Gesellschaft | 01.11.2017

Zusammenhalt statt Siegeshunger

Text von Michelle Stucki | Bilder von Muriel Kilchenmann
Tagebuchschreiben, wer macht das heute noch? Auch unsere Tinkjunior Reporterin Michelle hatte zu Beginn keine Freude daran. Heute kann sie aber auf viele witzige Einträge zurückblicken, und uns so teilhaben lassen an Geschichten über Mädchen im Jungen-Fussballteam, ihre Tante und eine Katze, die es eigentlich gar nicht gibt..
Jungs, gewöhnt euch endlich dran, wir Mädchen spielen auch Fussball!
Bild: Muriel Kilchenmann

Liebes Tagebuch

Ich will deine Gefühle ja nicht verletzen, aber deinetwegen sitze ich wieder einmal ziemlich tief in der Patsche. Mein liebes Tantchen hat mir genau vor einem Jahr dieses wundervolle Tagebuch geschenkt. Dieses wundervolle Schrott-Tagebuch. Mal ganz ehrlich; wer ausser meinem lieben Tantchen verschwendet auch nur einen dummen Gedanken daran, mir ein Tagebuch zu schenken. Ich weiss, meine Tante meint es nur gut, aber kann sie denn nicht wie jeder andere Mensch mir einfach etwas Normales schenken? Mein allerliebstes Tagebuch, du fragst dich bestimmt, warum ich überhaupt diesen Eintrag mache, denn bis jetzt habe ich unter dem Zwang meiner Mutter erst sieben Einträge geschrieben. Die etwa so aussahen:

Heute ging ich wie jeden Tag in die Schule.

Es war langweilig.

Lou hat den ganzen Mittag über Witze erzählt.

Sie waren nicht lustig.

Aber ich habe trotzdem gelacht.

Meine Lehrerin hätte mir für diesen Eintrag eine glatte Eins gegeben, zum Glück wird sie ihn nie zu Gesicht bekommen. Aber jetzt, liebes Tagebuch, komme ich zum eigentlichen Problem. Heute hat mir meine Mutter die freudige Nachricht überbracht, dass mein Tantchen uns übermorgen besuchen wird. Das Problem ist, dass ich ihr versprochen habe, jeden Tag ins Tagebuch zu schreiben. Was bis jetzt nicht so ganz geklappt hat. Also muss eine Notlüge her und zwar schnell. Ich werde ihr wohl einfach erzählen, dass unsere Katze alle vorderen Seiten ausgerissen hat. Das einzige Problem ist, dass wir gar keine Katze haben, aber ich hoffe, das weiss sie nicht.

Fussballfieber

Liebes Tagebuch

Ich habe gute Nachrichten!!! Ich weiss nicht ob dir der Begriff Fussball etwas sagt, aber ich hoffe es doch inständig. Heute war mein erstes Fussballtraining beim FC Wohlensee. Wie ich dazu kam? Ganz einfach!!! Mein Bruder und mein Vater sind leidenschaftliche Fussballspieler. Ohne Fussball kann unsere Familie einfach nicht leben. Und so hat auch mich das Fussballfieber gepackt. Ich muss schon sagen, es war wirklich toll. Ich und meine Freundin waren die einzigen Mädchen in der Mannschaft. Die Jungs sind etwas gewöhnungsbedürftig, aber ganz ok. Ach übrigens, die Lüge mit meiner Katze hat geklappt. Mein Tantchen hat mir alles abgekauft.

Gewöhnt euch dran!

Liebes Tagebuch

Jetzt trainiere ich etwa seit einem Monat mit den Jungs. Es macht wirklich Spass. Am Anfang wärmen wir uns immer ein. Dann machen wir meistens Übungen für die Kondition oder Technik. Oft machen wir auch Pass- oder Schussübungen. Zum Schluss bilden wir zwei Teams und spielen gegeneinander einen Match. Langsam gehöre ich auch richtig zum Team. Mit den Jungs zu trainieren ist eigentlich ganz witzig. Sie sind nett und mit ihnen kann man es auch lustig haben. Aber es ist auch sehr hart, denn die Jungs sind sehr ehrgeizig und wollen immer gewinnen. Wenn wir einen Match verlieren, sind immer sofort wir Mädchen schuld daran. Das kann echt nerven. In der Mannschaft gibt es auch ein paar Jungs, die finden Fussball ist nichts für Mädchen. Aber die müssen sich wohl oder übel noch daran gewöhnen. Ich und meine Freundin strengen uns aber extra an. Wir wollen es den Jungs zeigen! Leider hat es während den Turnieren meistens keine Mädchengarderobe, weshalb wir uns auf der Toilette oder in der Schiedsrichtergarderobe umziehen müssen. Dann hören wir die Jungs immer herumbrüllen und laut Musik hören.

Drei Jahre später

Liebes Tagebuch

Im Ganzen spiele ich jetzt seit drei Jahren Fussball mit den Jungs. Ich war in drei verschiedenen Mannschaften, denn wir Mädchen dürfen immer ein Jahr länger als die Jungs in der gleichen Stufe bleiben. Deshalb kommt es immer wieder vor, dass die Zusammensetzung der Mannschaft wechselt. Das ist ziemlich mühsam, denn so kann man sich nicht wirklich an eine Mannschaft oder an einen Trainer gewöhnen. Mit der Zeit sind noch mehr Mädchen dazugekommen. Wir sind jetzt vier. Wir haben beschlossen, dass wir zum FC Bethlehem in eine reine Frauenmannschaft wechseln, da wir in einem Jahr sowieso wegen dem Alter dazu gezwungen wären.

Ich schreibe weiter

Liebe Tagebuch

Ich spiele jetzt bei Bethlehem!! Die Umstellung war krass, und ich muss mich erst einmal daran gewöhnen. Im Gegensatz zu den Jungs ist es den Mädchen nicht so wichtig zu gewinnen. Sie wollen einfach Spass haben. Für uns vier ist das im Moment ziemlich komisch, weil wir das so nicht gewöhnt sind. Aber es ist wirklich cool, endlich auch zu einem Frauenteam zu gehören. Man kann mit ihnen über alles reden. Und man hat auch die gleichen Interessen. Es gibt viele Unterschiede zwischen Mädchen und Jungen beim Fussball. Aber eines bleibt immer gleich, das Ziel ist, zu gewinnen.

Ich hoffe, ich konnte einen Einblick vermitteln, wie es ist, als Mädchen Fussball zu spielen. Und bei meinem lieben Tantchen muss ich mich noch entschuldigen, ich habe ihr Unrecht getan. Das Tagebuchschreiben ist doch nicht so eine krumme Sache!