Gesellschaft | 24.08.2017

Menschliche und skulpturale Migrationsströme

Text von Sabina Galeazzi | Bilder von Omar Lemke
Die aktuelle Ausstellung "Migration - Bewegte Welt" im Museum der Kulturen besticht durch ihre differenzierte Aufarbeitung einer hochbrisanten Thematik.
Holzkühe symbolisieren für nicht wenige Auslandschweizer ein Stück Heimat.
Bild: Omar Lemke

Nicht als «white cube» sondern als «grey cube» präsentiert sich der Raum der Ausstellung «Migration – Bewegte Welt» im obersten Stockwerk des Museums der Kulturen Basel, für deren Konzeption sich die Direktorin Anna Schmid und die Co- Kuratorin von Kathrin Schwarz verantwortlich zeichnen. Eine graue Stellwand, deren Form und gewagte Inklination womöglich nicht ganz zufällig Assoziationen an Lärmschutzwände und Grenzwälle weckt, zieht beim Betreten des Ausstellungsraumes sogleich die Aufmerksamkeit der Besucher auf sich. Den Auftakt bildet eine indonesische Skulpturengruppe aus zwölf Ahnenfiguren, von denen sich unter anderem Reisende Schutz erhofften. Dahinter eine aktuelle Installation «Migration» des Glaskünstlers Matteo Gonet: Eine mäandrierende Reihe durchsichtiger Glaszylinder mit blauem Kern in unterschiedlichen Grössen, deren prozessionsartige Anordnung Ahnungen von Flüchtlingsströmen evoziert. Die gläserne Arbeit korrespondiert auf reizvolle Weise mit der bunt durchmischten Anordnung ethnographischer Skulpturen aus unterschiedlichen Erdteilen auf der anderen Seite der Stellwand. Sie verdeutlichen, dass nicht nur Menschen sondern in gewissem Sinne auch Objekte den Status von Migranten tragen können.

Migration als Bereicherung

In thematisch locker miteinander verbundenen Stationen sucht die Ausstellung anhand von 120 ausgewählten Objekten unterschiedliche Facetten eines Themas von hoher Aktualität und Brisanz herauszustreichen, welches in medialen Repräsentationen vermehrt eine Reduktion auf seine rein negativen Aspekte erfährt. So handelt es sich bei dem Phänomen der Migration nicht um einen Ausnahmezustand, sondern um eine historische und soziale Konstante, die sich mitunter in wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Hinsicht auch als Bereicherung herausstellen kann. Die kleine aber feine Ausstellung erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit, sondern präsentiert einzelne Schlaglichter, die in der Zeitspanne vom 15. Jahrhundert bis in die Gegenwart angesiedelt sind und in mehreren Fällen einen lokalen Bezug aufweisen. Protestantische Religionsflüchtlinge aus Frankreich zeichneten sich beispielsweise im 17. Jahrhundert für die Einführung des Gewerbes der Seidenbandfabrikation in Basel verantwortlich. Dieses verhalf zeitgleich dem Färberhandwerk zu einem Aufschwung, aus dem sich schliesslich die chemische und die pharmazeutische Industrie entwickelten.

Vom Krieg gezeichnet

Die tragischen Seiten der Migration werden jedoch keineswegs ausgeblendet oder schöngefärbt. Wahrhaft verstörend mutet der afghanische Kriegsteppich aus dem 20. Jahrhundert an – einerseits Überlieferungsträger einer traditionsreichen Handwerkskunst, andererseits bildhaftes Zeugnis von nahezu vierzig Jahre andauernden kriegerischen Auseinandersetzungen, welche die Bewohner immer wieder zur Flucht in die benachbarten Länder und nach Europa zwangen. Entsprechend schöpft sein ikonographisches Programm nicht aus dem Fundus bewährter Motive, sondern aus dem zeitgenössischen Waffenarsenal: Handgranaten, Helikopter, Panzer und eine Kalaschnikow beanspruchen nun den Platz für sich.

Ethnologie wird fassbar gemacht

Komplementär zu den einzelnen Ausstellungen bietet das Museum der Kulturen thematisch verwandte Programmpunkte an, darunter das jeden ersten Mittwoch im Monat stattfindende Vermittlungsformat «Ethnologie fassbar», welches einem interessierten Publikum ethnologische und kulturwissenschaftliche Fragestellungen auf leicht verständliche Weise nahezubringen sucht. Im Rahmen dieser Reihe fand auch die Veranstaltung «Typically Swiss?» statt, bestehend aus einer kurzen dialogischen Führung, einem ebenfalls dialogisch gestalteten Vortrag und einer Gesprächsrunde. Tabea Buri, Kuratorin der Abteilung Europa im Museum der Kulturen, Eleonore Wettstein von der Fachstelle GGG Migration und Sabine Rotach, Leiterin Bildung und Vermittlung im Museum der Kulturen verhandelten mit dem Publikum die Fragen nach «typisch schweizerischen» Eigenschaften, nach der Eigen- und Fremdwahrnehmung von Schweizern, nach dem Einfluss stereotypischer Zuschreibungen und dem Bild, welches Auslandschweizer von ihrer ursprünglichen Heimat mit sich tragen.

Die Macht der Symbole

Als Aufhänger diente dabei jene Station der Ausstellung, welche der sogenannten «fünften Schweiz» gewidmet ist, also den Schweizer Staatsbürgern, die sich bewusst und aus vorwiegend positiven Beweggründen zur Auswanderung entschieden haben. Bei den Exponaten handelt es sich um Objekte, welche einzelne Auslandschweizer mit ihrer Heimatnation verbinden. Die Biederkeit der Auswahl überrascht einerseits, andererseits wiederum auch nicht: Neben der unverwüstlichen Kuhglocke finden sich auf dem Sockel auch das altbewährte Schweizer Taschenmesser, ein Fondue- Caquelon sowie eine Reihe hölzerner Spielzeugkühe. Tabea Buri betonte, dass der starke Symbolgehalt dieser archetypischen Repräsentanten von «Swissness» nicht unterschätzt werden darf. Gegenstände können als Träger von Kindheitserinnerungen fungieren und Vorstellungen erzeugen, welche mit der Realität zum Teil nur noch am Rande übereinstimmen.

Stereotype als Problem

Ähnlich machtvoll und problematisch erweisen sich stereotypische Zuschreibungen an eine bestimmte Menschengruppe. Dass Stereotypen eine menschliche Konstante und in allen Kulturen verbreitet sind, wurde in der von Sabine Rotach moderierten Diskussionsrunde herausgehoben. Zwar erleichtern sie die Kommunikation, tragen jedoch das Potential zur Ausgrenzung bestimmter Personen oder Personengruppen mit sich, wie Tabea Buri erklärt. Und Eleonore Wettstein spielt auf die Vermischung von Eigen- und Fremdzuschreibungen an, wenn sie verrät, dass Migranten in gewissen Fällen die mit ihrer Ethnie in Verbindung gebrachten Zuschreibungen auch akzeptieren und ihrerseits in Gesprächen darauf zurückgreifen.

Die Ausstellung «Migration – Bewegte Welt» läuft noch bis zum 21. Januar 2018 im Museum der Kulturen Basel.