Gesellschaft | 04.05.2017

Taktlos in Zürich

Text von Auline Sanchez | Bilder von Francesca Patella
In Zürich wird dieses Wochenende neuem Jazz gelauscht. Abseits des Mainstreams steht das Musikfestival Taktlos für gute, unbekannte und vor allem experimentelle Musik. Heute Abend startet das Festival bereits in die 34. Runde. Tink.ch sprach mit dem Mitbegründer Fredi Bosshard, der dieses Jahr sein Amt weitergibt.
Sie eröffneten die 34. Ausgabe des Taktlos: Kaja Draksler Octet.
Bild: Francesca Patella

«Wann haben Sie das letzte Mal etwas zum ersten Mal gehört?», dieses Motto hat Taktlos des Ensembles Collegium Novum ausgeliehen und zu seinem gemacht. Beim Festival geht es um Musik, die fast niemand kennt und viele entdecken wollen. Die nächsten vier Tage kommen MusikerInnen aus 17 Ländern in der Roten Fabrik in Zürich zusammen, um ihre Stücke zu präsentieren. Einiges wird schräg, neu und alles bestimmt anders sein, denn genau um das geht es bei Taktlos: um Musik, die Neues wagt.

Heute Abend spielt die slowenische Komponistin Kaja Draksler mit ihrem Oktett die ersten Töne. Die multinationale Gruppe übt in Amsterdam, wo erfolgreich für Kulturförderung gekämpft wird und experimentelle Projekte unterstützt werden. In ihrem Stück «Canto XII» erklingen zu zeitgenössischer Musik Texte des chilenischen Dichters Pablo Neruda. Die acht MusikerInnen teilen sich einen klassischen-jazzigen Hintergrund und spielen mutig mit unkonventionellen Formen. Der Donnerstag wird von Amok Amor in die Dunkelheit begleitet, virtuosen Jazz, lebendige Sechziger und Furchtlosigkeit treiben die vier Männer voran.

Dieses Jahr wird es auch neben der Musik Neuheiten geben. Fredi Bosshard, der Taktlos im Jahre 1984 mit dem Verein Jazzfabrik mitgegründet hat und seit daher jedes Jahr organisiert, gibt das Projekt in neue Hände. Er ist nun 68 Jahre alt und denkt, dass dem Festival ein frischer Wind bestimmt guttun wird. Ab 2018 wird der neue, junge Verein Taktlos das Festival leiten. Fredi Bosshard hat keine Angst vor Veränderungen, im Gegenteil: «Ich hoffe schwer, dass sie neue Ideen, neue Musik und ihren Groove mitbringen.» Das Festival müsse ja ihrem Zeitgeist entsprechen. Als Bosshard das Festival in den 80er Jahren gegründet hat, war Zürich in Aufbruchstimmung, die Jugend hat für ihren Platz gekämpft. Die Musikszene war klein: «Wir haben die ersten Konzerte in der Roten Fabrik organisiert, daneben gab es noch den Plattenladen recrec und das Radio Lora. Das war’s.» Heute sei Zürich eine ganz andere Stadt mit vielen gut Ausgebildeten MusikerInnen und wahnsinnig vielen Angeboten. Und so meint Bosshard, «ist das Festival schon noch von unserer Zeit etwas geprägt». Das dürfe sich heute gerne ändern. Die Gegenwart hat wieder andere Geschichten zu erzählen.

Fredi Bosshard hat einige Kontakte in Deutschland und reist regelmässig an verschiedenste Festivals. Dort entdeckt er spannende Bands und fragt sie für Taktlos an. Wichtig ist den OrganisatorInnen so einiges, und sie halten sich streng an ihre Prinzipien: «Fünf von zehn Bands wurden von Frauen initiiert», das war Bosshard schon von Beginn ein Anliegen. Zudem möchten sie den MusikerInnen faire Löhne bezahlen, ihnen einen anständigen Rahmen bieten und das könnten sie, dank den Subventionen der Stadt Zürich. Damit würden auch überrissene Eintrittspreise vermieden. «Das mussten wir uns alles erarbeiten, mussten der Stadt beweisen, dass wir wirklich etwas Richtiges machen wollen.» In den Anfängen haben sie noch Sandwiches verkauft und wenn wenig Publikum kam, «mussten wir eine Woche nach dem Festival noch Sandwiches essen.» Nur so hätten sie gelernt, wie es funktioniert. Zudem haben sie starke Beziehungen mit der Roten Fabrik gepflegt, sich auch gegenseitig unterstützt. Genau deshalb will Bosshard dem neuen Verein Taktlos auch alle Freiheiten lassen.

Am Freitag geht es mit dem Lisa Ullén Quartett zärtlich weiter. Die Norwegerin Lisa Ullén improvisierte schon während ihres Pianostudiums mit den Innereien des Klaviers. Um 22.30 Uhr wird es dann mit dem Hedvi Mollestad Trio richtig laut. Die Band vermischt Jazz, Rock und Metal mit allem, was ihnen sonst noch in den Sinn kommt. Auch am Samstag wird ein spannendes Programm erwartet. Die Altsaxofonistin Julie Kjaer lebt seit einigen Jahren in London und hat dort mit zwei 80er-Jahre-Musikern ein Trio gegründet. Die drei sind in der «Powerhouse-Rhytmusszene» in London erfolgreich und spielen am Samstag um 20 Uhr in der Roten Fabrik. Kjaer reist danach alleine nach Japan weiter.

Fredi Bosshards «Perle» können wir am Sonntag um 17 Uhr bestaunen. Flury und die Nachgeborenen sind neun MusikerInnen, die alle aus einem anderen Bereich kommen. Da vermischen sich etwa zwei Sängerinnen, ein DJ, ein Pianist und zwei Perkussionisten und stellen den Jazz auf den Kopf. Aber das ist gut so, mein Fredi Bosshard: «wir wollen gerne aus dem Rahmen fallen.»