Tinkjunior: Sechs Wochen ohne Smartphone – ein Albtraum?

Die Challenge nennt sich «Time:Out» und wurde vom Blauen Kreuz ins Leben gerufen. Dieses Jahr wurde sie zum 33. Mal durchgeführt. Verzichten kann man zum Beispiel auf das Handy, die sozialen Medien, Alkohol, Drogen oder Süssigkeiten. Ziel dieses Verzichtes ist es, von schlechten Angewohnheiten weg zu kommen.

Auch ich gehöre zu den Leuten, die sich diesem Versuch stellten. Ich habe während 6 Wochen auf mein Smartphone verzichtet. Auf «Time:Out» wurde ich aufmerksam, da zwei Jugendsozialarbeiterinnen der OKJA unserer Gemeinde bereits vorher als Werbeaktion 4 Wochen auf Süssigkeiten verzichtet hatten. Ich habe mich aber erst im letzten Moment dazu entschlossen, teilzunehmen. Diese Entscheidung bereue ich keine Sekunde. Ich habe gelernt, dass man nicht immer alles mit dem Handy irgendwo in sozialen Netzwerken teilen muss, um glücklich zu sein und dass das Smartphone ein zusätzlicher Stressfaktor in meinem Leben ist. Ohne mein Smartphone verbrachte ich insgesamt mehr Zeit mit meiner Familie und mit meinen Freunden. Während den 6 Wochen habe ich aber auch verstanden, dass man, zumindest als Teenager, ziemlich aufgeschmissen ist, wenn man kein Handy hat, da heute ziemlich viel über WhatsApp organisiert wird – unter anderem das Training der beiden Sportclubs, bei denen ich dabei bin. Als Abschluss kann ich sagen, dass ich diese Challenge jedem empfehlen kann. Ob man jetzt auf das Handy oder sonst etwas verzichtet, es ist eine wertvolle Erfahrung, die man nicht bereuen wird.

Tinkjunior stellt sich vor

Wir lernten Linda während ihres Zukunftstages kennen: Sie begleitete uns über mehrere Tage an der Jugendsession und blieb seit dann bei uns, denn sie möchte Journalistin werden. Mit nur 13 Jahren war sie unsere jüngste Reporterin, denn Tink.ch ist (oder war?) eine Plattform für 15-30-jährige. Schreiben, mitdiskutieren, recherchieren, interviewen…das schien unserer Linda nicht genug zu sein, denn eines Tages kontaktierte sie mich: «Ich und eine Freundin möchten Tinkjunior gründen, wäre das für euch OK?». Als Chefredaktorin von Tink.ch habe ich ein einziges unantastbares Prinzip: Enthusiasmus soll unterstützt werden und unsere Hauptaufgabe ist es, Gelegenheiten zu schaffen, Potentiale und Engagement auszuleben. Denn so lernt man, so wächst man und so bleibt Tink.ch ein einzigartiges Onlinemagazin.

Linda startete im Februar dieses Jahres eine beeindruckende Reise: sie hat es geschafft, ein 10-köpfiges Team zusammenzustellen, das von Ideen nur so brodelt. Selbstversuche, Porträts, Interviews: Tinkjunior wird uns mit vielfältigen Artikeln bescheren. Aber viel wichtiger: Tinkjunior hat etwas zu sagen.

Denn jungen Menschen eine Plattform wie Tink.ch zu bieten, ist nicht nur eine wunderbare Gelegenheit, von- und miteinander zu lernen, um einen Einstieg in unseren Traumberuf zu finden; es ist auch eine demokratische Übung. Es geht darum, den Menschen, die Teil unserer Gesellschaft sind, eine Stimme zu geben und ihnen die Möglichkeit zu geben, kritisch über Themen nachzudenken, Sachverhalte zu verstehen und an die Öffentlichkeit zu bringen. Junge Menschen sind Teil unserer Gesellschaft, Kinder auch. Dass das Team von Tinkjunior über einfachere aber auch über schwierigere Themen sprechen möchte, freut mich und ich sage: weiter so!

Energiestrategie 2050 – ein breit abgestütztes Ja

Nachdem in der Vergangenheit mehrere Initiativen zum Atomausstieg und für mehr Nachhaltigkeit abgelehnt wurden, beschloss das Schweizer Volk am vergangenen Sonntag einen Schritt in diese Richtung zu machen. Nur vier Kantone haben die Vorlage abgelehnt. Mit diesem neuen Beschluss wird mehr Geld in erneuerbare Energien investiert. Gleichzeitig dürfen keine neuen Atomkraftwerke mehr gebaut werden. Dafür werden Grosswasserkraftwerke subventioniert, um sie wieder wirtschaftlich zu machen.

