Gesellschaft | 08.07.2017

Gesund und krank spazieren Hand in Hand

Text von Sabina Galeazzi | Bilder von Rosana Cade
In zwei unterschiedlichen Spaziergängen werden die Besucher des wildwuchs Festivals wortwörtlich und im übertragenen Sinne bei der Hand genommen.
Menschen unterschiedlichster Altersstufen, Nationalitäten und sexueller Orientierung spazieren im Rahmen von Rosana Cades Projekt Hand in Hand durch Basel.
Bild: Rosana Cade

In gut sichtbaren Lettern prangt auf den violett getönten Plakaten des wildwuchs Theaterfestivals das Leitmotiv der achten Ausgabe: «Wir sind viele.» Doch welche Personengruppe versteckt sich hinter dem Personalpronomen «wir»? Impliziert der Begriff des «wir» nicht immer auch die Existenz eines «anderen», welches ausserhalb des «wir» angesiedelt ist und systematisch ausgegrenzt wird? Und nach welchen Regeln wird die Zughörigkeit zu einer der beiden Gruppierungen überhaupt determiniert? Tatsächlich bildete die Frage nach der Definition von Innen und Aussen den thematischen Schwerpunkt des diesjährigen Festivals, als dessen Gastspielort neben der Kaserne und dem ROXY Birsfelden die Universitären Psychiatrischen Kliniken (UPK) dienten. Fragen der Inklusion von Menschen mit körperlicher und psychischer Beeinträchtigung sowie der gesellschaftlichen und kulturellen Heterogenität wurden während den beiden ersten Juni-Wochen in unterschiedlichen theatralen Formaten aufgegriffen.

Vertrauensgestus

Mit einem vertrauten Menschen Hand in Hand müssig durch das Stadtzentrum zu flanieren bedarf kaum grosser Überwindung. Sich jedoch einem völlig fremden Menschen anzuvertrauen, von diesem an der Hand genommen und durch die Stadt geführt zu werden schon. Händchenhalten ist eine intime Geste, die von gegenseitigem Vertrauen zeugt und zwischen zwei Menschen eine körperliche und emotionale Brücke herzustellen vermag. Das Projekt «Walking:Holding» der britischen Performance-Künstlerin Rosana Cade greift diesen Aspekt auf und erweitert ihn um ein zusätzliches Irritationsmoment: Die Begleitung ist eine völlig unbekannte Person, eine der «anderen». Es versteht sich als ein experimenteller Spaziergang, bei dem die Teilnehmer an der Hand von eigens für den jeweiligen Durchführungsort gecasteten «Handhaltern» aller Altersstufen, sozialen Gruppen und geschlechtlicher Ausprägungen durch die belebteren Basler Stadtteile schlendern.

Handhalter erzählen

Den Teilnehmern bieten sich verschiedene Möglichkeiten, um auf die befremdlich wirkende Situation zu reagieren. Die Verfasserin des Artikels entscheidet sich für den kommunikativen Austausch mit den insgesamt sieben Darstellern, welche sie im Verlauf von einer Stunde etappenweise über die Mittlere Brücke, in die Freie Strasse und zur Münsterplattform gelotst haben. Und erfährt dabei zum Teil auch sehr persönliche Anekdoten: Dass das Theaterspiel ihre Leidenschaft sei, erzählt die Schülerin mit den verheilten Ritznarben an den Armen. Dass er die kulturelle Vielfalt von Basel schätze, meint der Theater- und Filmschaffende aus Mali. Dass die Kommunikation mit englischsprachigen Teilnehmern für ihn schwierig sei, gesteht der ältere Herr mit dem Armstumpf. Dass die Paarbildung dunkelhäutiger Mann mit hellhäutiger Frau meist mehr Blicke auf sich ziehe, stellt die Frau mittleren Alters fest.

Gemischte Gefühle

Im Gespräch vergehen die 60 Minuten wie im Flug, die irritierten oder missbilligenden Blicke des Umfelds lassen sich ebenfalls leichter ausblenden. Eine grundlegende Veränderung der eigenen Wahrnehmung brachte dieses Erlebnis für die Verfasserin jedoch nicht mit sich. Das Stück hinterlässt als Plädoyer für mehr Akzeptanz gemischte Gefühle, konfrontiert es die Teilnehmer zwar mit den eigenen Vorurteilen, dies jedoch nur während kurzer Zeit und im Rahmen einer durch und durch künstlichen Situation. Es bleibt jedenfalls zweifelhaft, ob die Teilnehmer des Spaziergangs sich die Aufforderung des Programmtextes, öfter mal Hand in Hand mit jemandem spazieren zu gehen auch zu Herzen nehmen werden.

Spaziergang mit Stimmen im Ohr

Als eher konventioneller Hör-Spaziergang mit Kopfhörer präsentiert sich hingegen das Stück «Dazwischenland» des Kollektivs Firma für Zwischenbereiche. Eine souverän klingende glatte Männerstimme lotst die zeitlich versetzt startenden Teilnehmer unter häufiger Betonung, sich respektvoll zu verhalten über das weitläufige Gelände der im Basler Niemandsland kurz vor der französischen Grenze angesiedelten UPK und liefert dabei einen kurzen Abriss der Geschichte der Institution. Regelmässige dumpfe Schläge geben im Sinne eines akustischen Herzschrittmachers das ideale Schritttempo vor. Eingestreute Interviewfragmente, in denen Patientinnen und Patienten Details aus ihrer Lebensrealität und ihrem Umgang mit der Krankheit preisgeben, runden den Audiowalk ab. So weit, so unspektakulär, wäre da nicht die neckische Frauenstimme, welche den um korrektes Verhalten bemühten Sprecher immer wieder unterbricht, frech zur Missachtung seiner Anweisungen auffordert, in bewusst reisserischer Manier saftige Informationen zu der Einrichtung preisgibt und sich schliesslich gar als imaginäres Konstrukt der Männerstimme ausgibt – ein Verweis auf die bei Schizophrenie-Patienten auftretenden Halluzinationen.

Kuchen als verbindendes Element

Der Reiz dieser auditiven Führung durch die idyllische Parkanlage der Psychiatrie liegt in ihrer wiederholten spielerisch-provokanten Transgression der Realitätsebenen. Die Grenzen zwischen Krankheit und Normalität, dem «wir» und den «anderen» werden im Verlauf des Rundgangs als durchlässig entlarvt. «Psychische Erkrankungen können jeden Menschen treffen», lautet die simplizistisch anmutende, jedoch durchaus berechtigte Botschaft des Hör-Spaziergangs. Die Jurte der Mach-Bar des Kollektivs OPUS 89 bildet die Schlussstation des Audiowalks, wo schlussendlich sämtliche Fäden zusammengeführt werden. Patienten der UPK; Pflegepersonal, Theaterschaffende und Festivalbesucher statten dem kulinarischen Treffpunk auf dem Gelände der Kliniken einen Besuch ab. Allesamt vereint in der Wertschätzung des hausgemachten Kuchenbüffets.

Mehr Informationen findet ihr auf der Seite des wildwuchs Festivals.