Gesellschaft | 04.10.2017

Die Macht des weissen Goldes

Text von Florian Wüstholz | Bilder von Florian Wüstholz
Was haben Gandhi, die chinesische Qin Dynastie, Atommüll und moderne landwirtschaftliche Dünger gemeinsam? Überall hat Salz die Finger im Spiel. Das unscheinbare Mineral zieht sich wie ein roter Faden durch die menschliche Zivilisationsgeschichte und ist bei Aufstieg und Untergang selten weit entfernt.
Salz: nicht immer und überall im Überfluss
Bild: Florian Wüstholz

In jedem Menschen stecken etwa 250 Gramm Salz. Da ist es wenig erstaunlich, dass sich das Mineral auch in der Menschheitsgeschichte an allen Ecken und Enden wieder findet. Lange vor der Erfindung des Kühlschrankes bot Salz eine der wenigen Möglichkeiten, Speisen über längere Zeit hinweg haltbar zu machen. Dies ermöglichte eine verlässlichere Nahrungszufuhr, lange Schiffsreisen und brachte darüber hinaus ein immer komplexeres und dichteres Handelsnetzwerk mit sich. Salz war damit auch eine Quelle von Macht und Reichtum: Wer den Abbau und Handel von Salz kontrollierte, hatte das Diktat in der Hand. Wagen wir uns also auf eine Reise in die Vergangenheit und Zukunft, um die Macht des weissen Goldes zu verstehen.

Salz und das ewige Leben

Schon im alten Ägypten wurden Tote mithilfe von Salz dehydriert und dadurch zusammen mit weiteren chemischen Prozessen über Jahrtausende konserviert. Dieses Prozedere blieb gewöhnlich den Mächtigen und Reichen vorbehalten. Doch manchmal kamen auch gewöhnliche Arbeiter*innen in den exquisiten Genuss der Mumifizierung. So wurde 1734 in Hallstatt in der Nähe von Salzburg ein grausiger Fund gemacht. In einem verschütteten Stollen des dortigen Salzbergwerks stiess man auf einen bestens konservierten Mann aus der Eisenzeit. Es handelte sich um einen keltischen Bergarbeiter, der bei einem Unglück 2000 Jahre vorher eingeschlossen und durch das Salz im Berg mumifiziert wurde.

Dieser sogenannte «Mann im Salz» beschreibt eines der vielen Kapitel in der langen und ruhmreichen Salzgeschichte Hallstatts. Denn dort befindet sich auch das älteste Bergwerk der Welt. Schon vor über 3000 Jahren wurde von keltischen Siedler*innen das reichlich vorkommende Salz in bis zu 100 Meter tiefen Stollen abgebaut – eine gefährliche technische Meisterleistung. Das Resultat war ein Zentrum enormer Macht und unübertroffenen Reichtums. Schon bald reichte der Einfluss der dortigen eisenzeitlichen Kultur über ganz Mitteleuropa, Südengland und die iberische Halbinsel. Das hatte nicht zuletzt mit der Wichtigkeit des Rohstoffes Salz zu tun. Während es an den Meeresküsten genügend Salz gab, wurde es in Mitteleuropa nur in wenigen Zentren abgebaut.

Kriege um Salz

Natürlich ist Salz alleine kein Garant für ewiges Leben – weder für Menschen noch für Imperien. Und trotzdem sorgte das Salz aus dem Salzkammergut auch lange Zeit nach dem Untergang der Hallstätter Zivilisation nochmals für Macht und Konflikte – und zwar in Salzburg. In der Frühmoderne brachte der Salzabbau der Stadt immensen Reichtum sowie politischen und gesellschaftlichen Einfluss. Es ging um viel. So viel, dass über die Jahre mehrere Salzkriege ausgetragen wurden, um die Kontrolle über die verschiedenen Abbaugebiete und andere nötige Rohstoffe – insbesondere Holz für das Kochen der salzhaltigen Sole – zu gewinnen. Obwohl Salzburg einige davon verlor, konnten sie ihre Vormachtstellung über die Jahrhunderte bewahren.