Mit Annahme der ersten Etappe der Energiestrategie 2050 wurde ein Neubauverbot für Atomkraftwerke im Gesetz verankert. Die bestehenden Atomkraftwerke haben aber – im Gegensatz zur Forderung der Atomausstiegsinitiative im vergangen Herbst – kein definiertes Ablaufdatum. Sie dürfen so lange am Netz bleiben, wie sie das eidgenössische Nuklearsicherheitsinspektorat (ENSI) als sicher einstuft oder die Betreiber aus wirtschaftlichen Gründen den Betrieb einstellen wollen. Mühleberg wird 2019 vom Netz gehen – bei allen anderen wurde noch kein Datum festgelegt. Da es sich bei Beznau I um das älteste Kernkraftwerk der Welt handelt und es gehäuft zu Problemen kommt, ist die endgültige Abschaltung nur noch eine Frage der Zeit.

Im Durchschnitt war die Zustimmung in den Kantonen zur Energiestrategie 2050 um zwölf Prozentpunkte höher als bei der Atomausstiegsinitiative. Nicht in allen Kantonen war die Zunahme jedoch gleich stark. Am stärksten war die Zunahme in Appenzell Innerrhoden mit 21,8 Prozentpunkten. Das könnte möglicherweise an den Landwirten liegen, welche häufig nicht grundsätzlich gegen Atomkraftwerke sind, jedoch von den Subventionen für Solaranlagen bei der Energiestrategie 2050 profitieren können, da sie häufig auf den Ställen grösse Flächen zur Verfügung haben. So hat die Landwirtschaftskammer des Schweizer Bauernverbands die Ja-Parole gefasst. Auch könnte das Argument gefruchtet haben, dass einheimische Energie gefördert wird und dadurch das lokale Gewerbe gestärkt wird. So kann fast 13 Prozent des Unterschieds zwischen den beiden Abstimmungen in den Kantonen mit dem Anteil der Beschäftigten im primären Sektor erklärt werden. Damit ist aber auch klar, dass nicht Landwirte alleine den Ausschlag gaben.

Luzern, Waadt und das Wallis haben ebenfalls stark zugelegt mit knapp unter 20 Prozentpunkten. Beim Wallis dürfte die Subventionierung der Wasserkraft bei der Energiestrategie 2050 den Ausschlag gegeben haben. Das Wallis hat viele Stausee, darunter beispielsweise die Grande Dixence Staumauer, welche zu den höchsten der Welt gehört. Kaum zugenommen hat der Ja-Anteil hingegen in Basel-Stadt. Er ist nur um 2,9 Prozentpunkte gestiegen. Auch in Basel-Landschaft sind es nur 3 Prozentpunkt mehr.

Generell war die Zustimmung in der Romandie höher als in der Deutschschweiz und im Tessin, wobei Basel-Stadt wie so oft eine Ausnahme bildet und sich im Ja-Anteil im Bereich der Westschweizer Kantone aufhält. Die Westschweiz hat sich in den letzten Jahrzehnten was ökologische Themen anbelangt stark verändert.

Im Gegensatz zur Atomausstiegsinitiative war die Energiestrategie breiter abgestützt. Ein Paket aus mehreren Massnahmen überzeugte die Bevölkerung, welche noch im Herbst die einseitige Atomausstiegsinitiative abgelehnt hat. Das dürfte dazu geführt haben, dass aus einem Nein ein solides Ja wurde.

Luzern unterliegt auch YB

Startfeuerwerk der Berner

Kaum angespielt zappelte der Ball bereits im Netz. Das Spiel dauerte erst zehn Sekunden, als sich die YB-Akteuere Frey, Ravet und Sulejmani durch die Luzernabwehr tankten. Letzterer liess sich nicht zweimal bitten und bezwang Jonas Omlin im Tor des FCL. Es ist eines der schnellsten Tore in der Geschichte der Super League.

Das Spiel war lanciert und der neutrale Zuschauer auf die Reaktion der Zentralschweizer gespannt. Diese blieb vorerst aus und nach zwei Minuten hätte Sulejmani beinahe zum zweiten Mal eingenetzt. Sein Kopfball zischte jedoch knapp über das Tor. Nach sieben Minuten zeigten sich erste Offensivzeichen der Gäste aus Luzern.
Marco Schneuwly, ein ehemaliger YB-Stürmer, flankte zur Mitte, wo Juric mit einem starken Kopfball den Ausgleich erzielte. Dabei sah wirkte die YB-Abwehr nicht, denn Juric hatte ziemlich viel Platz um zum Kopfball anzusetzten. Nach diesen beiden Toren flachte das Spiel etwas ab und beide Teams liessen keine sehenswerte Chance mehr zu. Bis zur 25. Minute plätscherte das Spiel so vor sich hin. Danach konnte sich das Team von Adi Hütter jedoch steigern und YB kam wieder vermehrt zu gefährlichen Angriffen.

