Gesellschaft | 19.05.2017

Nächster Halt: 3 Stunden Verspätung.

Text von Mélanie Baierlé | Bilder von Mélanie Baierlé
Am letzten Mittwoch kam es in der Region Basel zu Stellwerkstörungen. Meine dreistündige Verspätung nutzte ich als Gelegenheit, um über gute Manieren, den Preis meines Generalabonnements und den Röstigraben nachzudenken.
Eine dreistündige Verspätung lädt zum Nachdenken ein und erlaubt uns, mit unseren Mitmenschen zu interagieren.
Bild: Mélanie Baierlé

9:12 Uhr: ich steige in den Bus. Heute werden Jacqueline und ich Tink.ch an der Universität Basel vorstellen. Ich freue mich, neue Schreiberlinge für unser Magazin zu gewinnen. Von Neuchâtel nach Biel, von Biel nach Basel: das ist der kinderleichte Plan. Voraussichtliche Ankunft: 10:53 Uhr. Dass ich erst um 13:55 Uhr ankommen würde, ahne ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Noch weniger ahne ich, dass dies ein faszinierendes, aber anstrengendes Abenteuer werden würde.

Wir bleiben stehen

Wie so mancher homo technologicus wische ich auf meinem Smartphone herum, so ganz geistig anwesend bin ich nicht, erst nach einer Weile merke ich, dass wir auffällig lange an diesem Bahnhof stehen. Laufen – der Name dieser Ortschaft ist so passend, dass er Teil eines Drehbuches zu sein scheint. «Problem mit den Sicherheitsanlagen in Grellingen», ertönt es vom Lautsprecher. Wir müssen aussteigen, der Zug kann nicht weiterfahren und wir müssen am Bahnhof auf weitere Informationen warten. Leute mit grossen Koffern, junge und alte Menschen, Kinder: dieses Gleis 2 ist wohl nie so dicht besiedelt gewesen wie heute. Die Ersten tippen wild auf ihrem Smartphone herum, einige telefonieren, ziemlich viele ziehen nervös an ihrer Zigarette. Die S3 nach Olten fällt aus. Unsere nächste Möglichkeit, nach Basel zu kommen, ist eine halbe Stunde später. Erst um 11:50 Uhr werde ich da sein, ich werde die erste Präsentation von Tink.ch verpassen. Schade, aber zum Glück haben wir geplant, eine zweite um 14:15 Uhr zu halten.

Mit einem Sandwich in der Hand laufe ich zurück an den Bahnhof, auf dem Gleis 4 steht bereits unser Zug. Die S3 ist klein und die Leute sind viele, das Gepäck der Passagiere, die wahrscheinlich an den Flughafen gehen, ist sperrig. Wir steigen ein, ich setze mich hin, der Zug fährt ab. «Was machst du denn hier?» – «Mein Zug ist ausgefallen, ich muss nach Basel» – «Ah, deshalb ist der Zug so voll!». Die Leute sind entspannt, erzählen einander von ihrem Tag und ihren Plänen.

Fahren oder Laufen?

«Ja hallo, entschuldigen Sie bitte, ich werde verspätet sein, der Zug ist ausgefallen», sie spricht mit einem accent francophone. Es wird ruhig: Zwingen, schon eine Weile stehen wir an diesem Bahnhof, ohne informiert zu werden, was geschehen ist. Die Stimme des Lokomotivführers ertönt, er entschuldigt sich, die Störung hält an, voraussichtlich werden wir ein paar Minuten verspätet sein. Er scheint nervös, die Situation scheint ihm hörbar unbequem zu sein. Aus ein paar Minuten wird «unbestimmte Zeit» und dann: wir müssen nach Laufen zurückfahren, da werden Ersatzbusse zur Verfügung stehen. Gelächter bricht aus, Gefluche ertönt. Ich übersetze meiner Sitznachbarin die Durchsage. Heute ist ihr Probetag für einen neuen Job, jetzt bereut sie es, nicht mit dem Auto gefahren zu sein.

