Gesellschaft | 22.08.2017

Die Vierte Gewalt gerät ins Abseits

Um gut informiert zu sein, will heutzutage kaum jemand mehr etwas bezahlen. Die Folgen sind besorgniserregend. Ein Kommentar.
Wer macht sich noch die Mühe und kauft sich eine Zeitung am Kiosk?
Bild: Céline Rüttimann

Was haben Maulwürfe und Journalisten* gemeinsam? Beide Spezies sind vom Aussterben bedroht, beide Spezies wühlen gerne: Die eine in der blanken Erde, die andere in den Untiefen der menschlich produzierten Informationsfülle. Allerdings sind Journalisten* am Ende des Monats froh, wenn der Kontostand höher ist als noch vier Wochen zuvor.

Das Problem ist schnell umrissen: In der Menge an Gratisnews, die im Internet verbreitet und in druckfertiger Form in der »Blick am Abend«-Box liegen, geht schnell vergessen, dass gut recherchierter Journalismus etwas kostet. Es geht vergessen, dass da Menschen sitzen, die Politikern* auf den Zahn fühlen und das Amtsdeutsch der Behörden für uns Laien übersetzen und aufbereiten. Produktionskosten bezahlen sich nicht von selbst: Druckerpressen, Marketing und Gebäudemieten kosten. Und ob man es glaubt oder nicht: Journalisten* arbeiten nicht umsonst. Weder für die Leser*, noch für den Verlag.

Leser* wollen keine Fake-New. Für eine fundierte Berichterstattung bezahlen wollen sie aber auch nicht. Verlage wollen nicht investieren, aber möglichst viel Gewinn einstreichen. Diese Rechnung geht allerdings nicht auf. Die Folge: überall wird gespart. So greift beispielsweise der Medienkonzern Tamedia tief in die Berner Medienlandschaft ein, indem die Titel «Berner Zeitung» und «Der Bund» zukünftig mit demselben Inhalt gefüllt werden sollen. Unterscheiden würden die Blätter sich nur noch durch den Titel und den Lokalteil. Statt in einen qualitativen Journalismus zu investieren, werden die Journalisten* entlassen. Die Quantität muss aber dieselbe bleiben. Weil dafür aber die Angestellten fehlen, macht man aus den beiden Zeitungen «Einheitsbrei». Statt sich selbst überdimensionale Boni einzuzahlen, könnten die CEO* in eine breit gefächerte Medienlandschaft mit verschiedenen Gewichtungen investieren.

Analog ist nicht mehr gefragt

Das digitale Zeitalter ist für die Branche eher ein Fluch als ein Segen. Für eine Berichterstattung auf Papier zu bezahlen, sind nur noch die Wenigsten bereit. Das zeigt die Schliessung der Papierfabrik in Utzenstorf im Kanton Bern. Die Produktion wird Ende Jahr aufgegeben. Dadurch werden 200 Angestellte ihren Job verlieren. Die CPH Chemie Papier Holding AG im luzernischen Perlen übernimmt auf 2018 die Kunden- und Altpapierlieferantenverträge. Somit wird die Fabrik in Perlen ab 2018 zur letzten und einzigen Papierfabrik für Zeitungsdruck- und Magazinpapiere in der ganzen Schweiz.

Die gedruckte Zeitung werden wir früher als gedacht unseren Kindern in Glasvitrinen im Museum zeigen müssen. Die meisten Leser* weichen heute auf das Internet aus, wo die gleichen Informationen ohne Gegenleistung zur Verfügung stehen. Da die Zeitungen und Verlage merken, dass sie sich das eigene Grab geschaufelt haben, muss für einige digitale Artikel nun auch ein kleiner Batzen gezahlt werden.

Eine differenzierte Berichterstattung gehört zu einer funktionierenden Demokratie. Dafür braucht es Leser* und Medienmanager*, die bereit sind, etwas zu investieren. Denn der Staat als Sugar-Daddy wäre auch nicht geheuer. Dann will er nämlich mitreden. Und das bringt die vierte Staatsgewalt erst recht in Gefahr.