktuelles Leid und die damit verbundenen Opfer relativiert werden. Vielmehr bedarf es einer Klärung der Frage, was uns dazu bewegt gerade unsere Gegenwart so pessimistisch und bedrohlich wahrzunehmen. Eine mögliche Erklärung findet sich dabei in der veränderten Art und Weise wie wir uns informieren. Während sich Tragödien und Katastrophen vor wenigen Jahrzehnten für viele nur in Druckertinte und auf Papier widerspiegelten, bieten uns heute die Errungenschaften der Digitalisierung die Möglichkeit audiovisuell und in Echtzeit Geschehnisse mitzuerleben. Livestreams mit Bildern von blutüberströmten Opfern des Terroranschlags am Flughafen Brüssel-Zavantem oder der tote syrische Flüchtlingsjunge am Strand der die sozialen Medien bewegt, sind nur einige Beispiele wie sehr sich der technologische Fortschritt auf unsere Wahrnehmung auswirkt. Auch unsere ursprüngliche Rolle als passiver Informationskonsument hat sich radikal verändert. Smartphones ermöglichen jeder und jedem Video- und Bildmaterial aufzunehmen um dieses via Internet und sozialen Medien in kürzester Zeit einem riesigen Publikum zugänglich zu machen. Die Funktion das Geschehene dann gleich auch noch mit einer riesigen Community zu diskutieren, fördert das Empfinden der direkten Betroffenheit.

Die Gegenwart verdient die Bezeichnung als «schlimme Zeit» nicht. Die Menschheit, mit ihrer dünnen Gradwanderung von Genie und Wahnsinn, hat die Geschichte zu jedem Zeitpunkt mit selbstgeschaffenem Leid und Elend geprägt, wobei die Gegenwart keinesfalls eines ihrer dunkelsten Kapitel ist. Schon vor 400 Jahren bei der Urraufführung von «Wie es euch gefällt», lässt Shakespeare einen seiner Protagonisten nüchtern feststellen, dass die ganze Welt nichts als eine Bühne ist und alle Frauen und Männer blosse Schauspieler. Das Körnchen Wahrheit in dieser Aussage trifft auch heute noch zu, mit dem feinen Unterschied, dass der Rest der Menschheit, der gerade nicht für die aktuell aufgeführte Tragödie auf der Bühne steht, mit bester Aussicht in der ersten Reihe sitzt.