Gesellschaft | 07.07.2017

Lachen strengstens verboten

Text von Louisa Merten | Bilder von Muriel Kilchenmann
Lachen ist die beste Medizin - scheinbar aber nicht das beste Erziehungsmittel. Schullektüren schaffen dem lustigen Schulalltag Abhilfe.
Schullektüren: Bei so viel Ernst sehen Gymeler schwarz.
Bild: Muriel Kilchenmann

Es ist ein wunderschöner Tag, die Sonne scheint, die Vögel zwitschern, die Laune steigt. Doch dann «Drring» – läutet die Schulglocke. Alle Schüler setzen sich auf ihre Plätze, der Lehrer kommt herein und los geht’s: Buchbesprechung! Diskussionen über krebskranke Kinder, die nur noch zwölf Tage zu leben haben, den ersten und den zweiten Weltkrieg, Flüchtlinge, den Gazastreifen, Rassendiskriminierung und so weiter und so fort dominieren den Unterricht. Die Sahne auf dem Törtchen bildet ein futuristischer Roman, gemäss welchem wir alle dazu verdammt sind, zu sterben, weil die Welt zu sauber ist. Wer sich nicht an die Gesetze hält, wird auf alle Ewigkeit in einem hygienischen Tank konserviert. «Ja, so wird die Welt enden», meint die Lehrerin. Es beginne ja schon jetzt: Man dürfe nicht einmal mehr im Wartehäuschen rauchen. Die Apokalypse ist nahe.

Nächste Lektion: Die Klasse sieht sich das Ende des Films über den krebskranken Jungen an. Natürlich ist er gestorben -die Überlebensrate der Protagonisten in den Schullektüren und deren Verfilmungen liegt ja auch bloss bei ca. 0,01 Prozent. Wenn die Hauptperson zu Beginn der Geschichte Krebs hat, ist das Ende vorprogrammiert- und das Lesen beinahe überflüssig. Zurück im Schulzimmer schreit die Mutter des Jungen auf der Leinwand gerade in HD das ganze Krankenhaus zusammen und erleidet einen Nervenzusammenbruch. Die Moral der Geschichte? Es gibt keine Hoffnung, wir alle werden eines Tages sterben.

Selbst das schöne Wetter kann den Tag nun nicht mehr retten.

Aber Hilfe naht: Denn während die Lehrer in Weiterbildung sind, geben eine Lektion beim Schulpsychologen und ein Workshop über Depressionen den Schülern neue Hoffnung. Mit von der Partie ist auch ein Computerkurs, bei dem gleich noch die langzeitlichen Schäden, die ein solches Gerät verursachen kann, erwähnt werden. Die Unmengen an Humor, Freude und Glück treiben an solchen Tagen allen Schülern die Tränen in die Augen.

Kein Schüler übersteht in Wirklichkeit diese Überdosis Ernst, ohne davon Kopfschmerzen zu bekommen. So werden Kopfschmerztablette und Internetzusammenfassung zu den neuen Bestsellern. Denn: Es darf einem natürlich nicht egal sein, dass der Soldat in der Schullektüre während des ersten Weltkrieges erschossen wird – auch wenn er noch so lange auf die Franzosen geballert hat. Selbstredend wird er nicht an irgend einem Tag getötet: er stirbt am friedlichsten Tag des Krieges – am Tag mit den wenigsten Toten. Weshalb ausgerechnet dann? Weil er einen Vogel abgezeichnet hat, anstatt aufzupassen und dem feindlichen Geschoss auszuweichen. «Dummer Kerl», wäre wohl das passendste und kürzeste Fazit zum Buch – aber das ist nicht wirklich, was die Lehrperson hören will. Sie will eine halbe A4-Seite, auf der die Worte «Frieden» und «Hoffnung» auftauchen. Humor? Nein danke!