Die konfliktträchtige Rolle von Salz war in der europäischen und amerikanischen Geschichte keine Seltenheit. Im Amerikanischen Bürgerkrieg verschafften sich die Unionsstaaten gegenüber den Konföderationsstaaten einen entscheidenden Vorteil durch die gezielte Zerstörung deren Anlagen zur Salzgewinnung. Das Resultat war eine Unterversorgung und damit eine kritische Schwächung der Streitkräfte aus dem Süden. Welche Seite diesen Konflikt schlussendlich für sich entschieden hat, ist Geschichte. Es ist nicht unwahrscheinlich, dass der Zugang zu Salz seinen Beitrag geleistet hat.

Salz prägte auch den Dauerkonflikt des 13. und 14. Jahrhunderts zwischen den Stadtstaaten Venedig und Genua. Die Kaufleute aus Venedig verstanden es gut, mit dem weissen Gold ein prächtiges Geschäft zu machen. Statt wie in Salzburg das Salz selbst abzubauen, wollte man den Handel kontrollieren. Das war weitaus profitabler, denn so konnten die Preise und die gewinnbringenden Steuern frei definiert werden. Kreta musste besonders unter dieser Strategie leiden. Nachdem Venedig die Insel ins Reich eingegliedert hatte, wurden kurzerhand alle Salzwerke geschlossen, um die Produktion tief- und den Preis hochzuhalten. Von nun an mussten Kreter*innen ihr Salz zu den von Venedig diktierten und besteuerten Preisen aus dem Ausland beziehen.

Wenn Salz die Politik lenkt

Venedig hatte beinahe die komplette Kontrolle über Salz im Mittelmeerraum. Diese Art von staatlicher Kontrolle des Salzpreises und das damit verbundene Monopol zieht sich wie ein Band durch die Geschichte. Noch heute gibt es in der Schweiz mit dem sogenannten «Salzregal» faktisch ein staatliches Monopol auf Salz. Dies widerspiegelt die Wichtigkeit der Salzversorgung. Doch weil Salz zur Grundversorgung jedes Menschen gehört, sorgte die staatliche Kontrolle immer wieder für Widerstand und zivilen Ungehorsam. Der Zugang zu Salz galt in den Köpfen vieler Menschen schon immer als Grundrecht. Der Staat agierte damit mit seiner Einmischung in einer konfliktträchtigen Zone.

Es erstaunt wenig, dass Staaten und Imperien, die den Handel mit Salz stark besteuerten, früher oder später von Kontroversen und Auseinandersetzungen heimgesucht wurden. Die Qin Dynastie von 221 bis 207 v. Chr. gilt als erstes Kaiserreich in China. Sie war geprägt von einer enorm hohen Besteuerung von Alltagsgütern wie Salz. Da alle Salz brauchten, war ein stetiges Staatseinkommen gesichert. Von diesen Steuern wurde nebst einer enormen Bürokratie und Armee auch ein Vorgänger der Chinesischen Mauer und die legendäre Terrakotta-Armee finanziert.

Die Salzpolitik der Qin Dynastie führte nicht nur zu einem riesigen Mausoleum. Sie legte auch den Grundstein für eine wegweisende staatsrechtliche Debatte, die im «Diskurs über Salz und Eisen» aus dem Jahr 81 v. Chr. gipfelte. Die Frage, die damals im Auftrag des Kaisers Han Zhaodi an alle Gelehrten des Kaiserreichs gestellt wurde: Wie sehr darf sich der Staat in den Markt einmischen? Wie üblich gab es keine klare Antwort. Erfolg und Misserfolg wechselten sich in China mit den jeweiligen Dynastien und ihren Strategien ab.