Passive Luzerner

Luzern zeigte sich nun sehr passiv und der junge Torhüter des FCL, Jonas Omlin, löste bei manch einem Mitleid aus. Zwar parierte er gegen Michael Frey magistral, er musste jedoch in der 29. Minute erneut einen Ball aus dem Netz fischen. Nach einem Freistoss von der rechten Seite, wusste Sulejmani die Flanke von Ravet per Kopf zu verwerten. Die erneute Führung des Heimteams hinterliess jedoch einen bitteren Nachgeschmack, denn das Tor entstand vermutlich aus einer knappen Abseitsposition. YB übernahm nun das Spieldiktat und wer auf eine Reaktion des FCL hoffte, täuschte sich sehr.

Die Gäste zeigten sich ängstlich-passiv und konnten keine Offensivakzente mehr setzen. Besser machte es YB: Das Heimteam konnte in der 35. Minute die Führung ausbauen. Nach einem Pass in den Rücken der FCL-Abwehr scheiterte Frey an einem Bein eines Abwehrspielers. Den Abpraller verwertete YB-Neuzugang Roger Assale jedoch ohne Problem. Die zweite Halbzeit ging im gleichen Stil weiter, wie die erste aufgehört hatte. Die Berner dominierten die Gäste nach Belieben. Ihr schenlles Umschaltspiel brachte immer wieder grosse Gefahr mit sich. Schliesslich erzielte in der 60. Minute Michael Frey das Tor zum 4-1 für YB. Nach einem herrlichen Pass von Zakaria auf Sulejmani, wusste dieser Frey in der Mitte zu bedienen, welcher nur noch einschieben musste.
In der Folge hätten die Berner gut noch das eine oder andere Tor erzielen können, oder eher müssen. Bertone und Aebischer sahen ihre Schüsse jeweils am Aluminium abgeprallt.

Das Schlussresultat von 4-1 für YB stösst den FCL weiter in die Krise. Yvon Mvogo, Torhüter von YB, freute sich nach dem Spiel über den klaren Sieg: «Wir haben jetzt den zweiten Platz auf sicher und auch wenn ich nicht mehr dabei sein werde, freue ich mich, dass diese Mannschaft nächste Saison an der Champions-League-Qualifikation spielen darf. Ich bin heute sehr stolz auf diese Mannschaft. Der Auftritt heute ist einfach nur lobenswert», meinte Mvogo, der im Sommer zu RB Leipzig in die Bundesliga wechseln wird.

Nächster Halt: 3 Stunden Verspätung.

9:12 Uhr: ich steige in den Bus. Heute werden Jacqueline und ich Tink.ch an der Universität Basel vorstellen. Ich freue mich, neue Schreiberlinge für unser Magazin zu gewinnen. Von Neuchâtel nach Biel, von Biel nach Basel: das ist der kinderleichte Plan. Voraussichtliche Ankunft: 10:53 Uhr. Dass ich erst um 13:55 Uhr ankommen würde, ahne ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Noch weniger ahne ich, dass dies ein faszinierendes, aber anstrengendes Abenteuer werden würde.

Wir bleiben stehen

Wie so mancher homo technologicus wische ich auf meinem Smartphone herum, so ganz geistig anwesend bin ich nicht, erst nach einer Weile merke ich, dass wir auffällig lange an diesem Bahnhof stehen. Laufen – der Name dieser Ortschaft ist so passend, dass er Teil eines Drehbuches zu sein scheint. «Problem mit den Sicherheitsanlagen in Grellingen», ertönt es vom Lautsprecher. Wir müssen aussteigen, der Zug kann nicht weiterfahren und wir müssen am Bahnhof auf weitere Informationen warten. Leute mit grossen Koffern, junge und alte Menschen, Kinder: dieses Gleis 2 ist wohl nie so dicht besiedelt gewesen wie heute. Die Ersten tippen wild auf ihrem Smartphone herum, einige telefonieren, ziemlich viele ziehen nervös an ihrer Zigarette. Die S3 nach Olten fällt aus. Unsere nächste Möglichkeit, nach Basel zu kommen, ist eine halbe Stunde später. Erst um 11:50 Uhr werde ich da sein, ich werde die erste Präsentation von Tink.ch verpassen. Schade, aber zum Glück haben wir geplant, eine zweite um 14:15 Uhr zu halten.

