Gesellschaft | 07.03.2018

Ökumenischer Orden vereint Jugendliche

Text von Maria Müri | Bilder von Wiesia Klemens
Das Taizé-Jugendtreffen lockt in der Altjahrswoche Leute aus der ganzen Welt nach Basel. Neben den Werten der Kommunität Taizé, wie Offen- und Bescheidenheit, schätzen die Besucherinnen und Besucher vor allem die Stimmung untereinander.
15'000 Jugendliche nahmen an dem christlichen Treffen teil.
Bild: Wiesia Klemens

Besonders ruhig ist es nicht an diesem Mittwochabend in der vollen St. Jakobshalle während des christlichen Taizé-Jugendtreffens. Mitten im Winter, wenn alle erkältet sind, kann eine stille Zeit wohl nicht so andächtig sein, wie man sie gerne hätte. Immer wieder husten vereinzelt Leute in der Menge, bemüht unterdrückt, aber so konstant, dass man sich bald auf nichts Anderes mehr konzentrieren kann. Auf einmal ertönt ein besonders lauter Huster aus einer Ecke. Das Geschmunzel und der darauffolgende Schwall an absichtlich kreativen Geräuschen will kaum mehr aufhören.

Ich bin mit meiner Kollegin Karina in Basel am europäischen Taizé-Jugendtreffen, das vom 28. Dezember 2017 bis Neujahr 2018 stattfindet (siehe Infobox). Wieso nicht hingehen, fand sie, die sich gerne mit religiösen Themen auseinandersetzt, wenn das jährliche Treffen schon mal in der Schweiz stattfindet?

Ja, wenn Menschen aus der ganzen Welt, aus den verschiedensten Kulturen, für fünf Tage zusammen kommen, ihre Gedanken austauschen und gemeinsam ihre Lieder singen, dann, glaube ich, sollte man sich das wirklich nicht entgehen lassen.

Zwischen Theorie und Besinnlichkeit

Das Programm an dem Treffen ist vielfältig. An den Vormittagen finden in den verschiedenen Basler Kirchgemeinden Gruppendiskussionen zu theologischen Themen statt. An den Nachmittagen gibt es Thementreffen mit gesellschaftlichen und kulturellen Inhalten, organisiert von den Brüdern des Ordens, Theologen, Vertretern anderer Religionen, Wissenschaftlern, Politikern oder sozial engagierten Leuten. Projekte im Umgang mit der Flüchtlingskrise werden vorgestellt oder Führungen im Basler Kunstmuseum oder in der Altstadt gegeben. Doch das Herzstück des internationalen Treffens bilden die Abendgebete in der St. Jakobshalle, an denen die unter Kirchengängern bekannten Taizé-Lieder gesungen werden. Übernachten können die etwa 15’000 Leute aus aller Welt bei freiwilligen Gastgebern aus Basel. Die meisten Besucher sind zwischen 20 und 30 Jahre alt.

Das Thementreffen in der Johanneskirche, das Karina und ich an diesem Freitagnachmittag als erstes besuchen, behandelt den Dialog zwischen den drei Religionen Christentum, Judentum und Islam. Im Anschluss diskutiert man in Kleingruppen. Sollte man den interreligiösen Austausch bereits bei Kindern und Jugendlichen fördern, oder hindert es diese daran, ihre Haltung zuerst gegenüber der eigenen Glaubensrichtung zu finden? Kann dieser Austausch überhaupt zu hundert Prozent funktionieren, wenn doch jede Religion schlussendlich auf der eigenen Wahrheit beharrt? Dabei lernen wir Piet, einen jungen Deutschen kennen. Da Karina und ich nicht genau wissen, wo wir jetzt hin müssen, bietet er uns an, gleich mitzukommen. Auf der Fahrt zur St. Jakobshalle erzählt er uns, dass ihm bei Taizé vor allem die Einstellung zur Einfachheit gefalle. Im Vergleich zu anderen christlichen Jugendanlässen, wie zum Beispiel der Explo in Luzern, habe man hier zwar viel weniger Luxus, dafür würden durch die niedrigen Lagerkosten aber viel mehr Menschen einen Zugang dazu erhalten.

Inmitten einer gewaltigen, in allen möglichen Sprachen plappernden Menschenmasse, nähern wir drei uns Stück für Stück einem grossen Zelt, das hinter der Halle aufgebaut ist. Drinnen angelangt erhalten wir eine Tüte mit warmer Dosensuppe, Brot und – wie könnte es in der Schweiz anders sein – Schokolade. Wenig später sitzen wir auch schon mit den anderen Leuten auf dem Boden des extra für den Anlass leerstehen Parkhauses bei unserem Abendessen.

