Gesellschaft | 19.06.2017

Ein Busfahrer als «Bernmobil-Sohn»

Text von Riccardo Schmidlin | Bilder von David Sutter
Viele benutzen tagtäglich den Bus zur Schule, zur Arbeit oder zum Einkaufen. Wohl die wenigsten gehen zum Busfahrer hin und beginnen ein Gespräch. Doch wie erleben die Fahrer den Bus-Alltag? Tink.ch hat mit Mariano Altomonte, Busfahrer bei Bernmobil, gesprochen.
Mariano Altomonte arbeitet schon seit drei Jahren als Busfahrer bei Bernmobil.
Bild: David Sutter

Auch ich steige häufig in den Bus ein. Insbesondere im Winter, wenn es kalt ist und ich keine Lust habe, in der Schule halb erforen anzukommen. Mit den Busfahrern und Busfahrerinnen habe ich bis anhin noch nie gesprochen, zumindest in Bern nicht.

Als ich letzten Sommer in einer Kleinstadt an der Ostküste Irlands für einen Sprachaufenthalt war, benutzte ich täglich den Bus. Zur Schule gings mit dem Schulbus, in dem ich den Fahrern lediglich ein freundliches «How are you?» zurief. Am Abend benutzte ich jeweils den öffentlichen Bus. Ich bemerkte, dass die Einheimischen mit den Busfahrern immer intensive Gespräche begannen, anders als ich es von Bern kannte. Schliesslich wurden jeweils auch wir Sprachstudentinnen und Sprachstudenten in die Konversation eingebunden und diskutierten über das Wetter, über unsere Heimatländer oder über den Brexit, der damals noch ein frischer Schock für die Iren war.

Mein Gespräch mit einem Busfahrer in Bern fand nicht im Bus, sondern in der Bernmobil-Garage am Eigerplatz statt. Es war später Nachmittag und somit waren die meisten Busse auf den Strassen und Kurven Berns unterwegs. In der Garage standen einige Busse zur Reperatur bereit. Ich hatte die Gelegenheit, mit Mariano Altomonte zu sprechen. Mariano Altomonte arbeitet seit September 2012 bei Bernmobil, wo er auch seine Ausbildung gemacht hat. Er bezeichnet sich deshalb als «Bernmobil-Sohn». Die Ausbildungen für Tram, Bus und Trolley-Bus hat er bestanden und er ist jeden Tag für verschiedene Linien und an verschiedenen Uhrzeiten im Einsatz.

Weshalb es in den Berner Bussen kaum Gespräche zwischen den Busfahrern und Fahrgästen gibt, wollte ich als erstes von Mariano Altomonte wissen. Er beobachte, dass es bei diesem Thema einen Stadt-Land-Unterschied gebe: «In der Stadt steigt der Fahrgast ein, steigt aus und das war’s.» Im Aussennetz, in dem Altomonte zu Beginn arbeitete, sei es viel familiärer zu- und hergegangen. Von manchen Passagieren wisse man mit der Zeit, wer sie sind und man komme mit ihnen immer wieder ins Gespräch. In der Stadt komme das viel weniger vor. Zu Neujahr oder zum Valentinstag komme es häufig vor, dass Leute extra vorne aussteigen, kurz mit den Fahrern reden und manchmal sogar einen Schoggi als Zeichen der Dankbarkeit schenken. Das freut Altomonte jeweils ganz besonders.

Der lustigste Busfahrer-Moment für Mariano Altomonte passierte in Konolfingen, als jemand seinen vollen Migros-Wagen im Bus vergessen hatte. Ein Mitarbeiter der BLS am Bahnhof Konolfingen teilte ihm mit, dass dieser Fahrgast an einer Haltestelle auf ihn warten würde. Und tatsächlich stand der Mann an abgemachter Haltestelle zu abgemachter Uhrzeit und konnte seinen Wagen entgegennehmen. Als Dank schenkte dieser dem Busfahrer Altomonte eine Flasche Rotwein. «Das ist wirklich cool gewesen», fügte Altomonte beim Erzählen der Geschichte lachend hinzu.

Unangenehme Situationen seien vor allem auf den Verkehr zurückzuführen – zum Beispiel wenn er eine Vollbremsung machen müsse. Wenn es zu heiklen Situationen komme, etwa mit Betrunkenen, sei dies vor allem für die anderen Fahrgäste unangenehm. Für allfällige Schlichtungen seien aber nicht die Busfahrer, sondern anderes Personal zuständig.

Ich sprach den Busfahrer auf folgende Situation an, die ich schon öfter beobachtet habe oder ich gar selbst davon betroffen war: Wenn man zu spät dran ist und auf den Bus zurennt, gibt es manche Fahrer, die warten, andere fahren vorher ab. Altomonte betonte, dass dies nicht aus bösem Wille geschehe. Teilweise sei das Warten nicht möglich, insbesondere zu Stosszeiten, da zu dieser Zeit ein Bus nach dem anderen fährt und man den Fahrplan einhalten muss. Ansonsten versuche er, so oft wie möglich zu warten. Enttäuscht musste ich feststellen, dass die Busfahrer keine Wetten untereinander abschliessen, wie oft ein Busfahrer den Passagieren vor der Nase wegfährt.

Es scheint, dass für die Busfahrer trotz der Hektik immer genügend Zeit vorhanden ist, um deren Kollegen zu grüssen. Das Zeichen sei schlicht ein verbindendes Ritual, das sie vom ersten Tag an vermittelt bekämen. Von den ungefähr 600 Fahrern kennt Mariano Altomonte längst nicht alle, gegrüsst werde von ihm jedoch jeder.

Zum Schluss wollte ich noch von ihm wissen, warum er zusätzlich auch noch die Tramausbildung gemacht hat (welche er erst kurz vor unserem Interview erfolgreich absolviert hatte). Dies habe nichts damit zu tun gehabt, dass momentan immer wieder diskutiert werde, ob Bus- durch Tramlinien ersetzt werden sollen. «Ich finde es einfach gut, wenn ich die Auswahl zwischen Bus, Trolleybus und Tram habe. Tram und Bus sind zwei Paar Schuhe; man kann diese nicht vergleichen».