Mit einem Sandwich in der Hand laufe ich zurück an den Bahnhof, auf dem Gleis 4 steht bereits unser Zug. Die S3 ist klein und die Leute sind viele, das Gepäck der Passagiere, die wahrscheinlich an den Flughafen gehen, ist sperrig. Wir steigen ein, ich setze mich hin, der Zug fährt ab. «Was machst du denn hier?» – «Mein Zug ist ausgefallen, ich muss nach Basel» – «Ah, deshalb ist der Zug so voll!». Die Leute sind entspannt, erzählen einander von ihrem Tag und ihren Plänen.

Fahren oder Laufen?

«Ja hallo, entschuldigen Sie bitte, ich werde verspätet sein, der Zug ist ausgefallen», sie spricht mit einem accent francophone. Es wird ruhig: Zwingen, schon eine Weile stehen wir an diesem Bahnhof, ohne informiert zu werden, was geschehen ist. Die Stimme des Lokomotivführers ertönt, er entschuldigt sich, die Störung hält an, voraussichtlich werden wir ein paar Minuten verspätet sein. Er scheint nervös, die Situation scheint ihm hörbar unbequem zu sein. Aus ein paar Minuten wird «unbestimmte Zeit» und dann: wir müssen nach Laufen zurückfahren, da werden Ersatzbusse zur Verfügung stehen. Gelächter bricht aus, Gefluche ertönt. Ich übersetze meiner Sitznachbarin die Durchsage. Heute ist ihr Probetag für einen neuen Job, jetzt bereut sie es, nicht mit dem Auto gefahren zu sein.

Die Masse bewegt sich Richtung Busbahnhof fort, zu den bisherigen Passagieren kommen nun neue Ankömmlinge hinzu. Es werden immer mehr und die beiden Busse, die gerade anfahren, sind auch im Nu schon vollgestopft. Ein alter Mann mit Gehstöcken versucht einzusteigen, erst nachdem ich schimpfe, machen die Leute ihm Platz. Seine Frau versucht verzweifelt einzusteigen, sie schleppt zwei grosse Koffer. Ich mache ihr Platz, «Ich habe Zeit». Wie so viele stehe ich nun wieder in der warmen Sonne, die irgendwie die Stimmung trotz allem zu erhellen scheint.

Über den Röstigraben und fehlende Informationen

«On fait 5 kilomètres et on ne comprend déjà plus rien». Diese Dame ist nicht die Einzige, die sich zu beschweren scheint, dass die Durchsagen alle auf Deutsch waren. Eine zweite, ältere Dame erklärt mir, dass sie lange nicht verstand, was geschehen sei. Ein erstaunliches Vorgehen auf einer zweisprachigen Strecke, doch was mich zunehmend beeindruckt, ist, dass die Leute so ruhig und zivilisiert zu bleiben scheinen.

Ich warte. 10 Minuten, 30 Minuten. Nach ungefähr 50 Minuten ist der nächste Bus da, ich schaffe es rein. Dass die SBB jedoch keinen Plan hat, um Leuten, die schon länger warten, den Vortritt zu lassen und sicherzustellen, dass ältere Menschen und Kinder sicher reisen können, schockiert mich. So zusammengepfercht zu reisen, hat jedoch einen Vorteil: es ist fast unmöglich, in einer Kurve umzufallen. Die Fahrgäste im Bus nehmen es mit Humor. Ob jedoch diejenigen, die an den Haltestellen zwischen Laufen und dem Terminal stehen und auch in diesen Bus nicht einsteigen können, es noch mit Humor nehmen, ist unklar.

Auch der dritte Bahnersatzbus zwischen Laufen und Aesch (BL) ist überladen.

 

Am Bahnhof Aesch erscheinen die Wartenden wie eine überzählige Reisegruppe. Keine Durchsage ertönt, man ist auf sich gestellt und merkt früher oder später, dass man auf das andere Gleis muss, wenn man – wie ich zum Beispiel – nicht sieht, dass eine Zugangestellte zwischen den Leuten steht. Natürlich ist auch dieser Zug voll, natürlich müssen etliche ältere Menschen stehen und dass schon wieder nur mir und meiner Sitznachbarin in den Sinn kommt, dass man ihnen Platz machen kann, bringt mich erneut zum Kopfschütteln.

Eine überzählige Reisegruppe? Die Zugpassagiere warten auf den Ersatzbus in Aesch (BL).

