Gesellschaft | 27.02.2018

«Radio Rabe wäre bei Annahme der Initiative tot»

Text von Carlo Senn | Bilder von Carlo Senn
Der Berner Radiosender RaBe verliert bei Annahme der No-Billag-Initiative auf einen Schlag zwei Drittel seiner Einnahmen. Wilma Rall, die Moderatorin des Nachrichtenmagazins Rabe-Info, erklärt, warum es das Lokalradio weiterhin braucht.
Wilma Rall arbeitet seit zehn Jahren für Radio Rabe.
Bild: Carlo Senn
Wilma Rall, warum soll jemand, der bürgerlich wählt, für ein links eingestelltes Medium wie Radio RaBe bezahlen?

Es geht nicht darum, dass die Bürger für ein links-alternatives Radio Geld bezahlen. Sondern darum, dass die Bevölkerung für eine gewisse Meinungsvielfalt bezahlt. In einem Land sollte es eine gewisse Breite an Information geben. Wir stehen wohl auch nicht im Fokus der Bürgerlichen. Der Anteil an Geldern für Rabe ist verschwindend gering im Vergleich mit dem Budget der SRG.

Ein Argument der Befürworter ist, dass die mit der Billag finanzierten Medien sehr links eingestellt seien. Bei Radio Rabe ist das ja auch der Fall.

Rabe ist grundsätzlich links, aber bei uns gibt es keine Ideologiepolizei. Unsere Sendungsmachenden stimmen, wie sie wollen. Zudem machen sie Sendungen, wo politische Haltungen kaum eine Rolle spielen. Und abgesehen davon haben wir auch eine in Fankreisen sehr beliebte Schlagersendung.

Was würde sich bei Rabe bei Annahme der Initiative ändern?

60 Prozent unserer finanziellen Grundlage fällt weg. Das heisst… Rabe in dieser Form wie es heute besteht wäre tot.

Gibt es schon einen Plan, falls die Initiative angenommen wird?

Nein. Es gibt keinen Plan B. Uns jetzt damit auseinandersetzen, was passiert, wenn die Initiative angenommen wird, macht keinen Sinn. Bei Rabe waren wir immer mit den aktuellen Geschehnissen beschäftigt. Jetzt müssen wir dafür kämpfen, dass die Initiative abgelehnt wird. Es wäre eine dermassen grosse Katastrophe, wir müssten fast dem ganzen Personal künden. Die Infrastruktur muss finanziert werden, unserer Mitglieder muss man administrieren. Wenn die Abstimmung angenommen wird, ist es bei uns fertig.

Ist Rabe der Meinung, dass man die Abstimmung sowieso gewinnt?

Vielleicht früher. Aber mittlerweile denken wir das sicher nicht mehr.

Wie ist die Stimmung in der Redaktion?

Sehr angespannt. Im ganzen Rabe. Man weiss nicht, ob wir in zwei Monaten keine Existenzgrundlage mehr haben. Ich möchte betonen, Rabe ist mein Herz und Rabe ist mir extrem wichtig. Aber was mir vor allem Sorgen macht, ist, dass die Initiative dem staatlich finanzierten und unabhängigen Radio und Fernsehen die Grundlage entziehen will. Das ist in der Schweiz, viersprachig und demokratisch, unglaublich heikel. Im Vergleich zur SRG und den restlichen 33 von der Billag finanzierten Radiostationen fällt Rabe nicht mehr so ins Gewicht.

Was bietet Rabe den Gebührenzahlern?

Es ist eine wichtige Plattform für das lokale Kultur-und Musikschaffen. Musik, die in kommerziellen, aber auch bei SRF, immer weniger Platz hat. Auch Minderheiten, wie Menschen mit Migrationshintergrund, Menschen mit einer Behinderung oder Menschen mit psychischen Problemenn, die über verschiedene Herausforderungen sprechen. Ausserdem bietet Rabe einen Einstieg in die Medienwelt für junge Journalisten.

Könnte sich das Radio nicht auch anders finanzieren?

Das ist natürlich schwierig zu sagen. Bereits jetzt betreibt Rabe viel Öffentlichkeitsarbeit und die ist aufwendig. Zudem bin ich nicht sicher, ob insbesondere die Jungen bereit sind, für Rabe zu zahlen. Sie sind sich gewohnt, die Infos gratis aus dem Internet zu beziehen. Mit weniger Ressourcen leidet die Qualität. Dann sind die Hörer erst recht nicht dazu bereit, dafür zu zahlen.

Ist das Billag-System vielleicht zu starr? Jemand, der nicht mal einen Fernseher hat und das SRF nutzt, muss die Gebühren ja trotzdem berappen.

Es zahlt ja auch jeder Krankenkasse, auch wer nie zum Arzt geht, man zahlt auch für die SBB, wenn man gar nicht Zug fährt. Die Billag geht in dieselbe Richtung. Meiner Meinung nach muss der Staat ein gewisses Mass an Information bereitstellen, damit die Bevölkerung am politischen Geschehen teilhaben kann. Der Qualitätsjournalismus ist in der Krise, insbesondere auch die Printmedien, wo sich noch einige wenige Firmen das Monopol teilen. Diese denken mehr an die Gewinne der Aktiönare, als an den Qualitätsjournalismus. Deshalb muss gerade jetzt der Staat schauen, dass guter Journalismus weiterbestehen kann. Denn die Privatwirtschaft ist wohl nicht bereit, diesen zu finanzieren.

Rabe kritisiert den Staat selbst immer scharf. Aber gleichzeitig lässt es sich über den Staat finanzieren. Geht das auf?

(Lacht…) Genau so muss es sein! Es darf jedoch nicht so sein wie zum Beispiel in einigen osteuropäischen Ländern, wo der Staat die Medien kontrolliert. Mir ist eine unabhängige Medienlandschaft wichtig. Und das ist mit der Billag gegeben. Das Parlament darf der SRG nicht sagen, worüber sie berichten soll. Es sagt auch Radio Rabe nicht, worüber es berichten soll. Sollte das jemals kippen, wollen wir keine staatliche Unterstützung mehr.

Also funktioniert das Billag-System gut?

Natürlich kann und muss man über Detailfragen wie Inhalte diskutieren. Grundsätzlich aber ja.

Zur Person

Wilma Rall ist seit 10 Jahren Redaktorin beim Nachrichtenmagazin RaBe-Info des Berner Lokalradios RaBe. Ausserdem führt sie regelmässig Kurse für Radiointeressierte durch. Die 38-jährige begann sich während ihres Geschichtsstudiums immer stärker für politische Themen zu interessieren. So kam sie über zwei Praktika und einer Anstellung beim Bieler Radiosender Canal 3 schliesslich zu Radio Rabe, wo sie heute zu 50 Prozent angestellt ist.