Salz als Symbol für Grundrechte

Nicht immer jedoch finden die Konflikte bloss im Kopf von gelehrten Menschen statt. Manchmal braucht es engagierte Menschen, die auf der Strasse ihre Rechte erkämpfen. Der sogenannte Salzmarsch Gandhis ist ein bekanntes Beispiel für die grosse Strahlkraft und Bedeutung von Salz. Die Unabhängigkeit Indiens wurde durch den zivilen Ungehorsam Gandhis wesentlich beschleunigt und schliesslich erzwungen. Seit jeher hatte die britische Kolonialmacht ein Monopol auf die Gewinnung, den Transport und den Handel mit Salz in Indien. Die lokale Produktion wurde verboten, weil man lieber das eigene Salz aus Liverpool überteuert an Inder*innen verkaufen wollte. Als Gandhi symbolträchtig und verbotenerweise Salz aufsammelte, war dies ein entscheidender Moment in der Kampagne.

Doch warum wählte Gandhi ausgerechnet Salz als Stein des Anstosses? Sicherlich gab es genügend andere Aufhänger für den Widerstand, denn die koloniale Unterdrückung zeigte sich an vielen anderen Ungerechtigkeiten. Der Grund war einfach: Salz ging jede und jeden etwas an. «Nebst Luft und Wasser ist Salz vermutlich die grösste Notwendigkeit des Lebens», meinte Gandhi. Salz hatte das Potential, alle Gesellschaftsschichten zu erreichen, seien es Hindus oder Muslime, egal welcher Kaste oder welchem Geschlecht sie angehören. Damit war der Zugang zu Salz auch ein Symbol für alle möglichen Grundrechte, die im Kampf um Unabhängigkeit eingefordert wurden.

Die Kehrseite des Salzes

Salz hat Gesellschaften nachhaltig verändert. Sei dies durch Städte, deren Reichtum fast ausschliesslich darauf zurückzuführen ist, durch die Inspiration staatspolitischer Theorien oder als Auslöser von gesellschaftlichem Widerstand und der Einforderung von Grundrechten. Doch der menschliche Umgang mit Salz hat auch unseren Planeten vielerorts für immer verändert. Die allgegenwärtigen gewaltigen Monokulturen wären ohne Salz nicht möglich. Denn es dient als wesentliche Grundlage für die synthetischen Agrardünger, ohne die eine hochindustrialisierte Landwirtschaft nicht möglich wäre.

Das Schürfen nach Salz hat auch ganz direkte Folgen. Wo Menschen der Erde mit Baggern und Stollen auf den Leib rücken, entstehen oftmals auch an der Oberfläche sichtbare Narben. In Cheshire im Nordwesten Englands wurde Jahrhunderte lang Salz abgebaut. Die salzhaltige Sole wurde aus den unterirdischen Salzseen abgepumpt, was riesige Hohlräume zurückliess. Das Resultat: Überall öffneten sich an der Oberfläche Sinklöcher. Felder, Strassen und Häuser wurden verschluckt und forderten einen unberechenbaren Tribut für die menschliche Nutzung der immensen Salzdepots.

Vor diesem Hintergrund ist es erstaunlich, dass ehemalige Salzminen immer wieder als Kandidatinnen für eines der grössten Langzeitprobleme der Menschheit gehandelt werden: der Endlagerung von Atommüll. Die dafür benötigten Anlagen müssen mehrere hunderttausend Jahre hermetisch dicht sein. Salz bietet sich hier theoretisch an, da es Hohlräume durch die Bildung von Salzkristallen selbst verschliesst und damit Risse selbstständig «heilen» könnte. Doch verschiedene Versuchslager lassen Zweifel an diesem Vorhaben aufkommen: Im Deutschen Asse II dringt zum Beispiel laufend Wasser ein, welches Radioaktivität nach aussen transportieren könnte. Erwünscht ist das Gegenteil.

So wird uns Salz auch in Zukunft begleiten. Denn ohne Salz gäbe es nichts. Es steckt in unseren Feldern, in unseren Verfassungen, in unseren Prunksälen, auf unseren Strassen und natürlich in unserem Essen. Das ist die Macht des weissen Goldes.