 

Ein Abenteuer geht zu Ende

13:55 Uhr. Ich habe es geschafft, ich bin in Basel. Ich werde es heute noch schaffen, Tink.ch vorzustellen. Und wenigstens hat mein Abenteuer es mir erlaubt, Sonne zu tanken. Unser gemeinsames Leiden hat uns Reisende nähergebracht, ein Schwätzchen hier und da ist der positive Nebeneffekt einer aussergewöhnlichen Situation. Ich gehöre zu den über 400’000 Schweizer*innen, die ein Generalabonnement haben und von Jahr zu Jahr zahle ich mehr dafür. Diesen Luxus gönne ich mir gerne, Zugfahren ist mir wichtig, doch hat es die SBB an diesem Mittwoch geschafft, meine südamerikanischen, chaotischen Reiseerfahrungen zu übertreffen. Irgendwie habe ich es genossen, meine Mitmenschen zu beobachten und Gelassenheit zu üben. Doch dann denke ich an die junge Frau, die ihren Probetag hatte, an die älteren Menschen, die so reisen mussten und an die Leute, die wahrscheinlich ihren Flug verpasst haben und denke mir: wär’s wirklich nicht anders gegangen?

«Dr SCB isch dr geilscht Club»

Er wartet schon, an diesem Mittwochmittag, in einem Café in Bern, notabene zwei Tage nachdem sich der SCB in Zug zum zweiten Mal in Folge zum Eishockey Schweizer Meister küren lassen konnte. Von seinem Gipfeli ist schon fast nichts mehr übrig. «Tinu», stellt er sich vor. Martin Megert, wie er mit bürgerlichem Namen heisst, ist Informatiker. Neben seinem Beruf gibt es eine grosse Konstante in seinem Leben. Sie heisst SCB. Ich setzte mich ihm gegenüber hin. Wie sich herausstellt, ist Tinu genau wie ich in Burgdorf aufgewachsen. Während mich mein Vater an meinen ersten Match nach Langnau mitnahm, ging es für Tinu in die andere Richtung, nach Bern.

Das war der Beginn einer grossen Liebe. Heute ist der 56-Jährige der wahrscheinlich grösste SCB-Fan und ziemlich sicher auch der Bekannteste. Er ist Betreiber der Facebook-Seite «Hardboiled SCB», welche mittlerweile über 8000 Fans zählt. Auf dieser veröffentlicht er an jedem Spieltag spätestens eine Stunde nach dem Schlusspfiff einen Matchbericht, in dem er sich unzensiert seine Emotionen vom Leib schreibt. Diese Emotionen hat er nun auch in Buchform niedergeschrieben: «111 Gründe, den SCB zu lieben», heisst das gute Stück. Auch wenn sich Tinu für das Buch etwas zurückhalten musste, was die Sprache anging, ist sein Schreibstil deutlich erkennbar. «Ich bin wahnsinnig stolz auf das Buch, und auch auf mich», erzählt Tinu.

Seitenhiebe für Fribourg-Gottéron

«Der wichtigste Grund, den SCB zu lieben, ist ganz einfach: Der SCB ist ein geiler Club», sagt Tinu. Diesen einen, alles überspannenden Grund habe er dann, «wie ein Forensiker», aufgespalten in 111 Gründe. Drei Monate habe er jede Nacht daran geschrieben, immer mit der Deadline im Nacken. Er sei froh, dass er das Buch nicht während der Eishockeysaison schreiben musste, schmunzelt er. «Zusammen mit einem 100%-Job bin ich schon an meine Grenzen gekommen».

Das Buch ist eine Liebeserklärung an den SCB. Nicht immer sehr objektiv geschrieben, doch ausnahmslos ehrlich, interessant und auch lehrreich. Was auffällt: Gefühlt auf jeder zweiten Seite ist ein Seitenhieb gegen Fribourg-Gottéron versteckt. Diesen Club kann Tinu nicht ausstehen. «Weil es den HC Fribourg-Gottéron gibt», ist sogar der 39. Grund, den SCB zu lieben. Tinu erklärt, dass die Fribourger Fans «ekligi Cheibe» seien. Seine Erinnerungen an Fribourg seien nicht die besten, gibt er zu. Doch man könne sie auch nicht wirklich ernstnehmen, die chronisch erfolglosen Zähringer, die als einen der grössten Erfolge der Vereinsgeschichte den Vize Schweizer-Meister-Titel angeben, führt er weiter aus. Da seien ja sogar die Langnauer erfolgreicher – einen Titel gab es für die Langnauer 1976 zu feiern.

Der SCB als Kontaktbörse

Selbst der eingefleischteste SCB-Fan wird bei der Lektüre einige neue Dinge über seinen Lieblingsclub lernen. Etwa, dass die Band Europe extra für den SC Bern eine Ausnahme machte und ihren Hit «The Final Countdown», welcher nach jedem Berner Tor erklingt, zur Einweihung des neuen Stadions 2009 live spielte. Denn seit ihrem Comeback im Jahre 2004 weigerten sie sich standhaft, ihren grössten Hit live zu spielen. Auch Privates findet im Buch Platz: Martin Megert hat seine Frau an einem SCB-Spiel kennengelernt. Auch Randgeschichten von Spielern, Trainern und Schiedsrichtern finden in Tinus Werk Platz. In über 40 Jahren als SCB-Fan hat er vieles erlebt und kann so aus dem Nähkästchen plaudern. Die Liebe und Leidenschaft für den SCB ist in jeder Zeile spürbar.