Die Masse bewegt sich Richtung Busbahnhof fort, zu den bisherigen Passagieren kommen nun neue Ankömmlinge hinzu. Es werden immer mehr und die beiden Busse, die gerade anfahren, sind auch im Nu schon vollgestopft. Ein alter Mann mit Gehstöcken versucht einzusteigen, erst nachdem ich schimpfe, machen die Leute ihm Platz. Seine Frau versucht verzweifelt einzusteigen, sie schleppt zwei grosse Koffer. Ich mache ihr Platz, «Ich habe Zeit». Wie so viele stehe ich nun wieder in der warmen Sonne, die irgendwie die Stimmung trotz allem zu erhellen scheint.

Über den Röstigraben und fehlende Informationen

«On fait 5 kilomètres et on ne comprend déjà plus rien». Diese Dame ist nicht die Einzige, die sich zu beschweren scheint, dass die Durchsagen alle auf Deutsch waren. Eine zweite, ältere Dame erklärt mir, dass sie lange nicht verstand, was geschehen sei. Ein erstaunliches Vorgehen auf einer zweisprachigen Strecke, doch was mich zunehmend beeindruckt, ist, dass die Leute so ruhig und zivilisiert zu bleiben scheinen.

Ich warte. 10 Minuten, 30 Minuten. Nach ungefähr 50 Minuten ist der nächste Bus da, ich schaffe es rein. Dass die SBB jedoch keinen Plan hat, um Leuten, die schon länger warten, den Vortritt zu lassen und sicherzustellen, dass ältere Menschen und Kinder sicher reisen können, schockiert mich. So zusammengepfercht zu reisen, hat jedoch einen Vorteil: es ist fast unmöglich, in einer Kurve umzufallen. Die Fahrgäste im Bus nehmen es mit Humor. Ob jedoch diejenigen, die an den Haltestellen zwischen Laufen und dem Terminal stehen und auch in diesen Bus nicht einsteigen können, es noch mit Humor nehmen, ist unklar.

Auch der dritte Bahnersatzbus zwischen Laufen und Aesch (BL) ist überladen.

 

Am Bahnhof Aesch erscheinen die Wartenden wie eine überzählige Reisegruppe. Keine Durchsage ertönt, man ist auf sich gestellt und merkt früher oder später, dass man auf das andere Gleis muss, wenn man – wie ich zum Beispiel – nicht sieht, dass eine Zugangestellte zwischen den Leuten steht. Natürlich ist auch dieser Zug voll, natürlich müssen etliche ältere Menschen stehen und dass schon wieder nur mir und meiner Sitznachbarin in den Sinn kommt, dass man ihnen Platz machen kann, bringt mich erneut zum Kopfschütteln.

Eine überzählige Reisegruppe? Die Zugpassagiere warten auf den Ersatzbus in Aesch (BL).

 

Ein Abenteuer geht zu Ende

13:55 Uhr. Ich habe es geschafft, ich bin in Basel. Ich werde es heute noch schaffen, Tink.ch vorzustellen. Und wenigstens hat mein Abenteuer es mir erlaubt, Sonne zu tanken. Unser gemeinsames Leiden hat uns Reisende nähergebracht, ein Schwätzchen hier und da ist der positive Nebeneffekt einer aussergewöhnlichen Situation. Ich gehöre zu den über 400’000 Schweizer*innen, die ein Generalabonnement haben und von Jahr zu Jahr zahle ich mehr dafür. Diesen Luxus gönne ich mir gerne, Zugfahren ist mir wichtig, doch hat es die SBB an diesem Mittwoch geschafft, meine südamerikanischen, chaotischen Reiseerfahrungen zu übertreffen. Irgendwie habe ich es genossen, meine Mitmenschen zu beobachten und Gelassenheit zu üben. Doch dann denke ich an die junge Frau, die ihren Probetag hatte, an die älteren Menschen, die so reisen mussten und an die Leute, die wahrscheinlich ihren Flug verpasst haben und denke mir: wär’s wirklich nicht anders gegangen?