Gesellschaft | 02.05.2017

Ein Crowdfunding, das alle Rekorde bricht

Text von Benjamin Schlegel | Bilder von Jan Bolomey
Vergange Woche hat das weltweit erfolgreichste Crowdfunding für ein digitales Medium gestartet. Die Gründer versprechen, die Unabhängigkeit des Journalismus zurückzugewinnen und ziehen damit viele Menschen in ihren Bann.
Über 200 Leute stehen um 7 Uhr morgens vor dem Hotel Rothaus an, um zu den ersten Abonnenten der "Republik" zu gehören.
Bild: Jan Bolomey

Ein regnerischer Mittwochmorgen – viele Personen stehen langsam auf und machen sich auf den Weg zur Arbeit. Im Kreis 4 in Zürich jedoch bildet sich frühmorgens vor dem Hotel Rothaus eine lange Personenschlange. Mit bunten Regenschirmen stehen da 200 Leute mit einem Kaffee in der Hand und warten darauf, reingelassen zu werden. Man könnte glatt das Gefühl haben, im Hotel wäre der Verkaufsstart fürs neue iPhone 9. Doch es handelt sich für einmal nicht um ein neues Apple-Produkt, ein neues Onlinemedium soll entstehen. Es ist der Start des Crowdfundings von Republik: ein digitales Medium, welches 2018 beginnt und nicht das Ziel hat, möglichst schnell zu publizieren, sondern gut recherchierte Artikel zu bringen, welche in die Tiefe gehen und das Thema aus mehreren Blickwinkeln zeigen sollen. Kurz nach 7 Uhr wird die wartende Menge erlöst. Sie dürfen hinein ins Hotel an die Wärme und an einem Desk oder auf ihrem Handy ein Abo abschliessen.

Das Ziel des Crowdfundings – 3000 Abonnements und 750’000 Franken – wird bereits knapp acht Stunden später erreicht. Noch am gleichen Tag wird der Schweizer Rekord eines Crowdfundings gebrochen. Am Donnerstag wird gar der Weltrekord für ein journalistisches Crowdfunding aufgestellt und das Projekt verspricht, vier Ausbildungsplätze für junge Journalistinnen und Journalisten zu schaffen.

Am Montag wird bereits mit 10’000 Abonnentinnen und Abonnenten die 2,5 Millionengrenze geknackt. Der absolute Weltrekord für Crowdfunding ist mit 150 Millionen zwar noch in weiter Ferne – glaubt man jedoch der Crowdfunding-Liste auf Wikipedia hat es das Projekt bereits in die Top 60 geschafft und die Top 50 liegt in Reichweite.

Doch warum kann ein 10-köpfiges Team so viele Menschen für ein Projekt begeistern, das noch in der Zukunft liegt? Die beiden Initianten – die erfolgreichen Journalisten Christof Moser und Constantin Seibt – haben wohl den besten Moment erwischt. Durch die Wahl von Donald Trump zum US-Präsidenten ist das Thema «Fake News» in den Fokus gerückt. Dadurch ist den Menschen wieder klar geworden, wie wichtig gut recherchierter Journalismus ist. Vielen Menschen ist bewusst geworden, dass die Inhalte auf Facebook nicht immer so vertrauenswürdig sind, wie sie dachten.

Wie viele davon wissen, was unabhängiger Journalismus bedeutet oder ob nicht ein grosser Teil des Erfolges auf extrem gutes Marketing zurückzuführen ist, ist schwer zu beantworten. Das Magazin soll komplett werbefrei sein. In wenigen Jahren soll der Betrieb alleine durch den Aboverkauf aufrecht gehalten werden. So ist die Gefahr gebannt, dass von einem Unternehmen plötzlich keine Werbeeinnahmen mehr kommen – weil schlecht über sie berichtet wurde. Dafür braucht Republik innert fünf Jahren 22’000 Abonnentinnen und Abonnenten. Bei wichtigen Entscheidungen haben die Investoren bloss ein Drittel der Stimmen, ein weiteres Drittel der Stimmen gehört den Mitarbeitenden und das letzte den Abonnentinnen und Abonnenten, welche Teil einer Genossenschaft sind.

Ebenfalls kann keine Investorin oder kein Investor ohne die Zustimmung der Mitarbeitenden oder Abonnentinnen und Abonennten einfach das Medium aufkaufen. Dass es Investoren aus der rechten Ecke gibt, welche gerne die ganze Presselandschaft in ihrem Besitz sehen würden, ist ein offenes Geheimnis. Die BaZ wurde bereits von Christoph Blocher aufgekauft – als Chefredaktor fungiert Markus Somm, bei dem man die Nähe zu Blocher schwer abstreiten kann. Auch sind Gerüchte im Raum, dass er mit Hintermänner die Blickgruppe kaufen möchte.

Durch geschicktes Marketing haben es die Macher von der Republik geschafft, die Idee wie eine Religion zu verkaufen. Oder wie es Kritiker sagen: wie eine Sekte. Die Schweiz wird dank ihnen vor dem Untergang bewahrt, die Demokratie gerettet. Der Name ist Programm: Republik – die Macht dem Volk und nicht wenigen Investoren. Es sind grosse Versprechen, welche in den Raum gestellt wurden. Ob sie alle erfüllt werden können, wird sich erst noch zeigen. Eines ist aber klar: Die Leserinnen und Leser dürfen sich auf gut recherchierte und brillant geschriebene Artikel freuen – das haben die beiden Initianten von Project R in der Vergangenheit schon mehrfach gezeigt.