Der Meisterfeier im Berner Stadion am Ostermontag blieb Tinu übrigens fern. «Bisher haben sie noch immer verloren, wenn ich an ein Public Viewing gegangen bin», so Tinu. Auch als der Titel im Trockenen war, blieb er zuhause: «Das war für mich ein schöner Abschluss der Saison». Er sei halt nicht mehr der Jüngste. Doch den Umzug durch die Berner Altstadt und die Feier auf dem Bundesplatz liess er sich nicht entgehen. «Das ist Ehrensache», meint der wohl grösste SCB-Fan, bevor er sich verabschieden muss. Er werde jetzt den Sommer geniessen.

Der nachhaltige Filmtipp – Die 4. Revolution

Nach der landwirtschaftlichen, industriellen und digitalen Revolution folgt nun die vierte Revolution, der vollständige Umstieg auf erneuerbare Energien. So lautet Hermann Scheers These, die er im Buch «Energieautonomie» beschrieben hat und die als «Die 4. Revolution» vom deutschen Regisseur Carl-A. Fechner verfilmt wurde. Im Film nimmt der deutsche Politiker und Träger des Alternativen Nobelpreises das Publikum mit auf eine Reise zu Menschen, die verschiedene Wege zum Umstieg auf erneuerbare Energien beschreiten.

Eine davon ist die Professorin für Chemietechnik, Maria Skyllas-Kazacos, die eine Autobatterie entwickelt hat, die an der Steckdose aufgeladen oder – wenn es eilt – an der Zapfsäule aufgetankt werden kann. Dabei wird die entladene Flüssigkeit durch aufgeladene ersetzt. Ein anderer ist der Erfinder und Unternehmer Elon Musk, der neben dem Elektroauto für die Massen auch ein Elektroflugzeug entwickelt. Der Film führt das Publikum zudem zum Nordic Folke Center, welches auf einer Halbinsel im Nordwesten Dänemarks rund 50.000 Menschen seit vielen Jahren ausschliesslich mit Strom aus erneuerbaren Energien versorgt. Weitere Stationen sind Dörfer in Mali und Bangladesch, wo Solarzellen installiert werden und die Lebensqualität der Bevölkerung steigern.

«Die Energieversorgung bekommt eine Demokratisierung», sagt Scheer, denn je mehr Energie dezentral – also zum Beispiel von einzelnen Haushalten oder Regionen – hergestellt wird, desto unabhängiger werden die Konsumenten von den Energiekonzernen. Gehandelt wird mit Technologie statt mit Rohstoffen und das krempelt die Struktur der Energiewirtschaft um; ein weltweiter Wandel, der weniger kostet, als wenn an fossilen und atomaren Energieträgern festgehalten wird. Und dieser Wandel bedeutet nach Preben Maegaard, dem Gründer des Nordic Folke Center, keinen Verzicht: «Das haben wir hier im Folke Center gezeigt. Wir können einen neuen Wohlstand haben. Es hängt nur vom Willen der Menschen ab».

Dieser Film sowie weitere Filme zu diesem Thema sind auf der Filmseite Energie aufgelistet.

Die DVD des Films ist hier erhältlich.

Der monatliche Filmtipp wird von Filme für die Erde präsentiert. www.FILMEfürdieERDE.org ist die weltweit grösste Website zu Film und Nachhaltigkeit, mit über 100 Filmen, die direkt online angeschaut werden können.

Dieser Eintrag erschien am 03. Mai 2017 auf dem Blog von unserem Partner Filme für die Erde.

Taktlos in Zürich

«Wann haben Sie das letzte Mal etwas zum ersten Mal gehört?», dieses Motto hat Taktlos des Ensembles Collegium Novum ausgeliehen und zu seinem gemacht. Beim Festival geht es um Musik, die fast niemand kennt und viele entdecken wollen. Die nächsten vier Tage kommen MusikerInnen aus 17 Ländern in der Roten Fabrik in Zürich zusammen, um ihre Stücke zu präsentieren. Einiges wird schräg, neu und alles bestimmt anders sein, denn genau um das geht es bei Taktlos: um Musik, die Neues wagt.

