Gesellschaft | 10.07.2017

Was passiert im Osten Europas?

Text von Cyrill Pürro | Bilder von Cyrill Pürro
»Die gefährlichsten Kriege sind die, die sich jahrelang hinziehen.« Die Philosophiestudentin Sofiya Miroshnyk erzählt, wie sie die Lage in der Ukraine erlebt hat.
Ein Land, nahe dem Zerfall. Die Ukraine, gespalten in Ost und West.
Bild: Cyrill Pürro

Was passiert gerade in der Ukraine? Wie geht es der Bevölkerung und dem Staat selbst? Was denkt die Bevölkerung über die Besatzung der russischen Separatisten und der Propaganda beider Seiten? Diese Fragen stellte sich Tink.ch und befragte Sofiya Miroshnyk zur aktuellen Lage im fernen Land. Sofiya Miroshnyk reiste vergangenes Jahr zusammen mit Matthias Käser, der Fotograf beim Bielertagblatt ist, in die vom Krieg erschütterte Ukraine und wurde selbst auch dort geboren, genauer in Swetlovotsk.

Aus welchen Gründen seid ihr in die Ukraine gereist, um über das Land zu berichten?

Die Idee selbst kam von Matthias Käser, da er auch schon einmal in der Ukraine war und auch gewusst hat, dass ich von dort komme. Unseren Artikel veröffentlichten wir im Bieler Tagblatt.

Ein Jahr lang haben wir das Vorhaben aufgeschoben, in die Ukraine zu reisen da wir unter anderem dachten, der Krieg wäre bald vorbei. Letztes Jahr merkten wir dann, dass von den Medien nichts mehr über den Krieg berichtet wird, obwohl sich dieser gerade enorm wieder entfachte. Deshalb haben wir dann auch beschlossen, uns selber ein Bild davon zu machen.

Ihr habt dort viel mit den Menschen geredet und viel gesehen. Wie geht es aktuell den Menschen und dem Land selber?

Sehr viele Leute sind enorm enttäuscht, besonders diejenigen, die sich von der Maidanbewegung viel erhofft haben, da nur wenige von den Visionen, das Land umzukrempeln, Wirklichkeit wurden. Hingegen ist zu beobachten, dass sehr viele Leute beginnen, sich für das Land einzusetzen. Seien es ältere Damen, die Militäruniformen reparieren oder Popmusiker, die sich für gute Zwecke einsetzen. Auf dem Land selbst ist die Szenerie sehr trostlos, während in der Hauptstadt Kiev alles recht europäisch, modern und friedlich wirkt.

Weshalb kam es überhaupt zur Maidanbewegung?

Viktor Janukowytsch, ehemaliger Präsident der Ukraine, schoss das Assoziierungsabkommen mit der Europäischen Union in den Wind. Dieses Abkommen hätte zu einer Annäherung zwischen der Ukraine und der EU geführt. Nachdem Janukowytsch das Abkommen ablehnte, ging die Bevölkerung auf die Strasse.

Wie kam es dann zur Eskalation?

Darauf reagierte die Regierung mit dem Einsatz von Militär, wobei es zu Strassenschlachten kam. Dies führte zu einer Kettenreaktion mit der Besetzung der Krim und den Kämpfen im Osten.

Was haben die Menschen gesagt, die eher Russland unterstützen und auf der anderen Seite die, die ihr eigenes Land unterstützen?

Menschen, die sich als Befürworter Russlands betitelten, haben wir nicht getroffen. Es gab niemanden der sagte, Russland hätte das volle Recht, die Krim zu besetzen. Für viele gelten Russland, aber auch die Ukraine, als Schuldige an der Situation. Indirekt erkennt man aber auch den Aufschwung des nationalistischen Denkens.

Beispielsweise bei einer Politikwissenschaftlerin, die wir interviewt haben. Sie kam uns vorerst wie jemand mit einer neutralen Position vor, redete aber plötzlich während des Gespräches davon, wie viele Russen bereits getötet wurden, in einer schon fast prahlerischen Stimme. Auch beim Interview mit der Schwester eines Soldaten von der ukrainischen Armee, bemerkten wir dies. Sie sprach während der Aufnahme Ukrainisch, wechselte aber auf Russisch, als die Aufnahme nicht lief.
Auch habe ich gehört, dass Menschen in manchen Orten, die nicht Ukrainisch sprechen, von faschistischen Gruppierungen zusammengeschlagen werden. Ich kann dies aber nicht zu 100% bestätigen.

Was tut die neue Regierung, um die Situation in der Ukraine zu verbessern?

Dazu muss ich sagen, dass ich seither nicht mehr auf dem neuesten Stand bin. Ich kann nur bezeugen, was ich gesehen habe, den Antikorruptionskampf etwa, oder das Erreichen der Visafreiheit für Ukrainer.

Warum denkst du, hört und liest man in letzter Zeit so selten vom Bürgerkrieg in der Ukraine?

Das hat mit der Nachrichten-Wert-Theorie zu tun und bedeutet, dass vor allem über die Ereignisse berichtet wird, die am nächsten sind. Die Ukraine ist zwar, verglichen mit anderen Kriegsgebieten, nah, jedoch eskaliert der Krieg nie richtig, weshalb das Thema für die Medien schnell mal an Wert verliert. Die gefährlichsten Kriege sind jedoch gerade die, die sich jahrelang hinziehen.Hinzu kommen die vielen anderen Aktualitäten, die für die Medien wichtiger sind, wie beispielsweise Donald Trump, über den man jederzeit etwas Neues liest oder hört.

Was denkst du, wie wird sich die Lage in der Ukraine verändern, jetzt mit Donald Trump als Präsident der USA, der ja enger mit Russland zusammenarbeiten will?

Ich denke, dass sich die Lage in der Ukraine in nächster Zeit kaum verändern wird. Vielleicht ist der Kampf der Ukrainer um den Osten ihres Landes aber auch schon längst verloren. Nicht wenige, die wir befragten meinten, man solle den Teil einfach Russland überlassen, um den Krieg zu beenden.

Vielen Dank Sofiya, für das spannende Interview.