Um 19 Uhr ist Zeit fürs Abendgebet und die Leute versammeln sich in der riesigen St. Jakobshalle, deren Dunkelheit uns verschluckt, sobald wir sie betreten. Der gesamte Hallenboden ist mit kauernden und sitzenden Menschen bedeckt, die flüstern, lachen und in ihren Gesangsheftern blättern. In der Mitte der Halle knien die in weiss gekleideten Brüder aus Taizé und schauen still nach vorne, wo unzählige Kerzen um ein grosses Marienbild mit Jesuskind flackern. Die ersten Klänge ertönen, ein Chor beginnt zu singen und die Menschen um mich herum stimmen mit ein. Viele Anwesende kennen die Musik aus Taizé bereits: Es sind mehrstimmige, harmonische Lieder, die in vielen Sprachen gesungen werden können. Gebete werden von Frauen und Männern in mehrerern Sprachen laut gelesen und von den Zuhörerinnen und Zuhörern mitgemurmelt. Wer selbst nicht betet, wird still und horcht in sich hinein. Nach der Andacht und den Abschlussworten von Ordensbruder Alois, löst sich die Gemeinschaft zwei Stunden später langsam auf. Danach treten Karina und ich die Heimreise an – erschöpft, aber voll neuer Eindrücke.

Die Ökumene – ideologisch oder ganz praktisch?

Karina ist leider verhindert, aber ich kann nicht widerstehen und fahre am nächsten Tag erneut nach Basel. In meinem heutigen Thementreffen geht es um moderne Sklaverei. Zwei betroffene Leute erzählen ihre Lebensgeschichte. Viele aus dem Publikum sind bestürzt. Ich sehe, wie das Mädchen neben mir den Kopf senkt und weint. Die Organisatoren rufen dazu auf, mit offenen Augen durch das Leben zu gehen, um Ungerechtigkeiten zu erkennen.

Abends bin ich mit Seraina, meiner Bekannten aus Basel, verabredet und irgendwie findet sie mich in dem Getümmel vor der Halle. Sie lacht, als ich ihr von den mit Taizé-Besuchern überfüllten Trams berichte, und meint, die Basler würden das schon ein Weilchen aushalten. Dass sich die Stadt in diesen Tagen für so viele Leute öffnet, findet sie toll, und darum sei sie auch im Organisationsteam mit dabei.

Fürs Abendgebet finden wir Platz auf der Tribüne in der Halle. Der Abend verläuft so feierlich wie der vergangene. Bruder Alois spricht heute einprägsame Worte: Orthodoxe, Katholiken und Protestanten sollen sich zusammenfinden und den Prozess der wiedervereinten Kirche vorantreiben. Das ist ein zentrales Anliegen der ökumenischen Kommunität. Er sagt nicht, wie er sich das genau vorstellt und ich frage mich, ob das so endgültig möglich sein kann. Das diskutieren Seraina und ich auch mit Piet, der uns nach dem Gebet in der Menge entdeckt hat. Er und auch Seraina sind skeptisch der Umsetzung gegenüber, aber wir sind uns einig, dass ja schon ein Anlass wie dieses Jugendtreffen zeigt, dass ein Miteinander zumindest in diesem Rahmen funktionieren kann.

Nachdem sich Seraina verabschiedet hat, um einen ihrer Gäste zu suchen, stellt mir Piet seine Mitbewohner vor, Maxime aus Lille und James aus Seattle. Da keiner von uns Lust hat, schon nach Hause zu gehen, lassen wir den Abend noch bei einem Schlummertrunk ausklingen. Ich merke, wie gut einem ein wenig Internationalität tun kann, mal Leuten aus anderen Gegenden zuzuhören und ihnen von sich zu erzählen und mal wieder ein wenig Englisch oder Französisch zu sprechen… Um genau diesen zwischenmenschlichen Austausch geht es neben den religiösen Inhalten wohl auch. Denn egal ob gläubig oder nicht, in diesen Tagen haben wohl die meisten irgendeinen gemeinsamen Nenner gefunden.

Die Kommunität Taizé


Die Communité de Taizé ist ein internationaler, ökumenischer Orden in Frankreich. Sein Markenzeichen sind vor allem die mehrstimmigen und -sprachigen Kirchenlieder und die seit den Siebzigerjahren regelmässig organisierten Jugendtreffen in verschiedenen Metropolen de Welt. Als Teil der ökumenischen Bewegung setzt sich die Kommunität für den Dialog und die Einigung der verschiedenen christlichen Konfessionen ein.