Heute Abend spielt die slowenische Komponistin Kaja Draksler mit ihrem Oktett die ersten Töne. Die multinationale Gruppe übt in Amsterdam, wo erfolgreich für Kulturförderung gekämpft wird und experimentelle Projekte unterstützt werden. In ihrem Stück «Canto XII» erklingen zu zeitgenössischer Musik Texte des chilenischen Dichters Pablo Neruda. Die acht MusikerInnen teilen sich einen klassischen-jazzigen Hintergrund und spielen mutig mit unkonventionellen Formen. Der Donnerstag wird von Amok Amor in die Dunkelheit begleitet, virtuosen Jazz, lebendige Sechziger und Furchtlosigkeit treiben die vier Männer voran.

Dieses Jahr wird es auch neben der Musik Neuheiten geben. Fredi Bosshard, der Taktlos im Jahre 1984 mit dem Verein Jazzfabrik mitgegründet hat und seit daher jedes Jahr organisiert, gibt das Projekt in neue Hände. Er ist nun 68 Jahre alt und denkt, dass dem Festival ein frischer Wind bestimmt guttun wird. Ab 2018 wird der neue, junge Verein Taktlos das Festival leiten. Fredi Bosshard hat keine Angst vor Veränderungen, im Gegenteil: «Ich hoffe schwer, dass sie neue Ideen, neue Musik und ihren Groove mitbringen.» Das Festival müsse ja ihrem Zeitgeist entsprechen. Als Bosshard das Festival in den 80er Jahren gegründet hat, war Zürich in Aufbruchstimmung, die Jugend hat für ihren Platz gekämpft. Die Musikszene war klein: «Wir haben die ersten Konzerte in der Roten Fabrik organisiert, daneben gab es noch den Plattenladen recrec und das Radio Lora. Das war’s.» Heute sei Zürich eine ganz andere Stadt mit vielen gut Ausgebildeten MusikerInnen und wahnsinnig vielen Angeboten. Und so meint Bosshard, «ist das Festival schon noch von unserer Zeit etwas geprägt». Das dürfe sich heute gerne ändern. Die Gegenwart hat wieder andere Geschichten zu erzählen.

Fredi Bosshard hat einige Kontakte in Deutschland und reist regelmässig an verschiedenste Festivals. Dort entdeckt er spannende Bands und fragt sie für Taktlos an. Wichtig ist den OrganisatorInnen so einiges, und sie halten sich streng an ihre Prinzipien: «Fünf von zehn Bands wurden von Frauen initiiert», das war Bosshard schon von Beginn ein Anliegen. Zudem möchten sie den MusikerInnen faire Löhne bezahlen, ihnen einen anständigen Rahmen bieten und das könnten sie, dank den Subventionen der Stadt Zürich. Damit würden auch überrissene Eintrittspreise vermieden. «Das mussten wir uns alles erarbeiten, mussten der Stadt beweisen, dass wir wirklich etwas Richtiges machen wollen.» In den Anfängen haben sie noch Sandwiches verkauft und wenn wenig Publikum kam, «mussten wir eine Woche nach dem Festival noch Sandwiches essen.» Nur so hätten sie gelernt, wie es funktioniert. Zudem haben sie starke Beziehungen mit der Roten Fabrik gepflegt, sich auch gegenseitig unterstützt. Genau deshalb will Bosshard dem neuen Verein Taktlos auch alle Freiheiten lassen.

Am Freitag geht es mit dem Lisa Ullén Quartett zärtlich weiter. Die Norwegerin Lisa Ullén improvisierte schon während ihres Pianostudiums mit den Innereien des Klaviers. Um 22.30 Uhr wird es dann mit dem Hedvi Mollestad Trio richtig laut. Die Band vermischt Jazz, Rock und Metal mit allem, was ihnen sonst noch in den Sinn kommt. Auch am Samstag wird ein spannendes Programm erwartet. Die Altsaxofonistin Julie Kjaer lebt seit einigen Jahren in London und hat dort mit zwei 80er-Jahre-Musikern ein Trio gegründet. Die drei sind in der «Powerhouse-Rhytmusszene» in London erfolgreich und spielen am Samstag um 20 Uhr in der Roten Fabrik. Kjaer reist danach alleine nach Japan weiter.

Fredi Bosshards «Perle» können wir am Sonntag um 17 Uhr bestaunen. Flury und die Nachgeborenen sind neun MusikerInnen, die alle aus einem anderen Bereich kommen. Da vermischen sich etwa zwei Sängerinnen, ein DJ, ein Pianist und zwei Perkussionisten und stellen den Jazz auf den Kopf. Aber das ist gut so, mein Fredi Bosshard: «wir wollen gerne aus dem Rahmen fallen.»

Ein Crowdfunding, das alle Rekorde bricht

Ein regnerischer Mittwochmorgen – viele Personen stehen langsam auf und machen sich auf den Weg zur Arbeit. Im Kreis 4 in Zürich jedoch bildet sich frühmorgens vor dem Hotel Rothaus eine lange Personenschlange. Mit bunten Regenschirmen stehen da 200 Leute mit einem Kaffee in der Hand und warten darauf, reingelassen zu werden. Man könnte glatt das Gefühl haben, im Hotel wäre der Verkaufsstart fürs neue iPhone 9. Doch es handelt sich für einmal nicht um ein neues Apple-Produkt, ein neues Onlinemedium soll entstehen. Es ist der Start des Crowdfundings von Republik: ein digitales Medium, welches 2018 beginnt und nicht das Ziel hat, möglichst schnell zu publizieren, sondern gut recherchierte Artikel zu bringen, welche in die Tiefe gehen und das Thema aus mehreren Blickwinkeln zeigen sollen. Kurz nach 7 Uhr wird die wartende Menge erlöst. Sie dürfen hinein ins Hotel an die Wärme und an einem Desk oder auf ihrem Handy ein Abo abschliessen.

Das Ziel des Crowdfundings – 3000 Abonnements und 750’000 Franken – wird bereits knapp acht Stunden später erreicht. Noch am gleichen Tag wird der Schweizer Rekord eines Crowdfundings gebrochen. Am Donnerstag wird gar der Weltrekord für ein journalistisches Crowdfunding aufgestellt und das Projekt verspricht, vier Ausbildungsplätze für junge Journalistinnen und Journalisten zu schaffen.

Am Montag wird bereits mit 10’000 Abonnentinnen und Abonnenten die 2,5 Millionengrenze geknackt. Der absolute Weltrekord für Crowdfunding ist mit 150 Millionen zwar noch in weiter Ferne – glaubt man jedoch der Crowdfunding-Liste auf Wikipedia hat es das Projekt bereits in die Top 60 geschafft und die Top 50 liegt in Reichweite.

Doch warum kann ein 10-köpfiges Team so viele Menschen für ein Projekt begeistern, das noch in der Zukunft liegt? Die beiden Initianten – die erfolgreichen Journalisten Christof Moser und Constantin Seibt – haben wohl den besten Moment erwischt. Durch die Wahl von Donald Trump zum US-Präsidenten ist das Thema «Fake News» in den Fokus gerückt. Dadurch ist den Menschen wieder klar geworden, wie wichtig gut recherchierter Journalismus ist. Vielen Menschen ist bewusst geworden, dass die Inhalte auf Facebook nicht immer so vertrauenswürdig sind, wie sie dachten.

Wie viele davon wissen, was unabhängiger Journalismus bedeutet oder ob nicht ein grosser Teil des Erfolges auf extrem gutes Marketing zurückzuführen ist, ist schwer zu beantworten. Das Magazin soll komplett werbefrei sein. In wenigen Jahren soll der Betrieb alleine durch den Aboverkauf aufrecht gehalten werden. So ist die Gefahr gebannt, dass von einem Unternehmen plötzlich keine Werbeeinnahmen mehr kommen – weil schlecht über sie berichtet wurde. Dafür braucht Republik innert fünf Jahren 22’000 Abonnentinnen und Abonnenten. Bei wichtigen Entscheidungen haben die Investoren bloss ein Drittel der Stimmen, ein weiteres Drittel der Stimmen gehört den Mitarbeitenden und das letzte den Abonnentinnen und Abonnenten, welche Teil einer Genossenschaft sind.

Ebenfalls kann keine Investorin oder kein Investor ohne die Zustimmung der Mitarbeitenden oder Abonnentinnen und Abonennten einfach das Medium aufkaufen. Dass es Investoren aus der rechten Ecke gibt, welche gerne die ganze Presselandschaft in ihrem Besitz sehen würden, ist ein offenes Geheimnis. Die BaZ wurde bereits von Christoph Blocher aufgekauft – als Chefredaktor fungiert Markus Somm, bei dem man die Nähe zu Blocher schwer abstreiten kann. Auch sind Gerüchte im Raum, dass er mit Hintermänner die Blickgruppe kaufen möchte.

Durch geschicktes Marketing haben es die Macher von der Republik geschafft, die Idee wie eine Religion zu verkaufen. Oder wie es Kritiker sagen: wie eine Sekte. Die Schweiz wird dank ihnen vor dem Untergang bewahrt, die Demokratie gerettet. Der Name ist Programm: Republik – die Macht dem Volk und nicht wenigen Investoren. Es sind grosse Versprechen, welche in den Raum gestellt wurden. Ob sie alle erfüllt werden können, wird sich erst noch zeigen. Eines ist aber klar: Die Leserinnen und Leser dürfen sich auf gut recherchierte und brillant geschriebene Artikel freuen – das haben die beiden Initianten von Project R in der Vergangenheit schon mehrfach gezeigt.